Borderline und die fehlende Männlichkeit

Wie der ewige “Mr Nice Guy” eine Persönlichkeitsstörung fördert und wie die psychodynamische Zusammenhänge zwischen dem Mr. Nice Guy-Syndrom und dem Borderline-Dynamiken aussehen

Einleitung

Ich denke, wir befinden uns heute in einer der größten kulturellen Verschiebungen unserer bisherigen Gesellschaft, mit sehr weitreichenden Konsequenzen

  • für die geistige und körperliche Gesundheit von Männern und auch Frauen.
  • und ihrer Partnerschaften.

In meiner Arbeit beobachte ich ein sich immer wieder wiederholendes Muster, das an Häufigkeit und Stärke permanent zunimmt. Auf der einen Seite beobachte ich Männer, die alles richtig machen wollen, die sich in ihrer Partnerschaft aufopfern und immer weniger Grenzen setzen.

Auf der anderen Seite sehe ich, dass ihre Partnerinnen immer frustrierter, immer verunsicherter und emotional instabiler daherkommen.

Im ersten Moment mag das erst einmal Paradox erscheinen. … Da ist die Gruppe der Männer, ein Mann, die immer netter wird, auf der anderen Seite zeigt sich aber die Welt der Frauen immer unzufriedener mit dieser Entwicklung.

Auf den ersten Blick erscheint dies wie ein Widerspruch. Bei einer genaueren psychodynamischen Betrachtung zeigt sich jedoch eine tiefe innere Logik, welche ich mit dir in diesem Beitrag besprechen möchte..

Diese neue Form von Männern – nennen wir sie einfach mal die Mr. Nice Guy´s – glauben tatsächlich fest daran, dass sie alles richtig machen, sich moralisch, ethisch einwandfrei verhalten und vor allem den Vorgängergenerationen gegenüber überlegen sind.

  • Weil, sie vermeiden doch Konflikte mit einer Konsequenz, die an Vermeidungsstörungen grenzt.
  • Sie stellen die Bedürfnisse anderer stets vor ihre eigenen und wundern sich anschließend, warum ihre Beziehungen scheitern, warum sie als Partner unattraktiv wirken, warum die emotionalen Eskalationen in ihren Beziehungen immer häufiger und intensiver werden.

Sie haben in ihrer frühen Sozialisation gelernt, dass gute Männer sich immer zurücknehmen, dass eine männliche Durchsetzungskraft grundsätzlich problematisch ist und dass Harmonie das höchste Beziehungsziel darstellt. Und doch führen ihre wohlmeinenden Bemühungen nicht zu den erhofften Ergebnissen. Aber warum???

Nun, die zentrale und bestimmt sehr provokante These meines Beitrages lautet: Eine Frau reagiert nicht auf Härte im Sinne von Starrheit oder Brutalität, sondern auf innere Klarheit, authentische Grenzen und emotionale Führungsfähigkeit.

Der neue Mr. Nice Guy erzeugt aber keine Sicherheit – sondern paradoxerweise Unsicherheit, Frustration und emotionale Eskalation. Er ist nicht die Lösung für eine gestörte Beziehungsdynamik, nein! Vielmehr ist er oft ihr Katalysator und Verstärker.

Nochmals: Diese These mag auf den ersten Blick sehr provokant erscheinen, aber sie ist empirisch beobachtbar und hat weitreichende praktische Folgen für unsere therapeutische Arbeit mit Paaren und Einzelpersonen.

Im weiteren Verlauf werde ich meine Beobachtungen mal in vier systematisch aufeinander aufbauenden Teilen darlegen:

  • Erstens: Wie die gesellschaftliche Entwicklung zum Phänomen des Mr. Nice Guy geführt hat und welche tiefenpsychologischen Mechanismen seine Persönlichkeitsstruktur prägen.
  • Zweitens: Warum Aggression ein gesundes und entwicklungspsychologisch notwendiges männliches Potenzial darstellt, das fundamental von destruktiver Gewalt zu unterscheiden ist.
  • Drittens: Wie fehlende männliche Führung und Grenzsetzung Borderline-typische Dynamiken nicht etwa lindert, sondern paradoxerweise verstärken kann.
  • Und viertens: Wie Männlichkeit in unserer heutigen Zeit erlernt werden kann – nicht als nostalgische Rückkehr zu überholten Rollenbildern, sondern als Integration einer reifen, bewussten männlichen Haltung.

Teil 1: Die Entstehung der Mr. Nice Guy-Kultur

1.1.          Das Phänomen und seine klinischen Erscheinungsformen

Lass uns mit einer differenzierten Bestandsaufnahme beginnen. Dieser sogenannte Mr. Nice Guy ist kein diagnostischer Typus im klinischen Sinne – wir finden ihn nirgends im ICD oder DSM. Trotzdem repräsentiert er eine Persönlichkeitskonfiguration, die in unserer westlichen Gesellschaft zunehmend immer mehr zum Normalfall geworden ist. In den Medien und der Werbung werden Männer heute immer häufiger als liebenswerte, aber letztlich inkompetente Figuren dargestellt, welche die gesamte Macht, Kompetenz und Führung den Frauen überlassen. Es scheint beinahe so, als würden Männer sich kollektiv dafür schämen, ein Mann zu sein. Die Frau erscheint als kompetente Macherin, der Mann als ihr genügsamer, etwas tollpatschiger Begleiter.

Dieser Mr. Nice Guy zeigt sich in charakteristischen, klinisch gut beobachtbaren Verhaltensmustern: Er bemüht sich mit übergroßer Anstrengung darum, keine Frau zu enttäuschen oder ihr emotional wehzutun. Er würde buchstäblich alles für eine Frau tun, die er mag, sich für sie aufopfern, nur um ihre Anerkennung und Liebe zu erhalten.

Diese bekommt er dann auch – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Und zwar nur in der sicheren „Friendzone“, nur als Freund, als Vertrauter, als emotionaler Stützpfeiler, nicht aber als Liebhaber oder ernstzunehmender Lebenspartner. Als solcher ist er dabei aber uninteressant, weil er hier keine erotische Spannung erzeugt.

Der typische Mr. Nice Guy hat unzählige Freundinnen, mit denen er „über Gott und die Welt einfach alles reden kann” und für die er jederzeit verfügbar ist. Sexuelles Interesse haben diese Frauen aber keines an ihm, und ernsthaftes Interesse als Partner erst recht nicht.

Aber warum? Weil ihm fehlen einige entscheidende männliche Attribute fehlen, die für Frauen instinktiv anziehend sind:

  • echte innere Unabhängigkeit,
  • konstruktive Aggression und
  • die Fähigkeit zur Führung.

Dafür ist er ein Frauenversteher par excellence, jedoch ohne jeden Rückhalt in der Männerwelt. Ihm fehlen Mut und Rückgrat – er braucht die ständige Bestätigung und den kontinuierlichen Kontakt mit Frauen, während er andere Männer reflexhaft als viel zu dominant, zu aggressiv oder als Chauvinisten ablehnt.

Im sexuellen Bereich zeigt sich dieses Muster ganz besonders eindrucksvoll. Das Motto des Mr. Nice Guy bei intimen Kontakten lautet: „Nichts muss und alles kann.”

Niemals würde er eine Frau bedrängen, wenn sie keine Lust auf Sex hat. Er würde es körperlich einfach nicht ertragen, wenn eine Frau ihm vorwerfen würde, sich von ihm bedrängt zu fühlen.

Er ist in seiner Sexualität vollständig abhängig von der Lust und Initiative der Frau und richtet sich ausnahmslos nach ihr. Schon bei der kleinsten Andeutung von Unsicherheit oder Unbehagen hat er nachgefragt, ob auch wirklich alles in Ordnung ist.

Aber tief im Inneren bereut er es, dass er sich immer zurückgenommen und niemals seine eigene Lust, seine Phantasien und seine Bedürfnisse ausgelebt hat – aus übermäßiger Rücksicht auf seine Partnerin.

1.2.          Die historischen und gesellschaftlichen Wurzeln

Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen? Die Entstehung des Mr. Nice Guy lässt sich nicht so einfach mit einem oder zwei Gründen erklären. Aber dennoch gibt es einige zentrale historische und soziologische Faktoren, die wir hier klar identifizieren können.

Wir müssen dabei nur verstehen, dass der Mr. Nice Guy kein Produkt individuellen Versagens oder einer persönlicher Schwäche ist, sondern das Ergebnis tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen, die mehrere Generationen umspannen.

Faktor 1 ➡️ Der erste wesentliche Faktor ist die kollektive Traumatisierung durch zwei verheerende Weltkriege.

Deutschland und Europa haben im 20. Jahrhundert beispiellose Katastrophen durch die Weltkriege erlebt. Millionen von Vätern fielen auf den Schlachtfeldern, kehrten körperlich verstümmelt oder psychisch komplett zerbrochen zurück.

Eine ganze Generation von Söhnen wuchs ohne präsente, emotional verfügbare männliche Vorbilder auf, die ihnen hätten zeigen können, was gesunde, konstruktive Männlichkeit bedeutet.

Die Väter, die zwar körperlich aus dem Krieg zurückkehrten, waren emotional oft nicht verfügbar – traumatisiert, depressiv, in sich verschlossen oder alkoholabhängig.

Ihre Söhne lernten daraus falsch, aber folgerichtig: Männer sind entweder abwesend, emotional unerreichbar, oder seelisch beschädigt. Männlichkeit ist immer mit Schmerz, Verlust und Dysfunktion verbunden.

Faktor 2 ➡️ Die deutsche Kollektivschuld und ihre tiefen Auswirkungen auf das männliche Selbstbild.

Nach 1945 wurde Männlichkeit kollektiv mit Täterschaft, mit dem Nationalsozialismus und dessen Grausamkeiten assoziiert.

Deutsche Männlichkeit – mit ihrer historischen Tradition von Autorität, Durchsetzungskraft, Disziplin und Führung – wurde zu einem kulturellen Sündenbock für die nationalsozialistischen Verbrechen erklärt. Die psychologische Konsequenz davon war eine tiefe Verunsicherung dessen, was es überhaupt bedeutet, ein deutscher Mann zu sein.

  • Männliche Stärke wurde kulturell suspekt,
  • Durchsetzungsvermögen galt als potenziell gefährlich und faschistoid,
  • Und jeder noch so kleine Führungsanspruch wurde reflexhaft mit Autoritarismus gleichgesetzt.

Faktor 3  ➡️Der dritte Faktor sind die unbeabsichtigten Nebeneffekte der Frauenbewegung.

Lass mich hier etwas klarstellen: Die Frauenbewegung hat ohne jeden Zweifel historisch wichtige und gesellschaftlich berechtigte Fortschritte erzielt.

Die rechtliche und politische Gleichberechtigung von Frauen ist ein zivilisatorischer Gewinn ersten Ranges, den niemand ernsthaft in Frage stellen würde.

Trotzdem ging mit dieser notwendigen Bewegung auch eine weitere oft implizite, manchmal auch explizite Botschaft einher, dass traditionelle Männlichkeit per se problematisch, unterdrückerisch und überwindungsbedürftig sei. Das Kind wurde hier bildhaft mit dem Bade ausgekippt.

Männer – besonders sensible und reflexionsfähige Männer – lernten daraus, sich zurückzunehmen, ihre natürlichen Impulse zu unterdrücken, ihre angeborene Stärke zu verstecken. Die Folge davon war und ist, dass das kulturelle Pendel von einem Extrem ins andere gesprungen ist.

Faktor 4  ➡️ Ein vierte Grund hierfür ist die systematische Feminisierung der Erziehung und Bildung.

Heute wachsen Jungen in der westlichen Welt überwiegend in von Frauen dominierten pädagogischen Umgebungen auf:

  • alleinerziehende Mütter ohne männlichen Partner,
  • Erzieherinnen im Kindergarten,
  • Lehrerinnen in der Grundschule,
  • später vielleicht Therapeutinnen und Beraterinnen.

Die Folge davon? Männliche Bezugspersonen und Vorbilder fehlen in vielen Fällen völlig.

Jungen lernen von klein auf, sich an weiblichen Erwartungen und Verhaltensnormen zu orientieren, ihre natürlichen männlichen Impulse als störend, problematisch oder potenziell gefährlich zu betrachten.

Der wilde, energiegeladene Junge wird ständig ermahnt und sanktioniert, der angepasste, ruhige belohnt und gelobt. Das Ergebnis ist eine ganze Generation von Männern, die systematisch gelernt haben, ihre männliche Energie zu unterdrücken und zu verleugnen.

1.3.          Die vaterlose Gesellschaft und ihre psychologischen Folgen

Ein Aspekt dieses Themas verdient meines Erachtens eine besondere und ausführliche Beachtung: das weitverbreitete Fehlen des Vaters in der psychischen Entwicklung von Jungen.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich beschrieb bereits 1963 die von ihm sogenannte „vaterlose Gesellschaft”.

Dieses Phänomen hat sich in den sechs Jahrzehnten leider nicht etwa verbessert, sondern vielmehr dramatisch verschärft.

Nicht nur die rein körperliche Abwesenheit von Vätern hat massiv zugenommen – durch steigende Scheidungsraten, berufliche Abwesenheit oder mangelndes Engagement – sondern auch die symbolische und kulturelle Entmachtung der Vaterrolle in der Gesellschaft insgesamt.

Ein sprachlich bezeichnendes Detail verdeutlicht diese Entwicklung: In der deutschen Sprache existiert schlichtweg kein gängiges Verb für das, was ein Vater tut.

Wir haben das Wort „bemuttern“, das eine fürsorgende, nährende Tätigkeit beschreibt, aber es gibt kein entsprechendes „bevatern”. Diese sprachliche Lücke ist nicht zufällig, sondern zutiefst symptomatisch für ein tief verankertes kulturelles Defizit.

Die spezifische Funktion des Vaters ist gesellschaftlich so an den Rand gedrängt, abgewertet und für verzichtbar erklärt worden, dass wir nicht einmal mehr ein gängiges Wort dafür haben. Der Vater ist in unserem kollektiven Bewusstsein zum optionalen Zusatz degradiert worden, während die Mutter als einzig wirklich zentrale und unverzichtbare Bezugsperson gilt.

Die empirisch belegten Folgen dieser Entwicklung sind gravierend und wissenschaftlich gut dokumentiert: Söhne, die ohne Väter oder väterliche Ersatzfiguren aufwachsen,

  • zeigen statistisch signifikant häufiger emotionale Kälte und Bindungsunfähigkeit, Leistungsversagen und Schulabbrüche,
  • deutlich erhöhten Suchtmittelkonsum und eine alarmierend erhöhte Suizidneigung.

Die Statistiken sind erschütternd: Vaterlos aufgewachsene Jungen haben ein bis zu fünffach erhöhtes Suizidrisiko, sind überproportional häufig in Jugendkriminalität involviert und zeigen signifikant mehr Verhaltensprobleme im schulischen und sozialen Kontext.

Entwicklungspsychologisch betrachtet braucht der Junge zwingend seinen Vater – oder zumindest eine andere stabile männliche Bezugsperson – um sich in der Pubertät psychisch von der Mutter zu lösen und seine eigene männliche Identität zu entwickeln.

Der Vater repräsentiert das Andere, das Nicht-Mütterliche, die Außenwelt jenseits der frühen Symbiose des Säuglings mit der Mutter.

Ein Vater zeigt seinem Sohn durch sein Vorbild und seine Präsenz, dass es eine große, spannende Welt jenseits der mütterlichen Geborgenheit gibt, und er gibt ihm die symbolische Erlaubnis und den nötigen Halt, in diese Welt als eigenständiger Mann einzutreten. Wie lautet es so schön? „Eine Mutter vermittelt Wurzeln und ein Vater Flügel.“

Ohne diese entwicklungspsychologisch entscheidende Funktion bleibt der Sohn geistig wie an einer unsichtbaren Nabelschnur an seine Mutter gebunden, orientiert sich lebenslang primär an weiblichen Erwartungen und Bewertungen und entwickelt genau die Anpassungsstrategien, welche wir dann später beim erwachsenen Mr. Nice Guy so deutlich beobachten können.

Die Sehnsucht nach dem Vater, nach männlicher Energie und männlicher Bestätigung, bleibt in vielen Fällen ein ganzes Leben lang bestehen.

Männer, die ohne einen präsenten, emotional verfügbaren Vater aufgewachsen sind, suchen oft unbewusst nach männlichen Vorbildern, nach einer Art nachholender Initiation, nach Bestätigung ihrer Männlichkeit durch andere Männer.

Aber wenn diese tiefe Sehnsucht nicht erfüllt wird, dann manifestiert sie sich in verschiedenen kompensatorischen Formen – von der Suche nach Ersatzautoritäten über Arbeitssucht bis hin zu einer chronischen, tiefsitzenden Unsicherheit über die eigene männliche Identität.

In der therapeutischen Arbeit begegnet mir diese Vatersehnsucht immer wieder. Ein 33-jähriger Klient beschrieb es mir einmal so: Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, es allen recht zu machen – meiner Mutter, meinen Lehrerinnen, meinen Freundinnen, meiner Frau. Irgendwo tief in mir wartete ich darauf, dass ein Mann zu mir sagt: Du bist gut genug. Du bist ein richtiger Mann. Ich bin stolz auf dich.“ Diese Worte aber hat er von seinem Vater niemals gehört. Und darum suchte er sie unbewusst ständig bei den Frauen, die sie ihm naturgemäß aber nicht haben geben konnten.

Diese Dynamik führt uns zu einem paradoxen Phänomen: Der vaterlose Sohn orientiert sich übermäßig an Frauen, wird zum perfekten Frauenversteher, entwickelt eine fast feminine Sensibilität – und wird gerade dadurch für Frauen als Partner unattraktiv.

Er hat all die männliche Energie verloren / oder nie erhalten, die ihm durch die Identifikation mit dem Vater vermittelt worden wäre. Er ist sozusagen geistig in der Mutterwelt verblieben, auch wenn er biologisch längst erwachsen ist.

1.4.          Die Psychodynamik des Mr. Nice Guy

Lass uns mal die tiefenpsychologische Struktur des Mr. Nice Guy etwas genauer betrachten. Denn sein charakteristisches Verhalten ist alles andere als ein Zufall. Es ist das Ergebnis frühkindlicher Prägungen und unbewusster intrapsychischer Konflikte. Es handelt sich um eine Charakterstruktur, die sich über viele Jahre entwickelt hat und tief in der Persönlichkeitsorganisation eines Menschen verankert ist.

Um diese Struktur zu verstehen, müssen wir uns die typische Entwicklungsgeschichte des Mr. Nice Guy vergegenwärtigen.

Häufig finden wir eine Konstellation, in der die Mutter emotional dominant war – vielleicht weil der Vater abwesend war, vielleicht weil er schwach oder passiv war.

Der Junge lernte früh, dass seine Aufgabe darin besteht, die Mutter emotional zu versorgen, sie nicht zu enttäuschen, ihre fragile Stimmung nicht zu stören. Er wurde zum kleinen Mann im Haus, zum Ersatzpartner, zum emotionalen Stützpfeiler einer Frau, die eigentlich auf einen erwachsenen Mann hätte angewiesen sein sollen.

Diese frühe Parentifizierung – damit meine ich eine Umkehrung der Eltern-Kind-Beziehung – hat große Folgen. Der Junge lernt dabei, seine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, die emotionalen Zustände anderer genau zu lesen und darauf zu reagieren.

Er entwickelt eine außerordentlich feinfühlige Sensibilität für die Stimmungen von Frauen – eine Fähigkeit, die ihm später in Beziehungen erst einmal nützlich vorkommt, ihn aber letzten Endes in eine neue Form der Abhängigkeit führt.

Er lernt, dass seine Aufgabe im Leben darin besteht, Frauen glücklich zu machen – und dass sein eigener Wert davon abhängt, wie gut ihm das gelingt.

  1. Die erste wichtige Komponente hierbei ist die Bindungsangst. Der Mr. Nice Guy hat in seiner frühen Entwicklung gelernt, dass Konflikte existenziell bedrohlich sind.

Vielleicht hat er einen physisch oder emotional abwesenden Vater erlebt, eine psychisch überforderte oder depressive Mutter, die er nicht zusätzlich belasten wollte und durfte, oder eine familiäre Atmosphäre, in der Harmonie um buchstäblich jeden Preis aufrechterhalten werden musste.

Er hat dabei implizit – also ohne Worte und unausgesprochen – gelernt: Wenn ich maximal angepasst bin, wenn ich keine Probleme mache und keine eigenen Bedürfnisse habe, dann werde ich geliebt und die fragile Bindung bleibt erhalten.

Jeder Konflikt, jeder Widerspruch bedeutete für ihn eine akute Gefahr für seine Bindung. Und Bindungsverlust ist für das abhängige Kind existenziell bedrohlich.

  1. Die zweite Komponente betrifft die Schuld- und Schamregulation.

Viele Mr. Nice Guys tragen tiefe, oft völlig unbewusste Schuld- oder Schamgefühle mit sich. Sie fühlen sich auf einer fundamentalen Ebene „nicht gut genug”, nicht liebenswert, nicht berechtigt und versuchen, dies durch ein dauerhaftes, chronisch übermäßiges Geben, Helfen und Aufopfern zu kompensieren.

Jede noch so kleine eigene Bedürfnisäußerung wird automatisch als egoistisch erlebt und löst sofort Schuldgefühle aus.

Dieses ständige Geben ist deshalb keineswegs selbstlos oder altruistisch, sondern ein verzweifelter unbewusster Versuch, sich seine eigene Existenzberechtigung irgendwie durch Leistung zu verdienen.

  1. Die dritte Komponente ist die narzisstisch moralische Überlegenheitsposition.

Hier zeigt sich ein psychodynamisch besonders interessantes Paradox: Der Mr. Nice Guy erlebt sich selbst als moralisch deutlich überlegen.

Er „macht ja schließlich alles richtig”. Denn ER ist ja rücksichtsvoll, gewaltfrei, einfühlsam – während die ANDEREN, die direkteren und durchsetzungsfähigeren, ihm als primitiv, rücksichtslos oder gar gefährlich erscheinen.

Diese moralische Überlegenheitsposition ist ein narzisstischer Abwehrmechanismus, der vor der schmerzhaften Erkenntnis der eigenen Angst, Feigheit und Vermeidung schützt.

Aber warum scheitert unser Mr. Nice Guy in seinen Beziehungen so regelmäßig, trotz seiner unzweifelhaft guten und wohlmeinenden Absichten?

  1. Die Antwort liegt in der Natur der menschlichen Psyche und insbesondere in kulturell verankerten weiblichen Bindungsbedürfnissen.

Frauen testen ihre Partner – und zwar instinktiv und meist völlig unbewusst. Nicht manipulativ im böswilligen Sinne, sondern als biologisch sinnvoller Mechanismus zur Partnerbewertung.

Sie wollen auf einer tiefen Ebene wissen:

  • Kann dieser Mann mich halten und beschützen?
  • Kann er klare Grenzen setzen?
  • Kann er mir eine emotionale Sicherheit geben, auch wenn ich selbst völlig außer mir bin?

Der Mr. Nice Guy versagt bei solchen Tests regelmäßig. Er weicht aus, gibt reflexhaft nach, vermeidet jeden Konflikt – und die Frau fühlt sich dadurch zutiefst unsicher, frustriert und emotional im Stich gelassen.

  1. Ein weiterer wichtiger psychodynamischer Aspekt betrifft die Projektion eigener abgelehnter Anteile.

Unser Mr. Nice Guy hat seine eigene Aggression, seine Dominanz, seine Durchsetzungskraft so gründlich verdrängt und abgespalten, dass er diese Qualitäten bei anderen Männern vehement ablehnt.

Er projiziert seine eigenen unterdrückten männlichen Anteile auf andere und verurteilt sie dort. Die durchsetzungsstarken Männer erscheinen ihm als primitive Machos, als gefährliche Aggressoren, als moralisch minderwertig. Diese Projektion hilft ihm, sein eigenes Selbstbildes als der gute, sanfte, überlegene Mann aufrechtzuerhalten.

Hinzu kommt ein Phänomen, das ich als die Ökonomie des Gebens bezeichne. Der Mr. Nice Guy gibt nicht selbstlos – er gibt mit der unbewussten Erwartung einer Gegenleistung.

Jede seiner Gefälligkeiten, jedes seiner Opfer wird auf einem inneren Konto verbucht. Er erwartet, dass die Frau diese Investitionen irgendwann zurückzahlt – durch Liebe, durch sexuelle Hingabe, durch Dankbarkeit, durch Treue.

Und wenn diese erwartete Gegenleistung dann ausbleibt, entsteht Frustration, Groll, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

Die Frau selber spürt diese verdeckte Erwartungshaltung und erlebt das scheinbar selbstlose Geben als belastend, als manipulativ, als emotional erpresserisch.

So eine verborgene, „dunkle“ Buchhaltung der Gefälligkeiten vergiftet jede Beziehung von innen heraus. Die Frau fühlt sich nicht beschenkt, sondern verpflichtet. Sie fühlt sich nicht geliebt, sondern in eine Schuldenbeziehung gezwungen.

Das permanente Geben des Mr. Nice Guy erzeugt keine Dankbarkeit, sondern Unbehagen, Schuldgefühle und letztlich Ablehnung.

Sie möchte keinen Mann, der sich für sie aufopfert. Vielmehr möchte sie einen Mann, der neben ihr steht, als gleichwertiger Partner mit eigenen Bedürfnissen und Grenzen.

Teil 2: Aggression als gesundes männliches Potenzial

2.1.          Die fundamentale Unterscheidung: Aggression ist nicht Gewalt

 

Bevor wir in diesen zweiten Teil tiefer eintauchen, möchte ich eine wichtige begriffliche Unterscheidung aufzeigen, die meiner Beobachtung nach in unserer Gesellschaft weitgehend verloren gegangen ist:

  • Aggression ist nicht Gewalt und Gewalt ist nicht Aggression!

Die grundlegend falsche Verwendung dieser beiden Begriffe ist einer der folgenschwersten Irrtümer unserer Zeit und hat meiner Beobachtung nach wirklich gravierende und schwerwiegende  Konsequenzen sowohl für die psychische Gesundheit von Männern als auch für die Qualität von Partnerschaften mit sich gebracht.

Das Wort „Aggression” stammt nämlich etymologisch vom lateinischen „aggredi” ab, was ursprünglich „herangehen” oder „etwas in Angriff nehmen” bedeutet. Es bezeichnet eine zielgerichtete, lebendige, vorwärts gerichtete Energie.

Was bedeutet dies für unsere Sprache? Nun, wenn wir im Alltag sagen, dass jemand „eine Aufgabe aggressiv angeht”, dann meinen wir damit nicht, dass er gewalttätig wird, sondern dass er mit höherer Energie, Entschlossenheit und Initiative handelt. Diese ursprünglich positiv gedachte Bedeutung ist in unserem allgemeinen Sprachgebrauch noch erhalten, wird aber im Kontext von Beziehungen und Männlichkeit systematisch ignoriert und auch aktiv unterdrückt.

Der Psychoanalytiker Prof. Dr. Günter Ammon (1918 bis 1995) hat in seinen bahnbrechenden Arbeiten zum Thema „konstruktive Aggression” diese wichtige Unterscheidung sehr deutlich ausgearbeitet.

Aggression ist die grundlegende Fähigkeit:

  • mit Entschiedenheit zu handeln,
  • Hindernisse aktiv zu überwinden,
  • Grenzen zu setzen und zu verteidigen und
  • für die eigenen legitimen Bedürfnisse einzutreten.
  • Sie ist ein fundamentaler Lebensantrieb, der bei allen höheren Säugetieren zu finden ist und absolut unverzichtbar für das Überleben ist.

Gewalt andererseits ist ihrem Wesen nach destruktiv. Gewalt zerstört, verletzt, schädigt nachhaltig. Sie ist typischerweise das Ergebnis einer gescheiterten, fehlgeleiteten oder chronisch unkontrollierten Aggression – oder aber einer Aggression, die so lange unterdrückt und verdrängt wurde, bis sie schließlich explosionsartig und unkontrolliert ausbricht.

Gewalt ist psychodynamisch gesehen nicht das Ergebnis von zu viel vorhandener Aggression, sondern paradoxerweise oft von zu wenig integrierter, bewusst gesteuerter, konstruktiv genutzter Aggression. Was ich damit meine möchte ich im weiteren Verlauf noch aufzeigen

2.2.          Die drei großen gesellschaftlichen Missverständnisse

Es existieren drei weit verbreitete kulturelle Missverständnisse über das Wesen der Aggression, die ich an dieser Stelle explizit korrigieren möchte:

  1. Das erste Missverständnis lautet: Aggression ist ausschließlich oder primär männlich.

Tatsächlich verfügen beide Geschlechter über aggressive Potenziale, allerdings in unterschiedlicher typischer Ausprägung und Ausdrucksform:

Männliche Aggression tendiert zu direkterer, konfrontativerer, oft auch körperlicherer Handlung.

Weibliche Aggression hingegen zeigt sich statistisch häufiger in relationalen, sozialen oder verbalen Formen. Ich denke hier an die passiv aggressive soziale Ausgrenzung, Rufschädigung oder emotionale Manipulation.

Beide Formen – sowohl männliche als auch weibliche Aggression – sind real. Und beide können auch konstruktiv und destruktiv eingesetzt werden.

  1. Das zweite Missverständnis lautet: Männer sind grundsätzlich Täter, Frauen sind grundsätzlich Opfer.

Diese sehr vereinfachende kulturelle Dichotomie entspricht nicht der empirischen Realität. Sorgfältige wissenschaftliche Studien zur häuslichen Gewalt zeigen immer wieder, dass die Gewaltausübung in Partnerschaften weitaus symmetrischer zwischen den Geschlechtern verteilt ist, als das dominante öffentliche Narrativ suggeriert.[1]

  1. Das dritte und folgenschwerste Missverständnis lautet: Aggression ist gleichbedeutend mit Gewalt.

Wie bereits ausführlich dargelegt, handelt es sich hierbei um einen kategorialen logischen Fehler in unserer Sprachkultur, jedoch mit weitreichenden praktischen Konsequenzen.

Wer Aggression und Gewalt gedanklich gleichsetzt, der muss Aggression insgesamt konsequenterweise verdammen und unterdrücken. Wer aber Aggression kulturell verdammt, unterdrückt damit auch einen lebensnotwendigen psychischen Impuls. Welchen ich damit meine, möchte ich nun ein wenig erklären.

 

[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17395835/
https://domestic-violence.martinsewell.com/Archer2002.pdf?
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S135917891100022X

2.3.          Die konstruktiven Funktionen der Aggression

Betrachten wir einmal etwas systematisch die positiven, konstruktiven und auch lebensnotwendigen Funktionen der Aggression:

  1. Grenzsetzung. Ohne aggressive Energie gibt es keine psychischen Grenzen.
    Die Fähigkeit, ein klares Nein zu sagen, Übergriffe entschieden zurückzuweisen, den eigenen physischen und psychischen Raum zu schützen – all das erfordert aggressive Energie als Grundlage.

  2. Zielverwirklichung und Motivation. Aggression ist der psychische Motor, der uns vorantreibt, Hindernisse aktiv zu überwinden und persönliche Ziele zu erreichen.

  3. Erotische Spannung. Erotik zwischen den Geschlechtern benötigt eine gewisse Polarität, Spannung, einen erkennbaren Unterschied.
    Der Mann, der seine aggressive Energie chronisch unterdrückt, neutralisiert sich selbst zum erotischen Nullpunkt.

  4. Ehrliche Konfrontation. Die psychische Fähigkeit, Konflikte offen auszutragen, Meinungsverschiedenheiten produktiv auszuhalten, auch unbequeme Wahrheiten klar auszusprechen – all das benötigt eine aggressive Energie als gesunde Grundlage.

  5. Schutz und Sicherheit. Eine der grundlegenden Funktionen des Mannes in Partnerschaft und Familie ist die des Beschützers. Ein sogenannter „Mr. Nice Guy“ ist aber genau das Gegenteil eines Beschützers, den sich eine Frau auch wünscht.

Diese fünf Funktionen der Aggression sind keine theoretischen Abstraktionen – sie haben eine direkte und auch praktische Relevanz für unser tägliches Leben und ganz besonders für die Qualität von Beziehungen.

Ein Mann, der seine Aggression vernünftig und konstruktiv leben kann, ist nämlich viel besser in der Lage, seiner Partnerin ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Nicht weil er sie dominiert oder kontrolliert, sondern weil sie spürt, dass er im Notfall dazu fähig wäre, sie und die Familie wirklich zu beschützen. Diese Fähigkeit zum Schutz, diese potenzielle Aggression, ist paradoxerweise die Grundlage für ein tiefes Vertrauen und echte Hingabe.

  1. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle der Aggression bei der Differenzierung.

Um eine eigene Identität zu entwickeln, muss sich der Mensch von anderen abgrenzen. Er muss sagen können: Das bin ich, und das bist du. Das will ich, und das will ich nicht. Bei uns im Ruhrgebiet fällt auch mal das böse Wort „Revierpisse“. Bitte nimm dies mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis.
Diese Differenzierung eines Mannes auf seinen eigenen Wert, erfordert auch eine aggressive Energie – eine Kraft, sich zu behaupten, sich abzugrenzen und damit seinen eigenen Standpunkt einzunehmen.

Unser heute immer mehr zu beobachtende Mr. Nice Guy hat so eine Differenzierung jedoch nie vollständig vollzogen. Seine Grenzen sind diffus, unklar. Sein Auftreten und sein Image ist nur sehr schwach definiert, er verschmilzt viel zu leicht mit den Wünschen und Erwartungen seiner Umgebung. Man könnte dies auch als Schmierlappen für die Erwartungshaltung anderer nennen.

In der Paartherapie erlebe ich es regelmäßig, wie diese angesprochene mangelnde Differenzierung zu realen Problemen führt:

Der Mann weiß überhaupt nicht mehr, was er will, kann keine Entscheidungen treffen und wartet darauf, dass die Frau die Richtung vorgibt. Der folgt er dann … aber immer mit einem verstecktem Groll. Denn logischerweise gehört dies nicht zur Natur des Mannes.

Auf der anderen Seite fühlt sich die Frau nicht mehr geführt, sondern eher belastet. Ständig muss sie für ihr „erwachsenes Kind … den männlichen Partner“ die Initiative ergreifen, für ihn Entscheidungen treffen und für alle in der Familie die Verantwortung tragen.

Was sie sich aber wünscht, ist ein Partner auf Augenhöhe – und was sie bekommt ist – wie gesagt – ein zweites Kind.

 

2.4.          Die verheerenden Folgen der unterdrückten Aggression

Was geschieht denn nun konkret, wenn ein Mann seine Aggression immer wieder chronisch unterdrückt? Denn, seine psychische Energie verschwindet ja nicht einfach. Vielmehr transformiert sie dann in den verschiedensten destruktiven Formen:

  • Passivität und Depression:
    Eine permanent unterdrückte Aggression wendet sich irgendwann nach innen gegen das eigene Selbst. Dann erlebt der betroffene eine immer stärker werdende Antriebslosigkeit, emotionale Gleichgültigkeit und depressive Verstimmungen.

  • Ressentiment:
    Dieses Wort kommt aus dem französischen Wortschatz und bezeichnet einen heimlichen Groll, eine stille Feindseligkeit bis hin zu tiefer Verbitterung.
    Unter der freundlich, angepassten Oberfläche eines Mr. Nice Guy sammelt sich mit der Zeit massiver Groll an, der sich dann in Form von passiver Aggression, subtilen Sticheleien oder plötzlichen Wutausbrüchen zeigt.

  • Implizite Manipulation:
    Manipulation ist erst einmal nichts Schlimmes. Im Grunde bedeutet es, jemandem ein Tool in die Hand zu geben. Aber Manipulation gibt es in zwei grundlegend verschiedenen Ausführungen:
    Zum einen die weiße, offene Manipulation. Hier nehme ich gerne immer wieder mit der Kindererziehung als Beispiel zu Rate. Eltern möchten ihrem Kind etwas beibringen und sind damit offen und direkt. Ich nenne dies die „weiße Manipulation“.
    Auf der anderen Seite steht dann die „schwarze, verdeckte, subtile und negativ wirkende Manipulation“.
    Wer seine Bedürfnisse nicht direkt und offen äußern kann, der lernt zwangsläufig, sie dann auf indirektem Wege durchzusetzen.

  • Sexuelle Störungen:
    Sexualität ist eine wichtige Sprache zwischen Mann und Frau. Jedoch geht sie bei Männern und Frauen von unterschiedlichen Punkten aus.
    Für den Mann dient die Sexualität vordringlich um Intimität herzustellen und eine Frau genießt Sexualität, wenn Intimität für sie besteht.
    Was passiert aber, wenn die Sexualität beim Mann dauerhaft, chronisch unterdrückt wird? Die Folge davon sind Erektionsstörungen, mangelnde Initiative, fehlendes sexuelles Selbstbewusstsein.

 

Ich möchte dies einmal anhand eines stark anonymisierten Beispiels verdeutlichen. Ich habe hier mehrere Fälle in einen Fall zusammengeführt. Bin mir aber auch der Wahrscheinlichkeit bewusst, dass dies auch so in der Realität vorkommen kann:

Nennen wir unseren Probanden einfach mal Manfred. Er ist Anfang 40 und stellte sich mit depressiven Gedanken vor. Er erzählte von seiner jahrelangen Unzufriedenheit in seiner Ehe, von dem Gefühl, nie wirklich für irgendjemanden gut genug zu sein und von seiner chronischer Erschöpfung.

Im Laufe der Gespräche wurde immer deutlicher, dass Manfred praktisch nie in seinem Leben mal wirklich für sich selbst eingestanden hatte.

Er hatte seine Berufswahl nach den Wünschen seiner Eltern getroffen, seine Partnerin nach dem Muster ausgesucht, das seiner Mutter ähnelte, praktisch sein gesamtes Leben immer wieder nach den Erwartungen anderer ausgerichtet.

Diese zwangläufig immer stärker werdende unterdrückte Aggression zeigte sich bei Manfred dann in Form von chronischen Rückenschmerzen, die aber keine organische Ursache hatten. In seinen plötzlichen Wutausbrüchen gegenüber seinen Kindern, die ihn selbst erschreckten, und in einer tiefen, bleiernen Müdigkeit, die ihn jeden Tag begleitete.

Seine depressiven Stimmungen waren im Kern seine nach innen gerichtete Aggression – die Energie, die er eigentlich zur Gestaltung seines Lebens hätte gebrauchen müssen. Und genau die war nun jahrelang gegen sein eigenes Selbst gerichtet.

Die unterstützende Arbeit mit Manfred bestand zu einem großen Teil darin, ihm zu helfen, seine lange verschüttete Aggression wiederzuentdecken und zu rehabilitieren. Und ja, er lernte, seine Wut als ein legitimes Signal wahrzunehmen. Ein Signal, das ihm sagte, dass seine Grenzen verletzt wurden.
Er lernte mit der Zeit, diese Wut nicht mehr zu unterdrücken oder im Gegensatz dazu explosiv auszuagieren, sondern bewusst und konstruktiv einzusetzen.

Wut ist nämlich das perfekte Mittel zur Grenzsetzung, zur Selbstbehauptung, zu einer aktiven Gestaltung des eigenen Lebens. Und siehe da: Im weiteren Verlauf unserer gemeinsamen Arbeit lösten sich dann nicht nur seine depressiven Symptome, sondern auch seine chronischen Rückenschmerzen wie von Zauberhand. Aber der eigentliche Zauber war, dass Manfred nichts anderes tat, als in eine natürliche Männlichkeit zu kommen.

Was aber hat dies alles mit dem Thema Borderline und Persönlichkeitsstörungen zu tun? Welche Verbindung besteht zwischen der fehlenden Männlichkeit und Borderline? Ich kann dir jetzt schon verraten: Auch wenn fehlende Männlichkeit Borderline nicht verursacht, so ist der Zusammenhang doch mehr als deutlich!

Teil 3: Mr. Nice Guy-Dynamik und Persönlichkeitsstörungen

3.1.          Das fundamentale Bedürfnis nach Containment

 

Lass uns mal unseren Blick ein wenig mehr auf den tiefenpsychologischen Teil dieses Beitrages lenken: der psychodynamischen Verbindung zwischen dem Mr. Nice Guy-Phänomen und den immer häufiger auftretenden instabilen Persönlichkeitsdynamiken, insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsorganisation.

Um diese wichtige Verbindung verstehen zu können, sollten wir zuerst einmal ein zentrales tiefenpsychologisches Konzept besprechen: das sogenannte Containment.

Dieses Containment-Konzept wurde von dem britischen Psychoanalytiker Wilfred Bion (1897 bis 1979) entwickelt und beschreibt die Fähigkeit, die überwältigenden, unverarbeiteten Emotionen eines anderen Menschen aufzunehmen, selber innerlich zu verarbeiten und dann in einer anderen aber erträglichen Form an diesen wieder zurückzugeben. Bion verglich sehr gerne mit einem Kind, dass sich beim Spielen verletzte und dann von seiner Mutter getröstet wird.

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsdynamik haben dieses frühe Containment typischerweise nicht genügend erhalten.

Ihre grundlegende Fähigkeit, Affekte selber zu regulieren, ist dadurch völlig beeinträchtigt. So intensive Emotionen wie Wut, Angst oder Verzweiflung fühlen sich für sie buchstäblich lebensbedrohlich und vernichtend an.

Was diese Betroffenen in ihren Beziehungen dann dringend brauchen und auch unbewusst verzweifelt suchen, ist ein Partner, der neben der intimen Partnerschaft auch die Containment-Funktion übernehmen kann. Jemand, der ihre intensiven emotionalen Stürme aushält, der dann auch noch standhaft bleibt wenn sie emotional ausrasten. Der klare Grenzen setzt ohne sie im Stich zu lassen.

Und an wen denke ich hierbei? Diese Menschen brauchen eine authentische männliche Stärke und zuverlässige emotionale Präsenz.

3.2.          Der unbewusste Test-Mechanismus

Hier kommt jetzt ein klinisch entscheidender Mechanismus mit ins Spiel: das Testen. Menschen mit Borderline-Struktur testen ihre Partner sehr häufig und auch entsprechend intensiv. Diese Tests sind keine bewusste, böswillige Manipulation, sondern ein tiefer, ein unbewusster Versuch, ihre zentrale existenzielle Frage zu beantworten: Wirst du bei mir bleiben, egal wie ich mich verhalte? Kannst du mich halten und aushalten? Bist du innerlich stark genug für mich?

Ich denke hier an das chinesische Strategem Nummer 13 „Auf den Boden schlagen und sehen, wo die Schlange den Kopf hebt“. Oder anders ausgedrückt:
Hat mein Partner noch das Potential mich zu schützen und hat er noch die Bereitschaft, dieses Potential für mich einzusetzen?

Solche Tests können in diesen instabilen Partnerdynamiken sehr unterschiedlich Formen annehmen:

  • massive Provokationen,
  • plötzliche intensive Wutausbrüche,
  • wiederholte Drohungen, die Beziehung sofort zu beenden,
  • heftige Eifersuchtsszenen,
  • unverhüllte Kritik und Abwertung des Partners.

 

Das, was diese Tests bewirken sollen ist einfach nur die Suche nach der Antwort auf die Fragen: Wie weit kann ich gehen, bis du endgültig gehst? Wo genau liegt deine Grenze?

Ein innerlich sehr stabiler und in seiner Männlichkeit gefestigter Partner besteht diese Tests. Er bleibt dabei ruhig und geerdet, wenn sie emotional ausrastet. Er setzt immer wieder klare, konsequente Grenzen, ohne sie dabei zu bestrafen. Und er lässt sich von ihr emotional nicht manipulieren, bleibt aber gleichzeitig präsent und zugewandt. Er signalisiert immer wieder klar: Ich werde nicht gehen, aber dieses Verhalten werde ich nicht akzeptieren.

Und was passiert, wenn jemand diese Stabilität nicht gelernt hat? …

3.3.          Der Mr. Nice Guy als Katalysator der Eskalation

Diese Frage bringt und zu einem entscheidenden Punkt: Der nette Mr. Nice Guy versagt bei diesen Tests systematisch und vorhersagbar. Das passiert nicht aus bösem Willen heraus, sondern weil seine gesamte Persönlichkeitsstruktur antiaggressiv auf jegliche Konfliktvermeidung ausgerichtet ist.

Was geschieht, wenn eine emotional instabile Frau auf einen typischen Mr. Nice Guy trifft? Sie beginnt unbewusst zu testen – und er weicht ihr sofort aus. Sie provoziert – und er beschwichtigt reflexhaft. Sie fordert durch ihr Verhalten Grenzen – und er … er gibt konsequent nach. Sie eskaliert emotional – und er unterwirft sich völlig oder zieht sich hilflos zurück.

Das Ergebnis dieser Dynamik ist katastrophal: Die Frau findet heute bei den Mr. Nice Guy-Männern keine Sicherheit und Geborgenheit, sondern paradoxerweise eine immer zunehmendere Angst und Verunsicherung. Denn wenn selbst ihre extremsten Verhaltensweisen keine Grenzsetzung provozieren können, dann gibt es offensichtlich auch keine Grenzen, keinen Halt, keine Struktur.

Was passiert dann? Dann werden die Tests paradoxerweise immer intensiver und extremer, weil die Frau irgendwie versucht – egal ob unbewusst und / oder verzweifelt, irgendwie doch noch eine Grenze bei ihm zu finden, irgendeinen Widerstand.

Aber unser Mr. Nice Guy interpretiert dieses eskalierende Verhalten für sich komplett anders. Er hält es für ein deutliches Zeichen dafür, dass er noch netter, noch nachgiebiger sein muss. Das Ergebnis hiervon? Ein sich selbst verstärkender Teufelskreis entsteht, der zwangsläufig im Chaos endet.

Man könnte diesen Teufelskreis beispielhaft in sechs Phasen unterteilen, die man als Außenstehender oft beobachten kann:

  • Phase eins: Die Idealisierung:
    Die Partnerin erlebt den Mr. Nice Guy zunächst als idealen Partner. Nach ihren oft traumatischen Vorerfahrungen scheint er endlich die lang ersehnte Lösung zu sein. Der Prinz, der Retter, der sie aufmerksam, einfühlsam und ohne Forderungen zu stellen auf Händen trägt.
  • Phase zwei: Die ersten Tests
    Unbewusst beginnt sie, den Partner nun zu testen. Das geschieht durch kleine Provokationen oder leicht überzogene Reaktionen. Noch ist alles in Ordnung, denn unser Mr. Nice Guy reagiert mit sofortiger Beschwichtigung.
  • Phase drei: Die Test werden intensiver

Durch immer extremere Test, versucht sie nun verzweifelt, irgendeine Grenze zu finden. Und was macht unser Mr. Nice Guy? Er gibt weiter nach.

  • Phase vier: Entwertung

Sie beginnt ihn offen zu entwerten. Denn in ihren Augen ist er viel zu schwach, einfach kein richtiger Mann. Diese Abwertung ist aber ein Ausdruck ihrer tiefen Enttäuschung! Enttäuschung darüber, dass er keine Grenzen setzt. Denn wie will sie sein Ja akzeptieren, wenn sein Nein nie kommt?

  • Phase fünf: Eskalation

Die emotionalen Ausbrüche werden immer extremer durch massive Drohungen und auch ein oft zu beobachtendes selbstschädigendes Verhalten. Und das muss nicht mal ein Ritzen sein, was man oft mit Borderline in Verbindung bringt.

  • Phase sechs: Trennung oder Zusammenbruch:
    Verschiedene Szenarien sind denkbar: Entweder verlässt die Partnerin ihren Mr. Nice Guy, oder er bricht psychisch zusammen. Denkbar ist aber auch, dass Beziehung in einem toxischen Gleichgewicht verharrt, einer ungesunden Kollusion – ein Begriff, den Jürg Willi mit seinem wunderbaren Werk „Die Zweierbeziehung“ prägte.

3.4.          Ein (anonymisiertes) Fallbeispiel

Lass uns diese Dynamik noch einmal an einem konkreten Fallbeispiel aus meiner Arbeit illustrieren. Auch hier wurde mal wieder an allen Ecken und Kanten anonymisiert und mindestens zwei Fälle wurden miteinander verwoben.

Nennen wir unseren Protagonisten diesmal Harald. Er ist Mitte 30 Jahre alt, von Beruf Ingenieur. Auch er hatte Symptome chronischer Erschöpfung und sprach mich wegen seinen Beziehungsproblemen an.

Sich selbst beschrieb er konstant als besonders einfühlsamen, rücksichtsvollen Partner, der wirklich alles für seine Freundin Lisa tue. Lisa, gleichalt wie er, hatte eine diagnostizierte emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus.

Die Beziehungsdynamik war wie aus dem Lehrbuch: Sie hatte intensive, für ihn vollkommen unvorhersehbare Stimmungsschwankungen und reagierte auf die kleinsten Trigger mit massiven emotionalen Ausbrüchen.

Unser Thomas versuchte immer wieder – ich erinnere mich lebhaft – verzweifelt, sie zu beruhigen. Gab in jedem Streit reflexhaft nach und entschuldigte sich dann genauso routinemäßig für Dinge, die er nie getan hatte.

In unserer gemeinsamen Arbeit wurde zunehmend deutlich, dass Lisa unbewusst aber trotz alledem verzweifelt immer wieder seine Grenzen austestete. Sie brauchte dringend einen Partner, der ihr klar sagte: Bis hierher und nicht weiter.

Aber seine chronische Nachgiebigkeit wirkte auf sie unbewusst als wenn er schwach und unzuverlässig wäre.

Thomas und ich konzentrierten uns dann darauf, seine tief verschüttete Aggression wiederzuentdecken und konstruktiv, vernünftig einzusetzen. Was meine ich damit? Er lernte, klare Grenzen zu benennen und diese auch durchzusetzen.

Und wie von Zauberhand, er konnte es selbst lange Zeit nicht glauben, stabilisierte sich durch diese Veränderung nicht nur sein eigenes Selbst, sondern vor allem auch die Beziehung zu seiner Lisa deutlich.

Lass uns zweites Fallbeispiel ansprechen, nun aber mal aus der Perspektive einer Frau. Nennen wir sie Sabine, Anfang 30 Jahre alt. Ihr Satz war: „Immer wieder falle ich auf die immer falschen Männer herein. Ihre Partnerschaften bestanden durchweg aus netten, aber letzten Endes enttäuschend langweiligen Partnern, die sie alle irgendwann verlassen hatte. Warum noch mal? Weil sie ihr zu langweilig waren!

Im Verlauf unserer gemeinsamen Arbeit wurde immer deutlicher, dass sie unbewusst nach einem starken Mann suchte, jemandem, der stärker war als sie, der ihr auch mal Halt geben konnte, wenn sie müde war.

Aber immer und immer wieder wählte sie sich einen Mann, der zwar nett war, aber dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Das waren immer wieder dieselben weichgespülten, angepassten, ach so konfliktvermeidenden Männer, die sie zunächst durch ihre Freundlichkeit anzogen, aber schon sehr bald wieder durch ihre Schwäche abstießen.

Was war Sabines Hintergrund? Nun, ihre Kindheit und Jugend war geprägt von einem gewalttätigen Vater, der ihre Mutter regelmäßig misshandelt hatte. Und als Reaktion darauf hatte sie sich tief und fest geschworen, sie niemals einen aggressiven Mann in ihre Nähe lassen.

Aber in ebendieser Vermeidung von Aggression hatte sie – das Kind mit dem Bade ausgegossen – und auch die gesunde männliche Stärke vermieden, die sie eigentlich brauchte.

Unsere gemeinsamen Gespräche halfen ihr, zwischen einer destruktiven Gewalt und konstruktiver Aggression zu unterscheiden. Also zu erkennen, dass sie einen Mann brauchte, der zwar stark war, aber ohne Gewalt oder Brutalität.

Ich denke, dass diese beiden Beispiele recht deutlich zeigen, wo in vielen Fällen unser Problem in den instabilen Partnerschaften besteht:

So, wie das Glück eines Paares nicht durch nur eine Person entsteht, so liegen die Ursachen für Probleme selten nur bei einem der Partner.

Unser Mr. Nice Guy und die emotional instabile Frau finden sich oft gegenseitig. Beileibe nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer komplementären (sich gegenseitig verstärkenden) unbewussten Dynamiken.

  • Er sucht eine Frau, die ihn braucht, um sich wertvoll zu fühlen.
  • Sie sucht einen Mann, der nicht bedrohlich ist, aber dennoch Halt bieten könnte.

Beide werden jedoch von der Realität enttäuscht, und beide tragen letztendlich auch zur Eskalation bei.

Aber wie können wir diesen Kreislauf durchbrechen? Davon handelt der vierte und letzte Teil… 

Teil 4: Männlichkeit heute erlernen

4.1. Männlichkeit als innere Haltung, nicht als Verhaltensmaske

Nachdem wir in den ersten drei Abschnitten die Problematik des Mr. Nice Guy und der instabilen aber nach Stabilität suchenden Frau / auch Borderline-Frau ausführlich besprochen haben, sollten wir nun die entscheidenden Frage angehen:

  • Wie kann ein Mann heute, in unserer spezifischen kulturellen Situation, authentische Männlichkeit erlernen und entwickeln?

Zunächst – wie beim Wort Aggression – möchte ich ein weiteres wichtiges Wort als Konzept klarstellen, damit es hier nicht zu Missverständnissen kommt:

Wenn ich von einer geforderten Männlichkeit spreche, dann meine ich ausdrücklich nicht den Machismo (also ein übersteigertes Gefühl einer angeblichen Überlegenheit, einer Dominanz) und erst recht nicht diese stereotype Männlichkeitsklischees.

Ein Macho wäre genauso unreif wie ein Mr. Nice Guy. Zwar hat er sich von seiner Mutter innerlich gelöst, aber er ist in dieser Ablösung entwicklungsmäßig stecken geblieben.

Seine betont zur Schau gestellte Männlichkeit ist keine reife, integrierte Qualität, sondern eine psychische Abwehrformation. Ein Macho braucht permanent Beweise im Außen für seine Männlichkeit. Und die fordert er ein durch ein Dominanzverhalten und die Unterwerfung anderer. Dazu gehören dann auch seine sexuelle Eroberungen – neudeutsch mit Bodycount bezeichnet.

Seine Männlichkeit ist genauso unreif und verletzlich wie die des Mr. Nice Guys, weil sie komplett von einer äußeren Bestätigung abhängig ist.

Aber was ist denn nun eine reife, authentische Männlichkeit? Woran kann man diese erkennen? Gibt es sie überhaupt? Ich antworte auf diese Fragen mit einem ausdrücklichen: JA! Ja, es gibt ihn. Und erkennbar ist eine reife Persönlichkeit an seiner inneren Haltung und einer klar integrierten Persönlichkeitsqualität.

Der reife Mensch braucht keine äußeren Beweise, keine permanente Bestätigung von Dritten. Er ruht gelassen in sich selbst. Kann stark sein, ohne andere zu dominieren. Er kann führen, ohne andere zu unterdrücken. Vor allem kann er auch aggressiv sein, ohne destruktiv zu werden. Und nicht zuletzt kann er auch verletzlich sein, ohne dabei schwach zu werden.

4.2. Das integrative Bild des Herzenskriegers

In verschiedenen Büchern wie z.B. von Carlos Castaneda (1925 – 1998 US Schriftstller) habe ich für so eine reife, integrierte Männlichkeit das archetypische Bild des „Herzenskriegers” gefunden. Der Begriff des Archetyps kam von Carl Gustav Jung (1875 – 1961, Schweizer Psychiater). Ich würde ihn etwas vereinfacht mit einer Reifestufe in der persönlichen Entwicklung bezeichnen.

Dieses archetypische Bild eines Herzenskriegers verbindet bewusst zwei scheinbar widersprüchliche, in Wahrheit aber völlig aufeinander abgestimmte Qualitäten: die Kraft, Stärke und Entschlossenheit des Kriegers mit der Sensibilität, der Feinfühligkeit, der Empathie und Offenheit des Herzens.

Einerseits verfügt der Herzenskrieger über die klassischen Fähigkeiten eines Kriegers:

  • körperliche und psychische Stärke, Mut, Entschlossenheit, die Fähigkeit zu kämpfen und das Eigene zu verteidigen, klare Grenzen.

Aber er setzt sie nicht zur Zerstörung oder Unterwerfung anderer ein, sondern ausschließlich zum Schutz dessen, was ihm wichtig und wertvoll ist.

Auf der anderen Seite ist er aber auch tief mit seinem Herzen verbunden:

  • Er ist fähig zu echter Empathie, zu warmer Zuneigung, zu tiefer emotionaler Bindung. Er kann seine eigene Verletzlichkeit zeigen und kommunizieren, ohne dadurch seine grundlegende Stärke zu verlieren.

Diese Verbindung zwischen Krieger und Herz, männlicher Stärke und emotionaler Offenheit, das ist das eigentliche Ziel reifer männlicher psychischer Entwicklung.

Das Bild eines Herzenskriegers hat seine wirklichen Ursprünge nicht erst im letzten Jahrhundert, sondern ist von sehr viel älteren Kulturen inspiriert.

Ich denke hier an die japanische Samurai-Tradition. Dort galt der ideale Krieger nicht als ein seelenloser Kämpfer, sondern als jemand, der die Kampfkunst und Poesie, die Stärke und Sensibilität in sich vereinte.

Und bei uns, im Mittelalter vom 8. bis zum 15. Jahrhundert, gab es die Ritter. Und ein wahrer Ritter sollte nicht nur tapfer kämpfen, sondern auch höfisch lieben, Schwache beschützen und die Gerechtigkeit verteidigen. Allein die Zeremonie der Schwertleite / der Ritterschlag zeigte, was für eine Verantwortung ein Ritter auf seinen Schultern zu tragen hatte.

Solche historischen Vorbilder zeigen uns, dass die Verbindung von Kraft und Herz keine moderne Erfindung unserer heutigen Zeit ist. Nein! Sie ist ein uraltes Ideal der männlichen Reife.

Der Herzenskrieger ist kein neues Konzept, sondern er ist eine Erinnerung an etwas, was wir in unserer heutigen Kultur leider weitgehend vergessen haben.

Robert Moore (1942 – 2016, US-Psychoanalytiker und „Jungianischer Therapeut) sprach viel über die vier archetypischen männlichen Reifestufen: der König, Krieger, Magier und Liebhaber. Sie alle müssen in einem reifen Mann präsent und integriert sein. Aber sie kommen nicht von alleine! Sie alle sind das Ergebnis eines harten Lern-Lebensweges. Es lohnt sich wirklich, diese Archetypen mal sehr genau anzusehen.

Der Reifegrad des sogenannten Bildes eines Königs repräsentiert die Fähigkeit zu führen und Ordnung zu schaffen.

Der Krieger steht für Mut, Disziplin und die Fähigkeit, für das Richtige zu kämpfen.

Der Magier verkörpert das erlernte, das verinnerlichte Wissen, die Weisheit und die transformative Kraft.

Der Liebhaber steht für Leidenschaft, Sinnlichkeit und emotionale Verbundenheit.

Unser Mr. Nice Guy hat typischerweise nur Zugang zu einem verzerrten Teil-Aspekts eines Liebhabers, denn er ist emotional, sehnsüchtig, auf Verbindung ausgerichtet, aber ohne die ordnende Kraft des Königs, ohne den Mut des Kriegers, ohne die Klarheit des Magiers.

Seine Männlichkeit ist nur sehr einseitig, fragmentiert / zersplittert und vor allem noch unreif. Sein Weg zu einer persönlichen Reife führt aber zwangsläufig über die Integration aller vier Aspekte. Fehlt eine davon, dann sprechen wir von einer Unreife in der Persönlichkeitsdynamik.

4.3. Die Kernkompetenzen männlicher Reife

Welche besonderen, echten psychischen Kompetenzen muss ein Mann denn eigentlich entwickeln, um diesen Weg von der „Mr. Nice Guy-Position“ zur reifen, integrierten Männlichkeit erfolgreich zurückzulegen?

  1. Innere Klarheit.
    Ein innerlich reifer Mann weiß, wer er ist, was er in seinem Leben will, wofür er steht und auch wofür er nicht (!) steht. Er ist sich seiner inneren Werte bewusst, kann sie reflektieren und aktiv für oder gegen sie entscheiden.
  2. Grenzsetzung ohne Rechtfertigung.

Ein reifer Mann kann klar und bestimmt „Nein“ sagen. Das macht er nicht aggressiv im destruktiven Sinne, auch nicht kalt abweisend. Dafür aber immer eindeutig und bestimmt.

  1. Verantwortungsübernahme.

Unser reifer Mann übernimmt konsequent Verantwortung für sein eigenes Leben, seine Entscheidungen, seine Beziehungen. Er macht nicht reflexhaft andere Menschen für sein Unglück verantwortlich. In dem Wort Verantwortung steckt der Begriff „Antwort“. Er gibt eine Antwort … Er wälzt keine Schuld von sich ab wie die Ziege aus dem Märchen „Tischlein-Deck-Dich“ mit ihrem ewigen „Mäh Mäh … wovon soll ich satt sein?“

Vielmehr folgt er dem Beispiel von Martin Luther, der am 18.04.1521 auf dem Reichstag zu Worms die berühmten Worte sprach: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

 

  1. Der reife Mann kann intensive Emotionen von aushalten und diese auch regulieren. Und damit meine ich sowohl seine eigenen als auch die der anderen Menschen um ihn herum.

4.4. Konkrete Entwicklungsfelder

Wie könnte diese Reifeentwicklung in der Praxis aussehen?

  • Die eigene Aggression annehmen:

Der erste und wichtigste Schritt ist meines Erachtens der, dass die Aggression zu einem gehört als wertvoll anerkannt wird. Manchmal gelingt dies alleine, durch männliche Freunde. Oft ist hier aber auch eine therapeutische Unterstützung notwendig um an die eigene aggressive Energie zu kommen und diese dann konstruktiv zu kanalisieren.

  • Sich von der Mutter lösen:

Viele Mr. Nice Guys sind psychisch unbewusst noch eng an ihre Mutter gebunden. Als wenn sie immer noch an einer geistigen Nabelschnur hängen würden.
Eine echte Ablösung erfordert immer auch die bewusste Auseinandersetzung des Sohnes mit seiner Mutterbeziehung.

  • Die Führung in der Beziehung übernehmen:

Damit meine ich ausdrücklich nicht eine übermäßige Kontrolle oder Dominanz im negativen Sinne, sondern ich denke hier an die grundsätzliche Bereitschaft, Verantwortung für die Beziehung zu tragen. Eine Beziehung auf Augenhöhe, in der der Mann die Führung im Außen und die Frau die Führung im Innenverhältnis übernimmt. Ich vergleiche dies sehr gerne mit dem Prinzip eines Flugkapitäns und seines Co-Piloten. Auch wenn der Flugkapitän im Außen das letzte Wort hat und damit auch die Verantwortung trägt, so gibt es bei jedem Flug wechselnd die Funktion des „Flying Pilots“ und der des „Monitoring Pilots“ 

  • Die eigene Sexualität akzeptieren: Unser „Mr. Nice Guy“ hat typischerweise ein sehr tief gespaltenes, ambivalentes Verhältnis zu seiner eigenen Sexualität.
    Echte Männliche Reife bedeutet aber auch, die eigene sexuelle Energie vollständig anzunehmen, sich für diese nicht zu schämen und das vor allem nicht in der eigenen Partnerschaft.

  • Männliche Freundschaften suchen: Für die männliche psychische Entwicklung ist der regelmäßige Kontakt mit anderen Männern psychologisch elementar wichtig.

Männergruppen, tiefe Männerfreundschaften, männliche Mentoren – all das kann einem substantiell helfen, die eigene Männlichkeit zu spiegeln und zu stärken.

Einen besonderen Gedanken möchte ich noch zu dem Thema Männergruppen äußern:

In meiner langjährigen Arbeit habe ich diese alles verändernde, transformative Kraft von Männergruppen immer wieder beobachten können. Wenn Männer in einem für sie geschützten Rahmen zusammenkommen, um über ihre Ängste, ihre Unsicherheiten, ihre Sehnsüchte zu sprechen, dann geschieht oft etwas sehr Bemerkenswertes: Sie erfahren auf einmal, dass sie mit ihren Kämpfen, ihren inneren stillen Sorgen und Ängsten beileibe nicht allein sind.

In Service-Clubs wie zum Beispiel dem Lions Club, Round Tables, oder dem Rotary Club, oder auch den Freimaurern die sich mehr auf die Verbesserung des Selbst konzentrieren, werden Männer von ihresgleichen in ihrer Männlichkeit gespiegelt und bestätigt.

Dabei lernen sie voneinander, wie man besser Grenzen setzt. Oder wie man Konflikte männlich austrägt und man Verantwortung übernimmt.

Ich vergleiche dies gerne als eine verspätete Initiation … also eine symbolische Einführung in die Männerwelt, die ihnen in ihrer Jugend gefehlt hat. Initiation kommt vom lateinischen Wort „initiare“ also einweihen. Man gebraucht dies um eine neue Lebensphase – zum Beispiel die Pubertät – zu bezeichnen.

Früher hatte der Vater und die Dorfgemeinschaft die Aufgabe, seinem Sohn dabei zu helfen, sich von einem Kind zu einem Mann hin zu entwickeln. Diese Aufgabe kennt man heute praktisch nur noch bei den sehr naturverbundenen Kulturen. In unserer westlichen Kultur ist sie leider völlig in Vergessenheit geraten, mit dem Erfolg, dass der Übergang vom Jungen zum Mann durch die geistige Nabelschnur der Mütter und die fehlende Präsenz der Vater aufgehalten wird.

Was aber nicht durch die Ursprungsfamilie erreicht wird, kann trotzdem noch erfolgen. Und da kommen nun die Männerfreundschaften ins Spiel! Ganz konkret empfehle ich Männern, die sich auf den Weg der Entwicklung begeben wollen, folgende praktische Schritte:

  1. Beginne noch heute mit dem Schreiben eines Aggressions-Tagebuches. Notiere dir täglich die Situationen, in denen du dich geärgert hast, in denen du etwas hättest sagen wollen, aber leider geschwiegen oder nachgegeben hast, obwohl Du doch völlig anderer Meinung warst. Der Nutzen hiervon? Durch dieses Aggressions-Achtsamkeitstagebuch wirst du dir deiner gesunden aber unterdrückten Aggression endlich bewusst.

 

  1. Übe das „Nein-Sagen“. Und da hilft dir die 1-%-Methode von James Clear die ich aus der japanischen Kultur als Kaizen her kenne. Alles beginnt mit einem kleinen Schritt, nichts Großes oder Überwältigendes.

 

Beginne auch Du beim „Nein-Sagen“ mit kleinen Situationen, in denen nicht ganz so viel auf dem Spiel steht. Sag auch mal Nein zu einer Einladung, welche dich nicht interessiert. Sag Nein zu einer Bitte um einen Gefallen, den Du einfach nicht tun möchten. Antworte auch nicht sofort auf jede Email oder Textnachricht auf deinem Smartphone. Schalte deinen Empfang nachts komplett aus und spüre nun mal tief in dich hinein, wie sich dieses selbstgewählte Nein für dich anfühlt.

 

  1. Geh ganz bewusst auf die Suche nach einer Männergruppe oder zumindest einem männlichen Freund, mit dem Du auch offen über dich und deine Entwicklung sprechen kannst. Die Unterstützung anderer Männer, die ja ähnlich denken wie du, ist auf diesem Weg unschätzbar wertvoll.

 

  1. Arbeite auch mal eine Zeitlang therapeutisch / also mit einer professionellen Unterstützung an Deiner Mutterbeziehung.

 

Der Unterschied einer Therapie zu „normalen Alltagsgesprächen“ liegt darin, dass die Therapie konsequent in zwei Schritten denkt:

  • Der erste Schritt wäre die radikale Akzeptanz, dass dein aktuelles Verhalten seinen Grund hat und dieser Grund wird wertgeschätzt.
  • Der zweite Schritt ist mindestens genauso radikal: es ist die radikale Inakzeptanz, dass du morgen immer noch so bist wie du gestern warst.

Warum also eine Therapie? Weil viele der Muster des Mr. Nice Guy ihre Wurzeln in der frühen Beziehung zur Mutter haben.

Deshalb ist eine bewusste Auseinandersetzung mit dieser Prägung oft notwendig, um wirklich von den alten Mustern frei zu werden.

 

  1. Entwickle ein neues körperliches Bewusstsein für Deine Aggression und damit auch für deinen gesamten Körper.

Durch einen bewussten Sport, achtsame Kampfkunst, intensive bewusste körperliche Aktivität bekommst du die Hilfe, einen neuen gesunden Zugang zur eigenen aggressiven Energie zu finden.

Man kann sich das so vorstellen. Wenn du Liegestütze machst, dann zähle sie nicht. Sage vielmehr bei jeder Wiederholung / Ausführung ein stummes „Danke“ an deine Muskeln. Auch wenn es sich am Anfang noch komisch für dich anfühlt. Nach spätestens einen Monat hast du einen anderen Bezug zu deinem Körper!

4.5. Die heilende Wirkung einer reifen Männlichkeit

Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich dieses befreiende Gefühl nicht vorstellen, wenn man merkt, dass man in der Reife vorangekommen ist.

  • Man muss dem anderen nicht mehr permanent gefallen,
  • oder auch nicht mehr alle Erwartungen seiner Umgebung erfüllen,
  • nicht mehr seine eigenen vernünftigen Bedürfnisse permanent verleugnen.
  • Man kann endlich authentisch selbst sein.

Und für die Beziehung ist dies ein wahrer Gamechanger! Jede Frau – insbesondere diejenige, die mit einer emotionalen Instabilität zu kämpfen hat  – ist ein innerlich gereifter Mann eine zutiefst heilsame, korrigierende emotionale Erfahrung.

Endlich spürt sie dass, was sie wahrscheinlich in ihrer eigenen Vaterwunde von klein auf vermisst: Jemand der wirklich hält was er verspricht und klare Grenzen setzt, ohne sie deswegen zu verlassen.

Und falls in dieser Beziehung Kinder entstanden sind, dann ist die Präsenz eines reifen Vaters für sie das psychologisch unschätzbarste Geschenk, was ein Vater geben kann: das männlich, reife Vorbild eines stabilen Vaters.

Gerade Söhne brauchen so ein lebendiges männliches Vorbild, das ihnen für ihren eigenen Lebensweg ganz konkret zeigt, wie eine gesunde, konstruktive Männlichkeit aussieht.

Ich sehe es immer wieder, dass die Auswirkungen einer väterlichen Präsenz oder auch das Gegenteil, die Abwesenheit, auf die kindliche Entwicklung können kaum überschätzt werden.

Ein präsenter, also ein reifer und emotional verfügbarer Vater gibt seinem Sohn / natürlich auch der Tochter … hier aber in einem anderen Kontext, ein Modell dafür, wie ein Mann mit Konflikten umgeht, wie er seine Emotionen reguliert, wie er Verantwortung übernimmt, wie er seine Partnerin behandelt, wie er im Leben steht.

Und da wir eher durch Vorbilder als durch Worte lernen, ist sein gelebtes Vorbild ideal für eine Identifikation mit den eigenen Werten.

Schon kurz angesprochen: Auch für die Töchter ist der Vater extrem wichtig, da er das erste männliche Gegenüber darstellt, an dem sie lernen können, was sie von den Männern erwarten können. Und was können sie erwarten? 😊

Ein Vater, der seine Tochter mit Respekt behandelt, der ihre natürlichen Grenzen achtet, der sie wertschätzt und ihr zeigt, dass eine männliche Stärke genau das Gegenteil von Bedrohung ist, so ein Vater gibt ihr ein inneres Modell für eine gesunde Beziehung.

Wenn der Vater aber nicht vorhanden ist – oder noch schlimmer: vorhanden jedoch schwach oder übergriffig – dann prägt auch dies das künftiger Beziehungsmuster von Mädchen und Frauen oft für ihr gesamtes späters Leben.

In meiner Arbeit mit Frauen, die unter Borderline-Dynamiken leiden, finde ich fast ausnahmslos so eine gestörte Vaterbeziehung. Entweder war der Vater abwesend, emotional nicht verfügbar, oder im schlimmsten Fall gewalttätig und übergriffig.

Solche Frauen konnten nie wirklich lernen, was eine gesunde männliche Präsenz ist. Ich beobachte bei ihnen ein permanentes Schwanken zwischen der Sehnsucht nach einem starken Mann und gleichzeitig der übermächtigen Angst vor einer männliche Macht.

Deshalb testen sie ihre Partner permanent (denke hierbei immer wieder an das chinesische Strategem 13 – auf den Boden schlagen und sehen, wo die Schlange den Kopf hebt), weil sie unbewusst nach dem Vater suchen, den sie in ihrer Kindheit nie wirklich hatten. Aber oft werden sie dabei enttäuscht, weil ihr Partner diese Rolle nicht erfüllen kann.

Und das führt uns zu einem wichtigen Punkt in meinem Beitrag: Die Entwicklung reifer Männlichkeit ist nicht nur eine individuelle Aufgabe, sondern hat meines Erachtens eine gesellschaftliche Dimension angenommen.

Ja, jeder einzelne Mann, der sich auf den Weg der Reifung begibt, beeinflusst nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Leben seiner Partnerin, seiner Kinder, seiner Freunde und Kollegen.

Eine reife Männlichkeit ist auch ansteckend, denn sie motiviert andere Männer und gibt Frauen die Erfahrung, dass gesunde männliche Stärke möglich ist.

Für unsere Gesellschaft wäre eine „Kultur reifer Männlichkeit“ ein wirklicher Gewinn! Damit meine ich nicht eine toxische Männlichkeit, sondern zu eine, die gerne auch Verantwortung übernimmt, die schützt und konstruktiv führt, die klare Grenzen setzt und dabei gleichzeitig das Herz offen hält. 

Schluss: Ein Aufruf zur Veränderung

Am Ende dieses Beitrages möchte ich den Stoff noch einem kurz zusammenfassen:

Wir haben besprochen, wie unser sogenannter Mr. Nice Guy historisch entstanden ist:

  • Durch die Industrialisierung (weg vom Feld / Werkstatt hin zur Fabrik)
  • die kollektiven Traumata zweier Weltkriege,
  • durch das weitverbreitete Fehlen von Vätern in den Familien durch Trennung und alleinerziehende Mütter
  • durch die systematische Feminisierung der Erziehung und durch die kulturelle Verteufelung der gesunden Form der Männlichkeit.

Ich denke, dass wie verstanden haben, dass die charakteristischen Anpassungsstrategien des Mr. Nice Guy nicht aus einer psychischer Stärke kommen, sondern aus einer tiefen unbewussten Angst.

Wir haben die wirklich wichtige Unterscheidung zwischen einer konstruktiven gesunden Aggression und der destruktiven Gewalt erkannt und gesehen, dass Aggression ein lebensnotwendiges, positives, konstruktives Potenzial ist, das nicht unterdrückt werden darf.

So eine Unterscheidung ist nicht nur in der Theorie wichtig, sondern hat auch im realen Leben ganz unmittelbare praktische Konsequenzen im Bereich von Erziehung, einer Therapie und das gesellschaftliche Zusammenleben.

  • Wenn wir einem Jungen beibringen, dass seine aggressive Energie per se schlecht und gefährlich ist, dann beschädigen wir damit seine männliche Ur-Identität.
  • Und wenn wir erwachsenen Männern in einer Therapie helfen, ihre unterdrückte Aggression wieder zu erlangen / sie zu finden, dann ermöglichen wir ihnen ein vollständigeres, lebendigeres Leben.
  • Und wenn wir es dann noch schaffen, als Gesellschaft anzuerkennen, dass eine konstruktive Aggression notwendig für Grenzsetzung, Schutz und Gestaltung ist, dann schaffen wir einen gesunden neuen Raum für eine wirklich reife Form der Männlichkeit.

Wir haben besprochen, wie die Mr. Nice Guy-Dynamik Borderline-typische Muster nicht reduziert, sondern paradoxerweise sogar verstärkt und perpetuiert, sie also immer wieder triggert. Der maximal angepasste Mann ist nicht die Lösung für emotionale Instabilität – er ist ihr unbeabsichtigter Trigger.

Das soll jetzt nicht als Schuldzuweisung missverstanden werden. Der Mr. Nice Guy handelt ja nicht aus bösem Willen, sondern aus seiner eigenen Not heraus.

Er ist selbst ja ein Leidender, ein Mann, der es nie wirklich gelernt hat, wie gesunde Männlichkeit aussieht. Die therapeutische Arbeit mit ihm erfordert daher neben Verständnis für sein Handeln, gleichzeitig aber auch die Bereitschaft, ihm gegenüber unbequeme Wahrheiten auszusprechen und ihn aus seiner Komfortzone herauszufordern. Therapie muss auch mal weh tun 😊.

Am Ende haben wir dann noch konkrete Wege besprochen, wie diese Männlichkeit heute erlernt werden kann – nicht als Rückkehr zum völlig falschen Macho, sondern als bewusste Entwicklung zur reifen männlichen Haltung des Herzenskriegers.

Meine zentrale Kernbotschaft dieses war und ist: Eine Frau reagiert nicht auf äußere Härte oder Starrheit, sondern auf innere Klarheit, authentische Grenzen und emotionale Führungsfähigkeit.

Eine Frau braucht keinen Mann, der bei jedem Konflikt nachgibt, sondern einen, der auch im Sturm und bei Gegenwind standhaft bleibt.

Sie braucht keinen, der seine Bedürfnisse chronisch verleugnet und immer hintenanstellt, sondern einen, der sie kennt und selbstbewusst vertritt.

Sie braucht keinen, der Konflikte permanent vermeidet, sondern einen, der sie konstruktiv und respektvoll austrägt.

Dies ist jetzt wirklich kein Aufruf zur Unterdrückung von Frauen oder zur Rückkehr zu patriarchaler Dominanz! Es ist ein Aufruf nach einer neuen – oder vielleicht einer sehr sehr alten – Form der Männlichkeit:

  • Eine Männlichkeit, die sowohl Stärke als auch Verletzlichkeit in sich vereint.
  • Eine Männlichkeit, die Aggression und Emotion integriert.
  • Eine Männlichkeit, die führt und gleichzeitig dient.
  • Eine Männlichkeit, die kämpfen kann und ebenso tief lieben.

Für diejenigen, die sich in dieser Beschreibung eines Mr. Nice Guy wiedererkannt haben: Dies ist kein moralisierendes Urteil, sondern eine klare Einladung zur persönlichen Entwicklung.

Die Transformation zur reifen Männlichkeit ist möglich, in jedem Alter, zu jeder Zeit des Lebens. Ja, es erfordert Mut, sich den eigenen tiefen Ängsten ehrlich zu stellen, die eigene verdrängte Aggression anzunehmen, die eigene Macht und Stärke zu beanspruchen. Aber am Ende dieses Weges wartet eine größere, eine tiefere Erfüllung. Es warten lebendigere Beziehungen und ein authentischeres, vitaleres Leben.

Für die Therapeuten und Berater unter uns: Ich hoffe, dieser Vortrag hat dir eine nützliche, klinisch anwendbare Perspektive eröffnet. Die Arbeit mit dem Mr. Nice Guy ist anspruchsvoll, weil sie an tief verankerten Überzeugungen rüttelt. Aber sie ist lohnend, weil sie echte, tiefgreifende Hilfe ermöglicht.

Für die Frauen unter den Zuhörern / Zuschauern / Lesern: Vielleicht verstehen Sie jetzt besser, warum Ihre intuitive Frustration mit dem netten, aber innerlich leeren Partner so berechtigt ist. Ihr Instinkt, der sich nach männlicher Stärke und Führung sehnt, ist nicht patriarchal verdorben – er ist zutiefst menschlich und psychologisch vollkommen sinnvoll.

Unsere Gesellschaft steht vor der wichtigen Aufgabe, Männlichkeit für das 21. Jahrhundert neu zu definieren. Aber nochmals: nicht als Rückkehr zu längst überwundenen Dominanzmustern vergangener Epochen, aber auch nicht als Fortsetzung der aktuellen tiefgreifenden Verunsicherung.

Was wir heutzutage wirklich brauchen, sind Herzenskrieger:

  • Männer, die innerlich stark genug sind, um auch verletzlich sein zu können.
  • Männer, die klar genug sind, um wirklich liebevoll sein zu können.
  • Männer, die aggressiv genug sind, um wahrhaft friedlich sein zu können.
  • Lass mich diesen Beitrag mit einer Vision abschließen:

Stell dir nur mal eine Gesellschaft vor, in der Väter wirklich präsent sind, nicht nur rein körperlich, sondern auch emotional. In der Jungen von klein auf lernen, dass ihre männliche Energie wertvoll ist und konstruktiv eingesetzt werden kann.

In welcher Männer ihre Aggression nicht unterdrücken müssen, sondern als Lebenskraft nutzen können um ihre Welt eigenständig.

In der Beziehungen auf einem Fundament gegenseitiger Stärke ruhen, nicht auf gegenseitiger Bedürftigkeit.

Diese Vision kann sehr schnell Realität werden, denn sie beginnt mit jedem einzelnen Mann, der sich auf den Weg macht, um sie zu entwickeln. Sie beginnt mit jedem Therapeuten, der Männern hilft, ihre verschüttete Kraft wiederzufinden. Und sie beginnt nicht zuletzt auch mit jeder Frau, die versteht, dass ihr weiblicher Wunsch nach seiner männlichen Stärke legitim und gesund ist.

Der Weg vom Mr. Nice Guy zum Herzenskrieger ist zwar nicht leicht, denn er erfordert Mut, Selbsterkenntnis, die Bereitschaft, die eigenen liebgewonnene und oft auch für den Moment angenehmeren Überzeugungen in Frage zu stellen. Aber es ist ein Weg, der sich lohnt – für den Mann selbst, für seine Beziehungen. Als Vorbild für seine Kinder, für die Gesellschaft insgesamt.

All das ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es braucht Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, immer wieder an sich zu arbeiten.

Es ist nie zu spät, den Weg zum Herzenskrieger zu beginnen. Unabhängig von deinem Alter, deiner Geschichte, deinen bisherigen Erfahrungen – die Möglichkeit zur Entwicklung und Reifung besteht in jedem Moment. Und die Welt braucht Männer, die diesen Weg gehen. Unsere Partnerinnen brauchen sie, unsere Kinder brauchen sie, unsere Gesellschaft braucht sie.

“Borderline verstehen”

und seine Sprache sprechen lernen. Wie unsere Gesellschaft selbst zum Symptom wird und wie wir damit umgehen können. Die U.M.W.E.G.©-Methode.

Warum fühlt sich unsere Welt zunehmend gespalten, orientierungslos und emotional instabil an? Warum nehmen Schwarz-Weiß-Denken, Beziehungskrisen und innere Leere so dramatisch zu?

Ich wage in diesem Buch eine provokante These: Unsere Gesellschaft entwickelt zunehmend Strukturen, die der Borderline-Persönlichkeitsstörung erschreckend ähneln. Social Media, fragmentierte Familienstrukturen, Konsumkultur und politische Polarisierung erzeugen genau jene Dynamiken, die wir aus der Borderline-Therapie kennen.

Aber dieses Buch belässt es nicht bei der Analyse. Im zweiten Teil stelle ich die von mir entwickelte U.M.W.E.G.©-Methode vor – ein wissenschaftlich fundiertes Kommunikationssystem, das in emotional hochexplosiven Situationen greift. Ob bei Borderline-Partnern in der Krise, pubertierenden Jugendlichen oder alltäglichen Konfliktsituationen: Diese Methode gibt konkrete Handlungsstrategien an die Hand.

Für jedes der neun Borderline-Kriterien – von Verlustängsten über Identitätsstörungen bis hin zu Suizidalität – bietet das Buch praxiserprobte Werkzeuge: Wut-Tagebücher, die Drei-Schritt-Methode, Deeskalationstechniken und viele weitere Kommunikationsinstrumente, die sofort umsetzbar sind. Ein Buch, das philosophische Tiefe mit therapeutischer Praxis verbindet. Für Angehörige, Therapeuten, Pädagogen – und alle, die in unserer fragmentierten Welt Stabilität schaffen wollen.

Möge der Tanz mit dem Borderliner beginnen! 😉

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Hast du eine Borderline-Persönlichkeit? Teste dich einmal selbst … 

Borderline Diagnose? Lassen Sie uns miteinander ins Gespräch kommen. 

Marcus Jähn Werde wieder stark durch CoachingEs sind viele Bereiche, die wir ansprechen können: Angefangen vom Umgang Borderline oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer häufiger in unsere Gesellschaft zu beobachten sind. 

  • Was ist das eigentlich, eine Persönlichkeitsstörung, ein Perfektionismus, ein Spaltung oder eine Gegenübertragung?
  • Kann ich trotz Borderline oder Narzissmus eine stabile Partnerschaft aufbauen und damit über Jahre hinweg leben? 
  • Ist eine Kommunikation mit einem Borderliner möglich? Wie hilft hier die U.M.W.E.G.-Methode©? 
  • Kann ich meine Bindungsangst oder Verlustangst irgendwann einmal kontrollieren?
  • Was kann ich tun, wenn ich mich gerade in einer Trennung befinde, oder kurz davor bin?


Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:

  • Eine humorvoll und spielerisch – ja fast tänzerisch – eingesetzte Gewaltfreie Kommunikation in Kombination mit der von mir entwickelten 
  • U.M.W.E.G.-Methode© und nicht zuletzt die Transaktionsanalyse als Sprachkonzept können helfen, auch in schwierigen Situationen noch kühlen Kopf zu bewahren. 

Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus

Marcus Jähn Meine Buchempfehlung zu diesem Thema

Traumatherapie – unser Körper ist der Schlüssel

Alles begann mit einem Unfall. Peter Levine erfährt am eigenen Leib die Richtigkeit seiner Körper-Trauma-Therapie. Dieses Buch ist wirklich ein Magnum Opus – ein großes Werk – ja, fast hat es schon “Nachschlagecharakter”. Unser Körper ist es, der ein Trauma verarbeitet, in ihm gefangen wird. Unser Körper ist es aber auch, der uns aus dem Trauma in eine Lebens-Balance zurückführt. 

In diesem Werk wird nicht nur wissenschaftlich erklärt, wie ein Trauma entsteht und wir uns aus seinen Fängen wieder befreien können. Nein, hier wird viel tiefer gegraben. Wie entstehen Emotionen und wie verändern sie unseren Körper? Sehr praxisnah – anhand von einzelnen realen Fällen – wird gezeigt, wie einfühlsam und trotzdem hochwirksam die Somatic-Experience-Therapie ist und wie verwundet wir durch traumatische Erfahrungen im Grunde genommen sind. 

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