Gesunde Partnerschaften brauchen gesunde Männlichkeit und gesunde Weiblichkeit

Eine vierteilige Vortragsreihe über Polarität, Reifung und die echte Begegnung zwischen Mann und Frau – aus über 25 Jahren psychotherapeutischer Praxis.

Inhalt

Vortrag 1 – Wo wir heute stehen: die Verwirrung der Geschlechter

Vortrag 2 – Mutter und Vater: die Wurzeln unserer Identität

Vortrag 3 – Reifung: vom Jungen zum Mann, vom Mädchen zur Frau

Vortrag 4 – Die Begegnung: Polarität, Erotik und gelingende Liebe

Zusammenfassung der gesamten Reihe


Vortrag 1 – Wo wir heute stehen: die Verwirrung der Geschlechter

Schön, dass Du heute hier bist. Bevor wir loslegen, will ich Dir kurz sagen, worauf Du Dich heute einlässt – und worauf in den nächsten drei Folgen auch noch.

Das Thema der ganzen Reihe lautet: Die gesunde Männlichkeit braucht die gesunde Weiblichkeit. Und ich sage es gleich vorweg – das ist keine Schlagzeile, das ist eine Diagnose. Eine Diagnose, die ich seit über fünfundzwanzig Jahren in meiner Praxis stelle. In der Paartherapie, in der Borderline-Therapie, in der Arbeit mit Menschen nach narzisstischen Beziehungen. Und auch in der Mediation, wenn Paare sich trennen und nicht mehr wissen, wer sie überhaupt noch sind.

Was ich da sehe, hat ein Muster. Männer, die nicht mehr wissen, wo sie stehen. Frauen, die nicht mehr wissen, wer sie sind. Paare, die zwar gut miteinander reden – aber sich seit Jahren nicht mehr berühren. Und Menschen, die mit Borderline oder narzisstischer Struktur kämpfen, weil ihnen in der Kindheit genau das gefehlt hat, worüber wir hier reden: ein Vater, der Vater war, und eine Mutter, die Mutter war.

Wir machen das in vier Schritten. Heute, im ersten Vortrag, schauen wir hin. Wir machen Bestandsaufnahme. Wir reden darüber, warum Männer und Frauen heute so unglücklich sind, obwohl wir doch angeblich nie freier waren als jetzt. Wir reden über den verweichlichten Mann, die verhärtete Frau, und über das, was ich in meiner Praxis das Phänomen Mr. Nice Guy nenne. Und wir schauen uns an, wie das alles mit Borderline und Narzissmus zusammenhängt – denn das ist kein Zufall.

Im zweiten Vortrag gehen wir an die Wurzel. Wir reden über Mutter und Vater. Über die erste große Liebe – die Mutter – und darüber, wie aus einem Sohn ein Mann wird und aus einer Tochter eine Frau. Wir schauen uns die Vaterwunde an. Die Mutterprägung. Und ich zeige Dir, warum kein Borderliner ohne diese Geschichten erklärbar ist.

Im dritten Vortrag wird es konkret. Da reden wir über Reifung. Über die männlichen und weiblichen Archetypen – über den Liebhaber, den Krieger, den König, den Magier. Über die Mutter, die Geliebte, die Heilerin, die Weise. Wir schauen, wie ein Mann zum Mann wird – und wie eine Frau zur Frau. Nicht zur Klischee-Frau und nicht zum Klischee-Mann. Sondern zu einem ganzen Menschen, der weiß, in welchem Pol er steht.

Und im vierten Vortrag kommen sie zusammen. Da reden wir über die Begegnung. Über Polarität, über Erotik, über Streit, über Treue, über das Geheimnis lebendiger Beziehungen.

Mein Versprechen für heute ist einfach: Wenn Du am Ende dieses Abschnitts ankommst, wirst Du verstehen, warum so viele Beziehungen kaputtgehen, ohne dass jemand schuld ist. Du wirst verstehen, warum so viele Männer heute nicht mehr wissen, was sie eigentlich sollen. Und warum so viele Frauen das Gefühl haben, alles richtig zu machen – und trotzdem leer zu sein. Lass uns anfangen.

Bestandsaufnahme – und ein unbequemer Befund

Ich will mit einer Beobachtung beginnen, die Du wahrscheinlich auch schon gemacht hast. Männer und Frauen werden sich immer ähnlicher. Das ist keine Meinung, das ist eine Beobachtung. Und sie reicht von der Mode bis ins Schlafzimmer.

Sie tragen die gleiche Kleidung. Sie machen die gleichen Berufe. Sie haben die gleichen Hobbys. Sie reden die gleiche Sprache. Und sie haben – in vielen Beziehungen – das gleiche Problem. Sie sind sich zu ähnlich geworden.

Das klingt erstmal harmlos. Vielleicht denkst Du sogar: Aber ist das nicht gut? Ist das nicht das, wofür unsere Mütter und Großmütter gekämpft haben? Gleichberechtigung, Augenhöhe, Partnerschaft auf gleicher Wellenlänge?

Doch. Gleichberechtigung ist ein Wert. Daran rüttelt niemand. Frauen sollen die gleichen Rechte haben wie Männer. Den gleichen Lohn. Den gleichen Zugang zu Bildung und Beruf. Das steht außer Frage. Aber Gleichberechtigung und Gleichmacherei sind zwei verschiedene Dinge. Und genau das verwechseln wir gerade.

Gleichberechtigung heißt: zwei verschiedene Wesen mit gleichen Rechten. Gleichmacherei heißt: zwei Wesen, die so tun, als wären sie dasselbe. Und das funktioniert nicht. Weil sie es nicht sind.

Was ich in meiner Praxis sehe

Lass mich Dir ein typisches Bild beschreiben. Generisch, aber so habe ich es Hunderte Male erlebt.

Ein Paar kommt in die Praxis. Beide gut ausgebildet. Beide berufstätig. Beide reflektiert. Sie reden gut miteinander. Sie streiten selten. Sie haben gemeinsame Werte, gemeinsame Freunde, gemeinsame Pläne. Auf dem Papier eine Vorzeigebeziehung.

Und dann sagt sie: „Ich habe seit zwei Jahren keine Lust mehr auf ihn." Und er sagt: „Ich weiß auch nicht, was los ist. Ich gebe mir doch so viel Mühe."

Genau das ist der Punkt. Er gibt sich Mühe. Sie gibt sich Mühe. Beide tun alles richtig – nach den Regeln einer Welt, die das Maskuline und das Feminine eingeebnet hat. Er ist sensibel, er hört zu, er hilft im Haushalt, er bringt die Kinder ins Bett. Sie ist stark, sie ist erfolgreich, sie hat ihre eigene Meinung, sie ist unabhängig. Beide haben gelernt, was die andere Hälfte der Menschheit angeblich braucht. Und beide stehen vor einer Beziehung, in der nichts mehr brennt.

Was ist passiert? Sie haben ihre Pole verloren. Er ist nicht mehr eindeutig männlich. Sie ist nicht mehr eindeutig weiblich. Sie sind beide in der Mitte gelandet. Und in der Mitte fließt keine Energie.

Die Polarität – das Naturgesetz, das wir nicht aushebeln können

Ich werde in dieser Reihe immer wieder von Polarität reden. Lass mich das einmal klar machen, damit wir vom selben sprechen.

Polarität ist kein Klischee. Polarität ist Physik. Strom fließt nur dort, wo es Plus und Minus gibt. Magnetfelder entstehen nur, wo es Nord und Süd gibt. Wenn Du zwei gleiche Pole zusammenbringst, stoßen sie sich ab. Wenn Du zwei entgegengesetzte Pole zusammenbringst, ziehen sie sich an. Das ist kein soziales Konstrukt. Das ist Natur.

Und genau dieses Prinzip wirkt auch zwischen Mann und Frau. Wenn ein Mann seinen männlichen Pol stark in sich fühlt, macht er es einer Frau leicht, ihren weiblichen Pol auszuleben. Wenn eine Frau ihren weiblichen Pol kennt und lebt, ruft sie damit den männlichen Pol im Mann hervor. Das ist Anziehung. Das ist Erotik. Das ist Lebendigkeit.

Und wenn beide in der Mitte stehen – wenn er zu weiblich geworden ist und sie zu männlich – dann passiert das, was magnetisch passiert: Es passiert nichts. Keine Anziehung. Keine Spannung. Keine Erotik. Nur freundschaftliches Nebeneinander. Sie können wunderbar zusammen kochen, zusammen wandern, zusammen Kinder erziehen. Aber wenn das Licht ausgeht, ist da nichts mehr.

Ich sage das nicht, um Geschlechterklischees zu zementieren. Ich sage das, weil ich es jeden Tag in meiner Praxis sehe.

Das Phänomen Mr. Nice Guy

Damit sind wir bei einem Phänomen, das ich in meiner Arbeit immer öfter sehe. Ich nenne es – in Anlehnung an den amerikanischen Therapeuten Robert Glover – das Phänomen Mr. Nice Guy.

Wer ist der Mr. Nice Guy? Er ist der Mann, der gelernt hat, alles richtig zu machen. Er ist verständnisvoll. Er ist rücksichtsvoll. Er hört zu. Er hilft. Er sagt nie nein. Er macht keinen Stress. Er ist – das ist sein Lieblingswort über sich selbst – pflegeleicht.

Und genau das ist sein Problem. Er ist pflegeleicht. Pflegeleicht wie eine Topfpflanze. Du gießt ihn einmal die Woche und er macht keine Arbeit. Aber Du willst ihn nicht.

Der Mr. Nice Guy hat irgendwann in seinem Leben gelernt – meistens in der Kindheit – dass männliche Energie gefährlich ist. Dass Aggression schlecht ist. Dass Kraft und Klarheit andere verletzen. Und dann hat er sich beigebracht, all das zu unterdrücken. Er hat gelernt, brav zu sein. Er hat gelernt, gefällig zu sein. Er hat gelernt, niemandem auf die Füße zu treten.

Das Ergebnis: Er ist liebenswert. Aber er ist nicht begehrenswert.

Und seine Partnerin spürt das. Sie spürt es körperlich. Sie kann es vielleicht nicht in Worte fassen. Sie sagt: „Ich liebe ihn ja, aber irgendwas fehlt." Was fehlt, ist Polarität. Was fehlt, ist der männliche Gegenpol. Was fehlt, ist ein Mann, der eine Position hat – und der diese Position auch dann hält, wenn sie ihm Widerstand entgegensetzt.

Die andere Seite – die Frau in der Falle

Aber das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Auf der anderen Seite steht die Frau. Und die hat ihr eigenes Drama.

In den letzten dreißig, vierzig Jahren haben Frauen Unglaubliches geleistet. Sie sind aus dem Hinterzimmer in die Vorstandsetage gegangen. Sie sind klug, ausgebildet, eigenständig, selbstbewusst. Das ist eine Errungenschaft, vor der ich tiefen Respekt habe.

Aber dieser Weg hatte einen Preis. Auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit haben viele Frauen sich am Mann orientiert. Sie haben männliche Werte übernommen – Durchsetzung, Härte, Konkurrenz, Effizienz. Sie haben gelernt zu führen, zu kämpfen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und das war auch nötig, um den Platz zu erobern, den sie heute haben.

Aber sie haben dabei oft etwas verloren. Sie haben ihre weibliche Seite verdrängt. Die Hingabe. Die Weichheit. Die Empfänglichkeit. Die Fähigkeit, Raum zu öffnen, statt ihn zu füllen. Die Fähigkeit, sich zu zeigen, statt sich zu beweisen.

Das Ergebnis ist eine Frau, die alles erreicht hat – und sich innerlich leer fühlt. Die im Job glänzt – und zu Hause nicht mehr weiß, was sie eigentlich will. Die nach außen alles unter Kontrolle hat – und nachts allein im Bett liegt und sich fragt, warum sie nicht glücklich ist.

Und die – das ist das Tragische – sich oft genau den Mann sucht, der ihre männliche Energie nicht herausfordert. Den Mr. Nice Guy. Weil sie unbewusst weiß: Wenn ich mit einem Mann zusammen bin, der eindeutig männlich ist, müsste ich aus meiner männlichen Energie raus. Und das traue ich mich nicht.

Wenn beide in der Falle sitzen

Was passiert dann? Die männliche Frau und der weibliche Mann finden sich. Sie heiraten. Sie kriegen Kinder. Sie führen jahrelang eine Beziehung, die nach außen hin gut aussieht. Aber innen drin ist was schiefgelaufen.

Sie wird zunehmend zur Mutter ihres Mannes. Sie organisiert. Sie strukturiert. Sie sagt, was zu tun ist. Sie kümmert sich um die Kinder, um den Haushalt, um die Termine, um die Gefühle aller Beteiligten. Er fügt sich. Er macht mit. Er fragt höflich nach. Er ist wie ein erwachsener Sohn, der bei seiner Mutter wohnt.

Das Ende ist immer dasselbe. Sie verliert die Achtung vor ihm. Er verliert das Begehren nach ihr. Beide werden bitter. Sie nörgelt, weil er sich nicht zeigt. Er zieht sich zurück, weil sie nörgelt. Und irgendwann sitzen beide in meiner Praxis und sagen: „Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen."

Was sie tun sollen, ist eigentlich klar. Sie müssen ihre Pole zurückfinden. Sie ihre weibliche Seite, er seine männliche. Aber das ist Arbeit. Das ist der Stoff der nächsten drei Vorträge.

Der Bezug zu Borderline und Narzissmus

Jetzt komme ich zu dem Punkt, der für viele besonders wichtig ist – wenn Du selbst betroffen bist oder eine Beziehung zu jemandem mit Borderline oder narzisstischer Struktur hattest.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dieser Verwirrung der Geschlechter und der Zunahme von Persönlichkeitsstörungen. Das ist keine ideologische Behauptung. Das ist klinische Beobachtung.

Borderline entsteht in den ersten Lebensjahren. Es entsteht aus einer Kombination von Vulnerabilität – einer angeborenen Empfindsamkeit – und einem invalidierenden Umfeld. Ein Umfeld, das dem Kind nicht gibt, was es braucht: ein verlässliches, stabiles, klares Beziehungsangebot. Eine Mutter, die da ist, ohne zu vereinnahmen. Ein Vater, der da ist, ohne zu kontrollieren.

Was passiert, wenn der Vater fehlt? Real fehlt – durch Trennung, durch Tod, durch Abwesenheit. Oder emotional fehlt – durch Schweigen, durch Rückzug, durch innere Distanz. Was passiert, wenn die Mutter überfordert ist? Wenn sie zur Glucke wird, oder zur Rabenmutter, oder zu beidem im Wechsel?

Was passiert, ist: Das Kind kommt nicht zur Identität. Es kann sich nicht von der Mutter abnabeln, weil es nichts gibt, an dem es sich abstoßen könnte. Es kann sich nicht zum Vater hin entwickeln, weil der Vater nicht greifbar ist. Es bleibt im Übergang stecken. Klinisch nennen wir das eine gestörte Bindungsreife-Entwicklung. Volkstümlich gesprochen: Das Kind weiß nicht, wer es ist.

Und genau das ist der Boden, auf dem Borderline und auch der verdeckte Narzissmus wachsen. Eine instabile Identität. Ein chronisches Gefühl von innerer Leere. Eine Beziehungswelt aus Spaltung, Idealisierung und Entwertung.

Der Punkt für unseren ersten Vortrag ist: Wenn die Eltern selbst in dieser Geschlechterverwirrung stecken – wenn der Vater seinen männlichen Pol nicht lebt und die Mutter ihren weiblichen nicht – dann wird das Kind diese Klarheit auch nicht entwickeln können. Eine Familie ohne klare Pole erzieht Kinder ohne klare Identität.

Das ist hart, ich weiß. Und ich sage das nicht, um irgendwem die Schuld zu geben. Eltern tun fast immer ihr Bestes. Aber wir müssen das benennen, wenn wir verstehen wollen, warum unsere Welt so voller Persönlichkeitsstörungen ist.

Die Frau im Mann, der Mann in der Frau

Ich will Dir noch einen Aspekt zeigen, den viele in der populären Diskussion übersehen. Es geht hier nicht darum, dass jeder Mann ein hartes Macho-Klischee sein soll und jede Frau ein weiches Hausmütterchen. Das wäre Unsinn. Und das schreibt auch keiner der seriösen Autoren zu diesem Thema.

In jedem Mann steckt ein weiblicher Anteil. Carl Gustav Jung nannte ihn Anima. Die innere Frau im Mann. In jeder Frau steckt ein männlicher Anteil. Jung nannte ihn Animus. Der innere Mann in der Frau.

Diese Anteile sind nicht das Problem. Sie sind sogar wichtig. Ein Mann, der seinen weiblichen Anteil verleugnet, wird zum gefühllosen Macho. Eine Frau, die ihren männlichen Anteil verleugnet, wird zur hilflosen Marionette. Beides wollen wir nicht.

Das Problem ist nicht die Existenz dieser Anteile. Das Problem ist, wenn der Nebenpol zum Hauptpol wird. Wenn der Mann hauptsächlich aus seiner Anima lebt – also weicher, sensibler, beziehungsorientierter ist als alles andere. Und wenn die Frau hauptsächlich aus ihrem Animus lebt – also härter, durchsetzungsorientierter, kontrollierender ist als alles andere. Dann sind die Pole vertauscht. Und dann hat das Konsequenzen.

Eine reife Männlichkeit ist ein Mann, der seinen männlichen Pol klar lebt – aber Zugang zu seinem Herzen hat, zu seinen Gefühlen, zu seinem inneren Weiblichen. Das nenne ich, dem Begriff des Therapeuten Björn Thorsten Leimbach folgend, den Herzenskrieger. Ein Mann mit Kraft und Herz. Nicht Macho, nicht Mr. Nice Guy. Sondern beides integriert.

Eine reife Weiblichkeit ist eine Frau, die ihren weiblichen Pol klar lebt – aber Zugang zu ihrer Stärke hat, zu ihrer Klarheit, zu ihrem inneren Männlichen. Eine Frau, die hingebungsvoll sein kann, ohne sich zu verlieren. Die führen kann, ohne hart zu werden. Die weich sein kann, ohne schwach zu sein.

Das ist das Ziel der Reifung. Aber es ist ein Weg. Und er beginnt damit, ehrlich zu sehen, wo man steht.

Wo stehst Du?

Ich stelle Dir eine Frage. Eine ehrliche Frage. Stell Dir vor, Du bist allein. Niemand schaut zu. Niemand bewertet.

Wenn Du ein Mann bist: Wo stehst Du? Bist Du der Mann, der eine Position hat? Der weiß, was er will? Der nein sagen kann, ohne sich zu rechtfertigen? Der sich nicht jedes Mal innerlich windet, wenn seine Partnerin enttäuscht oder verärgert reagiert? Hast Du Zugang zu Deiner Aggression im positiven Sinne – also zu Deiner Lebenskraft, zu Deiner Durchsetzungsfähigkeit, zu Deiner Klarheit?

Oder bist Du der Mann, der sich anpasst? Der lieb ist, weil er Konflikt scheut? Der nicht weiß, was er eigentlich will, weil er es sich nie zu wollen erlaubt hat? Der sich Bestätigung holt, statt Position zu beziehen?

Wenn Du eine Frau bist: Wo stehst Du? Bist Du verbunden mit Deinem Körper, mit Deinen Gefühlen, mit Deiner sinnlichen Seite? Kannst Du empfangen, ohne sofort zurückgeben zu müssen? Kannst Du Schwäche zulassen, ohne Dich klein zu fühlen? Kannst Du Dich zeigen, ohne Dich zu beweisen?

Oder bist Du in Deiner männlichen Energie steckengeblieben? Immer alles unter Kontrolle? Immer auf der Hut? Immer am Organisieren, am Vorausdenken, am Verantwortung-Tragen? Hast Du das Gefühl, alles allein machen zu müssen, weil sich auf niemanden Verlass ist?

Sei ehrlich. Niemand muss Deine Antwort hören. Aber sie zu kennen, ist der erste Schritt.

Die unbequeme Wahrheit

Hier kommt die unbequeme Wahrheit dieses ersten Vortrags. Wir werden den Mann nicht heilen, indem wir ihn weicher machen. Und wir werden die Frau nicht stärken, indem wir sie härter machen. Das haben wir die letzten dreißig Jahre versucht, und das Ergebnis sehen wir: Beziehungen, die zerbrechen. Sex, der verschwindet. Kinder, die nicht wissen, was Mann und Frau eigentlich bedeuten. Und eine ganze Generation, die mit Borderline, Narzissmus und chronischer innerer Leere kämpft.

Wir werden den Mann heilen, indem wir ihm helfen, Mann zu werden. Mit Herz, mit Tiefe, mit Bewusstheit – aber Mann. Und wir werden die Frau heilen, indem wir ihr helfen, Frau zu werden. Mit Stärke, mit Eigenständigkeit, mit Klarheit – aber Frau.

Das ist nicht reaktionär. Das ist nicht antifeministisch. Das ist nicht ideologisch. Das ist – wenn Du genau hinschaust – das Einzige, was funktioniert. Weil es der Wahrheit entspricht. Weil es der Polarität entspricht, die in der Natur eingebaut ist und die wir nicht ungestraft ignorieren können.

Und wer sich noch nicht überzeugen lässt, dem sage ich: Schau in meine Praxis. Schau in jede Paartherapie-Praxis dieses Landes. Was dort passiert, ist immer wieder dasselbe. Männer werden gestärkt, in ihren männlichen Pol zurückgeführt. Frauen werden gestärkt, in ihren weiblichen Pol zurückgeführt. Und dann – und meistens erst dann – passiert wieder Beziehung.

Was das bedeutet, wenn jemand Borderline oder Narzissmus hat

Ich will diesen Punkt nicht weglassen, weil ich weiß, dass viele wegen genau dieser Themen hier sind.

Wenn Du eine Beziehung mit einem Borderliner hast, oder eine narzisstische Beziehung hinter Dir hast, oder selbst betroffen bist – dann hat das, was ich heute gesagt habe, eine besondere Bedeutung für Dich.

Borderline ist eine Störung der Identitätsentwicklung. Der Borderliner weiß nicht stabil, wer er ist. Die Borderlinerin weiß nicht stabil, wer sie ist. Sie spüren ein chronisches Gefühl von innerer Leere, das sie mit allem zu füllen versuchen, was kurzfristig wirkt – mit Beziehungen, mit Substanzen, mit Drama, mit Selbstverletzung.

Und in dieser Identitätssuche ist die Frage nach Mann und Frau eine zentrale Frage. Borderliner suchen oft Partner, die ihre eigene fehlende Identität ergänzen sollen. Die Borderlinerin sucht den starken Mann, der ihr Halt gibt – und entwertet ihn dann, weil sie sich von ihm bedroht fühlt. Der Borderliner sucht die starke Frau, die ihn führt – und rebelliert dann, weil er sich entmachtet fühlt.

Beim Narzissten ist es anders. Der Narzisst sucht nicht Halt. Der Narzisst sucht Spiegel. Er will eine Partnerin, die seine Großartigkeit bestätigt. Die verdeckte Narzisstin sucht einen Mann, der ihre verletzte, geheime Wunde nährt – und wird wütend, wenn er es nicht spürt.

In beiden Fällen – Borderline wie Narzissmus – ist die Klärung der eigenen geschlechtlichen Identität ein Schlüssel zur Heilung. Nicht der einzige. Aber ein wichtiger. Weil Du erst dann beginnen kannst, eine echte Beziehung zu führen, wenn Du weißt, wer Du bist – als Mann oder als Frau.

Diese Vortragsreihe ist also nicht nur akademische Theorie. Sie ist therapeutisch relevant. Für Dich selbst, wenn Du betroffen bist. Und für Deine Beziehung, wenn Dein Partner oder Deine Partnerin betroffen ist.

Was wir hier nicht tun

Ich will am Ende dieses ersten Vortrags noch klarstellen, was wir hier nicht tun – damit kein Missverständnis entsteht.

Wir machen hier keinen Geschlechterkrieg. Ich werde an keiner Stelle dieser Reihe sagen, dass Männer besser sind als Frauen, oder umgekehrt. Beide Geschlechter haben in der Geschichte Großes geleistet, und beide haben gelitten. Es geht nicht um Schuld.

Wir machen hier keine Politik. Ich werde nicht über Quoten reden, nicht über Gender Pay Gap, nicht über gesellschaftliche Strukturen. Das sind wichtige Themen, aber sie sind nicht mein Thema. Mein Thema ist die Psyche. Was passiert in einem Mann. Was passiert in einer Frau. Was passiert zwischen ihnen.

Wir negieren nicht die Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe. Wenn Du in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebst, gilt das Polaritätsprinzip übrigens genauso – einer von beiden wird in der Regel den maskulineren Pol leben, der andere den femineren. Das ist nicht von der Anatomie abhängig, sondern von der Energie. Aber für die Mehrheit der Paare, die ich in meiner Praxis sehe, geht es um heterosexuelle Beziehungen, und davon werde ich in dieser Reihe vor allem sprechen.

Wir wollen niemanden in eine Schublade pressen. Wir wollen Dir helfen, in Dein eigenes ganzes Sein zu kommen. Und Beziehungen zu führen, die wirklich tragen.

Wir haben in diesem ersten Vortrag eine Bestandsaufnahme gemacht. Wir haben gesehen, was schiefläuft. Den Mr. Nice Guy. Die männlich gewordene Frau. Das verschwindende Begehren. Den Zusammenhang mit Borderline und Narzissmus. Die Verwirrung der Geschlechter.

Aber Diagnose ist nicht Therapie. Wenn wir verstehen wollen, warum so viele Männer und Frauen heute so sind, wie sie sind, müssen wir tiefer graben. Wir müssen an die Wurzeln gehen. Und die Wurzeln liegen, wie immer in der Psychologie, in der Kindheit. Bei den zwei Menschen, die jeden Mann und jede Frau bis ins Erwachsenenalter prägen: Mutter und Vater.

Vortrag 2 – Mutter und Vater: die Wurzeln unserer Identität

Schön, dass Du wieder da bist. Ich freue mich, dass wir die Reise weiter zusammen machen.

Beim letzten Mal haben wir hingeschaut. Wir haben Bestandsaufnahme gemacht. Wir haben über die Verwirrung der Geschlechter gesprochen. Über den Mr. Nice Guy und die männlich gewordene Frau. Über das Magnetfeld der Polarität, das verschwindet, wenn beide in der Mitte stehen. Und ich habe Dir den Bezug zu Borderline und Narzissmus gezeigt – warum diese Persönlichkeitsstörungen genau dort entstehen, wo Identität nicht mehr klar ausgebildet werden kann.

Heute gehen wir tiefer. Wir gehen an die Wurzel. Und die Wurzel jeder Identität – männlich oder weiblich – liegt da, wo wir alle anfangen: bei zwei Menschen. Bei der Mutter. Und beim Vater.

Eine Vorbemerkung, weil wir gleich emotional werden: Ich erzähle hier kein Schuld-Drama. Ich werde Dir nicht sagen, dass alles die Schuld Deiner Mutter ist oder die Schuld Deines Vaters. Eltern tun fast immer ihr Bestes mit dem, was sie selbst bekommen haben. Aber wir müssen verstehen, was passiert ist. Weil Verstehen der erste Schritt zur Veränderung ist. Und weil Du sonst die alten Muster mit in jede Beziehung schleppst.

Warum wir bei Mutter und Vater anfangen müssen

Es gibt einen Satz, den ich in meiner Praxis immer wieder sage – wenn jemand zum ersten Mal kommt und nicht versteht, warum eine Beziehungsdynamik immer wieder dieselbe ist. Der Satz lautet: Du heiratest Deine Mutter. Du heiratest Deinen Vater. Auch dann, wenn Du sie eigentlich nie wieder treffen wolltest.

Das klingt hart, und es ist auch nicht ganz wörtlich gemeint. Aber das psychologische Prinzip dahinter ist absolut wörtlich. Die ersten Beziehungen, die wir in unserem Leben haben, prägen die Schablone. Sie prägen, wie wir Beziehung erleben. Sie prägen, was wir suchen, was wir vermeiden, was uns triggert, was uns berührt.

Und sie prägen vor allem: was wir glauben, dass ein Mann ist. Und was wir glauben, dass eine Frau ist. Diese ersten Bilder sitzen so tief, dass wir sie meistens nicht einmal wahrnehmen. Sie laufen unter dem Radar. Sie steuern uns.

Wenn ich also über die Identität als Mann oder als Frau rede, komme ich nicht drum herum, hier zu beginnen. Bei den zwei Menschen, die Dir das allererste Bild davon geliefert haben.

Die Mutter – die erste große Liebe

Beginnen wir bei der Mutter. Bei der ersten großen Liebe. Egal, ob Du ein Mann bist oder eine Frau – die Mutter ist die erste Person, mit der Du eine wirkliche Beziehung gehabt hast. Schon im Mutterleib. Dann an der Brust. Dann im ersten Lebensjahr, in dem Du Tag und Nacht von ihrem Rhythmus, ihrer Stimme, ihrem Geruch umgeben warst.

Das ist eine Symbiose. Mutter und Kind sind in den ersten Lebensmonaten energetisch fast eins. Das ist gut so. Das ist überlebenswichtig. Ein Säugling, der diese Symbiose nicht erlebt, entwickelt sich nicht gesund. Er kann buchstäblich sterben – das wussten schon die Säuglingsforscher der Nachkriegszeit.

Aber Symbiose ist nur die erste Phase. Und das ist der entscheidende Punkt. Eine gute Mutter lebt diese Symbiose – und löst sich dann Stück für Stück aus ihr. Sie macht das Kind langsam unabhängig. Sie hält es, und sie lässt es los. Beides muss sie können.

Wenn wir in der Praxis sehen, was schiefgeht, sind es immer wieder dieselben zwei Pole. Die Mutter, die nicht loslassen kann – das nenne ich, einem Begriff aus der Bindungsliteratur folgend, die Glucke. Und die Mutter, die zu früh loslässt oder gar nicht erst hält – die Rabenmutter.

Glucke und Rabenmutter – zwei Wege, ein Kind zu beschädigen

Die Glucke ist die Mutter, die ihr Kind nie wirklich aus der Symbiose entlässt. Sie meint es gut. Sie ist immer da. Sie kümmert sich. Sie weiß, was das Kind braucht, oft besser als das Kind selbst. Sie schützt. Sie kontrolliert. Und sie nährt sich emotional aus dieser Beziehung – das ist der heimliche Punkt. Das Kind ist ihr Lebensinhalt.

Das klingt erstmal nicht schlimm. Eine fürsorgliche Mutter, was ist daran falsch? Falsch ist nichts. Übergriffig wird es, wenn die Mutter nicht akzeptieren kann, dass das Kind eigene Wege geht. Wenn sie das Kind benutzt, um ihre eigene Leere zu füllen. Wenn sie eifersüchtig wird auf jede Freundin des Sohnes oder jeden Freund der Tochter. Wenn sie noch mit fünfundvierzig anruft und fragt, ob das Kind warm angezogen ist.

Was so ein Kind nicht entwickelt, ist Eigenständigkeit. Es entwickelt keine eigene Identität, weil es nie aus der Mutter entlassen wurde. Es bleibt – energetisch gesehen – sein Leben lang im Schoß der Mutter.

Auf der anderen Seite die Rabenmutter. Sie kann oder will die Symbiose nicht leben. Sie ist überfordert, depressiv, alkoholkrank, traumatisiert, oder einfach kalt. Sie ist physisch da, aber emotional weg. Das Kind reicht die Hand und greift ins Leere. Es schreit und niemand kommt. Es weint und niemand tröstet.

Ein solches Kind entwickelt etwas, das wir in der Klinik desorganisierte Bindung nennen. Es weiß nicht mehr, ob Mutter Sicherheit ist oder Bedrohung. Es hat keine sichere Basis, von der aus es die Welt erforschen kann. Und genau das ist der Boden, auf dem Borderline später wächst.

Beide Muttertypen sind Ergebnisse eigener Verletzungen. Die Glucke ist oft selbst eine Frau, die in ihrer Partnerschaft keine Erfüllung findet und sich deshalb in das Kind klammert. Die Rabenmutter ist oft eine Frau, die selbst nie wirklich bemuttert wurde und nicht weiß, wie das geht. Es ist nicht Bösartigkeit. Es ist Geschichte. Es ist Generationenweitergabe.

Die Abnabelung – warum sie für Söhne und Töchter unterschiedlich verläuft

Jetzt kommen wir zu einem Punkt, den ich besonders wichtig finde, weil er oft nicht verstanden wird. Die Abnabelung von der Mutter verläuft für einen Sohn anders als für eine Tochter. Und beides hat Konsequenzen.

Der Sohn muss sich, um Mann zu werden, von der Mutter trennen. Er muss raus aus dem mütterlichen Pol, weil er sonst nicht in den eigenen männlichen Pol findet. Das ist eine schwierige Bewegung, weil die Mutter ja seine erste große Liebe war. Er liebt sie. Er bewundert sie. Und er muss sich trotzdem von ihr lösen.

Das gelingt nur, wenn da jemand ist, der ihn zieht. Der ihn herauszieht. Der ihn in die Männerwelt mitnimmt. Das ist die Aufgabe des Vaters. Wenn der Vater diese Aufgabe nicht erfüllt – weil er nicht da ist, weil er emotional fehlt, oder weil er selbst noch ein Junge ist – dann bleibt der Sohn bei der Mutter hängen. Er wird das, was wir in der Volkssprache ein Muttersöhnchen nennen. Klinisch ausgedrückt: Er entwickelt eine ungelöste mütterliche Bindung.

Und damit habe ich übrigens fast alle Mr. Nice Guys aus dem letzten Vortrag erklärt. Der Mr. Nice Guy ist meistens ein Mann, der die Mutter nicht losgelassen hat. Er sucht in jeder Frau die Mutter. Er ist so freundlich, weil er Mutter nicht enttäuschen will. Er hat keine eigene Position, weil er nie gelernt hat, gegen die Mutter zu stehen. Und er hat oft in seiner Beziehung später eine Frau, die ebenfalls die Mutterrolle übernimmt – und es funktioniert eine Weile, bis sie ihn nicht mehr begehren kann, weil man sein Mutter-Kind nicht begehrt.

Bei der Tochter ist es anders. Die Tochter muss sich nicht von der Mutter trennen, um zur Frau zu werden. Sie muss bei der Mutter bleiben können – und gleichzeitig eigenständig werden. Sie schaut in den Spiegel und sieht ihre Mutter. Das hat eine andere Dynamik.

Wenn die Tochter aber eine Mutter erlebt, die unglücklich ist, die ihre eigene Weiblichkeit ablehnt, die ihre Wut auf die Männerwelt unterschwellig oder offen weitergibt – dann übernimmt die Tochter dieses Programm. Sie lernt: Frau zu sein ist gefährlich. Frau zu sein heißt, ausgeliefert zu sein. Frau zu sein heißt zu leiden.

Solche Töchter werden später oft das, was ich vermännlichte Frauen nenne. Sie haben unbewusst beschlossen: lieber eine vermeintlich starke männliche Position einnehmen als die schwache weibliche der Mutter. Sie werden die Karriere-Frauen, die Kontrollfrauen, die Frauen, die alles allein stemmen. Mit dem Preis, den wir letzte Woche besprochen haben.

Der Vater – der wichtigste Mann im Leben jedes Menschen

Damit komme ich zum Vater. Und ich sage Dir gleich vorweg: Wenn ich in den letzten Jahren in meiner Praxis nach dem einen Faktor suchen müsste, der psychische Gesundheit am stärksten erklärt – ich würde sagen, es ist die Vaterbeziehung. Das ist eine starke Aussage, ich weiß. Aber sie deckt sich mit der internationalen Bindungsforschung der letzten Jahrzehnte.

Der Vater hat im Leben jedes Kindes eine bestimmte Funktion. Er ist nicht die zweite Mutter. Das wird in modernen Erziehungsdebatten manchmal so dargestellt – als wäre der Vater einfach eine zweite Bezugsperson, die im Idealfall genau dasselbe macht wie die Mutter. Das ist falsch. Der Vater hat eine andere Aufgabe.

Die wichtigste Aufgabe des Vaters ist die, das Kind aus der Mutter herauszuziehen. Den Sohn, damit er Mann werden kann. Die Tochter, damit sie sich später als Frau nicht in der Mutter verliert. Der Vater repräsentiert die Welt da draußen. Er repräsentiert das Andere. Das Fremde. Das, wo es etwas zu erobern gibt.

Wenn der Vater diese Funktion erfüllt – wenn er da ist, wenn er klar ist, wenn er Position bezieht – dann passiert etwas Wichtiges. Das Kind erlebt: Es gibt zwei Welten. Es gibt die mütterliche Welt der Geborgenheit und Wärme. Und es gibt die väterliche Welt der Herausforderung, der Klarheit, der Außenorientierung. Beides ist gut. Beides braucht das Kind. Und vor allem: Das Kind erlebt, dass es zwischen diesen Welten wechseln darf, ohne eine zu verraten.

Vaterhunger und Vaterwunde

Was passiert, wenn der Vater fehlt? Hier wird es schmerzhaft.

Vater fehlen kann auf vielen Wegen. Er kann real fehlen – durch Tod, durch Trennung, durch eine Trennungssituation, in der die Mutter den Vater systematisch ausschließt. Das ist ein Thema, das ich aus meiner Arbeit als familienpsychologischer Gutachter sehr genau kenne. Wir haben in Deutschland Hunderttausende von Kindern, die nach Trennungen den Kontakt zum Vater verloren haben oder ihn nur noch reduziert erleben. Das ist ein gesellschaftliches Drama, über das viel zu wenig gesprochen wird.

Vater kann aber auch emotional fehlen. Er ist physisch da – er sitzt am Esstisch, er kommt aus der Arbeit nach Hause, er fährt in den Urlaub mit – aber er ist nicht greifbar. Er schweigt. Er zieht sich in die Garage oder vor den Fernseher zurück. Er ist verfügbar für Sachfragen, aber nicht für Beziehung. Das ist die Generation der Nachkriegsväter und vieler ihrer Söhne. Männer, die selbst nie gelernt haben, emotional präsent zu sein, weil ihre Väter es ihnen nicht vorgelebt haben.

Dann gibt es den autoritären Vater. Er ist sehr präsent – aber als Bedrohung. Als Strafender. Als jemand, vor dem man sich fürchtet. So ein Vater bringt zwar männliche Energie ins Haus, aber sie ist destruktiv. Er hinterlässt keine Vaterwunde aus Mangel, sondern aus Verletzung.

Und es gibt den schwachen Vater. Den Vater, der zwar da ist, aber kein eigenes Profil hat. Der sich von der Mutter dominieren lässt. Der die männliche Position im Haus aufgegeben hat. So ein Vater liefert dem Sohn kein Vorbild und der Tochter keinen Gegenpol.

In allen vier Fällen entsteht das, was ich Vaterhunger nenne. Das tiefe, oft unbewusste Sehnen nach dem Vater, der nie da war, oder der nicht der war, den das Kind gebraucht hätte. Und dieser Vaterhunger frisst sich durchs ganze Leben.

Wie sich Vaterhunger im Erwachsenenleben zeigt

Bei Männern zeigt sich der Vaterhunger oft so: Sie suchen ihr Leben lang nach Anerkennung von älteren Männern. Sie haben eine merkwürdige Beziehung zu Autoritäten – entweder kämpfen sie permanent gegen sie an, oder sie unterwerfen sich ihnen ständig. Sie haben Schwierigkeiten mit Vorgesetzten. Sie haben Schwierigkeiten, selbst Vater zu werden, weil sie kein Modell haben. Und sie haben oft eine unklare Männlichkeit, weil ihnen die Vaterlinie fehlt – sie wissen nicht, wo sie hingehören als Männer.

Bei Frauen zeigt sich Vaterhunger anders. Hier komme ich zu einem Modell, das die Therapeutin Astrid Leila Bust sehr klar herausgearbeitet hat. Sie beschreibt vier typische Ausprägungen, in denen Frauen versuchen, mit der unbeantworteten Liebe zum Vater zurechtzukommen.

Erste Variante – die Model-Tochter. Sie hat gelernt, sich über das Aussehen Anerkennung zu holen. Wenn der Vater nicht emotional verfügbar war, aber sie gelobt hat, wenn sie hübsch war, dann hat sie diesen Weg vertieft. Heute ist sie eine Frau, die ständig auf ihre Wirkung achtet. Die viel Energie in Aussehen, Stil, Kleidung steckt. Die ihren Wert über das Bild definiert, das andere von ihr haben. Innerlich ist sie oft leer.

Zweite Variante – die Karriere-Frau. Wenn der Vater Leistung gelobt hat, aber sich für sie als Person nicht interessierte, dann ist sie diesen Weg gegangen. Sie hat alles geschafft. Diplom, Promotion, Karriere. Aber sie sucht in jedem Erfolg den Vater, der endlich sagt, dass es genug ist. Der nie kommt. Sie ist meistens sehr funktional – und im Inneren erschöpft.

Dritte Variante – die Rebellin. Wenn der Vater autoritär war oder das Patriarchat als bedrohlich erlebt wurde, hat sie beschlossen: gegen den Vater. Sie kämpft gegen alles, was männlich ist. Sie misstraut Männern. Sie ist oft im aktivistischen Spektrum aktiv. Und sie wundert sich, dass sie keine glücklichen Beziehungen führt – obwohl sie genau das Männerbild bekämpft, das ihre Beziehungsfähigkeit ruiniert.

Vierte Variante – die Narzisstin. Wenn der Vater sie maßlos verwöhnt und überhöht hat, ohne ihr echte Resonanz zu geben, dann ist sie zur kleinen Königin geworden. Sie braucht ständig Spiegel, ständig Bewunderung. Sie kann keine echten Beziehungen führen, weil ihr Gegenüber immer nur Funktion ist. Das ist klinisch ausgeprägter Narzissmus, in seiner verdeckten weiblichen Form oft schwer zu erkennen.

Was alle vier Typen verbindet: Sie haben den Vater nicht bekommen. Sie kompensieren. Sie funktionieren. Sie leiden meist still.

Die vier Typen männlicher Rebellion

Bei Männern gibt es ähnliche Typologien, die ich in der Praxis immer wieder sehe. Der Therapeut Björn Thorsten Leimbach hat sie beschrieben – ich nenne ihn an dieser Stelle bewusst, weil er in der deutschen Männerarbeit Pionier war. Vier Typen männlicher Rebellion gegen einen Vater, mit dem keine echte Beziehung möglich war.

Erstens – der Prinz. Er ist die männliche Version der Model-Tochter. Er hat gelernt zu glänzen. Charme, Aussehen, Auftritt. Er ist der Mann, der bei Frauen ankommt, aber selbst keinen Halt hat. Bindungsschwach, immer auf der Suche nach der nächsten Bestätigung.

Zweitens – der Weltverbesserer. Er bekämpft das Patriarchat – also seinen eigenen Vater, projiziert auf die Welt. Er ist im sozialen Bereich, im Aktivismus, im Helfen. Er meint es ernst, und er hilft oft wirklich. Aber er kommt nie bei sich selbst an, weil er ständig rettet.

Drittens – der Erleuchtete. Er flieht in die Spiritualität. In die Meditation, in den Buddhismus, in die Selbsterfahrung. Er sucht den geistigen Vater, weil er den realen nicht hatte. Auch das kann fruchtbar sein. Aber wenn es Flucht ist, ist es nur eine andere Form der Vermeidung.

Viertens – der Steppenwolf. Er hat den Vater abgehakt und sich entschieden, allein zu leben. Er ist der einsame Wolf, der niemanden braucht. Stark in seiner Isolation. Und unfähig zu echter Bindung, weil sie für ihn Verletzlichkeit bedeutet.

Auch hier – alle vier Typen sind Versuche, mit einer Vaterwunde zu leben. Alle vier Typen funktionieren auf ihre Weise. Und alle vier sehen aus wie eine Identität – aber sie sind eigentlich eine Verteidigung.

Der Bezug zu Borderline und Narzissmus – sehr konkret

Jetzt komme ich zum klinischen Kern dieses Vortrags. Wenn Du betroffen bist – als Borderlinerin, als jemand mit einer narzisstischen Struktur, oder als Angehöriger – dann ist das hier wichtig.

Borderline entsteht in den ersten zwei bis vier Lebensjahren. Es entsteht aus einer Kombination zweier Faktoren. Erstens eine biologische Vulnerabilität – eine angeborene hohe Empfindsamkeit, ein dünneres Häutchen. Zweitens ein invalidierendes Umfeld – ein Umfeld, das dem Kind das, was es fühlt und braucht, nicht spiegelt, nicht bestätigt, nicht reguliert.

Was ist ein invalidierendes Umfeld? In der überwältigenden Mehrheit der Borderline-Geschichten, die ich höre, ist es eine Konstellation aus genau dem, worüber wir heute geredet haben. Eine überforderte oder kalte Mutter. Ein abwesender, schwacher oder bedrohlicher Vater. Oder beides gleichzeitig. Manchmal kommt frühe körperliche oder sexuelle Gewalt dazu – das ist die schwerste Form. Aber auch ohne Gewalt kann ein Kind so weit invalidiert werden, dass die Bindungsentwicklung gestört bleibt.

Das, was wir später Borderline nennen, ist im Kern eine Identitätsstörung. Der Borderliner und die Borderlinerin wissen nicht stabil, wer sie sind. Sie spalten – heute liebe ich Dich, morgen hasse ich Dich. Sie haben keine konsistente Selbstwahrnehmung. Sie kompensieren die innere Leere mit Drama, mit Substanzen, mit Beziehungschaos, mit Selbstverletzung.

Und der Schlüssel zur Heilung – jetzt sage ich was, was viele in der DBT-Tradition vielleicht so direkt nicht sagen würden – der Schlüssel liegt in der Nachholung von Identitätsentwicklung. Und ein zentraler Teil dieser Identitätsentwicklung ist die geschlechtliche Identität. Die Frage: Wer bin ich als Frau? Wer bin ich als Mann? Diese Frage wurde in der Kindheit nicht beantwortet. Sie muss jetzt nachgeholt werden.

Beim Narzissten ist es ähnlich, aber etwas anders. Der Narzisst hat oft einen Vater erlebt, der ihn überhöht hat – ohne ihn wirklich zu sehen. Oder eine Mutter, die ihn als Verlängerung ihrer eigenen verletzten Würde benutzt hat. Der Narzisst hat keine echte innere Substanz aufbauen können, weil er nie als Person gespiegelt wurde, sondern immer nur als Funktion. Deshalb braucht er ständig den Spiegel von außen. Deshalb ist er so verletzlich, wenn der Spiegel mal nicht da ist – dann kollabiert er.

Der verdeckte Narzissmus, gerade bei Frauen, ist klinisch oft schwer von Borderline zu unterscheiden. Beide haben die zerbrochene Identität. Beide haben die innere Leere. Der Unterschied ist die Strategie. Der Borderliner zeigt seine Wunde offen. Der verdeckte Narzisst versteckt sie hinter Opferrolle, hinter spiritueller Überlegenheit, hinter chronischer Beleidigtheit.

Die vaterlose Gesellschaft

Ich will an dieser Stelle einen gesellschaftlichen Punkt machen, weil er wichtig ist. Wir leben in einer vaterlosen Gesellschaft. Das ist nicht meine Behauptung allein, das ist seit Mitscherlich in den sechziger Jahren ein Topos der Soziologie und Psychologie.

Vaterlosigkeit hat in unserer Generation Dimensionen erreicht, die historisch beispiellos sind. Etwa ein Fünftel der Kinder in Deutschland wächst real ohne Vater auf. Ein viel größerer Teil wächst mit Vätern auf, die emotional nicht greifbar sind. Bei Trennungen verliert in vielen Fällen der Vater den Kontakt zum Kind weitgehend – oft nicht freiwillig, sondern als Folge einer Justizpraxis, die immer noch sehr mütterzentriert urteilt.

Das hat Konsequenzen. Eine Gesellschaft, die ihren Söhnen die Väter nimmt, produziert verlorene Männer. Sie produziert Männer, die auf der Suche nach Vatern in falschen Identifikationen landen – in Männerphantasien aus Filmen, in toxischen Subkulturen, in Influencern, die behaupten, ihnen Männlichkeit zu erklären. Und sie produziert Frauen, deren männliches Gegenüber innerlich nicht ausgereift ist.

Ich sage das nicht aus Nostalgie. Ich sage das aus klinischer Beobachtung. Wenn Du Dich fragst, warum die jungen Generationen so stark mit Identitätsproblemen, Persönlichkeitsstörungen, Beziehungsstörungen kämpfen – ein wesentlicher Teil der Antwort ist die strukturelle Vaterlosigkeit, in der sie aufgewachsen sind.

Was Heilung an dieser Stelle bedeutet

Wenn Du jetzt zuhörst und Dich wiedererkannt hast – als Mr. Nice Guy, als Karriere-Frau, als Steppenwolf, als Rebellin – dann fragst Du Dich vermutlich: Und jetzt? Was mache ich damit?

Heilung an dieser Stelle ist nicht das, was viele denken. Heilung ist nicht, der Mutter oder dem Vater die Schuld zu geben und ihnen die Beziehung zu kündigen. Das ist manchmal ein notwendiger Zwischenschritt – wenn Eltern toxisch sind, wenn keine Veränderung möglich ist, dann ist Distanz angemessen. Aber Distanz ist nicht das Ziel.

Heilung ist Versöhnung – im therapeutischen Sinn. Versöhnung heißt nicht: Ich tue, als wäre nichts gewesen. Versöhnung heißt: Ich sehe, was war. Ich sehe, was meine Mutter geben konnte und was nicht. Ich sehe, was mein Vater geben konnte und was nicht. Ich erkenne die Verletzungen, die daraus entstanden sind. Und ich nehme sie als meine Geschichte an, ohne weiter Opfer zu sein.

In der Praxis sieht das so aus: Du gehst durch die Trauer. Du betrauerst, was Du nicht bekommen hast. Du betrauerst den Vater, der nie da war. Die Mutter, die nie wirklich da sein konnte. Du lässt die Wut zu, die da ist – nicht, um sie auf die Eltern zu richten, sondern um sie überhaupt zu spüren. Und am Ende kommst Du an einen Punkt, an dem Du sagen kannst: Es war so. Es ist nicht mehr so. Ich gehe weiter.

Das ist Arbeit. Das passiert nicht an einem Wochenende. Das ist meistens jahrelange therapeutische Arbeit. Aber es ist möglich. Und es ist der einzige Weg, der wirklich frei macht. Alles andere ist Symptombehandlung.

Die Linie der Männer und die Linie der Frauen

Ich will diesen Vortrag mit einem Bild abschließen, das in vielen alten Kulturen verbreitet war und das ich therapeutisch sehr nützlich finde.

Stell Dir vor, Du stehst nicht allein. Hinter Dir stehen Deine Eltern. Hinter Deinen Eltern stehen Deine Großeltern. Hinter Deinen Großeltern stehen Deine Urgroßeltern. Und so weiter. Eine lange Reihe.

Wenn Du ein Mann bist, hast Du eine Linie von Männern hinter Dir – Vater, Großvater, Urgroßvater. Eine Vaterlinie. Wenn Du eine Frau bist, hast Du eine Linie von Frauen hinter Dir – Mutter, Großmutter, Urgroßmutter. Eine Mutterlinie.

Diese Linien sind real, auch wenn Du sie selten bewusst spürst. Sie sind in Deinem Körper, in Deinen Genen, in Deinen Mustern. Und sie können entweder eine Last sein oder eine Kraft.

Wenn die Linie verletzt ist – wenn da Krieg, Flucht, Missbrauch, Schweigen, Verleugnung war – dann ist sie eine Last. Sie wirkt wie ein dunkler Schatten, der Dich beschwert. Wenn die Linie aber heilen kann – durch Erkennen, durch Trauer, durch Versöhnung – dann wird sie zur Kraft. Du stehst nicht mehr allein. Du stehst auf den Schultern dieser Linie.

Therapeutisch nutze ich dieses Bild oft. Und ich sehe, dass Menschen, die sich mit ihrer Linie versöhnen, eine andere Stabilität bekommen. Sie sind weniger ausgeliefert. Sie wissen, woher sie kommen. Und damit wissen sie auch besser, wer sie sind.

Zwischenfazit

Lass mich die wichtigsten Punkte des zweiten Vortrags zusammenfassen, bevor wir zum nächsten Vortrag überleiten.

Erstens: Die Mutter ist die erste Liebe und die erste Schule der Beziehung. Glucke und Rabenmutter sind die zwei Pole, an denen Bindung beschädigt wird – und beide Muster sehen wir bei Borderline und Narzissmus immer wieder.

Zweitens: Die Abnabelung verläuft für Söhne und Töchter unterschiedlich. Söhne brauchen den Vater, der sie aus der Mutter zieht. Töchter brauchen die Mutter, die ihre Weiblichkeit nicht abgewertet hat. Wo das fehlt, entstehen Mr. Nice Guys und vermännlichte Frauen.

Drittens: Der Vater ist nicht die zweite Mutter. Er hat eine eigene, andere Funktion. Wo er fehlt – real oder emotional – entsteht Vaterhunger. Und Vaterhunger ist ein zentraler Faktor in der Entstehung der modernen Identitätsstörungen.

Viertens: Heilung ist möglich, aber sie geht durch Trauer und Versöhnung. Es gibt keine Abkürzung. Wer es sich leichter machen will, bezahlt am Ende mit weiteren Beziehungen, die scheitern.

Heute haben wir die Wurzeln angeschaut. Wir haben gesehen, woher die Verwirrung kommt. Wir haben verstanden, warum so viele Männer und Frauen heute so sind, wie sie sind. Aber die Vergangenheit ist nicht das Urteil. Wenn die Geschichte alles entscheiden würde, wäre Therapie sinnlos. Sie ist es nicht. Wir sehen jeden Tag in der Praxis, dass Menschen aus diesen Mustern herauswachsen können. Dass aus einem Muttersöhnchen ein Mann werden kann. Dass aus einer Karrierefrau eine Frau werden kann, die weich sein kann, ohne sich zu verlieren. Der Weg dahin heißt Reifung.

Vortrag 3 – Reifung: vom Jungen zum Mann, vom Mädchen zur Frau

Schön, dass Du wieder da bist. Wir sind in der Halbzeit der Reise.

Im ersten Vortrag haben wir die Diagnose gestellt. Mr. Nice Guy. Vermännlichte Frau. Das verschwundene Magnetfeld zwischen den Geschlechtern. Und der Bezug zu Borderline und Narzissmus.

Im zweiten Vortrag sind wir an die Wurzeln gegangen. Mutter und Vater. Glucke und Rabenmutter. Vaterhunger. Die vaterlose Gesellschaft. Wir haben gesehen, dass kein Mensch zufällig zu dem wird, was er ist.

Heute kommt der Wendepunkt. Heute reden wir über Reifung. Über das, was möglich ist. Über die Frage, wie aus einem Jungen ein Mann wird – und aus einem Mädchen eine Frau. Nicht im biologischen Sinn, das passiert von allein. Sondern im psychologischen Sinn.

Das ist der konstruktive Vortrag der Reihe. Heute geht es nicht mehr darum, was schiefläuft. Heute geht es darum, was zu tun ist.

Eine Vorbemerkung gleich am Anfang. Wir reden heute über Archetypen. Über innere Bilder, über Urbilder, die in jedem Mann und in jeder Frau angelegt sind. Das ist kein Esoterik-Vortrag. Das sind keine Tarotkarten. Archetypen sind ein psychologisches Konzept, das auf Carl Gustav Jung zurückgeht und in der modernen Tiefenpsychologie wie auch in der Männerarbeit und Frauenarbeit fest verankert ist. Sie sind, wenn Du so willst, die Grundstrukturen der Seele. Und sie sind in der Therapie sehr nützlich, weil sie uns helfen, innere Anteile zu sortieren, die sonst chaotisch nebeneinander herlaufen.

Was Reifung überhaupt bedeutet

Lass mich mit einer Klärung anfangen. Was meine ich, wenn ich von Reifung rede?

Reifung ist nicht Erwachsensein im rechtlichen Sinne. Mit achtzehn bist Du Erwachsener. Aber das macht Dich nicht zum Mann. Reifung ist auch nicht Älterwerden. Du kannst sechzig sein und immer noch ein Junge im Kopf. Ich sehe das oft in meiner Praxis – Männer in den Vierzigern, Fünfzigern, manchmal Sechzigern, die in der Beziehungsdynamik immer noch wie Söhne agieren. Die ihre Frau immer noch wie eine Mutter behandeln. Die nie Verantwortung für ihre eigenen Gefühle übernommen haben.

Reifung im psychologischen Sinn ist etwas anderes. Reifung heißt: Du hast die Verantwortung für Dein Leben übernommen. Du gibst sie nicht mehr ab. Nicht an die Eltern, nicht an die Partnerin, nicht an die Umstände. Reifung heißt, Du hast eine eigene Position. Du weißt, wer Du bist. Du weißt, was Du willst. Und Du weißt auch, was Du nicht willst – und kannst dazu Nein sagen, ohne Dich zu rechtfertigen.

Reifung heißt für den Mann: Er ist im männlichen Pol angekommen. Er lebt aus seiner männlichen Energie. Aber er hat auch Zugang zu seinem Herzen, zu seinen Gefühlen, zu seiner inneren Anima. Er ist ganz.

Reifung heißt für die Frau: Sie ist im weiblichen Pol angekommen. Sie lebt aus ihrer weiblichen Energie. Aber sie hat auch Zugang zu ihrer Stärke, zu ihrer Klarheit, zu ihrem inneren Animus. Sie ist ganz.

Beides ist möglich. Beides ist erarbeitbar. Aber beides geht nicht von allein.

Warum unsere Gesellschaft die Initiation verloren hat

In allen traditionellen Kulturen, die die Anthropologen je untersucht haben, gab es etwas, das wir Initiation nennen. Initiation ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Es ist ein Ritual, manchmal eine Prüfung, manchmal eine längere Phase, in der ein Junge zum Mann gemacht wird oder ein Mädchen zur Frau.

Diese Initiationen hatten alle dieselbe Grundstruktur. Es gab einen Bruch. Das Kind wurde aus seiner gewohnten Welt herausgenommen. Es erlebte etwas Schwieriges, oft Schmerzhaftes, manchmal Gefährliches. Es wurde von älteren Männern oder älteren Frauen begleitet. Und am Ende kam es als ein anderes Wesen zurück. Es war nun ein Mann oder eine Frau.

Was diese Rituale geleistet haben: Sie haben dem jungen Menschen eine klare Antwort auf die Frage gegeben – wer bin ich jetzt? Wer ich vorher war, ist vorbei. Ich bin jetzt etwas anderes. Ich gehöre jetzt zu einer Gemeinschaft.

Unsere moderne Gesellschaft hat diese Initiationen verloren. Was haben wir stattdessen? Wir haben den Führerschein. Den ersten Vollrausch. Das erste Tattoo. Den Schulabschluss. Das ist alles nichts. Das macht aus einem Jungen keinen Mann und aus einem Mädchen keine Frau. Es macht ihn zu jemandem, der jetzt Auto fahren darf.

Und genau hier ist eine der zentralen Wunden unserer Zeit. Eine ganze Generation kommt nie wirklich an. Sie bleibt in einer Art ewigem Übergang stecken. Die Männer bleiben Söhne. Die Frauen bleiben Töchter. Sie altern, aber sie reifen nicht.

Und – das ist der klinische Punkt – das ist einer der Gründe, warum Persönlichkeitsstörungen wie Borderline so zugenommen haben. Borderline ist im Kern eine ungelöste Identitätsfrage. Eine Frage, die in einer Kultur mit Initiationsritualen nicht offen geblieben wäre. Die heute offen bleibt.

Initiation heute – wie sie aussehen kann

Heißt das, wir sollen wieder Initiationsrituale machen? Therapeutische Männerwochenenden im Wald, Frauenkreise mit Trommeln und Vollmondzeremonien? Manche tun das, und ich finde das nicht falsch. Aber das ist nicht die einzige Antwort.

Initiation heute kann viele Formen haben. Sie kann eine Therapie sein. Sie kann eine schwere Krise sein, die Du durchstehst. Sie kann ein Auslandsaufenthalt sein, eine Pilgerschaft, ein Sabbatical, eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Was alle diese Formen gemeinsam haben müssen, damit sie initiatorisch wirken: Es muss einen Bruch geben. Es muss etwas zurückgelassen werden. Und es muss etwas Neues genommen werden.

In meiner Praxis erlebe ich Therapie oft genau so. Wenn jemand wirklich tief geht – nicht nur an der Symptomatik arbeitet, sondern an der eigenen Geschichte – dann passiert Initiation. Es ist nicht romantisch. Es ist meistens schmerzhaft. Aber am Ende kommt jemand anderes raus, als reingegangen ist.

Für die meisten heißt das: Du wirst Dein Initiationserlebnis nicht in einem Ritual bekommen. Du wirst es Dir nehmen müssen. Du wirst irgendwann den Punkt erreichen, an dem Du sagst: Bis hierher und nicht weiter. So lebe ich nicht weiter. Und dann passiert der Bruch. Den können andere begleiten – ein Therapeut, ein Coach, ein Mentor. Aber gehen musst Du ihn selbst.

Die vier Archetypen des Mannes

Ich komme zu den Archetypen. Beginnen wir mit den männlichen. In der modernen Männerarbeit – und ich beziehe mich hier vor allem auf das Modell von Robert Moore und Doug Gillette und auf die deutsche Männerarbeit von Björn Thorsten Leimbach – werden vier männliche Archetypen unterschieden. Vier Energien, die in jedem Mann angelegt sind und die er entwickeln muss, um ganz zu werden.

Die vier sind: der Liebhaber. Der Krieger. Der König. Der Magier.

Ich gehe sie kurz durch. Du wirst Dich in jedem von ihnen mehr oder weniger wiederfinden – meistens ist einer stark ausgeprägt, andere unterentwickelt. Die Aufgabe der Reifung ist, alle vier zu integrieren.

Der Liebhaber

Der Liebhaber ist die Energie der Sinnlichkeit, der Verbindung, des Genießens. Der Liebhaber spürt seinen Körper. Er spürt die Welt. Er kann sich freuen. Er kann lieben. Er kann begehren. Er ist mit seinem Herzen verbunden.

Ein Mann ohne Liebhaber-Energie ist abgeschnitten. Er funktioniert, aber er fühlt nicht. Er hat keinen Genuss am Leben. Er hat oft auch keine Sexualität, die wirklich lebendig ist. Er ist ein wandelnder Kopf, der einen Körper mit sich herumträgt. Diese Männer sind in unserer Gesellschaft sehr verbreitet. Sie sitzen am Schreibtisch, sie funktionieren in der Familie, aber sie sind innerlich tot.

Ein Mann mit zu viel Liebhaber-Energie und zu wenig anderen Polen ist allerdings auch problematisch. Er ist der ewige Genießer, der ewige Verführer, der nie Verantwortung übernimmt. Er sucht in jeder Beziehung das nächste Hochgefühl. Das ist ein gestörter Liebhaber.

In klinischer Sprache: Der Liebhaber ist ungefähr das, was wir die Fähigkeit zur affektiven Resonanz nennen. Sie ist bei vielen Borderlinern überflutet, bei vielen Männern mit Schizoid-Anteilen abgeschnitten. Beide Pole sind krank.

Der Krieger

Der Krieger ist die Energie der Aggression, der Klarheit, der Durchsetzung. Achtung – ich rede hier von Aggression im positiven Sinn. Aggression kommt vom lateinischen aggredi: herangehen. Es ist die Energie, die Dich morgens aus dem Bett bringt. Die Dich Dinge anpacken lässt. Die Dich für Deine Position einstehen lässt.

Der Krieger zieht eine Linie. Er sagt Nein. Er kämpft für das, was ihm wichtig ist. Er hat einen klaren Kompass. Er beschützt das, was er liebt – seine Familie, seine Werte, sich selbst.

Ein Mann ohne Krieger-Energie ist der Mr. Nice Guy aus dem ersten Vortrag. Er hat keine Position. Er hält keine Spannung aus. Er weicht jedem Konflikt aus. Er kann nicht Nein sagen, ohne sich schuldig zu fühlen. Diese Männer sehen wir massenhaft in den Praxen – meistens kommen sie, weil ihre Frauen sie nicht mehr respektieren.

Ein Mann mit zu viel Krieger-Energie und zu wenig Herz ist der gewalttätige Macho. Er ist Aggression ohne Liebe. Er kämpft, aber er kämpft destruktiv. Er ist in der antisozialen Persönlichkeitsstruktur zu Hause. Auch das ist eine Pathologie – aber eine andere als die des Mr. Nice Guy.

Was wir wollen, ist der Krieger im Dienst des Herzens. Den Mann, der kämpfen kann, weil er etwas zu schützen hat. Das ist der Kern dessen, was Leimbach den Herzenskrieger nennt – ein Begriff, den ich für unglaublich nützlich halte. Ein Mann mit Krieger-Energie und Herz-Zugang. Beides. Nicht Macho, nicht Mr. Nice Guy. Sondern integriert.

Der König

Der König ist die Energie der Verantwortung, der Ordnung, der Vision. Der König kümmert sich um sein Reich. Er sorgt für die Menschen, die zu ihm gehören. Er hat einen Überblick. Er trifft Entscheidungen. Er trägt Last.

Wenn Du in einer Familie der Vater bist, brauchst Du König-Energie. Du musst Verantwortung übernehmen für etwas, das größer ist als Du selbst. Wenn Du in einem Beruf führst, brauchst Du König-Energie. Du musst nicht nur an Dich denken, sondern an die Menschen, die Dir folgen.

Ein Mann ohne König-Energie ist der ewige Junge. Er trägt nichts. Er entscheidet nichts. Er lässt sich treiben. In modernen Beziehungen ist diese Schwäche überall sichtbar – Männer, die ihre Partnerin alle Entscheidungen treffen lassen, die nie eine Richtung vorgeben, die sich um ihre Männlichkeit drücken. Das fördert beim Partner Frust und Verachtung.

Ein Mann mit zu viel König und zu wenig Liebhaber ist der kalte Patriarch. Er hat Verantwortung, aber kein Mitgefühl. Er kontrolliert, aber er liebt nicht. Auch das ist eine Pathologie – im narzisstischen Bereich angesiedelt.

Der reife König trägt Verantwortung mit Wärme. Er entscheidet, ohne zu kontrollieren. Er führt, ohne zu unterdrücken.

Der Magier

Der vierte Archetyp ist der Magier. Er ist die Energie des Wissens, der Reflexion, der Intuition. Der Magier kann zurücktreten. Er kann beobachten. Er kann verstehen, was unter der Oberfläche liegt. Er hat Zugang zu seiner inneren Stimme.

In der Therapie nennen wir das Mentalisierung – die Fähigkeit, sich selbst und andere als Wesen mit innerer Welt wahrzunehmen. Diese Fähigkeit ist bei vielen Persönlichkeitsstörungen reduziert. Borderliner haben oft eine eingeschränkte Mentalisierungsfähigkeit, vor allem in emotionalen Stresssituationen. Sie können dann nicht mehr aus der Distanz auf sich schauen. Alles wird sofort konkret und absolut.

Ein Mann ohne Magier-Energie ist im Modus des Reagierens. Er reagiert auf das, was passiert, ohne zu reflektieren. Er ist getrieben von seinen Impulsen. Er hat keine Selbstdistanz.

Ein Mann mit zu viel Magier und zu wenig anderen Polen ist der ewige Beobachter. Er reflektiert alles, aber er handelt nichts. Er ist im Kopf, aber nicht im Leben. Das sehen wir oft bei sehr intellektuellen Männern, die ihr ganzes Leben lang an sich arbeiten – und nie ankommen.

Der reife Magier hat Zugang zur inneren Weisheit. Er kann reflektieren, ohne sich darin zu verlieren. Er kann handeln aus Reflexion, statt aus Reflex.

Die vier Energien zusammen – der Herzenskrieger

Der ganze Mann ist der, der alle vier Archetypen integriert hat. Er hat Liebhaber-Energie – er ist mit dem Körper, mit dem Herzen, mit der Sinnlichkeit verbunden. Er hat Krieger-Energie – er kann eine Position halten, kämpfen, durchsetzen. Er hat König-Energie – er trägt Verantwortung für sein Leben und für die Menschen, die zu ihm gehören. Und er hat Magier-Energie – er kann reflektieren, beobachten, verstehen.

Wenn Du diese vier Energien in Dir hast und sie zusammenarbeiten – dann bist Du ein Mann. Dann brauchst Du Dir keine Sorgen um Deine Männlichkeit zu machen. Sie ist dann da. Sie ist nicht laut. Sie schreit nicht ihre Männlichkeit in die Welt. Aber sie wirkt. Frauen spüren sie. Männer spüren sie auch.

Wenn Du eine oder mehrere dieser Energien in Dir nicht entwickelt hast – und das ist die Regel, nicht die Ausnahme – dann ist das Deine Aufgabe. Frag Dich: Welche dieser vier ist bei mir gut entwickelt? Welche fehlt? Und wie kann ich die fehlende entwickeln?

Das ist die Arbeit des Mannes. Das ist die Reifung. Sie geht ein Leben lang. Aber sie kann jederzeit anfangen.

Die vier Archetypen der Frau

Jetzt zu den Frauen. Die weiblichen Archetypen sind in der populären Literatur weniger einheitlich beschrieben als die männlichen. Ich nutze ein Modell, das ich aus der Arbeit von Astrid Leila Bust und anderen Tiefenpsychologinnen synthetisiert habe und in meiner Praxis als nützlich erlebt habe. Auch hier vier Energien.

Die vier sind: die Mutter. Die Geliebte. Die Heilerin. Die Weise.

Auch hier gilt – jede Frau hat alle vier in sich angelegt. Meistens ist eine stark, andere sind unterentwickelt. Reifung heißt, alle vier zu integrieren.

Die Mutter

Die Mutter ist die Energie des Nährens, des Haltens, des Sorgens. Eine Frau mit Mutter-Energie kann Leben hervorbringen – buchstäblich, wenn sie Kinder bekommt, aber auch im weiteren Sinn. Sie kann Räume schaffen, in denen Menschen sich entfalten. Sie kann einen Tisch decken, der Heimat bedeutet. Sie kann da sein, ohne dass es ein Akt von Heroismus wird.

Eine Frau ohne Mutter-Energie ist abgeschnitten von etwas Wesentlichem. Sie kann sich nicht hingeben. Sie kann nicht halten. Sie kann oft auch nicht wirklich Mutter sein, wenn Kinder da sind – sie funktioniert, aber sie nährt nicht.

Eine Frau mit zu viel Mutter und zu wenig anderen Polen wird zur Glucke aus dem letzten Vortrag. Sie zerdrückt das, was sie liebt, durch zu viel Sorge. Sie macht sich für ihre Kinder, ihren Mann, ihre Familie zur Selbstaufgebenden. Und verschwindet selbst dabei.

Die Geliebte

Die Geliebte ist die Energie der Sinnlichkeit, der Erotik, des weiblichen Begehrens. Eine Frau mit Geliebten-Energie ist mit ihrem Körper verbunden. Sie kann genießen. Sie kann empfangen. Sie kann wirken, ohne sich anzustrengen. Sie weiß um ihre Anziehungskraft – ohne sie als Waffe zu missbrauchen.

Eine Frau ohne Geliebten-Energie ist asexuell, leblos. Sie hat sich von ihrem Körper getrennt. Oft ist das eine Folge früher sexualisierter Verletzungen, oder einer Mutter, die ihre eigene Sexualität abgespalten hatte und es weitergegeben hat. Diese Frauen finden Sexualität schwierig, manchmal abstoßend, oft pflichtgemäß. Sie haben den Zugang verloren.

Eine Frau mit zu viel Geliebten-Energie und zu wenig anderen Polen ist die Verführerin, die ihre Anziehung als einzige Macht einsetzt. Sie kann sich nicht binden. Sie braucht ständig die Bestätigung der eigenen Wirkung. Auch das ist eine Pathologie – im hysterischen oder narzisstischen Bereich.

Die reife Geliebte ist eine Frau, die ihre Erotik als selbstverständlichen Teil ihres Selbst lebt. Nicht als Show. Nicht als Versteck. Sondern als Lebenskraft.

Die Heilerin

Die Heilerin ist die Energie der Empathie, der Resonanz, der Heilung. Eine Frau mit Heilerin-Energie kann andere Menschen wirklich sehen. Sie kann zuhören. Sie kann mitfühlen, ohne mitzuleiden. Sie hat einen feinen Sinn für das, was Heilung braucht.

Frauen mit ausgeprägter Heilerin-Energie finden sich oft in helfenden Berufen wieder – Therapie, Pflege, Pädagogik. Das ist gut, solange die anderen Pole auch entwickelt sind. Wenn nicht, wird daraus ein Helfersyndrom. Die Frau lebt ihre eigene unbearbeitete Wunde durch das Heilen anderer und brennt aus.

Eine Frau ohne Heilerin-Energie wirkt hart, kalt, unempfindlich. Sie kann mit den Wunden anderer wenig anfangen. Oft hat sie die eigenen Wunden so weit weggepackt, dass sie an die der anderen auch nicht mehr ran kommt.

Die Weise

Die vierte Energie ist die Weise. Sie entspricht dem männlichen Magier. Sie ist die Energie der inneren Stimme, der Intuition, des Wissens, das nicht aus dem Kopf kommt. Eine Frau mit Weisen-Energie hat Zugang zu einer Tiefe, die jenseits der schnellen Erklärungen liegt.

In allen alten Kulturen gab es die weisen alten Frauen. Die Heilerinnen, die Hebammen, die Seherinnen, die Großmütter. Sie hatten eine besondere Stellung. Sie waren nicht mehr im Funktionieren – sie waren im Sehen. Diese Rolle hat unsere Gesellschaft fast vollständig verloren. Alte Frauen werden bei uns oft unsichtbar gemacht. Das ist ein Verlust.

Eine Frau ohne Weise-Energie ist ständig im Außen. Sie ist getrieben, reaktiv, abhängig von Bestätigung. Sie hat keinen inneren Kompass.

Die reife Weise ist eine Frau, die in sich ruht. Die nicht mehr alles braucht. Die wartet, statt zu jagen. Die sieht, statt zu rennen.

Die geerdete Weiblichkeit

Wenn alle vier Energien in einer Frau zusammen sind – Mutter, Geliebte, Heilerin, Weise – dann entsteht etwas, das ich gerne die geerdete Weiblichkeit nenne. Es ist ein Begriff, den auch Astrid Leila Bust nutzt, und ich finde ihn wunderbar präzise.

Geerdete Weiblichkeit ist eine Frau, die in sich steht. Die nährt, ohne sich aufzuopfern. Die erotisch ist, ohne sich zu verkaufen. Die mitfühlt, ohne mitzuleiden. Die weise ist, ohne sich abzuheben. Sie ist ganz.

Das ist nicht die Frau aus den Frauenmagazinen. Das ist nicht die optimierte Frau, die alles richtig macht. Das ist eine Frau, die in sich ruht. Die nicht ständig irgendwo hin muss. Die einen Mann anziehen kann, weil sie selber in ihrem Pol steht. Die anderen Frauen Halt geben kann, weil sie selber Halt hat.

Diese Frau gibt es. Ich kenne sie aus meiner Praxis. Aber sie ist selten. Und der Weg dorthin ist kein einfacher. Er führt durch alles, was wir in den letzten beiden Vorträgen besprochen haben – durch die Auseinandersetzung mit der Mutter, durch die Heilung der Vaterwunde, durch die Trauer über das, was nicht war.

Die Heldenreise

Ich will Dir noch ein Bild mitgeben, das in der Therapie und in der Männer- und Frauenarbeit oft genutzt wird. Es kommt von dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell. Er hat das Konzept der Heldenreise entwickelt. Es beschreibt das Grundmuster jeder ernsthaften Reifung – egal in welcher Kultur.

Die Heldenreise hat mehrere Stationen. Ich nenne Dir die wichtigsten.

Erste Station – der Ruf. Etwas in Deinem Leben fängt an zu brennen. Eine Krise, eine Krankheit, eine Trennung, eine innere Unruhe. Du spürst: So nicht weiter.

Zweite Station – die Verweigerung. Du willst den Ruf nicht hören. Du tust, als wäre nichts. Das kann Jahre dauern. Manchmal ein Leben.

Dritte Station – der Aufbruch. Irgendwann gehst Du. Du verlässt das Bekannte. Das kann äußerlich sein – eine Trennung, ein Berufswechsel. Es kann auch innerlich sein – Du beginnst eine Therapie, Du gehst durch eine ehrliche Krise.

Vierte Station – die Prüfungen. Auf dem Weg begegnest Du dem, was Du vorher vermieden hast. Den eigenen Schatten. Den eigenen Ängsten. Der eigenen Trauer. Hier wäre eine Therapie das, wo Du diese Prüfungen begleitet durchgehst.

Fünfte Station – die innere Wandlung. Du wirst ein anderer. Es gibt nicht den großen Moment. Es ist meistens ein Prozess. Aber irgendwann merkst Du: Ich bin nicht mehr der oder die, die ich war. Ich reagiere anders. Ich fühle anders. Ich entscheide anders.

Sechste Station – die Rückkehr. Du gehst zurück in Dein Leben – aber mit dem, was Du gewonnen hast. Du kommst nicht als der zurück, der weggegangen ist. Du kommst als jemand zurück, der etwas zu geben hat.

Diese sechs Stationen kannst Du in jeder ernsthaften Therapie wiederfinden. In jeder echten Reifung. In jedem Lebenswandel, der wirklich greift. Wenn Du wissen willst, wo Du in Deiner eigenen Reifung gerade stehst – frag Dich, an welcher Station bist Du? Hast Du den Ruf gehört? Hast Du ihn verweigert? Bist Du aufgebrochen? Bist Du in den Prüfungen?

Was Reifung mit Borderline und Narzissmus zu tun hat

Lass mich kurz noch klinisch werden, weil viele genau wegen dieser Themen hier sind.

Borderline und Reifung – das ist ein heikles Thema. Lange Zeit galt Borderline als therapierbar, aber nicht heilbar. Inzwischen wissen wir aus der Langzeitforschung, dass sich die Symptomatik bei vielen Borderlinern im Laufe des Lebens deutlich bessert. Etwa zwei Drittel erreichen über die Jahre eine Remission der akuten Symptome. Das ist eine gute Nachricht.

Aber – und das ist der entscheidende Punkt – Symptomremission ist nicht Heilung. Heilung wäre die Entwicklung einer stabilen Identität. Die Entwicklung der vier Archetypen, von denen ich heute geredet habe. Und das passiert eben nicht automatisch. Das ist Reifungsarbeit, die in der DBT-Standardtherapie eher am Rand vorkommt. Die DBT lehrt Dich Skills – wie Du mit emotionalem Stress umgehst, wie Du Krisen überlebst. Das ist gut und wichtig. Aber sie macht Dich noch nicht zum Mann oder zur Frau.

Bei Narzissmus ist es ähnlich. Der Narzisst hat eine ausgeprägte Schau-Identität, aber keine echte. Sein König ist eine Karikatur. Sein Magier ist taktisch. Sein Liebhaber ist Selbstbespiegelung. Sein Krieger ist Aggression ohne Herz. Wenn ein Narzisst überhaupt heilen will – und das ist selten, weil die Krankheitseinsicht meist fehlt – dann muss er die Archetypen echt entwickeln. Er muss aus der Performance in die Substanz.

Und für die Angehörigen – wenn Du eine Beziehung zu einem Borderliner oder Narzissten hast oder hattest – ist diese Reifung Deine Aufgabe für Dich selbst. Nicht für ihn. Du kannst ihn nicht reif machen. Du kannst nur reif werden. Und dann wirst Du auch andere Beziehungen finden, oder die alte transformieren, oder erkennen, dass sie nicht mehr Deine ist.

Reifung kann jederzeit beginnen

Ich will den Vortrag mit etwas Hoffnungsvollem schließen. Reifung ist nicht an ein Alter gebunden. Reifung kann mit zwanzig anfangen. Sie kann mit fünfzig anfangen. Sie kann mit siebzig anfangen, wenn jemand erst da merkt, dass er sein Leben lang nicht zu sich gekommen ist.

Ich habe Klienten gehabt, die haben mit über sechzig zum ersten Mal angefangen, ihre Vaterwunde zu betrauern. Es war erschütternd. Es war heilend. Es hat ihre letzten zwanzig Lebensjahre verändert.

Das gilt für Dich auch. Ganz egal, wo Du gerade bist. Wenn Du in Dir spürst, dass etwas nicht stimmt, dass Du irgendwo nicht angekommen bist, dass Du nicht ganz bist – dann ist das ein Anfang. Das ist der Ruf. Du musst ihn nur ernst nehmen.

Aber Reifung allein ist noch nicht das Ziel. Reifung ist die Voraussetzung. Die Voraussetzung wofür? Wofür wir das alles tun, wofür wir uns durch unsere Geschichte arbeiten, wofür wir die fehlenden Archetypen entwickeln – ist die Begegnung. Die echte Begegnung mit einem anderen Menschen. Die gelingende Beziehung.

Vortrag 4 – Die Begegnung: Polarität, Erotik und gelingende Liebe

Schön, dass Du den Weg bis hierher mit mir gegangen bist. Heute ist der vierte und letzte Abschnitt der Reihe. Heute kommt zusammen, was bisher auseinandergehen musste.

Im ersten Vortrag haben wir die Diagnose gestellt. Im zweiten sind wir an die Wurzeln gegangen, an Mutter und Vater. Im dritten haben wir über Reifung gesprochen, über die männlichen und weiblichen Archetypen. Heute reden wir über das, wofür das alles war – die Begegnung.

Die echte Begegnung zwischen einem reifen Mann und einer reifen Frau. Das, was zwischen zwei Menschen möglich wird, die in sich selbst stehen. Erotik. Tiefe. Auseinandersetzung. Treue. Spiel. Liebe, die hält.

Und am Ende dieses Vortrags fasse ich Dir die ganze Reise nochmal zusammen. Damit Du das, was Du gelernt hast, mitnehmen kannst. Lass uns anfangen.

Was Begegnung eigentlich heißt

Bevor wir konkret werden, eine Klärung. Was meine ich, wenn ich von Begegnung rede?

Begegnung ist nicht Zusammensein. Du kannst zwanzig Jahre mit jemandem zusammenleben und ihm nie wirklich begegnen. Du kannst dieselbe Wohnung teilen, dieselben Kinder erziehen, dieselben Urlaube machen, und Euch trotzdem nie wirklich gesehen haben.

Begegnung ist auch nicht Verstehen. Verstehen kann sehr distanziert sein. Du kannst über jemanden viel wissen und ihn trotzdem nicht treffen.

Begegnung ist das, was passiert, wenn zwei Menschen einander wirklich zulassen. Wenn sie sich zeigen, wie sie sind. Wenn sie sich nicht hinter Rollen verstecken. Wenn sie zwei verschiedene sein dürfen, statt eins zu werden. Wenn da ein Du ist und ein Ich, und zwischen ihnen etwas Lebendiges entsteht.

Das klingt einfach. Es ist es nicht. Echte Begegnung ist selten. Sie ist möglich nur zwischen zwei Menschen, die in sich selbst stehen. Zwischen zwei reifen Menschen. Deshalb war alles, was wir in den letzten drei Vorträgen besprochen haben, die Voraussetzung für das, was wir heute besprechen.

Das Magnetfeld der Polarität – noch einmal

Im ersten Vortrag habe ich Dir das Polaritätsprinzip erklärt. Heute kommen wir darauf zurück – aber nicht mehr als Diagnose, sondern als Möglichkeit.

Zwischen einem reifen Mann und einer reifen Frau entsteht ein Magnetfeld. Es ist nicht erzeugt, es ist nicht gemacht – es ist einfach da. Weil zwei Pole vorhanden sind. Weil die männliche Energie eindeutig männlich ist und die weibliche Energie eindeutig weiblich. Und weil zwischen Polen ein Feld entsteht.

Dieses Feld ist das, was wir umgangssprachlich Erotik nennen. Es ist nicht Sex. Sex ist nur ein Ausdruck davon. Erotik ist die ganze Spannung zwischen Mann und Frau. Sie ist im Blick. In der Berührung. In der Stimme. In der Art, wie er ihr in den Mantel hilft. In der Art, wie sie ihn ansieht. Wenn das Feld da ist, ist alles erotisch aufgeladen, was zwischen ihnen passiert.

Und – das ist die Pointe – dieses Feld ist nicht abhängig vom Alter. Du kannst dieses Feld zwischen zwei Achtzigjährigen erleben, die einander nach fünfzig Ehejahren immer noch wirklich anschauen können. Und Du kannst es zwischen zwei Dreißigjährigen vermissen, die zusammen leben, aber sich nicht mehr berühren wollen.

Die Frage ist nie das Alter. Die Frage ist, ob beide in ihrem Pol stehen. Und ob beide noch genug Verschiedenheit haben, dass das Feld bestehen bleibt.

Das Dilemma jeder langen Beziehung

Damit komme ich zum zentralen Dilemma jeder langen Beziehung. Es ist ein Thema, das die Therapeutin Esther Perel in ihren Büchern sehr klar herausgearbeitet hat, und das ich in meiner Praxis täglich sehe.

Wir wollen in einer Partnerschaft zwei Dinge, die einander widersprechen. Wir wollen Sicherheit. Und wir wollen Erregung. Wir wollen Heimat. Und wir wollen Abenteuer. Wir wollen Vertrautheit. Und wir wollen Geheimnis.

Sicherheit braucht Nähe. Vertrautheit. Verlässlichkeit. Du sollst wissen, wer der andere ist. Du sollst Dich auf ihn verlassen können. Du sollst Dich an seiner Schulter ausruhen dürfen, wenn die Welt anstrengend war. Diese Bedürfnisse sind echt. Sie sind tief. Sie sind der Grund, warum wir Beziehungen eingehen.

Erregung braucht etwas anderes. Sie braucht Distanz. Etwas Unbekanntes. Etwas, das Du nicht kontrollieren kannst. Sie braucht den anderen als Anderen, als Fremden, als jemand, den Du nicht ganz fassen kannst. Diese Bedürfnisse sind genauso echt. Sie sind der Grund, warum sich Menschen überhaupt anziehen.

Und jetzt das Problem. In einer langen Beziehung wird die Sicherheit gepflegt – das ist gut so – aber oft auf Kosten der Erregung. Du wirst zu vertraut. Du weißt zu viel. Du teilst alles. Es gibt keine Überraschung mehr. Es gibt keine Distanz mehr. Es gibt keinen anderen Pol mehr. Ihr seid eins geworden – und damit ist das Magnetfeld zusammengebrochen.

Das ist die Geschichte hinter den vielen Paaren, die sich lieben, aber sich nicht mehr begehren. Sie haben nichts falsch gemacht. Sie haben das gemacht, was wir alle gelernt haben – sich nahe sein, alles teilen, alles besprechen, Symbiose herstellen. Und sie haben dabei das Magnetfeld zerstört.

Warum harmonische Paare oft keinen Sex mehr haben

Das ist einer der Sätze, die ich in meiner Praxis oft sage und mit dem ich oft Erstaunen ernte. Harmonische Paare haben oft keinen Sex mehr. Streitende Paare oft viel.

Das hat nichts mit dem Wert von Harmonie zu tun. Aber Harmonie wird oft erzeugt, indem die Pole eingeebnet werden. Indem beide weniger eindeutig werden. Indem alle Reibung vermieden wird. Indem jeder Konflikt sofort entschärft wird, statt durchgegangen zu werden.

Das Resultat: Es gibt keine Reibung mehr. Es gibt keine Spannung mehr. Es ist friedlich – und langweilig. Und Sexualität verschwindet. Sex braucht Spannung. Sex braucht zwei Pole. Wenn beide so weichgespült sind, dass nichts mehr zwischen ihnen knistert, ist auch im Bett nichts mehr.

Bei streitenden Paaren ist es anders. Ihr Streit ist oft destruktiv – das ist kein Lob auf den Streit an sich. Aber sie haben noch Pole. Sie sind sich noch fremd genug, um aneinander zu reiben. Und manchmal landen sie nach dem Streit im Bett, weil die Spannung sich nicht in Verständnis aufgelöst hat, sondern in Begehren.

Das Ziel ist beides nicht. Das Ziel ist nicht der harmonische Tod im Bett. Das Ziel ist auch nicht der ewige Streit. Das Ziel ist eine Beziehung, in der beide stark genug sind, um Pole zu bleiben. In der Reibung möglich ist, ohne dass alles zerbricht. In der Auseinandersetzung lebendig macht statt zu zermürben.

Streit als Lebenszeichen einer Beziehung

Damit komme ich zu einem Gedanken, der manchen schwerfällt zu hören. Streit ist nicht das Problem in einer Beziehung. Streit ist oft die Lösung.

Was ich meine ist – wenn zwei Menschen wirklich zwei sind, dann werden sie aneinanderstoßen. Sie werden unterschiedliche Bedürfnisse haben. Unterschiedliche Werte. Unterschiedliche Reaktionen. Wenn sie das ehrlich austragen, ist das Streit. Und der ist gesund.

Was ungesund ist, ist destruktiver Streit. Streit, der verletzt. Streit, der entwertet. Streit, der gewinnen will, statt Verständnis zu suchen. Streit, in dem alte Wunden zur Munition werden.

Ich gebe meinen Paaren in der Praxis fünf Regeln für fairen Streit – ich nenne sie kurz, weil sie nützlich sind.

Erstens – nichts unter der Gürtellinie. Was Du in intimen Momenten erfahren hast, was Dir der andere im Vertrauen gesagt hat, was seine wundeste Stelle ist – das nutzt Du nicht als Waffe. Niemals. Das ist verheerend für Vertrauen, und Vertrauen ist die Grundlage von allem.

Zweitens – beim Thema bleiben. Wenn Ihr über die Müllabfuhr streitet, dann streitet Ihr über die Müllabfuhr. Nicht über alles, was vor zehn Jahren auch noch war. Themenstapelung ist der Tod jeder Auseinandersetzung.

Drittens – Ich-Botschaften, keine Du-Anklagen. Statt zu sagen „Du bist immer so kontrollierend", sagst Du „Ich fühle mich gerade in die Enge getrieben." Das wird nicht immer gelingen, aber je öfter, desto besser.

Viertens – Auszeit nehmen, wenn es eskaliert. Wenn der Puls hoch ist, kann niemand mehr vernünftig reden. Dann ist Pause angesagt. Aber – und das ist wichtig – Auszeit heißt nicht Davonlaufen. Auszeit heißt: Wir machen weiter, aber nicht jetzt.

Fünftens – Ende gut, alles gut. Jeder Streit braucht einen Abschluss. Eine Versöhnung. Eine Geste. Manchmal Worte, manchmal eine Berührung, manchmal nur ein Blick. Streit ohne Abschluss frisst sich in die Beziehung ein.

Diese fünf Regeln klingen banal. Sie sind es nicht. Wenn Ihr sie wirklich anwendet, verändert das Eure Beziehung.

Sicherheit und Abenteuer – wie beides geht

Zurück zum Dilemma. Wie kann eine Beziehung Sicherheit und Abenteuer gleichzeitig bieten? Wie können beide Bedürfnisse befriedigt werden, ohne dass das eine das andere zerstört?

Es gibt keine einfache Antwort. Aber es gibt Hinweise, die in der Paartherapie immer wieder funktionieren.

Der erste Hinweis – beide Partner brauchen ein eigenes Leben. Das klingt fast antipartnerschaftlich, ist es aber nicht. Es ist die Voraussetzung für Partnerschaft. Wenn Du keinen eigenen Raum hast, keine eigenen Freunde, keine eigenen Interessen, keine eigene Innerlichkeit – dann hast Du nichts, was Du in die Begegnung einbringen kannst. Du wirst zur Anhänglichkeit. Und Anhänglichkeit ist nicht erotisch.

Zweitens – Distanz aushalten. In jeder Beziehung gibt es Phasen, in denen einer Distanz braucht. Das ist keine Bedrohung. Das ist Atemraum. Wer Distanz nicht aushält, klammert. Wer klammert, vertreibt. Es ist ein einfaches Gesetz.

Drittens – Geheimnis bewahren. Das ist heikel zu sagen, weil es missverstanden wird. Ich rede nicht von Lüge. Ich rede davon, dass nicht alles ausgesprochen werden muss. Dass jeder einen Bereich behalten darf, der sein eigener ist. Eine Frau muss ihrem Mann nicht jeden Gedanken erzählen. Ein Mann muss seiner Frau nicht jede Phantasie offenlegen. Diese Räume sind nicht Verrat. Sie sind die Grundlage von Anziehung. Wer alles weiß, hat nichts zu entdecken.

Viertens – aktiv polarisieren. Manche Paare brauchen es, dass beide bewusst wieder in ihre Pole gehen. Das kann ganz konkret sein. Er pflegt seine männlichen Räume, Männerfreundschaften, körperliche Aktivität, eigene Aufgaben, in denen er führt. Sie pflegt ihre weiblichen Räume, Frauenfreundschaften, Sinnlichkeit, Aspekte ihrer Erscheinung, die ihr selbst gefallen. Das ist nicht künstlich – das ist die Pflege der Pole, die in der Symbiose verloren gegangen sind.

Heilige, Hure, Schöpferin – die Frauenbilder im Mann

Ich will an dieser Stelle einen Punkt machen, der für viele Männer wichtig ist und der oft missverstanden wird.

In jedem Mann sind unbewusste Bilder von Frauen abgelegt. Bilder, die er in der Kindheit aufgenommen hat – von der Mutter, vom Verhalten der Mutter zum Vater, von dem, wie über Frauen gesprochen wurde, von dem, was er später durch Medien aufgenommen hat.

In der traditionellen Tiefenpsychologie spricht man von zwei zentralen Bildern, die das männliche Frauenbild oft spalten – die Heilige und die Hure. Die Heilige ist die nährende, gute, reine Mutter. Die Hure ist die sexuelle, lustvolle, aufregende Frau. Und das Drama vieler Männer ist, dass sie diese beiden Bilder nicht in einer Frau zusammenbringen können.

Was bedeutet das praktisch? Ein Mann mit dieser Spaltung kann mit seiner Frau eine wunderbare Mutter haben für seine Kinder, eine treue Lebensgefährtin – aber das Begehren stirbt. Weil sie für ihn die Heilige geworden ist. Mit Heiligen schläft man nicht. Und dann sucht er die Hure woanders. In Affären, in Pornos, in Phantasien. Aber er kann es mit seiner Frau nicht zusammenbringen.

Die Auflösung dieser Spaltung ist ein wichtiger Teil männlicher Reifung. Sie geschieht, wenn der Mann lernt, in seiner Frau beides zu sehen – die nährende und die erotische, die heilige und die lustvolle. Wenn er sie als ganze Frau sehen kann – als Schöpferin, sage ich gerne, weil dieser Begriff beides umfasst.

Auch im Bezug zu Persönlichkeitsstörungen ist das relevant. Männer mit Bindungsängsten und narzisstischen Strukturen haben diese Spaltung oft besonders stark. Sie finden eine Frau wunderbar – idealisieren sie – und im Moment, wo sie wirklich greifbar wird, real wird, hört das Begehren auf. Sie spalten ab und suchen die nächste Idealisierung. Der Borderline-Mann hat eine ähnliche Dynamik, aber chaotischer – er wechselt zwischen Verschmelzung und Abstoßung.

Der schwache Mann und der starke Mann – die Männerbilder in der Frau

Auch in jeder Frau sind Bilder von Männern abgelegt. Bilder vom Vater, vom Verhalten des Vaters zur Mutter, von dem, was sie über Männer gehört und gesehen hat.

Bei Frauen sehe ich oft eine andere Spaltung. Den schwachen Mann und den starken Mann. Der schwache Mann ist sicher, kontrollierbar, ungefährlich – aber nicht erregend. Der starke Mann ist erregend – aber unsicher, oft gefährlich, oft destruktiv.

Frauen mit dieser Spaltung wechseln oft zwischen beiden. Sie sind mit dem netten, sicheren Mann zusammen – und langweilen sich. Dann kommt der wilde, gefährliche Mann – und sie verbrennen sich. Sie kehren zum sicheren zurück. Und so weiter.

Die Auflösung dieser Spaltung ist, einen Mann zu finden – oder den eigenen Mann zu helfen, das zu sein – der beides ist. Stark und sicher. Nicht im Sinn von harmlos sicher, sondern im Sinn von verlässlich präsent. Stark im Sinn von Position, klar, eigen – nicht im Sinn von gefährlich oder kontrollierend.

Das ist genau der Herzenskrieger aus dem letzten Vortrag. Der Mann, der eine Position hat – und gleichzeitig ein Herz. Der kämpfen kann – und beschützen kann. Der unkontrollierbar genug bleibt, um anziehend zu sein – und verlässlich genug ist, um Heimat zu sein.

Diese Männer gibt es. Aber es sind weniger, als wir bräuchten. Und es ist, weil ihnen oft die Vaterlinie fehlt, die wir letzte Woche besprochen haben.

Der Lockruf des Fremden

Ich will einen schwierigen Punkt direkt ansprechen, weil er in Beziehungen unweigerlich kommt. Den Lockruf des Fremden. Die Anziehung zu jemandem außerhalb der eigenen Beziehung.

Das passiert in fast jeder langen Beziehung. Du triffst jemanden, der Dir nicht egal ist. Es ist nicht zwingend Sex. Es ist diese eigentümliche Spannung, dieses Interesse, dieses Sich-gesehen-fühlen von einem fremden Menschen. Manchmal heftig, manchmal nur als Hauch.

Was sagt das aus? Es sagt nicht, dass Deine Beziehung kaputt ist. Es sagt nicht, dass Du Deinen Partner nicht mehr liebst. Es sagt vor allem etwas über Dich. Es zeigt Dir, was in Deiner aktuellen Beziehung gerade fehlt. Was Du brauchst und nicht bekommst. Wo Du selber nicht ganz bist.

Reife Paare gehen mit dem Lockruf des Fremden anders um als unreife. Unreife Paare verleugnen ihn, oder geben ihm sofort nach. Reife Paare können ihn wahrnehmen und einordnen. Sie können sich fragen: Was sagt das mir? Was zeigt das über meine Beziehung? Was zeigt das über mich?

Ich plädiere übrigens nicht für offene Beziehungen. Das ist ein eigenes Thema, das in der Paartherapie sehr differenziert betrachtet werden muss. Was ich plädiere ist, dass die Beziehung lebendig genug bleibt, dass solche Sehnsüchte ihr Maß behalten – und dass beide Partner ehrlich genug sind, sich bewusst zu sein, dass sie existieren.

Treue als bewusste Entscheidung

Damit komme ich zu Treue. Treue ist nicht das Fehlen von Versuchung. Treue ist das, was Du tust, wenn die Versuchung da ist. Wer nie versucht ist, ist nicht treu – der ist nur unbewusst.

Treue ist auch nicht eine einmalige Entscheidung beim Heiratsversprechen. Treue ist eine Entscheidung, die Du immer wieder triffst. Jede Woche. Manchmal jede Stunde. Eine reife Treue ist bewusst. Sie weiß um Alternativen. Sie wählt trotzdem.

Das ist auch der Grund, warum so viele Beziehungen am Thema der Untreue zerbrechen. Es ist selten der Sex selbst, der das Schlimme ist. Es ist der Vertrauensbruch. Es ist die Tatsache, dass die bewusste Entscheidung des Partners nicht mehr verlässlich ist. Dass die Versprechen brüchig waren.

Heilung nach einer Untreue ist möglich, aber sie ist sehr harte Arbeit. Sie verlangt vom betrogenen Partner, dass er entscheidet, ob er bleibt – nicht aus Schwäche, sondern aus echter Wahl. Sie verlangt vom betrügenden Partner absolute Transparenz und langen Atem. Und sie verlangt vom Paar, dass sie verstehen, was passiert war – warum das Magnetfeld zwischen ihnen so schwach geworden war, dass jemand woanders Anschluss gesucht hat.

Eifersucht – die kleine und die große

Eifersucht ist ein Thema, das ich in der Paartherapie oft anspreche, weil es so missverstanden wird. Es gibt zwei Arten von Eifersucht. Die kleine und die große.

Die kleine Eifersucht ist das Stechen, das Du spürst, wenn Dein Partner einer attraktiven anderen Person gegenüber freundlich ist. Es ist ein Lebenszeichen. Es zeigt, dass Du Dich noch involvierst. Es zeigt, dass Dir der andere noch wichtig ist. In gesunden Maßen ist sie nicht schlimm – sie ist Bestandteil von Beziehung.

Die große Eifersucht ist anders. Sie ist nicht mehr verhältnismäßig. Sie kontrolliert. Sie überwacht das Handy. Sie verbietet Freundschaften. Sie macht Szenen. Sie sieht überall Verrat. Diese Eifersucht ist immer ein Symptom. Ein Symptom für etwas anderes – meistens für tiefe innere Unsicherheit, oft für eine Bindungsstörung. Sehr häufig finden wir sie in Beziehungen mit Borderline- oder narzisstischen Anteilen. Die Eifersucht ist dann ein Versuch, durch Kontrolle die innere Leere zu füllen, die Bindungsangst zu beruhigen.

Die große Eifersucht ist nicht durch den Partner heilbar. Wenn Du der Partner einer eifersüchtigen Person bist, kannst Du Dich noch so transparent verhalten – die Eifersucht wird nicht weniger. Weil sie nicht aus Deinem Verhalten kommt. Sie kommt aus der inneren Leere des anderen. Heilung passiert nur durch eigene therapeutische Arbeit.

Wenn einer der Partner eine Persönlichkeitsstörung hat

Ich will diesen Punkt, der für viele besonders wichtig ist, nochmal direkt ansprechen. Was tun, wenn einer der Partner an Borderline oder Narzissmus leidet?

Das ist ein eigenes Thema, das einen ganzen Vortrag verdient hätte. Aber lass mich die wichtigsten Punkte sagen.

Erstens – Klärung. Du brauchst eine möglichst klare Diagnose. Borderline ist nicht Narzissmus, und beide sind nicht dasselbe wie eine schwierige Persönlichkeit. Eine kompetente Diagnostik durch einen Fachtherapeuten ist die Grundlage. Nicht jeder schwierige Mensch ist persönlichkeitsgestört, und nicht jede Persönlichkeitsstörung ist behandelbar.

Zweitens – Realismus. Bei klassischer Borderline-Symptomatik gibt es heute gute Therapieoptionen, vor allem die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha Linehan. Sie wirkt, wenn der Patient bereit ist. Bei narzisstischer Persönlichkeitsstörung ist die Situation schwieriger – die Krankheitseinsicht fehlt oft. Eine narzisstische Person, die nicht die Krankheit als Problem sehen kann, wird sich auch nicht therapeutisch verändern.

Drittens – Selbstschutz. Wenn Du in einer Beziehung mit jemandem bist, der eine Persönlichkeitsstörung hat und nicht in Therapie ist, ist Dein erster Job, Dich selbst zu schützen. Das heißt nicht zwingend Trennung. Aber es heißt klare Grenzen. Es heißt, Dich nicht für die Dynamiken des anderen verantwortlich zu machen. Es heißt eigene Therapie für Dich selber.

Viertens – die unbequeme Wahrheit. Manche Beziehungen lassen sich nicht heilen. Wenn jemand sich nicht verändern will, sich nicht behandeln lässt, weiter chaotisch oder destruktiv agiert – dann ist Trennung nicht Versagen. Sie ist Realismus. Es gibt keinen moralischen Auftrag, in einer Beziehung zu bleiben, die Dich krank macht.

Und – der wichtigste Punkt – wenn Du in einer Beziehung mit einer persönlichkeitsgestörten Person warst oder bist, ist Deine eigene Reifung Deine Aufgabe. Auch und gerade dann. Frag Dich nicht nur, was mit dem anderen los ist. Frag Dich, was Dich an diesen Menschen gezogen hat. Was in Deiner eigenen Geschichte hat Dich anschlussfähig gemacht für diese Dynamik. Diese Frage ehrlich zu stellen – und sich dem Ergebnis zu stellen – ist Reifung.

Drei konkrete Schritte für Paare aus meiner Praxis

Bevor ich zur Zusammenfassung komme, will ich Dir noch drei ganz konkrete Schritte mitgeben. Schritte, die ich Paaren in meiner Praxis empfehle und die fast immer wirken, wenn beide sie machen.

Erster Schritt – jede Woche ein gemeinsames Gespräch ohne Tagesgeschäft. Eine halbe Stunde. Kein Fernsehen, keine Kinder, keine Termine. Nur Ihr beide. Und nicht über Logistik, sondern darüber, wie es Euch geht. Was Euch beschäftigt. Was zwischen Euch ist. Das klingt einfach, aber die meisten Paare haben dieses Gespräch seit Jahren nicht mehr. Sie reden über Dinge, aber nicht über sich.

Zweiter Schritt – jede Woche etwas zusammen, das nicht Routine ist. Ein Abend draußen, ein neues Restaurant, ein Spaziergang an einem Ort, an dem Ihr noch nicht wart. Etwas, das Eure normale Routine durchbricht. Das hält die Beziehung jung. Es bringt das Element der Überraschung zurück, das in einer Symbiose verloren geht.

Dritter Schritt – körperliche Berührung, die nicht zwingend Sex bedeutet. Sich morgens umarmen. Sich abends auf der Couch berühren. Sich in der Küche im Vorbeigehen kurz halten. Das ist die Sprache des Körpers. Und der Körper hat ein langes Gedächtnis. Wenn die körperliche Sprache da ist, hält das die Beziehung warm. Wenn sie weg ist, wird auch der Sex schwierig.

Diese drei Schritte klingen banal. Sie sind die Basis. Wenn Ihr sie nicht macht, helfen Euch alle Therapietechniken nichts. Wenn Ihr sie macht, kommt Ihr meistens schon ein gutes Stück weit allein.


Zusammenfassung der gesamten Reihe

Wir sind am Ende dieser Reihe. Vier Abschnitte liegen hinter uns. Lass mich Dir die Reise nochmal zusammenfassen, damit Du das Wichtigste mitnehmen kannst.

Wo wir heute stehen

Wir haben im ersten Vortrag die Diagnose gestellt. Wir leben in einer Zeit, in der sich Mann und Frau immer ähnlicher werden. Das ist nicht das Ergebnis von Gleichberechtigung, das ein Wert bleibt. Es ist das Ergebnis von Gleichmacherei – und Gleichmacherei zerstört das Magnetfeld zwischen den Geschlechtern.

Wir haben den Mr. Nice Guy kennengelernt. Den Mann, der gelernt hat, alles richtig zu machen, der keine Position mehr hat, der pflegeleicht ist – und gerade deshalb nicht begehrenswert. Und wir haben die männlich gewordene Frau kennengelernt. Die Frau, die alles erreicht hat – und innerlich oft leer ist, weil sie ihre weibliche Seite verdrängt hat.

Beide Phänomene treffen sich oft in Beziehungen. Die männliche Frau und der weibliche Mann werden zur Mutter und zum Sohn. Sie können sich noch lieben – aber sie können sich nicht mehr begehren.

Wir haben gesehen, dass Polarität kein Klischee ist, sondern Naturgesetz. Strom fließt nur, wo es zwei Pole gibt. Erotik fließt nach demselben Prinzip. Und wir haben den klinischen Bezug hergestellt – Borderline und Narzissmus sind im Kern Identitätsstörungen, die genau dort wachsen, wo die Pole nicht klar entwickelt werden konnten.

Mutter und Vater

Am zweiten Abend sind wir an die Wurzeln gegangen. Wir haben gesehen, dass keine Identität ohne Mutter und Vater entsteht – und dass die Schwierigkeiten, die wir heute sehen, fast immer dort beginnen.

Die Mutter ist die erste große Liebe. Wo sie als Glucke das Kind nicht entlässt, wo sie als Rabenmutter nie wirklich da war, wo sie ihre eigene Wunde an das Kind weitergibt – da entsteht die desorganisierte Bindung, die später Borderline möglich macht.

Der Vater ist nicht die zweite Mutter. Er hat eine andere Aufgabe. Er holt das Kind aus der Mutter. Er repräsentiert die Welt da draußen. Wo er fehlt – real oder emotional – entsteht Vaterhunger. Und Vaterhunger frisst sich durchs ganze Leben.

Wir haben die vier Vatertöchter-Typen kennengelernt – die Model-Tochter, die Karrierefrau, die Rebellin, die Narzisstin. Und die vier Rebellen-Typen bei Männern – den Prinzen, den Weltverbesserer, den Erleuchteten, den Steppenwolf. Alle acht sind Versuche, mit der Vaterwunde zu leben. Alle acht sehen aus wie Identität – sind aber Verteidigung.

Wir haben über die vaterlose Gesellschaft gesprochen. Über die strukturelle Vaterlosigkeit, die ganze Generationen prägt. Und wir haben gesehen, dass Heilung möglich ist – aber sie geht durch Trauer und Versöhnung. Es gibt keine Abkürzung.

Reifung

Am dritten Abend kamen wir zur Reifung. Reifung ist nicht Erwachsensein. Reifung heißt, dass Du in Deinen eigenen Pol gefunden hast und Verantwortung für Dein Leben übernimmst.

Wir haben über Initiation gesprochen. Über das, was alle traditionellen Kulturen kannten und was unsere moderne Gesellschaft verloren hat. Und wir haben gesehen, dass der Verlust der Initiation einer der Gründe ist, warum so viele Menschen in einem ewigen Übergang stecken bleiben – und warum Persönlichkeitsstörungen zugenommen haben.

Wir haben die vier männlichen Archetypen kennengelernt – den Liebhaber, den Krieger, den König, den Magier. Wenn ein Mann diese vier Energien in sich integriert hat, dann ist er ganz. Dann braucht er sich um seine Männlichkeit nicht mehr zu sorgen. Sie ist da. Das ist der Herzenskrieger.

Und wir haben die vier weiblichen Archetypen kennengelernt – die Mutter, die Geliebte, die Heilerin, die Weise. Wenn eine Frau diese vier in sich integriert hat, entsteht das, was ich die geerdete Weiblichkeit nenne. Eine Frau, die in sich ruht. Die nährt, ohne sich aufzuopfern. Die erotisch ist, ohne sich zu verkaufen. Die mitfühlt, ohne mitzuleiden.

Wir haben die Heldenreise als Modell der Reifung kennengelernt. Sechs Stationen vom Ruf bis zur Rückkehr. Und wir haben gesehen, dass Reifung jederzeit anfangen kann – mit zwanzig, mit fünfzig, mit siebzig.

Die Begegnung

Im vierten Vortrag haben wir über das gesprochen, wofür alles zuvor war. Die echte Begegnung.

Wir haben gesehen, dass Begegnung nicht Zusammensein ist, nicht Verstehen ist – sondern das, was passiert, wenn zwei Menschen einander wirklich zulassen. Wenn ein Du und ein Ich da sind, und zwischen ihnen etwas Lebendiges entsteht.

Wir haben das Dilemma jeder langen Beziehung verstanden – das Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Erregung. Wir haben gesehen, warum harmonische Paare oft keinen Sex mehr haben, und warum Streit ein Lebenszeichen sein kann, statt eines Problems. Wir haben Regeln für fairen Streit besprochen. Wir haben über die Frauenbilder im Mann und die Männerbilder in der Frau geredet. Über Treue als bewusste Entscheidung. Über die kleine und die große Eifersucht. Und über drei konkrete Schritte für Paare.

Was Du mitnehmen sollst

Wenn Du nur einen Satz aus diesen vier Abschnitten mitnimmst, dann diesen: Die gesunde Männlichkeit braucht die gesunde Weiblichkeit. Und beide entstehen nicht von selber. Sie entstehen durch Bewusstheit, Reifung, und durch die Bereitschaft, in den eigenen Pol zu gehen, statt sich anzugleichen.

Wenn Du in dieser Reihe Dich selber wiedererkannt hast – als Mr. Nice Guy, als vermännlichte Frau, als Vatertochter, als Borderline-Betroffener oder Angehöriger – dann ist das nicht das Ende. Das ist der Anfang. Das, was Du heute gehört hast, ist nicht zum Auswendiglernen. Es ist zum Anwenden.

Und ein letzter Gedanke. Wir haben in diesen vier Abschnitten viel über Diagnose, über Wunden, über das, was schiefgeht, geredet. Aber das Ziel ist nicht Diagnose. Das Ziel ist Lebendigkeit. Das Ziel ist Begegnung. Das Ziel ist eine Beziehung, die hält und die brennt. Eine Männlichkeit, die Kraft und Herz hat. Eine Weiblichkeit, die geerdet ist und gleichzeitig leuchtet.

Das ist möglich. Ich sehe es in meiner Praxis. Ich sehe Männer, die zum Herzenskrieger werden. Ich sehe Frauen, die in ihre geerdete Weiblichkeit finden. Ich sehe Paare, die durch tiefe Krisen gehen und am Ende lebendiger sind als zuvor. Es ist Arbeit. Aber es ist möglich.

Ich danke Dir, dass Du diese Reise mit mir gegangen bist. Vier Abschnitte sind eine kleine Zeit für ein großes Thema. Ich hoffe, dass Du Anregungen mitnimmst, dass Du Dich wiedererkannt hast, und dass Du den Mut findest, in Deine eigene Reifung zu gehen – wenn Du sie noch nicht angefangen hast, oder sie weiterzugehen, wenn Du schon mittendrin bist.

Pass auf Dich auf. Pass auf Deine Beziehungen auf. Und nimm Dich selbst ernst – als Mann oder als Frau. Du bist es wert.

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