Über die Kunst des klugen Gebens – und die Grenze zwischen Großzügigkeit und Berechnung
Die 36 Strategeme im Spiegel von Stoizismus und Philosophie
Wir befinden uns in Gruppe III – den Strategemen des Angriffs – und erreichen mit Strategem Nr. 17 das vorletzte dieser Gruppe. Noch ein Vortrag, und wir wechseln in Gruppe IV: die Strategeme der Verwirrung.
Was haben wir in dieser Angriffsgruppe erlebt? Wir haben gelernt, verborgene Wahrheiten durch Provokation ans Licht zu bringen (Nr. 13). Wir haben verstanden, wie man die eigene Seele in eine neue Form verpflanzt (Nr. 14). Wir haben gesehen, dass der Kampfplatz wichtiger ist als die Kampfkraft (Nr. 15). Und im letzten Vortrag haben wir das Paradox entdeckt, dass Loslassen stärker sein kann als Festhalten (Nr. 16).
Heute geht es um etwas, das wir alle täglich tun – oft ohne es zu merken: Geben, um zu bekommen. Etwas Kleines hergeben, um etwas Großes zu erhalten. Und die entscheidende Frage: Wann ist das klug – und wann ist es manipulativ?
Ein junger Architekt – frisch selbstständig, keine Kontakte, kein Netzwerk – stand vor dem Problem, das jeder Gründer kennt: Niemand kannte ihn. Er hatte Talent, aber keinen Zugang. Er hatte Ideen, aber keine Bühne. Was tat er? Er bot einer gemeinnützigen Organisation an, ihren Gemeinschaftsraum kostenlos umzugestalten. Kein Honorar. Nur Material und seine Zeit. Die Organisation sagte begeistert zu. Die Umgestaltung wurde ein kleines lokales Ereignis. Die Presse berichtete. Besucher waren beeindruckt. Und drei Monate später hatte der Architekt seine ersten zahlenden Kunden – Menschen, die den Gemeinschaftsraum gesehen hatten und sagten: „So etwas will ich auch.”
Der Backstein: ein kostenloses Projekt, das ihn Zeit und Material kostete. Der Jadestein: ein Ruf, eine Referenz, ein Geschäft. Hatte er manipuliert? Nein. Er hatte gegeben – echt, professionell, mit voller Hingabe. Aber er hatte klug gegeben. Er hatte den Backstein nicht irgendwohin geworfen, sondern dorthin, wo er den größten Jadestein erwarten konnte.
Das ist die Essenz von Strategem Nr. 17. Und es wirft eine Frage auf, die so alt ist wie menschliche Beziehungen: Ist Großzügigkeit noch Großzügigkeit, wenn sie ein Kalkül hat?
Strategem Nr. 17: „Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen” (拋磚引玉 – pāo zhuān yǐn yù).
Der klassische strategische Sinn: Gib etwas Geringes – eine kleine Information, ein bescheidenes Geschenk, eine scheinbare Schwäche –, um etwas Wertvolles zurückzubekommen. Der Backstein ist der Köder. Der Jadestein ist das Ziel. Und die Kunst liegt darin, den Köder so zu wählen, dass er den Jadestein anzieht, ohne den Empfänger zu beleidigen oder den Tausch offensichtlich zu machen.
Die historische Anwendung: In der chinesischen Literatur- und Gelehrtentradition wurde dieses Strategem oft im Kontext intellektuellen Austauschs verwendet. Ein Dichter trug ein bescheidenes Gedicht vor – den Backstein –, um einen bewunderten Meister dazu zu bringen, seinerseits ein Gedicht beizutragen – den Jadestein. Die Bescheidenheit des Angebots war der Schlüssel: Wer etwas Perfektes zeigt, provoziert Konkurrenz. Wer etwas Unvollkommenes zeigt, provoziert Hilfsbereitschaft. Der Backstein funktioniert, weil er den anderen einlädt, ihn zu übertrumpfen – und sich dabei gut zu fühlen. Es ist die charmanteste Form der Manipulation – wenn es Manipulation ist.
Dieses Strategem nutzt eines der ältesten und stärksten sozialen Prinzipien: die Reziprozität. Der Sozialpsychologe Robert Cialdini hat gezeigt, dass das Prinzip der Gegenseitigkeit zu den mächtigsten Einflussmechanismen gehört. Wenn jemand dir etwas gibt – ein Geschenk, einen Gefallen, eine Information –, entsteht in dir ein fast körperliches Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Das ist kein bewusster Gedanke. Das ist eine tief verdrahtete soziale Norm, die in jeder Kultur der Welt existiert. Wir sind darauf programmiert, Schulden auszugleichen.
Das Strategem nutzt diesen Mechanismus gezielt: Gib etwas, und der andere fühlt sich verpflichtet, etwas zurückzugeben. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – der Backstein und der Jadestein müssen nicht gleichwertig sein. Die psychologische Forschung zeigt, dass die empfundene Verpflichtung oft größer ist als der objektive Wert des Geschenks. Ein kleines, unerwartetes Geschenk kann eine unverhältnismäßig große Gegenleistung auslösen. Ein aufmerksames Kompliment kann eine Tür öffnen, die tausend Euro nicht geöffnet hätten. Ein kostenloser Gefallen kann eine lebenslange Geschäftsbeziehung begründen.
Die Chance: Wer versteht, wie Reziprozität funktioniert, kann mit wenig viel erreichen – nicht durch Täuschung, sondern durch kluges Geben. Der Architekt aus der Einleitung hat niemanden getäuscht. Er hat eine echte Leistung erbracht. Aber er hat sie strategisch platziert. Das ist nicht unmoralisch – das ist intelligent.
Das Risiko: Wenn das Geben zur reinen Technik wird. Wenn jeder Handschlag, jede Einladung, jedes Geschenk nur noch ein Backstein ist, der einen Jadestein locken soll. Dann wird aus Großzügigkeit Berechnung. Und Menschen spüren den Unterschied – nicht sofort, aber über die Zeit. Derjenige, der immer gibt, aber immer etwas erwartet, verliert am Ende mehr als er gewinnt: Er verliert das Vertrauen. Denn echte Großzügigkeit hat kein Preisschild. Und wer immer ein Preisschild im Kopf hat, ist kein großzügiger Mensch – er ist ein Händler, der Freundlichkeit als Währung benutzt.
Die Stoiker hätten dieses Strategem an einer einzigen Frage gemessen: Was ist deine Absicht? Gibst du, weil Geben an sich wertvoll ist – oder gibst du, weil du etwas zurückerwartest? Die Antwort entscheidet darüber, ob du ein Weiser bist oder ein Händler.
Seneca schrieb ausführlich über die Kunst des Gebens – es war eines seiner zentralen Themen. In „Der tägliche Stoiker” wird seine Kernüberzeugung aufgegriffen: Das wahre Geschenk ist das, das ohne Erwartung gegeben wird. Seneca verglich das Geben mit dem Säen: Der Bauer sät nicht, weil er die Ernte kontrollieren kann – er sät, weil Säen das Richtige ist. Und manchmal geht die Saat auf, und manchmal nicht. Aber wer nur sät, wenn er die Ernte garantiert haben will, wird am Ende gar nicht mehr säen – und hat dann gar nichts. Das stoische Paradox des Gebens: Gib ohne Erwartung, und du wirst mehr empfangen, als du je erwartet hättest. Sinngemäß nach Seneca, vgl. Der tägliche Stoiker (Q1), Teil II: Disziplin des Handelns.
Mark Aurel, der als Kaiser ständig mit Menschen umgeben war, die ihm Backsteine zuwarfen – in der Hoffnung auf kaiserliche Jadesteine –, entwickelte einen feinen Sinn dafür, echte Großzügigkeit von kalkulierter zu unterscheiden. Ryan Holiday beschreibt in „Dein Ego ist dein Feind”, wie gefährlich es ist, Geben als Investition zu betrachten. Denn wer gibt, um zu bekommen, ist nicht großzügig – er ist ein Gläubiger, der seine Schulden einfordert. Und ein Gläubiger, der so tut, als wäre er ein Freund, ist gefährlicher als ein offener Feind. Sinngemäß vgl. Dein Ego ist dein Feind (Q2), Teil III: Scheitern – und die Gefahr des Ego beim Geben.
Die stoische Kernfrage: Würdest du den Backstein auch werfen, wenn du wüsstest, dass kein Jadestein zurückkommt? Wenn ja – dann ist dein Geben echt. Wenn nein – dann ist es ein Geschäft.
Aristoteles hätte dieses Strategem im Kontext seiner Tugend der Großzügigkeit – der Eleutheriotés – betrachtet. Für Aristoteles war der großzügige Mensch derjenige, der das Richtige gibt, zur richtigen Zeit, an die richtige Person, in der richtigen Menge – und dabei Freude am Geben selbst empfindet, nicht an der erwarteten Gegenleistung. Der Backstein-Werfer, der nur auf den Jadestein schaut, verfehlt die Tugend – denn seine Großzügigkeit ist instrumentell, nicht intrinsisch. Aber der Backstein-Werfer, der mit Freude gibt und den Jadestein als willkommene, aber nicht erwartete Folge betrachtet, handelt im Sinne aristotelischer Tugend. Es ist der feine Unterschied zwischen „Ich gebe, damit ich bekomme” und „Ich gebe, und wenn ich bekomme, ist es schön.”
Kant hätte die Universalisierbarkeit geprüft. Wenn jeder nur gäbe, um zu bekommen – wenn jede Geste der Freundlichkeit ein kalkulierter Tausch wäre –, dann gäbe es bald keine echte Freundlichkeit mehr. Die Währung wäre entwertet. Kants Test: Stell dir eine Welt vor, in der jeder Backstein ein Köder ist. In dieser Welt würde niemand mehr einem Geschenk vertrauen, niemand mehr einem Gefallen glauben, niemand mehr einer freundlichen Geste trauen. Für Kant ist das der moralische Kern des Problems: Das Strategem funktioniert nur, solange die meisten Menschen aufrichtig geben. Es lebt parasitär von der Ehrlichkeit der anderen.
Nietzsche hätte zwei Typen von Gebern unterschieden. Den schenkenden Typ, der aus Überfluss gibt – weil er so viel hat, dass er teilen muss, weil Geben für ihn eine Form der Kraft ist. Und den berechnenden Typ, der aus Mangel gibt – weil er etwas braucht und das Geben als Werkzeug benutzt, um es zu bekommen. Für Nietzsche war der schenkende Typ der Starke: Zarathustra, der vom Berg herabsteigt, um seine Weisheit zu verschenken – nicht weil er etwas dafür erwartet, sondern weil er vor Fülle überläuft. Der berechnende Typ hingegen ist für Nietzsche der Schwache – der Händler, der seine Seele in Portionen verkauft.
Dieses Strategem durchzieht das gesamte soziale und berufliche Leben – oft so selbstverständlich, dass wir es nicht als Strategem erkennen.
Im Beruf und Netzwerken: Der Architekt aus der Einleitung steht für ein Prinzip, das in der Geschäftswelt unter dem Begriff „Value First” bekannt ist – zuerst Wert liefern, dann profitieren. Der Berater, der einen kostenlosen Vortrag hält und dadurch Kunden gewinnt. Der Softwareentwickler, der ein Open-Source-Tool veröffentlicht und dadurch als Experte sichtbar wird. Der Coach, der einen kostenlosen Workshop anbietet und danach sein Coaching-Programm füllt. In all diesen Fällen ist der Backstein real – es wird echte Arbeit geleistet, echter Wert geschaffen. Und der Jadestein kommt nicht, weil jemand getäuscht wurde, sondern weil jemand überzeugt wurde. Das ist die saubere Version dieses Strategems.
In Beziehungen: Hier wird es heikler. Der Partner, der ein romantisches Abendessen organisiert, weil er etwas Schwieriges besprechen will. Die Freundin, die immer dann anruft, wenn sie etwas braucht – aber nie, wenn es dir schlecht geht. Der Kollege, der dir beim Umzug hilft und drei Wochen später „einen kleinen Gefallen” braucht. In Beziehungen verwischt die Grenze zwischen Großzügigkeit und Reziprozitätsfalle besonders leicht. Und die ehrliche Frage, die sich jeder stellen sollte: Gebe ich, weil ich dem anderen etwas Gutes tun will – oder gebe ich, weil ich eine Schuld aufbauen will, die ich später einfordern kann?
In der Selbstführung: Und die unbequemste Version: die Backsteine, die du dir selbst zuwirfst. „Ich mache heute Sport, dann darf ich morgen Pizza essen.” „Ich arbeite diese Woche durch, dafür gönne ich mir am Wochenende eine Belohnung.” Diese inneren Geschäfte sind nicht per se schlecht – aber sie können dich in eine Spirale führen, in der du nichts mehr tust, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Auch von dir selbst. Die stoische Alternative: Tu das Richtige, weil es richtig ist. Nicht weil du dafür belohnt wirst.
Wann wird dieses Strategem zerstörerisch? Wenn der Backstein eine Falle ist. Wenn das Geschenk kein Geschenk ist, sondern ein Vertrag, den der andere nicht unterschrieben hat. In der Psychologie nennen wir das die verdeckte Reziprozitätserwartung – das unausgesprochene „Du schuldest mir etwas”, das hinter einer freundlichen Geste lauert. Besonders destruktiv wird es in Beziehungen, in denen ein Partner permanent gibt – und dann, wenn der andere nicht „zurückgibt”, vorwirft: „Nach allem, was ich für dich getan habe!” In diesem Moment wird das Geben entlarvt: Es war nie ein Geschenk. Es war eine Investition, für die Rendite erwartet wurde.
Und wann ist es kluge Lebensstrategie? Wenn du gibst, weil du an den Wert des Gebens glaubst – und den Jadestein als mögliche, aber nicht notwendige Folge betrachtest. Wenn du den Backstein mit derselben Sorgfalt wirfst, mit der du einen Jadestein behandeln würdest – weil dir die Qualität deines Gebens wichtiger ist als die Reaktion darauf. Wenn du den Unterschied verstehst zwischen klugem Geben und kalkuliertem Tauschen.
Die Grenzfrage: Würde ich das Gleiche tun, wenn ich wüsste, dass nichts zurückkommt? Und fühlt sich mein Geben nach Freude an – oder nach Investition?
Strategem Nr. 17 stellt eine der ältesten Fragen menschlichen Zusammenlebens: Ist Großzügigkeit noch echt, wenn sie ein Kalkül hat? Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an. Es kommt darauf an, ob der Backstein mit Liebe geworfen wird oder mit Berechnung. Ob du gibst, weil du geben willst – oder weil du haben willst. Der Unterschied ist unsichtbar, aber er verändert alles.
Die stoische Kernbotschaft: „Gib, wie die Sonne scheint – ohne zu fragen, wer im Licht steht. Wer gibt, weil Geben richtig ist, verliert nie. Wer gibt, weil er Gegengaben erwartet, hat schon verloren, bevor er anfängt.” – Sinngemäß nach Seneca und Mark Aurel, vgl. Der tägliche Stoiker (Q1) und Dein Ego ist dein Feind (Q2).
Meine Frage an dich für heute Abend: Welchen Backstein hast du zuletzt geworfen – und war es ein Geschenk oder ein Geschäft?
In der nächsten Folge schließen wir Gruppe III ab – mit Strategem Nr. 18: „Will man eine Räuberbande fangen, muss man zuerst den Anführer fangen.” Es geht um die Frage: Wo sitzt das Zentrum der Macht? Wer ist der Kopf, ohne den der Körper zerfällt? Im Unternehmen, in der Familie, in deinem eigenen Inneren – dieses Strategem zwingt dich, den Kern zu finden und zu entscheiden: Greife ich ihn an – oder schütze ich ihn?
Bleib dran – denn mit dem Abschluss der Angriffsgruppe spannen wir den Bogen über alle bisherigen Erkenntnisse. Werde wieder stark!
Neugierig, welcher Achtsamkeitstyp du bist? Bist du der annähernde, der vermeidende oder eher der mitmachende Typ?
Massimo Pigliucci ist Professor für Philosophie am City College of New York.
Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berührt.
Weitere hilfreiche Gedankenansätze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und Präsenz.
Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut üben und Reden ohne zu urteilen.
Es sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz.
Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus