Philosophie und Stoizismus – Werkzeuge der Psychologie

Warum Schweigen oft das “bessere Reden” ist

Kennst du das? Du hast eine großartige Idee. Ein neues Projekt. Einen Plan, der dein Leben verĂ€ndern wird. Und was machst du als Erstes? Du erzĂ€hlst es – jedem, der es hören will. Und auch denen, die es eigentlich gar nicht hören wollen.

Du postest es auf Instagram, du twitterst darĂŒber, du erzĂ€hlst deinen Freunden beim Kaffee davon.

Du malst dir aus, wie großartig es werden wird, wenn es erst mal fertig ist.

Und wĂ€hrend du redest und redest und redest, passiert etwas Seltsames: Die Energie verpufft. Die Motivation schwindet. Am Ende bleibt nur noch das Echo deiner eigenen Worte – aber das Projekt? Das liegt irgendwo verstaubt in einer Schublade.

Warum ist das so? Warum raubt uns das Reden die Kraft zum Handeln? Genau darum geht es heute.

Lass uns mal die Geschichte von Upton Sinclair, einem Schriftsteller und Aktivisten betrachten, der 1934 fĂŒr das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidierte.

Sinclair war clever – zumindest dachte er das. WĂ€hrend die Wahlkampagne noch lief, veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel “Ich, Gouverneur von Kalifornien – und wie ich die Armut beendete”.

Er schrieb in der Vergangenheitsform ĂŒber all die brillanten Maßnahmen, die er als Gouverneur umgesetzt hatte. Ein Amt, das er noch gar nicht gewonnen hatte.

Das Buch war ein innovativer Schachzug – Sinclair war Schriftsteller, und er wusste, wie man die Öffentlichkeit erreicht.

Das Problem: Das Buch wurde ein Bestseller, aber die Wahlkampagne? Die geriet ins Stocken.

Beobachter merkten schnell, was passierte.

  • Sinclair hatte in seiner lebhaften Fantasie die Rolle des Gouverneurs bereits durchgespielt.
  • Er hatte sich vorgestellt, wie er diese Gesetze verabschiedet, jene Reformen durchsetzt, wie die Menschen ihn feiern.
  • In seinem Kopf war er bereits Gouverneur gewesen.
  • Warum sich also noch die MĂŒhe machen, es im echten Leben zu werden?

Das Ergebnis? Sinclair verlor mit einem Unterschied von ĂŒber einer Viertelmillion Stimmen. Seine Worte waren seinen Taten vorausgeeilt. Der Wille, die Kluft zu ĂŒberbrĂŒcken, war verflogen. Das Buch hatte ihm die Befriedigung gegeben, die eigentlich nur der echte Sieg hĂ€tte bringen können.

Was hier passiert ist, ist ein psychologisches PhĂ€nomen, das wir alle kennen: Wenn wir ĂŒber unsere Ziele sprechen, gibt uns das ein gutes GefĂŒhl. Unser Gehirn belohnt uns dafĂŒr.

Es schĂŒttet Dopamin aus, als hĂ€tten wir bereits etwas erreicht. Wir fĂŒhlen uns produktiv, erfolgreich, bedeutsam.

Das Problem ist nur: Wir haben noch gar nichts getan.

Die Stoiker der Antike wussten das lĂ€ngst. Epiktet sagte: “Es ist unmöglich, etwas zu lernen, von dem man annimmt, man wisse es bereits.”

Und Kierkegaard warnte: “Bloßes GeschwĂ€tz verhindert echtes Reden, und jenes zum Ausdruck bringen, was noch nur in Gedanken ist, schwĂ€cht das Handeln, indem es es vorwegnimmt.”

Das ist das HinterhÀltige am Reden: Es gibt uns die Illusion von Fortschritt. Jeder kann von sich selbst reden. Jeder kann prahlen, anpreisen, verkaufen.

Aber was ist selten? Schweigen. Die FĂ€higkeit, sich bewusst aus der Konversation herauszuhalten und ohne die BestĂ€tigung von außen zu bestehen. Schweigen ist die Zuflucht der Selbstsicheren und Starken. Nicht umsonst sagte der griechische Philosoph Hesiod: “Der grĂ¶ĂŸte Schatz eines Mannes ist eine gezĂ€hmte Zunge.”

 

Und jetzt wird’s interessant aus psychologischer Sicht: Studien zeigen, dass bereits das Visualisieren von Zielen zwar wichtig ist, aber ĂŒber einen bestimmten Punkt hinaus fĂ€ngt unser Geist an, das mit tatsĂ€chlichem Fortschritt zu verwechseln.

Dasselbe gilt fĂŒrs Verbalisieren. Je mehr Zeit wir damit verbringen, ĂŒber eine Aufgabe nachzudenken, sie zu erklĂ€ren und darĂŒber zu reden, umso nĂ€her fĂŒhlen wir uns ihrer Lösung.

Oder schlimmer noch: Wenn Probleme auftauchen, neigen wir dazu, die Flinte ins Korn zu werfen, weil wir der Ansicht sind, wir hĂ€tten bereits alles gegeben – obwohl wir das natĂŒrlich nicht getan haben.

Schau dir dein eigenes Leben an. Wie oft hast du schon ĂŒber ein Projekt gesprochen, ĂŒber eine Idee, ĂŒber einen Plan – und dann? Nichts. Wie oft hast du dir vorgestellt, wie es sein wird, wenn du erst mal erfolgreich bist, wenn du erst mal abgenommen hast, wenn du erst mal das Buch geschrieben hast?

Das Reden fĂŒhlt sich gut an. Es ist einfach. Es kostet keine MĂŒhe. Aber es raubt dir die Energie, die du brauchst, um wirklich anzufangen.

Denk an Social Media. Facebook fragt: “Was machst du gerade?” Twitter will wissen: “Was gibt’s Neues?” Leerstellen, die uns dazu auffordern, sie mit Gedanken, mit Fotos, mit Geschichten zu fĂŒllen.

Und was posten wir? Fast durchgĂ€ngig Positives. “Hey, schaut her, wie toll alles lĂ€uft bei mir. Schaut her, wie toll ich bin.” Aber nur selten die Wahrheit: “Ich habe Angst. Ich muss kĂ€mpfen. Ich hab keine Ahnung.”

Wenn wir etwas Neues beginnen, sind wir aufgeregt und nervös. Also versuchen wir, uns im Äußeren abzusichern statt im Inneren. Wir reden, als ob unser Leben davon abhinge.

Dabei ist Schweigen ein Zeichen von StĂ€rke – insbesondere zu Beginn einer jeden Reise. Bo Jackson, der legendĂ€re Baseball- und Football-Star, setzte sich als Nachwuchssportler zwei Ziele: Er wollte die Heisman Trophy gewinnen, und er wollte als erster Spieler in der NFL-Draft gezogen werden. Wem erzĂ€hlte er davon? Niemandem, außer seiner Freundin. Er arbeitete. Schweigend. Und er erreichte beide Ziele.

Also, was ist die Lektion hier?

  • Wenn du das nĂ€chste Mal eine großartige Idee hast, ein neues Projekt startest, einen Plan schmiedest – halt den Mund.
  • Poste es nicht.
  • ErzĂ€hl es nicht jedem bei der nĂ€chsten Party.

Nimm diese Energie, diesen Enthusiasmus, diese Begeisterung – und steck sie in die Arbeit. Lass deine Taten fĂŒr dich sprechen, nicht deine Worte.

Epiktet hatte recht: “Der Weise redet nicht, der Redende weiß nicht.”

Es ist Zeit, dass wir wieder zu Weisen werden. Es ist Zeit, dass wir die Klappe halten und anfangen zu arbeiten. Die Welt braucht keine weiteren großen AnkĂŒndigungen. Sie braucht Menschen, die liefern. Menschen, die tun, was sie sagen. Nicht andersherum.

Also: Weniger reden. Mehr machen. Dein zukĂŒnftiges Ich wird es dir danken.

Sein oder Tun? – Eine Frage, die alles verĂ€ndert

Herkules, der Held aus der Sage „Herakles am Scheideweg“ – Sohn des Zeus – steht vor einer Weggabelung. Er muss sich entscheiden zwischen Ruhm (durch harte Arbeit/Tugend) und einem bequemen Leben (durch Laster). Der Titel der Sage: „Herakles am Scheideweg“.

Er muss sich zwischen in dieser Sage zwischen zwei Frauen entscheiden, die ihm zwei verschiedene Lebenswege prÀsentieren.

  • Die Weggabelung der “Laster” (Kakia): Sie verspricht ein einfaches, bequemes Leben voller Genuss, VergnĂŒgen und MĂŒĂŸiggang.
  • Die Weggabelung der “Tugend” (Arete): Sie fordert harte Arbeit, Anstrengung, PflichtgefĂŒhl und Entbehrungen, verspricht dafĂŒr aber wahren Ruhm, Unsterblichkeit und Ehre.
  • Seine Entscheidung: Herakles wĂ€hlt den Weg der Tugend, was zu seinen berĂŒhmten zwölf Heldentaten fĂŒhrt. 

 

Stell dir dich vor 
 Auch du stehst jetzt an einer symbolischen Weggabelung.

  • Links geht es den bequemen Pfad hinauf – Beförderungen, Anerkennung, ein schicker Titel auf der Visitenkarte, Likes auf LinkedIn.
  • Rechts geht es bergauf, steinig, einsam – aber dort liegt die Arbeit, die wirklich zĂ€hlt. Die Arbeit, die etwas verĂ€ndert. Nicht fĂŒr dein Image. Sondern fĂŒr die Sache.

 

Und jetzt die ehrliche Frage: Welchen Weg schlĂ€gst du ein? Nicht den, den du gerne einschlagen wĂŒrdest. Sondern den, den du tatsĂ€chlich einschlĂ€gst – jeden einzelnen Tag. Denn genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Genau hier entscheidet sich, ob du dein Leben mit Substanz fĂŒllst oder nur mit OberflĂ€che.

Lass uns mal die Geschichte von John Boyd, einem der einflussreichsten MilitÀrstrategen des 20. Jahrhunderts betrachten, den trotz seiner GenialitÀt kaum jemand kennt.

Boyd war ein brillanter Kampfpilot mit dem Spitznamen „40-Sekunden-Boyd”, weil er regelmĂ€ĂŸig jeden Gegner in unter einer Minute besiegen konnte.

SpĂ€ter revolutionierte er die moderne KriegsfĂŒhrung, entwarf die Konzepte hinter der F-15 und F-16 und beriet sogar den Verteidigungsminister persönlich.

Aber hier wird es spannend:

  • Boyd wurde nie ĂŒber den Rang eines Obersten befördert.
  • Er schrieb kein einziges Buch.
  • Praktische kein Medium sprach ĂŒber ihn.
  • Er starb in einer kleinen Wohnung mit einer Schublade voller nicht eingelöster Spesenschecks – weil er sie als Bestechung betrachtete.

Was Boyd aber tat, war etwas viel Wichtigeres: Er stellte jedem jungen Offizier, den er unter seine Fittiche nahm, eine einzige Frage:

  • „Tiger”, sagte er, „eines Tages wirst du an eine Weggabelung kommen. Der eine Weg macht dich zu jemandem – du wirst befördert, bekommst gute Posten, wirst der Liebling der Vorgesetzten. Der andere Weg lĂ€sst dich etwas tun – fĂŒr dein Land, fĂŒr deine Sache, fĂŒr dich selbst.

 

Aber du wirst nicht befördert werden, und du wirst ganz bestimmt nicht beliebt sein.” Dann die entscheidende Pause: „Sein oder Tun? FĂŒr welchen Weg wirst du dich entscheiden?”

Und genau hier steckt die stoische Sprengkraft dieser Geschichte. Die Stoiker wussten: Der Ă€ußere Schein ist trĂŒgerisch.

  • AutoritĂ€t haben ist nicht dasselbe wie eine AutoritĂ€t sein.
  • Befördert werden heißt nicht, dass du gute Arbeit geleistet hast – manchmal bedeutet es nĂ€mlich nur, dass du die richtigen KĂ€stchen angekreuzt hast.

Boyd schrieb bei seinen VortrĂ€gen regelmĂ€ĂŸig drei Wörter an die Tafel: Pflicht, Ehre, Vaterland. Dann strich er sie durch und ersetzte sie durch: Stolz, Macht, Gier.

Damit zeigte er, wie Systeme und Strukturen genau die Werte untergraben können, denen wir eigentlich dienen wollten. Das innere Ego ist dabei der stille Saboteur. Es streicht aus, was wirklich zÀhlt, und ersetzt es durch das, was glÀnzt.

Die Psychologie bestĂ€tigt das ĂŒbrigens eindrucksvoll: Studien zur extrinsischen versus intrinsischen Motivation zeichnen immer wieder folgendes Bild: Wer primĂ€r fĂŒr Titel, Status und Anerkennung arbeitet, verliert langfristig an KreativitĂ€t, Ausdauer und Zufriedenheit.

Frederick Douglass (1818 bis 1895, entlaufender Sklave und Redner, Schriftsteller, afroamerikanischer Abolitionist – also ein Gegner der Sklaverei) sagte einmal: „Das, woran ein Mann arbeitet, arbeitet auch an ihm.” Was du mit deiner Zeit tust, formt damit dich – ob du es willst oder nicht.

 

 

Und jetzt der Transfer in deinen Alltag: Schau dir mal ehrlich an, woran du deine Entscheidungen ausrichtest.

  • Sagst du Ja zu dem Projekt, weil es dich weiterbringt – oder weil es sichtbar ist?
  • WĂ€hlst du den Job wegen der Arbeit – oder wegen der Visitenkarte?
  • Postest du den Erfolg, weil du andere inspirieren willst – oder weil du Applaus brauchst?

Boyd’s Frage ist wie ein Kompass, den du in jeder Lebenssituation benutzen kannst:

  • Hilft mir dies, etwas grĂ¶ĂŸeres zu erreichen, was ich mir vorgenommen habe?
  • Erlaubt mir das was ich mache, das zu tun, was ich tun muss?

Oder geht es bei allem in Wirklichkeit nur um mein Ego?

Die ehrliche Antwort ist manchmal unbequem. Aber sie ist befreiend. Denn wenn du einmal Klarheit darĂŒber hast, dass es dir ums Tun geht – nicht ums Sein –, dann fallen die falschen Optionen weg. Sie sind keine Optionen mehr. Sie sind dann nur noch Ablenkungen.

 

Also, hier ist dein Auftrag: Die Frage „Sein oder Tun?” ist keine philosophische Spielerei. Sie ist ein tĂ€glicher Appell.

Boyd bezahlte fĂŒr seine Entscheidung mit Karriere und Ruhm – und gewann dafĂŒr IntegritĂ€t und ein Lebenswerk, das die KriegsfĂŒhrung fĂŒr immer verĂ€nderte.

Du musst nicht gleich die Welt verÀndern. Aber du kannst heute damit anfangen, ehrlich zu dir selbst zu sein.

Was treibt dich an – die Sache oder der Schein? Sein oder Tun? Die Entscheidung liegt bei dir. Jeden Tag aufs Neue.

 

Die Weisheit der Stoiker – Massimo Pigliucci 

Massimo Pigliucci ist Professor fĂŒr Philosophie am City College of New York. 

Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berĂŒhrt. 

Weitere hilfreiche GedankenansÀtze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und PrÀsenz. 

Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut ĂŒben und Reden ohne zu urteilen. 

👉 Hier geht es zum Buchtitel

Belastet vom Leben? Lassen Sie uns miteinander ins GesprÀch kommen. 

Marcus JĂ€hn Werde wieder stark durch CoachingEs sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch ĂŒber Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz. 

  • Was ist das eigentlich, eine Persönlichkeitsstörung, eine Neigung zum Perfektionismus, ein Spaltung oder eine GegenĂŒbertragung?
  • Kann ich trotz Überforderung ein ruhiges und stabiles Leben fĂŒhren? 
  • Kann ich meine Bindungsangst oder Verlustangst irgendwann einmal kontrollieren?
  • Was kann ich tun, wenn ich mich gerade in einer Trennung befinde, oder kurz davor bin?


Ich möchte aber nicht nur ĂŒber Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:

  • Eine humorvoll und spielerisch – ja fast tĂ€nzerisch – eingesetzte Gewaltfreie Kommunikation in Kombination mit der von mir entwickelten 
  • U.M.W.E.G.-Methode© und nicht zuletzt die Transaktionsanalyse als Sprachkonzept können helfen, auch in schwierigen Situationen noch kĂŒhlen Kopf zu bewahren. 

Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus