Auf meinem YouTube-Kanal wurde mir vor einigen Tagen die Frage gestellt: „Kann man eigentlich beides sein?“ Diese Frage bezog sich auf ein Video über das Thema „Borderline und Nazismus – die ungleichen Zwillinge“
Dies hat mich dazu inspiriert, mich diesem Thema etwas näher zu widmen und die Frage noch etwas zu erweitern:
Ich persönlich beobachte drei große Persönlichkeitsstörungen in unserer Gesellschaft welche uns aktuell intensiv beschäftigen:
Haben diese drei Persönlichkeitsstörung jetzt denn überhaupt etwas gemeinsam? Ja, sogar sehr viel – praktisch den gesamten Ursprung…!
Wie du das auf dem Bild siehst, fängt die kurze Beschreibung jeder der einzelnen Persönlichkeitsstörungen mit dem Satz an: „Wegen meinem schwachen „Ich“ ……“
Bei dem Thema Narzissmus, ist es ein Problem mit mir selbst … jedoch liegt die Suche der Lösung im Außen. Der Narzisst überträgt seine Suche nach sich selbst – sein Kreisen um sein verletztes Inneres – immer in das Außen indem er ständig eine übermäßige Bewunderung sucht, ein Anspruchsdenken oder ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit hat … und und und.
Wenn wir uns dem Thema Borderline zuwenden, dann ist dies auch ein Problem mit dem verletzten / schwachen Selbst. Die Suche nach der Lösung richtet sich hier jedoch gegen den eigenen Körper, gegen die eigene Situation und die Allernächste Umgebung. Ich denke an dieses verzweifelte Bemühen, eine Partnerschaft trotz Trennung aufrechtzuerhalten.
Diese regelmäßigen Suizidandrohungen, dieses chronische Gefühl der eigenen inneren Leere, die nicht angepasste starke Wut und die Unfähigkeit diese anschließend irgendwie zu regulieren … das alles macht Borderline aus. Dann die selbst schädigenden Verhaltensweisen wie zum Beispiel das Verletzen der eigenen schützenden Haut… was die wohl Bekannteste aber nicht die häufigste Verhaltensweise ist, welche man in der Öffentlichkeit mit Borderline in Verbindung bringt.
Und eine recht neue Geisel der Persönlichkeitsstörung – die jedoch noch in keinem ICD-Katalog bislang separat aufgeführt wird – ist das Thema „Perfektionismus“ Der Perfektionist ist jemand der ängstlich um sein verletztes Inneres, seine eigenen Probleme kreist und die Lösung dieser Probleme in der Beurteilung seiner Umgebung sucht…
Du spürst das Leid förmlich aus diesen Worten heraus in welchem sich all diese Menschen befinden
Psychotherapie hat nun als das oberste Priorität das Ziel, dieses Leid zu lindern!
Nach der Einteilung des ICD 10 haben wir neun große Kategorien in welche wir die Persönlichkeitsstörungen einteilen können. Du siehst diese hier auf dem Schaubild… Diese Einteilung in Kategorien hilft ungemein bei der Diagnose… Sie ist seit dem 01.01. 1998 in Deutschland die Grundlage für die Diagnostik. Der ICD 10 wird von der WHO herausgegeben. Seine Geschichte geht weit zurück bis in das Jahr 1900 (eigentlich noch weiter, aber als Katalog erst in diesem besagten Jahre 1900) als er zum ersten Mal von der französischen Regierung herausgegeben wurde. Im Jahr 1929 gab es bereits die Version 4 die mit ihrem Nachfolger vom Völkerbund verabschiedet wurde. Ab der sechsten Version ist die WHO der Herausgeber. Die Einteilung von Krankheiten war zuerst einmal ein wichtiges Mittel um überhaupt Diagnosen für sich selbst und andere Behandler nachvollziehbar erstellen zu können. Bis zum ICD 5 wurden nur direkt zum Tode führende Krankheiten und Verletzungen aufgeführt. Ab der Version 6 gab es dann auch Krankheiten und Verletzungen die nicht zwangsläufig zum Tode führten.
Wir befinden uns heute im Übergang zwischen dem ICD 10 und dem ICD 11. Im ICD 10 fällt auf, dass Persönlichkeitsstörungen in der Kategorie F6 recht klar von- und untereinander getrennt werden. Das ist auch der Grund weswegen wir heute umgangssprachlich viel zwischen Narzissmus, Borderline, den paranoiden, schizoiden oder den dissozialen Persönlichkeitsstörungen unterscheiden… Trotzdem – und vielleicht auch gerade deswegen – ist die Frage auf meinem YouTube – Kanal des Zuschauers berechtigt… Kann man mehrere Persönlichkeitsstörungen gleichzeitig haben?
Diese Frage ist erst einmal nicht neu… Bereits Otto Kernberg (Jahrgang 1928) der amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker hat die Einteilung in sogenannte Kategorien immer wieder abgelehnt… Für ihn ist das umfassende Thema der Persönlichkeitsstörung eine große und in sich zusammenhängende Einheit! Er hat als Oberbegriff das Thema Borderline gewählt und darunter verschiedene Schwerpunkte gesetzt … In einfachen Worten ausgedrückt: er gebraucht zuerst einmal den Begriff Borderline synchron zu dem Thema Persönlichkeitsstörungen.
Dies ist ein recht interessanter Ansatz und hat auch mich zum Nachdenken gebracht. Ich habe dies dann mal etwas weiter durchdacht und das Wort Borderline einfach mal gegen „emotionale Instabilität“ ausgetauscht (siehe Schaubild) – in dem ICD 10 wird unter diese in der Kategorie F60.3 aufgeführt. Dies ist eine Bezeichnung, die meines Erachtens sehr gut sämtliche Persönlichkeitsstörungen in sich vereint. Wenn wir jetzt nun diese emotionale Instabilität nehmen und verschiedene Schwerpunkte beschreiben, dann kann man recht einfach und trotzdem noch sehr präzise eine Einteilung nach gewissen Dimensionen vornehmen… Und genau dies macht nun der neue ICD 11…
Du siehst jetzt in dem Schaubild eine Tabelle in der die neuen Bezeichnungen von der Klassifikation 06 zu dem Thema Psyche / psychische Verhaltens – und Neuro-Entwicklungsstörungen aufgeführt sind. Praktisch alle Störungsbilder aus dem ICD 10 werden auch im ICD 11 in der einen oder anderen Form abgebildet.
In verschiedenen Videobeiträgen auf YouTube wurde erwähnt dass es den Begriff Narzissmus im neuen Katalog gar nicht mehr gibt oder man dies nicht mehr diagnostizieren könnte… Lass Dich aber mal überraschen und Dir zeigen, dass selbst diese Krankheitsbilder – zwar nun in einem neuen Dimensionsbild – aber trotzdem noch abgebildet werden.
Was ist neu an dem ICD 11 im Vergleich zu seinem Vorgänger den ICD 10? Nun, im ICD 10 wurden Persönlichkeitsstörungen ganz klassisch in Kategorien/Schubladen aufgeführt. Das half zwar bei der Diagnose, jedoch musste man immer mehr einsehen, dass dies an der Lebensrealität vorbeiging… Persönlichkeitsstörungen wurden bislang nämlich immer als unflexible, langanhaltende und dysfunktionale Verhaltensmuster beschrieben, die stark von den Erwartungen der Umgebung abweichen. Sowohl im ICD 10 aber auch im DSM 5 (hier die Sektion zwei) werden neben den allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung spezielle Typen von Störungen anhand von Merkmal-Listen beschrieben. Es ist dann jeweils eine Schwelle definiert ab wie vielen erfüllten Punkten die Diagnose zu einer speziellen Persönlichkeitsstörung gegeben werden kann. Wozu führte diese Diagnosetechnik des ICD 10 und des DSM 5 und welche Kritik kam hierbei logischerweise auf?
Wie geht der ICD 11 nun auf dieses bewusst gewordene Problem ein? Welche Änderung gibt es im Bereich der Persönlichkeitsstörung den ICD elf?
1.) Das was zuerst auffällt ist, dass eine Mindestdauer von zwei Jahren in der die Symptome als Belastung spürbar sein müssen zum ersten Mal klar und deutlich definiert wird. Wo liegt der Unterschied zum ICD 10?
Persönlichkeitsstörungen wurden in den alten Katalogen immer so definiert, dass sie in der Adoleszenz / in der Zeit des Überganges zwischen Kind und Erwachsensein Auftritt. Dies entspricht aber nicht der Realität / der beobachteten Praxis… Persönlichkeitsstörung können auch bei einem 40-jährigen oder 50-jährigen auftreten! Das Diagnosekriterium der Mindestdauer von zwei Jahren im Laufe der Lebenszeit ist viel reeller – dem Leben entsprechent.
2.) Der Paradigmenwechsel in der Diagnose:
Weg von einer Einteilung in Kategorien und hin zu einer Diagnose in Form von Dimensionen. Diese Dimensions-Diagnose ist wirklich ein Meilenstein in der Herangehensweise an Persönlichkeitsstörungen… birgt aber auch einige Herausforderungen an den Therapeuten und den behandelnden Arzt.
Die Dimensionen der Persönlichkeitsstörungen richtet sich nach zwei Gesichtspunkten aus:
2.1 der Schwere der Funktions- Beeinträchtigung. Wir haben hier drei Gruppen: leicht, mittel, schwer). Sie finden wir in der Kategorie 6D10
2.2 Neben der Einteilung in leicht mittel und schwer Beeinträchtigung, gibt es dann die sogenannten übergeordneten prominenten Persönlichkeits Merkmale. Diese Schwerpunkte / Konzentrationen finden wir in der Kategorie 6D11
6D11.0 negative Affektivität
6D11.1 Loslösung / Distanziertheit
6D11.2 Dissozialität
6D11.3 Enthemmung
6D11.4 Anankastia / Anankasmus
6D11.5 Grenzlinien Muster wie Borderline
Die Vorteile für solche eine Diagnose in Dimensionen liegt klar auf der Hand:
Viele aktuelle Studien zeigen, dass besonders dann, wenn die Schwere einer Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird, im Anschluss daran die Therapie deutlich effektiver geplant werden kann! Wird z.B. eine schwere Persönlichkeitsstörung (6D10.2) diagnostiziert dann kann man auch von Anfang an
Kurz und knapp zusammengefasst könnte man sagen: Der ICD 11 ist schwerer für die Diagnose – aber deutlich praxisnaher für die nachherige Therapie!
Jedoch … keine Regel ohne Ausnahme 😂 Dir ist bestimmt – allein durch die gelbe Farbe– aufgefallen, dass von all den alten Kategorien lediglich nur eine Einzige beibehalten wurde… und die war vorher selber nur eine Unterkategorie der emotionalen Instabilität … (F60.31) ich denke hier an Borderline.
Wie kommt es zustande das die Persönlichkeitsstörung Borderline hier nun separat aufgeführt wird? Der Grund hierfür ist simpel und nachvollziehbar: Sie ist aktuell wohl das Störungsbild, welches bereits extrem gut untersucht wurde und seit Jahren über gut nachvollziehbare und überprüfbare Therapieansätze verfügt. Würde dieses sehr breit untersuchte und in der Praxis flächendeckend umgesetzte Diagnose-Konzept für Borderline nun in der zukunft wegfallen, dann würde dies einen immensen Nachteil für die Betroffenen nach sich ziehen.
6D10 Persönlichkeitsstörung
6D10.0 leichte Persönlichkeitsstörung
6D10.1 mittlere Persönlichkeitsstörung
6D10.2 schwere Persönlichkeitsstörung
6D10. Z Persönlichkeitsstörung, Schweregrad jedoch nicht näher bezeichnet
QE 50.7 Persönlichkeits Schwierigkeit
Was genau ist denn nun eine Persönlichkeitsstörung? Lass uns dies erst einmal klären: Es ist zuallererst einmal eine schwerwiegende Störung der Selbstfunktion.
Eine Persönlichkeitsstörung zeichnet sich also durch
Eine Persönlichkeitsstörung zeigt sich auch im Denkmuster, in den emotionalen Erfahrungen und im unflexiblen, schlecht regulierten Verhalten aus. Das Verhalten solcher Personen ist so unangemessen, dass sie weder durch soziale oder sonstige kulturelle Umgebungsfaktoren gelöst werden können. Und klar, diese Störung ist praktisch immer mit sehr starkem Leiden und Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären sozialen beruflichen und anderen Funktionsbereichen verbunden…
Lass uns das alles einmal grob nach der leichten, der mittleren und der schweren Persönlichkeitsstörung differenzieren… Was sind hier die Unterschiedsmerkmale?
Eine leichte Persönlichkeitsstörung ist das, was der Name mit sich bringt, etwas Leichtes…. in der Regel sind hier keine schweren Schäden für sich selbst oder andere zu beobachten. Dennoch kann ein starkes Leiden im Bereich Familie, Soziales, Schule, Beruf ect. auftreten. Das Thema Leiden ist bei der Diagnose sehr wichtig! Was im Außen beobachtet werden kann ist, das zwischenmenschliche Beziehungen oder die Erfüllung von Aufgaben trotz Problemen einigermaßen – mit viel Sand im Getriebe – erfüllt werden. Es läuft halt alles eher mit „angezogener Handbremse“
Eine mittelschwere Persönlichkeitsstörung zeigt sich im Außen manchmal durch eine Selbst- oder eine Fremdschädigung. Hier sehen wir eine deutliche Beeinträchtigung in den Bereichen wie Familie, Soziales, Schule Beruf oder anderes zur Folge. Jedoch sind wir noch nicht beim Totalausfall. Die Funktionsfähigkeit im Leben, kann in einigen begrenzten Bereichen weiter aufrecht erhalten werden. In den Beziehungen zu anderen treten klare und deutliche Probleme auf. Die Erwartungen der Umgebung werden aber sichtbar und auch für die Umgebung – nicht nur für den Betroffenen selbst – zu einem sehr starken Grad behindert. Die gelebten Beziehungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach durch Konflikt, Vermeidung, Rückzug oder auch durch eine extreme Abhängigkeit gekennzeichnet.
Menschen mit einer mittel schweren Persönlichkeitsstörung haben
Die nach Außen sichtbaren Symptome einer mittelschweren Persönlichkeitsstörung sind schon recht deutlich sichtbar. Die kann man nicht so einfach übersehen. Hier leidet dann auch die Umgebung.
Bei der schweren Persönlichkeitsstörung beobachten wir oft eine Schädigung von sich selbst und die aktive Schädigung Anderer in der Umgebung verbunden. Kennzeichen von ihr sind schwere Beeinträchtigungen in praktisch allen Lebensbereichen die wir kennen (persönliche, familiäre, soziale, schulische, berufliche oder einfach alle andere Lebensbereiche). Die Probleme im zwischenmenschlichen Bereich betreffen praktisch alle Beziehungen und auch die Fähigkeit im sozialen oder beruflichen Umfeld Aufgaben oder Rollen zu erfüllen. Die Symptome werden im außen als schwerwiegend und als deutlich sichtbar gekennzeichnet.
Ich habe bereits mehrfach erwähnt, dass der ICD10 eine deutlich stärkere Unterstützung in der Diagnostik mit sich brachte. Diese „Schubladen-Einteilung“ hatte aber auch einen weiteren Nachteil: Das Stigmatisieren wurde dadurch gefördert… Viele „Freizeit-Hobby-Psychologen“ maßten sich nun an, selber eine Diagnose zu stellen und jemanden als Narzisst, Borderliner ect. in eine Ecke stellen zu können. Das dies dann zu neuen Konflikten geführt hat, lag und liegt klar auf der Hand… Der neue Ansatz des ICD 11 – in der zweiten Ebene eine weitaus größere Bandbreite der Einteilung vorzunehmen – wirkt diesem Trend effektiv entgegen… Hier werden wir uns mit 5 + 1 Schwerpunkt auseinandersetzen, welche Du hier im Bild erkennen kannst. Lass uns diese einmal der Reihe nach besprechen. Und ja … das gelbe Kästchen verdient auch eine besondere Aufmerksamkeit 😊
6D11.0 Negative Affektivität
Das wichtigste Kernmerkmal dieses Schwerpunktes ist die Neigung, eine große Bandbreite an negativen Emotionen zu erleben. Affekte sind sichtbare Emotionen – in Handlung ausgedrückte Emotionen. Das, was ich im Außen durch Mimik, Gestik, Sprache und weitere Handlungen erkennen kann und was durch Emotionen ausgelöst wurde, das sind die Affekte. Diese negativen Emotionen und Handlungen stehen in Ihrer Anzahl und in ihrer Stärke in keinem vernünftigen Verhältnis zur eigentlichen Situation. Wir sprechen hier dann von
Dieser erste Schwerpunkt ist meines Erachtens auch ein kritisch zu betrachtender Bereich. Praktisch alle Persönlichkeitsstörungen sind gekennzeichnet durch negative Affekte. Wenn aber alle Störungen sind von diesem Kennzeichen betroffen sind, dann ist dies kein einzelnes Schwerpunkt-Kennzeichen mehr … Dies hat mich bislang etwas nachdenklich gemacht und ich bin sehr gespannt darauf, was wir in der Zukunft hierbei noch für Abgrenzungen erfahren werden. Der wichtige Merksatz auch hier lautet: Diese Kategorie sollte NUR in einer Kombination mit einer leicht / mittleren / schweren Persönlichkeitsstörung verwendet werden!
6D11.1 Loslösung bei Persönlichkeitsstörung
Das wichtigste im Außen sichtbare Merkmal in diesem Schwerpunkt ist die Neigung, dauerhaft eine soziale und eine emotionale Distanz aufrecht zu halten. Das betrifft dann sowohl den zwischenmenschlichen Bereich aber auch die eigenen Gefühlen. Wie kann ich mir dies nun in der Praxis vorstellen?
Eine soziale Distanzierung ist
Die emotionale Distanzierung ist
Wichtig auch hier: dieser Schwerpunkt sollte nur (!) in der Kombination mit einer Persönlichkeitsstörungskategorie (leicht, mittel oder schwer) verwendet werden!
6D11.2 Dissozialität
Das Hauptmerkmal der Dissozialität ist die Missachtung der Rechte und der Gefühle der Umgebung / also von anderen Menschen. Es ist ein Mangel an Empathie und zeugt von einer stark ausgeprägten Egozentrik.
– Egozentrik Die eigenen Bedürfnisse, Wünsche/Ziele und der eigene Komfort stehen im Vordergrund und nicht die Rechte und Ziele der Anderen.
– Mangel an Empathie Es ist eine Gleichgültigkeit darüber ob das was ich mache andere verletzen kann oder nicht. Das kann auch einschließen, dass man seine Umgebung permanent täuscht, sie manipuliert oder ausgebeutet – ihnen gegenüber gemein und oft auch körperlich aggressiv ist. Ein Mangel an Empathie zeigt sich auch, indem man gefühllos auf das Leiden anderer reagiert und rücksichtslos die eigenen Ziele erreichen möchte. Ich, ich ich …. An was erinnert uns das? Natürlich an den Narzissmus! Und siehe da, Narzissmus ist doch nicht aus dem ICD 11 verbannt. Er ist nur eingegliedert in einer größeren Bandbreite der Dissozialität. Ein meines Erachtens sehr wichtiger Schritt. Narzissmus ist in seiner pathologischen / krankhaften Form immer Dissozial. Narzissmus ist mehr als das was wir im ICD 10 als Kriterien aufgezeigt bekommen haben. Der Begriff der Dissozialität ist darum ein für die Zukunft sehr guter „Arbeitsbegriff“. Auch hier gilt wie in den beiden vorherigen Bereichen: diese Kategorie sollte nur in Kombination mit einer Persönlichkeitsstörung (leicht mittel oder schwer) verwendet werden.
6D11.3 Enthemmung
Enthemmung kann ich erkennen an der Neigung / der klaren Tendenz aufgrund von direkten äußeren oder inneren Reizen (d.h. also Empfindungen, Emotionen, Gedanken) viel zu schnell zu handeln ohne mir über mögliche negative Konsequenzen Gedanken zu machen – spontanes, grenzenloses Reagieren ohne Nachzudenken. Die Merkmale der Enthemmung sind zum Beispiel:
Diese Diagnose – Dimension finden wir z.B. in der alten Einordnung des ICD 10 unter der Nummer F60.4 Histrionische Persönlichkeitsstörung oder F98.80 der Aufmerksamkeitsstörung
6D11.4 Anankasmus
Dieses etwas ungewöhnliche Wort „Anankasmus“ kommt – wie so viele Begriffe in der Psychologie – vom griechischen Wort „anagkasmos“ und hat die Bedeutung von „Zwang“, „Notwendigkeit“, „ein starkes Bedürfnis“ und bezeichnet in der Psychiatrie einen Zwang etwas unbedingt tun zu müssen. Die Kernmerkmal von Anankastia sind:
In dieser Dimension kommt die dritte große Geisel unserer heutigen Zeit sehr deutlich zum Vorschein: Es ist der Perfektionismus… Perfektionismus zieht sich durch unser gesamtes heutiges Denken in unserer ach so schönen „Hochglanz – Gesellschaft“ in der so vieles in den Social Media Bereichen wie Facebook, Instagram etc. immer wieder auf schön gefärbt dargestellt wird. Und warum? Nur um nach außen hin für andere ein makelloses und immer glänzendes Bild abzugeben. Perfektionismus finden wir in praktisch allen Alltagsbereichen, einer Hyper-Scheduling (ein übervoller und durchorganisierter Zeitplan/Kalender). Es ist ein Zwang, alles planen zu müssen, alles zu organisieren, zu ordnen und ein starker Hang zu einer übermäßigen / neurotischen Sauberkeit. Emotional und verhaltensbedingt Schränken sich diese Menschen dauerhaft ein, indem sie die eigenen Emotionen permanent zu kontrollieren versuchen. Dies kann man logischerweise dann auch im Außen sehen. Sie wirken nämlich alles andere als entspannt… Im Außen sind sie oft stur, unflexibel, vermeiden jegliches Risiko und können sich oft gar nicht richtig entscheiden da ja immer dieses Damokles-Schwert einer falschen Entscheidung über ihnen schwebt …
Bitte beachte auch hier: diese Kategorie sollte – wie alle anderen Kategorien – nur in Kombination mit einer zuerst diagnostizierten Persönlichkeitsstörungskategorie (leicht, mittel oder schwer) verwendet werden.
Kommen wir zu dem wohl auffallendsten Schwerpunkt in der neuen Einteilung, dem Bereich des Borderline. In dieser Diagnose-Kategorie haben wir nun einen meines Erachtens der interessantesten Ansätze und Kompromisse im Vergleich zwischen dem ICD 10 und dem ICD 11!
Die Diagnose Borderline kann auf Person angewendet werden, deren Störungsbild im Verhalten folgendermaßen aussieht:
Das nun Borderline als eigenständige Diagnose in den ICD 11 übernommen wurde (die alte Diagnose-Kennzeichnung war F60.31) der Narzissmus oder die Histrionie jedoch nicht, das mag einige nun etwas verwundern …Hierbei handelt es sich meines Erachtens jedoch um einen wichtigen und auch nachvollziehbaren politischen Kompromiss, um die Akzeptanz des doch recht radikal neuen Systems bestmöglich zu stärken. Es ist eine „goldene Brücke“ zischen dem „alten“ und dem „neuen System“…
Wie du siehst ist man davon immer mehr überzeugt, dass die Diagnose anhand des Dimensions-Modells der Weg der Zukunft ist. Weil dem so ist hat man recht radikal und konsequent die Kategorien einer narzisstischen, einer ängstlich vermeidenden oder auch einer dependenten Persönlichkeitsstörung im ICD11 weggelassen. Indem man die Borderline – Persönlichkeitsstörung beibehalten hat ist man einen Kompromiss eingegangen – hat eine „goldene Brücke“ gebaut – um einen einheitlichen Übergang zu den dimensionalen Modellen in der Beschreibung von Psychopathologie langsam einleiten zu können. Man hat einfach die Hoffnung ist, dass hierdurch völlig neue Forschungen angeregt werden um die Diagnostik in Form von Dimensionen und nicht mehr in Kategorien bei den Persönlichkeitsstörungen zu 100 % zu übernehmen.
Noch müssen wir einfach mal abwarten, wie der endgültige ICD 11 später mal im ICD12 aussehen wird. Aber eines wird jetzt schon recht deutlich: die wissenschaftliche forschende Psychologie liegt in einem Wettstreit mit der klassisch besetzten psychiatrischen Nosologie / der Lehre von den Krankheiten. Sie hat bis jetzt aber schon recht deutliche Akzente gesetzt. Man darf wirklich gespannt sein was die Zukunft in diesem Bereich bringen wird…
Teil 3 – Pro und Contra – ein Ausblick
3.1. Machen wir mal eine kleine Zusammenfassung und betrachten wir das alles mal aus der Meta-Perspektive: Welche Grenzen hat dieser neue dimensionale Ansatz in der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen in ICD 11? Neben all dem Positiven, dem Neuen, dieser Aufbruchstimmung in der Thematik dürfen wir unsere Augen nämlich nicht den kritischen Punkten gegenüber verschließen. Nicht alles Neue ist ein heiliger Gral. Denn, wie heißt es doch so schön: Wissenschaft ist ein ständiges „Sich-nach-oben-irren“… 😊
Bei der Diagnose nach Dimensionen und der prominenten Persönlichkeitsmerkmalen / den Schwerpunkten, stellt sich zum Beispiel die Frage, ob diese Einteilung in diese fünf Schwerpunkte überhaupt für die spätere Therapie und ihre Planung hilfreich ist. Ich denke hier z.B. an die negative Affektivität… in diesen Punkt werden z.B. sehr viele Erlebens – und Verhaltensweisen zusammengefasst welche wir auch auf den Bereich des Neurotizismus anwenden könnten. Denn, fast jeder, der zu einer Psychotherapie kommt hat in diesem Bereich extrem hohe Werte. … Darum kann man sich hier ruhig einmal die Frage stellen, was für einen Nutzen es bringen soll, überhaupt so einen Schwerpunkt der negativen Affektivität einzuführen wenn doch praktisch alle (!) dieses Merkmal aufweisen. Man muss doch kein Wasser in den Rhein oder Eulen nach Athen tragen… Ich habe mich aber bereits hierzu weiter vorne geäußert…
Die Diagnose von einer Persönlichkeitsstörung ist wirklich eine große und auch sehr komplexe Herausforderung.
Was wir noch stärker benötigen sind die Hilfsmittel in der Diagnostik. Hier war es ein eher komfortabler Ausgangsbereich den wir durch die Kategorien hatten. Wir benötigen nun für die dimensionale Herangehensweise gute und auch leicht nachvollziehbare Fragebögen – Instrumente also, die wir dann auch systematisch in der Praxis einsetzen können. Es wird meines Erachtens noch eine sehr lange Zeit ins Land gehen bis sich dies alles etabliert hat. Wir benötigen noch sehr viele Fort– Aus- und Weiterbildungen damit sich Therapeuten und Diagnostiker mit diesem doch recht radikal neuen System vertraut machen können und um die Einordnung der neuen Diagnosen anschließend wirklich auch zu überprüfen, zu untersuchen und immer wieder zu belegen…
Es sind viele Bereiche, die wir ansprechen können: Angefangen vom Umgang Borderline oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer häufiger in unsere Gesellschaft zu beobachten sind.
Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus
Borderline ist die Königsdisziplin in den zu behandelnden Störungsbildern. Dieses Buch befasst sich nicht mit einer Therapie zu Hause, in der Praxis, sondern in einem klinischen Umfeld. Die Übertragungsfokussierte Psychotherapie (Transference-Focused Psychotherapy, TFP) ist ein psychodynamisches Verfahren, dass die Beziehungs- und Identitätsstörung von Borderliner ganz in den Mittelpunkt der Therapie stellt. Ihren Ursprung hat sie in der Objektbeziehungstheorie, die davon ausgeht, dass die Schwierigkeiten bei Persönlichkeitsstörungen auf nicht integrierte Persönlichkeitsanteile zurückzuführen sind. Darum müssen diese durch eine Therapie aktiviert und in das Handeln integriert werden.
Dieses Buch befasst sich ausführlich mit Diagnostik, Therapievereinbarungen, Behandlungsphasen, Therapiefokus und Arbeiten im interdisziplinären Team. Ein tolles Werk für jeden Facharzt.
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