Warum dennoch viele am Leben verzweifeln
âKein Selbstmord gleicht einem anderen. Jeder ist etwas Eigenes, er ist unvergleichlich mit anderen und immer stellt er etwas schrecklich EndgĂŒltiges dar.â Ein japanischer Schriftsteller (sein Name war Akutagawa) schrieb einmal: âDas Leben ist ein Leiden.â Danach beging er seinen Selbstmord. Das fĂŒhlt sich so endgĂŒltig, fokussiert und auch zielbewusst an. Aber ⊠vorher schrieb er auch die reflektierenden Worte: âNatĂŒrlich möchte ich nicht sterben, aberâŠâ So wie dieser Schriftsteller wollten viele Selbstmörder ihrem Leben eigentlich kein (!) Ende setzen. Das was diese Menschen wirklich wollten war vielmehr, âihre Lebenssituation zu beendenâ, so ein Professor der Psychologie. Zu solch einem Schluss kommt man, wenn man die vielen Abschiedsbriefe der Selbstmörder liest.
Da findet man Formulierungen wie âIch konnte dieses Leben einfach nicht mehr lĂ€nger ertragenâ oder âWarum soll ich ĂŒberhaupt weiterleben?â Und das alles macht diesen verzweifelten Wunsch, der harten, unbarmherzigen und rauen Wirklichkeit des Lebens zu entkommen mehr als deutlich. Solch eine Selbstmordhandlung wurde mal in einem therapeutischen Nachschlagewerk folgendermaĂen verglichen: Selbstmord zu begehen ist in âetwa so, als wĂŒrde man einer ErkĂ€ltung mit einer Atombombe zu Leibe rĂŒckenâ â sicherlich ein recht krasses Bild was hier gezeichnet wird.
Die GrĂŒnde, warum ein Mensch letztendlich Selbstmord begeht, sind zwar immer persönlich, einzigartig und auch unterschiedlich, doch im Allgemeinen gibt es doch eine ganze Reihe bestimmter Muster und Regeln von Erlebnissen und UmstĂ€nden die den letzten AnstoĂ zum Suizid geben.
Das Ziel welches ich mithilfe dieses zweiten Beitrages zu diesem verfolge ist folgendes: Dies ist ja ein psychoedukativer Kanal â besonders im Hinblick auf Persönlichkeitsstörungen.
Ich möchte aufklĂ€ren ĂŒber
Eine kleine Zusammenfassung schon mal vorab: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Persönlichkeitsstörung, die uns immer hĂ€ufiger begegnet und in Zukunft noch deutlich stĂ€rker werden wird. (ICD10 â F60.31) Bei Borderline ist die SuizidalitĂ€t â die Suizidversuche und die durchgefĂŒhrten Suizide nicht nur
Langzeitstudien haben als Suizidrate bei Borderline-Patienten eine Suizidrate von 3 bis 10% ergeben. Solch eine hohe Rate ist höchsten noch vergleichbar mit Patienten mit einer schweren depressiven Erkrankung.Â
Im Vergleich dazu einmal die Zahlen mit der Gesamtbevölkerung: 2020 gab es in Deutschland 9206 gemeldete Suizide. Dies ist bei einer aktuellen Bevölkerung von 83.240.000 Einwohnern eine Quote von 0,011 %. WĂŒrden sich ânurâ 3% von 83.240.000 Einwohnern suizidieren, dann sprĂ€chen wir von ca. 2,5 Millionen Toten.
Manch einer könnte jetzt â teilweise auch zu Recht â einwenden: Was ist denn mit diesen vielen â bei Borderlinern sichtbaren – manipulativen und appellativen Suizidversuchen die gar nicht durchgefĂŒhrt werden, sondern dass sind was schon ihr Name sagt: Ein Appell / ein Hilferuf / ein Schrei nach: âBitte sieh mich doch ⊠Ich bin auch noch daâŠâ? Ja, der Borderliner neigt wirklich aufgrund seiner manipulativen Persönlichkeitsstruktur massiv dazu, mit seinen Appellen an seine Umgebung heranzutreten. Und merkst du was? Es ist nicht umsonst, dass die Borderline-Therapie als die Königsdisziplin in den Therapien bezeichnet wird.
Die Risikofaktoren fĂŒr eine erhöhte Bereitschaft zum Selbstmord sind u.a.
Bei den Therapien von Borderline â unter BerĂŒcksichtigung der SuizidalitĂ€t â können wir fĂŒr den aktuellen Stand sagen, dass
Am besten eignen sich hierbei die Therapieformen der
Alle aktuellen durchgefĂŒhrten Studien zeigen, dass diese Methoden recht hilfreich sind, die SuizidalitĂ€t wirksam zu bekĂ€mpfen.Â
Auf der anderen Seite gibt es aber auch die pharmakologischen Studien mit den bekannten
Du siehst, wir haben fĂŒr diesen Beitrag folgende Hauptpunkte:
Wenn wir uns zur Wiederholung nochmal die 9 Kriterien fĂŒr Borderline anschauen, dann sehen wir das Kriterium Nr. 5 Wiederkehrende Suizidandrohungen, Suizidversuche und selbstschĂ€digendes Verhalten.
SuizidalitĂ€t ist und bleibt ein wichtiges Merkmal / Kennzeichen in der Diagnose von Borderline und das sowohl im ICD10 (dem Katalog fĂŒr Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation) als auch im DSM 5 dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (Herausgegeben von der APA).
SuizidalitĂ€t ist aber nicht nur eines von 9 Kriterien bei Borderline. Seit man diesem PhĂ€nomen strukturiert auf der Spur ist, ist dieses Verhalten als ein deutlich erkennbarer Anteil der Borderline-Persönlichkeitsstörung in den wissenschaftlichen Studien erkannt und beobachtet worden. Also nicht nur nebenbei aufkommend, sondern es hat eine zentrale Bedeutung! Charles Sanislow (Professor fĂŒr Neurowissenschaften und Psychopathologie), Carlos Grilo (Professor fĂŒr Psychiatrie und Psychologie in den USA) und Doktor Thomas McGlashan (leitender PrĂŒfarzt fĂŒr Schizophrenie, Psychiater in Yale)
Diese drei Forscher publizierten im Jahre 2000 eine âDrei-Faktoren-Lösung fĂŒr die Borderline-Persönlichkeitsstörung um im stationĂ€ren Bereich wirksam das Thema SuizidalitĂ€t anzugehen.
Als Ergebnis prĂ€sentierten sie die drei Hauptkriterien anhand deren man Borderline maĂgeblich erkennen könne:
Lass uns mal in den kommenden Minuten nur auf den ersten Punkt konzentrieren: das suizidale Verhalten. Die Definition von SuizidalitÀt und die SelbstschÀdigung.
SuizidalitÀt ist nicht automatisch ein Selbsttötungsversuch! Wir unterscheiden hier grundsÀtzlich erst einmal drei voneinander zu trennende Stufen:
Es ist erst einmal das reine Nachdenken ĂŒber den eigenen Tod, der Wunsch Tod zu sein und dann noch die suizidalen Ideen im engeren Sinne.
Diese suizidalen Ideen im engeren Sinne sind dann die ganz konkreten GedankengÀnge wie:
Wohlgemerkt, es ist der Gedanke, ohne (!) eine Handlungsfolge danach.
Dieser Begriff rund um das Thema wurde in den 1980er Jahren von der WHO sehr ausfĂŒhrlich bearbeitet und auch publiziert. Im deutschen wird dieser Bereich âSuizidversuchâ folgendermaĂen beschrieben: âDer Suizidversuch ist eine Handlung mit nicht tödlichem Ausgang, bei der jemand absichtlich ein nicht habituelles Verhalten beginnt (habituell = eine Gewohnheitshandlung). Dieses Verhalten wĂŒrde â wenn kein Dritter eingreifen wĂŒrde â zu einer SelbstschĂ€digung fĂŒhren. Oder aber er nimmt absichtlich etwas ein, was in seiner Dosis das Ziel hat, Konsequenzen zu bewirken.â
Was hier etwas kryptisch beschrieben wird bedeutet einfach gesagt: Es ist der Versuch, sich selbst zu schĂ€digen ABER nicht zwangslĂ€ufig und nicht absichtlich sich selbst zu töten! Das ist ein wichtiger Faktor! Der Wunsch zu sterben ist hier nicht vorherrschend⊠Vielmehr ist es der Wunsch nach einer VerĂ€nderung Ă€uĂerer UmstĂ€nde.
Damit sind erst einmal die einmaligen und stĂ€rkeren Handlungen beschrieben. Jetzt kommt aber noch eine andere Handlungsgruppe hinzu: die des âschleichenden Verletzensâ oder wie ein Mediziner diesmal etwas drastischer ausgedrĂŒckt hat: âdie verzögerte Selbsttötung.â
Darunter fallen solche Handlungen wie z.B.
Diese Handlungen unter dem Thema âSuizidversuchâ aufzufĂŒhren ist nicht ganz sauber und du erkennst, wie schwer es in der RealitĂ€t doch ist, Handlungen voneinander klar und deutlich abzugrenzen. Warum diese aber dennoch unter dem Oberbegriff âSuizidversuchâ stehen, hat mit der Annahme einiger Wissenschaftler zu tun, die vermuten, dass hinter all dem der versteckte / und fĂŒr den Beteiligten der nicht bewusste Todeswunsch steht. Andererseits fehlt hier dann aber auch der aktive / bewusste Wunsch sich umzubringenâŠÂ Warum diese ganzen Ăberschneidungen? Der Hintergrund liegt in dem Abgrenzungs-Katalog der WHO. Sie hat nĂ€mlich keine konkrete Aussage beim Thema Suizidversuch im Hinblick auf das Motiv. WĂŒrde das geklĂ€rt sein, wĂ€re auch hier mehr Klarheit.
Suizid ist ganz kurz und knapp der leider bis zum Ende durchgezogene Suizidversuch mit abschlieĂendem Suizid.
Ein Thema muss in diesem Zusammenhang aber doch noch etwas nÀher besprochen werden: Die SelbstschÀdigung! SelbstschÀdigung ist ein absichtliches Verletzen des Körpers / des Körpergewebes.
Solche absichtlichen Verletzungen sind u.a.
 Suizidversuche und Selbstverletzungen haben eine groĂe gemeinsame Schnittmenge und können leicht miteinander in einem Atemzug genannt werden. Aber: Wir mĂŒssen diese beiden Themen klar und deutlich voneinander trennen! Ein Suizidversuch setzt â wenn man es ganz genau nimmt â den klaren Wunsch voraus: âIch möchte sterbenâ. Dieser Wunsch kann schwach aber auch sehr stark ausgebildet sein.
Die SelbstschĂ€digung ist grundsĂ€tzlich erst einmal frei von dem Wunsch zu sterben â auch wenn es manchmal dermaĂen schiefgehen kann, dass jemand an seinen Selbstverletzungen doch noch verstirbt. Dies ist bei der âklassischen Selbstverletzungâ aber ausdrĂŒcklich nicht (!) der Wunsch! Jetzt kommt noch ein etwas verstörender Satz â der aber durch die Wissenschaft und Forschung klar unterstĂŒtzt wird:
Unter gewissen UmstĂ€nden dient das selbstverletzende Verhalten sogar als ein Schutzmechanismus gegen einen Suizidversuch â wie ein Entlastungsventil / ein Ăberdruckventil beim KochtopfâŠÂ Lass dies einfach mal so im Raum stehen. Es drĂŒckt einfach die unglaubliche Lebensverzweiflung dieser Menschen aus.
Es gibt hier bereits einige Studien die wir zu Grunde legen können. Was sagen diese aus? Ich habe mal 6 Studien exemplarisch rausgezogen um einen kleinen Ăberblick ĂŒber die aktuelle Sachlage zu geben. NatĂŒrlich ist dies nur ein kurzer Querschnitt und soll keine AllgemeingĂŒltigkeit einfordern:
Diese 6 unterschiedlichen Studien zeigen eins deutlich: Borderline und Suizid sind viel hÀufiger und enger miteinander verbunden, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Und weil dem so ist, sollten wir auch einen genaueren Blick auf dieses Thema werfen.
Das Wort Risiko ist ein altitalienisches Wort: âriscoâ. Dies bedeutete in der alten Seeschiffart eine Klippe. Risiko bedeutet also nicht, dass die Gefahr unvermeidbar oder unabwendbar ist. Die Gefahr ist aber da!
Lass uns mal drei groĂe Bereiche als Risikogebiete voneinander abgrenzen:
Borderline ist fĂŒr sich betrachtet schon eine starke psychische Belastung â ein âdickes Brett was zu bohren istâ. Und ja, wenn eine weitere psychische Störung zusĂ€tzlich noch auftritt, dann erhöht sich durch diese Mehrbelastung logischerweise auch das Risiko fĂŒr einen Suizid / einen Suizidversuch.
Wer an Borderline und zusĂ€tzlich an einer Depressiven Episode leidet, der hat ein deutlich höheres Risiko fĂŒr Suizid oder einen Suizidversuch. In einer Studie wurden einmal drei Gruppen untereinander zu diesem Thema hin verglichen:
Die erste Gruppe â also die Borderliner mit einer Depressiven Episode hatten deutlich mehr Suizidversuche aufzuweisen als die beiden anderen Gruppen. Sie besprachen und planten auch deutlich hĂ€ufiger einen Suizidversuch! Dies zeigt die enorme Mehrbelastung durch Depression auf Borderline. In einer parallelen Studie wurden dann beobachtbare Muster von Suizidversuchen von Borderlinern mit einer Depressiven Episode mit denen verglichen, die eine Depressive Episode ohne Borderline aufwiesen. Das Ergebnis kannst du Dir sicherlich bereits denken: die erste Gruppe â also die Borderliner inkl. einer Depressiven Episode â hatte
Eine weitere traurige Erkenntnis ist noch folgende: Die Tödlichkeit dieser Versuche waren bei den Borderlinern mit einer Depressiven Episode klar und deutlich höher als bei den anderen Gruppen. Wir sprechen hier von einem wirklich gefĂ€hrlichen Doppelpack, wenn jemand sowohl eine Persönlichkeitsstörung als auch eine Depressive Episode aufweist. Und leider werden diese FĂ€lle in jĂŒngster Zeit immer stĂ€rker beobachtet. Wir gehen noch spannenden Zeiten entgegenâŠ
Der Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung liegt leider auch beim suizidalen Verhalten klar auf der HandâŠÂ Patienten, die beide Störungsbilder aufzeigen, haben einen deutlich stĂ€rkeren Hang zum Suizid, sprechen auch hĂ€ufiger ĂŒber dieses Thema und zeigen ein klar erkennbares selbstverletzendes Verhalten. Klarer als diejenigen die âreine Borderlinerâ ohne eine weitere Begleiterkrankung sind.
Eine recht interessante Studie aus dem Jahre 2006 zeigte ein weiteres Detail â welches aber noch durch andere / vor allem gröĂere Studien belegt werden muss: Junge Erwachsene (unter 30 Jahren) mit einer Borderline-Störung und zusĂ€tzlichem Alkoholmissbrauch zeigten keinen gröĂeren Unterschied in ihrer Neigung zu einem Suizid als die Kontrollgruppe von Borderlinern ohne Alkoholmissbrauch. Deutlich anders war es aber in der Altersgruppe darĂŒber. Da stieg die Suizidrate bei denen mit einem begleitenden Alkoholmissbrauch dramatisch an.
Ein ganz anderes trauriges Thema sind die negativen Erfahrungen im Leben eines Borderliners. Manchmal erscheint es fĂŒr einen AuĂenstehenden als wĂŒrden diese Menschen die Probleme geradezu magisch anziehen â so wie das Licht die Motte. Und ganz so abwegig ist das ja auch nicht, wenn man sich den Kriterienkatalog fĂŒr eine Borderline-Persönlichkeitsstörung einmal in aller Ruhe ansieht.
All diese Kriterien zeigen recht klar, dass solche Menschen viel hĂ€ufiger als andere im Leben anecken â obwohl sie das eigentlich nicht möchten. Und diese dann erlebten negativen Lebensereignisse / diese Traumen erhöhen deutlich das Risiko fĂŒr Suizidhandlungen bei den betroffenen Borderlinern. Â
Eine Forschergruppe untersuchte z.B. den Einfluss von akuten Lebensereignissen und die soziale Anpassung bei Patienten
Sie fanden dabei heraus, dass die Suizidenten deutlich mehr negative Erfahrungen hatten als der Rest der untersuchten Personen. Ăber welche Lebensereignisse / welche Traumen reden wir hier ĂŒberhaupt? Es sind vor allem finanzielle und familiĂ€re / also zwischenmenschliche Katastrophen die einen solchen Menschen aus der Bahn werden.
Wir reden hier ĂŒber eine unregelmĂ€Ăige Arbeit, finanzielle Probleme, Leben auf der StraĂe ohne festen Wohnsitz Strafrechtliche Verurteilungen. Die traurige Wahrheit ĂŒber die VulnerabilitĂ€t / die Verletzbarkeit dieser Menschen drĂŒckt sich wohl kaum besser in folgender Zahl aus: Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und einer niedrigeren Bereitschaft fĂŒr eine soziale Anpassung hatten laut einer Studie eine 16- mal höhere Wahrscheinlichkeit fĂŒr einen Suizidversuch als jemand der ânurâ an einer Depressiven Episode litt.
In einer anderen Forschungsgruppe untersuchte man im Jahr 2003 verschiedene Typen von Lebensereignissen bei suizidalen jungen Erwachsenen
Diejenigen mit suizidalem Verhalten berichteten von deutlich mehr erlebten Traumen und viel mehr körperlichen Misshandlungen im Jahr vor dem letzten Suizidversuch als die Gruppe ohne Suizidversuche.
Sexueller Missbrauch war besonders bei den Borderlinern ein deutliches Thema. Deutlicher als in den anderen Gruppen.
Die traurige Nachricht hierbei ist, dass die Diagnose Borderline fast immer durch folgende drei âUmstĂ€ndeâ Einzug in das Leben eines kleinen Kindes findet:
Missbrauch wird lateinischen âabususâ genannt. Es ist ein Gebrauch von Dingen oder auch von Menschen entgegen aller Regeln oder auch aller Normen. Im Strafgesetzbuch finden wir den §177 der all das regelt. Trotz dieser Gesetze findet heute immer noch dieser Ăbergriff in ĂŒbergroĂer Zahl statt. Im Jahr 2019 kamen 15.701 FĂ€lle zur Anzeige. Die Dunkelziffer wird wohl das Mehrfache darstellen
Wenn Du mit diesem Thema irgendwie in Kontakt kommst â egal ob als Betroffener oder dass Du etwas beobachtest – dann nutze das âHilfetelefon Sexueller Missbrauchâ. Dies ist ein kostenloses und anonymes Hilfsangebot unter der Nummer 0800 22 55 530. Leider ist das Thema Borderline auffallend stark â wie bereits schon gesagt â mit dem Thema âSexueller Missbrauchâ verknĂŒpft. Wie sieht dann das VerhĂ€ltnis zum Thema Suizid aus? Hier sieht es leider Ă€hnlich aus. GemÀà einer Studie gibt es bei Borderlinern mit einem sexuellen Missbrauch in der Vorgeschichte ein 10-fach höheres Risiko als im Vergleich zu Borderlinern ohne sexuellem Missbrauch. Solch eine VerstĂ€rkung kann und sollte man nicht ignorieren.
Wenn dann noch weitere Faktoren hinzukommen wie z.B.
Und noch ein Fakt am Schluss:Â Je schwerer der sexuelle Missbrauch war / ist, desto schwerer und intensiver sind die Suizidversuche des Betroffenen. Dies wurde in den Studien als direkter kausaler Zusammenhang erkannt, ungeachtet von den anderen genannten Risikofaktoren.Â
Wie kommen wir nun aus diesem Dilemma raus? Wir brauchen eine Therapie. Was jedoch ist eine Therapie und unter welchen Voraussetzungen darf diese auch angewandt werden? Das altgriechische Wort âTherapeiaâ ist die Grundlage fĂŒr das Wort Therapie. Es hat die Bedeutung von âDienst, Pflege, Heilungâ Es bezeichnet alles was getan werden kann / alle MaĂnahmen um eine Verletzung, eine Krankheit oder auch ein Trauma positiv zu beeinflussen. Um eine Therapie ĂŒberhaupt durchfĂŒhren zu dĂŒrfen, braucht man vorher eine klare Diagnose und die anschlieĂende Beurteilung ob es hierfĂŒr heilende MaĂnahmen gibt und ob diese bei der jeweiligen Person auch angewendet werden kann.
Zu den einzelnen Therapieformen habe ich bereits eine kleine Ăbersicht von 6 verschiedenen Therapien gemacht. Du kannst diese unter folgendem Link die auf Youtube ansehen:Â https://www.youtube.com/playlist?list=PL0KU6DMweMvWrgi4-ISLBV7BL7gqo8hOc
Was ich in diesem Beitrag besonders herausstellen möchte, ist die ganz spezielle Herangehensweise an die SuizidalitÀt bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Denn, wenn das Thema SuizidalitÀt aufkommt, dann ist alles andere erst einmal zweitrangig und muss in den Hintergrund treten.
Das Wort Intervention ist das genaue Gegenteil von einer Beratung. Bei einer Intervention wird beherzt zugepackt um einen Missstand schnell und effektiv zu beseitigen. Es ist vielleicht mit unseren körperlichen Reflexen zu vergleichen. Ich weiche reflexhaft einem Gegenstand aus und betrachte danach mit etwas mehr Ruhe ob ĂŒberhaupt eine Gefahr bestanden hat oder nicht. Leider fehlen uns in diesem Bereich immer noch die gröĂeren empirischen Studien um die Lage besser zu beschreiben. Folgendes können wir aber jetzt schon erkennen:
Die ganz besondere Eigenschaft der SuizidalitĂ€t bei Borderlinern ist deren ImpulsivitĂ€t in ihrem Handeln. Gerade dieses plötzliche, impulsive macht das Verhalten fĂŒr alle Beteiligten so unkontrollierbar / unvorhersehbar. Deswegen ist eine erste GefahreneinschĂ€tzung ganz besonders wichtig, eine Unterscheidung in
Das sind 3 völlig unterschiedliche Ausgangssituationen und du erkennst, dass danach auch komplett von einander unterschiedliche Vorgehensweisen angeraten sind. Z.B. eine stationĂ€re Behandlung in einer Klinik â auch gegen den Willen des Betroffenen. Oder es reicht vielleicht eine ambulante Krisenintervention. Das alles muss sehr schnell in der ersten GefahreneinschĂ€tzung geschehen. HierfĂŒr ist neben dem groĂen Fachwissen rund um das Thema Borderline auch noch etwas wichtig: Erfahrung! Also das erlernte Fachwissen angewendet in der Praxis.
Nach welchem âMusterâ sollte ein Therapeut vorgehen, wenn man sich einer Akutsituation gegenĂŒbersieht?
Ein Feuer geht am besten und sichersten aus, wenn kein Brennstoff mehr zur VerfĂŒgung gestellt wird.
Hier ist wohl die beste Handlungsalternative dass der Therapeut darauf aufmerksam macht, dass er die Situation als das versteht was sie wohl aller Wahrscheinlichkeit nach aus ist: Ein Appell eine Suche nach UnterstĂŒtzung nach VerstĂ€ndnis nach einem âGehaltenwerdenâ in dem eigenen Leid
Warum diese Ruhe in solch einer kritischen Situation? Geht es hier nicht um Leben und Tod, wenn ein Suizid angedroht wird? Nun wir sprechen hier ja von dem Zusammenhang einer SuizidalitĂ€t in Verbindung mit Borderline, einer âInstabilen-Persönlichkeitsstörung F60.31. Solche SĂ€tze wie z.B. âIch will lieber sterbenâ âIch möchte nicht mehr lebenâ. Diese SĂ€tze zeigen in diesem Rahmen (in Kombination mit Borderline) sehr oft etwas ganz anderes auf als das was sie im Inhalt sagen. Anstatt sterben zu wollen schreien diese Menschen geradezu nach âStilleâ nach âRuheâ. In ihrem Kopf schwirrt diese massive affektive diffuse Angst â und genau diese soll abgestellt werden, nicht das Leben. Die Frage: âWas ist ihnen lieber? Möchten Sie lieber sterben oder von Ihrem Leiden befreit werden?â diese Frage verhilft sehr oft zu einer neuen Klarheit! Â
Wie ich bereits vorhin erwĂ€hnt habe, geht es in diesem Beitrag nicht um die grundsĂ€tzlichen Behandlungsmöglichkeiten bei Borderline. In diesem Beitrag möchte ich mich ganz speziell auf die Verringerung von Suizidversuchen konzentrieren. Die Frage lautet heute: Welche Therapieformen reduzieren nachweislich und effektiv die Zahl von Suiziden. Wir möchten Leben retten und von dem leidvollen Druck des Alltages etwas Linderung verschaffen. Und genau das ist nicht ganz so einfachâŠ. Warum?
Die wenigen vorhandenen Studien bezogen sich auf folgende Therapieformen:
Diese Therapieformen setzen den Schutz / die PrĂ€vention vor dem Suizid an die erste Stelle. Kommt das Thema âlebensbedrohliche Gefahr eines Suizidsâ auf, werden alle anderen Themen nach hinten gestellt und dieses wird priorisiert. HierfĂŒr gibt es dann in den HandbĂŒchern ganz klare Handlungsvorgaben in Bezug auf das Thema SuizidalitĂ€t. Besonders die DBT sollte hierbei herausgestellt werden. Sie ist ja eigentlich erst durch dieses traurige Thema entstanden. Die DBT wurde zuerst als ambulantes Behandlungskonzept rund um chronisch suizidale Patienten mit einer Borderline-Störung entwickelt. SuizidalitĂ€t ist bei der DBT praktisch die âKernkompetenzâ in der Therapie. Und tatsĂ€chlich wird sowohl durch die DBT als auch die anderen angesprochenen Therapieformen, sehr deutlich das Risiko fĂŒr einen Suizid reduziert. Studien belegen EffektstĂ€rken zwischen 0,88 und 1,25 ermittelt. Psychotherapie ist deutlich wirksamer als viele Behandlungen körperlicher Erkrankungen.
Kurz noch ein Wort zur ErklĂ€rung des Begriffs âEffektstĂ€rkenâ: Die Wirksamkeit einer Behandlung wird in der Bezeichnung âEffektstĂ€rkenâ wiedergegeben. EffektstĂ€rken > 0,8 gelten dann als âgroĂeâ, > 0,5 als âmittlereâ und > 0,2 als âkleineâ Effekte. Sie berechnet sich aus dem statistischen Vergleich von Mittelwerten einer Gruppe von Patienten, die psychotherapeutisch behandelt wurde, und einer Vergleichsgruppe, die mit einem Placebo behandelt wurde.
Ein Beispiel zum Vergleich: Könnte man mit einer Therapie die Intelligenz eines Menschen verbessern, dann wĂ€re die EffektstĂ€rke von 1, dass sich der IQ im Vergleich zu einer Placebogruppe durchschnittlich um 15 Punkte erhöht hĂ€tte. Eine EffektstĂ€rke von 2 wĂŒrde bedeuten, dass sich der IQ um 30 Punkte verbessert hĂ€tte. Die EffektstĂ€rke von 0,88 bis 1,25 ist also mehr als deutlich und spricht klar fĂŒr die Psychotherapie.Â
Wie sieht die EffektstÀrke nun bei der Pharmakotherapie aus? Können wir von Àhnlichen Ergebnissen und positiven VerÀnderungen ausgehen? Die kurze knappe Antwort lautet: Nein! Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist und bleibt deutlich höher als die Wirksamkeit vieler medikamentöser Behandlungsmethoden, aber auch von Operationen.
Nehmen wir als Vergleich zu den Operationen mal Folgende heraus: Bypass-Operationen bei Angina pectoris haben beispielsweise nur eine mittlere EffektstÀrke (0,70). Auch die medikamentöse Therapie von Arthritis erreicht allenfalls eine mittlere EffektstÀrke (0,61). Eine wichtige Tatsache ist auch, das Patienten eine psychotherapeutische Behandlung deutlich seltener abbrechen als medikamentöse Therapien.
Leider ist fĂŒr eine wirklich fundierte Aussage â helfen Medikamente gegen Suizid ja oder nein? â die Zahl kontrollierter pharmakologischer Studien mehr als dĂŒnnâŠ. Es gibt lediglich ein paar Hinweise, welche ich hier zumindest mal erwĂ€hnen möchte:
Experimente mit Neutronen an der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen (TUM) zeigten z.B., dass sich in der weiĂen Gehirnsubstanz Lithium deutlich stĂ€rker einlagert als in der grauen. Dies lĂ€sst uns vermuten, dass dieses Antidepressivum anders wirkt als synthetische Psychopharmaka.  Bereits seit Jahrzehnten wird dieser Wirkstoff u.a. auch zur Behandlung als Antidepressivum bei Depressionen, Manien und bipolaren Störungen eingesetzt. Aktuell wird die genaue biologische Wirkungsweise im Gehirn jedoch immer noch kaum verstanden. Bekannt ist bislang, dass Lithium die Stimmung aufhellt und das Aggressionspotential senkt. Mehrere internationale Studien haben gezeigt, dass ein höherer natĂŒrlicher Lithiumgehalt im Trinkwasser zu einer niedrigeren Suizidrate in der Bevölkerung fĂŒhrt.Â
Wer in dem ersten und spontanen Impuls â âich werde mich jetzt umbringenâ – nicht sofort umsetzen kann, weil ihm die Mittel dazu fehlen, ĂŒberlegt es sich oft doch noch einmal anders. Dies zeigen inzwischen eine ganze Reihe von Untersuchungen. Allein in den USA gibt es hierzu aktuell 30 unterschiedliche Studien zu diesem Thema (ca. 15 allein zum Thema Schusswaffenverbot). Hier (in den Staaten) erscheinen die Ergebnisse auf den ersten Blick sehr gemischt. SchĂ€rfere Gesetze schienen wenig zur Verringerung der Suizide mit Schusswaffen beizutragen â vielleicht waren die EinschrĂ€nkungen nicht ausreichend oder Schusswaffen sind bereits zu sehr in der Bevölkerung verbreitet.
Dagegen machten die Schweiz, Norwegen und Israel mit stĂ€rkeren Gesetzten recht gute Erfahrungen: Hier ging die Zahl durch Schusswaffen verursachte Suizide stark zurĂŒck.
Einen nachhaltigen Einfluss lieĂ sich aber in GroĂbritannien durch eine Verkleinerung von Analgetikapackungen (Schmerzstillende Medikamente) erzielen. Nachdem die PackungsgröĂen so verkleinert wurden, dass die Zahl der Pillen fĂŒr einen Suizid nicht mehr ausreichte, und besonders toxische Wirkstoffe komplett verbannt worden waren, sank die Suizidrate um 43 Prozent.
Der Erfolg solcher EinschrĂ€nkungen hĂ€ngt auch stark davon ab, welche Methoden in der jeweiligen Gesellschaft fĂŒr den Suizid bevorzugt werden. In China z.B. setzen suizidale Menschen auf leicht zugĂ€ngliche Pestizide. Hier könnten eine besser gesicherte Lagerung, der Verzicht auf besonders giftige Pestizide sowie strengere Zugangsregeln einen Effekt haben. Leider fehlen uns hierfĂŒr noch weitere Daten.
Eine ganze Reihe von Studien belegt einen klaren Nutzen von Zugangssperren zu Suizid-Hotspots nahe.
Ein Beispiel ist die MĂŒnsterplattform in Bern: An dieser leicht zugĂ€nglichen, etwa 30 Meter ĂŒber die Altstadt ragenden Terrasse wurden Netze angebracht, in erster Linie um die darunter lebenden Bewohner vor den HerabstĂŒrzenden zu schĂŒtzen. Diese MaĂnahme verhinderte nicht nur weitere Suizide an dem Bauwerk, insgesamt sank dadurch die Suizidrate in Bern in den folgenden Jahren, bis sich die KornhausbrĂŒcke als neuer Hotspot etablierte. Will jemand von einer bestimmten BrĂŒcke springen, und die ist gesperrt, dann geht er offenbar nicht sofort zu einer anderen BrĂŒcke. Der Impuls, sich zu töten, ist möglicherweise vorĂŒber, bevor er sich ein anderes Ziel gesucht hat.
Dies alles zeigt: ein Suizid kann wirksam angegangen werden!
Und ich hoffe sehr, mit diesem Beitrag eine kleine Hilfe hierzu habe geben können.
WĂ€hle das Leben! Ein Selbstmord ist niemals eine Option.
Es sind vielfĂ€ltige Themen die wir ansprechen können wie Borderline und seine Ursachen die unsere Gesellschaft immer mehr beschĂ€ftigen, aber auch Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer hĂ€ufiger in unseren Sprachgebrauch Einzug halten.Â
Ich möchte hier nicht nur Fragen aufwerfen, sondern auch Lösungen anbieten.Â
Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender einen Termin oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus
Mehr als alle Worte dieser Welt wirkt ein authentisches Vorbild! Viktor Frankl war schon zu Lebzeiten eine Legende. Ăber 3 Jahre in verschiedenen Lagern, hat er auĂer einer Schwester, seine gesamte Familie und seine junge Ehefrau verloren. Aber was hielt ihn am Leben? Der Lebensmut und das Vertrauen in ein WARUM zum Leben. Ein WARUM, das ist ein Lebensinhalt und das WIE waren fĂŒr Frankl die LagerumstĂ€nde. Wer ĂŒberleben wollte, brauchte einen Willen zum Sinn – sowohl zum Leben als auch zum Leiden.Â
Viktor Frankl hat durch diese persönlichen Erfahrungen seine Logotherapie – die Heilung durch einen Sinn im Leben – entwickelt. Von ihm stammt die Paradoxe Intention (wenn du unter Schlaflosigkeit leidest, dann versuche es einmal damit, nicht einzuschlafen…)Â
Ich, Marcus JÀhn, verneige mich vor dem Lebenswerk dieses Mannes und lade jeden dazu ein, sich mit diesem zu befassen. Wir können durch seine Humanistische Denkweise nur lernen!