Warum du nicht dort kämpfen solltest, wo es brennt – sondern dort, wo es entschieden wird
Wir befinden uns weiterhin in Gruppe I – den Strategemen der Überlegenheit. Diese ersten sechs Strategeme beschreiben Taktiken, die man aus einer Position der Stärke heraus anwendet. Heute behandeln wir Strategem Nr. 2 – das zweite von sechs in dieser Gruppe.
Im letzten Vortrag haben wir uns mit dem ersten Strategem beschäftigt: „Den Himmel täuschen, um das Meer zu überqueren.” Die zentrale Erkenntnis war: Die gefährlichste Täuschung ist nicht die große Lüge – sondern das Vertraute, das wir nicht mehr hinterfragen. Unser Gehirn filtert Routine heraus, und genau diese Gewöhnung macht uns blind. Der stoische Gegenentwurf: Prüfe deine Wahrnehmung. Bleib wach, auch wenn die Oberfläche ruhig ist.
Heute gehen wir einen Schritt weiter. Denn manchmal reicht es nicht, die Dinge klar zu sehen. Manchmal musst du auch den Mut haben, sie anders anzugehen, als alle es erwarten. Strategem Nr. 2 fragt: Was tust du, wenn der direkte Weg versperrt ist?
Kennst du diese Paare, die seit Monaten über dasselbe streiten? Immer wieder dieselbe Diskussion. Wer den Müll rausbringt. Wer die Kinder abends ins Bett bringt. Wer mehr arbeitet. Sie reden und reden – aber nichts verändert sich. Der Streit dreht sich im Kreis. Und irgendwann sitzt einer von ihnen in meiner Praxis und sagt: „Wir streiten ständig über den Haushalt.” Und ich sage: „Nein. Ihr streitet über Anerkennung. Über Respekt. Über die Frage, ob der andere euch wirklich sieht.” Der Haushalt ist nur die Bühne. Das Stück, das aufgeführt wird, handelt von etwas ganz anderem.
Genau das ist die Essenz des zweiten Strategems. Greife nicht dort an, wo der Feind am stärksten ist. Greife dort an, wo er am verletzlichsten ist – dort, wo die eigentliche Ursache liegt. Die alten chinesischen Strategen wussten: Der kürzeste Weg ist nicht immer der klügste. Manchmal ist der Umweg die einzige Route, die wirklich ans Ziel führt.
Und das gilt nicht nur für militärische Schlachtfelder. Das gilt für deine Ehe, deinen Job, deinen Umgang mit dir selbst. Die Frage, die dieses Strategem aufwirft, ist eine der wichtigsten überhaupt: Kämpfst du gerade gegen das richtige Problem – oder erschöpfst du dich an einem Stellvertreterkrieg?
Strategem Nr. 2: „Wei belagern, um Zhao zu retten” (围魏救赵 – wéi Wèi jiù Zhào).
Der klassische strategische Sinn: Wenn dein Verbündeter von einem mächtigen Feind angegriffen wird, dann stürze dich nicht in die direkte Konfrontation. Greife stattdessen die Heimatbasis des Feindes an – den Ort, den er um jeden Preis verteidigen muss. Der Gegner wird gezwungen, seinen Angriff abzubrechen und zurückzukehren. Du gewinnst, ohne die stärkste Verteidigung des Feindes durchbrechen zu müssen.
Die historische Geschichte dahinter ist so elegant wie lehrreich: Im Jahr 354 v. Chr. belagerte der mächtige Staat Wei die Hauptstadt des schwächeren Staates Zhao. Zhao bat den Staat Qi um Hilfe. Der Feldherr Sun Bin – ein Schüler des legendären Strategen Sun Tzu – schickte seine Armee aber nicht nach Zhao, um die Belagerung zu durchbrechen. Stattdessen marschierte er direkt gegen die schlecht verteidigte Hauptstadt von Wei. Das Ergebnis: Wei musste seine Truppen abziehen, Zhao war gerettet – und Sun Bin schlug die erschöpfte Wei-Armee auf dem Rückmarsch. Er gewann, indem er dort angriff, wo niemand es erwartete.
Die psychologische Dynamik hinter diesem Strategem ist tiefgreifend – und begegnet dir im Alltag häufiger, als du vielleicht denkst. Im Kern geht es um das Prinzip der indirekten Intervention: Nicht das Symptom bekämpfen, sondern die Ursache. Nicht den Rauch löschen, sondern das Feuer finden.
In der Konfliktpsychologie kennen wir das Phänomen der Verschiebung – einen klassischen Abwehrmechanismus. Verschiebung bedeutet: Ein Gefühl, das eigentlich einem bestimmten Auslöser gilt, wird auf ein anderes, weniger bedrohliches Ziel umgelenkt. Der Ehemann, der Ärger mit seinem Chef hat, wird zu Hause laut – nicht wegen der Spülmaschine, sondern weil er sich ohnmächtig fühlt und dieses Gefühl irgendwo hin muss. Die Mutter, die ihre Tochter übermäßig kontrolliert – nicht weil das Kind so schwierig wäre, sondern weil sie selbst Angst vor Kontrollverlust hat, seit ihr Mann sie verlassen hat.
Wenn du in solchen Situationen den „Stellvertreterkonflikt” direkt angehst – also über die Spülmaschine oder die Schulnoten diskutierst –, wirst du nie weiterkommen. Du kämpfst gegen Wei, während das eigentliche Problem in Zhao liegt. Die Kunst ist, hinter die Kulissen zu schauen: Was wird hier wirklich verhandelt? Welches Bedürfnis ist ungestillt? Welche Angst treibt dieses Verhalten an?
Die Chance dieses Prinzips: Es kann Konflikte auflösen, die seit Jahren festgefahren sind. Wenn du den Kern triffst, lösen sich die Symptome oft von selbst auf. Ich erlebe das in der Paartherapie immer wieder – sobald ein Paar versteht, dass es nicht um den Streitpunkt geht, sondern um das Gefühl dahinter, geschieht etwas Erstaunliches: Die Verteidigungsmauern fallen.
Das Risiko: Dieses Prinzip kann auch als Waffe eingesetzt werden. Wer versteht, wo die eigentliche Verletzlichkeit liegt, kann gezielt dort zuschlagen, wo es am meisten wehtut. Narzisstische Persönlichkeiten sind darin erschreckend begabt: Sie spüren instinktiv, was dir am wichtigsten ist – und greifen genau dort an, um dich gefügig zu machen. Dann wird aus einer klugen Strategie emotionale Erpressung.
Was hätten die Stoiker zu diesem Strategem gesagt? Interessanterweise hätten sie wahrscheinlich den indirekten Ansatz grundsätzlich begrüßt – aber aus völlig anderen Gründen als ein Stratege. Für die Stoiker geht es nicht darum, den Gegner zu besiegen. Es geht darum, das Richtige zu tun – auf dem klügsten Weg.
Seneca, der große Lehrer der Gelassenheit, warnte immer wieder vor blinder Konfrontation. Wer sich in jeden Kampf stürzt, der sich ihm bietet, verschwendet seine Kraft. In „In der Stille liegt dein Weg” beschreibt Ryan Holiday diese Haltung: Wirkliche Stärke zeigt sich nicht in der Fähigkeit, jeden Kampf zu führen, sondern in der Weisheit, den richtigen Kampf zu wählen. Wer in sich ruht, reagiert nicht auf jede Provokation – sondern handelt gezielt dort, wo es wirklich zählt. Sinngemäß nach Seneca, vgl. In der Stille liegt dein Weg (Q7), Kapitel über innere Ruhe und strategisches Handeln.
Epiktet würde ergänzen: Der direkte Weg ist oft der Weg des Egos. Wir wollen beweisen, dass wir recht haben. Wir wollen den anderen überwältigen. Aber das ist selten klug – und fast nie tugendhaft. Holiday schreibt in „Dein Ego ist dein Feind”: Das Ego will den schnellen Sieg, die öffentliche Bestätigung, das letzte Wort. Doch wahre Stärke liegt oft im Verzicht auf den direkten Zusammenstoß – nicht aus Schwäche, sondern aus Klugheit. Sinngemäß nach Epiktet, vgl. Dein Ego ist dein Feind (Q2), Kapitel über Zurückhaltung.
Mark Aurel, der römische Kaiser, der täglich mit Konfrontationen umgehen musste – mit Senatoren, Generälen, ganzen Völkern –, wählte auffällig oft den indirekten Weg. Nicht weil er zu schwach für den direkten Kampf war, sondern weil er verstand: Der klügste Sieg ist der, bei dem der Gegner gar nicht merkt, dass ein Kampf stattgefunden hat. Die stoische Kernfrage lautet hier: Geht es dir darum, recht zu haben – oder geht es dir darum, das Richtige zu erreichen? Denn das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Aristoteles, der Meister der praktischen Klugheit, hätte dieses Strategem wahrscheinlich mit einem zufriedenen Nicken quittiert – zumindest in seiner defensiven Variante. Für Aristoteles war die Phronesis, die praktische Weisheit, die höchste intellektuelle Tugend. Und Phronesis bedeutet nicht, stur den kürzesten Weg zu gehen. Es bedeutet, in jeder Situation das Klügste zu erkennen. Manchmal ist das der Umweg. Manchmal ist das die indirekte Lösung. Die Tugend liegt nicht im Geradlinigen um jeden Preis, sondern im Angemessenen.
Kant wäre deutlich kritischer. Sein kategorischer Imperativ verlangt: Handle so, dass die Maxime deines Handelns ein allgemeines Gesetz werden könnte. Wenn du jemanden indirekt unter Druck setzt – indem du nicht ihn selbst angreifst, sondern das, was ihm wichtig ist –, dann benutzt du einen Menschen als Mittel. Und genau das lehnt Kant radikal ab. Für ihn ist die Instrumentalisierung eines Menschen – egal wie clever sie verpackt ist – immer ein Verstoß gegen die Würde. Die entscheidende Frage aus kantischer Sicht: Ist dein indirektes Vorgehen ein Ausdruck von Klugheit, die dem anderen schadet? Oder dient es einem Ziel, das auch der andere als vernünftig anerkennen müsste?
Nietzsche würde hier eine überraschende Wendung einbringen. Für ihn war der indirekte Weg manchmal ein Zeichen von Schwäche – eine „Sklavenmoral”, die den offenen Kampf scheut und sich hinter Strategien versteckt. Aber Nietzsche kannte auch die andere Seite: Die höchste Form der Macht ist nicht die rohe Gewalt, sondern die Fähigkeit, die Spielregeln zu verändern. Wer Wei belagert, statt Zhao direkt zu retten, definiert das Spielfeld neu. Und das, so Nietzsche, ist eine Form der Souveränität – vorausgesetzt, sie entspringt innerer Stärke und nicht der Angst vor der direkten Auseinandersetzung.
Lass uns dieses Strategem jetzt in deinen Alltag übersetzen – in drei Bereiche, die fast jeden betreffen.
In der Partnerschaft und Familie: Ich erinnere mich an ein Paar in meiner Praxis. Sie stritten seit zwei Jahren über die Erziehung ihrer Tochter – Mutter streng, Vater nachgiebig. Jede Diskussion endete im Vorwurf: „Du bist zu hart!” – „Und du lässt alles durchgehen!” Frontalangriff gegen Frontalangriff. Nichts bewegte sich. Bis wir aufhörten, über die Erziehung zu reden, und stattdessen über die Kindheit der Mutter sprachen. Über eine Mutter, die nie Grenzen gesetzt hatte. Über das Chaos, das sie als Kind erlebt hatte. Plötzlich verstand der Vater: Ihre Strenge war kein Angriff auf ihn. Es war der Versuch, ihrer Tochter die Sicherheit zu geben, die sie selbst nie hatte. Als er das verstand, hörte er auf, dagegen zu kämpfen – und fing an, mit ihr gemeinsam nach dem richtigen Maß zu suchen. Wei belagern, um Zhao zu retten. Nicht den Streit gewinnen – sondern die Ursache heilen.
Im Beruf und in der Führung: Stell dir vor, dein Team liefert seit Monaten schlechte Ergebnisse. Du könntest den Druck erhöhen – mehr Kontrolle, mehr Deadlines, mehr Meetings. Frontaler Angriff auf das Problem. Oder du könntest fragen: Warum liefert das Team nicht? Vielleicht liegt es nicht an Faulheit, sondern an Überlastung. Vielleicht an einem toxischen Teamklima. Vielleicht an einer unausgesprochenen Angst vor Fehlern. Die klügste Führungskraft ist nicht die, die am lautesten führt – sondern die, die das unsichtbare Problem findet.
In der Selbstführung: Wie oft versuchst du, ein Verhalten zu ändern, indem du dich direkt zwingst? Weniger essen, mehr Sport, weniger Handy. Und wie oft scheitert das? Weil du das Symptom bekämpfst, nicht die Ursache. Vielleicht isst du nicht zu viel, weil du keinen Willen hast – sondern weil du dich emotional leer fühlst. Vielleicht greifst du ständig zum Handy, nicht aus Langeweile – sondern weil Stille dich mit Gedanken konfrontiert, die du lieber vermeidest. Der indirekte Weg zur Veränderung: Finde heraus, welches Bedürfnis du wirklich stillst – und suche einen gesünderen Weg, es zu erfüllen.
Wann wird dieses Strategem zerstörerisch? Immer dann, wenn der indirekte Angriff nicht dem Verständnis dient, sondern der Vernichtung. In toxischen Beziehungen gibt es ein Muster, das Therapeuten gut kennen: Ein Partner greift nicht direkt an, sondern geht über die Kinder. „Mama hat gesagt, du bist nie da.” „Papa findet, du gibst zu viel Geld aus.” Das Kind wird zur Waffe im Stellvertreterkrieg der Eltern. Das ist Wei belagern in seiner dunkelsten Form – und es richtet bei den Kindern verheerenden Schaden an.
In der Arbeitswelt kennen wir es als „politisches Spiel”: Nicht den Kollegen direkt angreifen, sondern sein Projekt sabotieren. Nicht die Chefin konfrontieren, sondern ihren wichtigsten Verbündeten auf die eigene Seite ziehen. Das ist Machtpolitik, nicht Weisheit.
Und wann wird es zur klugen Lebensstrategie? Wenn du den indirekten Weg wählst, nicht um zu manipulieren, sondern um zu verstehen. Wenn du hinter das Symptom schaust, um die Ursache zu finden. Wenn du den Umweg nimmst, weil der direkte Weg nicht zum Ziel führt, sondern nur zur Eskalation. Die Grenze ist klar: Dient dein Umweg der Lösung – oder der Kontrolle? Will ich heilen – oder gewinnen? In dieser Unterscheidung liegt der gesamte ethische Gehalt dieses Strategems.
Das zweite Strategem lehrt uns etwas, das in unserer Kultur des „Dranbleibens” und „Durchhaltens” fast vergessen wird: Manchmal ist der klügste Weg nicht der direkte. Manchmal musst du loslassen, wo alle festhalten – und dort hinschauen, wo niemand hinschaut. Nicht weil du zu schwach bist für die Konfrontation. Sondern weil du klug genug bist zu erkennen, wo die eigentliche Entscheidung fällt.
Die stoische Kernbotschaft: „Ein Hindernis auf dem Weg wird zum Weg. Was im Weg steht, zeigt dir den Weg.” – Sinngemäß nach Mark Aurel, vgl. Dein Hindernis ist dein Weg (Q3). Wenn der frontale Weg blockiert ist, ist das kein Zeichen, härter zu kämpfen – sondern klüger zu denken.
Und meine Frage an dich für heute Abend: Wo in deinem Leben rennst du gerade gegen eine Mauer – obwohl es vielleicht eine Tür gibt, die du nur noch nicht gesehen hast? Und was wäre, wenn die Lösung deines Problems gar nicht dort liegt, wo du suchst?
In der nächsten Folge wird es besonders spannend – denn Strategem Nr. 3 heißt: „Mit dem Messer eines anderen töten.” Klingt brutal? Ist es psychologisch auch. Es geht um die Frage: Wann lässt du andere für dich die Arbeit machen – und wann lässt du dich selbst als Werkzeug benutzen? Delegation, Instrumentalisierung, Verantwortung – und die feine Linie zwischen klugem Handeln und feiger Bequemlichkeit.
Bleib dran – denn dieses Strategem betrifft jeden, der schon einmal gesagt hat: „Da sollen sich mal andere drum kümmern.” Werde wieder stark!
Neugierig, welcher Achtsamkeitstyp du bist? Bist du der annähernde, der vermeidende oder eher der mitmachende Typ?
Massimo Pigliucci ist Professor für Philosophie am City College of New York.
Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berührt.
Weitere hilfreiche Gedankenansätze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und Präsenz.
Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut üben und Reden ohne zu urteilen.
Es sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz.
Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus