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Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen (3) Narzissmus und AntisozialitÀt

 

Eröffnung — Der Mann, den alle bewunderten

Ich möchte heute nicht mit einer Theorie beginnen. Ich möchte mit einem Menschen beginnen.

Stellt euch einen Mann Mitte fĂŒnfzig vor. Erfolgreich. Charismatisch. Ein Mensch, in dessen NĂ€he man sich gerne aufhĂ€lt, weil er RĂ€ume fĂŒllt. Er ist witzig, schlagfertig, gut gekleidet. Wenn er einen Raum betritt, dreht sich etwas in der Luft. Frauen bemerken ihn. MĂ€nner respektieren ihn. Sein Lebenslauf liest sich wie ein Beweis dafĂŒr, dass das Leben fĂŒr ihn gemacht wurde.

Und jetzt stellt euch vor: Dieser Mann ist euer Vater. Oder euer Chef. Oder der Mann, in den ihr euch vor zwanzig Jahren verliebt habt.

Ihr kennt ihn. Ihr habt mit ihm gelacht. Ihr habt ihm geglaubt.

Und irgendwann — meistens nach Jahren — bemerkt ihr etwas Seltsames. Wenn ihr von einem schlimmen Tag erzĂ€hlt, hört er kurz zu. Und dann erzĂ€hlt er von seinem schlimmeren Tag. Wenn ihr krank seid, fragt er, wann ihr wieder funktioniert. Wenn ihr weint, wirkt er nicht mitfĂŒhlend, sondern leicht genervt — als hĂ€ttet ihr ein Problem mit ihm.

Und dann fÀllt euch zum ersten Mal ein Gedanke ein, den ihr sofort wieder verdrÀngt:

Vielleicht hat dieser Mensch mich nie wirklich gesehen. Vielleicht war ich fĂŒr ihn nie eine eigene Person — sondern ein Spiegel.

Wenn das Wort alles erklĂ€rt — und nichts mehr

Heute wird dieser Gedanke schnell ein Etikett bekommen: Narzisst. Das Wort liegt ĂŒberall herum. In TikTok-Videos. In Beziehungs-Podcasts. In BĂŒchern mit roten Covern. Jeder schwierige Ex ist heute ein Narzisst. Jeder unangenehme Chef. Jede dominante Mutter.

Und genau hier fĂ€ngt das Problem an. Denn wenn alle Narzissten sind, ist es niemand. Wenn das Wort jeden meint, trifft es keinen mehr. Und die Menschen, bei denen es wirklich zutrifft — und das sind nicht die Lauten und Sichtbaren — die rutschen unter dem Radar durch.

Pathologischer Narzissmus ist keine CharakterschwĂ€che. Er ist eine Struktur. Und es gibt eine Stelle in diesem Spektrum, an der die Therapie aufhört zu wirken — und an der ein Therapeut, der das nicht erkennt, in echte Gefahr geraten kann.

Die Frage des heutigen Abends

Otto Kernberg hat sein halbes Berufsleben damit verbracht, diese Strukturen zu zerlegen. Nicht moralisch. Klinisch. Und er beschreibt etwas, das wir heute gemeinsam anschauen werden:

Es gibt Narzissten, die in Therapie kommen und sich verĂ€ndern. Es gibt Narzissten, die in Therapie kommen und den Therapeuten erschöpfen. Es gibt Narzissten, bei denen die Therapie zur BĂŒhne wird. Und es gibt eine Stufe — Kernberg nennt sie

den malignen Narzissmus —

bei der Empathie nicht nur fehlt. Bei der Grausamkeit sich richtig anfĂŒhlt.

Heute geht es um die Frage, wo diese Grenze verlÀuft. Wie man sie erkennt. Und warum diese diagnostische Entscheidung die wichtigste ist, die ein Therapeut bei einem narzisstischen Patienten je trifft.

Nicht weil sie ĂŒber Krankenkassencodes entscheidet. Sondern weil sie ĂŒber das Leben des Patienten entscheidet. Und manchmal ĂŒber das Leben anderer Menschen. Fangen wir an.


EINLEITUNG

Narzissmus ist das meistbenutzte Wort in der Psychologie — und gleichzeitig das am meisten missverstandene.

In den sozialen Medien ist jeder, der ein Selfie macht, auf einmal ein Narzisst. Jeder, der seine Meinung sagt, ist auch ein Narzisst. Jeder unangenehme Chef, jeder schwierige Ex-Partner, jede Mutter, die zu viel redet — ist erst recht ein Narzisst. Narzissten, ĂŒberall.

Das ist aber nicht nur falsch, sondern so eine Meinung ist auch sehr gefĂ€hrlich. Warum? Weil es nĂ€mlich dazu fĂŒhrt, dass wir das, was pathologischer Narzissmus wirklich ist, nicht mehr erkennen.

Und weil es dazu fĂŒhrt, dass Menschen, die wirklich unter narzisstischer Pathologie leiden — und das schließt die Patienten selbst ein — dass diejenigen die wirkliche Hilfe brauchen, nicht das bekommen, was sie brauchen.

Otto Kernberg (geb. 1928, US-amerikanischer Psychoanalytiker) arbeitet seit Jahrzehnten mit schwer narzisstischen Patienten. Seine Studien ĂŒber narzisstische Pathologie sind mit die prĂ€zisesten und klinisch ehrlichsten Arbeiten, die ich kenne.

Heute schauen wir uns gemeinsam folgende Themen an:

  • Was ist pathologischer Narzissmus wirklich?
  • Wie erkenne ich ihn in der Therapie?
  • Wann wird er zur AntisozialitĂ€t?
  • Und warum ist diese Grenze die wichtigste diagnostische Entscheidung, die wir treffen können?

BLOCK 1 Was pathologischer Narzissmus wirklich ist

Fangen wir mit einem Bild an, das ich aus der persönlichen Arbeit kenne — natĂŒrlich anonymisiert.

Ein Mann, Mitte fĂŒnfzig. Erfolgreicher Unternehmer. Kommt in die Therapie, weil seine dritte Ehe gerade scheitert. Er ist charmant, redegewandt, hochintelligent. Er schildert seine Frau mit einer PrĂ€zision, die einen beeindruckt — bis man merkt, dass er ĂŒber sie spricht wie ĂŒber ein Projekt, das die Erwartungen nicht erfĂŒllt hat.

In den ersten Sitzungen hat man das GefĂŒhl: Hier ist jemand, der wirklich versucht, sich zu verstehen. Er stellt Fragen. Er nickt. Er wirkt nachdenklich.

Und dann merkt man: Er stellt Fragen, die er selbst beantwortet. Er nickt, wenn der Therapeut etwas sagt, das er bereits wusste. Er ist nachdenklich — ĂŒber sich. Nicht ĂŒber seine Frau. Nicht ĂŒber den Schmerz, den er verursacht hat.

Das ist kein schlechter Mensch. Das ist ein Mensch mit einem pathologischen GrĂ¶ĂŸenselbst.

Das pathologische GrĂ¶ĂŸenselbst ist keine Selbstliebe. Es ist eine Abwehrkonstruktion. Es schĂŒtzt vor tiefer Scham, innerer Leere und unertrĂ€glicher AbhĂ€ngigkeit.

Otto Kernberg beschreibt vier Übertragungsmerkmale, die alle das GrĂ¶ĂŸenselbst widerspiegeln — unabhĂ€ngig vom Schweregrad der narzisstischen Pathologie.

Erstens: Entwertung

Der Therapeut wird systematisch entwertet. Nicht immer aggressiv — manchmal subtil. Seine Interventionen werden ignoriert, umformuliert, „schon gewusst“.

Ein narzisstischer Patient, so beschreibt Kernberg, wiederholt die Deutungen des Therapeuten bedachtsam, um zu ĂŒberprĂŒfen, ob sie „gut“ oder „nutzlos“ sind. Das ist kein Nachdenken. Das ist QualitĂ€tskontrolle.

Zweitens: Anspruchsdenken ohne Gegenleistung

Der Therapeut soll geben — Zeit, Aufmerksamkeit, Verstehen. Dass der Therapeut selbst ein Mensch mit eigenen Grenzen ist, wird nicht wirklich registriert.

Einer von Kernbergs Patienten teilte ihm ohne jede emotionale Reaktion mit, er hĂ€tte keinerlei besondere GefĂŒhle, sollte er — der Therapeut — plötzlich sterben.

Drittens: Keine echte Dankbarkeit, keine echte Trauer

Das ist wohl das klinisch bedeutsamste Merkmal. Dankbarkeit setzt voraus, dass ich erkenne: Dieser Mensch hat mir etwas gegeben, das er mir vorher gar nicht schuldete. Das erfordert die Wahrnehmung des anderen als eigenstÀndige Person mit eigenem Innenleben.

Narzisstische Patienten auf schwerem Niveau können das nicht — nicht, weil sie bösartig sind, sondern weil die psychische Struktur dafĂŒr nicht vorhanden ist.

Viertens: Das GefĂŒhl des Therapeuten, allein im Zimmer zu sein

Das ist Kernbergs prĂ€ziseste klinische Beobachtung. Der narzisstische Patient spricht zu sich selbst — oder versucht den Therapeuten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Er teilt sich nicht wirklich mit. Er fĂŒhrt eine Inszenierung auf — fĂŒr ein Publikum, das er gleichzeitig nicht wirklich sieht.

BLOCK 2 Das Spektrum: Von hochfunktional bis maligne

Narzissmus ist keine binĂ€re Kategorie — also kein Entweder-Oder. Kernberg beschreibt vielmehr ein Spektrum, eine Bandbreite. Und das ist klinisch sehr entscheidend, weil dieses Spektrum ĂŒber die Prognose und Behandelbarkeit entscheidet.

Lass uns drei Stufen von Narzissten miteinander besprechen — und ein viertes, besonderes Syndrom dazu.

Stufe 1: Narzisstische Persönlichkeit auf hohem Funktionsniveau

Diese Patienten funktionieren beruflich und sozial oft beeindruckend gut. Sie kommen in die Therapie, weil etwas in ihrem Leben irgendwie nicht stimmt — Beziehungen scheitern, innere Leere, das GefĂŒhl, nie wirklich anzukommen.

In der Therapie: Der Therapeut hat anfĂ€nglich das GefĂŒhl, es gĂ€be gar keine Übertragung. Aber das ist eine Illusion. Die Übertragung ist da — sie spielt sich zwischen dem GrĂ¶ĂŸenselbst des Patienten und einem austauschbaren Außenstehenden ab, der kontrolliert werden muss.

Mit sorgfĂ€ltiger, konsequenter Deutungsarbeit ĂŒber lange ZeitrĂ€ume lĂ€sst sich diese Struktur aufbrechen. Die Prognose ist gut — wenn der Therapeut Geduld hat und sich nicht in die Spiegelrolle drĂ€ngen lĂ€sst.

Stufe 2: DĂŒnnhĂ€utige Narzissten

Diese Patienten sind empfindlich, leicht gekrĂ€nkt, chronisch beleidigt. Sie wirken verletzlich — was sie in gewisser Weise auch sind. Ihre GrandiositĂ€t ist weniger sichtbar, aber genauso wirksam. Sie erwarten, bemerkt zu werden. Sie leiden, wenn das nicht passiert.

In der Therapie: Die GegenĂŒbertragung ist oft eine Mischung aus MitgefĂŒhl und wachsender Erschöpfung. Man möchte helfen — aber man kommt nicht wirklich ran. Die Interventionen gleiten ab.

Stufe 3: Das Syndrom des malignen Narzissmus

Hier wird es nun wirklich bitterernst.

Kernberg beschreibt das Syndrom des malignen Narzissmus als eine Kombination aus vier Elementen: pathologisches GrĂ¶ĂŸenselbst, antisoziale ZĂŒge, Ich-syntone Aggression und paranoide Merkmale.

Ich-syntone Aggression bedeutet: Der Patient erlebt seine Grausamkeit nicht als fremd oder problematisch. Sie gehört zu ihm. Sie fĂŒhlt sich richtig an.

Ein konkretes Beispiel aus Kernbergs Buch: Ein junger Mann, Mitglied einer Neonazi-Gruppierung, der mehrere tĂŒrkische GastarbeiterunterkĂŒnfte anzĂŒndete. In der psychiatrischen Untersuchung ergab sich folgendes Bild: narzisstische ZĂŒge, GrandiositĂ€t, Paranoia. Klingt nach antisozialer Persönlichkeit.

Aber dann: Der Mann hatte seit Jahren eine feste Liebesbeziehung. Als seine Freundin drohte, ihn zu verlassen, wenn er die ÜberfĂ€lle nicht beendete — stellte er sich der Polizei. Er liebte sie. Er konnte binden.

Genau das ist maligner Narzissmus — keine echte antisoziale Persönlichkeitsstörung. Ein entscheidender Unterschied fĂŒr die Prognose.

Stufe 4: Das Syndrom der toten Mutter

Das beschreibt AndrĂ© Green (1927–2012), einer der bedeutendsten französischen Psychoanalytiker der Moderne, zentraler Theoretiker der „dritten Generation“ der Psychoanalyse — viele Arbeiten ĂŒber GrenzfĂ€lle (Borderline-Störungen) und die Bedeutung des „Negativen“. Kernberg ĂŒbernimmt das Konzept.

Diese Patienten haben innerlich alle Beziehungen abgetötet. Sie sind beruflich funktional, sozial oberflĂ€chlich kompetent — aber innen vollstĂ€ndige Leere.

Sie hören Deutungen aufmerksam zu und sagen dann: „Das ist alles sehr interessant. Es berĂŒhrt mich aber nicht im Geringsten.“

Keine Aggression. Keine Feindseligkeit. Nur Leere. Und im Therapeuten — nach Monaten intensiver Therapiearbeit — das GefĂŒhl völliger Erschöpfung und Sinnlosigkeit. Das ist die GegenĂŒbertragung auf dieses Syndrom.

BLOCK 3 Im Spiegel der Therapie: Wie der Narzisst kommuniziert

Kernbergs Kapitel ĂŒber die Verzerrungen des freien Assoziierens als narzisstische Abwehr ist eines der klinisch nĂŒtzlichsten Kapitel des ganzen Buches.

Was passiert, wenn ein narzisstischer Patient freie Assoziationen bringt?

In der Regel: Er bringt keine. Er bringt strukturierte Berichte. Geordnete ErzÀhlungen. Gut kuratierte SelbstprÀsentationen. Die Assoziationen sind so durchstrukturiert, dass sie die gezielte Absicht erkennen lassen, den Therapeuten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Freie Assoziation setzt voraus, dass ich dem anderen erlaube, mich zu ĂŒberraschen. Das narzisstische GrĂ¶ĂŸenselbst kann das nicht zulassen — weil Überraschung Kontrollverlust bedeutet.

Was noch auffÀllt

Der Patient spricht viel — aber teilt wenig mit. Es gibt einen Unterschied zwischen Sprechen und Kommunizieren: Sprechen ist Produktion. Kommunizieren ist der Versuch, beim anderen anzukommen und mit ihm etwas Gemeinsames zu teilen.

Narzisstische Patienten sprechen. Sie kommunizieren aber nur selten.

Pausen sind fĂŒr sie gefĂ€hrlich. Das Schweigen könnte bedeuten, dass der Therapeut die Kontrolle hat. Dass etwas Unkontrolliertes auftaucht. Das wird vermieden.

Deutungen werden nicht einfach aufgenommen — sie werden bewertet, registriert, abgehakt. Der Patient sagt innerlich: „Nach PrĂŒfung: bekannt, kein Handlungsbedarf.“

Die unbewussten Ängste dahinter

Was steckt hinter all dem? FĂŒr Kernberg ist das alles sehr klar.

Erstens: Die Angst vor BeschĂ€mung. Wenn ich mich wirklich mitteile, wenn ich wirklich sage, was ich denke und fĂŒhle — dann könnte der Therapeut sehen, dass ich nicht so groß bin, wie ich wirken will. Das ist unertrĂ€glich.

Zweitens: Die Angst vor Neid. Der Therapeut kann helfen. Der Patient braucht Hilfe. Das bedeutet: Der Therapeut ist ĂŒberlegen. Der Neid darauf ist gewaltig — und muss abgewehrt werden.

Drittens: Die Angst vor AbhĂ€ngigkeit. Wenn mir dieser Therapeut wirklich wichtig wird — wenn ich anfange, auf ihn zu zĂ€hlen — dann bin ich verletzlich. Und Verletzlichkeit ist das, was das GrĂ¶ĂŸenselbst um jeden Preis verhindern soll.

Was in der GegenĂŒbertragung passiert

[Ton: ehrlich, ohne Pathos. Das ist der Punkt, an dem viele Kollegen aussteigen.]

Ich möchte das klar benennen, weil es oft nicht gesagt wird.

Die Arbeit mit schwer narzisstischen Patienten ist zermĂŒrbend. Nicht weil der Patient aktiv feindselig ist. Sondern weil man konstant das GefĂŒhl hat: Es kommt nichts an. Man gibt, gibt, gibt — und es versinkt im Nichts.

Das ist keine persönliche UnzulĂ€nglichkeit des Therapeuten. Das ist die exakte GegenĂŒbertragung auf das, was der Patient unbewusst inszeniert: Niemand kann wirklich etwas geben. Niemand ist wirklich bedeutsam.

Wenn der Therapeut diese Leere und Erschöpfung als klinisches Signal liest — statt als persönliches Versagen —, dann hat er einen Einblick in die innere Welt des Patienten, den keine Schilderung der Vorgeschichte geben könnte.

BLOCK 4 Die wichtigste Diagnose: Wo endet Narzissmus, wo beginnt AntisozialitÀt?

Das ist die Frage, die Kernberg in seinen BĂŒchern wirklich ausfĂŒhrlich beantwortet. Und ich möchte sie so klar wie möglich stellen, weil sie in der klinischen Praxis systematisch zu wenig gestellt wird.

 

Die eigentliche antisoziale Persönlichkeitsstörung ist nach Kernberg nicht psychoanalytisch behandelbar. Die Differenzialdiagnose zwischen Narzissmus und AntisozialitÀt ist deshalb eine der klinisch folgenreichsten Entscheidungen, die ein Therapeut treffen kann.

Kernberg beschreibt ein Spektrum des antisozialen Verhaltens, das ich hier in vier Stufen zusammenfassen möchte.

Stufe 1: Narzisstische Persönlichkeitsstörung ohne antisoziale ZĂŒge

GrandiositĂ€t, Entwertung, Empathiemangel — aber noch ein funktionierendes Über-Ich. Der Patient kennt Schuld. Er kann, unter UmstĂ€nden, Reue entwickeln. Er bindet sich — wenn auch konfliktreich. Behandelbar.

Stufe 2: Narzisstische Persönlichkeitsstörung mit antisozialen ZĂŒgen

Der Kunsthistoriker bei Kernberg, der ĂŒber Jahre wertvolle KunstbĂ€nde stahl — ansonsten aber keinerlei antisoziales Verhalten zeigte. Es gibt einen engen, dissoziierten Bereich des Regelbruchs. Aber daneben existiert noch ein moralisches Funktionieren. Behandelbar — mit klaren Grenzen.

Stufe 3: Syndrom des malignen Narzissmus

GrandiositĂ€t + antisoziales Verhalten + paranoide ZĂŒge + Ich-syntone Aggression — also ein Zustand, in dem die Person ihre inneren Gedanken und Verhaltensweisen als stimmig erlebt.

Schwer zu behandeln, aber nicht hoffnungslos. Der SchlĂŒssel ist die Frage: Gibt es noch eine BindungsfĂ€higkeit? Gibt es jemanden, dem dieser Mensch wirklich etwas bedeutet?

Der Neonazi, der sich wegen seiner Freundin stellte: Ja. Es gibt BindungsfÀhigkeit. Es gibt eine moralische KapazitÀt, die angesprochen werden kann. Das Àndert die Prognose fundamental.

Stufe 4: Antisoziale Persönlichkeitsstörung im eigentlichen Sinne

Hier ist die Prognose am dĂŒstersten. Kernberg ist direkt: Keine SchuldfĂ€higkeit, keine echte BindungsfĂ€higkeit, keine Reue — oder nur Reue ĂŒber das, was nachgewiesen werden kann.

Der Buchhalter, der seiner Frau und seinen Kindern jahrelang das Geld stahl. Der beteuerte tiefe Liebe — und dessen Reue sich ausschließlich auf das erstreckte, was man ihm nachweisen konnte. Sobald neue Vergehen ans Licht kamen, hatte er auch die „vergessen“.

Das ist kein Narzisst. Das ist eine antisoziale Persönlichkeit.

Die unterscheidende Frage ist nicht: Zeigt dieser Mensch Reue? Sondern: Zeigt er Reue auch dann, wenn niemand zuschaut?

Die diagnostischen SchlĂŒsselkriterien

Kernberg nennt konkrete Kriterien, die ich hier direkt weitergebe, weil sie klinisch unschÀtzbar sind.

Erstens: Gibt es echte BindungsfĂ€higkeit? Menschen, denen dieser Mensch wirklich etwas bedeutet — unabhĂ€ngig von Nutzen und Kontrolle?

Zweitens: Gibt es ein funktionierendes Über-Ich? SchuldgefĂŒhle, die auch dann auftauchen, wenn keine Ă€ußere Sanktion droht?

Drittens: Gibt es interpersonale ZuverlÀssigkeit? Kann sich der Mensch auch unter Druck an Vereinbarungen halten?

Alle drei Fragen mĂŒssen in der Eingangsdiagnostik gestellt werden. Nicht im ersten GesprĂ€ch — sondern strukturiert, ĂŒber Zeit, mit Informationen aus dem Umfeld.

BLOCK 5 Was in der Therapie wirklich hilft

 

Ich möchte fĂŒnf Punkte benennen, die ich fĂŒr das Wichtigste in der Therapie narzisstischer Pathologie halte — gestĂŒtzt auf Kernbergs Arbeit.

Erstens: Keine Spiegelrolle

Der hĂ€ufigste Fehler in der Therapie narzisstischer Patienten: Man wird zum Bewunderer. Man bestĂ€tigt, spiegelt, bestĂ€tigt. Das fĂŒhlt sich fĂŒr beide kurzfristig gut an.

Es hilft dem Patienten kein bisschen. Die GrĂ¶ĂŸenstruktur wird dadurch befĂ€higt — nicht aufgebrochen. Der Patient verliert Jahre in einer Therapie, die ihn unterhĂ€lt, ohne ihn zu verĂ€ndern.

Zweitens: Das GrĂ¶ĂŸenselbst nicht direkt angreifen

Das ist der zweite hĂ€ufige Fehler. Der Therapeut wird ungeduldig, konfrontiert direkt: „Sie sind nicht so groß, wie Sie glauben.“

Das GrĂ¶ĂŸenselbst ist eine Abwehrkonstruktion. Wenn man sie zusammenbricht, ohne dass dahinter etwas TragfĂ€higes steht, riskiert man schwere Dekompensation. Der Therapeut muss die Schicht unter dem GrĂ¶ĂŸenselbst zugĂ€nglich machen — die Leere, die Scham, die Sehnsucht — bevor die Abwehr aufgegeben werden kann.

Drittens: Die Wendepunkte erkennen

Es gibt Momente in der Therapie narzisstischer Patienten, die Kernberg als Wendepunkte beschreibt. Sie sind selten. Und man kann sie leicht ĂŒbersehen.

Das erste Mal, dass ein Patient echte Dankbarkeit zeigt — nicht als Floskel, sondern als GefĂŒhl. Das erste Mal, dass SchuldgefĂŒhle auftauchen, die nicht durch Ă€ußeren Druck erzwungen sind. Das erste Mal, dass der Patient fragt: „Was habe ich dieser Person wirklich angetan?“ — und dabei so klingt, als ob ihn die Antwort wirklich interessiert.

Diese Momente sind selten. Aber sie sind der Beweis, dass StrukturverÀnderung möglich ist. Man muss sie erkennen und halten.

Viertens: Trauer ermöglichen

Narzisstische Patienten können nicht trauern. Das hÀngt unmittelbar mit ihrer Struktur zusammen.

Trauer erfordert: Ich erkenne, dass ich etwas verloren habe, das wirklich wertvoll war. Das setzt voraus, dass ich den Anderen als eigenstĂ€ndige Person anerkenne — nicht als Funktion meines Selbst.

Wenn in einer langen Therapie der Moment kommt, in dem ein narzisstischer Patient wirklich trauert — um eine Beziehung, die er zerstört hat, um eine Chance, die er verpasst hat, um das Leben, das er hĂ€tte leben können — dann ist das kein Zusammenbruch. Das ist Fortschritt.

FĂŒnftens: Den eigenen Narzissmus kennen

Das sagt Kernberg nicht explizit. Ich sage es.

Wer mit schwer narzisstischen Patienten arbeitet, wird immer wieder in eigene narzisstische Reaktionen geraten. Den Wunsch, bewundert zu werden fĂŒr die schöne Deutung, die man gerade gemacht hat. Die GekrĂ€nktheit, wenn der Patient sie ignoriert. Den Triumph, wenn der Patient schließlich „nachgibt“.

Das alles ist menschlich. Und das alles muss erkannt werden — bevor es sich in der therapeutischen Beziehung auswirkt.

ZUSAMMENFASSUNG

Pathologischer Narzissmus ist keine Frage des Charakters. Er ist eine Strukturfrage. Das pathologische GrĂ¶ĂŸenselbst ist eine Abwehrkonstruktion — gebaut, um Scham, Leere und AbhĂ€ngigkeit zu verhindern.

Das Spektrum reicht von hochfunktionalen narzisstischen Persönlichkeiten bis zum Syndrom des malignen Narzissmus und zur echten antisozialen Persönlichkeitsstörung. Diese Unterscheidung ist klinisch lebensnotwendig — sie entscheidet ĂŒber Behandelbarkeit und Prognose.

In der Therapie: keine Spiegelrolle, kein direkter Angriff auf das GrĂ¶ĂŸenselbst, Geduld fĂŒr die langen ZeitrĂ€ume, Wachheit fĂŒr die seltenen Wendepunkte.

Und: die eigene GegenĂŒbertragung als prĂ€zisestes diagnostisches Instrument nutzen. Was fĂŒhle ich in dieser Sitzung? Was inszeniert der Patient in mir?

ÜBERLEITUNG ZU VORTRAG 4

 

In Vortrag 2 haben wir eine junge Frau kennengelernt, die Angst hat, gedemĂŒtigt zu werden. In Vortrag 3 haben wir den Mann beschrieben, der allein im Zimmer ist — auch wenn jemand neben ihm sitzt.

Beide haben eines gemeinsam: Sie können nicht lieben. Nicht im vollen Sinn des Wortes.

Im letzten Vortrag gehen wir dorthin. Was bedeutet es, lieben zu können? Was passiert, wenn das fehlt? Kernberg widmet fast ein Drittel seines Buches der Erotik, der SexualitĂ€t und dem Liebesleben von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen — und die meisten Therapeuten weichen diesem Thema systematisch aus.

Wir werden schauen: Wie diagnostiziert man Sexualpathologie? Was macht erotische Übertragung mit dem Therapeuten? Warum ist die FĂ€higkeit zu trauern die Voraussetzung fĂŒr ein erfĂŒlltes Leben?

Und: Was braucht ein Therapeut als Person, um in diesem Terrain zu arbeiten? Kernberg ist da unbequem direkt.

 

Die Behandlung schwerer Persönlichkeitsstörungen

Otto F. Kernberg zeigt hier seine wahre Kernkompetenz: schwere Persönlichkeitsstörungen, ihre Ätiologie, Diagnose und Behandlung.

Er beantwortet in diesem Buch die Frage, welche spezifischen Schwierigkeiten bei PatientInnen mit schweren Persönlichkeitsstörungen im Zusammenhang mit deren Erotik, ihren Liebesbeziehungen und Aggressionen auftreten.

Außerdem stellt Kernberg eine psychodynamische Psychotherapie vor, die speziell auf die Behandlung der Psychopathologie dieser Störungen zugeschnitten ist: Die TFP – Die Übertragungsfokussierte Psychotherapie.
Dabei wird am Kern der Persönlichkeitsstörung gearbeitet:
– Wie kann am Syndrom der IdentitĂ€tsdiffusion gearbeitet werden, die sich auf das emotionale Wohlergehen auswirkt?
– Wie können die PatientInnen tragfĂ€hige Beziehungen zu anderen Menschen entwickeln und aufrechterhalten?
Wie effektiv ist hierfĂŒr die von Kernberg und seinen Mitarbeitern entwickelte Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP)?
Dieses Buch ist eine wertvolle Orientierung fĂŒr alle, die mit diesem Thema und / oder direkt mit dieser Patientengruppe arbeiten.

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