Über die Macht der Erfindung – und warum eine Lüge, die oft genug wiederholt wird, zur Wahrheit werden kann
Heute betreten wir neues Terrain. Mit diesem Vortrag beginnt Gruppe II – die Strategeme der Konfrontation. Während die ersten sechs Strategeme beschrieben, wie jemand aus einer Position der Stärke heraus agiert, geht es in dieser zweiten Gruppe um die direkte Auseinandersetzung mit dem Gegner. Die Spielregeln ändern sich: Hier steht man sich gegenüber. Auge in Auge. Und genau in dieser Konfrontation zeigt sich, wer wirklich stark ist – und wer nur so tut.
Strategem Nr. 7 ist das erste von sechs in dieser neuen Gruppe.
Was haben wir aus Gruppe I mitgenommen? Sechs Facetten der Überlegenheit: Die Blindheit der Routine, den indirekten Weg, das Benutzen anderer, die Macht der Geduld, die Versuchung der Krise und die Kunst der Ablenkung. Der rote Faden war: Alle diese Strategeme funktionieren nur, wenn das Gegenüber nicht genau hinschaut. Das stoische Gegengift: Schärfe deine Wahrnehmung.
Heute geht es um etwas anderes. Heute geht es nicht darum, die Wahrnehmung des anderen abzulenken – sondern darum, ihm eine komplett neue Realität zu präsentieren. Eine, die es nie gab.
Hast du dich jemals gefragt, wie ein Gerücht entsteht? Es beginnt mit einem Satz. Beiläufig, fast unbemerkt. „Ich will ja nichts sagen, aber …” Oder: „Hast du gehört, dass …?” – und dann wird eine Vermutung in die Welt gesetzt, die noch vor einer Stunde nicht existierte. Niemand hat sie geprüft. Niemand hat sie bestätigt. Aber sie ist jetzt da. Und von diesem Moment an verändert sie alles.
Ich hatte einmal ein Paar in der Praxis. Der Mann war überzeugt, seine Frau habe eine Affäre. Woher die Überzeugung kam? Ein Kollege hatte „beiläufig” erwähnt, er habe die Frau mit einem anderen Mann im Café gesehen. Ein Satz. Es war ihr Bruder. Aber bis das geklärt war, hatte der Ehemann bereits das gemeinsame Konto gesperrt, einen Anwalt konsultiert und drei Nächte nicht geschlafen. Aus einem einzigen Satz – aus dem Nichts – war etwas entstanden, das beinahe eine Ehe zerstört hätte.
Das ist Strategem Nr. 7. Und es ist in Zeiten von Social Media, Fake News und permanenter Informationsüberflutung aktueller denn je. Denn noch nie war es so leicht, aus dem Nichts etwas zu erschaffen – und noch nie war es so schwer, die Wahrheit davon zu unterscheiden.
Strategem Nr. 7: „Aus dem Nichts etwas erzeugen” (无中生有 – wú zhōng shēng yǒu).
Der klassische strategische Sinn: Erschaffe eine Bedrohung, eine Gelegenheit oder eine Information, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Setze Gerüchte in die Welt, inszeniere Scheinmanöver, erzeuge den Eindruck einer Realität, die nur in der Vorstellung des Gegners existiert. Wenn er auf diese Illusion reagiert, hat er sich selbst besiegt – ohne dass du einen einzigen echten Zug gemacht hast.
Die militärische Geschichte: In den Kriegen der Streitenden Reiche war die gezielte Verbreitung falscher Informationen eine hohe Kunst. Ein berühmtes Beispiel: Ein General verbreitete das Gerücht, seine Truppen seien zahlenmäßig weit überlegen, indem er nachts zehntausende Fackeln entzünden ließ – jede an einem Stock gebunden, über weite Flächen verteilt. Aus der Ferne sah es aus, als würde ein riesiges Heer lagern. Der Feind, der die Fackeln zählte und auf die Größe der Armee schloss, zog sich zurück – besiegt von einer Armee, die es nie gegeben hatte. Der Sieg gehörte nicht der Stärke, sondern der Inszenierung.
Warum funktioniert dieses Strategem so erschreckend gut? Weil unser Gehirn nicht darauf ausgelegt ist, zwischen Realität und überzeugender Fiktion zu unterscheiden – zumindest nicht unter Druck, nicht unter Stress und nicht, wenn Emotionen im Spiel sind.
Der psychologische Fachbegriff dafür ist der Illusory-Truth-Effekt: Eine Behauptung, die du oft genug hörst, fühlt sich irgendwann wahr an – unabhängig davon, ob sie es ist. Dein Gehirn verwechselt Vertrautheit mit Wahrheit. Was bekannt klingt, muss stimmen. Das erklärt, warum Propaganda funktioniert, warum Werbung wirkt und warum ein Gerücht, das drei Mal weitererzählt wird, plötzlich zur „allgemein bekannten Tatsache” wird.
Ein zweiter Mechanismus: die Projektionsbereitschaft. Wenn jemand in uns eine Vermutung sät – „Dein Partner verhält sich in letzter Zeit seltsam, findest du nicht?” –, dann durchsuchen wir sofort unsere Erinnerungen nach Bestätigung. Und wir finden sie. Immer. Denn unser Gehirn ist ein Meister im Bestätigen dessen, was wir bereits vermuten. Der Confirmation Bias – der Bestätigungsfehler – sorgt dafür, dass wir Beweise für eine These finden, die wir gar nicht selbst aufgestellt haben. Jemand anderes hat sie in die Welt gesetzt. Und unser Gehirn baut die Beweislage gleich mit.
In Beziehungen ist das verheerend. Ich habe in meiner Praxis Dutzende von Fällen erlebt, in denen ein einziger unbegründeter Verdacht – von einer Schwiegermutter gestreut, von einer Freundin beiläufig angedeutet, von einem Ex-Partner absichtlich platziert – monatelange Vertrauenskrisen ausgelöst hat. Das Perfide: Der Verdacht lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen. Genau das ist seine Stärke. Er hängt in der Luft wie Rauch. Du kannst ihn nicht greifen – aber du kannst ihn auch nicht ignorieren.
Die Chance: Kreatives Denken, Visionen, Innovation – all das ist im Grunde „Aus dem Nichts etwas erzeugen” in seiner positiven Form. Jede große Idee war einmal nichts anderes als eine Behauptung, für die es noch keinen Beweis gab. Die Fähigkeit, etwas zu sehen, was noch nicht existiert, ist die Grundlage jedes Fortschritts. Das Risiko liegt nicht in der Fähigkeit selbst – sondern in der Absicht.
Die Stoiker hatten für dieses Strategem ein Wort, das wie ein Schutzschild wirkt: Prosoche – die Achtsamkeit auf die eigenen Urteile. Die Idee ist einfach, die Umsetzung revolutionär: Bevor du auf eine Information reagierst, prüfe sie. Nicht die Information selbst – sondern dein Urteil darüber.
Epiktet formulierte dieses Prinzip mit einer Klarheit, die über Jahrhunderte nichts von ihrer Schärfe verloren hat. Ryan Holiday bringt es in „Der tägliche Stoiker” auf den Punkt: Die erste Pflicht des Denkenden ist es, seine Eindrücke zu prüfen. Nicht alles, was dir als Wahrheit präsentiert wird, ist wahr. Und nicht alles, was sich wahr anfühlt, ist es. Zwischen dem Eindruck und deinem Urteil liegt ein Raum – und in diesem Raum entscheidet sich, ob du frei bist oder manipulierbar. Sinngemäß nach Epiktet, vgl. Der tägliche Stoiker (Q1), Januar: Klarheit und Erkenntnis.
Mark Aurel ging noch einen Schritt weiter. Er erinnerte sich in seinen Selbstbetrachtungen daran, die Dinge auf ihren nackten Kern zu reduzieren. Was ist tatsächlich passiert? Was sind die Fakten – ohne Interpretation, ohne Emotion, ohne die Geschichte, die andere mir darüber erzählen? Holiday beschreibt diese Technik in „Dein Ego ist dein Feind” als die Fähigkeit, das Ego zum Schweigen zu bringen: Dein Ego will glauben. Es will bestätigt werden. Es greift nach jeder Information, die seine Weltsicht stützt. Der Stoiker hingegen fragt: Ist das wirklich so – oder will ich nur, dass es so ist? Sinngemäß vgl. Dein Ego ist dein Feind (Q2), Kapitel über Selbsttäuschung und die Versuchung des Glaubens.
Seneca warnte davor, den Gerüchten anderer Glauben zu schenken – besonders wenn sie bequem klingen oder wenn sie Emotionen wecken, die bereits in dir schlummern. Die Stoiker verstanden: Die gefährlichste Lüge ist nicht die, die völlig absurd klingt – die erkennen wir. Die gefährlichste Lüge ist die, die fast wahr klingt. Die, die an etwas anknüpft, das wir bereits fürchten oder hoffen. Und genau dort setzt Strategem Nr. 7 an.
Immanuel Kant hätte dieses Strategem als einen der schwersten Verstöße gegen die moralische Ordnung betrachtet. Für Kant war die Lüge nicht einfach unklug oder unhöflich – sie war ein Verbrechen gegen die Vernunft selbst. Kants berühmte Position: Es gibt kein Recht auf Lüge, unter keinen Umständen. Wenn du eine falsche Realität erschaffst – ein Gerücht, eine Inszenierung, eine erfundene Bedrohung –, dann zerstörst du die Grundlage, auf der vernünftige Menschen gemeinsam leben und entscheiden können. Du nimmst dem anderen nicht nur eine Wahrheit – du nimmst ihm die Fähigkeit, überhaupt vernünftig zu urteilen. Für Kant ist das kein taktisches Spiel – es ist die Zerstörung des moralischen Fundaments.
Aristoteles hätte den Fokus auf den Charakter des Lügners gelegt. In seiner Tugendethik gibt es den Wahrhaftigen – den Menschen, der die Wahrheit spricht, weil es seinem Charakter entspricht, nicht weil es gerade nützlich ist. Das Gegenstück: der Angeber und der Untertreiber – Menschen, die die Realität verzerren, entweder nach oben oder nach unten. Wer „aus dem Nichts etwas erzeugt”, wäre für Aristoteles ein Alazon – ein Blender, der mehr vorgibt, als da ist. Und der Blender schadet nicht nur anderen. Er verliert sich selbst, weil er irgendwann den Unterschied zwischen seiner Inszenierung und der Realität nicht mehr erkennt.
Nietzsche hätte hier seine These von der „Wahrheit als Illusion” ins Spiel gebracht. Für Nietzsche war die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge ohnehin weniger klar, als Kant es sich wünschte. Menschen leben, so Nietzsche, immer in Narrativen – in Geschichten, die sie sich und anderen erzählen. Die Frage ist nicht, ob diese Geschichten wahr sind, sondern ob sie das Leben befördern oder hemmen. Aber selbst Nietzsche hätte die bewusste Manipulation anderer durch erfundene Realitäten nicht als Stärke anerkannt. Es ist das Werkzeug dessen, der keine eigene Substanz hat – und deshalb die Substanz anderer untergraben muss.
Dieses Strategem ist in der modernen Welt so allgegenwärtig, dass wir es oft nicht mehr als solches erkennen.
In der Partnerschaft und Familie: Es muss kein großes Gerücht sein. Manchmal reicht ein Satz, eine Andeutung, eine kleine Verdrehung. Die Schwiegermutter, die „beiläufig” erwähnt: „Dein Mann hatte früher übrigens eine sehr enge Freundin im Büro. Hat er dir davon erzählt?” Nichts ist passiert. Aber jetzt arbeitet es in dir. Du fängst an zu grübeln, zu hinterfragen, zu kontrollieren. Aus dem Nichts ist etwas entstanden – ein Misstrauen, das vorher nicht da war. In der Familientherapie nennen wir das „Gift einträufeln” – und es ist einer der zerstörerischsten Mechanismen in komplexen Familiensystemen, besonders bei Trennungen und Umgangsstreitigkeiten.
Im Beruf und in der digitalen Welt: Fake News sind Strategem Nr. 7 im industriellen Maßstab. Eine erfundene Schlagzeile, eine manipulierte Statistik, ein aus dem Kontext gerissenes Zitat – und Millionen von Menschen reagieren auf eine Realität, die es nie gab. Aber es passiert auch im Kleinen: Der Kollege, der in der Kaffeeküche „gehört” hat, dass Umstrukturierungen geplant sind. Die Führungskraft, die Dringlichkeit erzeugt, indem sie eine Krise beschreibt, die nur in ihrer Präsentation existiert. Der Berater, der ein Problem erfindet, um die Lösung verkaufen zu können.
In der Selbstführung: Und die ehrlichste Form dieses Strategems ist die, die du gegen dich selbst richtest. Wie viele Katastrophen hast du in deinem Kopf schon durchgespielt, die nie eingetreten sind? Wie oft hast du dir eine Geschichte über die Absichten anderer erzählt, die komplett erfunden war? „Er hat nicht geantwortet – er hat bestimmt kein Interesse mehr.” „Sie hat mich nicht eingeladen – sie mag mich nicht.” Aus dem Nichts entsteht eine ganze Erzählung – vollständig mit Beweisen, die dein Gehirn bereitwillig liefert. Die Stoiker nannten das Phantasiai – unkontrollierte Eindrücke, die wir für Realität halten. Und ihr Rat war einfach: Prüfe. Bevor du reagierst – prüfe.
Wann wird dieses Strategem zerstörerisch? Immer dann, wenn erfundene Realitäten gezielt eingesetzt werden, um andere zu kontrollieren, zu isolieren oder zu destabilisieren. In der Psychologie kennen wir dafür einen Begriff, der in den letzten Jahren traurige Berühmtheit erlangt hat: Gaslighting. Der systematische Versuch, einem Menschen seine eigene Wahrnehmung abzusprechen – durch Leugnen, Erfinden und Verdrehen von Tatsachen. Das ist Strategem Nr. 7 in seiner bösartigsten Form. Und es ist eine der häufigsten Formen emotionalen Missbrauchs in Beziehungen.
Wann wird es zur klugen Lebensstrategie? Wenn „aus dem Nichts etwas erzeugen” bedeutet: eine Vision zu formulieren, die noch nicht Realität ist. Einen Traum zu artikulieren, der andere inspiriert. Eine Idee in die Welt zu setzen, die vorher nicht existierte – nicht um zu täuschen, sondern um zu erschaffen. Jedes Unternehmen, jedes Kunstwerk, jede Veränderung begann als etwas, das „aus dem Nichts” kam.
Die Grenzfrage: Erschaffe ich etwas, um die Welt reicher zu machen – oder um sie zu verzerren? Inspiriere ich – oder manipuliere ich? Die Antwort auf diese Frage trennt den Visionär vom Lügner.
Strategem Nr. 7 ist vielleicht das zeitgemäßeste aller 36 Strategeme. In einer Welt, in der Informationen schneller reisen als Wahrheiten, in der jeder zum Sender werden kann und Gerüchte sich in Sekunden verbreiten, ist die Fähigkeit, zwischen Realität und Inszenierung zu unterscheiden, keine Luxuskompetenz. Sie ist Überlebensfähigkeit.
Die stoische Kernbotschaft: „Prüfe jeden Eindruck, bevor du ihm Macht über dich gibst. Was dir als Wahrheit präsentiert wird, muss nicht wahr sein – und was sich wahr anfühlt, ist es oft nicht. Deine erste Pflicht ist die Prüfung, nicht die Reaktion.” – Sinngemäß nach Epiktet, vgl. Der tägliche Stoiker (Q1) und Dein Ego ist dein Feind (Q2).
Meine Frage an dich für heute Abend: Welche Geschichte erzählst du dir gerade über jemanden oder über dich selbst – ohne sie jemals wirklich geprüft zu haben? Und was wäre, wenn sie nicht stimmt?
In der nächsten Folge geht es um Strategem Nr. 8 – „Sichtbar die Holzstege instand setzen, insgeheim nach Chencang marschieren.” Es geht um die vielleicht raffinierteste aller Täuschungen: eine offensichtliche Handlung als Fassade nutzen, während die eigentliche Aktion verborgen bleibt. Der Unterschied zu Strategem Nr. 6 – der Ablenkung – ist subtil, aber entscheidend: Hier wird nicht nur abgelenkt. Hier wird eine komplette Doppelstrategie inszeniert.
Und die Frage, die dahintersteckt: Wie oft zeigst du der Welt etwas anderes als das, was du wirklich planst? Bleib dran. Werde wieder stark!
Neugierig, welcher Achtsamkeitstyp du bist? Bist du der annähernde, der vermeidende oder eher der mitmachende Typ?
Massimo Pigliucci ist Professor für Philosophie am City College of New York.
Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berührt.
Weitere hilfreiche Gedankenansätze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und Präsenz.
Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut üben und Reden ohne zu urteilen.
Es sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz.
Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus