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Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen (3) Narzissmus und Antisozialität

 

Eröffnung — Der Mann, den alle bewunderten

Ich möchte heute nicht mit einer Theorie beginnen. Ich möchte mit einem Menschen beginnen.

Stellt euch einen Mann Mitte fünfzig vor. Erfolgreich. Charismatisch. Ein Mensch, in dessen Nähe man sich gerne aufhält, weil er Räume füllt. Er ist witzig, schlagfertig, gut gekleidet. Wenn er einen Raum betritt, dreht sich etwas in der Luft. Frauen bemerken ihn. Männer respektieren ihn. Sein Lebenslauf liest sich wie ein Beweis dafür, dass das Leben für ihn gemacht wurde.

Und jetzt stellt euch vor: Dieser Mann ist euer Vater. Oder euer Chef. Oder der Mann, in den ihr euch vor zwanzig Jahren verliebt habt.

Ihr kennt ihn. Ihr habt mit ihm gelacht. Ihr habt ihm geglaubt.

Und irgendwann — meistens nach Jahren — bemerkt ihr etwas Seltsames. Wenn ihr von einem schlimmen Tag erzählt, hört er kurz zu. Und dann erzählt er von seinem schlimmeren Tag. Wenn ihr krank seid, fragt er, wann ihr wieder funktioniert. Wenn ihr weint, wirkt er nicht mitfühlend, sondern leicht genervt — als hättet ihr ein Problem mit ihm.

Und dann fällt euch zum ersten Mal ein Gedanke ein, den ihr sofort wieder verdrängt:

Vielleicht hat dieser Mensch mich nie wirklich gesehen. Vielleicht war ich für ihn nie eine eigene Person — sondern ein Spiegel.

Wenn das Wort alles erklärt — und nichts mehr

Heute wird dieser Gedanke schnell ein Etikett bekommen: Narzisst. Das Wort liegt überall herum. In TikTok-Videos. In Beziehungs-Podcasts. In Büchern mit roten Covern. Jeder schwierige Ex ist heute ein Narzisst. Jeder unangenehme Chef. Jede dominante Mutter.

Und genau hier fängt das Problem an. Denn wenn alle Narzissten sind, ist es niemand. Wenn das Wort jeden meint, trifft es keinen mehr. Und die Menschen, bei denen es wirklich zutrifft — und das sind nicht die Lauten und Sichtbaren — die rutschen unter dem Radar durch.

Pathologischer Narzissmus ist keine Charakterschwäche. Er ist eine Struktur. Und es gibt eine Stelle in diesem Spektrum, an der die Therapie aufhört zu wirken — und an der ein Therapeut, der das nicht erkennt, in echte Gefahr geraten kann.

Die Frage des heutigen Abends

Otto Kernberg hat sein halbes Berufsleben damit verbracht, diese Strukturen zu zerlegen. Nicht moralisch. Klinisch. Und er beschreibt etwas, das wir heute gemeinsam anschauen werden:

Es gibt Narzissten, die in Therapie kommen und sich verändern. Es gibt Narzissten, die in Therapie kommen und den Therapeuten erschöpfen. Es gibt Narzissten, bei denen die Therapie zur Bühne wird. Und es gibt eine Stufe — Kernberg nennt sie

den malignen Narzissmus —

bei der Empathie nicht nur fehlt. Bei der Grausamkeit sich richtig anfühlt.

Heute geht es um die Frage, wo diese Grenze verläuft. Wie man sie erkennt. Und warum diese diagnostische Entscheidung die wichtigste ist, die ein Therapeut bei einem narzisstischen Patienten je trifft.

Nicht weil sie über Krankenkassencodes entscheidet. Sondern weil sie über das Leben des Patienten entscheidet. Und manchmal über das Leben anderer Menschen. Fangen wir an.


EINLEITUNG

Narzissmus ist das meistbenutzte Wort in der Psychologie — und gleichzeitig das am meisten missverstandene.

In den sozialen Medien ist jeder, der ein Selfie macht, auf einmal ein Narzisst. Jeder, der seine Meinung sagt, ist auch ein Narzisst. Jeder unangenehme Chef, jeder schwierige Ex-Partner, jede Mutter, die zu viel redet — ist erst recht ein Narzisst. Narzissten, überall.

Das ist aber nicht nur falsch, sondern so eine Meinung ist auch sehr gefährlich. Warum? Weil es nämlich dazu führt, dass wir das, was pathologischer Narzissmus wirklich ist, nicht mehr erkennen.

Und weil es dazu führt, dass Menschen, die wirklich unter narzisstischer Pathologie leiden — und das schließt die Patienten selbst ein — dass diejenigen die wirkliche Hilfe brauchen, nicht das bekommen, was sie brauchen.

Otto Kernberg (geb. 1928, US-amerikanischer Psychoanalytiker) arbeitet seit Jahrzehnten mit schwer narzisstischen Patienten. Seine Studien über narzisstische Pathologie sind mit die präzisesten und klinisch ehrlichsten Arbeiten, die ich kenne.

Heute schauen wir uns gemeinsam folgende Themen an:

  • Was ist pathologischer Narzissmus wirklich?
  • Wie erkenne ich ihn in der Therapie?
  • Wann wird er zur Antisozialität?
  • Und warum ist diese Grenze die wichtigste diagnostische Entscheidung, die wir treffen können?

BLOCK 1 Was pathologischer Narzissmus wirklich ist

Fangen wir mit einem Bild an, das ich aus der persönlichen Arbeit kenne — natürlich anonymisiert.

Ein Mann, Mitte fünfzig. Erfolgreicher Unternehmer. Kommt in die Therapie, weil seine dritte Ehe gerade scheitert. Er ist charmant, redegewandt, hochintelligent. Er schildert seine Frau mit einer Präzision, die einen beeindruckt — bis man merkt, dass er über sie spricht wie über ein Projekt, das die Erwartungen nicht erfüllt hat.

In den ersten Sitzungen hat man das Gefühl: Hier ist jemand, der wirklich versucht, sich zu verstehen. Er stellt Fragen. Er nickt. Er wirkt nachdenklich.

Und dann merkt man: Er stellt Fragen, die er selbst beantwortet. Er nickt, wenn der Therapeut etwas sagt, das er bereits wusste. Er ist nachdenklich — über sich. Nicht über seine Frau. Nicht über den Schmerz, den er verursacht hat.

Das ist kein schlechter Mensch. Das ist ein Mensch mit einem pathologischen Größenselbst.

Das pathologische Größenselbst ist keine Selbstliebe. Es ist eine Abwehrkonstruktion. Es schützt vor tiefer Scham, innerer Leere und unerträglicher Abhängigkeit.

Otto Kernberg beschreibt vier Übertragungsmerkmale, die alle das Größenselbst widerspiegeln — unabhängig vom Schweregrad der narzisstischen Pathologie.

Erstens: Entwertung

Der Therapeut wird systematisch entwertet. Nicht immer aggressiv — manchmal subtil. Seine Interventionen werden ignoriert, umformuliert, „schon gewusst“.

Ein narzisstischer Patient, so beschreibt Kernberg, wiederholt die Deutungen des Therapeuten bedachtsam, um zu überprüfen, ob sie „gut“ oder „nutzlos“ sind. Das ist kein Nachdenken. Das ist Qualitätskontrolle.

Zweitens: Anspruchsdenken ohne Gegenleistung

Der Therapeut soll geben — Zeit, Aufmerksamkeit, Verstehen. Dass der Therapeut selbst ein Mensch mit eigenen Grenzen ist, wird nicht wirklich registriert.

Einer von Kernbergs Patienten teilte ihm ohne jede emotionale Reaktion mit, er hätte keinerlei besondere Gefühle, sollte er — der Therapeut — plötzlich sterben.

Drittens: Keine echte Dankbarkeit, keine echte Trauer

Das ist wohl das klinisch bedeutsamste Merkmal. Dankbarkeit setzt voraus, dass ich erkenne: Dieser Mensch hat mir etwas gegeben, das er mir vorher gar nicht schuldete. Das erfordert die Wahrnehmung des anderen als eigenständige Person mit eigenem Innenleben.

Narzisstische Patienten auf schwerem Niveau können das nicht — nicht, weil sie bösartig sind, sondern weil die psychische Struktur dafür nicht vorhanden ist.

Viertens: Das Gefühl des Therapeuten, allein im Zimmer zu sein

Das ist Kernbergs präziseste klinische Beobachtung. Der narzisstische Patient spricht zu sich selbst — oder versucht den Therapeuten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Er teilt sich nicht wirklich mit. Er führt eine Inszenierung auf — für ein Publikum, das er gleichzeitig nicht wirklich sieht.

BLOCK 2 Das Spektrum: Von hochfunktional bis maligne

Narzissmus ist keine binäre Kategorie — also kein Entweder-Oder. Kernberg beschreibt vielmehr ein Spektrum, eine Bandbreite. Und das ist klinisch sehr entscheidend, weil dieses Spektrum über die Prognose und Behandelbarkeit entscheidet.

Lass uns drei Stufen von Narzissten miteinander besprechen — und ein viertes, besonderes Syndrom dazu.

Stufe 1: Narzisstische Persönlichkeit auf hohem Funktionsniveau

Diese Patienten funktionieren beruflich und sozial oft beeindruckend gut. Sie kommen in die Therapie, weil etwas in ihrem Leben irgendwie nicht stimmt — Beziehungen scheitern, innere Leere, das Gefühl, nie wirklich anzukommen.

In der Therapie: Der Therapeut hat anfänglich das Gefühl, es gäbe gar keine Übertragung. Aber das ist eine Illusion. Die Übertragung ist da — sie spielt sich zwischen dem Größenselbst des Patienten und einem austauschbaren Außenstehenden ab, der kontrolliert werden muss.

Mit sorgfältiger, konsequenter Deutungsarbeit über lange Zeiträume lässt sich diese Struktur aufbrechen. Die Prognose ist gut — wenn der Therapeut Geduld hat und sich nicht in die Spiegelrolle drängen lässt.

Stufe 2: Dünnhäutige Narzissten

Diese Patienten sind empfindlich, leicht gekränkt, chronisch beleidigt. Sie wirken verletzlich — was sie in gewisser Weise auch sind. Ihre Grandiosität ist weniger sichtbar, aber genauso wirksam. Sie erwarten, bemerkt zu werden. Sie leiden, wenn das nicht passiert.

In der Therapie: Die Gegenübertragung ist oft eine Mischung aus Mitgefühl und wachsender Erschöpfung. Man möchte helfen — aber man kommt nicht wirklich ran. Die Interventionen gleiten ab.

Stufe 3: Das Syndrom des malignen Narzissmus

Hier wird es nun wirklich bitterernst.

Kernberg beschreibt das Syndrom des malignen Narzissmus als eine Kombination aus vier Elementen: pathologisches Größenselbst, antisoziale Züge, Ich-syntone Aggression und paranoide Merkmale.

Ich-syntone Aggression bedeutet: Der Patient erlebt seine Grausamkeit nicht als fremd oder problematisch. Sie gehört zu ihm. Sie fühlt sich richtig an.

Ein konkretes Beispiel aus Kernbergs Buch: Ein junger Mann, Mitglied einer Neonazi-Gruppierung, der mehrere türkische Gastarbeiterunterkünfte anzündete. In der psychiatrischen Untersuchung ergab sich folgendes Bild: narzisstische Züge, Grandiosität, Paranoia. Klingt nach antisozialer Persönlichkeit.

Aber dann: Der Mann hatte seit Jahren eine feste Liebesbeziehung. Als seine Freundin drohte, ihn zu verlassen, wenn er die Überfälle nicht beendete — stellte er sich der Polizei. Er liebte sie. Er konnte binden.

Genau das ist maligner Narzissmus — keine echte antisoziale Persönlichkeitsstörung. Ein entscheidender Unterschied für die Prognose.

Stufe 4: Das Syndrom der toten Mutter

Das beschreibt André Green (1927–2012), einer der bedeutendsten französischen Psychoanalytiker der Moderne, zentraler Theoretiker der „dritten Generation“ der Psychoanalyse — viele Arbeiten über Grenzfälle (Borderline-Störungen) und die Bedeutung des „Negativen“. Kernberg übernimmt das Konzept.

Diese Patienten haben innerlich alle Beziehungen abgetötet. Sie sind beruflich funktional, sozial oberflächlich kompetent — aber innen vollständige Leere.

Sie hören Deutungen aufmerksam zu und sagen dann: „Das ist alles sehr interessant. Es berührt mich aber nicht im Geringsten.“

Keine Aggression. Keine Feindseligkeit. Nur Leere. Und im Therapeuten — nach Monaten intensiver Therapiearbeit — das Gefühl völliger Erschöpfung und Sinnlosigkeit. Das ist die Gegenübertragung auf dieses Syndrom.

BLOCK 3 Im Spiegel der Therapie: Wie der Narzisst kommuniziert

Kernbergs Kapitel über die Verzerrungen des freien Assoziierens als narzisstische Abwehr ist eines der klinisch nützlichsten Kapitel des ganzen Buches.

Was passiert, wenn ein narzisstischer Patient freie Assoziationen bringt?

In der Regel: Er bringt keine. Er bringt strukturierte Berichte. Geordnete Erzählungen. Gut kuratierte Selbstpräsentationen. Die Assoziationen sind so durchstrukturiert, dass sie die gezielte Absicht erkennen lassen, den Therapeuten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Freie Assoziation setzt voraus, dass ich dem anderen erlaube, mich zu überraschen. Das narzisstische Größenselbst kann das nicht zulassen — weil Überraschung Kontrollverlust bedeutet.

Was noch auffällt

Der Patient spricht viel — aber teilt wenig mit. Es gibt einen Unterschied zwischen Sprechen und Kommunizieren: Sprechen ist Produktion. Kommunizieren ist der Versuch, beim anderen anzukommen und mit ihm etwas Gemeinsames zu teilen.

Narzisstische Patienten sprechen. Sie kommunizieren aber nur selten.

Pausen sind für sie gefährlich. Das Schweigen könnte bedeuten, dass der Therapeut die Kontrolle hat. Dass etwas Unkontrolliertes auftaucht. Das wird vermieden.

Deutungen werden nicht einfach aufgenommen — sie werden bewertet, registriert, abgehakt. Der Patient sagt innerlich: „Nach Prüfung: bekannt, kein Handlungsbedarf.“

Die unbewussten Ängste dahinter

Was steckt hinter all dem? Für Kernberg ist das alles sehr klar.

Erstens: Die Angst vor Beschämung. Wenn ich mich wirklich mitteile, wenn ich wirklich sage, was ich denke und fühle — dann könnte der Therapeut sehen, dass ich nicht so groß bin, wie ich wirken will. Das ist unerträglich.

Zweitens: Die Angst vor Neid. Der Therapeut kann helfen. Der Patient braucht Hilfe. Das bedeutet: Der Therapeut ist überlegen. Der Neid darauf ist gewaltig — und muss abgewehrt werden.

Drittens: Die Angst vor Abhängigkeit. Wenn mir dieser Therapeut wirklich wichtig wird — wenn ich anfange, auf ihn zu zählen — dann bin ich verletzlich. Und Verletzlichkeit ist das, was das Größenselbst um jeden Preis verhindern soll.

Was in der Gegenübertragung passiert

[Ton: ehrlich, ohne Pathos. Das ist der Punkt, an dem viele Kollegen aussteigen.]

Ich möchte das klar benennen, weil es oft nicht gesagt wird.

Die Arbeit mit schwer narzisstischen Patienten ist zermürbend. Nicht weil der Patient aktiv feindselig ist. Sondern weil man konstant das Gefühl hat: Es kommt nichts an. Man gibt, gibt, gibt — und es versinkt im Nichts.

Das ist keine persönliche Unzulänglichkeit des Therapeuten. Das ist die exakte Gegenübertragung auf das, was der Patient unbewusst inszeniert: Niemand kann wirklich etwas geben. Niemand ist wirklich bedeutsam.

Wenn der Therapeut diese Leere und Erschöpfung als klinisches Signal liest — statt als persönliches Versagen —, dann hat er einen Einblick in die innere Welt des Patienten, den keine Schilderung der Vorgeschichte geben könnte.

BLOCK 4 Die wichtigste Diagnose: Wo endet Narzissmus, wo beginnt Antisozialität?

Das ist die Frage, die Kernberg in seinen Büchern wirklich ausführlich beantwortet. Und ich möchte sie so klar wie möglich stellen, weil sie in der klinischen Praxis systematisch zu wenig gestellt wird.

 

Die eigentliche antisoziale Persönlichkeitsstörung ist nach Kernberg nicht psychoanalytisch behandelbar. Die Differenzialdiagnose zwischen Narzissmus und Antisozialität ist deshalb eine der klinisch folgenreichsten Entscheidungen, die ein Therapeut treffen kann.

Kernberg beschreibt ein Spektrum des antisozialen Verhaltens, das ich hier in vier Stufen zusammenfassen möchte.

Stufe 1: Narzisstische Persönlichkeitsstörung ohne antisoziale Züge

Grandiosität, Entwertung, Empathiemangel — aber noch ein funktionierendes Über-Ich. Der Patient kennt Schuld. Er kann, unter Umständen, Reue entwickeln. Er bindet sich — wenn auch konfliktreich. Behandelbar.

Stufe 2: Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit antisozialen Zügen

Der Kunsthistoriker bei Kernberg, der über Jahre wertvolle Kunstbände stahl — ansonsten aber keinerlei antisoziales Verhalten zeigte. Es gibt einen engen, dissoziierten Bereich des Regelbruchs. Aber daneben existiert noch ein moralisches Funktionieren. Behandelbar — mit klaren Grenzen.

Stufe 3: Syndrom des malignen Narzissmus

Grandiosität + antisoziales Verhalten + paranoide Züge + Ich-syntone Aggression — also ein Zustand, in dem die Person ihre inneren Gedanken und Verhaltensweisen als stimmig erlebt.

Schwer zu behandeln, aber nicht hoffnungslos. Der Schlüssel ist die Frage: Gibt es noch eine Bindungsfähigkeit? Gibt es jemanden, dem dieser Mensch wirklich etwas bedeutet?

Der Neonazi, der sich wegen seiner Freundin stellte: Ja. Es gibt Bindungsfähigkeit. Es gibt eine moralische Kapazität, die angesprochen werden kann. Das ändert die Prognose fundamental.

Stufe 4: Antisoziale Persönlichkeitsstörung im eigentlichen Sinne

Hier ist die Prognose am düstersten. Kernberg ist direkt: Keine Schuldfähigkeit, keine echte Bindungsfähigkeit, keine Reue — oder nur Reue über das, was nachgewiesen werden kann.

Der Buchhalter, der seiner Frau und seinen Kindern jahrelang das Geld stahl. Der beteuerte tiefe Liebe — und dessen Reue sich ausschließlich auf das erstreckte, was man ihm nachweisen konnte. Sobald neue Vergehen ans Licht kamen, hatte er auch die „vergessen“.

Das ist kein Narzisst. Das ist eine antisoziale Persönlichkeit.

Die unterscheidende Frage ist nicht: Zeigt dieser Mensch Reue? Sondern: Zeigt er Reue auch dann, wenn niemand zuschaut?

Die diagnostischen Schlüsselkriterien

Kernberg nennt konkrete Kriterien, die ich hier direkt weitergebe, weil sie klinisch unschätzbar sind.

Erstens: Gibt es echte Bindungsfähigkeit? Menschen, denen dieser Mensch wirklich etwas bedeutet — unabhängig von Nutzen und Kontrolle?

Zweitens: Gibt es ein funktionierendes Über-Ich? Schuldgefühle, die auch dann auftauchen, wenn keine äußere Sanktion droht?

Drittens: Gibt es interpersonale Zuverlässigkeit? Kann sich der Mensch auch unter Druck an Vereinbarungen halten?

Alle drei Fragen müssen in der Eingangsdiagnostik gestellt werden. Nicht im ersten Gespräch — sondern strukturiert, über Zeit, mit Informationen aus dem Umfeld.

BLOCK 5 Was in der Therapie wirklich hilft

 

Ich möchte fünf Punkte benennen, die ich für das Wichtigste in der Therapie narzisstischer Pathologie halte — gestützt auf Kernbergs Arbeit.

Erstens: Keine Spiegelrolle

Der häufigste Fehler in der Therapie narzisstischer Patienten: Man wird zum Bewunderer. Man bestätigt, spiegelt, bestätigt. Das fühlt sich für beide kurzfristig gut an.

Es hilft dem Patienten kein bisschen. Die Größenstruktur wird dadurch befähigt — nicht aufgebrochen. Der Patient verliert Jahre in einer Therapie, die ihn unterhält, ohne ihn zu verändern.

Zweitens: Das Größenselbst nicht direkt angreifen

Das ist der zweite häufige Fehler. Der Therapeut wird ungeduldig, konfrontiert direkt: „Sie sind nicht so groß, wie Sie glauben.“

Das Größenselbst ist eine Abwehrkonstruktion. Wenn man sie zusammenbricht, ohne dass dahinter etwas Tragfähiges steht, riskiert man schwere Dekompensation. Der Therapeut muss die Schicht unter dem Größenselbst zugänglich machen — die Leere, die Scham, die Sehnsucht — bevor die Abwehr aufgegeben werden kann.

Drittens: Die Wendepunkte erkennen

Es gibt Momente in der Therapie narzisstischer Patienten, die Kernberg als Wendepunkte beschreibt. Sie sind selten. Und man kann sie leicht übersehen.

Das erste Mal, dass ein Patient echte Dankbarkeit zeigt — nicht als Floskel, sondern als Gefühl. Das erste Mal, dass Schuldgefühle auftauchen, die nicht durch äußeren Druck erzwungen sind. Das erste Mal, dass der Patient fragt: „Was habe ich dieser Person wirklich angetan?“ — und dabei so klingt, als ob ihn die Antwort wirklich interessiert.

Diese Momente sind selten. Aber sie sind der Beweis, dass Strukturveränderung möglich ist. Man muss sie erkennen und halten.

Viertens: Trauer ermöglichen

Narzisstische Patienten können nicht trauern. Das hängt unmittelbar mit ihrer Struktur zusammen.

Trauer erfordert: Ich erkenne, dass ich etwas verloren habe, das wirklich wertvoll war. Das setzt voraus, dass ich den Anderen als eigenständige Person anerkenne — nicht als Funktion meines Selbst.

Wenn in einer langen Therapie der Moment kommt, in dem ein narzisstischer Patient wirklich trauert — um eine Beziehung, die er zerstört hat, um eine Chance, die er verpasst hat, um das Leben, das er hätte leben können — dann ist das kein Zusammenbruch. Das ist Fortschritt.

Fünftens: Den eigenen Narzissmus kennen

Das sagt Kernberg nicht explizit. Ich sage es.

Wer mit schwer narzisstischen Patienten arbeitet, wird immer wieder in eigene narzisstische Reaktionen geraten. Den Wunsch, bewundert zu werden für die schöne Deutung, die man gerade gemacht hat. Die Gekränktheit, wenn der Patient sie ignoriert. Den Triumph, wenn der Patient schließlich „nachgibt“.

Das alles ist menschlich. Und das alles muss erkannt werden — bevor es sich in der therapeutischen Beziehung auswirkt.

ZUSAMMENFASSUNG

Pathologischer Narzissmus ist keine Frage des Charakters. Er ist eine Strukturfrage. Das pathologische Größenselbst ist eine Abwehrkonstruktion — gebaut, um Scham, Leere und Abhängigkeit zu verhindern.

Das Spektrum reicht von hochfunktionalen narzisstischen Persönlichkeiten bis zum Syndrom des malignen Narzissmus und zur echten antisozialen Persönlichkeitsstörung. Diese Unterscheidung ist klinisch lebensnotwendig — sie entscheidet über Behandelbarkeit und Prognose.

In der Therapie: keine Spiegelrolle, kein direkter Angriff auf das Größenselbst, Geduld für die langen Zeiträume, Wachheit für die seltenen Wendepunkte.

Und: die eigene Gegenübertragung als präzisestes diagnostisches Instrument nutzen. Was fühle ich in dieser Sitzung? Was inszeniert der Patient in mir?

ÜBERLEITUNG ZU VORTRAG 4

 

In Vortrag 2 haben wir eine junge Frau kennengelernt, die Angst hat, gedemütigt zu werden. In Vortrag 3 haben wir den Mann beschrieben, der allein im Zimmer ist — auch wenn jemand neben ihm sitzt.

Beide haben eines gemeinsam: Sie können nicht lieben. Nicht im vollen Sinn des Wortes.

Im letzten Vortrag gehen wir dorthin. Was bedeutet es, lieben zu können? Was passiert, wenn das fehlt? Kernberg widmet fast ein Drittel seines Buches der Erotik, der Sexualität und dem Liebesleben von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen — und die meisten Therapeuten weichen diesem Thema systematisch aus.

Wir werden schauen: Wie diagnostiziert man Sexualpathologie? Was macht erotische Übertragung mit dem Therapeuten? Warum ist die Fähigkeit zu trauern die Voraussetzung für ein erfülltes Leben?

Und: Was braucht ein Therapeut als Person, um in diesem Terrain zu arbeiten? Kernberg ist da unbequem direkt.

 

Die Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen

Otto F. Kernberg zeigt hier seine wahre Kernkompetenz: schwere Persönlichkeitsstörungen, ihre Ätiologie, Diagnose und Behandlung.

Er beantwortet in diesem Buch die Frage, welche spezifischen Schwierigkeiten bei PatientInnen mit schweren Persönlichkeitsstörungen im Zusammenhang mit deren Erotik, ihren Liebesbeziehungen und Aggressionen auftreten.

Außerdem stellt Kernberg eine psychodynamische Psychotherapie vor, die speziell auf die Behandlung der Psychopathologie dieser Störungen zugeschnitten ist: Die TFP – Die Übertragungsfokussierte Psychotherapie.
Dabei wird am Kern der Persönlichkeitsstörung gearbeitet:
– Wie kann am Syndrom der Identitätsdiffusion gearbeitet werden, die sich auf das emotionale Wohlergehen auswirkt?
– Wie können die PatientInnen tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen entwickeln und aufrechterhalten?
Wie effektiv ist hierfür die von Kernberg und seinen Mitarbeitern entwickelte Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP)?
Dieses Buch ist eine wertvolle Orientierung für alle, die mit diesem Thema und / oder direkt mit dieser Patientengruppe arbeiten.

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