Willkommen zu einer Reise, die dich durch 36 Folgen führen wird – durch eine der faszinierendsten Sammlungen menschlicher Strategien, die je niedergeschrieben wurden: die 36 Strategeme der chinesischen Kriegskunst.
Aber keine Sorge – es geht hier überhaupt nicht um Krieg. Es geht um dich, dein Leben, deine Beziehungen und vor allem deine innere Stärke.
Wir beginnen mit der Gruppe I – den Strategemen der Überlegenheit. Die ersten sechs Strategeme beschreiben Taktiken, die man anwendet, wenn man sich in einer starken Position befindet. Heute starten wir mit Strategem Nr. 1 – dem ersten von sechs in dieser Gruppe.
Was erwartet dich in dieser Reihe? Wir werden jedes einzelne Strategem aus drei Perspektiven betrachten:
Wir verbinden dabei also Ost und West .., die antike Weisheit und auch die moderne Psychologie. Und am Ende jeder Folge stehst du vor einer Frage: Bin ich hierbei nun Spieler – oder „werde ich von anderen gespielt / manipuliert“? Lass uns direkt anfangen.
Stell dir vor: Du fährst jeden Morgen, immer und immer wieder die gleiche Strecke zur Arbeit. Dieselbe Straße, dieselben Ampeln, derselbe Blick aus dem Fenster. Nach drei Monaten könntest du die Strecke im Schlaf fahren.
Aber genau hier liegt auch das Problem. Denn eines Morgens steht ein Schild an der Straße, das seit zwei Wochen dort steht – und du hast es nie bemerkt. Dein Gehirn hat es rausgefiltert. Weil es „normal” war. Weil es in die alltägliche Routine passte.
Wir befinden uns mitten im ersten Strategem: Den Himmel täuschen, um das Meer zu überqueren.
Es nutzt einen der mächtigsten blinden Flecken der menschlichen Wahrnehmung – unsere Gewohnheit. Was vertraut erscheint, wird nicht mehr hinterfragt. Was sich wiederholt, wird unsichtbar. Und genau in dieser Unsichtbarkeit – die auch Daniel Kahneman in seinem wunderbaren Werk „Schnelles Denken – langsames Denken“ beschreibt, liegt die Möglichkeit, unbemerkt zu handeln.
Die 36 Strategeme stammen aus der chinesischen Militärtradition und wurden über Jahrhunderte gesammelt, verfeinert und weitergegeben.
Sie sind keinesfalls ein Lehrbuch schwarzer Manipulation, sondern vielmehr ein Spiegel menschlichen Verhaltens.
Und dieses erste Strategem ist vielleicht das interessanteste, grundlegendste von allen, weil es an der Wurzel unserer Wahrnehmung ansetzt. Und das betrifft nicht nur Generäle auf dem Schlachtfeld. Das betrifft dich – in deiner Partnerschaft, in deinem Job, in deinem Umgang mit dir selbst.
Strategem Nr. 1: „Den Himmel täuschen, um das Meer zu überqueren” (瞒天过海 – mán tiān guò hǎi).
Der klassische strategische Sinn:
Die größte Tarnung ist nicht die Dunkelheit – sondern das grelle Licht des Gewöhnlichen.
Die berühmteste Geschichte dazu: Ein chinesischer General musste mit seiner Armee das Meer überqueren – doch sein Kaiser hatte Angst vor dem offenen Wasser.
Also lud der General den Kaiser zu einem „Bankett” in einem prächtig geschmückten Haus am Ufer ein. Der Kaiser aß, trank, unterhielt sich – und merkte nicht, dass das Haus in Wahrheit ein riesiges Boot war, das längst auf dem offenen Meer trieb. Als er es bemerkte, war die Überquerung fast abgeschlossen.
Der Himmel – also der Kaiser, der höchste Herrscher – wurde getäuscht. Nicht durch eine große Lüge, sondern durch die perfekte Inszenierung von ganz gewöhnlicher Normalität.
Was steckt psychologisch hinter diesem Strategem? Es nutzt einen fundamentalen Mechanismus unseres Gehirns: die sogenannte Habituation – die Gewöhnung an Reize.
Unser Gehirn ist darauf programmiert, Energie zu sparen. Was sich immer wieder wiederholt und dabei keine Gefahr darstellt, wird aus dem Bewusstsein gefiltert.
Das ist auch überlebensnotwendig. Denn stell dir nur mal vor, du würdest jeden Morgen über das Ticken deiner Uhr genauso erschrecken wie beim ersten Mal. Du würdest dabei irgendwann verrückt werden.
In der Persönlichkeitspsychologie kennen wir den Begriff der kognitiven Verzerrung. Wir sehen, was wir erwarten zu sehen. Der Bestätigungsfehler – Confirmation Bias – lässt uns Informationen bevorzugen, die zu unserem bestehenden Bild passen.
Das Strategem „Den Himmel täuschen” macht sich genau diesen Confirmation Bias zunutze: Es liefert dem Gegenüber genau das Bild, das er erwartet – und versteckt dabei die wahre Absicht dahinter.
Wenn du verstehst, dass dein Gehirn Routinen liebt und Abweichungen unterdrückt, dann kannst du auch bewusst gegensteuern.
Du kannst lernen, auch im Vertrauten aufmerksam zu bleiben. In der Paartherapie sehe ich das ständig: Partner, die „plötzlich” feststellen, dass sich der andere verändert hat – obwohl die Veränderung seit Monaten stattfand. Sie haben die Signale nicht gesehen, weil alles „wie immer” wirkte.
Wenn dieses Muster bewusst als Manipulation eingesetzt wird. Wenn jemand gezielt Normalität inszeniert, um den anderen einzulullen. Das passiert in toxischen Beziehungen, im Beruf, in der Politik. Die Inszenierung von Harmonie kann der Deckmantel für die größte Täuschung sein.
Was hätten die Stoiker zu diesem Strategem gesagt? Die Antwort liegt auf der Hand: Nicht die Täuschung des anderen ist dein größtes Problem – sondern deine eigene Unaufmerksamkeit.
Epiktet brachte es mit seiner berühmten Dichotomie der Kontrolle auf den Punkt: Es liegt nicht in deiner Macht, ob jemand versucht, dich zu täuschen. Aber es liegt in deiner Macht, wie aufmerksam du hinschaust.
Epiktets Haltung könnte man auch so beschreiben: „Die Dinge, die wir kontrollieren können – unsere Urteile, unsere Wahrnehmung, unsere Reaktionen – das ist unser eigentliches Arbeitsfeld.“
Mark Aurel, der römische Kaiser-Philosoph, übte sich täglich darin, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind – nicht wie sie erscheinen. In seinem Werk „Selbstbetrachtungen” erinnert er sich immer wieder daran, hinter die Oberfläche zu blicken.
Denn, wahre Stärke beginnt nicht beim Handeln, sondern bei der richtigen Wahrnehmung der Situation. Wer die Realität klar sieht – ohne Angst, ohne Wunschdenken, ohne Selbsttäuschung –, der hat bereits den ersten und entscheidenden Schritt getan.
Und Seneca? Er würde sagen: „Der wahre Schaden entsteht nicht durch den Betrug des anderen – sondern durch die Bequemlichkeit deines eigenen Geistes.“ Wenn du also irgendwann damit aufhörst, Fragen zu stellen, wenn du aufhörst, genau hinzuschauen, dann hast du dich selbst getäuscht – lange bevor es ein anderer getan hat.
Die stoische Kernfrage lautet also nicht: „Wie täusche ich besser?” – sondern: „Wie werde ich wacher?” Die Stoiker setzen der manipulativen Strategie eine charakterbasierte Haltung entgegen:
Immanuel Kant hätte dieses Strategem mit einem einzigen Satz zerlegt: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.”
Wer den Himmel täuscht – also den anderen gezielt in eine falsche Sicherheit wiegt – der benutzt ihn als Mittel für seine eigenen Zwecke. Für Kant ist das ein Verstoß gegen die menschliche Würde. Kein noch so cleverer Plan rechtfertigt es, einen anderen Menschen zum bloßen Werkzeug zu degradieren.
Aristoteles hingegen würde hier etwas differenzierter antworten. Für ihn ging es immer um das richtige Maß – die Mesotes, die goldene Mitte:
Aber Aristoteles unterscheidet zwischen kluger Zurückhaltung und bewusster Täuschung. Die Tugend der Phronesis – der praktischen Klugheit – bedeutet nicht, den anderen hinters Licht zu führen. Sie bedeutet, in jeder Situation das Richtige zu erkennen und danach zu handeln.
Und Nietzsche? Nietzsche würde vielleicht als Einziger ein gewisses Verständnis zeigen.
Für ihn war die Fähigkeit zur Verstellung, Teil der menschlichen Natur. In „Jenseits von Gut und Böse” beschreibt er, wie Masken zum sozialen Leben gehören. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – Nietzsche unterscheidet zwischen dem, der Masken trägt, weil er zu schwach ist, ohne sie zu leben, und dem, der weiß, wann er eine Maske braucht und wann nicht.
Die Stärke liegt nicht in der Maske – sondern im Bewusstsein darüber, dass man sie trägt.
Lass uns das Ganze jetzt dahin bringen, wo es hingehört – in dein Leben.
Du hast es nicht bemerkt. Weil die Oberfläche „normal” aussah. Strategem Nr. 1 in Reinform – nur dass hier niemand bewusst täuscht. Die Routine selbst ist der Vorhang geworden, hinter dem sich die Wahrheit verbirgt.
Und genau während dieser „normalen” Phase arbeitete der Kollege im Hintergrund daran, seine Position zu übernehmen. Die Freundlichkeit war das Boot, das als Haus getarnt war. Mein Klient merkte erst, was passiert war, als die Entscheidung längst gefallen war. Nicht weil er dumm war – sondern weil er vertraute.
Der stoische Ansatz hier ist radikal ehrlich: Schau hin. Auch wenn es wehtut. Besonders wenn es wehtut.
Wann wird dieses Strategem zerstörerisch?
Immer dann, wenn es bewusst eingesetzt wird, um einen anderen Menschen zu kontrollieren, auszubeuten oder zu beschädigen.
Narzisstische Persönlichkeiten sind Meister dieses Strategems. Sie inszenieren Normalität, Fürsorge und Harmonie – während sie im Hintergrund ihre eigene Agenda verfolgen. In toxischen Beziehungen ist die Phase der „Ruhe” oft gefährlicher als der offene Konflikt – denn sie wiegt das Gegenüber in falscher Sicherheit.
Und wann wird es zur klugen Lebensstrategie?
Wenn du es als Schutzschild nutzt. Nicht jeder muss zu jeder Zeit alles über dich wissen.
Es gibt Situationen – gerade in Konflikten, in Trennungsphasen, in beruflichen Machtkämpfen – in denen es klug ist, deine nächsten Schritte nicht auf einem Silbertablett zu servieren.
Das ist alles andere als Manipulation. Das ist strategische Weisheit.
Wo liegt hier die Grenze? Sie verläuft exakt dort, wo du anfängst, den anderen nicht nur zu schützen, sondern gezielt zu beschädigen. Wo du nicht mehr defensiv handelst, sondern offensiv täuschst.
Frag dich: Dient mein Handeln dem Schutz – oder der Kontrolle? Die Antwort auf diese Frage zeigt dir, auf welcher Seite der Grenze du stehst.
Das erste Strategem lehrt uns nicht, wie wir besser täuschen. Es lehrt uns, wie leicht wir getäuscht werden – von anderen und von uns selbst.
Die größte Gefahr ist nicht der clevere Manipulator von außen. Die größte Gefahr ist die Bequemlichkeit unseres eigenen Geistes, der aufhört, Fragen zu stellen, weil die Oberfläche so schön glatt ist.
Die stoische Kernbotschaft für dieses Strategem: „Prüfe deine Eindrücke. Nicht alles, was vertraut erscheint, ist wahr. Und nicht alles, was ruhig aussieht, ist friedlich.” – Sinngemäß nach Epiktet, vgl. Der tägliche Stoiker, Teil I: Disziplin der Wahrnehmung.
Und hier ist meine Frage an dich – für heute Abend, wenn du zur Ruhe kommst:
In der nächsten Folge geht es um Strategem Nr. 2 – „Wei belagern, um Zhao zu retten”. Klingt nach Militärgeschichte? Ist es auch. Aber die Frage, die dahintersteckt, ist hochaktuell:
Dann greifst du nicht den Feind an – du greifst das an, was ihm am wichtigsten ist. Ein Prinzip, das jeder kennt, der schon einmal in einem Beziehungskonflikt steckte und merkte: Es geht gar nicht um das, worüber wir streiten.
Bleib dran – es lohnt sich. Werde wieder stark, denn Psychologie hilft 😊!
Neugierig, welcher Achtsamkeitstyp du bist? Bist du der annähernde, der vermeidende oder eher der mitmachende Typ?
Massimo Pigliucci ist Professor für Philosophie am City College of New York.
Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berührt.
Weitere hilfreiche Gedankenansätze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und Präsenz.
Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut üben und Reden ohne zu urteilen.
Es sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz.
Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus