Lass Dich nicht von Deinen Gefühlen betrügen

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(1) Lass Dich von Deinen Gefühlen nicht betrügen!

Oft verrennen wir uns förmlich in negative Gefühle, führen Problemgespräche, suchen irgendeine rationelle  Schuld. Aber all das bringt nichts, Nimm Emotionen nicht so wichtig. Nicht mal in der Liebe.

Wenn einer den anderen Beleidigt und anschließend seine verletzenden Worte mit: „Das sind Gefühle, die habe ich einfach.“ Beschreibt, dann stimmt dies auch – „es sind nur Gefühle!

Etwas anderes stimmt aber auch noch: „Es bringt nichts, sich in Gefühle hinein zu steigern. Und es bringt schon gar nichts, sich wegen ihnen schlecht zu verhalten.“

  • Man darf sich nicht von seinen Gefühlen leiten lassen – Diese Botschaft klingt zwar kalt, gefühlskalt, nach dem Motto: Gefühle sind doch nicht so wichtig. Aber genau das ist es aber eben nicht!

Wenn Du Dich deinen Gefühlen ausgeliefert fühlst, dann machst Du dich nur selbst zu einem Opfer. 
Zum Opfer der Umstände 
Zum Opfer der Anderen

 

Man kann sich tatsächlich auch andersherum mit Vernunft zur großen Liebe zwingen

Emotionen sind nicht grundsätzlich schlecht! Diese müssen aber richtig eingeordnet wissen. Zum Beispiel als etwas, das man hat, wie ein frisch verheiratetes Pärchen. Aber auch als etwas, das man nicht abstellen kann!

Bestimmt hast du es dir schon einmal / vielleicht mehrfach vorgenommen: „ab morgen bin ich ein glücklicherer, zufriedenerer Mensch“ Was aber ist passiert? Du musstest feststellen, dass das beim besten Willen nicht klappt… Das kann auch gar nicht funktionieren!

Allein schon deswegen weil Du morgen (an deinem vorgenommenen „Heute-werde-ich-glücklich-Tag“) es nicht verhindern kannst, in einen Hundehaufen zu treten. Was dann passiert ist doch auch wieder logisch:

„Natürlich bist Du danach wieder unglücklich. Aber Du hattest den Hundehaufen dort nicht liegen lassen. Du kannst nicht sagen, es sei Deine Schuld.“

  • (2) Die Frage nach einer Schuld ist eine dumme Frage

Wir kennen drei große aversive (abwehrende Gefühle)

    • Schmerz = es schützt den physischen Körper
    • Scham = sie schützt unser soziales Ansehen
    • Schuld = sie schützt vor Fehlern

Schuld ist einer unser heutigen Kernbegriffe.

      • Habe ich Schuld daran, dass meine Eltern mich als Kind vernachlässigt haben?
      • Ist es meine Schuld, dass mein Chef schnell wütend wird?
      • Habe ich die Verantwortung dafür, dass ich an einer Depression erkrankt bin?

Allein der logische Menschenverstand reicht aus, um diese Fragen mit Nein zu beantworten – hierfür brauchst Du kein Studium in Psychologie. Und trotzdem machen sich viele Menschen Gedanken darüber….

Sie grübeln und grübeln darüber, was sie hätten anders machen können oder müssen, mit den Eltern, dem Chef, den Kindern oder aber mit dem eigenen Leben. Und so verrennt man sich viel zu schnell in einen negativen Gedankengang. Viele suchen die Wurzel ihres Problems oft sogar auf der Praxiscouch.

Dann arbeitet sie an Lösungen, die es eventuell gar nicht geben kann – und nicht an ihren eigenen Ressourcen, um mit der Situation besser umzugehen.

Das wirklich Dümmste was Du meiner Meinung nach tun kannst (um weiterhin unglücklich zu sein), wenn Du dich jetzt diesen „Experten“ mit einer Praxiscouch anschließt, die ja immer wieder sagen: „Du bist deines eigenen Glückes Schmied)

Die dort angebotenen Selbsthilfestrategien zielen darauf ab, dich immer und immer wieder mit deinen negativen Gedanken auseinander zu setzten – um sie dadurch zu bekämpfen. Dadurch graben sich diese Gedanken aber nur noch tiefer in dein Gehirn ein!

Wenn Du andererseits aber akzeptierst,

      • dass sich jeder ( also auch DU) seine Gefühle selbst macht – und zwar durch seine Gedanken –
      • und jeder die Fähigkeit hat, zu lernen, seine Gefühle zu beeinflussen,

dann kannst du dich dadurch wieder stark fühlen und Depressionen haben keine Chance. Wir werden nachher nochmals darauf zu sprechen kommen…

Eine Alterklasse gilt als besonders unglücklich: die Generation Y – Die Millenials.

Ja, Das Leben ist hart, und vieles, was wir tun, ist umsonst, das müssen wir alle akzeptieren“. Aber genau darum dürfen wir auch keine Zeit mit unrealistischen Zielen vergeuden.

Bedenke: Der Berg des Erfolges, auf dem manche erfolgreiche Menschen stehen, besteht zu > 90% aus den Fehlern den sie vorher gemacht haben. Ganz nach dem Prinzip: „Try & Error)

Etwas einfacher erklärt:
Wer gerne weniger Süßigkeiten essen möchte, darf sich nicht für seine Neigung zu süßen Dingen geißeln (“Ich kann nicht widerstehen – ich bin einfach zu schwach!“) – für deinen Geschmack bist Du nicht verantwortlich. Auch bringt es nichts, sich nun vorzunehmen, überhaupt keine Schokolade mehr zu essen. So etwas halten nur die Wenigsten durch.

Ein vernünftiges und auch umsetzbares Ziel wäre eher:
„Ich nehme mir vor, so oft wie möglich (!) zu versuchen, den Süßigkeiten zu widerstehen.“ So ein „weicheres Ziel“ (nicht schwarz/Weiß) hat einen grundlegenden Vorteil: Ausrutscher sind okay.

Dieser zerstörerische Gedanke „Ich habe mal wieder versagt / ich bin ein Versager“ der kommt dann gar nicht erst auf. Natürlich spürt man auch hier das Gefühl der Enttäuschung. Der Unterschied ist nun aber das man dieses Gefühl besser managen kann.

Dies gelingt, weil man weiß, dass alles zum Leben gehört und nicht verschwinden. Wichtig sei nur, ihretwegen nicht zum Idioten zu mutieren …   „Ja, ich habe Probleme, damit muss man jeden Tag aufs Neue umgehen.

Deswegen kann ich aber trotzdem nett sein zu meinem Partner, meinen Job erledigen und mich bei meinen Eltern regelmäßig. Diese kleinen Dinge sind es, die zählen. Sie sind gewissermaßen ein Trost für alles Unangenehme, was unweigerlich passiert.“

  • (3) Dies funktioniert auch in der Liebe

Dieses „Denk-Konzept“ kann man herrlich auch auf den Bereich anwenden, in dem Gefühle wohl als größter Antrieb gelten – in der Liebe und der Partnerschaft.

Natürlich kann man besonders hier blind seinen Emotionen, seinen Zu- und Abneigungen folgen. Andererseits kann man aber auch seinen gesunden Menschenverstand einschalten und so, seine Chancen auf eine Beziehung erhöhen, die auch dauerhaft.

„Klar muss mein Partner jemand sein, zu dem ich mich hingezogen fühle / zu dem ich auch Gefühle habe. Aber (!) ich kann zusätzlich auch prüfen, ob er z.B. Drogen nimmt. Wenn Du eines Tages Kinder haben willst, dann solltest Du prüfen, ob man sich im Notfall auch auf ihn verlassen kann.

Das Problem bei vielen Scheidungen ist nicht, dass sich einer von beiden entliebt hat. 
Es sind eher Alltagsdinge wie: ‚Du trinkst zu viel. Du hast uns finanziell ruiniert. Du willst keinen Nachwuchs.‘“

  • (4) Was macht eine Beziehung wirklich glücklich?

Auch beim dem hoch emotionellen Thema Sex soll man aufkommende negative Gefühle nicht überbewerten.

4.1 Akzeptiere auch hier lieber die Tatsachen.

Es ist ganz und gar normal, dass das sexuelle Verlangen in einer Beziehung mit der Zeit abnimmt.

Man kann man Anziehung nicht kontrollieren – ein weiterer Beweis dass es nicht richtig sein kann, sich von seinen Gefühlen zu 100% leiten zu lassen.

      • Kann ich etwas daran ändern, dass mein Partner grundsätzlich weniger Lust hat? Vielleicht teilweise, aber nicht unbedingt zu 100%.
      • Kann ich andererseits aber lernen, besser mit meiner Enttäuschung umzugehen? Das auf jeden Fall!

Dieser Ansatz verspricht auf keinem Fall mehr Glück und / oder Zufriedenheit! Ich glaube nicht daran, dass es das alleinige Geheimrezept gibt, um glücklich zu werden. Andererseits zeigt das, was (!) man tut, wenn man unglücklich ist, deutlich mehr über einen Menschen aus.

Bei Ebbe zeigt sich halt, wer eine Badehose anhat ….

4.2 Mit Schmerz zu leben und dennoch eine gute Person zu sein
– das ist eine viel größere Leistung als glücklich zu sein.“

Ein abschließender Rat zu dem Thema: „Sollte ich immer meinen Gefühlen Luft / Raum geben?“ „Immer und ständig zu sagen, was man ich fühle, hat viel Ähnlichkeit mit einem Furz: Diesen loszulassen erleichtert zwar, aber er vergiftet auch die Luft für alle Menschen in der näheren Umgebung.“

 

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Umgang mit einem Borderliner – Nähe oder Distanz – Was ist denn nun richtig?

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Annähernd 2 Prozent der Bevölkerung erfüllen die diagnostischen Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.  
Bei jungen Menschen sind allerdings über 6 Prozent betroffen,
während in der Gruppe der über 40-Jährigen nur noch etwa 0,7 Prozent an der Störung leiden. (…) 

Bei 83 Millionen Deutschen und 11,5 Millionen Familien: leben 1,6 Millionen Borderlinerin unserem Land

Umgang mit einem Borderliner – Nähe oder Distanz? Was ist denn nun richtig?

In meinem Video „Psychotherapie bei Borderlinern“ habe ich bereits über

      • die technischen „Äußerlichkeiten“
      • die erlernbaren Techniken
      • und die Rahmenbedingungen bei einer Borderline–Therapie gesprochen.

Vielleicht ist dir hierbei aufgefallen, dass ich immer wieder von einer so genannten „technischen Neutralität“ spreche und dass diese so wichtig sei um Umgang mit einem Borderliner.

In anderen Videos andererseits, hebe ich dann eher die haltende Funktion“ des Therapeuten hervor und sage dass gerade diese (!) für einen Erfolg in der Borderline–Therapie so wichtig sei.

Aber, ist das nicht ein Widerspruch in sich? Einerseits fordert die technische Neutralität eine gewisse Distanz. Auf der anderen Seite verringert aber die „haltende Funktion“ jegliche Distanz.

Genau um diesen eventuellen Widerspruch aufzuklären habe ich diesen Beitrag heute vorbereitet.

  • Ohne Sympathie keine Heilung

Die „haltende Funktion“ ist eine innere Einstellung / eine Sympathie des Therapeuten dem Patienten gegenüber.

Wie wichtig sie ist zeigte bereits der Neurologe Sandor Ferenczi aus Ungarn (1873 – 1933): „Nur die Sympathie heilt. Verständnis ist notwendig um die Sympathie

(1) an der richtigen Stelle, (2) in der richtigen Art anzuwenden. Ohne Sympathie gibt es keine Heilung!

Das ist schon eine starke Aussage! Denn immer noch steht im Raum, dass die therapeutische Neutralität unter allen Umständen gewahrt bleiben muss.

Was also ist die richtige Ansicht hierüber?

Nun, die Praxis zeigt, dass ohne Sympathie tatsächlich kein Therapieerfolg zu erwarten ist aber andererseits braucht man immer ein gewisses Maß an Neutralität.

Und gerade das ausgeglichene Verhältnis zwischen Neutralität und einer „Haltenden Funktion“ also das „kontrollierte Vorgehen und die Sympathie“ ist laut dem Englischen Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896 – 1971) die Grundvoraussetzung einer Psychotherapie.

Donald Winnicott wird sehr häufig in Bezug auf die „haltende Funktion“ bei einer Borderline – Therapie zitiert. Ihm werden wir uns noch näher widmen. Denn er hat die Borderline-Therapien maßgeblich in den Bereich humanistische Therapie geprägt.

Er hat folgende, recht einfache Regel in Bezug auf das Verhältnis zwischen „haltender Funktion“ und „technische Neutralität“ aufgestellt: Je früher die Störung des Patienten eintritt, und je psychosneähnlicher diese ist, desto wichtiger ist die Rolle der „haltenden Funktion“

Andererseits: je reifer er sich verhält desto mehr sollte die technische Neutralität“ angewandt werden, ohne die „haltende Funktion oder die Empathie zu verdrängen.

Denn, was willst du machen, wenn du einem Borderine–Patienten gegenüber sitzt, der sich gerade in einer aufkommenden Psychose befindet? Du kannst ihm dann seine Halluzinationen nicht einfach „verbieten“ und schon gar nicht wegreden. 
Du hast dann nur die Möglichkeit, ihm durch die „haltende Funktion und die sich daraus ergebende Angstreduzierung zu helfen.

Hast du jetzt einen stabileren/reiferen „Borderliner“ vor dir, dann kannst du ihm schon eher mal neutral sagen dass er „dieses oder jenes“ zu unterlassen hat wenn er weiter in der Therapie verbleiben möchte.

Dieses „drohen mit dem Abbruch der Therapie“ / überhaupt alle Drohungen um Umgang mit einem Borderliner sollte man nur mit der größten Vorsicht anwenden.

 Eine Drohung muss immer begründet werden, Es muss die Weiterführung der Therapie in Aussicht stehenbleiben wenn er sich Verändert  (das entspricht der „haltenden Funktion“)

Und es muss immer der Kontext betrachtet werden:
was für Grund liegt für das Verhalten des Patienten vor?. …
Vielleicht ist es ja nur ein auf die Probe stellen des Therapeuten und ihn testen ob er sich noch in der „haltenden Funktion“ weiter bewegt oder nicht.

(2) Nur Interesse reicht nicht aus!

Ja, Interesse ist wichtig. Laut Duden ist Interesse eine „geistige Anteilnahme“, Seine „Aufmerksamkeit auf jemanden richten“.

Klar, Du musst voll und ganz bei der Sache sein wenn du mit einem Klienten, überhaupt mit einem Menschen in Kontakt bist.

Denn, vielleicht kennst du ja auch den Satz: „Tu das was du sollst, und sei ganz in dem was du tust.“

Aber Interesse ist eine Eigenschaft die nicht ausdauernd ist. Interesse kann leicht schwächer werden.

(1) Nimm mir doch einmal das Beispiel des Therapeuten der sich zwingen muss einen „nicht interessierten Patienten“ zu therapieren.

Durch das Gegenübertragungsgefühl kann sich sehr schnell auch Desinteresse beim Therapeuten entwickeln.

(2) die Gefahr der Gegenübertragungsgefühle darf nicht unterschätzt werden.

Ihre Wirkung kann so stark sein, dass am Beginn der Sitzung sich der Patient erst einmal schlecht und der Therapeut gut fühlt am Ende der Stunde es ist genau umgekehrt: der Patient fühlt sich gut und dem Therapeuten geht es schlecht weil der Patient seine negativen Gedanken auf den Therapeuten übertragen hatIst der Therapeut einfach nur interessiert und hat nicht eine innere Neigung zu den Patienten, dann kann er niemals mit dem anfänglichen Eifer durchhalten Denn eine Borderline–Therapie dauert nicht nur eine oder zwei Sitzungen, die dauert Minimum Monate!

(2.1.) was ist denn die Folge wenn das Interesse erlahmt?

Dann würde so ein Therapeut sehr schnell die Therapie beenden und den Patienten an einen anderen Therapeuten übergeben.

(2.2.) und genau dieser Beziehungsabbruch ist eine klare Wiederholung von dem Abschieben was ein Borderline-Patient sein ganzes Leben bereits kennt. Herzlich willkommen im circulus vitiosus unseren viel bekannten „Teufelskreis“.

(3) Sympathie ist Voraussetzung

Nicht Interesse ist das, was wirklich zählt, sondern die „innere Haltung“ des Therapeuten. Es ist die Sympathie! Sie ist eine Grundlage für eine zuverlässige und lang anhaltende therapeutische Beziehung.

Denn die Arbeit mit einem Borderliner bedeutet immer: die Belastungen durch „Übertragung und Gegenübertragung“ auszuhalten und nicht direkt beim ersten „Angriff“ praktisch „das Handtuch zu werfen“ und aufzugeben.

In den vielen kritischen Momenten die in einer Borderline-Therapie mit Sicherheit kommen, muss die Sympathie und die Neutralität (die technische Neutralität) gewahrt bleiben.

Was machst du zum Beispiel, wenn ein Borderline-Patient dir gegenüber sitzt und Dir von ganz anderen Wertvorstellungen in  seinem Leben erzählt, Wertvorstellungen, welche du dir auch nicht im Entferntesten vorstellen könntest?

Damit meine ich nicht so sehr Wertvorstellung / Präferenzen wie Homosexualität oder religiöse Vorstellungen…

Ich stelle z.B. fest, dass viele Personen mit anderen Kulturen und deren Wertvorstellungen in Bezug auf die Rolle der Frau deutlich größere Probleme haben als mit einer anderen religiösen oder sexuellen Neigung. Dann muss die Technik der Neutralität mit der Sympathie nach vorne geholt werden.

Und man muss sich dessen bewusst sein dass es im Umgang mit Borderline-Menschen auch um Den Respekt Und die Akzeptanz  der Wertvorstellungen dieser Menschen geht und sie hierfür nicht kritisiert werden dürfen. Das steht dir und mir nicht zu.

(4) Neutralität ist mehr!

Jetzt wird es etwas komplizierter: Es geht darum, die reine technische Neutralität auf eine andere Ebene zu bringen.

Neutralität kann man vielleicht so vergleichen: Zwei Fußballmannschaften spielen gegeneinander und du hältst wieder zu der einen noch zu der anderen. Hier liegt die Betonung auf Passivität.

Neutralität im psychoanalytischen Sinne hat aber nichts mit Passivität zu tun. Das ist harte Arbeit und starke Aktivität!

Merke dir bitte folgenden wichtigen Gedankengang: Neutralität im psychoanalytischen Sinne bedeutet:

  1. die Gegenübertragung (und damit auch die eigenen Schwächen) wahrzunehmen
  2. Sie in der Therapie zu kontrollieren und nicht nach zu geben.
  3. Und dann diese Gegenübertragung–Gefühle mit dem Borderliner analytisch zu besprechen.

Es ist verdammt schwierig – wenn du von einem Borderliner angegriffen wirst – dieser Gegenübertragung nicht reflexhaft nachzugeben.

Nur in dem du dich nicht so verhältst, wie es damals der Vater oder die Mutter des Patienten in der Regel getan haben, nur dann kannst du dem Borderliner bewusst machen, dass ein neues Verhalten möglich ist!

Ganz nebenbei gesagt: Dieses völlig andere Verhalten (anders als es Vater oder Mutter getan haben) zeigt, dass eine Therapie innerhalb der Familie nahezu unmöglich ist.

Der Borderliner wird sein Gegenüber bewusst und auch unbewusst immer dahin zu bringen versuchen: Den Therapeuten oder die Person in der Umgebung durch Übertragung“ als Vater oder als Mutterfigur anzusehen und mit ihnen dann so umgehen wie sie es früher mit ihren Eltern getan haben.

Wenn der Therapeut nun sich genauso verhält, wie es die Eltern tun oder getan haben, dann wäre der Patient ja wieder voll in seiner alten Rolle und die Therapie wäre sinnlos. Es wäre keine Therapie!

  1. Zweitens würde der Borderliner immer versuchen, seinem gegenüber (zum Beispiel dem Therapeuten) das anzutun, was ihm seine Eltern „angetan“ haben.

Das können die wirklich durchgeführten Handlungen sein, aber auch die Handlungen die er meint (!) welche seine Eltern ihm in seiner Erinnerung angetan hätten. Bitte beachte: entscheidend ist nicht, was (!) die Eltern getan haben, sondern was (!) der Borderliner denkt (!) was seine Eltern getan haben.

Das subjektive Erleben und Erinnern kann komplett anders sein als das was in der Realität wirklich stattgefunden hat.

Bitte glaube mir: es ist nicht selten, dass ein Borderliner seine Eltern als Horror-Gestalten beschreibt und sich diese später als völlig unauffällig und nette Personen herausstellen.

–     Wie kann so ein Missverhältnis überhaupt entstehen?

Ich hatte vor ein paar Tagen ein sehr angenehmes Gespräch mit einem älteren Ehepaar, wo die Mutter wegen einer wichtigen Operation im Säuglingsalter des Kindes für mehrere Wochen nicht zur Verfügung stand. Trotz ihrer Liebe zu ihrem Kind konnte sie in dieser wichtigen Phase keine haltende Funktion für das Kind einnehmen. Bezeichnend war, dass das damals noch sehr junge Mädchen eine äußerst lange Zeit immer wieder gesagt hatte:
„Mama, warum hast du mich nicht ins Krankenhaus mitgenommen?“

Wegen dieser räumlichen Distanz und der Unmöglichkeit in dieser Zeit eine alte Funktion auszuüben kann die Sicht des Kindes auf das Elternteil vollkommen widersprüchlich sein.

(2.) Ein zweiter Grund kann auch folgender noch sein:

In der Fantasie des Kindes kann eine Todesgefahr so überwältigend sein, obwohl diese real nie bestanden hat.

So banal es klingen mag: Kleinkinder können durch Gewaltszenen im Fernsehen Todesangst bekommen.

Und auch wenn diese Angstsituationen real nie bestanden hat, so muss diese Fantasie ganz genommen werden — ohne dass der Therapeut seine Neutralität verliert!.

(4.1.) Die Neutralität als Voraussetzung für die interpretative Arbeit

Um eine Diagnose zu stellen braucht man etwas Abstand zum gegenüber. Glaub mir bitte, durch das sich ständig wechselnde Verhaltensbild eines Borderliners, muss auch die Diagnose eines Fachmannes, immer und immer wieder neu überprüft werden.

Neutralität könnte man auch mit dem Wort „freundliches Abstand halten“ beschreiben.

Dieser Abstand ist extrem wichtig, wenn der Borderliner seine Umgebung und sich selbst Immer wieder in eine kritische Situation bringt und diese technische Neutralität gestört, oder eingeschränkt wird.

Besonders in kritischen Situationen ist es immer wieder eine Gradwanderung zwischen Sympathie und Neutralität dem Borderliner gegenüber.
die Sympathie hilft dann vollkommen überzogene und auch manchmal sadistische Verbote zu verhindern.

die Neutralität andererseits ist wichtig damit der Therapeut nicht durch dieses Handeln des Borderliners überrollt wird und nicht mehr in der in der Lage ist noch eine gewisse Struktur um Grenzen in dem Miteinander zu halten.

Denn ganz besonders das Setzen von Grenzen innerhalb der Therapie ist wichtig. Grenzen sind wichtiger als Drohungen!

Gerade im Umgang mit dem Borderliner müssen die Grenzen immer wieder wiederholt und neu mit ihm gesprochen werden.

Damit aber immer noch nicht genug: diese Grenzen müssen in der Borderliner-Therapie (im Unterschied zu anderen Therapien) auch immer wieder flexibel angepasst werden. Es gibt nicht die eine (!) Therapie für einen Borderliner.

Nehmen wir mal das Beispiel der begleitenden Sporttherapie. Auf der einen Seite hast du ein Patient mit schwerer Anorexie (Appetitverlust ICD – 10: R.63.0) Und auf der anderen Seite hast du jemanden mit einer Depression (F32.1 mittelschwere Depression)

  • Der eine malträtiert seinen Körper dauerhaft! Da wäre eine Sporttherapie kontraproduktiv. und bei dem Anderen wäre die Sporttherapie wirklich nützlich um ihn auf eine höhere Stimmungsebene zu bringen.

Dieses setzen von Grenzen und Regeln ist verdammt schwer in einer Borderline-Therapie.

Eigentlich sind diese nur sinnvoll es um Gefahr für Leib und Leben geht. In allen anderen Bereichen muss man sich immer drei Fragen stellen:

      1. Sind die Grenzen nötig?
      2. Handelt es sich um eine aggressive Gegenübertragung?
      3. Zeigen diese Grenzen vielleicht die Trägheit oder Motivationslosigkeit des Therapeuten? („Das haben wir immer schon so gemacht“).

Du kannst dir vielleicht den Satz merken: Grenzen wo nötig, Flexibilität wo möglich. Jede Grenze muss auf ihre Zweckmäßigkeit überprüft werden.

(5) Die Übertragung: Das therapeutische Mittel der Wahl

Die Übertragung ist nicht nur unvermeidbar, sondern ist in der Borderline Therapie eines der stärksten therapeutischen Mittel um den Patienten zu helfen. Du siehst aber auch wie schwierig es ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen!

Darum muss die Gegenübertragung:

      1. von dem Therapeuten selber immer wieder neu und ständig überprüft werden.
      2. Und anschließend durch Kollegen und eine externe Supervision begleitet werden.

Eine nicht funktionierende Gegenübertragung kann die gesamte Therapie vollkommen sprengen. Häufig können in der Borderliner-Therapie zum Beispiel (und jetzt kommen wir zu den Gefahren in einer „Familien – Laien – Therapie“) die aggressiven Gegenübertragung nicht mehr aufgelöst werden. Der Fall ist nicht selten! Jeder Mensch ist auch nur ein Mensch! Was, wenn der Therapeut von der aggressiven Gegenübertragung nicht mehr los kommt?

Das ist zu 99 % bei Familien-Angehörigen der Fall, die glauben, sich gegenseitig therapeutisch helfen zu können. Einmal begonnene Aggressionen können innerhalb von Familien nur schwer Neutral gehalten werden.

Wenn schon die Therapeuten an der Grenze ihrer Möglichkeiten sind, wieviel mehr sind es dann Familienangehörige die (auch bei den allerbesten Wünschen und Voraussetzungen) Absichten) wenig Möglichkeit zu Distanz und technischer Neutralität haben.

Also: wenn der Karren im Dreck ist und die Aggression in der Gegenübertragung nicht mehr wegzuleugnen ist, dann kann der Patient keine neuen Erfahrungen machen die alten und kranken Erfahrungen würden perpetuiert

Dieses Wort Perpetuierung bedeutet: es wiederholt sich immer und immer wieder. Es setzt sich gewissermaßen fest. Der Karren ist im Dreck fest gefahren.

Hat der Therapeut zum Beispiel die aggressive Gegenübertragung erfahren und kann diese nicht vernünftig behandeln, dann kommt bei ihm eventuell auch die eigene Angst hoch und er versucht dann seine eigenen Gefühle zu verleugnen.

Durch dieses Verleugnen der eigenen Gefühle kommt er aber in eine viel zu starke (!) Neutralität und die Folge davon ist ein zu großer Abstand zu dem Borderliner.

Der Borderliner kann dann mal wieder keine vernünftigen neuen Erfahrungen machen kann. 

Was wäre die Lösung?

Kommt jetzt die Angst durch die aggressive Gegenübertragung hoch, wäre es sehr konstruktiv wenn der Therapeut:

      1. diese Gegenübertragungsgefühle erst einmal wahrnimmt.
      2. Sich im zweiten Schritt diese Gegenübertragungsgefühle auch eingesteht.
      3. Und im dritten und wichtigsten Schritt diese in der Supervision analysiert und beleuchtet.

Wenn diese drei Schritte durchgeführt werden, dann sind Gegenübertragungen ein nicht zu unterschätzen der Schatz sowohl für die Patienten als auch für die Betreuer.

Denke bitte immer daran, der Therapeut muss sich immer bemühen seine Gefühle den Patienten gegenüber zu kontrollieren und darf nicht entgleisen. Wenn er (!) entgleist, dann  kann er von seinem gestörten Gegenüber ja auch keine Beherrschung verlangen. Das finde ich logisch!

(6) Darf ein Therapeut keine Fehler machen?

Sei dir sicher: „Nur der Therapeut, der nicht arbeitet, der macht auch keine Fehler. 

Drei Schritte sollten durchgeführt werden, wenn beim Therapeuten ein Fehler erkannt wird. Wenn man so vorgeht, hat es einen großen Vorteil: der Borderliner-Patient davon viel lernen

      1. Schritt: der Therapeut sollte seinen Irrtum zu geben.
      2. Schritt: er sollte sich für seinen Irrtum entschuldigen.
      3. Schritt: Der Patient macht durch diese zwei vorangehenden Schritte eine vollkommen neue Erfahrung: man kann (!) sich auch entschuldigen! Und somit kann ein Fehler therapeutisch genutzt werden.

Fehler können therapeutisch genutzt werden! Das ist eine Zauberformel die so selten in der Therapie eingesetzt wird! Nach meinen Beobachtungen fühlt sich ein Patient dadurch noch mehr akzeptiert und ernst genommen und lernt ein ganz neues sehen:

Dies ganz neue Sehen bedeutet: er muss nicht „perfekt“ sein um im Leben angenommen zu werden.

(7) Woher kommt diese bodenlose Angst des Säuglings?

Für mich gibt es verschiedene große Denker, welche das Bild der Psychoanalyse geprägt haben. Wir können den bahnbrechenden Gedankengängen Sigmund Freuds noch heute viel Richtiges abgewinnen, aber auch von seinen Nachfolgern wie C. G. Jung, Alfred Adler, und auch Donald Winnicott.

Wer war Donald Winnicott? Er lebte 1896 – 1971 in England und war sowohl englischer Kinderarzt als auch Psychoanalytiker. Er gilt als einer der bekannteren Vertreter der Objekt-Beziehungstheorie.

 Die Objekt Beziehungstheorie selber wurde von Melanie Klein (eine österreichisch – englische Psychoanalytikerin 1882 – 1960) auf der Grundlage der Psychoanalyse weiter entwickelt.

Ganz kurz: Objekt Beziehungstheorie:
Sigmund Freud legte in der Psychoanalyse die Konzentration auf die Triebe und dass der Mensch als einzelnes Wesen von seinen Trieben gesteuert. 
Melanie Klein hat die Aufmerksamkeit der Psychoanalyse dann auf die frühkindliche Entwicklung und deren Bedeutung für frühe Beziehungen zu anderen Bezugspersonen gelenkt. Ihre Theorie war, dass die Triebe zwar wichtig sind, aber 

(1) dass die Art und Weise wie ein Mensch die Welt wahrnimmt

(2) mit welchen Erwartungen eher an die Welt heran geht und

(3) seine Beziehung zu den ersten frühen Bezugspersonen (Objekten) geprägt wurden.

Und hier kommt einer der interessantesten Denker in der Objekt-Beziehungstheorie Donald Winnicott auf die Bühne! Für ihn als Kinderarzt und Psychoanalytiker war das Halten des Säuglings“ genau die (!) fundamentale Voraussetzung einer gesunden psychischen Entwicklung des Menschen.

Und wenn ich immer halten/halten/halten sage, dann meine ich nicht das physikalische halten sondern ich nenne es mal das „selig, liebevolle Halten einer liebenden Mutter“.

Das Halten im Sinne von „Halt geben“ betrifft also zwei Dimensionen:

    1. die konkrete Handlung des Haltens
    2. Die innere Motivation für diese Handlung.

Denk jetzt mal an einen kleinen Säugling der (warum auch immer – vielleicht durch ein KiSS Syndrom / eine Kopfgelenk induzierte Symmetrie-Störung)) dauerhaft am Schreien ist und die überforderte Mutter ihn nun füttern möchte.

Selbst eine „nährende Handlung“ wie zum Beispiel das Füttern kann dann (wenn die Mutter völlig überfordert und genervt ist) dramatisierend auf den Säugling wirken wenn dies mit der falschen „inneren Haltung“ passiert.

Eine der wichtigsten Grundgedanken von Winnicott ist: niemand kann ein Baby halten, wenn er nicht in der Lage ist sich mit dem Baby zu identifizieren!!!!

Das Halten hat ja mehrere Nutzanwendungen.
– Das Kind auf dem Arm zu halten dient dazu es mitzunehmen und vor äußeren Beschädigungen zu schützen.

  • Aber ein Halten/ ein „Gehalten werden“ dient zur weiteren Reifung des Säuglings und zur Bildung von Objekt-Beziehungen.

Was sind denn jetzt Objekt-Beziehungen?

Objekte sind Bezugspersonen die mit dem jungen Menschen nun interagieren wie zum Beispiel eine Mutter. 

Jetzt stellen wir uns einmal einen Säugling in den allerersten Lebenswochen / Lebensmonaten vor, der nicht (!) in einer haltenden Umgebung aufwächst. Das Fehlen dieser haltenden Umgebung verursacht bei dem kleinen Kind Angst! Und diese Angst unterscheidet sich von der Angst eines älteren Menschen.

Wenn wir heute Angst haben, beginnen in unserem limbischen System aber auch in unserem Kortex sofort Handlungsalternativen aufzuploppen. Wir haben sofort Flucht, einfrieren, verteidigen und andere Handlungen in unserem Sinne, um aus der Situation heraus zu kommen.

Welche Handlungsalternativen hat jedoch ein Säugling?

Wenn du dir dessen bewusst bist, dass der Säugling gar keine Handlungsalternativen hat, dann wirst du verstehen warum Donald Winnicott einen vollkommen neuen Begriff in der Angst des Säuglings kreiert hat: Ein nicht gehaltener Säugling bekommt Angst die das Gefühl einer drohenden völligen Vernichtung“

Diese Angst vor einer „drohenden Vernichtung“ ist das gleiche Gefühl die wir beim Borderliner – jetzt im erwachsenen Alter – als die diffuse, nicht greifbare Angst sehen!!!

Beide Angstformen (die des Säuglings und die des Erwachsenen Borderliners) haben zwei Eigenschaften gemeinsam:

    1. sie kommt plötzlich und unerwartet
    2. Ihre Ursache ist nicht konkret greifbar.

Dir ist sofort klar, dass der kleine Säugling nicht in der Lage ist den Grund eine Angst zu erkennen. Jetzt musst du dir aber dessen bewusst sein, dass der erwachsene Borderliner–Patient genauso nicht in der Lage ist den Grund seine Angst zu erkennen.

So bekommt die Angst beim Säugling und beim Borderliner diese unglaubliche Größe/ dieses gigantische Ausmaß wie sie nur bei Todesangst, Angst vor einer drohenden Vernichtung vernünftig wäre.

Donald Winnicott hat noch einige Adjektive / einige Beschreibungen dieser Angst hinzugefügt:

      1. ein Zusammenbrechen
      2. ein nicht endendes Fallen
      3. Keine Beziehung zum eigenen Körper mehr haben
      4. Es ist keine Orientierung mehr vorhanden
      5. Auch die Umgebung kann einen nicht mehr beruhigen
      6. Das Auftreten weiterer psychotischer Ängste.

(8) Verzerrung/Verschmelzung

Der kleine Mensch kommt jetzt auf die Welt und hat das tiefe Bedürfnis nach Verschmelzung in seiner ersten Objekt–Beziehung (mit seiner Mutter). 

Wenn diese Verschmelzung mit der Mutter nicht funktioniert, entweder wird das Halten von der Mutter wissentlich nicht durchgeführt oder die Mutter ist krank, verstorben nicht da, dann muss sich das Kind anpassen.

Und was ist die Anpassung von Verschmelzung?

Der kleine Säugling hat keinen Plan – B in seinem Leben zur Verfügung. Er reagiert dann mit dem einzigen ihm zur Verfügung stehenden Mittel: mit Abwehrmechanismen, die aber genau das Gegenteil der Verschmelzung bewirken: und zwar eine Verzerrung.

Eine verzerrte Sicht – welche genau das Gegenteil von Verschmelzung ausdrückt – ist die typische Sicht des Borderline – Patienten: Er sieht sich und die gesamte Umwelt nur in schwarz/weiß (denk immer daran, es ist das Gegenteil einer Verschmelzung).

Für den Borderline–Patienten gibt es nur ein „Absolut gut“ oder ein „absolut schlecht“ „Ich kann alles“ oder ein „ich kann nichts“ und bin deswegen nichts wert.

(8.1.) Verzerrung = Angst — Angst = Spaltung

Der kleine Mensch sucht nach Verschmelzung und gehalten werden. Fehlt dieses „gehalten werden“, dann reagiert er mit seiner bodenlosen, vernichtenden Angst als Abwehrmechanismus. Diese Angst in der Abwehr ist die Ursache der Spaltung.

 Spaltung entwickelt sich aufgrund von „nicht gehalten werden“ und der daraus resultierenden Angst!!!!!!!!!!

Jetzt sind wir wieder bei dem zentralen Thema der Spaltung! Spaltung ist Chaos. Aber dieses Chaos der Spaltung(!) ist für das Kind nicht mehr so schlimm wie die Angst der äußeren „nicht haltenden Umgebung“

Die selbst verursachte Spaltung hat sogar einen Vorteil für das Kind:

      1. sie wurde selbst hervorgebracht
      2. sie kann darum besser von ihm (!) analysiert werden
      3. Und kann auch leichter nach dem eigenen Schema (wenn auch vollkommen falsch) konkreten Themen / Situationen zugeordnet werden.

Das alles ist für das Kind nur durch eine selber verursachte Spaltung möglich und nicht durch die diffuse, nicht greifbare Situation von außen.

(8.2.) Das Ziel bleibt die Verschmelzung/Integration

Das Gegenteil der Spaltung ist die Verschmelzung! Die Einheit durch integrieren. Integrierung ist frei von der diffusen Angst, ist frei von einer Spaltung und ihren Hilfsabwehrmechanismen und integrieren ist das (!) Ziel von jeder Borderline Therapie.

Verschmelzung/Integration braucht die haltende Funktion der Umgebung!.

 Die haltende Funktion ist die Voraussetzung für eine Verschmelzung Sie ist Nötig, um die ICH–Schwäche zu reduzieren Sie ist das zentrale Mittel um eine Spaltung zu beenden.

Wenn es nun die Mutter damals nicht geschafft hat, wie soll denn nun bitteschön ein Therapeut oder die Umgebung die Funktion des Haltens übernehmen?

Das alles geschieht am besten durch Worte! Durch Worte wird dem Borderliner mitgeteilt, dass die tiefe Angst die er gerade durchlebt von seinem gegenüber erkannt und verstanden wird.

Verständnis und Einfühlungsvermögen sind die Zauberwörter in der Borderline – Therapie.

Einfühlungsvermögen ist

      1. die Fähigkeit den Schmerzes der anderen Person selber in sich zu spüren.
      2. Es ist eine Anerkennung der gemeinsamen Erfahrung als Menschen
      3. Und eine Anerkennung dafür dass wir alle solche Situationen wie Trauer, Verlust, Schmerz und Angst empfinden.
      4. Einfühlungsvermögen ist eine stellvertretende Erfahrung (wenn dein Gegenüber Angst hat, wirst auch du das Gefühl der Angst in deinem Körper erleben – Gegenübertragung).

(9.) Die haltende Funktion in der Praxis

Im Umgang mit einem Borderliner passiert es extrem schnell, dass dieser in seiner Angstsituation regrediert (Regression bedeutet dass er auf einen früheren, ursprünglichen Zustand zurückfällt).

Dieser ursprüngliche Zustand ist Das typische Borderline–Verhalten in welchem er mal wieder in einem Chaos / in einer Panik / in einer unangemessenen Wut versinkt. (siehe 9 Kriterien Borderline)

Wenn die Umgebung nun durch eine „haltende Funktion“ reif, und angemessen auf das chaotische Verhalten des Borderliners reagiert dann macht der Borderliner die Erfahrung, dass man auch anders (!) auf die einzelnen Situationen reagieren kann.

Diese Erfahrung ist für ihn etwas Neues. Denn er ist es ja gewohnt,dass man auf sein unreifes Verhalten in der Umgebung mit Abneigung, Abwehr, Abscheu und Distanz reagiert.

Jetzt reagiert seine Umgebung aber mit einer „haltenden Funktion“ und genau das (!) bringt einen Reifungsprozess bei dem Patienten wieder in Gang.

Bitte beachte was in dem Borderliner innerlich vor sich geht:

      1. Der Borderliner befindet sich in einem Zustand der völligen Abhängigkeit wenn er die kompensiert (in sein eigenes Chaos verfällt).

      2. Für eine haltende Funktion braucht man nun
        1. einen verlässlichen Rahmen durch eine ich-Stützung,
        2. eine haltende Einstellung und erst dann (!) erfolgt
      1. die dritte Phase wo emotional ein Wachstum eintritt beim Borderliner. In dieser Phase kann sich sein Charakter dann langsam positiv aufbauen und die Verzerrungen gehören allmählich nur noch der Vergangenheit an.

(9.1.) Die „haltende Funktion“ hat drei Aufgaben:

      1. durch die „haltende Funktion“ wird die Selbstständigkeit des Borderliners in allen Dingen gewahrt und respektiert.

      2. Durch diese „haltende Funktion“ kann ein Therapeut trotz der Aggressionen durch den Patienten, trotz deiner Rücksichtslosigkeit immer noch „überleben“.

      3. Die „haltende Funktion“ hält die Empathie am Leben damit der Borderliner selber an bestimmten Stellen (wo die Regression zu Tage tritt) ganz besonders stabil gehalten werden kann.

Und die wichtigste Aufgabe die ein Therapeut hat ist, dass er eine echte Anteilnahme bewahren muss und sich ständig bemühen muss den Patienten auch kognitiv zu verstehen Besonders dann, wenn die Sprache aufgrund einer Regression zusammenbricht.

Diese Empathie ist gerade  dann wichtig, wenn der Borderliner das, was er bei sich selbst nicht ertragen kann, durch eine Übertragung auf den Therapeuten abwälzen möchte. Diese emotionale Walze“ geht weit über die gewöhnliche Empathie hinaus.

Wenn ein Borderline-Therapeut diese Empathie nicht (!) hat dann möchte ich das mal etwas drastisch vergleichen. Ein Borderline-Therapeut ohne therapeutische Empathie, ist wie ein Chirurg, der mit einem nicht sterilen Skalpell eine Operation durchführt.

Die Störung des Borderliners wird dann durch die Störung des „Anti–Therapeuten“ (!) explosionsartig verstärkt.!

Was ist nun also wichtiger? Ist es der Halt oder ist es die Neutralität? Beides zu seiner ihm eigenen Zeit!!!! Wir können eine Therapie mit dem Borderliner nämlich ganz grob in drei Phasen unterteilen.

      1. zuerst die Phase der haltendenden Funktion. Ohne sie kann die Therapie nicht beginnen.
        • Ohne sie kann keine ich-Strukturierung entstehen.
        • Es kann sein, dass diese Phase sogar Wochen lang erst einmal dauert bis die eigentliche systemische Psychotherapie mit dem Schwerpunkt „haltende Funktion“ beginnt.

      2. Die Phase der äußeren Strukturierung.
        • Es werden zunehmend Grenzen und Strukturen durch das Behandlungsteam gesetzt.
        • Durch diese Grenzen und Strukturen kann die Integration „gute“ und „böse“ Anteile erfolgen und die Spaltung geht immer weiter zurück.

      3. Die letzte Phase ist die der inneren Strukturierung.
        • Äußere Strukturen werden nun etwas gelockert und es werden höhere Anforderungen an die innere Struktur des Borderlinersgestellt. Es wird viel weniger mit Reglementierungen gearbeitet aber deutlich mehr mit Deutungen (hierzu ein separates Video).
Alles hat demnach seine eigene Zeit!

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Familie oder Genetik – Wie entsteht Borderline

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Familie oder Genetik? Wie entsteht Borderline?

Um diese Frage vernünftig zu beantworten muss man sich der Antwort auf drei Ebenen nähern:

      1. Borderline in der kindlichen Entwicklung
      2. Die Ursache und Verbreitung von Borderline innerhalb der Familien
      3. Konkrete und beschreibende Untersuchungen

1. Borderline in der kindlichen Entwicklung.

Es gibt eine klare Parallele zwischen dem Trennungsvorgang in der Präödipalen Phase (vor dem dritten Lebensjahr) und der Trennung von den Eltern in der Pubertät.

Dies sind die zwei wichtigen Trennungsvorgänge im Leben eines jungen Menschen, welche sich bis ins hohe Alter auswirken!
Die einzelnen von Siegmund Freud beschriebenen Phasen sind:

      • Orale Phase bis 2 Jahre
      • Anale Phase
      • Phallische Phase Bis 6. Lebensjahr (Ödipale Phase)
      • Latenzperiode
      • Genitale Phase ab 12. Lebensjahr

Schaut man sich den Prozess der Trennung in der Pubertät an, dann kann man recht gut nachvollziehbare Rückschlüsse auf die Trennung / bzw. Nicht-Trennung der frühen Mutter–Kind–Beziehung ziehen. Diese Beobachtung ist wichtig um Strukturen des Verhaltens in einer Beziehung zu erkennen.

Nun hat man Gruppen von Müttern verglichen
Die eine Gruppe bestand aus Müttern von Kindern (Mädchen) mit der Diagnose einer Borderline–Persönlichkeitsstörung
Die andere Gruppe waren Müttern von Kindern ohne diese Diagnose.

Gab es einen sichtbaren Unterschied? Ja und zwar auf 3 Ebenen:

    1. Die Mütter der Borderline-Kinder hatten eine stärkere Tendenz als die anderen Mütter (mit den normalen Teenagern) ihre Kinder als egozentrisch, unempathisch und als Bedürfnisbefriedigungs-Objekt wahrzun
      Ein mütterlicher Egoismus gewissermaßen ….
    2. Gleichzeitig fand man auch deutlich mehr Stressfaktoren innerhalb der Umgebung: wie zum Beispiel eine zerrüttete Ehe, finanzielle Probleme oder andere auch psychische Belastungen.

Aufgrund dieser nicht zu leugnenden Ergebnisse schlussfolgerten die Untersucher, dass solche Stressfaktoren eine direkte Ursache für die Bildung einer Borderline–Persönlichkeitsstörung haben müssen.

    1. Die dritte Ebene kam durch Verlaufsbeobachtungen bei fast 800 Kindern zum Vorschein.

Hier stellte sich eine Belastung durch

    1. mütterlichen Übereifer und
    2. nichtkonstante Verhaltensweisen heraus,

die deutlich eine Borderline – Persönlichkeitsstörung förderten. Solche „nichtkonstanten Verhaltensweisen“ können sein:

      • Inkonstantes Verhalten der Mutter: Das ist die Unfähigkeit, eine stabile / liebevolle Umgebung und einen haltenden Umgang mit den Impulsen und Bedürfnissen der Kinder sicherzustellen.
      • Mütterlicher Übereifer: Eine überstarke emotionale Nähe zu dem Kind mit dem Ziel, die eigenen egoistischen Bedürfnisse (also die Ziele der Mutter) zu stillen.

Fassen wir das mal zusammen: Was bedeutet das nun?

 

Alle Studien weisen darauf hin, dass es nicht ausreicht ein Kind zu misshandeln oder zu missachten sondern es war immer ein zusätzliches Element nötig:

Die Instabilität von Regeln und Erwartungen die ein Ausdruck einer völlig unorganisierten Struktur der Mutter–Kind–Beziehung sind.

Das ist jetzt ein sehr wichtiger Punkt: Wenn diese Instabilität so gravierende Auswirkungen auf die Ausbildung einer Borderline–Persönlichkeitsstörung hat, dann besteht die realistische Gefahr, dass diese Borderline–Persönlichkeitsstörung von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden kann.

Denn, solche instabilen Erziehungsmuster werden stark durch die Umwelt/Umgebung verursacht.

2. Ursache & Ausbreitung von Borderline innerhalb der Familien

Um zu beobachten wie sich Persönlichkeitsstörungen ausbreiten bedient man sich hauptsächlich der Familien-Anamnesen. Hier beginnt man bei Verwandten ersten Grades von Borderline–Patienten das Auftreten von einer Borderline– oder einer anderen psychiatrischen Störung zu untersuchen.

Hier geht es in erster Linie um das zahlenmäßige Erfassen der Verbreitung innerhalb von Familien. Aus ihnen kann jedoch nicht die Ursache (!) für die Weiterverbreitung gewonnen werden! Es ist ein reines Zählen  der Fälle. Trotzdem sind solche Untersuchungen extrem wichtig.

Was haben diese Untersuchungen zur Familiengeschichte denn nun ergeben?

Diese Untersuchung zeigten, dass die Verwandten von Borderline–Patienten in einem erkennbar höheren Ausmaß:

      1. an affektiven Störungen
      2. an Suchtmittel-Gebrauch
      3. Alkoholismus
      4. Cluster–B–Persönlichkeitsstörungen leiden.
        Und hier kann man besonders stark Borderline und Antisoziale–Persönlichkeitsstörungen erwähnen.

Jetzt könnte man mal wieder sagen: „immer diese Mütter“.  … Aber kurioserweise, obwohl fünfmal mehr Menschen mit den Borderline–Symptomen in diesen Familien gefunden wurden ließ sich dieser Lehrsatz („Mütter von Borderline-Patienten sind ebenfalls Borderline-Patienten“) nicht bestätigen!

Was ergaben diese Untersuchung denn noch? Das Folgende ist jetzt sehr spannend:

Am Anfang der Untersuchungen ging man noch von der Theorie aus dass eine affektive Dysregulation (also ungebremste / unkontrollierte Gefühle) der Grund für die krankhafte Psyche von Borderline-Patienten ist.

Wichtig: Diese Theorie würde nichts anderes aussagen, als dass der Borderline-Patient selber für seine Störung verantwortlich ist!

Die Untersuchungen zeigten aber ein anderes Bild:

      • Es vielmehr besteht eine Verbindung
        • zwischen der Borderline–Persönlichkeit und einer Impulskontroll-Störung / eine Handlungsstörung wie zum Beispiel der Antisozialen-Persönlichkeit, Suchtmittel-Gebrauch.

Diese Verbindung zwischen Borderline und Impulskontrollverlust legt eine ganz andere große Problematik offen: die familienbedingte Problematik bei der Impulskontrolle.

Forscher sind sich im Laufe der Zeit der Untersuchung immer sicherer, dass ein Kind welches dauerhaft in einem familiären Umfeld von aggressiven und impulsiven Verhalten der Eltern aufwächst, sich irgendwann selber mit diesem Verhalten identifiziert.

Ist ein Kind erst einmal mit einer pathologischen Verhaltensweise identifiziert kann es gar nicht anders als diese in seinem eigenen Leben anzuwenden und weiter zu geben.

Natürlich müssen auch genetische Faktoren mit einbezogen werden. Auch sind die Forschungen hier sind noch auf einem sehr frühen Untersuchungsstand.

Was aber deutlich wird ist, dass die Umgebung ein Kind massiv prägt.

3. Konkrete Untersuchungen

Deskriptive / also konkrete beschreibende Untersuchungen sind all die Untersuchungen von Symptomen, die man von außen auch beobachten kann, ohne auf Übertragungen oder gegen Übertragungen zurückgreifen zu müssen.

Das, was man beobachten kann, wird grundsätzlich in zwei Gruppen unterschieden

      1. ganz spezifische einzelne Kindheitserfahrungen und
      2. Familiäre Prozesse, Verhaltensstile, Sprachmuster, Einstellungen, Bündnisse.

3.1 Kindheitserfahrungen

3.1.1 Frühe Trennung – und Verlusterfahrung

Was sagen die Untersuchungen über eine Verbindung zwischen diesem traurigen Thema der Trennungskinder und der Diagnose BorderlineNun, im Vergleich zur Schizophrenie, Depression, bipolaren Störung oder anderen Persönlichkeitsstörungen finden sich tatsächlich deutlich mehr Trennungserfahrungen bei den Borderlinern.

Jetzt könnte man annehmen, dass dies der Grund (!) für eine Borderline-Entwicklung ist. Neuere Untersuchung zeigen aber, dass solche frühen Trennungs- und Verlusterfahrungen wahrscheinlich weniger einzelauslösende Faktoren der Borderline–Persönlichkeitsstörung sind es ist bislang angenommen wurde.

Wie wir noch im weiteren Verlauf sehen werden, liegt die aktuelle Vermutung eher nahe,

      • dass Trennungsfamilien nicht der eine Grund
      • aber doch eine der vielen (!) Ursachen für die Entwicklung einer Boden-Persönlichkeitsstörung sein können
        • und zwar indem der verbleibende Elternteil mit der Aufgabe der Erziehung oft überfordert ist.

Mit diesem Hinweis, kommen wir wieder zu dem inkonstanten Erziehungsverhalten von weiter vorne zurück….

3.1.2. Der Missbrauch und die Misshandlung

Fast alle Studien über Missbrauch und Misshandlung junger Menschen mit einer später diagnostizierten Borderline–Störung zeigen

      • sowohl einen extrem hohen Prozentsatz an körperlicher Misshandlung
      • als auch einen sehr hohen Anteil an sexuellem Missbrauch in der frühen Jugend.

Hierin stimmen fast alle veröffentlichten Untersuchungen bisher überein: eine sehr hohe Anzahl an solchen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit.

Ist das jetzt nicht endlich die (!) Lösung auf die Frage ob der Missbrauch und die Misshandlung die Ursache von Borderline – Persönlichkeitsstörungen sind?

OK, dieser Gedankengang liegt jetzt schon sehr nahe. Aber obwohl Missbrauch und Misshandlung in der Kindheit aller Wahrscheinlichkeit nach eine starke und prägende Rolle als Ursache für eine Borderline – Störung hat, reichen Sie als Begründung für eine Borderline – Psychopathologie immer noch nicht aus!

Hierfür gibt es zwei Gründe: 

  1. Wir müssen zum einen nämlich bedenken, dass auch verschiedene andere psychiatrische Krankheitsformen wie zum Beispiel
      • Panik- / Angst-Störungen
      • Dissoziative Identitätsstörungen und auch
      • Somatisierungen
        sich mit dem gleichen Kindheitstrauma in Verbindung bringen lassen.
  1. Als zweiten Grund müssen wir noch bemerken, dass 20 bis 40 % aller Borderline–Patienten keinen (!) Missbrauch, keine Misshandlung oder eine Vernachlässigung in ihrer Kindheit angeben

Was also ist das aktuelle Verständnis von Missbrauch und Misshandlung bei der Ausbildung einer Borderline–Psychopathologie? Nun, sie hat schon eine starke Auswirkung / ist aber nicht alleine für die Bildung dieser Störung verantwortlich.

Ohne eine zusätzliche Berücksichtigung

      • schwerwiegender Probleme,
      • andauernder emotionaler Konflikte und
      • Vernachlässigung können sie nicht alleine für sich als Auslöser betrachtet werden.

Sie sind eher Vorstufen von etwas, was ein sich wiederholendes Verhaltensmuster der Eltern ausmacht.

Wie bereits im Teil (1) (die kindlichen Untersuchungen) gesagt, muss auch das inkonsequente/unberechenbare Verhalten eines oder beider Elternteile mit einbezogen werden.

Neuere Studien zeigen, dass das gemeinsame Leben mit einem unberechenbaren aber nicht direkt misshandelnden oder missbrauchenden Elternteils eine gleich große Bedeutung im Ursprung der Borderline-Persönlichkeitsstörung hat, wie die Misshandlung und der Missbrauch in tätlicher Form.

Zusammenfassend können wir heute von davon ausgehen, dass verschiedene Kindheits-Traumen zwar wichtige Faktoren für die Ausbildung einer Borderline–Psychopathologie sind wie zum Beispiel:

      • frühe Trennung der Eltern
      • Verlust
      • Sexueller Missbrauch
      • Körperliche Misshandlung
        Sie sind aber nicht der einzige (!) Grund für die Entwicklung dieser Störung.

Mit Sicherheit ist kein Einzelereigniss für die Entwicklung dieser gigantischen Bandbreite einer Borderline–Störung verantwortlich.

Und gerade wegen dieser „extrem großen Bandbreite“ der Symptome müssen wir

      • chronische Erfahrungen dramatischer Ereignisse
      • Und das „gestörte Umfeld“ in welchem diese gemacht werden
        auch als wichtige Ursache für die Entstehung einer Borderline–Persönlichkeitsstörung anerkennen.

Immer wieder kommen wir zu dem Schluss zurück: Das Fehlen einer vernünftigen Unterstützung in Form von stabilen Familienstrukturen Beruhigender Anwesenheit Einer aktiven Erziehung

All das ist deutlich stärker an der Entwicklung einer Borderline–Persönlichkeit beteiligt als ein einzeln erlebtes Traumata.

 

3.2 familiäre Prozesse

3.2.1 gestörtes Engagement der Eltern

Wenn wir uns die Familien von Borderline-Patienten etwas näher anschauen dann finden zwei Erziehungsstiele die gegensätzlicher und unterschiedlicher nicht sein können:

      • Über-Engagement der Eltern
      • Unter-Engagement der Eltern

Obwohl Borderline-Patienten logischerweise aus den unterschiedlichsten Familientypen kommen können, ist eine Unterscheidung in diese beiden extrem voneinander unterschiedlichen Varianten bei einer Strukturierung und einer Planung späterer Therapien sehr hilfreich.

Beide Familientypen haben trotz ihrer Verschiedenheit eins gemeinsam: Das Streben des jungen Borderline–Patienten nach Unabhängigkeit, Freiheit und Autonomie in der Familie löst eine große Furcht aus: Die Furcht, dass die Familienbande dadurch zerstört wird.

Bei beiden Typen ist dieselbe Dynamik zu erkennen, in welchem eine innere Spaltung der Eltern (insbesondere in Bezug auf Abhängigkeit und Freiheit) nun auf das eigene Kind projiziert wird.

Borderline – Kinder aus überengagierten Familien stehen oft im Kampf mit ihrer Abhängigkeitproblematik.

Ein noch häufiger zu beobachtendes Verhaltensmuster in diesen Familien, besteht in der Vernachlässigung der Bedürfnisse und der Gefühlen der Kinder durch eine zu geringe empathische Sorge durch die Eltern.

In diesen Familien spiegelt das „Nicht-Engagement / dieser Nicht-Einsatz“ den starken Hunger nach Gefühlen oft nicht nur bei dem Borderliner wider, sondern auch bei den anderen Familienmitgliedern!

Das ist jetzt wieder mal ein wichtiger Begriff: dieser „unstillbarer Hunger“

Dieser unstillbarer Hunger des Borderliners – nach Nähe und haltenden Emotionen – kann auf den Elternteil (welcher sich ja selber diese Liebe und Anerkennung wünscht) zu überwältigend sein. Eltern haben in diesen Familienkonstellationen oft selber ein gestörtes Verhältnis dazu, Liebe zu geben oder anzunehmen.

Die „lieblose Kontrolle“ / „The affectionless controll“

Es gibt einen hervorragenden Fragebogen über welchen die zwei Dimensionen des elterlichen Verhaltens (die Fürsorge und der Schutz) sehr gut erfragt werden können.

Der Fragebogen „Parental Bonding Instrument“ (PBI) / Deutsch: der Kindheitsfragebogen  stellt diese beiden Gegensätze – Fürsorge/Schutz – gegenüber.

      • Ein starker Ergebnis-Ausschlag zum Thema Schutz entspricht hierbei einem zu starken familiären Engagement
      • und ein Niedriger kann ein Hinweis auf Vernachlässigung und zu wenig Engagement sein.

Nun hat man diese Fragebögen bei Borderline-Patienten zu Grunde gelegt und sie anschließend mit denen von schizophrenen, schizotypischen, anderen „Nicht-Borderline-Patienten und „normal lebenden Menschen“ verglichen.

Und tatsächlich: es gab ein übereinstimmendes Muster bei den Borderline-Patienten: Das Muster sah so aus, das beide Elternteile von deren Borderliner-Kindern als weniger fürsorglich, dafür aber als deutlich stärker schützend erlebt wurden. Deutlicher als dies die jeweilige Kontrollgruppe im Vergleich gesehen hat.

Aus dieser Kombination von geringer Fürsorge und überstarkem Schutz kam dann der Begriff von „lieblosen Kontrolle“ auf.

Eine typische Beschreibung von den eigenen Eltern ist: Sie waren unfähig Emotionen zu geben, konnten aber nicht loslassen.“

So ein überstarker Wunsch nach Kontrolle darf nicht mit dem Wunsch nach Fürsorge verwechselt werden!

Diese Eltern waren und sind selber noch mit ihren ungelösten Konflikten beschäftigt und übertrugen dies nun auf ihre Kinder.

Wenn wir diese Studien immer zu Grunde legen dann ist die „Kontrolle“ der einzig wirklich aussagefähige Messfaktor für eine Borderline–Psychopathologie wenn wir die Umweltvariablen zu Grunde legen – also alles was NICHT genetisch ist.

Gibt es also eine Entstehung von Borderline in der Familie?

Nach den heutigen Ergebnissen aus dem Studien müssen wir sagen dass eine Kombination aus elterlichem Über-Engagement und gleichzeitige Vernachlässigung, Missbrauch, Misshandlung und „Minder-Engagement“ diese krankheitsfördernde Dynamik in den Familien auslöst.

Kommen dann bei dem Borderliner noch die Reaktionen aus den Traumen hinzu (die Bildung einer prätraumatischen Persönlichkeit-Struktur) dann ist Tür und Tor für dauerhafte Probleme im zwischenmenschlichen Bereich geöffnet.

Mit  anderen Worten ausgedrückt: Es ist der Konflikt eines Borderliners zwischen der Angst vor dem Verlassenwerden und der Furcht vor der Beherrschung!

Das ist so ein Durcheinander im Kopf des Patienten:

      • Er hat einerseits Angst vor einem familiären Verlassenwerden wenn er erwachsen geworden ist und sich nun so langsam von der Familie in sein eigenes Leben begibt.
      • Und auf der anderen Seite befürchtet er aber auch total unterworfen und beherrscht zu werden wenn er bei dieser Familie bleibt und sich ihren Wünschen unterwirft.

Was für ein Konflikt!

3.2.2. Streit liegt in der Luft

Borderline-Patienten berichten häufig von Konflikten Feindseligkeiten und einer chaotischen Unvorhersehbarkeit des Verhaltens der Eltern.

Diese Kombination aus eine zu geringen „Verhaltens“-Struktur und einem zu geringen Zusammenhalt in der Familie  führt zwangsläufig zu Konflikten bei den Familienmitgliedern.

In diesen Familien existieren kaum wirksame RollenzuteilungenUnd es besteht kaum die Möglichkeit seinen Gefühlen und seinen Erwartungen genügend wertschätzenden Ausdruck zu vermitteln.

Es wird immer wieder deutlich, dass eine Kombination von konstant negativen und zerstörerischen Affekten / Gefühlsausbrüchen mit einer inkonsequenten elterlichen Autorität und Führung fast schon übermächtig häufig antisoziale Verhaltensweisen in der Pubertät und auch depressive Symptomen hervorruft. 
Und das alles in einer Anzahl, dass dies nicht mehr wegzudiskutieren ist.

Die alles sind Dinge die man sich nicht ausgedacht hat, sondern man hat diese durch die Studien retrospektiv (also über die Diagnose in die Vergangenheit blickend) analytisch herauskristallisiert hat.

Was können wir jetzt zusammenfassend über diese frühen Familien-Interaktionen sagen?

Borderline – Patienten sind deutlich häufiger in chaotischen Familien aufgewachsen Die wahrscheinlich mit eigenen großen Schwierigkeiten wie zum Beispiel finanziellen Problemen, Gesundheit etc. zu kämpfen hatten Und in denen die Eltern nicht in der Lage darin waren für eine ausreichende Erziehung, Schutz oder emotionalen Halt zu bieten.

      • Wir sprechen hier von Familien in denen die Bindung fehlten
      • und in denen der Ausdruck von Gefühlen nicht zur Unterstützung der Eltern führte sondern eher zu Kritik, Vorwürfen oder zu überhaupt keine Antwort.
        (Das Beispiel von dem Jungen, dessen Tagebuch vorgelesen wurde und man sich darüber lustig machte)

Das waren jetzt retrospektive Untersuchungen. Schauen wir uns mal Untersuchungen an, welche die aktuelle Interaktion / das aktuelle Miteinander der Familie im Fokus haben:

3.2.3. Das aktuelle Verhalten innerhalb der Familie

Es ist einerseits richtig, in die Vergangenheit zu schauen und daraus Ergebnisse für das JETZT (!) zu sehen….. Andererseits hat es aber auch einen starken Vorteil sich den laufenden Interaktionen innerhalb der Borderline – Familie zuzuwenden.

Denn aus den Beobachtungsergebnissen können sich häufig sehr viel besser Strategien zur Strukturierung einer Therapie ableiten lassen – und um die Therapie geht es ja jetzt!

Die Annahme hierbei ist relativ klar:

  • Das was sich in frühester Kindheit und in der Pubertät im Verhalten zwischen älteren Kindern als krank / pathogenetisch gezeigt hat,
  • das wird auch beim Erwachsenen Patienten weiter fortbestehen und die aktuelle Borderline–Psychopathologie aufrecht halten.

Eine hoch interessante Untersuchung von den Professoren Shapiro und Zinner zeigt auf, dass sich eine Borderline–Psychopathologie fast immer an den Strukturen der Rollen-Zuteilungen innerhalb der Familie erkennen lässt:

„ die Eltern stellen den Heranwachsenden z.B. als einen unfähigen Menschen dar, der nicht für sich für sich selbst sorgen kann und sind darum in ihrer Kontrolle überengagiert.“

Die Professoren gehen aufgrund Ihrer Beobachtungen davon aus, dass bei diesen Eltern nun wieder die eigenen unbewältigten Konflikte aus ihrer Kindheit im Zusammenhang mit Autonomie und Abhängigkeit aufkommen wenn das eigene Kind sich selbstständig machen möchte und man fällt in eine gesamtfamiliäre Regression.

Kurz zum Thema Regression:

Wir sprechen von einer Regression wenn man (z.B. aufgrund von starker Belastung) wieder in frühere Stufen der Entwicklung zurückfällt. Problemlösungen werden dann häufig nicht mehr kognitiv / überlegt angegangen sondern in reflexhaftem Schreien, Spalten oder sonstigem abwehren.

Mehr Informationen in meinem Video: Borderline verstehen – Die Regression

Du findest dieses Video unter folgendem Link: https://youtu.be/8hmHIFebHvo

Möchte ein Familienmitglied nun mehr Freiheit (im Rahmen der beiden natürlichen Separations- / Trennungsphasen: im Alter von 2-3 Jahren und in der Pubertät) dann hält dies die Familie fälschlicherweise für den Ausdruck einer Entwertung und einer Zurückweisung der familiären Werte. Und reagiert vollkommen falsch …

Anstatt das kleine Kind oder den jungen Menschen der Pubertät jetzt in seinem natürlichen Streben nach Unabhängigkeit zu fördern, versagen diese Familien und Antworten mit noch mehr Kontrolle.

Wie kann man in so einem Fall therapeutisch vorgehen?

Durch die Unterstützung einer begleitenden Familientherapie, einer Paartherapie für die Eltern, kann eine Neuordnung in dieser Familien-Interaktion angestrebt werden.

Es geht häufig nur miteinander! Darum ist eine Integration der Eltern fast immer zwingend notwendig.

Das Ziel solch einer „Familien“-Therapie besteht darin, die Spaltung zu verringern eine Ambivalenz Toleranz zu fördern und nicht zuletzt:  bei den Eltern verleugnete, projizierte Selbstanteile zurück zu gewinnen

Das Muster von Kommunikationsstörungen

Einige Untersuchungen haben außerdem belegt, dass Eltern von Borderline-Patienten ihre eigenen Kinder ganz anders wahrnehmen als diese sich selbst.

Borderline-Patienten erleben sich in einem deutlich höheren Maß als von ihren Eltern entfremdet als Nicht–Borderliner.

Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass sich Eltern des inneren Erlebens ihrer Borderline-Kinder oft nicht bewusst sind. Dadurch entwickelt sich fast zwangsläufig ein starkes Gefühl der Entfremdung bei dem jungen Patienten.

Professor Shapiro hat das mit dem schönen Satz auf den Punkt gebracht: „es ist das Fehlen von neugierigem Interesse aneinander.“

In diesen Studien fand man heraus, dass sowohl das gestörte Beziehungsmuster zwischen den Eltern und ihren Kindern aber auch die viel zu geringe Kommunikation in diesen Familien  in direkten Zusammenhang mit dem Verhalten der Borderline-Kinder steht.

Was für Rückschlüsse können wir hieraus ziehen?

      • Das typisch impulsive Verhalten,
      • die Suizidalität und
      • das selbstzerstörerische Verhalten der Borderline–Patienten
        kann als „spezielle Kommunikationsform“ verstanden werden (ein lauter und trotzdem stummer Schrei nach Liebe)

        Und es zeigt das Bedürfnis nach elterliche Aufmerksamkeit und die flehentliche Bitte um Beteiligung an ihrem Leben.

All das geschieht auf eine so deutliche Art und Weise dass diese nicht mehr zu ignorieren ist oder über die man nur schwer wütend werden kann denn meistens verletzt er sich ja selbst….

Die Konsequenz daraus: Eltern von Borderline-Patienten sollte erklärt werden, dass das selbstzerstörerische Verhalten, das suizidale Denken ihrer heranwachsenden Borderline–Kinder mit einer besseren Kommunikation überflüssig werden könnte.

Ich finde, diese Studie hat Zündstoff.

Eine sehr wichtige therapeutische Konsequenz hieraus besteht darin, bei den Eltern eine gewisse Neugier und einen aktiven Umgang mit dem Borderline-Patienten zu fördern  um damit ihre Fehlwahrnehmung zu korrigieren.

Kommunikationsdefizite werden durch Kommunikation in der Therapie als Hauptproblem identifiziert! Und genau das kann auf einem gut strukturieren therapeutischen Weg ebenso wieder korrigiert werden.

Was sagen die Studien noch?

Andere Untersuchungen zeigen dass in Borderline–Familien eine sehr geringe emotionale Ausdrucksfähigkeit zueinander (!) existiert.

Der Fragebogen: DRS Dyadic Relationship Scale“ wurde diesen Studien zu Grunde gelegt. 
Das Ergebnis: die emotionale Ausdrucksfähigkeit wird von allen Familienmitgliedern (!) als vollkommen unzureichend

Die Folge davon ist, dass in den Borderline– Familien verwischte Grenzen in der Familienhierarchie herrschen das die Generationsgrenzen zusammenbrechen.

Die Folge: ein Chaos und ein Durcheinander bezüglich bestehender Grenzen / oder auch möglicher Werte die gar nicht zum Tragen kommen können innerhalb solch einer Störung.

Dieses inkompetente „Durchprügeln“ von Regeln und unangemessene Bestrafen wird typischerweise und regelmäßig aus Borderline–Familien berichtet.

Wie kann man therapeutisch dagegen vorgehen?

Es scheint sinnvoll, in Familientherapien auf eine Strukturierung der Familienhierarchie hin zu arbeiten und Eltern zu helfen dem Verhalten ihrer Kinder klare Grenzen zu setzen. (Das Beispiel eines Leuchtturms mag hier helfen) 

So, das waren jetzt einmal eine Zusammenfassung der mir bekannten Studien in Bezug auf die drei Bereiche der

      • Entwicklung,
      • der Epidemiologie und
      • der deskriptiven Faktoren

In einem künftigen Bericht werde ich dann darauf eingehen welche verschiedenen therapeutischen Ansätze zur Zeit diskutiert werden um diesem Chaos in den Familien zu begegnen.

Bleiben wir gespannt, was die Zukunft noch über dieses Thema bereithält. 

 

 

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Umgang mit einem Borderliner – technische Neutralität

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  • Das Wort Neutralität kommt aus dem lateinischen ne-utrum „Keines von beiden“.

Im Grunde genommen bedeutet es nichts anderes als: unparteiisch, geschlechtslos, um geladen, ausgewogen

Eines der wichtigsten Ratschläge im Umgang mit einem Borderliner –Patienten in deiner Umgebung – und hier ist es wirklich egal ob er in deiner Verwandtschaft / Bekanntschaft / Arbeitskollegen / Schule / Verein mit dir in Kontakt ist.

Das Verhaltensschema der Borderline-Störung ist sich in seiner Spaltung sehr ähnlich und der Ratschlag bleibt darum immer der Gleiche:

Bleibe in deiner „technischen Neutralität“.

Das bedeutet aber nicht, dass du dich von jetzt ab total gleichgültig, uninteressiert in Deinem Umgang zum ihm verhalten solltest.

Sigmund Freud hatte aber in seinem Brief an seinen Freund Oskar Pfister 1916 bereits geschrieben, dass wir uns vor Mitleid schützen müssen.

Mitleid ist nichts anderes als eine Aggression in einem „veredelten Kleid“Man nennt dies eine sublimierte Aggression.

Wenn wir Mitleid zu einem Borderline-Patienten empfinden dann bedeutet dies dass wir ihn eigentlich herabsetzen und nicht als vollwertige, normale Person in unseren Augen respektieren.

Sei dir stets bewusst: dass ist bereits die erste Stufe der Verführung durch den Borderliner. Die Folge dieser Verführung wird die Spaltung sein indem du von ihm entweder zu einem idealisierten oder zu einem verfolgenden Objekt kategorisiert wird.

Was bedeutet dies nun aber für unseren Umgang mit einem Borderliner?

      • Das bedeutet, wir müssen ihm gegenüber immer direkt sein!
      • Wir müssen uns klar auch trauen, ihn zu fragen: „warum, wieso?“
      • Und wir müssen uns auch trauen, den Patienten nicht in seiner Mythologie / seinen Geschichten / seiner „Denkwelt“ zu bestätigen.

Zusammengefasst: Wir müssen alles versuchen, uns von seinen Übertragungen zu lösen.

Seine Fragen an uns:

      • glaubst du mir nicht?
      • Bist du nicht meiner Meinung?
      • Ist das nicht schrecklich? 
        diese sollten wir besser mit Gegenfragen erwidern:
      • „Warum brauchst du meine Meinung anstatt deine eigene zu vertreten?“

D.h. also nichts anderes als dass ich meiner persönlichen Meinung (bin ich Therapeut: dass ich meiner persönlichen Arbeit) treu bleibe anstatt den Wünschen des Gegenübers / des Borderliners  zu entsprechen.

Was wird in 9 von 10 Fällen die Folge sein?

Nun, sei Dir bewusst, das dies dann der Anfang einer typischen Übertragung sein wird, in welcher Du erstmal als sadistisches Objekt eingestuft wirst. Du bist dann der Böse!

Das ist natürlich schwer für einen Angehörigen, Freund aber auch für den Therapeuten zu tolerieren. Niemand ist gerne ein sadistisches / ein böses Objekt in den Augen des Anderen. Auch nicht wenn er ein Borderliner ist.

Meiner Meinung nach aber ist diese Toleranz / und diese Neutralität genau die richtige und wichtige Vorbedingung für eine Loslösung von Gegenübertragung und Übertragung mit dem Borderliner.

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Ein Borderliner wie niemals als Borderliner geboren

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Borderline entsteht nicht aus dem Nichts

Das Leben als Borderliner ist ein ständiges Leben im Notwehr – Modus. 
Angst kommt von Enge. …. (indogermansich anghu = beengend / Althochdeutsch angust. 
Wenn diese Enge nun den Blick in einen Tunnelblick verengt, dann handelt man nicht mehr aus dem „Erwachsenen-ICH:“ welche Alternativen stehen mir zur Verfügung“?

Stehst du vor einem Löwen der Dich vielleicht fressen will, dann greifst du zu jedem Gegenstand, auch zu einem Kostbaren um diesen nach dem Löwen zu werfen.

      • Auch auf die Gefahr hin, dass dieser Gegenstand (der eigentlich sehr wertvoll ist) zerstört wird. Es geht hierbei aber um dein Leben – und da ist jedes Mittel recht…

Der Borderliner, der sich permanent im Notwehr /Abwehr – Modus befindet, der handelt in diesen Modus irrational. Der Grund für sein Verhalten jedoch ist immer wieder diese massive Angst!

Wir reden heute schonungslos offen über:

      1. sexueller Missbrauch
      2. Körperliche Misshandlung
      3. Emotionaler und verbale Missbrauch (abwertende und beleidigende Bemerkungen)

Die These welche ich mit diesem Beitrag untermauern möchte ist:

Borderline entsteht nicht aus dem luftleeren Raum! Borderline hat Ursachen, welche in unserer heutigen Gesellschaft immer noch gerne lieber unter den Tisch gekehrt als offen dargelegt zu werden.

Lass uns über diesen „Seelen Mord“ in dieser Abhandlung einmal klar und deutlich sprechen.

Laut der offiziellen Statistik der Polizei gab es in Deutschland im Jahr 2019: 3034 Fälle von Kindesmisshandlung (nach dem §225 des StGB) 
Leider ist die Dunkelziffer viel viel höher. …

Auch wenn es über diese Dunkelziffer logischerweise keine genauen Zahlen gibt, so zeigen Befragungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass bis zu 10 % aller Eltern schwerwiegende und recht häufige Körperstrafen bei ihren Kindern anwenden.

In einer Anhörung im Mainzer Landtag wurde einmal geäußert, dass jede 4. Frau vor dem 14. Lebensjahr Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in der Familie hatte.

Die Welt Gesundheits-Organisation (WHO) geht für Deutschland – von 1 Million Betroffener Mädchen & Jungen aus, die sexuelle Gewalt an sich erfahren haben.  Um das einmal etwas zu verdeutlichen: 
Das wären pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder.

 

(1)     Was ist der Ursprung der Borderline-Störung?

Diese Zahlen sind erschreckend und für unsere Gesellschaft gleichermaßen beschämend! 
Wenn wir uns mit dem Ursprung der Borderline-Persönlichkeitsstörung befassen, müssen wir zugeben, dass die eigentliche Ursache, warum eine Person eine Borderline –Störung bekommt immer noch nicht ausreichend beantwortet werden kann.

Es ist (Stand heute) immer noch nicht bis ins letzte Detail geklärt, ob es eine klare, konkrete und spezifisch (abgrenzbare) Ursache für eine Borderline – Störung gibt.

Gemäß dem englischen Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896 – 1971)

      • fehlt diesen Kindern auffallend häufig in der ersten Lebensphase eine haltende, stützende und schützende Umgebung.

In seinen Beobachtungen sah er, dass diesen Patienten die Erinnerungen an frühe Erlebnisse fehlten, in denen sie ein Sicherheits- und Identitäts-Gefühl aufbauen konnten und deshalb auch im späteren Leben nicht mehr in der Lage waren, ein solches Gefühl zu entwickeln.

Ich möchte dich einladen mein Video über die Transaktionsanalyse Teil 3. (Woher kommt das Gefühl  „nicht okay“ zu sein?) anzuschauen um dich mit diesem Punkt (die Wichtigkeit des Sicherheitsgefühls in den ersten Lebensmonaten) etwas vertrauter zu machen.

Ein Kind ist am Anfang seines Lebens zu 100% auf die Fürsorge seiner Eltern angewiesen! Ansonsten wäre es hilflos gegenüber dem Leben

Bis hierhin ist es, so denke ich, ja noch klar und verständlich. Wichtig ist aber folgende Erkenntnis in der psychologischen Entwicklung:

Nur durch die andauernde aktiv haltende Position der Mutter (und der allernächsten Umgebung), können sich Sicherheitsgedanken entwickeln!

Dieses Entwickeln möchte ich immer wieder betonen! Ein Kind hat nicht von sich aus den Gedanken dass es sich sicher fühlt. Diesen Gedanken muss es erst entwickeln! 

Fehlt ihm diese haltende Funktion der Mutter oder der allernächsten Umgebung dann wird sein Bild von seinen Eltern so stark verzerrt dass bei ihm aggressive böse Objekt-Bilder entstehen.

Im Falle einer guten und gesunden Entwicklung würden diese beiden Objektvorstellung („gut“ und „böse“) in aller Ruhe entwickelt.

Bei einer ungesunden (pathologischen) Entwicklung geht dies völlig schief:

Die Folge davon ist 
(1) eine Verzerrung und 
(2) die Projektion eigener aggressiver Impulse auf die Mutter.

Dadurch wird die Mutter von dem Kind dann potentiell immer als gefährlich erlebt. Das Kind beginnt die Mutter zu hassen. Dieser Hass weitet sich dann auch auf den Vater aus!
Denn es kann unter dem Einfluss seiner Spaltungsprozesse nur sehr schlecht (wenn überhaupt) zwischen Vater und Mutter unterscheiden.

Das ist der Grund warum
zuerst die Eltern und
später der jeweilige Sexualpartner als bedrohlich und aggressiv erlebt wird von dem Borderliner.

(2)     Der Zusammenhang zwischen Missbrauch/Misshandlung / Missachtung und Borderline – Störungen

 

Es gibt trauriger Weise zu Misshandlung / Missbrauch / Missachtung bei Borderline-Patienten auch in der fundamentalen Borderline – Literatur kaum konkrete Hinweise – obwohl die reale Diagnose so eine deutliche Sprache spricht..

Auf der Suche nach einigen Studien habe ich so manche allgemeine Hinweise auf die Bedeutung einer konkreten Inzest – Problematik für die Entstehung einer Borderline-Störung zwar gefunden jedoch sind die ganz konkreten Hinweise nur wenig vorhanden.

 

(2.1) warum wird nicht jeder Borderliner?

 

Die Zahlen von Kindesmisshandlungen decken sich aber nicht mit den Zahlen von Borderline. Das bedeutet, dass wir nicht 1:1 sofort eine Kindesmisshandlung oder emotionale Verwahrlosung zu einem künftigen Borderline Symptom/Störung klassifizieren dürfen.

Was macht einen Menschen so anfällig für Misshandlung  oder gibt es Dinge die vielleicht fehlen die dann zu einer Borderline – Störung führen?

Aktuelle Studien zeigen, dass mehrere (!) sich gegenseitig beeinflussende Faktoren darüber entscheiden, ob ein sexueller Missbrauch/körperliche Misshandlung/emotionale Verwahrlosung eines Kindes

      1. zu einer psychischen Störung führt…
      2. wie schwer diese wird
      3. und mit welchen Symptomen sie dann zu erkennen ist.

Nach heutigem Wissen sind folgende Rahmenbedingungen für das Ausbilden einer Borderline – Persönlichkeitsstörung mitverantwortlich:

      1. Das Alter des Kindes zu Beginn des Missbrauchs/der Misshandlung
      2. Die Art und die Dauer der Missbrauchs-Handlungen
      3. Sehr wichtig: die Persönlichkeits Entwicklung des Opfers nach (!) den traumatischen Ereignissen
      4. Mit die größte Strahlkraft hat die Qualität der familiären Beziehungen
      5. Und nicht zuletzt die Persönlichkeitsstruktur der Eltern … und vielleicht sollten wir auch hier die Geschwister erwähnen.

Gerade wenn wir uns den letzten der 5 Punkte anschauen – die Persönlichkeitsstruktur der Eltern und der allernächsten Verwandten (Geschwister) dann muss man sich Folgendes vergegenwärtigen:

Der Täter/die Täterin kann sich – außerhalb der Zeit wo er den Missbrauch/die Misshandlung durchführt – auch vollkommen anders eventuell sogar normal zum Opfer verhalten.

Das macht die Situation ja noch verwirrender für das Kind!

Der Partner des Täters Er/sie spielt ja auch eine wichtige Rolle. Er könnte sich – je nach eigener Persönlichkeitsstruktur – und in seiner Beziehung zum Täter mehr oder weniger für den Schutz des Kindes einsetzen

Gleiches trifft auch eventuell auf vorhandene Geschwister und eventuell miteinander lebenden Verwandten zu.

Im besten Fall können sich Familienmitglieder schützend für das Kind einsetzen um weitere traumatisierende Taten zu verhindern und größeren Schaden vermeiden.

2.2. Die Bildung einer Spaltung

Das waren bis jetzt so allgemeine Rahmenbedingungen die eine Borderline Entwicklung fördern oder verhindern.

Es gibt aber eine sehr spezielle Entwicklung im Leben eines jungen Menschen welche wie eine Weggabelung wirkt ob ein Missbrauch/eine Misshandlung in der Kindheit eine Krankheit ausbildet oder nicht:

  • Es ist die Art der sich beim Kind entwickelten Abwehrmechanismen! Und hier muss besonders die Spaltung als Abwehrvorgang zur Vermeidung einer allgemeinen generalisierten Angst genannt werden.

Die Spaltung in das „gute“ und das „böse“ entsteht bei extremen Erfahrungen wie Frustration / Aggression 
Diese Spaltung dient zum Schutz des „ICH“ vor Konflikten.

In der Fachsprache wird dieser Spaltungskonflikt folgendermaßen beschrieben:

Es ist eine Dissoziation (ein aktives Auseinanderhalten)

      • von miteinander in Konflikt stehenden Introjektionen und Identifizierung von
      • libidinös und
      • Aggressiv determinierten Verinnerlichungen und Identifizierungen.

Um Borderline zu verstehen muss man manchmal von solchen komplizierten Sätzen aus starten und sich dann in das „normale Deutsch“ hinüber arbeiten. Also welche Fachbegriffe haben wir jetzt hier gehört?

    • libidinös / aggressiv determiniert:
      • Determiniert heißt „Festgelegt“
      • Libidinös besagt: auf die sexuelle Lust bezogen. Libidinös könnte man übersetzen: das ist die Seite der Lustmaximierung (nach Freud)
      • Aggressiv determiniert (aggressiv festgelegt) Nach Freud ist dies die Unlustvermeidungsseite
    • Introjektion / Identifizierung sind die. 2. und 3. Teil der Internalisierungsprozesse eines Kleinkindes dar.
      • Introjektion Ist die noch unreife Verinnerlichung von äußeren Realitäten in der frühen Kindheit.
      • Identifizierung Ist die noch reife Form der  Verinnerlichung äußere

Das Thema Internalisierung und seinen Gegenspieler die Externalisierung,

  • werden wir mal in einem separaten Beitrag miteinander  in Ruhe besprechen.

Kurz an der Oberfläche zusammengefasst bedeutet es: die Aneignung oder die Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte, Sitten Normen und Rollen.

        • Es könnte zum Beispiel die Art und Weise sein
          • wie man sich grüßt,
          • ob man sich die Hände wäscht
          • wie lange man auf jemand Fremden in öffentlichen Verkehrsmittel schaut und und und.

Das ist eine normale Internalisierung. 

Aber bei der Introjektion und der Identifizierung kann vieles schieflaufen. und die dafür anfälligen Menschen zu einer Persönlichkeitsstörung führen.

Die Spaltung ist eine der langfristigem Folgen von körperlicher/sexuelle Ausbeutung.

  •  

(2.3) Die chronische posttraumatische Belastungsstörung.

 

Die typischen Symptome der chronischen PTBS sind:

      1. Das ständige Wiedererleben des traumatischen Ereignisses
      2. Eine psychische Erstarrung einen einfrieren oder auch im Fachbegriff als „emotionale Anästhesie“ bezeichnet
      3. Und zusammengefasst als dritter Punkt: Eine Vielzahl vegetativer und kognitive Symptome.

Gerade diese chronische posttraumatische Belastungsstörung – mit ihren ganzen Symptomen – führen zu einer emotionalen Instabilität.

Und diese depressiven Verstimmungen, diese Schuldgefühle beeinträchtigen

      • nicht nur sämtliche zwischenmenschliche Beziehungen des Opfers.
      • Sie können darüber hinaus in der Folge auch zu dem typischen (bei Borderline) selbstschädigenden Verhalten und Suizidhandlungen führen.

(3.) Die Objektbeziehungstheorie wird begründet

Bei meinen Nachforschungen über die Entwicklungsstörungen durch Misshandlungen bin ich auf Sandor Ferenczi (ein ungarischer Neurologe Psychoanalytiker, 1873/1933) gestoßen.

Wenn du einige meiner Videos schon betrachtet hast dann weißt du, dass die Transaktionsanalyse eines meiner Steckenpferde ist um Persönlichkeitsstörungen wieder in die Richtung Normalität zu führen.

Sandor Ferenczi hat die tiefgreifende Störung des Selbstwertsystems durch sexuelle Misshandlung/Inzest hervorragend mit folgenden Worten beschrieben: 

Er schrieb,

      1. dass die Persönlichkeits-Form des misshandelten/missbrauchten Kindes nur aus dem „Es“ und dem „Über-Ich“ besteht.
      2. Und das das Alleinsein – für dieses (aufgrund der schlimmen Entwicklungsumstände) nicht ganz entwickelte Kind – unerträglich sei!

Schauen wir uns den Punkt eins einmal näher an:

Wenn du dich etwas mit Freud schon mal auseinandergesetzt hast, dann weißt du dass diese beiden Bereiche den Bauch (Es) und den Kopf (Über –Ich) beschreiben. 
Was hier aber fehlt ist das ICH! Oder wie wir es in der Transaktions – Analyse beschreiben würden:
— das Entscheidungs/ Erwachsenen – ICH.

Jemand ohne Entscheidungsmitte – dem dieses Persönlichkeitsmerkmal durch die Missbrauchs Handlungen förmlich amputiert wurde – hat also Überhaupt nicht die Fähigkeit sich gegen eine Unlust zu behaupten!

Seine Gefühle platzen bei jeder möglichen (und auch unmöglichen) Situation ungefiltert nach außen heraus.

Denk mal jetzt über diesen gerade gesagten Gedankengang nach:

Du hast einen Menschen vor dir der in den unlogischsten Momenten emotional ausbricht.

Mit dem Wissen durch dieses Video und den Worten von Sandor Ferenczi — kannst du dich nun vielleicht etwas besser in die Psyche der betroffenen Person hineinversetzen.

Durch die Misshandlung ist hier der wichtige Persönlichkeitsanteil (Erwachsenen – ICH / die Entscheidungsmitte) weggeschnitten / kastriert worden.

Was bleibt, ist ein reines emotionales Agieren. Und Emotionalität ist weit von Rationalität entfernt.

    • Fehlt das Mütterliche in der dyadischen Beziehung zwischen Baby und Mutter –
    • und wird dies nicht durch andere Bezugspersonen ausgeglichen,
      dann ist das die Ursache für die Selbst-Pathologie des Inzest-opfers.

Selbst Pathologie: die „Fähigkeit“ sich durch ein falsches Denken in eine Krankheit hinein zu bringen.

Sandor Ferenzi hat hier, obwohl er grundsätzlich ein Schüler von Sigmund Freud war, den Grundstein für eine neue psychoanalytische Theorie geschaffen welche wir heute als Objekt Beziehungstheorie

Sie selber wurde maßgeblich von der britischen Psychoanalytikerin Melanie Klein (1882 – 1960) begründet.

Gib mir ein paar Sekunden Zeit für einen kleinen Erklärungsschlenker:

Nach Sigmund Freud ist der Mensch trieborientiert in seinem Handeln.

Das lässt dann aber den Schluss zu, dass der Mensch aufgrund seines eigenen Triebes auch eigenverantwortlich ist für das was in seiner Entwicklung mit ihm geschieht. 
Das können wir bei einem Neugeborenen und kleinen Baby so nicht ganz stehen lassen!

Zwar hat jeder Mensch gewisse Triebe (Antriebe) …. jedoch sind wir alle soziale Wesen und leben in einer Resonanz-Beziehung zu unserer Umwelt.

Diese „Resonanz-Beziehung“ ist die Grundlage für die Objekt-Beziehung nach Melanie klein.

3.1.Die 3 Phasen der Kindesentwicklung

Wenn wir uns die Objekt Beziehung eines Neugeborenen in den ersten drei Jahren einmal näher betrachten, so finden wir drei voneinander abgrenzbar Phasen:

    1. Die Phase I:
      • die Fütterungsphase (0-3 Monate) und
      • die Bindungsphase 3-6 Monate)
    2. In der Phase II gibt es
      • die Separation (6-9 Monate) und
      • Individualisierung des Menschen (9-18 Monate).

Hier versucht das Kleinkind immer wieder von der Mutter weg in die große weite Welt zu krabbeln und hat das Gefühl einer Allmächtigkeit („Ich schaffe alles“).

    1. Die Phase III ist gekennzeichnet durch
      • die Wiederannäherung und am Ende der Konsolidierung/Verfestigung der Beziehung zu den Menschen in der Außenwelt.

3.2. Die Entstehung der Borderline-Störung

Für die Entstehung der Borderline – Persönlichkeitsstörung ist jetzt die Phase (2) besonders wichtig zu beachten:

Während der Separationsphase und der Individualisierungsphase sollten lustvolle und aggressive Bestrebungen allmählich in dem Kind integriert und geordnet werden. (Freude nannte sie: die Unlustvermeidung und Lustmaximierung).

Zuvor existieren diese noch sehr ungeordnet/chaotisch nebeneinander.

In dieser chaotischen Phase ist das Kind noch komplett ambivalent oder ambitendentiellEs ist hin und hergerissen zwischen (1) Trennungsangst /Sicherheitsstreben und (2) der Entwicklung der eigenen Autonomie  und damit einer Distanz zur Mutter aber gleichzeitig auch dem Wunsch nach einer tiefen innigen Liebe und Nähe zu ihr.

Das „erfolgreiche“ Durchlaufen dieser besonders wichtigen Phase ist eine Voraussetzung dafür, dass sich die inneren Vorstellung von dem ICH und der Außenwelt den Bezugspersonen zu stabilen selbst – und Objektrepräsentanzen ausbilden.

Sie sind das allerwichtigste Fundament eines gesunden SELBST /eines starken ICH 

Diese Selbst –/Objektrepräsentanzen sind unverzichtbar um ein Vertrauen in andere Personen und in sich selbst auszubilden.

Eine Beziehungsfähigkeit kann niemals ohne eine stabile SELBST / Objektrepräsentanz entstehen!

Diese Beziehungsfähigkeit ist beim Borderline-Patienten nicht gelungen!

Die Folge davon ist

      • ein extrem chaotischer / heftiger Symbiose-Wunsch
      • der gleichzeitig immer wieder in das andere Extrem – der heftigen Ablehnung – hinüberkippt.

Hierdurch entstehen die ständigen/schwankenden Beziehungsmuster. Das geringste Fehlverhalten (in den Augen eines Borderliners) eines Freundes

    • bringt den Borderliner dazu, sein inneres Bild des Freundes komplett einstürzen zu lassen.
    • Die Idealisierung kippt um und an ihre Stelle treten Entwertung und Hass.

________________________________________________

Nochmals zur Wiederholung:

Um die wichtigen Entwicklungsschritte gut durchschlafen zu können, ist das kleine Kind ganz besonders in der Separationsphase / individuationsphase auf zwei Dinge angewiesen:

      1. die Stabilität der mütterlichen Liebe
      2. Die positive Spiegelung durch die Mutter oder die der allernächsten Bezugsperson.

Ein Kind wird immer mit Enttäuschung und Aggression reagieren wenn diese Liebe und Spiegelung fehlt!

Kinder reagieren sehr sensibel auf

      • reales oder auch nur gefühltes Verlassenwerden,
      • auf nicht gesehen werden und
      • auf fehlende Akzeptanz.

Wird diese Enttäuschung und Aggression zusätzlich noch durch ein Missbrauchs- / Misshandlungstrauma verstärkt, muss (!) das Kind an seinen Spaltungsmechanismen festhalten um innerlich überleben zu können.

Der Schritt der Integration von „gut“ und „böse“ schlägt fehl und das Kind bleibt in der Spaltung! Jetzt ist also der Spaltung Tür und Tor geöffnet…

Bitte pass genau auf, wie das Kind jetzt in dieser Phase reagiert:

Das Kind wird also enttäuscht durch die äußeren Verhaltensweisen wie zum Beispiel Missachtung, Misshandlung, Missbrauch. Und anstelle eines liebenden Verhältnisses
tritt Hass und Enttäuschung über die z.B. versagende Mutter.

Aber je Tiefer diese Enttäuschung und der Hass über das Versagen der Mutter werden,
– desto stärker hält das Kind an dem Bild der guten, der spendenden, der symbiotischen Mutter fest.

      • In der Spaltung gilt die Aggression dann der Mutter der Trennungaber die Liebe gehört der Mutter der Symbiose – als wären es biologisch 2 verschiedene Menschen

Diese Spaltung der Gefühle wird chronisch und prägt alle späteren Beziehungen B. zu Kollegen / Freunden / Lebenspartner aber auch die zwischen Patient und Therapeut.

Jetzt haben wir es also mit einem „gestörten“ Menschen zu tun dessen eigene Reife und Identität auf einem ganz frühen Stadium der Entwicklung des Menschen stecken bleibt.

Was ist dann die Folge?

(4.) Die wichtige Vaterrolle

Nehmen wir uns noch einmal die grundsätzliche Entwicklung eines Kindes vor:

Bis das Kind eine eigene Reife und eine eigene Identität entwickelt hat, ist dieses Kind immer noch mit den Eltern identifiziert und hat deren Verhalten und Wertvorstellungen in sich sozusagen verinnerlicht (man spricht hier von Internalisierung).

Das kannst du immer wieder sehen, wenn kleine Kinder ihre Eltern kopieren und deren Verhalten 1:1 nachmachen oder imitieren.

Wenn aber jetzt die Beziehung zu den Eltern so massiv gestört ist wie zum Beispiel durch einen Missbrauch / Misshandlung / Missachtung wird die Ausbildung eigener Abwehrmechanismen und eigener reifer Introjekte gestört.

Kurz, was sind Introjekte??? …

Introjekte sind ähnlich wie Identifizierungen ein Verinnerlichen von Werten und Ansichten der Umgebung. 
Wenn ich mich ganz bewusst für einen Fußballverein als Fan und Anhänger entscheide dann ist das eine Identifizierung. 
Wenn ich aber als kleines Kind die Meinungen und Verhaltensweisen meiner Umgebung ungeprüft übernehmen dann sprechen wir hier von einer Introjektion.

in ungeprüftes Aufnehmen der Meinung anderer aufgrund einer unreifen eigenen Situation.“

Die Folge davon ist dass sich das Kind hiervon nicht mehr von alleine befreien kann. Und wenn die Mutter ihre liebevolle Mutterrolle nicht besetzt halten kann (entweder durch eigene unreife, oder durch eine Krankheit) dann wendet sich das Kind logischerweise und zwangsläufig dem Vater zu.

Beim Vater sucht es jetzt eine Ersatzmutter / eine ausreichende Bemutterung.

Wenn er diese zum einen nicht gibt und zusätzlich noch das Kind grenzverletzend sexuell oder körperlich misshandelt muss dies zwangsläufig traumatisierend auf das Kind wirken.

Und wie wichtig ein Vater ist zeigt sich darin,dass die gute Beziehung zum Vater für das Kind die richtige Grundlage dafür ist sich von der typischen Ambivalenz gegenüber der Mutter im Laufe seiner Entwicklung zu trennen.

Denn nur mit der Hilfe des Vaters ist ein Wachsen der eigenen Identität des Kindes möglich.

Man kann das vielleicht noch weiter ausführen:
Nur mit der Hilfe des Vaters kann das Kind sich von der Mutter ablösen und zu einem eigenständigen (weiblichen) Wesen werden.

(5.) Missbrauch (Inzest)

Jetzt kommen aber die Störungsfelder ins Leben die die Entwicklung zu einem Borderliner begünstigen.

(1) Durch den Missbrauch/die Misshandlung/die Missachtung des Vater.
(2) und das 2. Störungsfeld in der Entwicklung des Kindes und damit die Begünstigung zu einem Borderliner ist, dass das Kind durch die Tat des Vaters zusätzlich noch in der Ausbildung eines stabilen ICH / SELBST behindert wird.

Der Vater wird also zu einem doppelten Täter“:

      • durch das Versagen der nötigen Bemutterung und
      • Durch die Tat des Missbrauchs/Misshandlung/Missachtung

Die Tat des Missbrauchs durch den Vater z.B. durch einen Inzest ist so zerstörerisch das, — selbst wenn der Vater außerhalb dieser Tat sein Kind liebevoll umsorgt — es doch durch den Missbrauch erfahren hat, dass Frauen in der Sexualität ausgebeutet werden können und damit minderwertig sind.

Das kann zu

      1. masochistischen Unterwerfungshandlungen
      2. Sadistischen Rache Handlungen
      3. Zu Promiskuitiven Verhalten und
      4. Zu totaler sexuelle Abstinenz führen.

Merke: Jede (!) sexuelle Gewalt stürzt eine Frau in einen Ohnmachtserleben und das umso mehr wenn sie das als kleines Kind an sich erlebt.

Diese Ohnmacht wird dadurch noch mal angefeuert“ indem die Gewalt von dem Vater – also eigentlich einem beschützenden Menschen – passiert.

Hierdurch entstehen in dem Kind in Bezug auf den Täter zwei nicht mehr miteinander zu vereinbarende Objektrepräsentanzen(!!!)

      1. Der Vater als Beschützer, Ernährer der Familie, also der „gute“ und
      2. der „böse Vater“ welcher das Kind in seiner körperlichen und psychischen Unversehrtheit verletzt.

Diese zwei sich widersprechenden Bilder vom Vater können nicht miteinander übereinkommen! Hierdurch bildet sich zwangsläufig

      • die Spaltung als zentraler Abwehrmechanismus aus,
        weil dies als der einzige Ausweg vom Kind angesehen wird dieser grauenvollen Lage die es nicht mit gestalten kann in irgendeiner Form zu entkommen!!!!!!!!!!!!!

Der Borderliner handelt darum aus Notwehr!

Was jetzt folgt in der weiteren Entwicklung des Menschen kann man nur noch als Notwehr bezeichnen. Das Inzest-Opfer bildet aus dieser Notwehr heraus (der Versuch weiteren Verletzungen aus dem Weg zu gehen) in sich das Bedürfnis nach vollkommener Kontrolle!

Es versucht, alle Situationen zu vermeiden die für ihn anscheinend nicht kontrollierbar sind.

Und unter diesem Aspekt müssen wir all die Beziehungen von Borderline – Patienten sehen und verstehen welche von ständigen Machtkämpfen geprägt sind oft aus völlig banalen Situationen heraus entstehend.

5.1. Der Abwehrmechanismus der Regression

Dieser sexuelle Missbrauch ist eine frühkindliche Erfahrung grauenhaften Ausmaßes in welchem  sich das Kind ohnmächtig den Täter ausgeliefert fühlt.

Diese Ohnmacht setzt eine Regression im Gang in dem es früh kindliche Ängste wieder reaktiviert mit dem Ziel, die eigene Ohnmacht zu kompensieren indem es versucht, sich mit dem allmächtigen Täter zu verschmelzen.

Was jetzt folgt ist extrem perfide und ich möchte jeden Borderliner der sich diesen Beitrag anschaut bitten sich bewusst zu sein dass solche Gedankengänge ihn immer triggern / reizen können.

Wir gehen wieder zurück zu dem ohnmächtigen Kind welches dem Täter wehrlos ausgesetzt ist und versucht, durch eine Regression mit diesem zu verschmelzen.

Weiter vorne hatten wir zwei Arten von Verschmelzung bereits kurz angesprochen:

      • die Identifikation (eine reife und überlegte Übernahme von Motiven, Werten und Normen der Umgebung.)

      • Die Introjektion: dies ist die unreife und nicht überprüfte Verinnerlichung fremder Anschauungen, Motive, Werte und Normen in das eigene ich.
        Diese findet in der frühen Kindheit statt.

Jetzt steht das wehrlose Kind vor dem Täter und versucht in eine Verschmelzung (in Form der Introjektion) mit dem übermächtigen Täter zu kommen.

  • dies geschieht jetzt im ICH-Ideal. Der Täter wird idealisiert….
  • Daraus folgt aber, dass das negative Selbstbild des Kindes weiter verfestigt wird, denn der Täter macht das Opfer für den Inzest verantwortlich und entwertet ist um seine eigenen Taten zu rechtfertigen.
    • Dabei bestraft und entwertet er genau das, was er vorher von seinem Opfer gefordert hat: die Sexualität!

Das ist so grausam was sich dadurch im Kopf des Kindes anfängt zu bilden:

    • Der Täter ist im Ich-ideal und das Kind identifiziert sich mit dem Missbrauchenden Täter. In der Fantasie des Kindes darf der Täter das Kind also missbrauchen. 
    • Das Kind als Opfer fühlt sich jedoch schuldig und kann sich nicht mehr das Recht zubilligen selber geliebt zu werden weil es ja für die Sexualität später entwertet wird. 
    • Das Kind kommt sich dann im Vergleich zu anderen Kindern schmutzig, gebrandmarkt vor und übernimmt auch noch für diesen Inzest die Verantwortung in dem es sich selbst bezichtigt

Kommen wir noch einmal kurz zu Sandor Ferenczi zurück. Er ist ja sowas wie ein Wegbereiter für die Objekt-Beziehungstheorie und hat schon sehr früh erkannt welche Auswirkungen sexueller und körperlicher Missbrauch auf die Entwicklung des Kindes hat.

Er sagte: Die eigentlich normale Reaktion auf so ein Verhalten eines Täters wären doch „Ablehnung, Hass, Ekel, starke Abwehr während. Aber sie wird durch eine ungeheure Angst im Opfer dem Täter gegenüber förmlich paralysiert.“

Eine Paralyse ist eine Lähmung, jemand ist handlungsunfähig oder ausgeschaltet

Diese lähmende Angst zwingt das Opfer förmlich dazu, sich dem Täter unterzuordnen und jeden seiner Wünsche zu erraten, zu befolgen, sich ganz vergessend mit dem Angreifer/dem Täter komplett zu identifizieren.

In dieser Identifikation verschwindet der Täter aus der äußeren Realität und wird innerlich in einer traumatischen Trancevorstellung von dem Kind – wie in einer früheren haltenden / schönen Situation – aufrecht erhalten.

Das ist die grausame Wirklichkeit der Spaltung…

(6.) Die unterschiedlichen Folgen von Missbrauch / oder von Misshandlung

Leider gibt es immer noch nicht genügend einschlägige Literatur die zeigt, wie unterschiedlich sich die Folgen zeigen wenn ein Mensch entweder (!) sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt wurde.

Heutige erste Studien zeigen jedoch eine klare Tendenz: 

(6.1) Der sexuelle Missbrauch von Kindern:

  • Das sexuell missbrauchte Kind fühlt sich durch den Missbrauch ausgebeutet und minderwertig.

Und wenn das noch nicht genügend wäre, kommt dann noch die Identifizierung mit dem Täter hinzu.

Durch diese Identifizierung hat der Täter – in der Fantasie des Opfern/des Kindes – auch noch das Recht so etwas zu tun. Das Opfer fühlt sich selbst dadurch nicht wert, geliebt zu werden.

Sehr häufig übernehmen die Opfer die Verantwortung und damit die Schuld an dem Inzest Vorgang.

Von dieser Einstellung bis zu autoaggressiven Handlungen wie zum Beispiel Schneiden / Ritzen / Schnippeln) ist es in der Praxis nur noch ein ganz kleiner Schritt.

(6.2) die körperliche Misshandlung von Kindern

Auch hier wäre es wünschenswert, wenn es mehr Studien zu den unterschiedlichen Ausformung von Persönlichkeitsstörungen im Bereich der misshandelten Kinder gäbe.

Aus der Praxis kann man jetzt schon mal einige Tendenzen klar beschreiben: Es gibt eine deutliche Tendenz dazu, dass Täter und Opfer meistens dasselbe Geschlecht haben.

Das bedeutet: Väter schlagen viel häufiger ihre Söhne und vergewaltigen tendenziell häufiger ihre Töchter.

Dies ist jetzt eine Beobachtung aus der Gesellschaft/der Praxis.

Mit ein wenig Distanz zu der körperlichen Misshandlung männlicher Kinder durch den Vater kommt einem Beobachter/Therapeut immer wieder das Wort Kastration in den Kopf. 

Das Misshandeln des Sohnes erscheint wie der Versuch einer Kastration/ der Versuch der Vermeidung eines späteren „Vatermordes“.

Wenn der Vater schon sehr früh seinen Jungen in seiner Entwicklung schwächt wird dieser geschwächte Junge später wohl kaum (selbst als voll erwachsener Mann) gegen seinen Vater als Familienoberhaupt rebellieren.

Das Ziel des Vaters: schon sehr früh dafür zu sorgen, dass er immer der Stärkere bleibt, egal wie alt der Sohn heute, morgen oder später ist.

Der Sohn kann im besten Falle nur flüchten ist aber nicht zu einem gesunden Generationenwechsel fähig.

Was ist die Folge hiervon?

Ein so kastrierter Junge der zu einem voll erwachsenen Mann heranwächst,

      • so einer versucht seine Kastration in irgendeiner Weise zu reparieren
      • und dabei verfällt er oftmals in Handlungen der Fremdaggression.

Das ist der typische Delinquent / Straftäter in den Gefängnissen… Der Vater hat ihn immer erniedrigt um ihn als Schwächling versucht zu denunzieren.

Diese Demütigung vor Augen versucht er nun mit allen Mitteln sich vor der gesamten Welt (auch allen anderen gegenüber, die überhaupt nichts mit dieser Demütigung im Kindesalter zu tun hatten) zu rechtfertigen.

 

Wenn wir dies im Hinterkopf behalten, dann erscheint die Misshandlung anderer/ und all die  fremdaggressiven Taten wie ein symbolischer Racheakt am Vater.

Das gleiche gilt auch für die Misshandlung einer Tochter durch ihre Mutter die durch ihre Tat die junge Rivalin versucht zu zerstören.

Das Märchen von Schneewittchen mit seinen Spieglein, Spieglein an der Wand: wer ist die Schönste im ganzen Land?“ lässt hier sehr laut grüßen.

 

 

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Rumpelstilzchen war der erste Borderliner

Du kannst Dir diesen Beitrag auch als Video über Youtube ansehen.

Klick einfach hierRotkäppchen war ein Borderliner

Dieses Störungsbild (ich distanziere mich gerne von dem Begriff „Krankheit“) des Borderliner – Syndroms wurde zuerst 1884 medizinisch erwähnt.

Wahrscheinlich war es aber schon deutlich vorher in der Gesellschaft vorhanden. Denn es wurde von aufmerksamen Menschen und Geschichtenerzählern erkannt und in ihre damaligen Geschichten eingefügt.

Eine der berühmtesten Zusammenstellungen von Geschichten erstellten die Gebrüder Grimm in den Jahren 1812-1814. Die erste Fassung ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ erschien 1812. Bis 1850 folgten dann noch weitere 5 Auflagen der Sprachwissenschaftler aus Hanau.

Das Märchen von Rumpelstilzchen z.B. hat erstaunlich viele  Parallelen zum Thema Borderline.

Worum geht es in dem Märchen?

Da war ein armer Müller der, anscheinend um in dem Ansehen des Königs wichtiger zu werden, ihm erzählte dass seine schöne Tochter Stroh zu Gold spinnen könnte.

Logischerweise wollte der König nun die Tochter sehen und der Müller hat sie ihm dann auch ins Schloss gebracht.

Dann sperrt der König das schöne Mädchen in eine Kammer und befahl ihr das dort bereits deponierte Stroh zu Gold zu spinnen. Als kleinen „Motivationsschub“ sagte er dann noch zum Abschied: „Wenn Du es nicht schaffst, dann müsstest Du sterben.“

Das arme Mädchen hatte logischerweise fürchterliche Angst und war komplett ratlos.

Unerwartet erhält sie nun Hilfe durch ein kleines Männchen welches zuerst für kleine Geschenke von dem Mädchen tatsächlich Stroh zu Gold spinnen konnte.

Das wiederholt sich ein paarmal bis die Tochter (in der Zwischenzeit hatte sie der König wegen ihres „Reichtums“ geheiratet, kein weiteres Geschenk als Belohnung den Männchen mehr geben konnte.

Da verlangt diese Figur als Bezahlung für das Spinnen das erste Kind der ehemaligen Müllers Tochter. Die stimmt in ihrer Not am Ende zu.

Die Zeit vergeht, die junge Frau ist bereits Königin und bekommt ein Kind. Jetzt fordert das kleine Männchen seinen Lohn: „das Kind“.

Die Königin und Mutter möchte ihr Kind jedoch auf alle Fälle behalten und versucht unter ganz viel flehen, weinen und jammern allen möglichen Ersatz dem Männchen anzubieten.

Wir wissen alle wie das Märchen weitergeht: das Männchen würde nur auf das Kind verzichten, wenn die Mutter ihm seinen Namen nennen könnte.

Viele Boten werden jetzt durch das Land geschickt von denen einer ein seltsames Männchen beobachtet wie es schreiend um ein Feuer springt und immer wieder singt: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Jetzt endlich kann die Königin dem kleinen Männchen Seinen Namen mitteilen worauf er – Rumpelstilzchen – wütend schreit: „Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt!“

Vor lauter Zorn tritt er dann mit seinem rechten Fuß so tief in die Erde, dass er bis zum Bauch in der Erde feststeckt.

Rasend vor Wut packt Rumpelstilzchen seinen linken Fuß mit beiden Händen und reißt sich dann selbst mitten entzwei.

Fassen wir dieses Märchen mal ohne Emotionen aus der Analytischen Sichtweise zusammen:

Ganz offensichtlich ist der Hauptverantwortliche dieser Geschichte ein narzisstisch gestörter Vater.

Er erzählt dem König von Fähigkeiten seiner Tochter ohne dass diese solch eine Fähigkeit (also Stroh zu Gold zu spinnen) überhaupt besitzt. Der Vater will egoistischer Weise einfach nur sein Ansehen bei dem König erhöhen.

Dies ist ein offensichtlicher narzisstischer Missbrauch der Tochter.

Wenn dieser Übertreibungs-Missbrauch im Rahmen der Borderlinestörung betrachtet wird,

      • so kann das Spinnen von Stroh zu Gold auch als Erzeugung eine Erektion und damit als sexueller Akt interpretiert werden.

Damit handelt es sich dann folgerichtig um einen sexuellen Missbrauch der im Rahmen der Borderline-Diagnose leider nur allzu häufig anzutreffen ist.

Im Rahmen dieses Missbrauchs (egal ob nun durch Übertreibung oder auch durch sexuellen Missbrauch) entwickelt die Tochter eine Spaltung um seelisch zu überleben.

Sie spaltet sich einmal in die Person ohne die Fähigkeit (das Mädchen) und dann in die Person mit der Fähigkeit Stroh zu Gold zu spinnen (dem Rumpelstilzchen).

Das Mädchen erscheint uns nett, hilflos, gut und förmlich den bösen ausgeliefert.

Rumpelstilzchen andererseits verkörpert die aggressiven, die bösen Anteile und die autonomen Anteile. (Hier erinnere ich mich an den Film „Twins mit Arnold Schwarzenegger und Danny de Vito)

Die Seite mit der Fähigkeit zur (evtl. auch sexuellen) Befriedigung des Königs (also das Rumpelstilzchen) ist dem Mädchen komplett unbekannt. … Abgespalten! Die fremde Seite (das Rumpelstilzchen) fordert sie (das Mädchen) immer wieder auf erkannt, von ihr benannt zu werden. Gleichzeitig ist es sich aber auch sicher darin, von dem Mädchen nicht erkannt zu werden.

Man könnte dieses Zitat von den Brüdern Grimm („ach wie gut das niemand weiß dass ich Rumpelstilzchen heiß“) auch so umformulieren: „Ach wie gut, dass ich (!) nicht weiß, dass ich auch noch Rumpelstilzchen heiß“.

Der verborgene Teil der Persönlichkeit muss zum Erhalt der Spaltung als eigener Anteil dissoziiert / abgespalten bleiben.

In vielen Fällen – zum Beispiel bei einer Missbrauch Situation dient diese Spaltung als wichtiger Schutzfaktor! Bei weiterem Interesse zum Thema „Die Spaltung des Borderliners“ schaue dir doch mal das Video unter folgendem Link an: https://youtu.be/6GaPIIuHsJ0

Irgendwann – während der Ehe mit dem König – entsteht dann doch die Fähigkeit des Mädchens zu einer Objekt Beziehung. Und zwar mit dem frisch geborenen Kind.

Um diese Objekt-Beziehung kämpfen nun die sich widersprechen Anteile in der Tochter. Beide wollen das Objekt (das geborene Kind) ganz allein für sich.

Als das Mädchen diese Beziehung jedoch gegen jegliche Erwartung aufrecht halten und für sie kämpfen kann entwickelt sie nun eine Objekt Konstanz.Durch diese Objekt-Konstanz wird es ihr endlich möglich,

(1) den anderen abgespaltenen Anteil zu erkennen 
(2) und auch zu benennen.

Als der Tochter am Ende klar wird, dass beide Teile (das Mädchen und das Rumpelstilzchen) eigentlich nur eine einzige Person sind, nämlich sie selbst und sie den anderen, den bösen Anteil nun auch identifizieren kann, begehrt der böse Anteil wütend über diese „Entartung“ auf um sich am Ende selbst zu zerstören.

Jetzt nehmen wir uns das Märchen mal in der Urfassung vor.

Es gibt dort tatsächlich einen kleinen aber wichtigen Unterschied:

Nicht der Bote, sondern der König höchstpersönlich (!) entdeckt im Wald das Rumpelstilzchen, berichtet der Königin von diesem kleinen Wesen was in ein Feuer herrum springt und ständig schreit. Er beschreibt es als ein „gar zu lächerliches Männchen“.

Die Königin enttarnt dieses Männchen und

      • dann schreit das andere Ich: „das hat dir der Teufel gesagt!“,
      • Läuft zornig weg
      • und kommt nie wieder zurück.

Das Happy End ist in dieser Ur-Version wirklich gelungen:

Mit ein klein wenig Phantasie erkennen wir,

  • dass die Dissoziation beendet ist und
  • dann nun – über eine tragfähige Beziehung zwischen König/ Mann und Vaterfigur – eine Integration stattgefunden hat.

In diesem Märchen (jetzt sind wir in der Gebrüder-Grimm-Fassung)  lassen sich die typischen Abwehrmechanismen welche wir bei einer Borderline-Störung sehen gut erkennen:

      1. Die Spaltung (in die „gute“ Tochter und das „böse“ Rumpelstilzchen.

      2. Die primitive Idealisierung des Rumpelstilzchen, dem die Tochter nur wegen eines einfachen Versprechens („Ich kann Stroh zu Gold zu spinnen“) – also etwas vollkommen Unmögliches zu machen ohne jeden Zweifel / Widerstand ihren Schmuck gibt.

      3. Eine projektive Identifizierung (der Tochter/Königin mit ihrem Kind – angedeutet dadurch, dass die „schöne Tochter“ ein „schönes Kind“ zur Welt bringt.

      4. Das Omnipotenz-Gefühl. Nachdem die Tochter den Namen vom viele mächtigeren Rumpelstilzchen erfahren hat, spielt es sogar mit seinem Namen:
        „Heißt du Hinz?“
        Und genauso verschwendet auch das Rumpelstilzchen voller Allmachts-Phantasie keinen Gedanken daran, am Ende vielleicht doch noch erkannt zu werden.

      5. Die Entwertung: Das „Alter Ego Rumpelstilzchen“ entwertet die Tochter voller Omnipotenz-Gefühl indem es singt: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.“

      6. Die Verleugnung der Gefahr durch das Rumpelstilzchen. Zum Beispiel durch das Vergessen von dessen Forderung an das Mädchen, ihm später das (zu diesem Zeitpunkt noch ungeborene) Kind zu geben.

„Ach wie gut das niemand weiß…“:

Die Existenz der Borderline – Störung wird heute immer noch in Fachkreisen häufig geleugnet oder als Begriff für „eine einfach nur undefinierbare Störung der Psyche“ vollkommen falsch verwendet.

Auch in der Forschung gibt es im Zusammenhang mit Borderline-Störung leider nur wenige Untersuchungen.

      • Wie z.B. die Frage nach der Epidemiologie
      • oder der Borderline-Störung im Alter.

Und das alles, obwohl diese Studien heute dringender nötig sind als je zuvor.

Vielleicht hängt dies auch damit zusammen dass bei der Borderline-Störung die Abwehr, welche die gestörten Patienten oft bei der Umgebung auslösen (der Ausdruck der Gegenübertragung) auch für die Mediziner und all die anderen Therapeuten gilt.

Ein kleiner Exkurs: was ist eine Gegenübertragung? Übertragungen sind Projektionen biografischer Emotionen – also das, was ich in meinem Leben biografisch einmal erlebt habe – es ist eine Übertragung / Projektion vom Patienten auf den Therapeuten.

Die Gegenübertragung ist genau das gleiche, jedoch aber in umgekehrter Richtung:

Es ist die Projektion von biografisch (selbst-) erlebten Emotionen vom Therapeuten zurück auf den Patienten.

Weiter zu den Ebenen der Abwehrmechanismen:

Selbst die Patienten (nicht wie eben gerade besprochen nur die Umgebung) wehren sich oft mit Händen und Füßen

      • gegen die Integration,
      • gegen eine Erkenntnis das es zwischen dem „gut“ und dem „böse“/ also zwischen einem „Schwarz und Weiß“ immer noch Grautöne und Zwischentöne gibt.

Patienten mit der Borderline – Störung wollen ihre Therapie sehr häufig an dem Punkt abbrechen

    • wenn ihre Probleme schonungslos / offen benannt werden
    • und sie nun vor dem Punkt stehen, dass diese gezielt therapiert werden.

Dann ist für Sie der Moment gekommen, um zu sagen: „ach wie gut, dass niemand weiß…“

Die Symptomebene:

In dem Märchen lassen sich auch auf der Symptomebene viele Hinweise auf die Borderlinestörung finden. Immer wieder geht es ja um den Begriff: „Ach wie gut, dass niemand weiß…“

      1. da ist diese diffuse Angst vor dem Unbekannten
      2. Auf der strukturellen Ebene finden wir die Abwehr durch Verleugnung (als das Kind geboren wurde hatte sie Rumpelstilzchen bereits vergessen).
      3. Da ist die Abwehr gegen die Aufhebung der Spaltung.
      4. Primitive Idealisierung
      5. Projektive Identifizierung
      6. Verleugnung /Entwertung
      7. Ein Omnipotenz-Gefühl.

Die Analyse eines Märchens wie zum Beispiel dass das Rumpelstilzchen ist typisch für die Methodik der Transaktionsanalyse.

Möglichst frei von Emotionen wird ein Vorgang so betrachtet wie er eigentlich stattfindet und in seinen Bestandteilen (Reiz/Reaktion) einander zugeordnet.

Wie spannend so etwas sein kann, möchte ich dir auch mit dem Video beschreiben welches du unter dem Link auf der rechten findest:

Du magst erstaunt sein wenn du den Titel hörst: „Das böse Rotkäppchen und der gute Wolf.“ Lass dir dieses Video nicht entgehen und schau es mit einem kleinen Schmunzeln in Ruhe an.

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Verdeckter NARZISSMUS in unserer Gesellschaft – in Zeiten von Fake News, Instagram und Online-Dating

Verdeckter NARZISSMUS in unserer Gesellschaft

in Zeiten von Fake News, Instagram und Online-Dating

Schau Dir diesen Beitrag auch auf Youtube an

Hier geht es zum Link: ⇓⇓⇓

      • Du bist frei, stark und unabhängig! Du kannst alles erreichen und besitzen, was immer Du möchtest! Wir lieben Dich und sind nur für Dich da!
        • Du abhängig von Deinen eigenen Illusionen (die wir schüren).
          Das mögen wir.
          • Am Ende beuten wir Dich aus – denn davon leben wir!

            (Dein Energievampier)

Warum eskalieren die psychosozialen Probleme so stark in den westlichen und liberal orientierten Gesellschaften?

Der pathologische / kranke  Narzissmus hat besonders seit 1980 noch einmal deutlich an Fahrt zugenommen. Die Sackgasse der Pippi-Langstrumpf-Mentalität führt zu verrückten, psychologischen  „Erklärungen“ für die Auswirkungen heutiger Gesellschaftsstrukturen.

Die Verdrehung von Ursache und Wirkung wird zur Selbstverständlichkeit. Wahrscheinlichkeit, Ausnahme und Regel, wird immer mehr ein Einheitsbrei. Hier ist eine realistische Betrachtung wirklich nötig!

Michael Polanyi (*1891-1976, ein ungarisch-britischer Philosoph) schrieb schon 1966 ein faszinierendes Buch mit dem Thema „Implizites Wissen“

Er spricht, mit seinem Beitrag zur Emergenz z.B. das an, was der Sozialrealismus des Unbewussten erschafft:

    • eine abstrakte, sich verselbständigende, strukturelle Realität – die die Verhaltensverteilungen ihrer Elemente steuert –

Emergenz leitet sich aus dem Lateinischen emergere ab – Auftauchen / Emporsteigen / Herauskommen. Damit ist Folgendes gemeint:

    • (1) Das Herausbilden von neuen Strukturen eines Systems durch das Zusammenspiel seiner Elemente
    • (2) Philosophen sagen z.B. das das Bewusstsein eine emergente Eigenschaft unseres Gehirns ist

Heutige Neurowissenschaftler bestätigen immer häufiger diesen Gedankengang durch die Ergebnisse ihrer aktuellen Forschungen.

Meine persönliche Ansicht ist etwas einfacher formuliert:

„Die liberale Freiheits- und Aufklärungsideologie unserer westlichen Gesellschaft produziert immer mehr krankhafte narzisstische Verhaltensmuster in den westlichen Gesellschaften

Sie wirkt dabei direkt

    • auf die Selbstwahrnehmung der Menschen und
    • ihre fehlerhafte Fremdwahrnehmung der Strukturen (Folge z.B. Burnout/ Depressionen, Neurosen)!“

Dies ist jetzt kein – Bashing – sondern eine rein nüchterne Betrachtung der Fakten.

Hans-Joachim Maaz (*1943, Psychoanalytiker) beschreibt das Problem in seinem Buch „Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm“ aus der Sicht eines Psychiaters.

Bei der Lösung blieb er 2014 aber in einer recht simplen, Gemeinschafts- und Solidaritätsideologie hängen:

(Zitat) „Mit der ‚Piraten-Partei‘ könnte das Internet zu einer neuen demokratischen Plattform werden, die eine breite Diskussion ermöglicht und die Parteienkungelei der ‚repräsentativen / etablierten Demokratie‘ mit ihren narzisstischen Kämpfen entlarvt.“

Da war Christopher Lasch (*1932 -1994, Sozialkritiker) bereits einige Jahrzehnte vorher (um 1980) sehr viel weiter, wenn er seine Gedanken in „Das Zeitalter des Narzissmus“ so formuliert:

(Zitat) „Wissenschaftler haben aufgezeigt, dass jede Kultur ihre eigenen charakteristischen Muster der Kindererziehung und Sozialisation entwickelt, deren Wirkung es ist, einen bestimmten Persönlichkeitstypus hervorzubringen, der den Anforderungen der jeweiligen Kultur entspricht.“

Gestalt- und Familientherapeuten werden heute zunehmend mit den Opfern toxischer, verdeckt pathologisch-narzisstischer Beziehungen und aus anderen Gründen „ausgesaugten“, energielosen Menschen konfrontiert.

Narzissmus erstreckt sich über einen sehr breiten Bereich:

      • Von einer gesunden Selbstliebe
      • über neurotische Verzerrungen in der Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeits- und Beziehungsstruktur
      • bis hin zum psychotischen Realitätsverlust. (Eine Psychose ist eine psychische Störung bei welcher die Realität verändert wahrgenommen und verarbeitet wird) 

Der Begriff des kranken Narzissmus entstammt der klinischen Psychologie und reiht sich ein in die aufsteigende Liste: „manisch-depressiv-borderline-histrionisch-pathologisch/ narzisstisch-soziopathisch-psychopathisch“.

Man unterscheidet grundsätzlich den offenen, grandiosen und den verdeckten, passiv-aggressiven Narzissmus auch als Perfektionismus bekannt.

Die als bösartige Selbstliebe bezeichnete Abweichung von normalem Verhalten wird als nicht heilbar angesehen.

Die Ursache für diese Persönlichkeitsstörung besteht psychologisch gesehen darin, dass Kinder nicht gesehen werden, wie sie sind, sondern

– entweder unrealistisch idealisiert 
– vollkommen abgewertet 
– und/oder in Extremfällen emotional oder physisch/sexuell missbraucht .

Dadurch entsteht eine Traumatisierung, welche praktisch nur durch die Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen wieder verarbeitet werden kann!!!

Auch in unserer Gesellschaft werden einzelne Menschen in der liberalistischen Ideologie nicht gesehen, wie sie wirklich sind. Das blumige Konzept einer Eigenverantwortung wird emotional-ideologisch missbraucht.

Der liberale Gedanke des „freien Willens“ ist nicht mehr, als eine Illusion und verkümmert zu einer Blockade gegen jeden  gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt

Schau Dir auch mein Video an: 
Toxische Menschen – Halte Narzissten auf Distanz

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Die verdeckte pathologisch-narzisstische Grundstruktur
in drei Phasen – betrachtet aus der Sicht der Opfer

(1)           Lovebombing

Die Beziehungsstruktur
In der ersten Phase einer pathologisch-narzisstischen Beziehung ködert der Narzisst seine Opfer mit teilweise absurden Idealisierungen und unaufhörlichen, massiven Liebesbezeugungen. 
Das „Opfer“ fühlt sich wie im siebten Himmel – die „Liebe des Lebens“ ist endlich da.

Die Idee dahinter: 
– „Du bist großartig und frei! 
– Du hast einen freien Willen und hast Dein Leben selber in der Hand („vom Slumdog zum Millionär“). 
– Kaufe und leiste Dir, was Du willst. 
– Wir bieten Dir das Glück und den Himmel auf Erden. 
– Jede Shoppingmall mit toller Musik und seinen bunten Schaufenstern ist der Beweis, dass wir nur für Dich da sind!!“

(2) Abhängig machen/ Gaslighting/ Doppelbotschaften

Die Beziehungsstruktur
In der zweiten Phase einer kranken-narzisstischen Beziehung macht der Narzisst sein Opfer gezielt immer abhängiger durch unterschwellige, subtile Doppelbotschaften, Abwertungen, unverständliche, plötzliche Stimmungsschwankungen, passive Aggressionen usw. .

Aber die Hoffnung und der Wunsch auf die Renaissance / Wiederherstellung der „Liebe des Lebens“ sitzt tief und bleibt beim Opfer bestehen.

Die Idee dahinter: 
„In unserer Werbung informieren wir Dich sachlich über unser gigantisches Angebot. 
Wähle freiwillig all das aus, was wir Dir empfehlen.
Kauf es Dir sofort. Wir bieten Dir sogar einen Kredit. 
Lebe im Hier und Jetzt und denke immer positiv!“

(3) Ausbeutung, Hass und zynische Verachtung


Die Beziehungsstruktur
In der dritten Phase zerstört der Seelenvampir rigoros sein Opfer durch Demütigungen, Abwertungen, Hass und Verachtung. 
Er selber lebt und blüht auf, während sein Opfer alle Energie und den Bezug zur Realität verliert.

Die Idee dahinter: 
„Wenn Du von der Freiheit – die wir Dir verschaffen – profitierst, musst Du logischerweise auch Gebühren zahlen.
Die brauchen wir für Deine Absicherung. …“

Du bist nie gut genug, um in Ruhe gelassen zu werden. 
Unsere Bürokraten leben von Deiner Leistung und davon, dass Du als freier Bürger die nötigen Formulare stapelweise ausfüllst (typisch westliche, fatale Verschmelzung mit einem Gesellschaftsideal – frei nach dem Film: „Des Kaisers treuester Dienter“)

Unser Krankheitssystem  (nicht Gesundheitssystem!) lebt von Deinem Burn-Out! 
Unsere Gerichte und Gerichtsvollzieher leben davon, dass Du Deine Freiheit missbrauchst. 
Unsere Gefängnisse sind angefüllt mit Menschen, welche einfach nicht mit dieser Freiheit umgehen können.

In einer pathologisch-narzisstischen Beziehung geht es ausschließlich um Macht, Kontrolle und Manipulation. 


Das falsche Selbst braucht permanent neue Energie von außen, um von seiner eigenen Leere und seiner kümmerlichen Realität abgelenkt zu werden. Der pathologische Narzisst lebt von der Energie seiner Opfer wie ein  Seelenvampir. Wenn er sie ausgesaugt hat, wirft er sie weg und geht zum nächsten Opfer über.

Und wie sieht das richtige, das sinnhafte Selbst des liberalistisch-sozialistischen Kapitalismus (nicht zu verwechseln mit dem Markt als Instrument für den Wettbewerb von unten) aus!?

Konsum und Spiele werden zum moralischen Maßstab! (Brot und Spiele kennen wir ja schon seit den Römern)

Der einzelne Mensch ist dazu verdammt, aufgrund der gesellschaftlichen Struktur, mit Hilfe milliardenschwerer Werbe-Manipulation immer neue Gegenstände wie z.B. Kühlschränke, Autos und Märkte zu produzieren / verkaufen / zu kaufen –  um damit angeblich sein Überleben zu sichern. 
Die sozialen Medien passen diese Konditionierung heutzutage perfekt und individuell an.

Und das Wichtigste kommt jetzt noch!
Die liberalistische Freiheits- und Aufklärungsideologie kennt überhaupt keine PSYCHISCHE Gewalt/Macht, weder theoretisch noch praktisch-politisch!

All dies ist eine perfekte strukturelle Voraussetzung für die Entwicklung des verdeckten pathologisch-narzisstischen Charakters in einer Gesellschaft!

Der Narzisst sagt an dieser Stelle zu seinem – in Selbstzweifeln versinkenden – leise Kritik äußernden „Partner“:

      • „Schatz, das bildest Du Dir alles nur ein.
      • Vielleicht bist Du ein wenig verrückt geworden!“

Ein Außenstehender bemerkt eventuell zynisch: „Die Oma auf der Kaffeefahrt ist doch selber schuld. Keiner zwingt sie, die Decke, die 5 Euro wert ist von dem gut geschulten Verkäufer für 200 Euro zu kaufen.“ „Werbung ist doch nicht manipulativ. Wie Du siehst, habe ich kein I-Phone!“

Instagram, Tic-Toc und der pathologische Narzissmus

Der Jude Sam Vaknin, (+1961, Israel) ein bekennender pathologischer Narzisst mit einem extrem hohem IQ ist zum bekannten Spezialisten für dieses Thema geworden.

„Die sozialen Medien sind als Netzwerke so konzipiert, indem sie Menschen dazu antreiben sich selbst in einer pathologisch-narzisstischen Selbstbespiegelung darzustellen. 

Damit infantilisieren, isolieren sie jedoch Einzelne und ganze Gruppen  und produzieren am Ende nichts anderes als Hass und Intoleranz. 

Die Entwicklung des Verhaltens der Teilnehmer in den sozialen Netzwerken spricht eine deutliche Sprache. Instagram, Tic Toc und andere Soziale Plattformen sind die Spitze des Eisbergs der narzisstischen GrundSTRUKTUR der westlichen Gesellschaften!

Siehe hierzu den Bericht des Bayrischen Rundfunks 
Extremismus in Sozialen Medien nimmt zu

3.1. Die Reduzierung auf Oberfläche, Hochglanz und Bilder

Für pathologische Narzissten sind diese sozialen Medien ein perfektes Instrument, um sich bewundern zu lassen und damit ihre Opfer anzulocken!

„Ausschwitz war das psychopathische Resultat wissenschaftlich nicht begriffener sozialer, pathologisch-narzisstischer Prozesse in der selbstverliebten Weimarer Republik“

Vielleicht ist all dies nur die Vorstufe für noch Schlimmeres dem wir entgegengehen,  wenn die Menschheit diese sozialen Prozesse nicht sozialrealistisch objektiviert und beim moralistischen Gesinnungs„denken“ einfach stehen bleibt.

Gerade in den Zeiten von Corona sehen wir diese Spaltung in eine 2-Klassen-Gesellschaft

      • Die Moralisten
      • Die Freiheitskämpfer

Wer sind heute die Mitläufer innerhalb der herrschenden Ideologie, die früher, 1933 den Nationalsozialismus begeistert unterstützt haben?

Diese Frage hat Zündstoff, denn im Nationalsozialismus mit seiner Volksgemeinschaftsideologie gab es interessanterweise mehr Soziologen als während der Weimarer Republik!

(ein Soziologe untersucht die Grundstrukturen menschlicher Gesellschaften – in der Nazizeit war es jedoch häufig die perverse / verdrehte Rassen- und Abstammungslehre welche die Soziologen auf solche Abwege geraten ließ)

Auch die funktionalistische Systemtheorie und der Konstruktivismus können als Ausprägungen eines kollektiven, postmodernen pathologischen Narzissmus in diesem Sinn begriffen werden. 
Gerade der Konstruktivismus („Wissen ist nicht ein Abbild der Realität, sondern das Ergebnis eines Erfindens der Wirklichkeit“ – Die persönliche Wirklichkeit wird im eigenen Gehirn erschaffen – das Gehirn schafft sich sein eigenes Bild von seiner ganz eigenen Realität) ist ein Geburtshelfer für Fake News und Narzissmus!

Gesellschaftliche Strukturen werden

    • für die sozialen Systeme zum nicht mehr Erreichbaren Jenseits der Umwelt,
    • Menschen werden „dissoziiert“ / aufgespalten zu psychischen Systemen
    • und Menschen werden zum Spielball der sozialen Systeme.

Häufig erkennen Personen innerhalb pathologisch narzisstischer Beziehungen erst, wenn überhaupt, sehr spät, dass sie das Opfer eines von Anfang an bösartig manipulierenden Menschen sind. Im Extremfall werden sie in den Wahnsinn und den Selbstmord getrieben.

Sam Vaknin (der oben erwähnte israelische Schriftsteller) geht noch weiter in seinen Befürchtungen. Er sieht einen möglichen Übergang von einer globalen Gesellschaft heute – mit einer pathologisch-narzisstischen Grundstruktur – in der Zukunft hin zu einer psychopathisch-narzisstischen Gesellschaft.

3.2. „Macht statt Wahrheit“ ist die postmoderne Devise – Fake News wird Gesellschaftsfähig

Nach ca. 300 Jahren der Aufklärung (Beginn 1715) ist die revolutionäre, liberale Idee der Freiheit zu einer liberalistischen Freiheits- und Aufklärungsideologie heruntergekommen, die weitere Schritte zu echter Freiheit blockiert.

Eine Werte-Revolution mit einem echten Paradigma-Wechsel ist heute dringender notwendig als jemals zuvor, um nicht weniger zu erreichen als die Menschheit im letzten Augenblick vor dem endgültigen Schritt in den Abgrund zu retten.

Andererseits müssen wir aber auch bedenken: Der Mensch lernt durch:  Learning by Doing! Try and Error.

All diese Entdeckungen gehören einfach zum Wesen der Menschheitsentwicklung –  auch vorübergehende Fehler, Irrwege und Sackgassen.

Lassen wir den Kopf nicht hängen – ich persönlich schaue mit großem Optimismus in die Zukunft!

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Borderline verstehen – Die Regression

Borderline verstehen – die Regression

Die Regression (das Innere Kind) wird heute immer häufiger genannt.

Es ist eines dieser  Konzepte der Psychoanalyse welche zu den Abwehrmechanismen gezählt werden. Fast jeder meint zu wissen, worum es hierbei geht obwohl dieser Begriff recht schwer zu vermitteln ist.

Erst wenn man direkt mal eine Regression erfahren hat

    • entweder an sich selbst oder in seiner allernächsten Umgebung kann wirklich verstehen was der einzelne durchmacht.
      Aber auch erkennen, welche Potenziale und Gefahren in dieser  Regression liegen.

Regression kommt im täglichen Leben sehr häufig vor und dient in den Therapien als Wirkmechanismus.

Im lateinischen heißt Regression: umkehren, zurückkehren

Die Regression, wie sie die Psychoanalyse gebraucht, beschreibt nun einen Vorgang: von einem zurückgehen auf frühere und gesicherte Entwicklungsstufen. 
Das hört sich anfänglich etwas schlecht an… Aber die Fähigkeit zur Regression ist sehr wichtig!

Dadurch können wir uns

      • entspannen
      • wir können schlafen
      • das Leben genießen
      • uns fallen lassen und
      • sowohl sexuell, spielerisch als auch kreativ sein.

(1)           Unser ICH – Durch die Regression gestärkt

Um die Regression etwas zu viel besser zu verstehen müssen wir über das ICH sprechen.

Dass ICH / die ICH-Leistungen / die ICH-Fähigkeiten sind der Teil unserer Psyche der die Prozesse unseres Denkens und (!) unseres Körpers steuert, sortiert, kontrolliert und lenkt. Das kann bewusst und unbewusst geschehen.

Kleine Kinder lernen von Beginn ihres Lebens an, z.B. ihre Körperfunktionen allmählich zu kontrollieren.

    • Das ist nicht nur eine Frage von Muskelkraft
    • sondern jedes Kind muss die Aufgabe (die Stoffwechselprodukte in sich zu halten oder kontrolliert loszulassen) psychisch erreichen und bewältigen.

Von einer ICH-Leistung kann man dann sprechen – wenn das Kind die Fähigkeit entwickelt seinen Körper willentlich zu steuern. 
Z.B. bei jedem Toilettengang etwas loszulassen oder ganz bewusst zurück zu halten. Für das kleine Kind ist das eine tolle Erfahrung und bringt es in die nächste Stufe der ich Leistung.

(2)      Die ICH-Leistung

Was ist das denn, diese sogenannte ICH-Leistung?

Þ Alles was von uns eine Kontrolle und eine Entscheidung verlangt, ist eine Aufforderung an unser ICH.

Das Ich, die Selbststeuerung können wir bei dem bekannten Modell (Kopf 7 Herz / Bauch) mit dem Herzen in Verbindung bringen. Das Herz ist die Entscheidungsmitte. In der Transaktionsanalyse ist dieser Bereich das „Erwachsenen-Ich.“

Diese so genannten ICH-Leistungen durchziehen sich durch alle Teile unseres Lebens. Sie befähigen uns, mit der Realität – der Außenwelt – vernünftig umzugehen.

Was gehört alles zu der Realität?

  • Eigentlich alles was von einem erwachsenen Menschen verlangt wird.
    • Zum Beispiel dass man willentlich gesteuert zu einer Toilette geht um sein Geschäft dort zu machen und nicht irgendwo.
    • Auch dass man sich nicht überall hin legt wenn man müde ist oder
    • sein Hungergefühl bis zum Abendessen unterdrückt und nicht in ein Nörgeln / Quengeln verfällt.

Ich-Leistungen sind häufig zwiespältig:

    • auf der einen Seite befähigen Sie uns bestimmte Dinge zu tun und bringen uns voran sind also progressive.
    • Andererseits verlangen Sie uns aber auch eine gewisse Leidensfähigkeit ab denn sie benötigen Energie und Anstrengungen.

(3) Was bedeutet Regression?

 

Nach dem psychoanalytischen Konzeptreihen

    • reihen sich Entwicklungen / Entwicklungsstufen nicht wie ein Zeitstrahl hintereinander auf – indem man zum Beispiel eine Treppenstufe erreicht und dann die nächste.
    • Die psychische Entwicklung fügt sich eher wie Schichten (wie Lack bei einem Auto übereinander. Frühere Schichten werden nur überlagert und verschwinden niemals.

Man nennt es das Prinzip der Gleichzeitigkeit psychischer Entwicklungsstufen.

In einer Person stecken immer

    • der Jugendliche,
    • das Kind, und
    • der Erwachsene nebeneinander.
      • Und in jeder neuen Situation stellen Sie unterschiedliche Ansprüche

Kommen wir jetzt in eine neue Situation – welche vielleicht etwas herausfordernd ist – dann greifen Menschen häufig auf Mittel zurück mit den früher (!) bereits ähnliche oder auch neue Situationen bewältigt wurden und mit denen man sich jetzt sicher fühlt.

Wichtig ist: er fühlt sich damit sicher! Diese Handlungsweisen müssen nicht funktional / vernünftig sein.

Ein Vergleich: Ein Marathonläufer kauft sich neue Schuhe. Er greift bei einem kommenden Marathon vielleicht doch auf den uralten und abgelaufenen Schuh zurück weil der ihm Sicherheit vermittelt obwohl er bei weitem nicht mehr so schützt und stützt wie der vorherige Schuh.

Kommen wir auf den Menschen in der Regression zurück: Eine Person greift in Schwellensituationen auf Erfahrungsmomente in der Entwicklung zurück in denen er sich besonders stabil und sicher gefühlt hat.

In der Welt der Psychoanalyse gesprochen, zieht sich ein Teil von dem ICH auf eine zurückliegende, tiefer liegende Ebene der Entwicklung zurück.

    • Das bedeutet: dass ICH gibt einen Teil der erworbenen Fähigkeiten auf. Jedoch mit dem Ziel, um sich zu schützen oder sich in einer schwierigen Situation noch etwas Schönes zu verschaffen.
    • Regression ist eine Form der psychischen Abwehr und wir können das gut mit unserem Immunsystem vergleichen. Eine Abwehr gegen Schwierigkeiten von außen

Regression ist fast immer eine Abwendung von der Realität, oder eine Absage an das Realitätsprinzip.

Für das Realitätsprinzip ist das ICH zuständig:

(1) Prüfung der Realität: was kommt von Innen und was kommt von außen

(2) Anpassung an die Forderung der Realität: aufstehen auch wenn man müde ist.

(4) Regression ist Teil unseres täglichen Lebens

 

Sie kann in bestimmten Situationen auch nicht vermieden werden – wie zum Beispiel beim Schlaf und häufig auch bei unserer Sprache:

    1. Im Schlaf ziehe ich mich wie in eine embryonale Stellung zurück, nehme mir eine herrlich warme Bettdecke, wende mich weg von der Realität hin zum Inneren (Traum und Fantasie).

Dass ICH gibt ein Stück seiner Grundfunktion (die Realitätsprüfung) auf und lässt uns in einen ruhigen Schlaf fallen.

Schlafstörungen zeigen wiederum deutlich eine Schwäche der gesunden Regression auf.

    1. Bei unserer Sprache: Sich vertraute Paare fallen häufiger in eine Form von Babysprache zurück wenn sie sich gemeinsam sehr wohl fühlen.

Dann erinnern Sie sich an die Zeiten, in denen Ihnen ihre eigenen Eltern liebevolle Namen gegeben haben und versuchen durch die eigene Veränderung der Sprache die Emotionalität ein wenig spielerisch (mit einem Augenzwinkern) abzumildern.

(5) Prävalenz / Häufung der Regression

Der Abwehrmechanismus der Regression lässt sich besonders häufig bei Frauen beachten

    • in der Regression sieht man dann häufig eine gepresste, mädchenhafte Tonlage (och und schrill) wenn es um Streit oder Konflikte geht.
    • Das kann das Gefühl der Schutzlosigkeit oder der Minderwertigkeit sein (Stichwort: weiblicher Nazismus)-
    • andererseits aber auch – wie in der Trotzphase – eine Form von Sturheit und Eigenwilligkeit.

Was ist der Vorteil der Regression?

Bei einer funktionierenden Regression schaffe ich mir

    • eine hilfreiche Distanz gegenüber der Realität,
    • und kann dann mit der Realität spielen.

Dies wäre dann eine Regression im Dienste des ICH.

Ein weiterer Vorteil:

  • der Rückzug in die Regression dient dem Fortschritt und der eigenen Entwicklungsfähigkeit.
    • Zum Beispiel kann niemand ohne zu schlafen lange überleben. Und es gibt keinen Fortschritt/Reife ohne Genuss, Spiel und Fantasie oder Humor

(6) Was geschieht, wenn Regression pathologisch wird?

Krankhaft oder Pathologisch (das gegenteil ist physiologisch) wäre zum Beispiel wenn die Regression zu viel oder gar nicht mehr eingesetzt wird um eine schwierige Situation zu bewältigen.

    • Wenn eine erwachsene Frau permanent ein trotziges Mädchen ist
    • Jemand liegt nur noch im Bett und steht nicht mehr auf.
    • Jemand lernt nur noch, hat nie Spaß oder geht dem Schlaf buchstäblich aus dem Weg geht.

Þ Dann ist die Regression außer Kontrolle geraten:

    • In den ersten beiden Fällen überlagert sie praktisch das ganze Leben.
    • Im letzten Beispiel wird sie weitestgehend gemieden.

Alle Menschen sind für sich Individuen. Es gibt Menschen – die haben eine Neigung zur Regression und andere die dies alles lieber vermeiden. Diejenigen, welche die Regression häufig anwenden sind in der Tendenz Personen welche

      • die Ansprüche der Realität in irgendeiner Weise nicht erfüllen können,
      • sich dann von der Realität zurückziehen
      • und diese vermeiden
      • Z.B. indem sie viel schlafen, sich ablenken (durch viel Zeit im Internet oder dauernd auf Partys gehen und viel trinken).
      • Andererseits aber auf eine Versorgung durch andere warten anstatt das Leben aktiv selbst in die Hand zu nehmen und einer strukturierten geregelten Tätigkeit nachzugehen und das eigene Leben aufzuräumen.

Þ Solche Denkmuster sehen wir häufig bei einer depressiven Grundstruktur.

Die andere Gruppe von Menschen sind diejenigen, welche die Regression eher vermeiden.

    • Sie betonen die Realitätsanforderung viel deutlicher,
    • geben sich kaum Spielraum für Fantasie,
    • lesen fast nur Sachliteratur.

Solch ein Denkmuster finden wir häufig bei psychosomatischen Erkrankungen wie den Zwangsstörungen.

(7) Unsere Entwicklungsstufen

Unsere Psyche ist – wie gesagt – in Entwicklungsstufen aufgebaut und die unteren Schichten bleiben immer erhalten.

Kommt es zu Konflikten – und werden untere Schichten frei gelegt – fällt man praktisch in frühere Entwicklungsstufen zurück.

Ein Vergleich mit einem kleinen Kind:

Ein kleines Kind hat zum Beispiel in der Zwischenzeit gelernt, seinen Toilettengang zu kontrollierenNun wird das Kind mit einer schwierigen Situation konfrontiert: ein Geschwisterchen wird geboren. So etwas kann in dem ersten Kind große Ängste auslösen – ganz besonders wenn es gerade seine ersten Schritte zu einer Autonomie (z.B. den Stuhlgang) vollzogen hat. 

die Zerrissenheit ist:

    • auf der einen Seite möchte es nicht die Aufmerksamkeit seiner Eltern verlieren wenn es jetzt alles alleine macht
    • Andererseits möchte er die neue Freiheit auch nicht wieder verlieren.

Häufig fallen die älteren Kinder dann in Verhaltensweisen zurück die der neu erworbenen Freiheit gar nicht mehr entsprechen:

    • es lässt sich wieder mehr herum tragen
    • Nuckelt am Daumen oder fordert die Nuckelflasche wieder ein
    • Spricht wie ein Baby
    • Macht – bei stärkerer Angst – nachts wieder ins Bett und gibt die hart erarbeitete Kontrolle über seinen Stuhlgang (Autonomie/Freiheit) wieder auf….

 

Das Kind regrediert freiwillig ein Stück weit auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück – als der Konflikt mit der Realität noch nicht da war. Auf dieser Stufe fühlt es sich dann wieder etwas sicherer um die neue schwierige Situation zu bewältigen.

Und – ähnlich wie in einer Therapie – haben die Eltern dann  die Aufgabe:

– einerseits die alten Versorgungswünsche nicht ganz zu verweigern,

– andererseits aber auch die Freiheitswünsche/Autonomiewünsche des Kindes zu fördern.

(8) Regression in der Therapie

Besonders in der Therapie bedient man sich häufig der Regression.

    • Sie spielt eine zentrale Rolle in der Therapie
    • und das ganz besonders darum weil Patienten häufig eine Therapie aufsuchen wenn sie mit der Regression in der ein oder anderen Weise ihre eigenen Schwierigkeiten haben

Während der Therapie muss ich der Therapeut dann immer wieder fragen,

    • ob er mit dem Patienten eher stützend arbeitet (also in eine Progression geht) und seine Fähigkeiten versucht zu stärken
    • oder zuerst eher regressionsfördernd arbeitet und sich den Patienten ermuntert sich fallen zu lassen.

Ein Arbeiten in der Regression ist aber oft notwendig

      • damit ein Patient mit seinen inneren Themen überhaupt in Berührung kommen kann (welche er oft ausgeblendet hat)
      • um darüber dann erst wieder die Möglichkeit zu haben in eine Progression/eine Entwicklung zu gehen.

So ist eine vernünftige Therapie immer ein Wechsel zwischen Progression und Regression.

Das Beispiel könnte so aussehen: Da ist ein Kind – dessen Eltern seine Versorgungswünsche ignorieren -und von ihm sehr viel Autonomie, freies Arbeiten/Denken verlangen.

Nehmen wir weiter an, die Eltern geben keinen guten Ausgleich zwischen den haltenden Wünschen (regressive Wünschen) und der Förderung der kindlichen Autonomie.

Das kann zum Beispiel geschehen wenn ein zweites Baby in der Familie kommt und dem älteren Kind nun die Rolle zu geschoben wird, „du musst jetzt der Vernünftige sein.“

Das ältere Kind spürt, dass seine Eltern mit ihm besonders dann zufrieden sind, wenn es ihre (!) Wünsche nach Selbstständigkeit erfüllt. Die Folge: Es passt sich an!

Und das geschieht häufig so gut dass es auch in Zukunft eigenständig versucht – auch unausgesprochene Leistungsansprüche der Eltern – immer zu erfüllen. Logischerweise geht dies alles nur auf Kosten der Fähigkeit

    • sich auch einmal in der Regression fallen zu lassen,
    • fantasieren träumen und
    • auch der Kreativität. „Denn man muss ja immer fertige Leistungen bringen.“

Nur,  durch Regression wird ein Mensch erst so richtig kreativ.

Häufig kommt solch ein junger Erwachsener dann später zur Therapie weil er in seiner Kernfunktion (seinen Studienleistung) auf einmal fürchterlich einbricht und psychosomatische Symptome bekommt.

Eine vernünftige und stützende Therapie wird dann darauf abzielen, seine eigentlichen Fähigkeiten wieder zu aktivieren.

Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten

    • Man könnte z.B. einen besseren Tages- und Lernplan ausarbeiten
    • Eine neue Verhältnismäßigkeit zwischen Freizeit und Lernen erarbeiten
    • Den Selbstwert/den realistischen Blick auf sich selbst stärken (Viktor Frankl: Der Selbstwert ist immer der gesunde Blick auf das was realistisch vorhanden ist).
    • Das Anspruchsdenken des Patienten in Ruhe vom Therapeuten reflektieren

(9) Schwierigkeiten in der Regressions–Therapie

 

(1) zu starke ICH – Konflikte

Sind die Konflikte des Patienten mit der Realität so stark, dass diese Konflikte zu viel Energie abziehen und es ihm an Kraft zu einer Umsetzung fehlt, obwohl er in einer Regression sich etwas entspannen kann,

Þ dann helfen alle Appelle zur Stärkung des ICH´s nicht weiter.

(2) zu starke Anpassungsneigungen.

Die Regression dient ja dazu, dass der Patient durch ein „Luftholen“ Kraft bekommt, sich auf neue Situationen besser einzustellen.

Problematisch wird es aber, wenn das ICH des Patienten grundsätzlich eine starre Neigung zur Anpassung hat.

Der Patient ist dann im Therapieverlauf immer wieder gewohnt, sich anzupassen und zu funktionieren.

    • Mit der Gefahr dass die eigentlichen Probleme – trotz Entspannung in der Regression – unbearbeitet bleiben. Dann aber später umso stärker neu über dem Patienten herein brechen.

Um einem Zuviel oder Zuwenig entgegen zu treten, bedient man sich verschiedener Therapiemöglichkeiten um die regressiven Prozesse zu regulieren oder zu fördern.

Solche Techniken unterscheiden sich zum Beispiel durch:

    • die Art und Weise wie der Therapeut seine Deutungen gibt
    • Durch zum Beispiel eine stärkere Zurückhaltung des Therapeuten die Regression fördern. Weniger direkte Interaktionen, ein stärkeres Nachklingen und längere Stille können die Regression fördern

(10)     Maligne vs. Benigne Regression

Eine Regression kann den Patienten jedoch auch überfordern.

    • Besteht die Innenwelt einer Person vorwiegend aus Chaos oder vernichtenden Gedanken und
    • befindet sich dass ich ICH einem Zustand der Auflösung und
    • hat die Person Schwierigkeiten mit der Anpassung an die Realität

kommt es sehr häufig zu einer Überforderung und ist dadurch kontraproduktiv

Dies sehen wir am häufigsten bei einem Borderliner.

In solchen Fällen droht das, was der Psychoanalytiker eine maligne Regression nennt – also eine Form der Regression die wirklich nicht entwicklungsfördernd wirkt sondern eher zerstörerisch.

Das Gegenteil zu der maligne Regression ist die benigne Regression

Im Falle eine malignen Regression

    • wird der Patient häufig so überfordert
      • dass sich der Patient massiv von der Realität abgekapselt und der Therapeut ihn nicht mehr erreichen kann.
      • In ganz ganz extremen Fällen kann der Patient kompensieren (Die Kompensation ist die Fähigkeit, auftretende Symptome durch weitere Hilfsmittel als nur der Verdrängung zu verhindern.,
      • psychotisch werden oder
      • – im schlimmsten Falle – sich Suizidieren.

Diese Gefahr ist real und darum wird ein Therapeut sehr früh solche Dynamiken einer malignen Regression unterbinden und sofort den Rahmen logischerweise der Therapie wechseln.

Diese Gefahr ist aber zum Glück auch selten. Denn besonders der Patient wird durch eine Rahmenbedingung – die ihn überfordert – selbst schnell auf eine andere wechseln wollen.

Wirklich zum Glück ist unsere Psyche ein Lebenskünstler und kann sich in kritischen Erfahrungen häufig auf gute Erfahrungen zurück besinnen.

Die Benigne Regression

 

Man könnte jetzt denken, die benigne Regression wäre gemütlich und total einfach.

Aber häufig passiert auch hier genau das Gegenteil.

Sie heißt nur deshalb benigne Regression weil ihre Folgen gut sind in der Progression. (gutartiger und bösartiger Tumor werden mit dem Begriff Benigner und Maligner Tumor beschrieben). Aber Wachstum bedeutet oftmals auch Schmerzen.

Auch bei einer benignen Regression entfalten sich teilweise sehr schmerzvolle regressive Dynamiken.

Wird der Patient in der regressiven Phase mit seinen Problemen konfrontiert

– kann es zu starken Schamgefühlen, Ohnmacht, Gefühlen der Minderwertigkeit, der existenziellen Angst vor Liebesverlust kommen.

(„Nur wenn man etwas leistet dann ist man auch liebenswert“ – das Leitmotiv eines Perfektionisten).

All das Besprochene zusammen gefasst, sind für sich Gründe, warum es vielen Patienten häufig schwer fällt sich in eine kindliche Regression fallen zu lassen. „Lieber die Augen weg drehen als sich den Problemen stellen“

.

Es ist die Aufgabe des Therapeuten

    • mit dem Patienten eine gute Verbindung zu geben,
    • ihm eine Sicherheit in der Beziehung zu schenken und damit
    • einen neuen Entwicklungsraum zu eröffnen der
      • abseits von jeglichen Abwehrmechanismen liegt

um ihm dann zu helfen das Stück Freiheit zu bekommen was er sich schon immer gewünscht hat

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Der Borderliner – Sein zerstörerischer Einfluss auf die Umgebung

Der Borderliner – sein zerstörerischer Einfluss auf die Umgebung

Schau Dir das Video auch auf Youtube an!

Was passiert, wenn ein Borderliner in eine vorher funktionierende Gruppe eintritt?

Diese Gruppe können Schulklassen sein, Arbeitsteams, Krankenhäuser, Sportvereine und so weiter.

Mit diesem Beitrag  möchte ich typische Verhaltensmuster und Krisenmuster zwischen Gruppen und einzelnen Patienten (Borderline Patienten) darstellen.

Lass mich das folgendermaßen beschreiben:
Borderline Patienten können durch die Aktivierung alter Objektbeziehungsmuster und Abwehrstrategien innerhalb der Gruppe deren

      • unverarbeiteten Konflikte und
      • primitiven Beziehungsmuster – wie sie in der Jugend (Adoleszenz) vorherrschten – wieder auslösen.

Das oft sehr aggressive Auftreten eines Borderliners entspricht einer gehemmten, abgewehrten und darum hoch ansteckenden unterschwelligen aggressiven Dynamik innerhalb der „alten“ Gruppe. Es öffnet sozusagen „alte Wunden“ bei der Gruppe.

Häufig beginnt sich dann eine Kollusionen zu bilden. Eine Kollusion kann man am besten mit dem Bilden von kleinen Gruppen vergleichen. Die eine Gruppe wird aktiv indem sie ihre eigenen alten Themen ausagiert und die andere steht fast ohnmächtig daneben und muss diese neue Situation akzeptieren.

Gibt es eine Möglichkeit solche Dynamiken

      • zu verstehen?
      • Zu analysieren?
      • oder zu einer gemeinsamen Gruppenhaltung zurück zu finden?

Ja, das gibt es! Aber zuerst einmal: Warum diese Frage?
⇒ Weil, wenn der Borderliner die Gruppe mit seinen unreifen Verhalten beeinflusst, dann kommt es zum allgemeinen Stillstand jeglicher Entwicklung. …
Der Sportverein kommt nicht vorwärts, in der Familie dreht man sich im Kreis, im Betrieb wird keine sinnvolle Arbeit geleistet.

Und was passiert bei dem Borderliner? Während seine Umgebung gelähmt ist (da sie von den unverarbeiteten Aspekten des Borderliners infiziert wurde und eigene ungelöste Themen der Vergangenheit sie blockieren,) kann der Borderliner in aller Ruhe seine alten und vertrauten Beziehungsmuster fortsetzen anstatt sich in der neuen Gruppe neu zu entwickeln.

Da es viele Gruppen in unserer Gesellschaft heute gibt wie zum Beispiel

        • Schulklassen, Sportvereine, das Arbeitsumfeld, private Freundschaftsgruppen

möchte ich das Krisenmuster und den Umgang mit Borderline Patienten einmal aus der Sicht derjenigen Gruppe von Personen beschreiben, die sich ursächlich am häufigsten hiermit beschäftigen müssen – dem Klinik-Personal.

Wir können  die Art und Weise jedoch, also dieses Handlungsmuster, auf jede andere Gruppe in unserer Gesellschaft übertragen.!

Was sind die Handlungsmuster von Borderline Patienten in einer geschlossenen Gruppe?

1.1. Regression und Erlösungshoffnung
1.2. narzisstische Verführung und Gegenübertragung 
1.3. Gruppendynamik und regressive Gruppenprozesse

Zuerst einmal ein Fallbeispiel anhand deren wir die Situation am besten beschreiben können:

Auf einer Station in einer Klinik gab es einen Borderline-Patienten, mit dem Therapieauftrag:
– seine sozialen Anpassungen zu verbessern um später wieder normale Beziehung zu unterhalten und eine normale Arbeit aufzunehmen.

Der Patient hat dann auf der Station ein Verhältnis mit einer anderen Patientin angefangen und dies auch dem Therapeuten offen kommuniziert.

Der Therapeut (eigentlich ein sehr erfahrener Therapeut) hat später in einer Teambesprechung diesen Fall geschildert und für den jungen Mann Partei ergriffen.
Schließlich sei er ja ehrlich gewesen und hat offen ihm diese Beziehung geschildert. Der Therapeut hatte das Gefühl, dass der Patient nun eine wichtige Erfahrung durchmacht und schlug vor, diese Beziehung zu dulden – auch wenn ihm das ein wenig Bauchschmerzen bereitet.

Die Stationsregel besagt nämlich, dass Patienten während eines Aufenthaltes keine (sexuelle Beziehung) zu einem mit Patienten unterhalten sollen.

Was war jetzt die Folge bei der Teambesprechung? Das Team zeigt sich – wie erwartet – gespalten in zwei Gruppen:

      • einige Mitglieder sind der Meinung des ersten Therapeuten und man könnte mit dem Patienten eine Ausnahme machen.
      • Die andere Hälfte hat den Eindruck dass dieser Grenzübergriff des Patienten zu einem bestimmten Verhaltensmuster des Patienten gehört. Durch seine Kleidung, seine Körperhaltung und die Art und Weise wie er sein Zimmer mit Zeitungsausschnitten tapeziert zeigt, dass er immer wieder aufs Neue Grenzen überschreiten möchte.

Das ist eine typische Kollusion 

Nun  befindet sich die Gruppe  in einem Dilemma:

    • entweder gegen die Regel-Verletzung des Patienten einschreiten … Dann stünden sie aber wie ein Tyrann gegenüber einem einzelnen ohnmächtigen Opfer (der Patient)
    • Oder sie lassen sich vom Patienten tyrannisieren und werden selbst ein ohnmächtiges Opfer (jetzt als gesamte Gruppe.)

Solch eine Beziehungsfalle ist typisch bei der Behandlung von Borderline Patienten. Er spielt hierbei unterschiedliche Anteile (unverarbeitete Anteile) innerhalb (!) des Teams gegen sie untereinander aus.

Dies geschieht sehr virtuos – ähnlich wie es auch ein kleines Kind versucht, Elternteile gegeneinander auszuspielen.

Was passiert nun bei dem Betreuungsteam im Krankenhaus (aus dem Beispiel)? Es bewirkt, dass sie eigene Adoleszenzanteile von Teammitgliedern (diese Lust am Regelbruch und an der Provokation)  billigen und sogar fördern.

Schnell kann eine Kollusion beobachtet werden (Gruppenbildung).: Ein Teil der Gruppe beginnt nun eigene unfair arbeitete aber vorhandene Themen aus ihrer Jugendzeit auszuagieren während andere Teile der Gruppe eine Ohnmacht dabei empfinden da sie nun mit ansehen müssen wie die Gruppe gespalten wird.

Noch mal die Frage von vorhin:

Gibt es denn eine Möglichkeit solch eine Dynamik

      • zu verstehen
      • Zu analysieren und
      • Zu einer gemeinsamen Team-Haltung zurück zu finden?

Denn, wenn die Gruppe dies nicht erreicht, dann kommt es zum Stillstand einer therapeutischen Entwicklung:

      • Der Borderliner bleibt fest in seinem Verhaltensmuster stecken und
      • das neue Team, die neue Gruppe steht wie gelähmt da weil sie von den unfair arbeiteten Aspekten des Patienten infiziert wurde und eigene ungelöste Themen nun die Arbeit blockieren.

Wer das verstanden hat, weiß warum Borderliner ihre Umgebung so häufig in Probleme stürzen:

      1. Der Borderliner steht in einer Problembehandlung auf einer frühen unausgereiften Stufe. Diese Stufe ist so unausgereift dass man das sogar als Krankheit bezeichnen kann. Nun kommt er zu einer neuen Gruppe die wir mal als normal bezeichnen. Trotzdem hat jeder normale Mensch auch Anteile in sich die selber noch unausgereift sind, jedoch nicht so stark wie bei einem Borderliner.

2. Der Borderliner schafft es nun durch seine Handlungen, genau diese unreifen Persönlichkeitsanteile von uns zu aktivieren (oder von der Umgebung).

Schauen wir jetzt im weiteren Verlauf einige Muster an, anhand denen wir erkennen können wie ein Borderliner sich selber im Weg steht und anderen in der Umgebung Probleme bereitet.

Das Muster der Krise mit einem Borderliner

1.1. Regression und Hoffen auf Erlösung

Wie läuft es normalerweise ab, wenn jemand neu in eine fremde Umgebung kommt? Dann ist die natürliche, erste Reaktion der Gruppe einem Neuankömmling wohlwollend entgegen zu treten.

Er kann sich sozusagen erst einmal „fallen lassen.“

Bei Menschen mit einer Angsthaltung oder einer neurotischen Haltung ist dies auch sehr gut, um die Abwehrstrukturen etwas zu lockern und einen Zugang zu den Menschen zu erhalten.

Bei Borderline Patienten kann das gleiche Angebot (Regressionsangebot) jedoch eine Illusion von einer völligen Versorgung und die Gefahr einer Fragmentierung der Ich-Struktur fördern.

Das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit einem Borderliner! Nochmals: die haltende Umgebung fördert eine Regression –  damit ist ein Zurückfallen in früherer Verhaltensweisen gemeint.

Bei jemanden der eher neurotisch durch das Leben geht kann sich der sichere Zustand wieder einstellen als er von seinen Eltern gehalten wurde. Das ist gut!

Bei einem Borderliner kommt aber wieder der alte Zustand seiner frühsten Kindheit zum Vorschein wo er immer hin und her gependelt ist zwischen dem Zustand des Seins und dem Zustand der Vernichtung.

Ich möchte ermuntern mein Video hierzu zu betrachten: „Wut oder Angst – was treibt den Borderliner an?

Für einen Borderliner besteht das eigene ICH in der Regel aus zwei Bildern die voneinander abgespalten sind.

Das eine Bild entspricht dem eines hilflosen Kindes und das andere dem eines allmächtigen Guten oder allmächtigen zerstörerischen selbst.

Kommt ein Borderline Patienten in die Klinik / in eine neue Umgebung passieren in der Regel drei Schritte:

(1) Zuerst wird in der Klinik der Therapeut / oder in einer neuen Gruppe der wahrscheinliche Anführer, zwangsläufig als derjenige wahrgenommen der mit „magischen allmächtigen Qualitäten“ ausgestattet ist und allein sein Kontakt mit dem Patienten kann schon eine Heilung bewirken ohne dass der Patient irgendetwas dafür tun müsste. ... „Das ist natürlich Quatsch, aber so ist das in seiner Vorstellung“.

(2) Irgendwann später wird dem Patienten jedoch klar dass er sich in seiner eigenen Vorstellung getäuscht hat. Dann wendet sich der Patient voller Wut von seinem Objekt dem Therapeuten ab. Hat aber nun selber Angst davor dass das Objekt (der Therapeut) ihm gegenüber nun schlecht eingestellt ist.

(3) dann wird sich ein neues Objekt gesucht und mit ihm die gleiche Erfahrung aufs Neue wiederholt wird – so als hätte er vorher diese Erfahrung nie gemacht. 

Kommt ein Borderliner also in eine stark haltende Umgebung (wie zum Beispiel in einer therapeutischen Klinik) wird diese Illusion der Hilfe durch eine symbiotische Verschmelzung mit dem Therapeuten oder einem vermeintlichen Anführer ständig neu provoziert und ständig neu enttäuscht. Ein Teufelskreislauf kommt dadurch ins Leben

Hört sich das alles kompliziert an? Ganz bestimmt! Wir müssen aber bedenken, dass dies die traurige Realität für viele Borderliner ist! Wie er hier aus diesem Hamsterrad wieder heraus kann, werden wir gegen Ende des Artikels besprechen.

1.2. die narzisstische Verführung des Borderliners.

Die Regression ist vielleicht etwas kompliziert beim ersten Mal zu verstehen. Etwas leichter wird es mit der narzisstischen Verführung und der Übertragung auf ein Gegenüber.

Jeder von uns trägt gewisse Anteile von Nazismus in sich. Es gibt in der ersten Stufe des jungen Lebens den gesunden Narzissmus welcher sich dann über die „Du-Beziehung mit der Außenwelt  zu einem gesunden Narzissmus mit der Umgebung entwickelt (S.Freud / M.Buber)

Der überwiegende Teil der Menschheit –  und ganz besonders Personen in helfenden therapeutischen Berufen (ich denke jetzt an eine Klinik) – besteht aus Personen / Mitarbeitern welche sich selbst als sensible, sorgende und wohlwollende Personen sehen würden.

Dahinter liegt die logische Annahme, dass ein Patient durch eine haltende Haltung

        • wieder Vertrauen ins Leben finden kann und durch stützende Kontakte
        • sein eigenes Selbstbewusstsein stärken und entwickeln kann
        • dass er sich mit vorher abgelehnten Anteilen in seiner Person wieder versöhnen und dadurch wieder auf den Weg der Heilung gehen kann.

Das ist ein ganz normaler Behandlungsverlauf wie er bei neurotischen Patienten, Angstpatienten und anderen grundsätzlich auch richtig ist.

So vorzugehen, kann aber bei Patienten mit einer Borderlinestörung genau das Gegenteil hervorrufen: es kann dazu führen, dass ein Borderliner sein Gegenüber als allmächtigen und allwissenden Helfer betrachtet („so wie mit Ihnen konnte ich noch mit keinem anderen Menschen reden“).

Was ist oft die Folge? So von Lob überschüttet kommt ein (unerfahrener) Therapeut oder jeder andere „normale Mensch“ auch, in einen narzisstischen Sog wenn er von seinem Gegenüber dermaßen über die Gebühr bevorzugt und ausgezeichnet wird. Das kann auch dazu führen dass ein Therapeut sich innerlich vom Rest der Therapeuten-Gruppe entfernt und allmählich seine vorherige Objektivität bei der Behandlung seines Borderline-Patienten verliert. Damit verliert er aber auch die Möglichkeit, seinem Patienten in seiner Krankheits-Situation zu helfen!

So langsam schnappt dann eine Falle zu:

(1) Wenn der Therapeut wieder in die Objektivität wechseln möchte, könnte das den Patienten ärgerlich machen und das Risiko kommt auf, diese spezielle Beziehung zu verlieren.

(2) Noch größer ist das Risiko dass der Therapeut seine eigene Vorstellung verlieren könnte ein warmer und allmächtiger Heiler zu sein – allmächtig ist er natürlich nicht, er bekommt dieses Gefühl nur von dem Borderline Patienten suggeriert.

(3) Was ist jetzt die Folge im Außenverhältnis zu der Gruppe? Dies führt zu einer Spaltung des Teams: die Einen wollen verständnisvoller sein und die Anderen wollen engere Grenzen setzen.

Ganz allgemein führen diese vier Schritte zu immer mehr Abwehrmechanismen zwischen Patienten und Mitarbeitern (Therapeuten).:

      1. Verführung
      2. Verletzter Narzissmus
      3. Abwendung des Patienten
      4. Zunahme von Machtkämpfen

Was aber hat ein Borderliner davon, dass er permanent diesen Prozess von Verführung und Machtkampf aufrecht hält? Wenn wir uns die Kriterien des Borderline es noch einmal anschauen dann ist Das siebte Kriterium: chronisches Gefühl der Leere.

Durch die permanenten Verführungen und Machtkämpfe erreicht frt  Borderliner zwei Ziele:

(1) er bleibt im Kontakt mit seiner Umgebung und

(2) kann eine genauere Untersuchung seines tiefen Gefühls der Leere durch seine Umgebung verhindern.

Mit welcher Berechtigung führt er diese Machtkämpfe? Für einen Außenstehenden ist das alles doch völlig widersinnig.

Er begründet diese Machtkämpfe damit, indem er behauptet seine Umgebung hätte ihn in seiner Überzeugung getäuscht. Seine Umgebung hat ihm Dinge versprochen die Sie nicht erfüllt hat. Als Konsequenz davon fühlt er sich nun enttäuscht und fühlt sich im Recht dazu seine Machtkämpfe anzufangen.

Dies ist häufig aber so spontan und widersinnig das dies der Umgebung gar nicht auffällt. Sie kann sich kognitiv nicht so schnell auf diese Tatsachen konzentrieren

      • dass solch ein Versprechen nie ausgesprochen wurde
      • sondern das all das lediglich dem Wunsch des Borderline-Patienten entspricht.

Durch die narzisstische Verführung und Gegenübertragung verfügt der Borderline Patient über eine ganz spezielle Fähigkeit, seine Umgebung in einen magischen Denkkreisel hinein zu ziehen und durch diesen zu einer Realitätsverzerrung in der gesamten Umgebung beizutragen.

Falls du Asterix Leser bist dann erinnere dich einmal an das Buch „Streit um Asterix“ mit der Handlungsfigur des Destructivus welcher immer nur Zwietracht säte.

1.3. Gruppendynamik und regressive Gruppenprozesse

Die zwei besprochenen Punkte bis jetzt waren:

1.1. die Regression welche durch eine schützende Umgebung verursacht und von Borderliner ausgenutzt wird.

1.2. Der narzisstische Sog welcher ein ganzes Team, eine ganze Gruppe spalten kann.

Jetzt, im Punkt 1.3. geht es ursächlich darum, wie die neue Umgebung geleitet, geführt und ganz besonders: organisiert ist. Daraus ergeben sich viele interessante Wechselwirkungen mit dem Borderliner Patienten.

Ich spreche in diesem Artikel beispielhaft über die Situation, dass ein Borderliner Patient in eine Klinik kommt und dort behandelt wird.
Deine Aufgabe – lieber Leser – ist es, diese Gedankengänge auf deine persönliche Umgebung zu übertragen.
– Bist du in der Schule und hast jemanden der immer Streit verursacht?
– Bist du auf eine Arbeitsstelle und hast du jemanden der Streit verursacht
– oder gibt es den einen Zwietracht säenden in deinem Freundeskreis?

Für all diese Rahmenbedingungen ist dieser Artikel gedacht!

Versetze ich jetzt einmal die Situation: Ein Borderline Patient kommt neu in eine stationäre / klinische Therapie. Er wird dort auf drei Rahmenbedingungen stoßen:

(1) Die Klinik kann aufgrund ihrer Aufgabentätigkeit (Patienten zu heilen) nur wenig klare Rollen, Regeln und Normen haben. Da, wo Menschen behandelt werden, ist man umgeben von Einzelfällen und völlig individuellen Rahmenbedingungen. 

(2) Der Borderliner, kann sich jetzt in dieser neuen Umgebung nicht mehr auf seine normalen sozialen, familiären und beruflichen Rollen zurückfallen lassen die zuvor seine Identität in der Vergangenheit gestützt haben.

(3) aufgrund seines Naturells nimmt der Borderliner nun in dieser stationären Umgebung viele verschiedene neue Beziehungen auf – und dies führt zu einer weiteren Destabilisierung seines Gleichgewichtes.

Viele neue / und verschiedene Objektbeziehungen sind aber Gift für einen Borderliner. Warum ist dem so?

(1) Ein Borderliner hat ein deutlich niedrigeres Strukturniveau. Dies ist kein Vorwurf sondern bezieht sich auf das Kriterium Nr. 2 und Nr. 3 eines Borderliners (nach DSM 5)

      • Kriterium Nr.2: ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehung. Ein Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung.
      • Krierium Nr. 3: die Identitätsstörung. Eine andauernde Instabilität des Selbstbildes oder das Gefühl für sich selbst.

Hierdurch gelangt er extrem schnell zu neuen Bekanntschaften die aber ihrerseits nur sehr oberflächlich aktiviert werden.

Und die Formel lautet: je mehr oberflächliche Beziehungen, umso pathogener wird der Konflikt in der Beziehung (1) zum Selbst (2) zu den Mitbewohnern und (3) zu den Therapeuten.

Das Pathogene in diesen Beziehungen zeigt sich durch

    • infantile Abhängigkeitswünsche
    • heftige Ängste vor Verfolgung und Vernichtung,
    • primitive Abwehrmechanismen zur Bewältigung dieser Ängste wie z.B.
        • Spaltung, Verleugnung und Projektive Identifizierung.

Wir besprechen ja hier in dem Punkt 1.3. die Struktur der neuen Umgebung. Welche Dynamik entstehen durch die Organisation der neuen Umgebung?

Je weniger strukturiert die neue stationäre Umgebung ist (und das trifft auf viele psychiatrische Kliniken zu)
desto stärker ist das Potenzial dass die Patienten in Regression geraten.

Andererseits: Es gibt auch erfolgreiche Kliniken!
Diese zeichnen sich durch ein hohes Maß an klaren Strukturen, Anforderungskatalogen für Mitarbeiter und Patienten und einer schnellen Integration des Patienten in einen festen Tagesablauf aus. Das stabilisiert einen Borderliner wirklich!

1.4. die drei Grundannahmen

Bislang haben wir in den obigen Punkten darüber gesprochen, dass Rahmenbedingungen das Regressionspotenzial von einzelnen Menschen fördert.

Es gibt aber auch Prozesse und Rahmenbedingungen welche ganze Gruppen von Personen wie zum Beispiel Patienten und Therapeuten in der Gesamtheit erfassen können.
Solch eine Gruppendynamik nennt man „Grundannahme

Eine Grundannahme ist nichts Kompliziertes. Es entspricht nur einer allgemeinen Annahme für eine Gruppe nach der sie ihre Handlungen ausführen. „Ich nehme an, also tue ich. / Wir nehmen an, also tuen WIR“

Welche drei Annahmen können nun in den Gruppen aktiviert werden?

1.4.1. die Abhängigkeitsgruppe

Die Gruppenmitglieder binden sich in eine Abhängigkeit von einer einzelnen Person, einem so genannten Anführer welchem sie zutrauen dass er mehr Fähigkeiten hat als sie. Dieser Führer kann ein Gruppenmitglied sein aber auch ein Teamleiter oder Gruppenleiter, also irgendeine andere Person.

In dieser Dynamik geben die Gruppenmitglieder ihre eigenen Selbststeuerungsfähigkeiten auf und projizieren die Fähigkeit zur Erfüllung ihrer Wünsche nach Rettung, Ernährung und Schutz in den Führer.

Natürlich ist das Quatsch! Und diese Figur kann die „magischen Erwartungen“ logischerweise nie erfüllen. Was passiert dann? Dann schlägt die Erwartungs- und Unterwerfungshaltung regelmäßig in Wut und Aggressivität gegen diese Führer-Person um der nun entwertet, bekämpft und in der Fantasie vernichtet wird. Vielleicht wird er auch durch einen neuen Führer oder durch eine neue Grundannahme in der Gruppe ersetzt .

Kommt Dir das eventuell bekannt vor? Das Kriterium Nr. 2 bei Borderline Persönlichkeitsstörung ist: „ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung.“

Bitte bedenke hierbei, dass so etwas auch bei Nicht-Borderlinern im alltäglichen Leben immer wieder stattfinden kann. Bei der Borderline Persönlichkeitsstörung ist dies jedoch sehr deutlich vorherrschend – praktische ein Erkennungs-Kriterium!

1.4.2. die Kampf-Flucht-Gruppe

Diese Gruppe verbindet sich gemeinsam gegen einen Außen-Feind. Dieser Außen-Feind vereint die Gruppe vorübergehend so dass sie entweder gemeinsam in einen Angriff oder gemeinsam in eine Flucht gehen. Das, was die Gruppenmitglieder miteinander teilen, ist eine gemeinsame paranoide Wahrnehmung.

Hier sind wir bei Kriterium Nummer 9: Die vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellung oder schwere dissoziative Symptome.

1.4.3 die Paarbildungsgruppe

Diese 3. Gruppe gleicht der der Gruppe Nummer 1 in fast allen Bereichen. Der einzige Unterschied: die Gruppe projiziert ihre Wünsche und Sehnsüchte nicht auf eine einzelne Person, sondern auf ein Pärchen (meist heterosexuell). Von ihm wird erwartet, dass es alle Probleme der Gruppe lösen könnte. Aber auch diese Erwartung wird häufig recht schnell enttäuscht und führt dann dazu, dass die Gruppe ihre eigene Grundannahme ändert.


Was haben diese Grundannahmen mit unserem täglichen Leben und ganz besonders mit dem Umgang mit einem Borderliner Patienten zu tun?

Für das tägliche Leben kann man sich folgendes merken:

Je unstrukturierter eine Gruppe in sich ist – und je weniger präzise Aufgaben definiert sind, desto stärker werden genau diese drei Grundannahmen im täglichen Leben aktiviert. 

Dies findet man in Familien vor, im Kindergarten in der Schule überall wo Menschenansammlungen stattfinden. Und meistens gehen diese auch ganz ordentlich vonstatten und es passiert nichts Negatives.

Nun sprechen wir aber über das Verhalten eines Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung. … Ein Mensch mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung reagiert besonders sensibel auf unstrukturierte Gruppen und aktiviert umso massiver deren Grundannahmen.

Am aller häufigsten entsteht die Dynamik einer Abhängigkeitsgruppe (1.4.1.) mit den entsprechenden Wünschen an eine Person (in der Klinik ist dies meistens der Therapeut). 

Werden die Hoffnungen und Wünsche, die in den Therapeuten gesetzt werden enttäuscht schlägt die Stimmung oft um in eine Kampf – Flucht – Gruppe (1.4.2.) und die Gruppe der Therapeuten (!) wird dann zum bedrohlichen Außenfeind der nun die Gruppe der Borderline Patienten miteinander vereint. 

In solch einer Situation werden Borderline Patienten schnell zu Oppositionsführern da sie eine hohe Bereitschaft zu einer paranoiden Wahrnehmung und zusätzlich noch ein hohes Aggressionspotenzial haben.

Genau hier haben wir das Problem: durch die paranoide Wahrnehmung und des hohen Aggressionspotenzial sind Borderline- Patienten sehr häufig ganz weit vorne damit, Streit und Aggression mit anderen Menschen auszuleben! Das ist das ursächliche Problem einer Borderline Persönlichkeitsstörung !!!

Was ist die beste Methodik wenn in einer Gruppe solch eine Borderline Aktivität zu spüren ist? Soll man sie laufen lassen? Oder soll man eingreifen?

Klare Frage, klare Antwort: Das Aufdecken solch einer Dynamik führt dazu dass die Gruppe fast immer ihre Arbeitsfähigkeit zurückerlangt und sich wieder auf ihre eigenen Fähigkeiten besinnt.

Wird nicht eingegriffen, kann in diesem Umfeld (wir sprechen hier ja immer noch von einer Therapieklinik) eine lähmende und destruktive Atmosphäre entstehen in der dann diese Spannungen ausagiert werden durch Suizide, Schlägereien und Missachtung sämtlicher Regeln von oben.

Der haltende Charakter einer stationären Psychotherapie kann also die Pathologie von Borderline-Patienten verstärken anstatt diese aufzulösen.

Aber nur Regeln und Gesetze sind auch nicht richtig. Ein gewisses Maß an Regression ist nämlich die Grundbedingung dafür dass ein Patient seine abgespaltenen und unbewussten Objekt-Beziehungsmuster auch wieder darstellen und erleben kann.

Ein Übermaß an Regeln und Vorschriften und ein distanziertes Verhalten der Therapeuten (um regressive Entwicklungen zu vermeiden) hätte die Konsequenz:

        • dass eine Diagnose nur schwer möglich ist 
        • das Bearbeiten der Pathogenen Konflikte überhaupt nicht mehr möglich ist
        • und der Patient im besten Fall lediglich in die Normen der Station reingepresst wird.

Das Reinpressen hat aber keinen therapeutischen Wert! Wir kennen das von der Kindererziehung: nur harte Gesetze lassen das Kind sich auch nicht entfalten. Und groß ist der Unterschied zwischen Schule Kindergarten Familie und einer Therapie mit Borderline Patienten nicht. Es geht immer darum, ein ausgewogenes und der Situation angepasstes Maß sowohl an haltenden Rahmenbedingungen und festen Regeln zu beachten und aufzustellen.

Kapitel 2 – Wie können Krisen in Gruppen gelöst werden?

Nehmen wir uns noch mal das Musterbeispiel von Anfang zur Hand: der junge Mann hat sich über gewisse Regeln hinweg gesetzt und die Gruppe der Therapeuten war gespalten. Der eine Therapeut sagte man sollte etwas offener damit umgehen und die andere Gruppe sagte „Nein sein gesamtes Verhalten ist destruktiv und gegen alle Regeln“.

Wie wurde diese Situation in dieser Klinik gelöst?

Ganz am Schluss wurde der Chefarzt als Außenstehender befragt. Er war ganz erstaunt von der Gedankenlosigkeit der Gruppe die dem Patienten wie ein Schaf zur eigenen Schlachtung hinterher gelaufen ist.

Er fragte in die Runde: „was war eigentlich ganz am Anfang der therapeutische Auftrag des Patienten?“

Der ursprüngliche Auftrag war es nämlich, dem Patienten zu helfen sein Beziehungs- und sein Sozialverhalten zu verbessern. Jetzt fiel es den Therapeuten auf dass das Verhalten des Patienten den bewussten Behandlungsauftrag komplett im Widerspruch stand und das Team erlebte am eigenen Leibe durch seine Provokation, seine Entwertungen wie er die Therapie gefährdete und die Arbeitssituation torpedierte.

(1) Der erste Schritt muss nun sein: die Therapeuten müssen dem Patienten ein eigenes Verständnis über sein Verhalten geben (offene Worte)

(2) um im zweiten Schritt dann die Grenze von ihm einzufordern damit überhaupt noch eine Chance bleibt, ein beziehungsförderliche Sozialverhalten zu erlernen.

Eigentlich ganz einfach! Ein Kind welches „bockig“ ist, bekommt ja auch in einem vernünftigen Maße von seinen Eltern Grenzen gesetzt damit es dann sein Sozialverhalten verbessern kann. Nochmals: Schule, Kindergarten, Arbeitsumfeld und Therapie von Borderliner haben viele Überschneidungen.

Schauen wir uns nun drei Schritte an wie eine Krise in der Therapie oder in dem Umgang mit einem Borderliner gelöst werden kann.

2.1. Das Containing / die Emotions „Black-Box“

Das so genannte Containing ist mit das Wirksamste was in der Therapie mit einem Patienten getan werden kann. Ein Patient hat ein unerträgliches Leiden und möchte davon erlöst werden.

Jetzt vergleichen wir den Patienten mal mit einem hilflosen Baby:

Die Mutter eines kleinen Kindes nimmt die Affekte / die Reaktionen des Babys (Hunger, Angst, Unzufriedenheit) welche das Baby im ersten Moment selber noch nicht verarbeiten kann als projizierte Elemente in sich auf (das ist das so genannte Containing).

Sie als Mutter verarbeitet diese jetzt stellvertretend für das Baby. Dies ist ein emotional – kognitiver Prozess in welchem die Mutter den geistigen Zustand des Babys nacherlebt, ihn bedenkt und dann in eine Erwachsenenhandlung oder in ein erwachsenes Verhalten zurück überführt.

Zum Beispiel kann das Schreien des Babys die Mutter dann zum Füttern, zum Halten des Babys oder einfach mit dem Baby agieren motivieren.

Das Baby, welches noch nicht diese emotionale kognitive Kapazität von seiner Mutter hat kann sich aber mit diesem Containment / das Halten der Mutter voll identifizieren und auf diese Art und Weise selbst diesen Verarbeitungsprozess erlernen.

Jetzt übertragen wir das mal in die Psychotherapie.

Containing zeichnen in der Psychologie den Vorgang in denen der Therapeut die Projektionen eines Patienten erst mal aufnimmt – ohne die eigenen Emotionen dort hinein zu tragen.
Im zweiten Schritt verwandelt der Therapeut diese Informationen die den Patienten ja noch unerträglich sind in etwas erträgliches und gibt es ihm in einem dritten Schritt zurück.

Containing ist fast schon psychotherapeutische Verdauungsarbeit von unerträglichen Gefühlen – anstatt diese unerträglichen Gefühle welche vom Borderliner Patienten ausgesendet werden unreflektiert wieder zurück zu senden. Das Gegenteil wäre das Spiegeln der Gefühle.

Der Patient nimmt sein Gegenüber (den Therapeuten) als eine Person war, welche es schafft mit den eigenen unerträglichen Gefühl fertig zu werden. Dies hilft im Borderliner nun, sich mit seinem Gegenüber zu identifizieren.
Und dadurch kann es dazu kommen, dass der Patient nach und nach die Fähigkeit selber entwickelt unerträgliche Gefühle selber in etwas Erträglich zu verwandeln und dann auch auszuhalten. Einen solchen Vorgang nennen wir den Begriff der „Ich-Stärkung“

Diese „ich – Stärkung“ ist auch sehr notwendig wenn wir uns wieder einmal den Borderline Kriterien zuwenden.

Das Kriterium Nummer 3 lautet ja: Identitätsstörung: eine ausgeprägte und andere unter Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst.

2.2. Das „offene System“

Als offene Systeme können wir sämtliche Organisationen bezeichnen wie zum Beispiel Betriebe, Sportvereine, Schulen, und Kliniken die – um lebensfähig zu sein, oder eine Aufgabe durchzuführen – mit ihrer Außenwelt permanent in einem Austausch stehen müssen.

Praktisch alles auf dieser Welt ist im Endeffekt ein offenes System. Es muss nur funktionieren! Bei einem Betrieb sind es zum Beispiel Rohstoffe die reinkommen, die dann verarbeitet werden und dann als fertiges Produkt an den Kunden in der Außenwelt verkauft werden.

In einer Klinik wären die Rohstoffe die behandlungsbedürftigen Patienten. Die werden jetzt therapiert und am Schluss als geheilt entweder entlassen, verlegt oder weiter vermittelt.

Jedes offene System kann durch seine primäre Aufgabe definiert werden: das ist der Zweck der Organisation. Bei einem Betrieb kann es zum Beispiel Herstellung und Verkauf von Produkten sein. Bei einer Klinik die Behandlung von Patienten, im Kindergarten das Beschützen und in der Schule das Vermitteln von Lerninhalten an die Schüler.

Dieses offene System kann sowohl auf Gruppen, Organisationen und Gesellschaften angewendet werden aber auch auf einzelne Personen.

Unser ICH ist auch eine Steuerungsfunktion – ein offenes System.

Die Ich-Funktion vermittelt zwischen der äußeren und der inneren Welt und definiert eine Grenze zwischen innen und außen. Wie ein Manager steuert er es und diese Steuerung des Ichs wird in der Adoleszenz, in der Jugendzeit erlernt.

Ist jemand psychopathologisch krank so ist diese Steuerungsfunktion des ICH´s  komplett zusammengebrochen, mit den Folgen:

(1) damit können keine realitätsgerechten Beziehungen gestaltet werden und
(2) die Befriedigung von Bedürfnissen des Patienten (also seine primär Aufgabe) ist gefährdet.

Jetzt kommt der Therapeut ins Spiel:

Die Aufgabe eines Therapeuten ist vergleichbar mit der eines Beraters für ein Unternehmen. Die wichtigsten Aufgaben eines Firmenberater sind:

(1) die Organisationsstruktur in der Firma wieder herzustellen. D.h. also die Steuerungsfunktion wieder einrichten. 
(2) Den Betrieb wieder in eine Situation zu bringen dass er selbst geleitet und eigenständig fortgeführt wird. Für unser Beispiel, dass das ich wieder die Fähigkeit hat die Leitung über den Patienten selbst zu übernehmen.

Was macht die Arbeit mit einem Borderliner so schwer?

Das Verhalten eines Borderliners ist häufig geprägt von

(1) einem gestörten Verhalten und 
(2) einem starken psychischen Schmerz.

Diese zwei Phänomene lösen in der Regel in der Umgebung starke kollektive Abwehrdynamiken aus.

Die drei Gruppen der Abwehrdynamiken sind:

(1) eine kollektive Verleugnung von solch schweren Störung 
(2) eine stark haltende und versorgende Dynamik (die Mutter-Seite)
(3) eine rigide und strafende Haltung. (die Vater-Seite)

Es ist ganz klar, dass sich diese drei Dynamiken gegeneinander ausschließen. Es kann entweder nur das eine oder das andere getan werden.

Dabei ist die Lösung recht einfach: es sind lediglich zwei Faktoren zu berücksichtigen

(1) Das Beachten der Grenzen 
(2) eine effektive Ausübung der Steuerungsfunktion an den Grenzen

Nehmen wir wieder das Beispiel der Klinik:
– wenn eine Gruppe untereinander klare Richtlinien hat, Grenzen beachtet und in sich klare Steuerungsfunktionen beachtet – 
dann kann ein Borderliner Patient dies als Modell für den Umgang mit seinen eigenen Steuerungsfunktionen an seinem eigenen ich und seinen eigenen ich –Grenzen übernehmen

Welche Grenzen könnten zum Beispiel einen Borderliner gesetzt werden? In einer Therapiegruppe kann das zum Beispiel sein

    • die Aufrechterhaltung des Rahmens für die Therapie (Zeit Ort Dauer und Art der therapeutischen Arbeit.) Das ist nichts anderes als Grenzen setzen. 

Versucht der Borderliner die Grenzen seiner Umgebung zu torpedieren muss die Umgebung (die Therapeuten) wieder die zwei Schritte anwenden:

(1) offenes Ansprechen des Verhaltens 
(2) Das Einfordern von Grenzen und respektieren dieser Grenzen.

Es ist egal ob die Grenzen durch eine Klinik, eine Familie, einem Fußballverein oder in der Schule gesetzt werden – Borderliner wachsen in der Regel in einer Umgebung auf die es Ihnen in der Jugendphase nicht ermöglicht hat, Grenzen für sich selbst und andere zu erlernen und zu respektieren.

Dieses 2–Schritte–System hilft einem Borderliner dabei, seine eigenen Grenzen wieder zu stabilisieren und seine eigenen Steuerungs- und Leitungsfunktionen selber wieder aufzunehmen.

2.3. Die Wichtigkeit von Hierarchien!

Zwar kann eine ständige Regelverletzung von einem Borderliner als diagnostisch–therapeutisches Problem angesehen werden … aber (noch wichtiger) stellen solche Regelverletzungen eine Gefährdung des Gesamtsystems dar.

Werden einem Borderliner keine Grenzen gesetzt, kann dies das gesamte System gefährden! Und hier spreche ich nicht nur von einer Klinik, sondern auch von einer Familie, Schule, Arbeitsplatz und dem geliebten Sportverein.

Was sind richtige Grenzen?

Grenzen werden durch die richtige Hierarchie gesetzt.

In einem Betrieb ist das ganz einfach:
ganz oben steht die Firmenleitung, danach kommen die Abteilungsleiter oder das mittlere Management bis hin zum Arbeiter.

Setzt sich jemand über diese Grenzen hinweg, oder werden keine Grenzen gesetzt, entwickelt sich ein zu liberaler Stil der eine Konfrontation mit den täglichen Aufgaben oder besonderer Probleme  unmöglich macht und damit den gesamten Rahmen des Betriebes, der Familie etc. zerstören kann.

Was ist im täglichen Leben eine gesunde Hierarchie?

Ich bemerke häufig bei Ehepaaren, welche miteinander im Streit leben, dass deren Hierarchien verschoben sind. Dann werden die Kinder oftmals höher geachtet als der eigene Partner. Dies führt unweigerlich zu starken Problemen.

Aber die oberste Stufe in der persönlichen Hierarchie, sollten weder die Kinder, noch der Partner sein sondern es sollten unsere Werte sein.

Das Bild auf der Seite soll eine gesunde Hierarchie im privaten Umfeld einmal demonstrieren.

Wie kann eine gesunde Hierarchie aufrecht erhalten werden?

Es ist egal ob wir über eine Klinik, eine Familie oder eine Schule sprechen. Das Team, die Mitarbeiter müssen sich von dem gesamten System gehalten und unterstützt fühlen um die eigenen Aufgaben erfüllen zu können. Da der Fisch immer vom Kopf her stinkt, hat die aller erste Leitung immer die Geschäftsführung, der Vereinsvorstand oder die Eltern.

Drei Dinge sind in einer Hierarchie wichtig:

(1) die Leitung muss klar und eindeutig ausgeübt werden 
(2) die Verantwortungsbereiche müssen transparent voneinander abgegrenzt werden. 
(3) Durch Supervision (Gespräche, Beratung, Reflexion) können Probleme direkt angesprochen und gelöst werden.

Das Ziel hiervon ist: es geht immer um die Uhr eigentliche Primäraufgabe. Eine Klinik hat als Primäraufgabe die Behandlung der Patienten. Ein Unternehmen hat das Ziel, Gewinne zu erzielen. Eine Familie hat ganz andere Ziele. Eine Hierarchie ist das zentrale Muster einer gesunden Familie, Klinik, Gesellschaft.

Eine kurze Zusammenfassung

(1) Zu viel Versorgungscharakter ist Gift in der Behandlung von Borderline Patienten.

(2) Durch zu wenig Grenzen und Struktur aber zu viel haltende Kontakte werden bei einem Borderliner Krisen geschürt, bei denen immer erst mal falsche Hoffnungen genährt und anschließend enttäuscht werden.

(3) Auch die Umgebung hat eine gewisse Teilschuld dass Borderliner auf sie Einfluss haben: es ist die narzisstische Empfänglichkeit von uns allen die zu einer Realitätsverzerrung führen, zu Machtkämpfen und zu Spaltungen innerhalb unserer Gesellschaft.

(4) Durch ein professionelles Containing von Therapeuten, können Handlungen des Borderliners in sprachlich darstellbare Beziehungsmuster übersetzt werden. Das ist die Rolle eines Therapeuten! Pathologisches Handeln in Worte umsetzen und damit behandelbar machen.

(5) Durch klare Grenzen und eine vernünftige Hierarchie können regressive Entwicklungen der Gruppe verhindert werden. Zusätzlich bekommt der Patient dadurch eine Hilfe seine eigenen Grenzen wieder herzustellen (Learning bei doing)

(6) Um das Containing vernünftig durchzuführen müssen alle Gruppenmitglieder in den Gesamtsystem getragen und unterstützt werden. Wir können es auch mit Wertschätzung übersetzen oder mit einem so genannten Team Spirit

Schau Dir diesen Bericht auch gerne als Video bei Youtube an!

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Trotz Borderline – Persönlichkeitsstörung – einen Sinn im Leben finden

Trotz Borderline einen Sinn im Leben

 

Möchtest Du dieses Video auf Youtube sehen? Hier geht es zu dem Videolink: ⇒ -Trotz Borderline einen Sinn im Leben finden. Persönlichkeitsstörungen richtig begegnen.

1. Die Sinnsuche – Eine „radikale Akzeptanz des Lebens“

Zu Recht stellen Menschen mit großen Problemen und schweren Schicksalen die Frage nach dem Sinn im Leben. Therapeutisch kann man dies

      • entweder als depressive Symptome behandeln oder
      • man könnte die Alternative wählen und den Fragenden an die Religion oder an die Philosophie verweisen.

Darf ein Therapeut einen Patienten jedoch bei der Suche nach dem Sinn helfen? Ist dies nicht die ureigene Aufgabe der Religion oder der Philosophie?

Sigmund Freud hat doch auch die Religion als gesellschaftlichen Massenwahn bezeichnet und Karl Marx hat es etwas deutlicher ausgedrückt: „Religion ist Opium für das Volk“.

Mir drängt sich häufig der Gedankengang auf, dass in der Psychotherapie der Frage nach dem Sinn des Lebens oft aus dem Weg gegangen wird und das gerade dann, wenn es in der Therapie etwas schwieriger wird. Dann zieht man sich zurück und flüchtet sich förmlich auf eine Überebene um den elementaren Fragen des Patienten aus dem Weg zu gehen.

Das bringt uns aber einer Lösung nicht näher!
Einen Patienten interessiert es nicht ob ich Sinnfragen, Religion oder Esoterik für richtig oder falsch halte.
Einen Patienten (Borderline Patienten) interessiert es, welchen Sinn sein! Leben haben kann.

Jeder Mensch, egal ob mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung, einer komplexen Trauma Folgestörung oder oder oder wird sich irgendwann nicht mehr vor einer Frage drücken können: welchen Sinn kann ich noch in meinem Leben haben trotz meiner Schicksale?

Wir sind umgeben von Schicksalen und Lebensläufen die geradezu von Hilflosigkeit strotzen. Besonders diese Menschen mit schweren Schicksalen stellen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens jedoch am häufigsten.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine Frage aus der Not heraus. Es geht um den Sinn hinter dem Leiden, dem Sinn hinter dem Tod.
Eine therapeutische Position ist folgende:

      • Wer die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt leidet unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Sie ist immer ein Symptom einer Depression oder zumindest ein Hinweis auf eine unterschwellige Suizidalität.
      • Häufig wird darauf geantwortet: bei Fragen nach dem Sinn des Lebens fragen Sie bitte nicht Ihren Arzt oder Apotheker sondern lieber ihren Seelsorger.
        So zu antworten bedeutet aber für den Therapeuten sich aus der Schlinge dieser Frage zu ziehen. Ein Therapeut kann sich dieser Frage aber auch stellen und versuchen Sie respektvoll und seriös zu reflektieren.
Die Frage nach dem Sinn eines Lebens ist immer berechtigt!
Was aber ist aus einer therapeutischen Sicht heraus der erste Schritt?

Der erste Schritt in Bezug auf die Sinnfragen oder traumatischen Lebensereignissen oder belastenden Lebenssituationen – wie zum Beispiel Borderline – kann nur eine radikale Akzeptanz der Realität sein!

Traumata, Erkrankungen und schlechte Lebenssituation ereignen sich. Sowas nennt man Shit HappensAll die vielen traumatischen Erfahrungen und Schicksalsschläge gehören einfach zum Leben — auf Lateinisch Conditio humana.

Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, wir leben heute in einer Zeit und besonders in Zentraleuropa – einer Region, in der weitaus weniger Menschen traumatisiert werden als in früheren Jahren oder aber auch in anderen Gegenden der Welt.

Wir leben frei von Kriegen, haben recht wenig Naturkatastrophen, eine im Vergleich zu anderen Gegenden sehr niedrige Kriminalitätsrate und bleiben (auch angesichts von Corona) von tödlichen Krankheit Epidemien weitgehend verschont.

Wir leben in einer Luxus-Situation! Wir können diskutieren ob Mobbing oder Arbeitslosigkeit ein Trauma ist – und bei manchen Lebensbiografien ist das schlimmste Ereignis der Tod des geliebten Haustieres als der Patient noch jung war. Andere Kulturkreise hätten diese Luxusprobleme gerne anstatt ihrer eigenen.

Gemäß Studien gibt es für schwere traumatische Erfahrungen eine Lebenszeit-Prävalenz (Häufung) von ein bis fünf schweren Traumen. Hier geht es wahrscheinlich auch um eine Definitionsfrage was ein Trauma ist.

Im Grunde genommen reden wir hier immer vom Traumatyp 1 – dem sogenannten Monotrauma. Und bei dem Monotrauma müssen wir noch etwas grundsätzlich Positives mit einkalkulieren:

Circa 85 % aller Monotraumata sind nach 6-12 Monaten integriert. Was heißt das? Nach dem Hirnforscher und Neurobiologe Gerald Hüther sind wir Menschen und Traumatisierungen Erfahrungen sozusagen adaptiert. (angepasst).

Seitdem es Menschen gibt muss dieser sich mit lebensgefährlichen Situationen auseinandersetzen und unser Stressbewältigungssystem ist perfekt darauf geeignet / geeicht Traumatisierungen so aufzuarbeiten dass wir grundsätzlich keine dauerhafte PTBS entwickeln.

Wie kann man das sagen? Als 2004 der gigantisch große Tsunami in Süd Ost Asien über die Länder fegte, versanken bei weitem nicht alle Betroffenen / Überlebenden in einer posttraumatischen Belastungsstörungen.

Faktoren wie Familie, Sicherheit, Schutz Verständnis Loyalität Parteilichkeit werden durch die „Herde“ vermittelt und in diesem Klima gewinnt das Sicherheitssystem (unser Stressbewältigungssystem) langsam wieder an Stabilität, die Flashbacks werden immer weniger und das grundsätzliche Sicherheitsgefühl stellt sich wieder ein.

Ab wann kann man sagen dass ein Trauma im Leben eines Menschen integriert ist?

      1. wenn jemand an sein Trauma denken kann, ohne sich darüber heftig aufzuregen 
      2.  Wenn keine vegetativen Symptome Symptome mehr hervorgerufen werden wie zum Beispiel sich zu schneiden, in eine Sucht oder Depression zu verfallen. 

Interessant ist dass – wenn ich weiter oben behauptet habe 85 % aller Monotraumen werden innerhalb von 6-12 Monaten im Leben eines Patienten wieder integriert – so gibt es doch einige Arten von Traumata welche in ihrer Art und Weise zu über 50 % nicht (!) bewältigt werden können.

Die Ursache dieser Traumata sind
– sexualisierte Gewalt, Folterung, Tod eines nahen Angehörigen (besonders der Tod eines Kindes).
Und der Gedankengang „Die Zeit heilt nicht alle Wunden!“ hat seine Berechtigung.

Grundsätzlich können wir sagen: wenn Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung noch länger als sechs Monate nach dem traumatischen Ereignis existieren, dann handelt es sich um eine chronische PTBS.

Was fördert zum Beispiel die Verarbeitung eines Traumas im positiven Sinne? Es ist die Kompetenz und die Belastbarkeit der sozialen Umgebung, der sozialen Bezugsgruppe.

Wie wichtig die soziale Bezugsgruppe ist möchte ich mit folgendem Beispiel erklären:

Eine junge Mutter hat bei einem Zugunglück ihr Kind verloren und war nun traumatisiert. Sie brauchte die soziale Bezugsgruppe – ihre nächste Verwandtschaft – sehr dringend.

Das Problem: die Großeltern des verunglückten Kindes befanden sich selbst in einer traumatisierten Verfassung. Sie erwarteten nun von der Mutter dass diese für sie in ihrer eigenen Trauer und Not da sein sollte. Für uns als Beobachter natürlich unverständlich und entsprechend dem fand die Patientin auch gar keinen eigenen Raum um ihr eigenes Trauma zu bewältigen.

⇒ Alte Familienstrategien kommen durch Traumen oft zum Vorschein – das muss man wissen.

Dieses Verhalten der Großeltern gegenüber der Mutter war schon in deren Jugend vorhanden und so entwickelte sich eine eigene Familiendynamik und eine neue Konkurrenzsituation:

      • wer nun das größte Recht auf die tiefste Trauer hat und
      • wer das Recht auf die meiste Zuwendung von dem anderen einfordern konnte.

Wir können hier von einem tiefen Nazismus der Großeltern sprechen. In diesem Falle war es erforderlich die Großeltern für sich ganz alleine zu therapieren damit die Mutter Raum für sich, ihre Traumverarbeitung und ihre eigene Trauer finden konnte.

Wie bereits erwähnt passiert es nicht selten, dass –  wenn eine traumatische Situation entsteht – eine lang unterschwellig existierende und angespannte familiäre Situation nun hochkommt und der Traumaverarbeitung im Wege steht.

Dann steht einem traumatisierten Menschen die natürliche Bezugsgruppe, die natürliche Traumatherapie der Umgebung nicht zur Verfügung, — damit meine ich die Aufarbeitung der traumatischen Erfahrung im Schutz einer stabilen familiären Bezugsgruppe.

Oft passiert dann noch ein weiterer Schritt: dann kommen die so genannten Echo – Gefühle heran

    • nachtragende Gefühle werden sie auch genannt wie zum Beispiel (1) Wiedergutmachungsansprüche oder (2) Vergeltungswünsche.

Dann geht man dazu über vors Gericht zu ziehen um Wiedergutmachung zu erlangen oder man sinnt auf Rache (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Damit wird Rache zu einem neuen Unrecht was dann wiederum neue Vergeltung fordert.

Im Rahmen dieser Echo – Gefühle ist Psychotherapie völlig ungeeignet Rachewünsche zu befriedigen. Das ist eines der schwierigsten Themen im Bereich der Psychotherapie. (Siehe Video: Vergeben ist nicht verzeihen). Hier geht es zum Video: Video: Vergeben ist nicht immer Verzeihen

Ein weiterer interessanter Punkt ist folgender:

Nach einem Trauma (so belegen es Studien) entwickelt sich weitaus häufiger eine Depression als eine chronische PTBS!!!

Nach einer traumatischen Reizüberflutung wird dies oftmals vom Opfer durch eine eigene massive Reduktion von Reizen im Inneren behandelt. Eine Vita Minima entwickelt sich dann bis zu einem inneren Stillstand.

Auf den ersten Blick erscheint so etwas gar nicht als die Folge von einem Trauma und häufig ist es auch vielen Menschen selber oder in der Umgebung gar nicht bewusst. Solche Reduzierungen bis auf den Stillstand der eigenen Gefühle sind therapeutisch und auch medikamentös nur sehr schwer therapierbar.

2. psychotherapeutische Herangehensweisen zum Sinn des Lebens

Die Psychotherapie hat nicht die Aufgabe dem Sinn des Lebens oder der Frage nach dem Sinn des Lebens eine Antwort zu geben. Was sie aber kann ist Gedankenrichtungen in unserer Gesellschaft nach deren Sinn zu hinterfragen.

Der Grund dafür ist folgender: ein Mensch kann nur dann sinnvoll leben wenn er in seinem Leben einen Sinn sieht. Ein Mensch erträgt es einfach nicht sinnlos zu leben. Dies hat schon Viktor Frankl in den 1930er Jahren erkannt.

Aus dieser Not heraus, dass Menschen in allen Dingen immer einen Sinn  suchen, entwickelte er die sinnzentrierte Psychotherapie. Wir kennen Sie unter dem Namen Logo Therapie (Logos = Sinn).

Die Logo Therapie ist aber nicht die einzige Form der Psychotherapie welche sich mit den Sinn-Betrachtungen im Leben befasst. Folgende vier weitere Richtungen / Denkmodelle möchte ich exemplarisch erwähnen:

(1) die Existenzanalyse

(2) die Hypnotherapie von Milton Erickson

(3) die Forschungen von Alfred Adler. Er schrieb zum Beispiel das Buch (Sinn des Lebens) indem er zeigt, dass für einen Menschen ein Leben nur dann sinnvoll ist wenn es auch sozial sinnvoll ist.

(4) die Arbeiten über die posttraumatische Verbitterungsstörung vom Verhaltenstherapeuten Michael Linden. Professor Linden geht an die Frage nach dem Sinn des Lebens sehr rational und strukturiert heran. Am Ende des Videos gehe ich noch auf einzelne Punkte seiner Weisheitstherapie ein.

Wenn wir uns mit dem Thema befassen: ein Sinn des Lebens trotz traumatischer Erfahrungen – welche einen Menschen bis hin zum Borderline bringen – müssen wir kurz wissen was ein Trauma auslöst.

In drei Bereichen zerstört jedes Trauma das Weltbild eines Menschen.

(1) jedes Trauma ist eine grobe Verletzung zentraler Grundannahmen und der Werte .

(2) ein Trauma stellt die Gerechtigkeit der Welt und des Lebens grundsätzlich in Frage

(3) Ein Trauma bedeutet den Verlust der eigenen Selbstwirksamkeit.

Religion und Philosophie bauen die Werte und Grundannahmen und damit den Begriff Gerechtigkeit und Selbstwirksamkeit bei einem Menschen auf.

Ein Trauma reißt dies jedoch nieder.


Bedeutet das nun, dass Religion und Philosophie falsch sind? Das muss nicht sein! Durch die Brille der Psychotherapie kann man eine andere Sichtweise auf Religion und Philosophie bekommen – und damit einher auch eine andere Sichtweise auf den Sinn des Lebens.

Nochmals: Psychotherapie hat nicht die Aufgabe dem Leben einen Sinn zu vermitteln sondern eine abgeänderte Sichtweise auf das was Religion und Philosophie uns und unsere Gesellschaft im Groben vermitteln.

Schauen wir uns die drei genannten Punkte noch einmal an:

⇒ Durch Religion und Philosophie erhalten wir Grundannahmen, einen Glauben an die Gerechtigkeit der Welt und einen Glauben an unsere eigene Selbstwirksamkeit.

(1) Ein Trauma zerstört solche Betrachtungsweisen. Ist jetzt das Trauma richtig oder sind es die religiösen oder philosophischen Betrachtungsweisen?

Ich sage: weder das eine noch das andere hat 100-prozentige Weisheit für sich alleine gepachtet.
Mein Ratschlag wäre: einmal durch die rationelle Brille einer psychotherapeutischen Sicht heraus die religiösen Aspekte in Ruhe zu betrachten.

Denn, in dem Status in dem sich unsere Welt heute befindet, wird es immer grobe Verletzungen von Grundannahmen und Werten geben,

es wird immer die Gerechtigkeit infrage gestellt und es wird immer die Selbstwirksamkeit des Einzelnen angegriffen.

Aber gerade diese drei religiösen und philosophischen Konzepte: 
(1) zentrale Grundannahmen
(2) Glaube an die Gerechtigkeit der Welt
(3) Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit
helfen uns eine gewisse Berechenbarkeit in unserem Leben aufzubauen. 

Hierdurch hat der Einzelne die Möglichkeit auf die Welt Einfluss zu nehmen. Anstatt immer wieder neue Grundannahmen zu unterstellen geht er von grundsätzlichen Annahmen in der Gesellschaft aus und wendet diese auch auf andere Menschen welche er neu kennenlernt an.

Ein Trauma kann diese zerstören oder zumindest ins Wanken bringen,

Die Arbeit der Psychotherapie ist es nun, diesen Faktor der Ungewissheit, Unsicherheit, der Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit des Lebens nicht in etwas Schlimmeres gleiten zu lassen.

Denn: von der traumatischen Erfahrung bis zum Verlust des Sinns im Leben ist es für viele Menschen nur ein kleiner Schritt. Sie sagen sozusagen: „Wenn mir in meinem Leben solch ein Trauma schon zugestoßen ist dann macht mein Leben doch keinen Sinn.! Hat das Leben denn dann generell einen Sinn?“
Gemäß einer Ärztezeitschrift begehen > 50% der Borderliner-Patienten mindestens einen Suizidversuch. 

Das im Hinterkopf ist auch der Hauptgrund warum ich mit diesem Artikel einmal die Sinnfrage aus religiöser und philosophischer Sicht mit einer therapeutischen Brille betrachten möchte.

3. Die Frage nach dem Sinn und die Antworten der Religionen

Ganz am Anfang möchte ich einen Fakt betonen:
⇒ ich habe weder ein Theologie- oder
ein Philosophiestudium
⇒ noch irgendeine erwähnenswerte Qualifikation, das Thema Religion in seiner Gesamtheit zu besprechen.

Ich möchte lediglich gewisse Grundaussagen in der Religion einmal aus einer therapeutischen Brille betrachten um daraus einen Nutzen für den Einzelnen zu ziehen. Einen Nutzen, um den persönlichen Sinn im Leben zu finden. Dies ist absolut kein Bashing von Religionen sondern ein respektvolles Hinterfragen und ein Fördern von positivem Denken.

Mit ein wenig Humor und Augenzwinkern kann man Religion auf ein paar sehr kurze Grundannahmen reduzieren. 
Vielleicht kennt der ein oder andere diese T-Shirts mit der Aufschrift
Shit Happens – The Religions ….

Unter dieser Aufschrift/Überschrift kommen dann die verschiedenen Weltreligionen mit einer Kurzantwort ihrer Lehren. Diese T-Shirts kann man nicht nur in New York in einem Straßenstand kaufen sondern überall von der Welt aus im Internet.

Nochmals: Mit ein wenig Humor kann man sagen, dass die Antworten einen wichtigen Teilaspekt der religiösen Antwort darstellen. Aber sie verkürzen die religiöse Lehre natürlich über die Gebühr. Lasst uns deshalb diese kurzen Antworten einfach mal symbolisch für die Grundaussage der einzelnen Religions-Richtungen nehmen.

Nochmals: es geht mir nicht darum eine vergleichende Religionskritik durchzuführen. Das ist nicht mein Ziel! Mit dem therapeutischen Blick möchte ich auf das Positive der Grundaussagen und eine eventuell mögliche Gefahr hinweisen. Mehr nicht! Also: was können wir mit einem kurzen Blick auf die Religionen für uns mitnehmen?

(1) radikale Akzeptanz!

Das T-Shirt beginnt ganz oben mit dem Begriff „Shit Happens“. Das ist schon mal ein erster wichtiger Schritt! Der erste Schritt um einen Sinn im Leben zu finden ist die radikale Akzeptanz von dem was das Leben bietet.

Eine sehr bekannte Behandlungsform bei Borderline-Patienten ist zum Beispiel die DBT von Marsha Linehan. Sie selbst ist Zen – Buddhistin.

In dieser Therapieformen  finden wir also das ein religiöses Element in die eigentliche Therapie Einzug gehalten hat.

(2) Das göttliche Wesen erkennen – die Grenzen unseres Gehirns.

Über alle Religionen hinweg finden wir immer wieder eine Grundaussage von vielen Religionsrichtungen im Umgang mit dem göttlichen Wesen.

Gott ist nicht greifbar denn er hat keinen Anfang und kein Ende
Er ist sowohl die Einheit als auch die Vielheit
Das Alles und das Nichts er sei die Existenz und die Nicht-Existenz.

Viele Religionen (nicht alle) verbieten den Gläubigen z.B. dem göttlichen Wesen entweder einen Namen zu geben oder es in einer Statue abzubilden. 

Der Neurowissenschaftler und Psychologe aus Ulm Manfred Spitzer hat hierzu etwas ganz Interessantes im Jahr 1996 mit seinem Buch „Geist im Netz“ aufgezeigt was diesem Gedanken der Religion einen neuen interessanten und aktuellen Rahmen verleiht. In seinem Buch zeigt er, dass sich unser Gehirn seit der frühesten Kindheit nicht über das Wahrnehmen von konkreten Objekten programmiert sondern über die Wahrnehmung von Unterschieden!

Das Spielzeug – wie zum Beispiel die Puppe – wird nicht als gesamtes Spielzeug wahrgenommen und abgespeichert sondern wir setzen es ganz langsam aus gewissen Diskrepanzen wie hell dunkel braun rot oben unten klein Weich und hart zusammen.

Nach den neuesten Forschungen über unser Gehirn braucht dieses also – um etwas wahrzunehmen – Dinge die unterschiedlich sind von den anderen Dingen. Unser Gehirn nimmt in der Welt nur Alternativen wahr, etwas Anderes, eine Diskrepanz einen Widerspruch oder einen Unterschied. Sollte es etwas in der Welt geben zu dem es keine Alternative gibt dann können wir es mit unseren Sinnesorgane logischerweise nicht erkennen.

Da kommt mir das in den Sinn was Laotse vertritt: „wenn wir etwas das Tao nennen, ist es nicht mehr das Tao.“ 
In der Bibel heißt es zum Beispiel: du sollst dir kein Bild oder irgendein Gleichnis von mir als Gott machen.

Dieser Punkt 2 zeigt auf, warum wir so eine Schwierigkeit haben, einen allmächtigen Schöpfer mit unserem Gehirn zu begreifen, wenn wir ihn nicht sehen und nicht mit etwas Materiellem vergleichen können.

(3) Das Bedürfnis nach Religion

Kurios ist, dass der Mensch ganz offenkundig ein starkes Religionsbedürfnis hat.
Obwohl dieses Wesen (Gott) außerhalb von unseren Wahrnehmungs- und Erkenntnismöglichkeiten liegt, zerbrechen sich seit Menschengedenken Personen darüber den Kopf um dieses göttliche Wesen aus der Religion mit ihrem persönlichen Verstand und der Frage nach dem Sinn des Lebens in Übereinstimmung zu bringen.

Was sagt denn die Neurobiologie in Bezug auf das Religionsbedürfnis? Schauen wir nochmal auf Manfred Spitzer der in seinem Buch auf folgende Situation hingewiesen hat:

Wenn es in der afrikanischen Steppe zwei Gruppen von Personen gibt die aus irgendeinem Grund folgende unterschiedliche Denke hat:

        • die eine Gruppe denkt, dass die Sonne ein mächtiger Verbündeter ist, sie fördert, sie wärmt beschützt und leitet wie ein göttlicher Übervater.
        • Die andere Gruppe hat diese Vorstellung jedoch nicht entwickelt.

Nun kommt eine Naturkatastrophe und betrifft beide Menschengruppen. Welche dieser Gruppe wird dieses Ereignis wohl besser bewältigen? Die Antwort ist wichtig, denn sie bezieht sich in ihrer Wirksamkeit auf unsere gesamte Gesellschaft.

⇒ es ist die Gruppe mit der Überzeugung dass ein gotthaftes Wesen sie unterstützt und fördert.

Religion ist ein Überlebensvorteil. Religion gibt Hoffnung und motiviert durchzuhalten bis bessere Tage kommen.  Wenn es der Gruppe gelingt an diesem Glauben – dass es besser wird – festzuhalten dann kann sie aus einer Krise sogar gestärkt hervorgehen.

Das – was Religion auszeichnet – hat einen ganz wichtigen therapeutischen Eigenschaft: aus Krisen nicht geschwächt sondern sogar gestärkt rauszugehen. Das ist auch das ureigene Ziel der Psychotherapie.

Ein Borderliner, welcher sich tief in einer Krise bis hin zur Frage nach dem Sinn des Lebens befindet, könnte also auch gestärkt aus einer Krise hervorgehen.

Können die Religionen den Menschen aber in Krisen unterstützen? Schauen wir uns die Religionen ganz kurz einmal im Überblick etwas näher an und verwenden wir diesen Begriff den wir vorhin auf dem T-Shirt gesehen haben: „Shit Happens“

(4a) Shit Happens- Warum passiert das alles nur mir? ⇒ Der jüdische Glaube.

Das Judentum ist auf Moses gegründet und im alten Testament gibt es eine dialogische Beziehung zur Gottheit.
Der Dialog mit Gott, das Gebet ist für den Menschen

      • eine Kraftquelle 
      • eine Ressource,
      • eine Möglichkeit der Selbstfindung und der Stabilisierung.
      • In diesem Dialog hat der Einzelne die Möglichkeit zu klagen oder einzuklagen. Das beste Beispiel hierfür ist die Klagemauer.

Eine zentrale Figur in der jüdischen Religion ist der Bericht über Hiob. Hierüber wurden viele Bücher, Musikstücke, Theaterstücke u.s.w. geschrieben.
Der Gott in der Hiob-Geschichte wird von dem Teufel angesprochen und geht mit ihm gewissermaßen einen Pakt ein. Der Deal ist die Treue Hiobs zu Gott.
Hiob fühlt sich in dem darauf folgenden Drama von Gott zuerst ungerecht behandelt.

Dann kommen auch noch 3 angebliche Freunde und drängen ihn zu akzeptieren dass er selber an seiner Situation schuld sei. Hiob aber knickt nicht ein und sagt, Gott sei letzten Endes an alldem was ihm widerfährt nicht beteiligt.

Der Glaube an einen gerechten Gott und an seine gerechten Taten gab Hiob die Größe in seinem Leiden durchzuhalten. Am Ende der Geschichte wurde er ja auch dann von dem gerechten Gott gesegnet was im Judentum viele andere ermuntert hat, diesem Beispiel von Hiob zu folgen.


(4b) Shit Happens – es ist alles der Wille Allahs

“Inschallah“. Es ist von Gott gegeben / so Gott will. Dies stellt eine radikale Akzeptanz und ein Annehmen des eigenen Schicksals dar.

Der Mensch, der in allem einen Sinn im Leben sucht, übergibt an diesem Punkt den Sinn und die Sinnhaftigkeit an Gott. Zwar ist vieles unergründlich aber dieser Gott ist ja auch selber unergründlich – und so hat alles wieder einen Sinn.

Eigentlich beweist dieser Schritt eine starke innere Haltung:.
⇒ Zu dem Zeitpunkt wenn ein Mensch ein Trauma wirklich aus tiefster Seele als Bestandteil des Lebens annehmen kann, dieses nicht wieder gutmachen muss oder auf Rache sinnen muss, verliert dieses Trauma an Macht.

Therapeutisch betrachtet ist dies wunderbar: es bindet die traumatische Vergangenheit nicht mehr in die Gegenwart, gibt dem Traumatisierten eine neue Freiheit und eine neue Leichtigkeit im Leben.

Da es aber keine Wirkung ohne Nebenwirkung gibt so besteht auch hier eine gewisse Gefahr: Die Gefahr der radikalen Akzeptanz ist der so genannte Fatalismus und eine Passivität im Leben.

„Ich kann ja sowieso nichts ändern“. Dieser Begriff Inschallah wird oft als Ausrede für Faulheit und Verantwortungslosigkeit genommen.

Dieser Gefahr ist sich der Islam selber bewusst. …
Interessant ist deswegen auch die Kamellegende. (aus: Der Kaufmann und der Papagei von Nossrat Peseschkian einem Mit-Begründer der positiven Psychologie)

Mohammed hat den ganzen Tag gepredigt und mit einer Gruppe gebetet. Abends kommt einer seiner interessierten Zuhörer zu ihm gelaufen und klagt: „ich habe doch den ganzen Tag zu Gott gebetet Gottes Wort gehört. Jetzt ist mein Kamel in der Wüste gelaufen. Was soll ich nun tun?“ Mohammed antwortet lächelnd: „betest du das nächste Mal zu Gott, binde dein Kamel fest an.“

Ein weiteres Sprichwort besagt: du sollst Allah nicht mit Dingen belästigen, welche du selbst erledigen kannst.!“

Wer dies beachtet hat sein Leben wieder selbst in der Hand und übergibt sich keinem 100%igen Fatalismus (wie im Inschallah)
Und sein eigenes Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können ist ja ein wichtiges therapeutisches Ziel.


(4c) Shit happens – Wenn „shit happens“ dann ist es meine Schuld ⇒ Der katholische Glaube….

Irgendeiner muss doch schuld haben!!!
Dieser Satz
ist in dem Kopf vieler Menschen verankert.
In der katholischen Religion gibt es sogar 2 Begründungen für die Existenz und damit einen Sinn in der Sünde:

(1) die Erbsünde und der Teufel

Das Problem lautet : Wenn die Welt und das Schicksal ungerecht ist, es jedoch einen ungerechten Gott nicht geben kann, dann muss die Schuld woanders liegen – z.B.  bei den Menschen.

In der katholischen Religion gibt es die Erbsünde. Jeder Mensch wird mit Sünde geboren und die gesamte Existenz eines Menschen ist von Schuld belegt.

Hierdurch versucht der Mensch dem Ganzen wieder einen Sinn zu geben. Wo ist die Ursache der Schuld und wer ist verantwortlich hierfür? Wenn Gott nicht ungerecht sein kann dann muss es den Teufel geben der die Menschen in Sünde und Tod getrieben hat.

(2) Die Schuld vorhergehender Generationen

Als zweiten Faktor von Schuld wird dann die Schuld früherer Generationen genommen. Im alten Testament gibt es den Ausspruch: „ich werde die Schuld eurer Väter bis in die dritte und vierte Generation verfolgen.“ (2. Buch Moose 34:7)

Aus der therapeutischen Sicht passt dies hervorragend zu den Befunden der Weitergabe und Verarbeitung von Traumatisierungen wie zum Beispiel mit dem Holocaust. Noch heute wird die Schuld der deutschen Bevölkerung zugeschrieben die schon in der zweiten und dritten Generation sind nach der bereits verstorbenen Täter-Generation.

Diese Sichtweise – wenn ich in meinem Leben keine Schuld bei mir finde dann verarbeite ich die Schuld aus einem früheren Leben dient zu nichts anderem als eine Grundannahme zu retten: unsere Überzeugung dass die Welt und der Gott darin gerecht ist. Zur Not geht es nur um den Preis sich selbst anzuklagen. Wir nennen dies: „Blaming the Victim“

„Blaming the Victim“ (Opferbeschuldigung ist die Beschreibung für ein Vorgehen, das die Schuld für einen Übergriff beim Opfer selbst sucht und nicht beim Täter)


(4d) Wenn „shit happens“ – dann arbeite noch härter ⇒ Der Protestantismus

In dem Protestantismus ist die calvinistische Überzeugung (Johannes Calvin *1509 #1564, Reformator) sehr stark vorhanden. Eine ihrer Grundannahmen ist die Selbstwirksamkeit: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Das bedeutet nichts anderes als dass ich an den Früchten meiner Arbeit erkennen kann ob Gottes Segen auf mir oder auf meinen Werken liegt.

Solch ein Denken hat die kapitalistische Bewegung von der Schweiz aus in die ganze Welt beflügelt und hat im Grunde genommen eine eigene resilienzfördernde Wirkung.

Wie immer keine Wirkung ohne Nebenwirkung: wenn etwas Schlimmes geschehen ist,

      • dann hab ich halt nicht genug gearbeitet,
      • war nicht konzentriert genug oder
      • nicht diszipliniert genug.
      • Bin ich gescheitert, bin ich immer selbst schuld!

Das ist jedoch in vielen Fällen völlig ungerecht und stürzt den Betroffenen wieder in eine neue Sinnkrise!


(4e) Wenn Shit happens – dann bedeutet es mir nichts … ⇒ der Buddhismus

Erst die Leidenschaft schafft Leiden. Erst durch die Bewertung mache ich aus einer Situation etwas Gutes, etwas Schlechtes oder gar eine Katastrophe. 
Nach dem Religionsstifter Buddah sollte jeder Mensch

    • die Leidenschaften ablegen und 
    • leidenschaftslos die Welt radikal so akzeptieren wie sie ist.

Dies ist dies ein wichtiger therapeutischer Aspekt: Nachtragende Affekte, Emotionen und Körperreaktionen von den eigentlichen Ereignissen abzukoppeln! In einer posttraumatischen Behandlung durch einen Therapeuten ist genau dies das Therapieziel!

Es geht stets darum, das traumatische Ereignis loszulassen und es in die Vergangenheit freizugeben.

Die Kehrseite der Medaille ist aber Folgende: wir alle kommen mit angeborenen Gefühlsmustern – wie zum Beispiel Wut Trauer Angst und Ekel Überraschung und Freude – auf die Welt.

Wenn eine Religion nun diese Empfehlung gibt, solche Gefühle loszulassen, so entspricht dieser Weg zumindest nicht unserer angeborenen Natur. Es bedarf einer großen mentalen Stärke und Reife, diese Schritte in die Tat umzusetzen. Es geht aber – und hier kommt die Therapie ins Spiel.


(4f) Shit happens- Shit existiert einfach nicht (Zen – Buddhismus)

Gemäß der Zen-Lehre existieren Schicksalsschläge nicht! Nichts ist vorherbestimmt – alles geschieht durch die Wechselwirkung von dem Individuum mit seiner Umgebung.

In dieser Haltung steckt eine sowohl eine milde Weisheit als auch eine unglaubliche Stärke… 

Wie immer: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung: 
Wenn einerseits Schicksalsschläge nicht existieren oder nicht an mich herankommen, andererseits Leid und Trauer (was menschlich ist) jedoch verboten oder unterdrückt wird – dann ist diese Haltung sehr konfliktbehaftet weil diese dann unmenschlich. ist:

Es gibt eine Legende in der Lehre des Zen welche diesen Widerspruch verdeutlicht:

Als ein alter Lehrmeister des Zen verstarb trauerte sein Schüler intensiv und heftig. Dieser Schüler war in der Zwischenzeit selber ein Lehrer geworden. Ihm liefen die Tränen übers Gesicht als sein alter Meister verbrannt wurde.

Neben ihm stand ein weiterer Schüler der seinen Lehrer nun erstaunt anblickte: „Lehrer ihr habt mir immer gesagt dass nichts existiert. Es ist nichts so erstrebenswert als das man sich über irgendetwas freuen oder wegen Irgendetwas zu leiden habe. Jetzt weint ihr heftig beim Tod eures Meisters. Warum?“ Die Antwort: Weil auch ich ein Mensch bin.“


Eine kleine Zusammenfassung nach diesem kurzen Überblick über die großen Religionen:

Nur mit Hilfe eines T-Shirt-Aufdruckes Religionen zu beschreiben ist logischerweise nicht ausreichend. Alle Religionen haben noch mehr Antworten auf Sinn-Fragen zur Verfügung die alle ihre eigenen Stärken und Schwächen, ihre Chancen und Gefahren aufzeigen.

Sich mit ihnen zu befassen kann die eigene Sichtweise und damit den eigenen Horizont jedoch immer erweitern —— und das gerade dann, wenn man Menschen psychotherapeutisch fördern möchte.

Denn, in allen diesen Religionen findet man immer ein Körnchen Weisheit welches dem Einzelnen hilft in seinem eigenen Leben Fortschritte zu machen.

(5) Die Weisheit – Psychotherapie nach Professor Michael Linden.

Immer noch ist unser Thema: wie kann ich in meinem Leben einen Sinn finden trotz vieler Schicksalsschläge.

Man kann dieses Thema heute nicht mehr bearbeiten ohne zumindest einen kleinen Blick auf das Thema „posttraumatische Verbitterungsstörung“ zu werfen. Professor Michael Linden hat seit vielen Jahren dieses Thema aufgearbeitet und seine Ratschläge gehören meiner Meinung nach zur Grundausbildung jeder Psychotherapie.

Es geht hierbei immer um 2 Fragen: 
(1) was ist Weisheit? 
(2) wie kann ich Weisheit in der Therapie und im Leben anwenden?

Zu (1) was ist Weisheit?

Wissen, Erkenntnis, Weisheit. Dieser 3-Schritt ist die eigentliche logische Schrittfolge um Weisheit zu erreichen.

      • (Wissen) Ich weiß dass ein Auto im Autoverkehr gefährlich für mich werden kann.
      • (Erkenntnis) Ich erkenne da hinten ein Auto welches auf mich zukommt und mir gefährlich werden kann.
      • (Weisheit) Weisheit ist dann, diesem fahrenden Auto aus dem Weg zu gehen und sich selber in Sicherheit zu bringen.

Dies ist eine recht gute Möglichkeit, Weisheit mit einfachen Worten zu beschreiben. Anders ausgedrückt: Weisheit ist richtig angewandte Erkenntnis und richtig angewandtes Wissen. Sämtliche Ausbildung nützt mir nichts, wenn ich dieses Wissen nicht richtig anwende.

Zu (2) Wie kann ich Weisheit in der Therapie und im Leben anwenden?

Es gibt die verschiedensten Therapiearten. Egal ob wir über die Transaktionsanalyse, die kognitive Verhaltenstherapie, die Gesprächstherapie sprechen – es ist immer eine Form von Therapielösung welche angewandt wird, um ein Leiden zu verringern und möglichst ganz auszumerzen.

Durch die Anamnese wird festgestellt in welchen Persönlichkeitsanteilen der Patient gewisse Defizite hat und an diesen wird dann in der Weisheitstherapie gearbeitet um diese fehlenden Eigenschaften wieder aufzubauen.

Du siehst ja an der Seite ein Bild mit den 11 Basisfähigkeiten die jeder ur-eigentlich mitbringen sollte.

(1) die Fähigkeit zum Perspektivwechsel bedeutet: die Sichtweise einer anderen Person anzunehmen welche an diesem speziellen Problem auch beteiligt ist. Wie betrachtet sie zum Beispiel die gesamte Situation?

(2 die Selbstdistanz. Ähnlich dem Perspektivwechsel heißt es auch hier, die Sichtweise einer anderen Person wahrzunehmen. In der Selbstdistanz ist es aber speziell sich selbst (!) aus der Perspektive der anderen Person wahrzunehmen.

(3) Empathie

Das Nachempfinden von Gefühlen Anderer. Jemand schneidet sich in die Hand und ich habe einen ähnlichen Schmerz welchen ich nun verspüre.

(4) Emotions-Wahrnehmung und Emotions-Akzeptanz

Sehr ähnlich zu Punkt 3 ist die Akzeptanz von Emotionen – also auch hier die Fähigkeit Gefühle von anderen akzeptieren. Aber ganz wichtig: auch von sich selbst (!) wahrzunehmen und zu akzeptieren.

(5) Humor

Humor ist im Grunde der heitere Umgang mit den eigenen Fehlern oder den Fehlern Anderer.
Meines Erachtens ist dies die zentrale Fähigkeit zum vernünftigen Umgang mit den eigenen Schwierigkeiten. Humor ist eine Mentalisierungshilfe und schafft eine gesunde Distanz zwischen den Menschen. In einem humorvollen Zustand ist der Betreffende nicht mehr Opfer der Situation, seiner Gefühle oder seiner Lebensumstände sondern hat einen eigenen Meta – Standpunkt.

Was ist Mentalisierung? Mentalisierung ist die Fähigkeit eigenes (oder das des Anderen) Verhalten zu interpretieren. Also nicht nur das Verhalten des Gegenübers wird betrachtet, sondern am Verhalten des anderen wird abgelesen was in seinem Kopf vor sich geht.

Vielleicht ist das Wort Achtsamkeit etwas geläufiger. Die Konzepte von Mentalisierung und Achtsamkeit sind sich sehr ähnlich. 

Besonders Personen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung haben die Fähigkeit zum Galgenhumor, Zynismus und zum Sarkasmus.
Humor ohne Mentalisierung ist jedoch nicht möglich.
Das zeigt, dass Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung keine grundsätzliche Mentalisierungsstörung haben, sondern lediglich unter bestimmten Phasen bzw. Situationen – zum Beispiel bei starkem zwischenmenschlichen Stress – hierzu neigen.

(6) Fakten- und Problemlösewissen

Wissen allein reicht nicht, es muss richtig umgesetzt werden. Und da hilft zum Beispiel Coaching, Beratung oder konkrete Unterstützung aus der näheren Umgebung.

Ein Vergleich: Eltern bringen ihren kleinen Kindern bei mit Hilfe von Taschengeld einen richtigen Umgang mit Geld zu lernen. Ist das Geld für die Woche oder im Monat zu Ende lassen Sie ihre Kinder nicht alleine sondern besprechen mit Ihnen wie sie das Geld in der nächsten Zeitperiode sinnvoll ausgeben können so dass es über den Monat verteilt reicht – Und vielleicht sogar noch etwas gespart werden kann.

Der 1954 geborene deutsche Philosoph Roman Casper hat hierzu ein sehr interessantes Buch geschrieben: „das Sein bestimmt das Bewusstsein.“

Die folgenden Punkte 7,8 und 9 dienen jetzt dazu, die Weisheit zu aktivieren.

(7) Kontextualismus

Es ist das Wissen, dass alle Umstände, Situationen und Probleme von ihrer Situation und von ihrer Zeit einem bestimmten Kontext zugeordnet werden müssen.

Im Buddhismus gibt es die Lehre, dass niemand denselben Fluss zweimal durchqueren kann. Denn beim zweiten Mal ist der Mensch ein anderer und auch der Fluss hat sich verändert.

Ein Neurobiologe sagte einmal den Satz: „nach diesem Gespräch sind sie ein anderer Mensch denn durch die Neuroplastizität hat sich ihr Gehirn auch materiell verändert.“

Kontextualismus bedeutet also: die Zeiten ändern sich, Situationen ändern sich, Umstände ändern sich. Da dem so ist, darfst du eine Situation niemals als sicher oder im Gegensatz dazu als absolut hoffnungslos beschreiben.

Never Never Never give up. Ein Zitat was Winston Churchill zugeschrieben wird. Er hat bewiesen, dass die Umstände zwar schlimm sein können sich aber nicht ewig so halten können.

(8) Werterelativismus

Grundsätzlich müssen wir anerkennen, dass andere Menschen andere Werte und Lebensziele haben als du und ich.

Da steht ein Konzernchef auf einer Aktionärsversammlung, strahlend vor seiner Zuhörerschaft und sagt dass das Unternehmen große Gewinne gemacht hat. Im nächsten Jahr werden weitere Mitarbeiter entlassen und die Gewinne würden noch früher sein.
Zu seinem Erstaunen kommt ihm starke Empörung durch die Medien entgegen. Dieser Konzernchef sagte später in einem Interview, dass er das alles nicht versteht. Wenn die Gewinne niedrig wären, würde die Aktien sinken. Dann würden andere Banken diese Bank aufkaufen und würden mehr Mitarbeiter entlassen als von ihm ursprünglich geplant sei.

Er hatte in seinem eigenen Wertesystem nichts anderes getan als wertekonform, sozial und sehr gewissenhaft zu arbeiten. Wärst du jetzt ein Mitarbeiter in diesem Konzern und hättest deinen Arbeitsplatz verloren kann es sein das du trotzdem mit Verbitterung reagierst.

Was in der einen Wertewelt etwas Böses und Egoistisches ist kann in der Wertewelt des Anderen sozial, altruistisch und vielleicht sogar religiös Gott gewollt sein. Die Gefahr vom Werterelativismus ist die Gefahr der Beliebigkeit.

Darum bemühen sich Regierungen und ganze Menschenrechtsorganisationen sowohl Menschenrechte, Grundrechte und Grundwerte als universelle Werte erdenweit festzulegen.

(9) Selbstrelativierung.

Hier sind wir fast schon wieder am Anfang unseres Beitrages angelangt und es schließt sich ein gewisser Kreis. Bei der Selbstrelativierung geht es um die Fähigkeit zu akzeptieren, dass Vieles nicht nach unserem eigenen Willen läuft und man nicht immer der wichtigste Mensch auf der Welt ist.

Wenn man das einmal zusammenfasst und nüchtern betrachtet ist es eine permanente Kränkung des Selbstwertgefühls und stellt dauerhaft die Selbstwirksamkeit infrage.

Wer jedoch diese Fähigkeit der Selbstrelativierung erlernt und mit einer Akzeptanz dieses Faktes durch das Leben geht wird ein viel ruhigeres Leben führen als der genaue Gegenteil: der Querulant. Ein Querulant vollzieht nicht den Perspektivwechsel, die Selbstdistanz oder bemüht sich nicht um Empathie.

Selbstrelativierung bedeutet, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

(10) die Ungewissheitstoleranz.

Es gibt ein altes liebliche Sprichwort das sagt: Zeit und unvorhergesehenes trifft sie alle.“ (Prediger 9 Vers 11)

Ein Youtuber war einen Tag vor dem 11. September 2001 auf der Aussichtsplattform vom World Trade Center. Nur einen Tag später und er wäre nicht mehr am Leben gewesen. So etwas müssen wir einfach tolerieren. Wir können uns nie sicher sein wie sich unser Verhalten kurzfristig und mittelfristig auswirken kann. Jedes Wort, jedes Geschehen und auch dieser Artikel kann Konsequenzen nach sich ziehen die ungewollt waren.

(11) die Fähigkeit mit Paradoxien zu leben.

Das Wort paradox kommt aus dem altgriechischen und bedeutet gegen die Erwartung, gegen die gewöhnliche Meinung, Unglaublich!“

Eine Person sagte einmal in der Therapie:“ der Typ war ein Schwein und ich habe ihn geliebt.“ Das ist zwar komplett widersprüchlich und in der Realität nicht aufzulösen oder zu versöhnen. Aber manche Lebenssituationen waren einfach zutiefst paradox und das muss man mit Shit Happens oder mit einem „so ist es“ hinter sich lassen.

Mein persönliches Schlusswort: 

Das letzte Lebewesen, welches das Wasser verstehen wird ist  ⇒ der Fisch.

Das Leben ist so vielgestaltig dass wir das Leben am besten durchleben indem wir es komplett und radikal akzeptieren.

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