Das ist schon ein dickes Brett was in der Differenzialdiagnostik zu bohren ist:
Ein Patient kommt zum Arzt mit akutem oder einem chronischen selbstverletzendes Verhalten wie zum Beispiel:
Ganz besonders in Situationen mit heftigen Emotionen wie WutausbrĂŒchen / starker Frustration kommt einem die typische Diagnose einer Persönlichkeitsstörung, ganz besonders einer Borderline â Persönlichkeitsstörung in den Sinn.
Nur ist leider keine Diagnose in sich einfach! Denn auch bei einer Depression kann es zu stark ausgeprĂ€gten selbstverletzenden und suizidalen Tendenzen kommen. Aber nicht nur bei den DepressionenâŠ.
Was meine ich damit? Nun, ein Beispiel wÀre hier die sehr gefÀhrliche Form der SuizidalitÀt bei einem Menschen der nicht depressiv ist.
Wenn er zum Beispiel sehr planvoll vorgeht um einen tödlichen Suizidversuch im Rahmen eines malignen / boshaften Narzissmus durchzufĂŒhren, der vielleicht durch starken Neid oder Frustration ausgelöst, einen âSiegâ ĂŒber andere bewirken soll.
Sowohl die chronisch / planvoll durchgefĂŒhrte SuizidalitĂ€t aber auch die bei Frustration und starker Wut ausgelösten spontanen und wiederholten Suizidversuche sind in sich typisch fĂŒr Persönlichkeitsstörungen.
Die zuletzt genannten (also die durch Wut / Frustration ausgelösten) Suizidversuche kommen urplötzlich – wie aus dem heiterem Himmel – ohne dass im Hintergrund die Symptome einer Major Depression da sein mĂŒssen. Im Falle einer chronischen SuizidalitĂ€t und selbstverletzenden Verhaltens brauchen wir eine spezielle â ganz auf diese Störung ausgerichtete psychotherapeutische Behandlung.Â
Sehr wirksam sind hierbei folgende drei therapeutische AnsÀtze:
Mit Mentalisierung meint man
1. das Wissen um die geistigen / mentalen / psychischen BeweggrĂŒnde des eigenen Verhaltens
2. Und auch die FĂ€higkeit, das Verhalten anderer zu interpretieren und vernĂŒnftig darauf zu reagieren.
Die MentalisierungsfĂ€higkeit ist wichtig fĂŒr die Organisation des Selbst- und fĂŒr die Regulierung der GefĂŒhlsregungen.
Das waren bis jetzt die Suizidversuche und selbstverletzende Verhaltensweisen im Rahmen einer Persönlichkeitsstörung.
Auf der anderen Seite sind Suizidversuche bei einer depressiven Symptomatik ganz typisch fĂŒr eine Major Depression Und genau hier muss jetzt sehr sorgfĂ€ltig auf alle vorhandenen Rahmenbedingungen der Diagnose einer Depression geschaut werden. Dies ist wichtig, denn SuizidalitĂ€t bei einer Persönlichkeitsstörung kann in der Regel psychotherapeutisch gut behandelt werden.
SuizidalitÀt im Rahmen einer Major Depression hingegen verlangt eine sofortige (!) medikamentöse Einstellung und nach Möglichkeit auch eine stationÀre Behandlung.
Wenn auch die medikamentöse Einstellung nichts hilft könnte alternativ auch eine EKT (Elektro â Krampftherapie) helfen. Die Elektrokrampftherapie beruht darauf, dass unter Narkose – und damit unter Muskelentspannung – eine kurze elektrische Reizung im Gehirn einen Krampfanfall auslöst.
Noch immer wissen wir nicht genau, warum und wie der Wirk-Mechanismus ist. Nach heutigem Wissensstand können wir die Wirkung auf Neurochemische VerĂ€nderungen diverser Botenstoffe im Gehirn zurĂŒckfĂŒhren.
Die EKT kann helfen, wenn
Kurz noch ein ergÀnzender Einschub:
Wie differenzieren hier zwischen einer Depression bei einer Persönlichkeitsstörung und einer Major Depression. Zwischen diesen beiden Polen liegen aber auch Ăberlagerungsdiagnosen.
Das bedeutet, dass es auch Patienten mit einer besonders schweren Persönlichkeitsstörung gibt die gleichzeitig (!) eine sehr schwere depressive Verstimmung an den Tag legen â und das alles begleitet von einer SuizidalitĂ€t.
Diese wĂŒrden ebenfalls von einer medikamentösen antidepressiven Therapie aber in Verbindung mit einer zusĂ€tzlichen Psychotherapie zur Behandlung der Persönlichkeitsstörung profitieren.
Die Beantwortung dieser Frage erfordert deutlich mehr Zeit und ist sehr viel schwieriger zu beantworten als zum Beispiel die Differenzierung zwischen einer hypomanischen und einer manischen Phase wie wir es im Teil (1) bei der Differenzierung zwischen einer bipolaren Störung und einer Borderline â Persönlichkeitsstörung besprochen haben.
Jetzt mĂŒssen wir die Diagnose deutlich erweitern und sĂ€mtliche Kriterien der Major Depression mit berĂŒcksichtigen.
Aber auĂer, dass dies mehr Zeit in Anspruch nimmt ist die Diagnose nicht wesentlich schwieriger als die Unterscheidung zwischen einer BorderlineâPersönlichkeitsstörung und der bipolare Persönlichkeitsstörung
Die Behandlung von einer affektiven Störung (Depression) beruht medikamentös auf Antidepressiva und Stimmungs-Stabilisierer wie z.B.
Kommt es zu extremer Angst oder auch zu Komplikationen im Krankheitsverlauf sind auch Neuroleptika hierbei ein Mittel der Wahl, um z.B. wahnhafte SinnestĂ€uschungen zu bekĂ€mpfen. Bei einer schweren Persönlichkeitsstörung (bei SuizidalitĂ€t) wird zwar auch zu Antidepressiva gegriffen â aber die psychotherapeutische Behandlung ist hier die zentrale Behandlungstechnik!
Leider sind manche Fehldiagnosen nicht auf klinische Kriterien zurĂŒckzufĂŒhren.
Sie entstehen durch sozialen Druck, wenn sich zum Beispiel Krankenkassen oder Versicherer weigern, die Behandlung einer Persönlichkeitsstörung zu bezahlen.
Wenn andererseits aber die Kosten fĂŒr eine affektive Störung (eine Depression) ĂŒbernommen wird dann ist es verstĂ€ndlich, wenn ein Mediziner diese Diagnose ĂŒbernimmt um nicht auf den Kosten sitzen zu bleiben wenn er den Patienten helfen möchte.
Das Problem der Vorurteile und Ăngste dĂŒrfen wir nicht unter den Tisch fallen lassen.
Immer noch gibt es eine allgemeine ZurĂŒckhaltung seitens der Familien und auch bei den Patienten eine Persönlichkeitsstörung als Grundlage des Problems zu akzeptieren.
Denn gesellschaftlich ist eine Depression oder eine bipolare Erkrankung immer noch akzeptierter als so etwas wie eine Persönlichkeitsstörung. Denn hier kann man sich ja auf das Feld eine âchemischen Stoffwechselstörungâ als Auslöser berufen.
âIch kann ja nichts dafĂŒrâ ist fĂŒr manche ein beruhigender Satz auf den sie sich dann gewissermaĂen zurĂŒckziehen können.
Andererseits gibt es aber auch Untersuchungen die klar zeigen, dass sich Patienten mit einer BorderlineâPersönlichkeitsstörung weitaus besser entwickeln, wenn man ihnen ihre Diagnose klar beim Namen nennt unddie GrĂŒnde fĂŒr diese Diagnose offen darlegt.Â
Gerade weil uns heute so viele wirksame AnsĂ€tze fĂŒr eine guten Behandlung von Persönlichkeitsstörung zur VerfĂŒgung stehen, sind falsche Diagnosen sehr sehr schĂ€dlich.
Auch wenn es sich nach einer Binsenweisheit anhört: eine korrekte und angemessene Diagnose ist und bleibt der erste Schritt zu einer effektiven Behandlung!
Borderline ist die Königsdisziplin in den zu behandelnden Störungsbildern. Dieses Buch befasst sich nicht mit einer Therapie zu Hause, in der Praxis, sondern in einem klinischen Umfeld. Die Ăbertragungsfokussierte Psychotherapie (Transference-Focused Psychotherapy, TFP) ist ein psychodynamisches Verfahren, dass die Beziehungs- und IdentitĂ€tsstörung von Borderliner ganz in den Mittelpunkt der Therapie stellt. Ihren Ursprung hat sie in der Objektbeziehungstheorie, die davon ausgeht, dass die Schwierigkeiten bei Persönlichkeitsstörungen auf nicht integrierte Persönlichkeitsanteile zurĂŒckzufĂŒhren sind. Darum mĂŒssen diese durch eine Therapie aktiviert und in das Handeln integriert werden.Â
Dieses Buch befasst sich ausfĂŒhrlich mit Diagnostik, Therapievereinbarungen, Behandlungsphasen, Therapiefokus und Arbeiten im interdisziplinĂ€ren Team. Ein tolles Werk fĂŒr jeden Facharzt.Â
Es sind viele Bereiche, die wir ansprechen können: Angefangen vom Umgang Borderline oder einer anderen belastenden Störung, aber auch ĂŒber Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer hĂ€ufiger in unsere Gesellschaft zu beobachten sind.Â
Ich möchte aber nicht nur ĂŒber Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
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