Schriftzug Marcsu Jähn

Das traumatisierte Gehirn – EMDR

Titelbild EMDR und das traumatisierte Gehirn

      • Was ist das für eine Therapie, die nicht nur unsere Erinnerungsnetzwerke neu justiert, sondern auch noch die Neuroplastizität des Gehirns auf eine Art und Weise anregt, wie wir uns dies vorher überhaupt nicht vorstellen konnten?
      • Was ist das für eine Methodik, welche nicht das traumabedingte Schrumpfen des Hippocampus (unser Gedächtniskontrollzentrum im Gehirn) stoppt, sondern diesen bereits nach 8-12 Sitzungen im Durchschnitt um 6 % wieder wachsen lässt?
      • Was ist das für eine Therapie, die ihre Veränderungen bevorzugt durch Augenbewegungen und andere bilaterale Stimulationen stimuliert?
      • Und was ist das für eine Therapie, welche Menschen – die von ihrer innerlichen Enge, den übermächtigen Erinnerungen oder ihren Zukunftsängsten überwältigt sind – hilft
          • den emotionalen Schmerz durch Augenbewegung zu reduzieren
          • die Intensität der inneren Bilder abzuwenden und
          • Gedanken und Erinnerungen präzise verändern kann?

Ich spreche über EMDR. … Warum und wie diese Therapieform wirkt ist den Forschern noch recht unbekannt… Obwohl bereits 1987 durch Zufall entdeckt, wissen wir immer noch nicht, warum EMDR wirklich so präzise funktioniert.

Mut macht mir in diesem Zusammenhang aber der Vergleich zur Geschichte des Penizillins: Zwischen der Entdeckung seiner antibiotischen Eigenschaften durch Alexander Fleming im Jahr 1928 und der endgültigen Klärung, wieso es überhaupt wirkte im Jahr 1965, vergingen auch fast vier Jahrzehnte… Darum bin ich heute immer noch davon überzeugt, dass wir irgendwann einmal herausfinden werden, warum (!) EMDR wirkt. Mit diesem Beitrag möchte ich dich aber einmal mit dem aktuellen Stand des Wissens in Verbindung bringen.

Teil 1 – EMDR ist irgendwie anders

 

Wir irren uns empor … Dieser oft zitierte Satz gilt insbesondere auch für den wissenschaftlichen Fortschritt, den wir durch EMDR erhalten haben. Diese Therapie entstand durch eine recht zufällige Beobachtung einer jungen Psychologin (Francine Shapiro) im dem Jahre 1987.

EMDR ist die erste Therapieform mit der ich mich im Rahmen dieser Themenreihe „Trauma – Grundlagen und Therapiemöglichkeiten“ befassen werden.

Weitere Therapieformen werden sein:

      • Neurofeedback
      • Self-Leadership
      • Yoga
      • Die innere Familie
      • Katathym Imaginative Psychotherapie

Was ein Trauma ist, findest du in diesem einleitenden Aufsatz unter folgendem Link: https://werdewiederstark.de/das-traumatisierte-gehirn-einleitung-teil-1/

Zurück zu EMDR und Francine Shapiro … Selber mit eigenen Problemen beschäftigt, spazierte sie in diesem Jahr durch einen Park. Es fiel ihr auf, dass sich ihre inneren Sorgen und aufgewühlten Emotionen durch schnelle Augenbewegungen auf einmal deutlich verringert haben.

Die Frage ist schnell gestellt:

      • „Wie kann aufgrund eines so kurzen Erlebnisses eine wichtige neue Behandlungsmodalitäten entstehen?
      • Und wenn dies doch so einfach und bei jedem Menschen klappt, warum ist dieser simple Mechanismus nicht schon viel früher entdeckt worden?

Francine Shapiro (sie lebte von 1949 bis 2019, war sowohl Psychologin als auch Begründerin der EMDR-Therapie-Technik) stand ihrer eigenen Beobachtung anfangs selber extrem kritisch gegenüber. Sie experimentierte, forschte und studierte einige Jahre lang daran, ein sicheres und standardisiert nachvollziehbares Verfahren zu entwickeln, welches man anderen Lehren und in kontrollierten Untersuchungen empirisch testen konnte. 

Der große Traumaforscher Bessel van der Kolk hatte sich – nachdem er hiervon Kenntnis erlangte – selber einmal einer EMDR – Therapie unterzogen, um eigene Traumata verarbeiten zu können. Seine Erfahrungen hierbei haben Interesse geweckt! Warum? Nun, weil Bessel van der Kolk kein spiritueller Neuzugang in der Psychologie ist, sondern sein Wissen aus der klassischen Schulmedizin erlangte und selber skeptisch dieser Therapie-Praxis gegenüberstand. Später jedoch voller Begeisterung über seine eigenen Fortschritte berichtete.

Ganz nebenbei kommt von ihm auch der Gedankenansatz, dass die besten Therapeuten selber einmal Patient waren. Ich zitiere hier aus seinem Buch „Verkörperter Schrecken“ dass im Idealfall ein Traumatherapeut die Therapiemethode, die er selber anwendet auch an sich als Patient erlebt hat.“

EMDR ist vollkommen anders – fast schon verwirrend einfach im Vergleich zu den anderen tiefenpsychologischen, kognitiven und auch den behavioralen Therapieansätzen. EMDR öffnet einen Bereich in unserem Gehirn/ unserem Geist, der anscheinend einen direkteren Zugang zu Erinnerungen und Bildern aus der Vergangenheit ermöglicht, die nicht im „normalen Gedächtnis“ abgespeichert sind. Ganz augenscheinlich hilft genau dies den Patienten, ihr traumatisches Erlebnis in einem größeren Zusammenhang zu sehen, es dadurch besser zu relativieren und schlussendlich einordnen zu können.

Noch etwas was mich an EMDR persönlich fasziniert: Durch diese Therapie kann man sich von einem Trauma befreien, ohne darüber mit einem Dritten / einem Therapeuten reden zu müssen! Es ermöglicht, die Erlebnisse in einem neuen Blickwinkel zu betrachten, was nicht davon abhängig ist, sich mündlich mit Anderen darüber auszutauschen. Dadurch ist EMDR ein enorm wichtiges Werkzeug in den Fällen, wo zwischen Therapeut und Patient keine tiefe Vertrauensbeziehung besteht. Auch interessant ist es bei Traumatisiertem, da sie sowieso aufgrund ihrer schrecklichen Erlebnisse kaum noch anderen vertrauen können. Und ein letzter Vorteil von EMDR aus meiner persönlichen Liste ist folgender: Da es bei dieser Form der Therapie nicht zwingend nötig ist, dass über die oft unaussprechlichen Erfahrungen gesprochen und die aufkommenden Gefühle dem Therapeuten auch nicht erklärt werden müssen, können sich Patienten völlig auf ihr inneres Erleben konzentrieren – mit manchmal recht außergewöhnlichen Ergebnissen.

2. Das traumatisierte Gehirn und EMDR

EMDR ist zuallererst einmal eine Therapie um traumatisierten Menschen zu helfen, mit ihren Erinnerungen wieder „ins Reine“ zu kommen… Das Gehirn von chronisch traumatisierten Menschen kann tatsächlich im Hirnscanner (dem fMRT) von nicht traumatisierten Gehirnen deutlich unterschieden werden.

 

In einer Studie der Professorin Ruth Lanius (Professorin für Psychiatrie in Western Ontario, Kanada) ging man Beispiel der Frage nach: „Was passiert im Gehirn von chronisch traumatisierten Menschen, wenn sie mit anderen Menschen in einen direkten Blickkontakt treten?“

Dies mag sich für dich nun ganz banal anfühlen, Hintergrund dieser Studie ist jedoch, dass es diesem Personenkreis ganz offensichtlich sehr schwer fällt, überhaupt einen Blickkontakt zu anderen Personen herzustellen. Man kann sofort erkennen, dass sie sich selber als minderwertig, ja sogar als regelrecht ekelhaft empfinden und sie es nicht ertragen können von anderen als das angesehen zu werden wie sie sich selber sehen und empfinden: … als völlig abscheulich. Und genau diese unnormal extreme Aktivierung kann man wirklich sichtbar im Gehirn nachweisen. 

Ruth Lanius untersuchte eine Reihe von Probanden in einem präparierten Hirnscanner, in welchem ein Videomonitor an die innere – für den Probanden sichtbare Oberseite – angebracht wurde. Auf ihm wurden dann nacheinander zwei Filmausschnitte gezeigt.  In der ersten Szene kam ein freundlich dreinblickender Man spazierend auf einen zu. Hierbei schaute einen aber nicht direkt ins Gesicht, sondern richtete seinen Blick in einem Winkel von 45° zur Seite. In der zweiten Szene schaute derselbe freundliche Mann beim Entgegenkommen dem Probanden förmlich direkt aus dem Monitor in die Augen. Durch diese beiden Szenen konnte die Wirkung von direktem und abgewandten Blickkontakt in der Gehirnaktivierung konkret verglichen werden.

Und, gab es dabei überhaupt einen Unterschied? Ja, und das nicht zu knapp! Die wohl größte Abweichung zwischen „normalen Probanden“ und den chronisch Traumatisierten Bestand in der Aktivierung / bzw. Nicht-Aktivierung des Präfrontalen Kortex. Dieser Bereich unseres Gehirns hilft uns u.a. eine Person die auf uns zukommt mit ihren Intentionen vernünftig einzuschätzen. Bei den Studienteilnehmern mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, konnte dieser Bereich jedoch nicht aktiviert werden! Sie waren sichtlich nicht in der Lage an der auf sie zukommenden fremden Person irgendwelche Auffälligkeiten kognitiv zu erkennen. Aber trotzdem reagierten sie – und das sehr vehement! Sie reagierten mit einer extrem starken Aktivierung eines tiefsitzenden Bereichs im Gehirn der zuständig ist für die wirklich ganz rudimentären Emotionen wie zum Beispiel Erschrecken, Niederkauen, Hypervigilanz (Wachsamkeit) und alle anderen Verhaltensweisen die einzig und allein nur dem Selbstschutz dienen. Diesen Bereich kennen wir als das zentrale Höhlengrau (Periaquäduktales Grau) oder auch Substantia grisea centralis genannt.

Bei ihnen war keinerlei Aktivierung in einem kognitiven, für soziales Engagement wichtigen Bereich zu erkennen. Wenn jemand sie anschaute, wechselten sie sofort und ohne Umwege in einen Überlebenssichernden Verhaltensmodus.

Und was bedeutet das für uns in der Praxis?

Dies alles wirkt sich logischerweise auf die Fähigkeit aus, mit Anderen zwischenmenschlich zurecht zu kommen. Genau das ist nun aber der eigentliche Anspruch und das Ziel für die Trauma-Therapie! Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung haben oft Probleme, ihre tiefsten Ängste einem Therapeuten an zu vertrauen. Um aber nun eine wirklich tiefe Beziehung aufbauen zu können, muss man

      • andere Menschen als eigenständige Wesen erleben, die eine eigene Position vertreten können
      • andererseits aber auch anerkennen, dass andere Menschen ganz eigene Ziele verfolgen und ansteuern dürfen.

Ein Traumatisierter Mensch kann dies alles nicht. Und genau hier betritt die EMDR – Therapie, ihre eigene ganz große Bühne! 

3. Wie sich EMDR langsam zu einer Therapie entwickelte … Ein Ausflug ins Schlaflabor …

Im Jahre 1995 erschien in der Zeitschrift „Dreaming“ ein Artikel des New Yorker Psychologen, Ricky Greenwald, der die Enge Beziehung zwischen EMDR und der REM-Schlafphase aufzeigte. Das ist die Schlafphase in der vermehrt Träume auftreten. Heute wissen wir, dass Schlaf – und besonders der Schlaf in dem Träume auftreten – bei der Regulierung von Emotionen und Affekten eine zentrale Rolle spielt. Der Artikel von Ricky Greenwald im Dreaming zeigte, dass sich die Augen sowohl im REM-Schlaf als auch bei der EMDR Therapie ständig hin und her bewegen.

Wir wissen, dass je mehr Zeit wir im REM-Schlaf verbringen, umso stärker wird hierdurch eine Depression verringert und umgekehrt: je kürze unser nächtlicher REM-Schlaf ausfällt, umso wahrscheinlicher werden wir im Laufe der Zeit depressiv. Nicht zuletzt durch solche Forschungsartikel wird der Zusammenhang zwischen einer PTBS und einer Trauma-Störung immer deutlicher. PTBS wird zu Recht immer häufiger mit Schlafstörungen in Verbindung gebracht und die Versuche, sich mit Drogen oder Alkohol selbst zu therapieren stört den Rem-Schlaf zusätzlich.

Wir wissen heute besser denn je, dass sowohl unser Tiefschlaf aber auch der REM-Schlaf für unsere Erinnerungen eine sehr wichtige Rolle spielt. Im Schlaf verändert unser Gehirn diese Erinnerungen indem es den Einfluss wichtiger Informationen emotional verstärkt und bei unwichtigen Dingen diese emotional eher im Hintergrund treten lässt. Schlafforscher haben aufgezeigt, dass das schlafende Gehirn sogar Informationen in einen Zusammenhang bringen kann, deren Wichtigkeit uns im Wachzustand überhaupt nicht aufgefallen wären. Im Schlaf kann es diese Information jedoch in das umfassendere Gedächtnissystem endgültig integrieren. Durch unseren Schlaf haben wir also deutlich mehr Möglichkeiten unsere Erfahrungen zu integrieren als im Wachzustand. Träume können uns über Jahre begleiten und immer wieder in veränderten Kombinationen hochkommen. Sie verändern damit ständig die verborgenen Realitäten, die darüber dann entscheiden, worauf wir uns mit unserem Verstand fokussieren, wenn wir wach sind.

Und vielleicht ist folgendes für die EMDR Therapie am wichtigsten: Im sogenannten REM-Schlaf-Modus aktivieren wir viel entferntere Assoziationen als im Nicht–REM-Schlaf oder im normalen Wachzustand.

Wie kommt man darauf? Weckt man Probanden zum Beispiel aus der Tiefschlafphase auf und legt Ihnen einen Wort Assoziationstest vor, dann wird in der Regel mit Standardantworten wie lang/kurz, hoch/tief, kalt/heiß oder hart/heiß geantwortet. Vollkommen anders fallen die Antworten aus dem REM Schlaf aus: hier werden deutlich weniger konkrete Bezüge hergestellt wie zum Beispiel

      • Polizist / gerecht
      • Oder Dieb / falsch.

Nach dem Aufwecken aus einer REM-Schlafphase können auch viel leichter Anagramme (in Deutschland besser als Schüttelwort bekannt) aufgelöst werden.  Bei einem Anagramm wird aus einer Buchstabenfolge indem man die Buchstaben verändert ein vollkommen neues Wort gebildet. In der Kryptographie wird dies auch als Transposition bezeichnet. Das alles kann erklären, warum manche Träume so ungewöhnlich und bizarr sind, da wir im REM Schlaf weit entfernteste Assoziationen bilden als im Tiefschlaf. Es ist praktisch die Spielphase des Gehirns nach dem großen Aufräumen.

Träume helfen uns, vollkommen neue Beziehung zwischen augenscheinlich nicht miteinander verbundenen Erinnerungen herzustellen. Neue Verbindungen zu erkennen ist ein wichtiger Bestandteil der Kreativität und Kreativität ist für die Heilung einer posttraumatischen Belastungsstörung von zentraler Bedeutung – womit wir wieder bei unserem Thema sind

Einer der führenden Schlafforscher (Professor Robert Stickgold – der an der Harvard Medical School lehrt) stellt eine direkte Verbindung zwischen EMDR und der Verarbeitung von Erinnerungen in unseren Träumen her. Seine Studien legen folgende Erkenntnis nahe: (Zitat Robert Stickgold) „Wenn die bilaterale / zweiseitige Stimulation der EMDR-Therapie Gehirnzustände auf eine Weise verändern kann, die der des Rem- Schlafs ähneln, dann gibt es nun auch genauso vernünftige Anhaltspunkte dafür, dass EMDR auch bei Traumatisierten blockierte oder außer Funktion gesetzte Prozesse nutzen könnte um die Verarbeitung von Erinnerungen und Traumata zu ermöglichen.“

Eine der grundlegenden Anweisungen des Therapeuten in der laufenden Therapie lautet ja: „Vergegenwärtigen Sie sich dieses hochkommende Bild bitte weiter und folgen Sie den Bewegungen des Fingers.“ Dieser Vorgang könnte genau das wiederholen, was wir im träumenden Gehirn beobachten können.

4. Was zeigen aktuelle Studien über EMDR?

4.1. Veränderungen im Gehirn

Bessel van der Kolk (Traumaforscher, Psychiater und Professor für Psychiatrie an der Universität Boston, USA) fing vor einigen Jahren damit an, Videoaufnahmen von EMDR Sitzungen mit traumatisierten Patienten mit seinen Kollegen gegeneinander auszuwerten. Die beobachteten Fortschritte der Therapie wurden dann mithilfe einer PTBS – Beurteilungs-Skala gemessen. Außerdem wurden die Patienten im Anschluss an die EMDR Behandlungen dann noch einem Gehirnscan unterzogen.

Was war das kaum für möglich gehaltene Ergebnis? Nach lediglich drei EMDR–Therapiesitzungen waren bereits bei ²/3 der Teilnehmer (!) die PTBS-Werte deutlich gesunken. Auf den Gehirnscans sahen sie nach der Behandlung einen starken Anstieg der Aktivität im Präfrontalen Kortex, im anterioren Cingulum und den Basalganglien.  Erinnerst du dich noch an den Test von Ruth Lanius am Anfang dieses Berichtes? Das war doch genau der Bereich, der bei den traumatisierten Menschen deaktiviert wurde. Durch EMDR wird er nun wieder reaktiviert!

Bessel van der Kolk berichtet von einem Mann, der Folgendes nach den Sitzungen erwähnte: „Ich erinnere mich nun an das traumatische Erleben wie an eine normale echte Erinnerung. Früher versank ich förmlich in diesem Trauma – diesmal kann ich jedoch darüber schwimmen. Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, diese Situation selber unter Kontrolle zu haben.“ Eine andere Frau erzählt: „Hatte ich vorher jeden einzelnen Schritt separat gespürt, so ist das alles jetzt irgendwie im großen Ganzen integriert. Meine fürchterlichen Erinnerungen sind nicht mehr einzelne Bruchstücke und ich kann so mit dem großen Ganzen besser umgehen.“ Was ist hier geschehen? Das Trauma hat seine Unmittelbarkeit verloren und ist zu einer Geschichte in einem langen, zeitlich miteinander verwoben nennen, geschehen geworden.

4.2 Vergleich EMDR mit Fluoxetin und einem Placebo. 

Sehr interessant finde ich eine Studie in der die Wirkung von EMDR mit  einem sehr bekannten Antidepressivum aus der SSRI Gruppe (Fluoxetin) und einem Placebo verglichen wurde. Circa 1/3 der Untersuchungsteilnehmer bekam eine EMDR Behandlung, 1/3 erhielt das Antidepressivum und das restliche 1/3 die Placebo – Zuckerpillen. Wie so oft erzielten auch in diesem Test gerade die Gruppe der Placebo-Nutzer sehr gute Ergebnisse. Acht Wochen lag ihre Verbesserung bei 42 % und damit höher als die viele anderer Behandlungsarten, die heute immer noch als Evidenz basiert gelten. Was war bei den beiden anderen Gruppen zu vermerken? Die Teilnehmer mit dem Antidepressivum (Fluoxetin) erzielte etwas bessere Ergebnisse als die Placebo Gruppe. Auch das ist typisch. Denn allein schon die Tatsache, dass Patienten zur Behandlung erscheinen, führt zu einer allgemeinen Verbesserung des Zustandes um 30-40 %. Wenn das Mittel dann noch wirkt, kommen nochmal 5 bis 15 % obendrauf.

Aber das wirklich Erstaunliche fand bei den Patienten statt, welche mit EMDR behandelt wurden! Diese Gruppe erzielte signifikant deutlich bessere Ergebnisse, als diejenigen, die das Antidepressivum oder das Placebo erhalten hatten: Nach lediglich acht EMDR Therapiesitzungen, konnte einer von vier Teilnehmern der EMDR – Gruppe als völlig geheilt eingestuft werden. Sein PTBS-/ Trauma-Wert ging danach gegen Null.

Auf der anderen Seite, unter den Teilnehmern der Antidepressiva-Gruppe erreichte nur einer von Zehn dieses Ergebnis. Das an sich ist schon erstaunlich. Es geht aber noch eine Stufe weiter: Der noch größere Unterschied stellte sich interessanterweise erst im Laufe der Zeit ein … Als die Probanden nach acht Monaten noch einmal befragt wurden, fand man heraus, dass 60 % (!) derjenigen, die eine EMDR Behandlung erhalten hatten, völlig geheilt waren. Die Zahl der Geheilten stieg also von 25 % (jeder Vierte) auf 60 % an, obwohl die Behandlung schon längst zu Ende war. Der amerikanische Psychiater, Milton Erickson (1901 – 1980) sagte einmal „sobald du einem Baumstamm einen Tritt versetzt, beginnt der Fluss wieder zu fließen.“

Auf die EMDR Therapie übertragen, heißt das folgendes: Haben die Teilnehmer einmal mit der Integration ihrer traumatischen Erinnerungen begonnen, setzt sich die Besserung auch nach der Therapie spontan von selbst fort.

Was war bei den anderen Teilnehmern zu beobachten? Die Teilnehmer der Antidepressiva-Gruppe (Fluoxetin) erlitten alle (!) nach der Absetzung des Mittels einen Rückfall. Größer kann der unterschied nicht ausfallen …

Diese Studie ist extrem wichtig, dass sie deutlich macht, dass eine fokussierte traumaspezifische Therapie – wie z.B. durch EMDR – deutlich wirksamer sein kann als eine Behandlung mit Psychopharmaka. Untersuchungen zeigen, dass die Trauma-Symptome von Patienten, die mit Antidepressiva wie zum Beispiel Fluoxetin, Citalopram, Zoloft oder ähnlichen Mitteln behandelt, wurden, zwar auch schwächer werden aber nur solange das Mittel eingenommen wird. Das macht deutlich, dass eine medikamentöse Therapie langfristig deutlich kostspieliger sein kann. Interessant ist auch, dass EMDR gemäß einer Studie von Bessel van der Kolk eine deutlich stärkere Reduzierung der Depressionswerte aufzeigte als das Antidepressivum Fluoxetin – und das obwohl doch gerade dieses Mittel ein wichtiges Antidepressivum ist.

5. Ist EMDR nun eine Wunderwaffe gegen jede Traumatisierung?

Die kurze und knappe Antwort: nein!

Bessel Van der Kolk hat durch seine Studien noch eine weitere wichtige Erkenntnis gewonnen: Erwachsene, die in ihrer Kindheit traumatisiert wurden reagieren völlig anders auf EMDR als diejenigen, die erst später – als Erwachsene – ein Trauma erlebten. Nach einer achtwöchigen Therapiephase waren circa 50 % derjenigen, die im Erwachsenenalter traumatisiert wurden, völlig geheilt wohingegen nur bei 9 % eine Heilung eintrat, die in ihrer Kindheit ein Entwicklungstrauma durchmachen mussten. Nachdem dann die Probanden acht Monate später nochmals befragt wurden, stellte man fest,

      • dass diejenigen, die im Erwachsenenalter traumatisiert wurden, circa 73 % angaben völlig frei von Symptomen zu sein.
      • Diejenigen jedoch, die in ihrer Kindheit traumatisiert wurden – also ein Entwicklungstrauma erlebten – konnten dies nur in 25 % der Fälle angeben.

Dies zeigt mal wieder sehr deutlich: Chronische Traumatisierungen / also Entwicklungstraumata – besonders diejenigen aus der Kindheit – führen zu völlig anderen psychischen und biologischen Adaptionen / Anpassungen als das Erleben einzelner dramatischer Situationen im Erwachsenenalter. EMDR ist jedoch mit das wirksamste Mittel, dass uns heute zur Verfügung steht, um nicht integrierte Trauma-Erinnerungen im Nachhinein wieder zu integrieren. Jedoch kann auch diese Therapieform keine Wunder bewirken! Sie kann die Nachwirkungen von Verlassenwerden, von Vertrauensbrüchen, von körperlicher Misshandlung und sexuellen Missbrauch aus der Kindheit nicht immer aufzulösen. Eine mehrwöchige Therapie – egal welcher Art und Qualität sie auch sein mag – reicht niemals aus um die Folgen langjähriger traumatischer Erlebnisse aufzulösen.

6. Anerkennung von EMDR

Seit Anfang 2015 ist EMDR als Psychotherapiemethode in der gesetzlichen Krankenversicherung anerkannt. Sie darf ausdrücklich innerhalb eines richtigen Verfahrens bei Erwachsenen zur Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung eingesetzt werden. Bereits einige Jahre zuvor wurde sie laut Gutachten im § 11 des Psychotherapeutengesetzes am 6. Juni 2006 als Methode zur Behandlung von posttraumatische Belastungsstörung als wissenschaftlich anerkannt.

EMDR ist von der APA – der American Psychological Association und der internationalen Gesellschaft für Trauma Stress-Studien als wirksam anerkannt und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Aktuell gibt es weltweit über 50.000 ausgebildete Therapeuten.

Wie gehen wir jetzt nun in dieser kleinen Reihe über Therapieansätze bei Traumata – hier die EMDR-Therapie – weiter vor?

Im nächsten Beitrag werden wir uns dann

      • mit den nicht integrierten Erinnerungen näher befassen.
      • Unserem sicheren Ort.
      • Dem entspannten Atmen
      • Der bilateralen Stimulation.
      • Der Comic Technik.

All diese sind Techniken, welche ich auch in einer Art „Trauma-Selbsthilfe“ anwenden kann. Danach werden wir in einem gesonderten Beitrag ein System besprechen, wie wir all unsere negativen Wahrnehmungen in eine logische Tabelle und damit in einen kognitiven Zusammenhang bringen können. Gerade dies ist eine mehr als wichtige Hilfestellung um zu erkennen, dass wir durch unsere eigenen Erfahrungen reflexartig stereotyp, sowohl in positiven, aber auch in negativen Gedankenmustern fest hängen. Ich hoffe, du freust dich auch auf diese kleine Reihe über EMDR

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