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Psychologie trifft Philosophie (5) Selbstwert ohne Überheblichkeit

Einleitung

Stell dir vor, du stehst vor einem Spiegel – keinem gewöhnlichen – sondern einem der dir zeigt, wer du wirklich tief in deinem Inneren bist. Der das nach vorne bringt was andere in dir nicht sehen können. Und der das zeigt, was du gerne wärst, was in deiner tiefsten Mitte ruht, ganz unberührt von einem Lob oder ein Tadel und vollkommen unerschütterlich in seiner Würde.

So ein Spiegel existiert wirklich. 😊 Die Stoiker nannten ihn das Hegemonikon (lateinisch „das Leitende“ / „das Herrschende“) – den Führer unserer Seele. Den Ort, an dem wir uns selbst begegnen ohne irgendwelche Schminke oder eine Maske. Und was wir dort finden, das entscheidet über alles in unserem Leben: was unseren Frieden oder die ja auch über die Art wie wir durch unser Leben gehen.

In dieser Folge Nummer 5 der Podcastreihe „Psychologie und Philosophie – zwischen Couch und Weisheit – geht es um ein subtiles aber zugleich sehr wichtiges Thema unserer menschlichen Psyche: unseren Selbstwert. 

Ich denke aber nicht an den aufgeblähten Selbstwert, der sich in den sozialen Medien so herrlich präsentiert. Es geht auch nicht um diesen brüchigen Selbstwert, der bei der kleinsten Kritik von außen zusammenbricht. Ich denke an den echten Selbstwert, der aus einer inneren Klarheit entsteht und der die Haltung der Demut immer mit im Gepäck hat.

Vor über 2000 Jahren beschrieb der stoische Philosoph Epiktet: „wer sich selbst genügt, der ist unbesiegbar.“ Ein Satz, der heute noch genauso gilt wie damals. Vielleicht heute sogar etwas mehr, weil unsere Kultur unsere Welt unsere Gesellschaft immer mehr nach einer äußeren Bestätigung hungert.

Lass uns einmal gemeinsam betrachten, was ein echter Selbstwert bedeutet und warum der heute allgegenwärtige Narzissmus das völlige Gegenteil davon ist und wie die Verbindung einer antiken Weisheit und einer modernen Psychologie uns einen Weg zu innerer Stabilität zeigen kann.

Teil 1 – der Unterschied zwischen Selbstwert und Ego

 

In unserer modernen Gesellschaft wird die Selbstliebe oft mit der Selbstverherrlichung verwechselt. „Sei stolz auf dich!“ So lautet eine überall zu hörende Parole. Aber nur sehr selten wird gefragt: „Worauf soll man wirklich stolz sein?“ Auf welcher Grundlage beruht mein innerer Stolz?“ 

Ein psychologischer Blick zeigt hier eine fundamentale Unterscheidung: der überall zu beobachtende Narzissmus ist kein übermäßiger Selbstwert. Vielmehr ist er lediglich sein „billiger Ersatz“. Unter der ach so glänzenden Oberfläche liegt nämlich ein verletzbares brüchiges ICH, das ständig und immer wieder neu nach Bestätigung sucht wie ein Verdurstender in der Wüste nach Wasser. Otto Kernberg, eine der wohl bedeutendsten Theoretiker der Persönlichkeitsstörungen, beschrieb dieses narzisstische selbst als „eine grandiose Fassade, die einen leeren Kern umhüllt“. 

Die Stoiker erkannten diesen Unterschied bereits mit bemerkenswerter Klarheit. Für sie war echter Selbstwert niemals abhängig von der Meinung eines Dritten. Epiktet formulierte es einmal so: „Suche nicht das Lob der Menge, sondern Suche die Ruhe in dir.“

In der modernen Psychologie sprechen wir von einem bedingten versus einem unbedingten Selbstwert. Der bedingte Selbstwert funktioniert wie ein emotionales Bankkonto: der Selbstwert steigt, wenn wir Erfolg haben, wenn wir gelobt werden, wenn wir zu einer Gruppe dazugehören. Aber er fällt auch tief, wenn wir versagen, kritisiert werden, oder ausgegrenzt sind. So ein brüchiges System macht uns zum Sklaven äußerer Umstände die wir selber nicht mehr beeinflussen können.

Auf der anderen Seite aber gleicht der unbedingte Selbstwert einer inneren Quelle, ja die unabhängig davon fließt, was im Außen geschieht. Er entsteht nicht durch die Vergleiche mit anderen, sondern durch eine innere Übereinstimmung. Er entsteht, wenn unser Decken, unser Fühlen und Handeln miteinander synchron sind. 

Und das ist es auch, was die Stoiker ganz einfach die Tugend nannten: damit meinten sie nicht eine moralische Perfektion, sondern eine Stimmigkeit in dem eigenen Selbst – auch Kohärenz genannt. Lateinisch cohaere 👉 zusammenhängen. 

Teil 2 – Sokrates und die Kunst der Demut

Der Demütigste unter den großen Philosophen war meiner Meinung nach Sokrates (470 bis 399 v.u.Z.). Vielleicht kennst du auch seinen berühmten Satz „Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich dass ich eigentlich nichts weiß.“ Das war keine Koketterie und auch keine philosophische Spielerei. Es war die tiefste und reinste Form einer demütigen Selbsterkenntnis.

Das Orakel von Delphi selbst hatte Sokrates damals als den weisesten Menschen bezeichnet. Aber anstatt ab diesem Zeitpunkt nun mit stolzgeschwellter Brust damit umherzugehen, fing Sokrates erst recht mit seiner Suche nach Menschen an, die noch Weiser sein könnten als er. 

Aber was er fand war für ihn nur ernüchternd und erschütternd: die damals Weisesten – Politiker, Dichter oder auch nur fähige Handwerker – sie alle wussten weniger als Sie zu glauben dachten. 

Sie alle litten an einer Krankheit, die wir heute den Dunning Kruger Effekt nennen würden: die Unfähigkeit die eigene Inkompetenz zu erkennen. Dieser bezeichnet eine kognitive Verzerrung bei der Menschen mit einer sehr geringen Kompetenz in einem Gebiet dazu neigen ihre Fähigkeiten deutlich zu überschätzen. Während andererseits aber sehr kompetente Menschen (ich denke hier wieder mal an Sokrates) sich oft eher unterschätzen. Dieser Effekt wurde 1999 von den Psychologen David Dunning und Justin Kruger erstmals systematisch beschrieben.

Und Sokrates wirkliche Weisheit lag darin, dass er seine eigenen Grenzen erkannte. In der modernen Psychologie nennen wir diese Fähigkeit eine kognitive Flexibilität. Es ist die Bereitschaft das eigene Denken immer wieder zu hinterfragen, kein Problem damit zu haben Irrtümer einzugestehen und den Wunsch zu haben gerne dazuzulernen. 

Es ist das genaue Gegenteil einer narzisstischen Rigidität die jede Kritik als Angriff auf das eigene fragile Selbstbild erlebt. 

Richtig verstandene Demut ist überhaupt keine Selbsterniedrigung! Demut ist in Wirklichkeit die Wahrheit ohne Selbstverachtung. Ein demütiger Mensch sieht sich nicht als minderwertig. Nein, sondern er sieht sich absolut nüchtern und realistisch. Er weiß um seine Stärken ohne diese zu überschätzen. Andererseits kennt er aber auch seine Schwächen, ohne sich für sie zu schämen. 

Der Begriff Demut und das lateinische Wort Humilitas werden sehr oft synonym nebeneinander verwendet. Humilitas ist abgeleitet von dem wörtlichen Begriff „am Boden“ und zeig den Begriff „Ich weiß wo ich stehe“ sehr gut auf. Ein Straßenfeger ist demütig, wenn er sagt: „Hier stehe ich und das ist meine Arbeit und die führe ich deshalb gewissenhaft aus.“ Genauso ist ein Staatspräsident demütig, wenn er dieselben Worte sagt: „Ich bin gewählt worden für diesen Job und den führe ich deshalb auch gewissenhaft aus.“ Demut bedeutet also anzuerkennen was die eigenen Fähigkeiten sind und was man von mir zu recht erwartet.

Viktor Frankl, der Begründer der modernen Logotherapie, drücke es einmal etwas anders aus: „Zwischen dem Reiz und der Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. Und in dieser unserer Reaktion liegt unser persönliches Wachstum und unsere innere Freiheit.“ Demut öffnet diesen Raum und sie erlaubt uns zu stoppen bevor wir reagieren um vielleicht doch noch das Klügere von den Möglichkeiten zu wählen.

Teil 3 – Warum Demut eine Stärke ist

Es mag sich am Anfang noch paradox anhören, aber die Neurowissenschaft bestätigt tatsächlich was die antiken Philosophen bereits damals sagten: die Demut macht uns stärker und nicht schwächer! Studien am Berkeley Mindfulness Lab haben gezeigt, dass Menschen die regelmäßige Selbstreflexion üben, eine verstärkte Aktivität im Anterioren Cingulären Cortex aufweisen – das ist die Hirnregion, die wir mit Empathie, Selbstregulation und emotionaler Intelligenz verbinden. 

Seneca, der große römische Stoiker schrieb einmal: „Wer sich nicht selbst beherrscht ist niemals wirklich groß.“ Diese von ihm angesprochene Selbstbeherrschung beginnt mit der inneren Bereitschaft sich selbst so zu sehen, wie man ist … inklusive der eigenen Fehler und Schwächen.

In der therapeutischen Praxis nennen wir solch eine Fähigkeit die Selbstakzeptanz. Marsha Linehan, die Gründerin der Dialektisch behavioralen Therapie, machte die Selbstakzeptanz zu einem Grundpfeiler ihrer Arbeit mit Menschen die an einer emotionalen Instabilität leiden. Ihr scheinbar widersprüchliches Motto lautete: „Ich akzeptiere mich so wie ich bin und ich arbeite daran mich zu verändern.“

Dieser scheinbare Widerspruch löst sich aber auf, wenn wir verstehen das eine Veränderung paradoxerweise erst dann möglich wird wenn wir endlich aufhören gegen uns selbst zu kämpfen. Denn wer sich ständig selbst verurteilt verschwendet seine Energie auf einen inneren Krieg. Wer sich jedoch annimmt und so betrachtet wie er ist, der kann diese Energie schlussendlich in Wachstum investieren.

Demut schafft somit einen Raum für eine Entwicklung und ist der fruchtbare Boden, auf dem die wirkliche innere Stärke wächst – nicht die aufgesetzte Stärke eines narzisstischen Angebers, sondern die ruhige Stärke von jemanden der sich selbst kennt und sich selber führt.

Teil 4 – das Beispiel von Viktor Frankl und der innere Wert

Wenn wir nach einem wirklich zeitnahen Beispiel für Selbstwert ohne Überheblichkeit suchen, dann führt meiner Meinung nach kein Weg an dem großen Psychoanalytiker Viktor Frankl vorbei. Dieser Ausnahme-Therapeut aus dem österreichischen Wien überlebte insgesamt 4 Konzentrationslager, darunter auch Auschwitz. Er verlor seine Frau, seine Eltern und seinen Bruder. Alles, aber auch wirklich alles, was einen Menschen im Außen definieren könnte – wie der Beruf, der Status, die Familie, der Besitz – all dies wurde ihm genommen.

Und trotzdem fand Viktor Frankl selbst in dieser äußersten Entwürdigung etwas Unzerstörbares: er fand die Fähigkeit seine Haltung selber zu wählen. Er schrieb: „Der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das immer autonom entscheiden kann, was er im nächsten Moment sein werden will.“ Selbst unter Bedingungen, die jede Würde zu vernichten schienen, blieb ihm die letzte Freiheit immer noch erhalten: seine innere Haltung.

Viktor Frankls Selbstwert stammte aber nicht aus Stolz, denn wie hätte er auch auf etwas stolz sein können was sich wie eine Höhle im Konzentrationslager anfühlte? Sein Selbstwert kam aus der Stillen Würde, die entsteht wenn ein Mensch sich weigert sein Menschsein aufzugeben. Es war kein Triumph irgendeines Inneren Egos. Vielmehr war es der Sieg des Geistes über die Umstände. 

In der stoischen Sprache würden wir sagen: „Frankl lebte nach der Tugend. Sein Wert lag nicht in dem, was er hatte – denn er hatte ja praktisch nichts mehr – sondern sein Wert lag in dem was er gab.“ Und was er geben konnte war nicht wenig. Es war seine Haltung, sein Mut, seine Mäßigung und seine Gerechtigkeit. Das alles waren keine abstrakten Ideale für ihn, sondern seine täglichen Überlebensmittel.

Viktor Frankls Beispiel hat uns gezeigt, das Selbstwert, der auf äußeren Dingen beruht, uns jederzeit wieder weggenommen werden kann. Aber ein Selbstwert der auf der inneren Haltung beruht ist praktisch unzerstörbar.

Teil 5 – Die psychologische Sicht auf Narzissmus und Selbstwert

Die moderne Narzissmus-Forschung die von Denkern wie Otto Kernberg und Heinz Kohut geprägt wurden zeigt eine schmerzhafte Wahrheit auf: Narzissmus ist eine häufige Reaktion auf frühe Verletzungen. Narzissmus entsteht in der Regel nicht willentlich, sondern ist eine Art Schutzschicht, die das verwundete Kind in der Vergangenheit in uns gegen Scham und Verletzlichkeit versucht abzuschirmen.

Ein narzisstischer Mensch hat es nie gelernt sich selbst zu genügen. Oft und fast ausnahmslos wurde in seiner Kindheit Liebe an Leistung geknüpft: „Du bist nur dann wertvoll, wenn du auch erfolgreich bist, oder du uns stolz machst oder wenn du perfekt bist.“ In dieser bedingten Wertschätzung entsteht eine lebenslange Wunde. Ein Hunger nach Bestätigung der nie wirklich gestillt werden kann.

Und gerade hier wird die stoische Haltung therapeutisch wirklich wertvoll. Anstatt das Ego weiter aufzublähen – was ein narzisstischer Mensch ohnehin schon tut – lehrt der Stoizismus, den „stillen inneren Beobachter“ weiter zu stärken. Das ist der Teil in uns der unsere Gedanken und Gefühle wahrnimmt, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Ein innerer achtsamer Beobachter…

Marcus Aurelius der Philosophenkaiser aus dem ersten Jahrhundert praktizierte dieses innere Beobachten praktisch täglich. In seinem Buch „Selbstbetrachtungen“ was heute zum literarischen Weltkulturerbe gehört, schrieb er: „Schau in dein Inneres, denn dort liegt die Quelle des Guten und diese wird nie versiegen, solange du sie nicht vernachlässigst.“ So eine innere Quelle braucht keine äußere Bewunderung. Sie ist lebendig gewordene Autarkie – eine Selbstgenügsamkeit im allerbesten Sinne.

Der Unterschied zum überall zu beobachtenden Narzissmus ist mehr als fundamental: Ein Narzisst will glänzen, während ein Stoiker wachsen will. Ein Narzisst fragt: „Wie sehen mich die anderen?“ Ein Stoiker hingegen: „Wie sehe ich mich selber wirklich?“

Teil 6 – die Falle des Vergleichs

Vergleiche sind immer ein Todesstoß für den Selbstwerts. Die Stoiker wussten das schon lange bevor es in den Sozialen Medien Plattformen wie Instagram oder Facebook gab. Lange bevor Likes und Follower zu einem Gradmesser eines angeblich menschlichen Wertes wurden. Bereits Epiktet warnte mit den Worten: „Wenn du dich mit anderen misst, wirst du nie wirklich deinen Frieden finden.“

Die moderne Sozialpsychologie hat diesen einfachen aber wirksamen Mechanismus im Detail untersucht. Leon Festinger – einer der größten und bedeutendsten Sozialpsychologen des 20 Jahrhunderts (1919-1989) und Begründer der Theorie der kognitiven Dissonanz – nannte ihn den „ sozialen Vergleich“. Damit meinte er einen tief verwurzelten Drang, sich ständig mit anderen Menschen zu messen. 

Das Problem hierbei aber ist, dass so ein Vergleich systematisch verzerrt. Warum? Weil wir regelmäßig unser Inneres mit dem Äußeren der Anderen vergleichen. Also unsere innere Realität mit der äußeren Fassade oder unsere inneren Schwächen mit den äußerlich sichtbaren Stärken der Anderen.

In den Zeiten der heutigen sozialen Medien hat diese Verzerrung fast schon krankhafte / pathologische Ausmaße angenommen. Viele Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen einer intensiven Social Media Nutzung und vielen aufkommenden depressiven Symptomen besonders bei jungen Menschen. Vor 100 Jahren haben wir uns praktisch nur mit unserem Nachbarn verglichen. Heute geschieht dieser Vergleich mit einer Auslese der schönsten, erfolgreichsten und scheinbar glücklichsten Menschen auf der ganzen Welt. Das kann einfach nicht gut gehen!

Was also ist zu tun? Die Antwort hierauf ist radikal einfach: „Hör auf damit dich zu vergleichen!“ Der einzig wirklich sinnvolle Vergleich ist der mit dir selber, mit dem Menschen der du gestern warst und dem der du morgen sein könntest. Der bereits angeführte Marc Aurel schrieb: „Verschwendet keine Zeit damit zu streiten was ein guter Mensch sein sollte. Sei einfach einer.“

Unser Selbstwert wächst nicht durch einen Wettbewerb, sondern durch unsere Integrität – durch unsere Treue zu uns selbst unseren Werten und zu unserem eigenen Weg. Statt uns also zu fragen: „bin ich besser als der / die andere?“ Frage dich besser „bin ich heute näher an meinem persönlichen Ideal als gestern?“ 

Teil 7 – Selbstwert bei emotionaler Instabilität

In meiner langjährigen Arbeit mit Menschen, die an einer emotionalen Instabilität leiden – ich denke hier besonders an die Borderline-Persönlichkeitsstörung oder die narzisstischen Dynamiken – begegnet mir das Thema Selbstwert praktisch jeden einzelnen Tag. Beide Mitglieder dieser Gruppen leiden auf ganz unterschiedliche aber trotzdem sehr ähnliche Art und Weise.

Menschen mit einer Borderline Dynamik erleben oft ein extremes Schwanken in ihrem Selbstwert. Von Sätzen wie „Ich bin wertlos“ zu „Ich brauche niemanden, denn ich bin der / die Größte“ dauert es manchmal nur wenige Minuten. Ihr instabiler Selbstwert gleicht einem Boot auf einer stürmischen See … mal befindet es sich oben auf dem Wellenkamm und mal unten im Wellental aber niemals im ruhigen Wasser.

Dann gibt es noch die Menschen mit den narzisstischen Dynamiken. Sie stabilisieren ihren Selbstwert durch das Außen. Durch eine Bewunderung, durch Leistung oder Kontrolle über andere. 

Aber wenn diese äußere Stütze wegfällt, dann bricht ihr gesamtes System inklusive dem fragilen Selbstbild zusammen. Auch nur eine einzige „nazistische Kränkung“ kann das zerbrechliche Kartenhaus ihrer Persönlichkeit zum völligen Einsturz bringen.

Beide Strategien – sowohl das Pendeln als auch ein Externalisieren – entstehen aus einem ähnlichen gemeinsamen Mangel: einer fehlenden inneren Verankerung. Und hier bietet der Stoizismus einen praktikablen Ausweg. Sein Prinzip lautet ganz einfach, aber dennoch wirkungsvoll: ersetze Bewertung durch Haltung!

Sag nicht: „Ich bin gut, wenn …“ denn das ist nur eine bedingte Stütze.

Sag lieber: „Ich bin mit mir im Einklang, wenn ich tugendhaft oder moralisch korrekt handle.“ So eine Aussage ist bedingungslos und unbedingt. Diese Umstellung heilt das ewige Pendeln zwischen einer Selbstverachtung und einer Selbsterhöhung weil der Maßstab dann nicht mehr schwankt. Die Tugend ist nämlich eine Konstante, auch wenn die Gefühle es nicht sind.

Demut – eine tolle Übung für die Praxis 

Lass uns über eine kleine Übung sprechen, die wir täglich ohne großen Aufwand praktizieren können. Lass sie uns einfach die „Demutsminute“ nennen. Sie schlägt eine Brücke zwischen der stoischen Weisheit und der modernen Selbstmitgefühls-Forschung:

  1. Setze dich still hin. Atme ruhig und tief und am besten etwas länger aus als ein. Schließe dabei die Augen.
  2. Erinnere dich nun an den Moment, an dem du falsch gelegen bist. An einen Irrtum, einen Fehler oder eine Fehleinschätzung. Erlaube dir bewusst dies einfach anzusehen ohne eine Bewertung. Also keine Scham oder Selbstanklage dabei auszuüben.
  3. Sage dir nun ganz leise: „Ich darf mich irren und bin trotzdem wertvoll.“
  4. Und jetzt fühl tief in dich hinein und spüre, wie dieser tonnenschwere Druck nachlässt. Du musst nicht immer groß sein und du musst nicht immer recht haben. Alles, was du sein musst, ist: du musst einfach nur echt sein. 

Diese einfache kurze Minute kann dein Verhältnis zu dir selbst radikal ändern. Denn Demut ist beileibe kein Verlust. Demut ist vielmehr ein Gewinn an einer tiefen inneren Ruhe. Demut – also das reale Wissen wer ich wirklich bin und es auch anzunehmen – diese Haltung befreit einen von dem erschöpfenden / blutsaugenden Zwang immer eine Maske oder ein Bild aufrechtzuerhalten was ohnehin nur eine billige Fassade ist.

Abschluss / ein persönliches Fazit

Philosophie und Psychologie führen uns am Ende praktisch zum selben Ergebnis: 

  • Der wahre Selbstwert braucht einfach keine Bühne
  • Er entsteht nicht im Applaus einer Menge sondern in der Stille der eigenen inneren Wahrnehmung. 
  • Der wahre Selbstwert wächst, wenn wir aufhören uns mit anderen zu vergleichen und anfangen in Übereinstimmung mit unseren tiefsten inneren Werten unseren Transzendenzen zu leben.

Demut heilt sogar Narzissmus! Und das nicht, indem die Demut uns klein macht, sondern indem sie uns zu unserem wahren Selbst zurückbringt. Zu dem Teil in uns, dem man nichts beweisen muss, um doch irgendwie genug zu sein. Der nicht glänzen muss, um nach außen zu leuchten und der vor allem nicht gewinnen muss um wertvoll zu sein.

Bereits vor 2000 Jahren schrieb der römische Philosoph und Dramatiker Seneca: „Ein großer Mensch ist der, der sich selbst klein fühlt gegenüber dem was wirklich richtig ist.“ Solch eine Größe ist keine Selbstüberhebung, sondern eine Selbsterkenntnis. 

Es ist das stille Wissen, dass wir immer ein Teil von etwas Größerem sind und unsere Würde nicht von unserer Leistung abhängt, sondern von unserer inneren Haltung. Oder wie sagte es Viktor Frankl noch im Konzentrationslager: „Selbst auf dem Weg in die Gaskammer kann man dir eines nicht nehmen … deine Würde.“ 


Lass uns zum Schluss noch eine kleine Hausaufgabe oder Übung besprechen.

Schreibe dir heute einmal 3 Werte auf, die für dich wichtig sind, und zwar unabhängig davon, ob du dafür Lob oder Kritik bekommst. Das könnten Tugenden sein wie zum Beispiel: Ehrlichkeit, Mut, Gerechtigkeit, Gelassenheit oder Mitgefühl.

Frage dich dann anschließend: „Lebe ich diese Werte wirklich oder nur wenn sie mir gerade in den Kram passen und recht bequem sind?“ Der Unterschied zwischen den beiden Antworten zeigt dir, wo dein echter Selbstwert liegt oder wo noch Luft nach vorne ist – also noch Arbeit auf dich wartet.

Formuliere aber immer deinen inneren Maßstab: „Wenn ich nach meinen Werten handle, dann (!) bin ich wertvoll und nicht wenn ich versuche, perfekt zu sein.“

Quellen & Literatur

  • Epiktet: Enchiridion
  • Marcus Aurelius: Selbstbetrachtungen
  • Seneca: Epistulae Morales
  • Frankl, Viktor E. (1946): …trotzdem Ja zum Leben sagen
  • Kernberg, Otto F. (1975): Borderline Conditions and Pathological Narcissism
  • Kohut, Heinz (1971): The Analysis of the Self
  • Linehan, Marsha M. (1993): DBT Skills Training Manual
  • Neff, Kristin (2011): Self-Compassion
  • Festinger, Leon (1954): A Theory of Social Comparison Processes
  • Robertson, Donald (2019): Stoicism and the Art of Happiness
  • Berkeley Mindfulness Lab (2019): Emotion Regulation and Self-Distancing

Hier geht es zu dem Test, welcher Achtsamkeitstyp du bist: 

 

Marcus Jähn Meine Buchempfehlung zu diesem Thema

Die Weisheit der Stoiker – Massimo Pigliucci 

Massimo Pigliucci ist Professor für Philosophie am City College of New York. 

Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berührt. 

Weitere hilfreiche Gedankenansätze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und Präsenz. 

Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut üben und Reden ohne zu urteilen. 

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Belastet vom Leben? Lassen Sie uns miteinander ins Gespräch kommen. 

Marcus Jähn Werde wieder stark durch CoachingEs sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz. 

  • Was ist das eigentlich, eine Persönlichkeitsstörung, eine Neigung zum Perfektionismus, ein Spaltung oder eine Gegenübertragung?
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Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:

  • Eine humorvoll und spielerisch – ja fast tänzerisch – eingesetzte Gewaltfreie Kommunikation in Kombination mit der von mir entwickelten 
  • U.M.W.E.G.-Methode© und nicht zuletzt die Transaktionsanalyse als Sprachkonzept können helfen, auch in schwierigen Situationen noch kühlen Kopf zu bewahren. 

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