Schriftzug Marcsu Jähn

Das Anti-Stress-Gen
Oder: Warum schreien Babys?

Wie soziale Erfahrungen unsere Epigenetik beeinflussen

Bereits Sigmund Freud hatte diese besondere Vision in seinem Werk „Entwurf einer Psychologie“ erwähnt: „Irgendwann werden wir herausfinden welche Hirnfunktionen dafür verantwortlich sind, das unsere psychischen und sozialen Erfahrungen zu mehr Krankheit oder mehr Gesundheit führen.“

Schon damals war irgendwie klar, dass es einen Zusammenhang gibt mit sozialen Erfahrungen und deren Auswirkungen auf Krankheiten, Gesundheit und unsere Stressreaktion. 

Die Forschung zu diesem Thema hat u.a. durch Michael Meaney, einem Professor an der McGill Universität in Montreal einen großen Schritt nach vorne gemacht. Herausgefunden hat er den Zusammenhang zwischen mütterlicher Zuwendung und der Regulierung unseres Anti-Stress-Gens aufgezeigt.
Bei Ratten wurden Ängstlichkeit und Stressvulnerabilität (Vulnerabel = Verletzbar) durch die Intensität der mütterlichen Brutpflege entscheidend reguliert. Je mehr sich die Rattenmutter liebevoll um die Jungen gekümmert hat (durch Pflege und Lecken) um so gedämpfter waren die Stressreaktionen der Brut.

Welche Mechanismen werden beim Stress hochgeregelt und wie wird dieser Prozess wieder heruntergeregelt?

Betrachten wir hierbei die langfristige Stressantwort. In dieser finden wir auch die Antwort auf die Frage: „Warum Neugeborene schneller schreien und (anfänglich) schlechter beruhigt werden können:

Wir Menschen haben eine sogenannte Stress-Achse in unserem Körper. An dieser 3 stufigen Achse sind der Hypothalamus, die Hypophyse und die Nebennierenrinde beteiligt. Diese Hypophysen-Hypothalamus-Nebennieren-Achse wird abgekürzt mit HHNA wiedergegeben.

Stufe 1: Im Hypothalamus wird bei Stress das Cortropin-Releasing-Hormin (CRH) gebildet. 

Stufe 2: Das CRH gelangt zur Hypophyse (in deren Vorderlappen) und aktiviert dort kortikotrope Zellen. Das Endergebnis mehrerer Schritte ist, dass ACTH abgespalten wird, welches die Nebennierenfunktion reguliert.

Stufe 3: ACTH stimuliert nun in der mittleren Schicht der Nebennierenrinde die Synthese von Glukokortikoiden, dem Cortisol einem Steroidhormon.

Rückkopplung zum Gehirn: Hier kommt jetzt der spannende Teil der Regulation zum Vorschein. Wenn es keinen Regulator gäbe, so würde sich das gesamte System unendlich hochfahren und kollabieren: 

    • Dasselbe Cortisol, welches den Stoffwechsel anregt, entzündungshemmend wirkt und für einen höheren Glukosespiegel im Blut sorgt und damit den Zellen mehr Energie bereitstellt –
    • kontrolliert andererseits im Gehirn (im Hippokampus) durch eine inhibitierende (schwächende) Rückkopplungsschleife die Aktivität der HHNA und reguliert dadurch die Stressreaktion wieder herunter.
Warum schreien Babys so intensiv?

Wenn es doch diese abschwächende Kontrollfunktion im Hippokampus gibt, warum schreien Babys nun so lange und intensiv?
Hier kommen nun die Forschungsergebnisse von Michael Meaney (Professor an der Mc Gill Universität in Montreal) zum tragen. Er hat herausgefunden, dass unser Anti-Stress-Gen zum Zeitpunkt der Geburt zwar da aber noch inaktiv ist. Das Gen ist noch methylisiert.

Das Anti-Stress-Gen wird nun durch die aktive Zuwendung der Mutter in Form von Streicheln, Reden und viel Körperkontakt langsam aber sicher aktiviert!

Diese Erkenntnis ist revolutionär im Hinblick auf die Neurobiologie!
Man ging zwar schon seit Jahren davon aus, dass Gene durch Umwelteinflüsse aktiviert werden können, dachte aber immer, dass dies nur beim Embryo geschieht und danach nicht mehr veränderbar sei. 
Durch neueste Studien können wir heute jedoch sagen, dass die Aktivierung und De-Aktivierung von Genen auch später noch möglich ist.

Wie wird ein Gen aktiviert / bzw. deaktiviert?

Werfen wir hierzu einen Blick in die Epi-Genetik, dort finden wir die Antwort auf diese spannende Frage.

Das Streicheln der Mutter bewirkt eine neuronale Veränderung und diese modifiziert (verändert) nun chemische Eigenschaften der DNA welche einen Glukokortikoid-Rezeptor im Hippokampus kodiert. Dieser spricht dann auf das Cortisol an, welches in der Nebennierenrinde produziert wurde.

Auf dem Erbinformations-Faden der DNA liegen unsere Gene. In diesen Genen stehen die Anweisungen, wie die Bestandteile des Körpers hergestellt werden. 

Die Aufgabe eines Gens

Die Aufgabe der meisten Gene ist es, neue Eiweiße – die „Arbeitstiere“ – in unserem Körper zu produzieren. 
Diese Produktions-Baupläne sind in einer Kombination von vier chemischen „Buchstaben“, die auf der DNA in Form einer langen Kette aneinander gereiht sind verschlüsselt. Die vier Gen-Buchstaben heißen A = Adenin, T = Thymin, C = Cytosin und G = Guanin. Eine Kombination von je drei dieser Buchstaben (z. B. CGA) bildet ein Code-Wort. 

Diese Kodierung wird dann an den Eiweiß-Fabriken (Ribosomen) der Zelle entschlüsselt. Die Ribosomen erkennen, dass jedes Drei-Buchstaben-Wort für einen der 20 Eiweiß-Bausteine steht und bauen nach dieser Anleitung einen Baustein nach dem anderen zu einem vollständigen Eiweißstoff zusammen.

Die Veränderung der Genaktivität

Gene sind nicht einfach nur Träger von Eiweißbausteinen. Nach heutigem Wissen können diese Gensequenzen in ihrer Aktivität ein- und ausgeschaltet und sogar nach neuestem Wissen „gedimmt“ werden. 

Dies geschieht durch einen Prozess im Gen welcher sich in der Promoter-Region abspielt die vor der Gensequenz liegt. Das bedeutet, bevor (!) der Code auf der DNA für den Eiweißbaustein abgelesen wird, muss zuerst der Promoter abgelesen werden.

Den Promoter können wir uns wie einen Lichtschalter vorstellen, der ein Licht ein- und ausschalten kann. 

Weiter oben haben wir gelesen, das die DNA verschiedene Grundbausteine hat. Unter anderem auch die Basen A = Adenin, T = Thymin, C = Cytosin und G = Guanin. Rechts in dem Bild siehst du das Cytosin. Die neuesten Forschungen haben ergeben, dass durch die mütterliche Zuwendung zum Baby, in der Promoterregion des Cytosins (welches neben einem Guanin liegen muss) Veränderungen herbeigeführt werden. 

Diese Veränderung besteht aus dem Anfügen oder dem Weglassen einer Methylgruppe ( -CH3) am Cytosin. Wurde eine Methylgruppe angelagert, dann bleibt der Promoter inaktiv – die nachfolgende DNA-Sequenz wird nicht abgelesen. 
Wird die Methylgruppe entfernt, dann ist der Weg zum Auslesen der DNA wieder frei.

Mütterliche Liebe beeinflusst den Hippocampus.

Wie weiter vorne beschrieben, gibt es eine Rückkopplungsschleife des Cortisols im Hippkampus. Würde die nicht bestehen, dann hätte das Cortisol keine Bremse – wir würden permanent wie „unter Speed“ sein und irgendwann kollabieren.

Damit dies nicht geschieht, gibt es im Hippokampus sogenannte Glukokortikoid-Rezeptoren. Cortisol ist ein Glukokortikoid. Da es zu der Gruppe der Steroidhormone gehört, kann es die Blut-Hirn-Schranke überschreiten und seine Wirkung auch im Gehirn entfalten. Dort angekommen, trifft es nun auf den Hippokampus und seinen Rezeptoren – den Glukokortikoid-Rezeptoren. Je mehr dieser Rezeptoren im Hippokampus existieren, desto effektiver können diese nun die Wirkung des Cortisols wieder herunterfahren. 

Durch die mütterliche Liebe, Pflege und Zuwendung wird die Methylisierung in der Promoterregion des Cytosins im Hippokampus abgebaut. Dadurch werden mehr Glukokortikoid-Rezeptoren gebildet welche ihrerseits besser das Cortisol regulieren können. . 

Epilog

Intuitiv machen Mütter dies richtig: Dem Neugeborenen die volle Aufmerksamkeit zuwenden und damit ihm die Sicherheit fürs Leben zu vermitteln. 

Wie in meinem Blog über die Entwicklungsstufen des Kindes bereits beschrieben (Hier geht es zu dem Blog „Entwicklungsstufen“) ist genau dies das Richtige, was Kinder bis zum 8. / 9. Lebensmonat benötigen. 

Dem Kind wird durch die intensive Zuwendung geholfen, sein Anti-Stress-Gen zu aktivieren. Studien haben deutlich gezeigt, dass solche Kinder über eine signifikant höhere Resilienz gegenüber Stress im Alltag verfügen. 

Mit diesem Blog möchte alle Eltern dazu ermuntern, Ihrem Kind diese Sicherheit zu vermitteln. 

Mein Fazit: Meines Wissens nach, wurde noch kein Kind zu Tode geliebt …

 

Zu meinem Video-Blog

werdewiederstark.de – Copyright © 2020 – Marcus Jähn – 46519 Alpen -+49 163 8141416