Borderline und die fehlende MĂ€nnlichkeit

Wie der ewige “Mr Nice Guy” eine Persönlichkeitsstörung fördert und wie die psychodynamische ZusammenhĂ€nge zwischen dem Mr. Nice Guy-Syndrom und dem Borderline-Dynamiken aussehen

Einleitung

Ich denke, wir befinden uns heute in einer der grĂ¶ĂŸten kulturellen Verschiebungen unserer bisherigen Gesellschaft, mit sehr weitreichenden Konsequenzen

  • fĂŒr die geistige und körperliche Gesundheit von MĂ€nnern und auch Frauen.
  • und ihrer Partnerschaften.

In meiner Arbeit beobachte ich ein sich immer wieder wiederholendes Muster, das an HÀufigkeit und StÀrke permanent zunimmt. Auf der einen Seite beobachte ich MÀnner, die alles richtig machen wollen, die sich in ihrer Partnerschaft aufopfern und immer weniger Grenzen setzen.

Auf der anderen Seite sehe ich, dass ihre Partnerinnen immer frustrierter, immer verunsicherter und emotional instabiler daherkommen.

Im ersten Moment mag das erst einmal Paradox erscheinen. 
 Da ist die Gruppe der MĂ€nner, ein Mann, die immer netter wird, auf der anderen Seite zeigt sich aber die Welt der Frauen immer unzufriedener mit dieser Entwicklung.

Auf den ersten Blick erscheint dies wie ein Widerspruch. Bei einer genaueren psychodynamischen Betrachtung zeigt sich jedoch eine tiefe innere Logik, welche ich mit dir in diesem Beitrag besprechen möchte..

Diese neue Form von MĂ€nnern – nennen wir sie einfach mal die Mr. Nice GuyÂŽs – glauben tatsĂ€chlich fest daran, dass sie alles richtig machen, sich moralisch, ethisch einwandfrei verhalten und vor allem den VorgĂ€ngergenerationen gegenĂŒber ĂŒberlegen sind.

  • Weil, sie vermeiden doch Konflikte mit einer Konsequenz, die an Vermeidungsstörungen grenzt.
  • Sie stellen die BedĂŒrfnisse anderer stets vor ihre eigenen und wundern sich anschließend, warum ihre Beziehungen scheitern, warum sie als Partner unattraktiv wirken, warum die emotionalen Eskalationen in ihren Beziehungen immer hĂ€ufiger und intensiver werden.

Sie haben in ihrer frĂŒhen Sozialisation gelernt, dass gute MĂ€nner sich immer zurĂŒcknehmen, dass eine mĂ€nnliche Durchsetzungskraft grundsĂ€tzlich problematisch ist und dass Harmonie das höchste Beziehungsziel darstellt. Und doch fĂŒhren ihre wohlmeinenden BemĂŒhungen nicht zu den erhofften Ergebnissen. Aber warum???

Nun, die zentrale und bestimmt sehr provokante These meines Beitrages lautet: Eine Frau reagiert nicht auf HĂ€rte im Sinne von Starrheit oder BrutalitĂ€t, sondern auf innere Klarheit, authentische Grenzen und emotionale FĂŒhrungsfĂ€higkeit.

Der neue Mr. Nice Guy erzeugt aber keine Sicherheit – sondern paradoxerweise Unsicherheit, Frustration und emotionale Eskalation. Er ist nicht die Lösung fĂŒr eine gestörte Beziehungsdynamik, nein! Vielmehr ist er oft ihr Katalysator und VerstĂ€rker.

Nochmals: Diese These mag auf den ersten Blick sehr provokant erscheinen, aber sie ist empirisch beobachtbar und hat weitreichende praktische Folgen fĂŒr unsere therapeutische Arbeit mit Paaren und Einzelpersonen.

Im weiteren Verlauf werde ich meine Beobachtungen mal in vier systematisch aufeinander aufbauenden Teilen darlegen:

  • Erstens: Wie die gesellschaftliche Entwicklung zum PhĂ€nomen des Mr. Nice Guy gefĂŒhrt hat und welche tiefenpsychologischen Mechanismen seine Persönlichkeitsstruktur prĂ€gen.
  • Zweitens: Warum Aggression ein gesundes und entwicklungspsychologisch notwendiges mĂ€nnliches Potenzial darstellt, das fundamental von destruktiver Gewalt zu unterscheiden ist.
  • Drittens: Wie fehlende mĂ€nnliche FĂŒhrung und Grenzsetzung Borderline-typische Dynamiken nicht etwa lindert, sondern paradoxerweise verstĂ€rken kann.
  • Und viertens: Wie MĂ€nnlichkeit in unserer heutigen Zeit erlernt werden kann – nicht als nostalgische RĂŒckkehr zu ĂŒberholten Rollenbildern, sondern als Integration einer reifen, bewussten mĂ€nnlichen Haltung.

Teil 1: Die Entstehung der Mr. Nice Guy-Kultur

1.1.          Das PhÀnomen und seine klinischen Erscheinungsformen

Lass uns mit einer differenzierten Bestandsaufnahme beginnen. Dieser sogenannte Mr. Nice Guy ist kein diagnostischer Typus im klinischen Sinne – wir finden ihn nirgends im ICD oder DSM. Trotzdem reprĂ€sentiert er eine Persönlichkeitskonfiguration, die in unserer westlichen Gesellschaft zunehmend immer mehr zum Normalfall geworden ist. In den Medien und der Werbung werden MĂ€nner heute immer hĂ€ufiger als liebenswerte, aber letztlich inkompetente Figuren dargestellt, welche die gesamte Macht, Kompetenz und FĂŒhrung den Frauen ĂŒberlassen. Es scheint beinahe so, als wĂŒrden MĂ€nner sich kollektiv dafĂŒr schĂ€men, ein Mann zu sein. Die Frau erscheint als kompetente Macherin, der Mann als ihr genĂŒgsamer, etwas tollpatschiger Begleiter.

Dieser Mr. Nice Guy zeigt sich in charakteristischen, klinisch gut beobachtbaren Verhaltensmustern: Er bemĂŒht sich mit ĂŒbergroßer Anstrengung darum, keine Frau zu enttĂ€uschen oder ihr emotional wehzutun. Er wĂŒrde buchstĂ€blich alles fĂŒr eine Frau tun, die er mag, sich fĂŒr sie aufopfern, nur um ihre Anerkennung und Liebe zu erhalten.

Diese bekommt er dann auch – allerdings mit einer wichtigen EinschrĂ€nkung: Und zwar nur in der sicheren „Friendzone“, nur als Freund, als Vertrauter, als emotionaler StĂŒtzpfeiler, nicht aber als Liebhaber oder ernstzunehmender Lebenspartner. Als solcher ist er dabei aber uninteressant, weil er hier keine erotische Spannung erzeugt.

Der typische Mr. Nice Guy hat unzĂ€hlige Freundinnen, mit denen er â€žĂŒber Gott und die Welt einfach alles reden kann” und fĂŒr die er jederzeit verfĂŒgbar ist. Sexuelles Interesse haben diese Frauen aber keines an ihm, und ernsthaftes Interesse als Partner erst recht nicht.

Aber warum? Weil ihm fehlen einige entscheidende mĂ€nnliche Attribute fehlen, die fĂŒr Frauen instinktiv anziehend sind:

  • echte innere UnabhĂ€ngigkeit,
  • konstruktive Aggression und
  • die FĂ€higkeit zur FĂŒhrung.

DafĂŒr ist er ein Frauenversteher par excellence, jedoch ohne jeden RĂŒckhalt in der MĂ€nnerwelt. Ihm fehlen Mut und RĂŒckgrat – er braucht die stĂ€ndige BestĂ€tigung und den kontinuierlichen Kontakt mit Frauen, wĂ€hrend er andere MĂ€nner reflexhaft als viel zu dominant, zu aggressiv oder als Chauvinisten ablehnt.

Im sexuellen Bereich zeigt sich dieses Muster ganz besonders eindrucksvoll. Das Motto des Mr. Nice Guy bei intimen Kontakten lautet: „Nichts muss und alles kann.”

Niemals wĂŒrde er eine Frau bedrĂ€ngen, wenn sie keine Lust auf Sex hat. Er wĂŒrde es körperlich einfach nicht ertragen, wenn eine Frau ihm vorwerfen wĂŒrde, sich von ihm bedrĂ€ngt zu fĂŒhlen.

Er ist in seiner SexualitÀt vollstÀndig abhÀngig von der Lust und Initiative der Frau und richtet sich ausnahmslos nach ihr. Schon bei der kleinsten Andeutung von Unsicherheit oder Unbehagen hat er nachgefragt, ob auch wirklich alles in Ordnung ist.

Aber tief im Inneren bereut er es, dass er sich immer zurĂŒckgenommen und niemals seine eigene Lust, seine Phantasien und seine BedĂŒrfnisse ausgelebt hat – aus ĂŒbermĂ€ĂŸiger RĂŒcksicht auf seine Partnerin.

1.2.          Die historischen und gesellschaftlichen Wurzeln

Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen? Die Entstehung des Mr. Nice Guy lĂ€sst sich nicht so einfach mit einem oder zwei GrĂŒnden erklĂ€ren. Aber dennoch gibt es einige zentrale historische und soziologische Faktoren, die wir hier klar identifizieren können.

Wir mĂŒssen dabei nur verstehen, dass der Mr. Nice Guy kein Produkt individuellen Versagens oder einer persönlicher SchwĂ€che ist, sondern das Ergebnis tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen, die mehrere Generationen umspannen.

Faktor 1 âžĄïž Der erste wesentliche Faktor ist die kollektive Traumatisierung durch zwei verheerende Weltkriege.

Deutschland und Europa haben im 20. Jahrhundert beispiellose Katastrophen durch die Weltkriege erlebt. Millionen von VĂ€tern fielen auf den Schlachtfeldern, kehrten körperlich verstĂŒmmelt oder psychisch komplett zerbrochen zurĂŒck.

Eine ganze Generation von Söhnen wuchs ohne prĂ€sente, emotional verfĂŒgbare mĂ€nnliche Vorbilder auf, die ihnen hĂ€tten zeigen können, was gesunde, konstruktive MĂ€nnlichkeit bedeutet.

Die VĂ€ter, die zwar körperlich aus dem Krieg zurĂŒckkehrten, waren emotional oft nicht verfĂŒgbar – traumatisiert, depressiv, in sich verschlossen oder alkoholabhĂ€ngig.

Ihre Söhne lernten daraus falsch, aber folgerichtig: MÀnner sind entweder abwesend, emotional unerreichbar, oder seelisch beschÀdigt. MÀnnlichkeit ist immer mit Schmerz, Verlust und Dysfunktion verbunden.

Faktor 2 âžĄïž Die deutsche Kollektivschuld und ihre tiefen Auswirkungen auf das mĂ€nnliche Selbstbild.

Nach 1945 wurde MĂ€nnlichkeit kollektiv mit TĂ€terschaft, mit dem Nationalsozialismus und dessen Grausamkeiten assoziiert.

Deutsche MĂ€nnlichkeit – mit ihrer historischen Tradition von AutoritĂ€t, Durchsetzungskraft, Disziplin und FĂŒhrung – wurde zu einem kulturellen SĂŒndenbock fĂŒr die nationalsozialistischen Verbrechen erklĂ€rt. Die psychologische Konsequenz davon war eine tiefe Verunsicherung dessen, was es ĂŒberhaupt bedeutet, ein deutscher Mann zu sein.

  • MĂ€nnliche StĂ€rke wurde kulturell suspekt,
  • Durchsetzungsvermögen galt als potenziell gefĂ€hrlich und faschistoid,
  • Und jeder noch so kleine FĂŒhrungsanspruch wurde reflexhaft mit Autoritarismus gleichgesetzt.

Faktor 3  âžĄïžDer dritte Faktor sind die unbeabsichtigten Nebeneffekte der Frauenbewegung.

Lass mich hier etwas klarstellen: Die Frauenbewegung hat ohne jeden Zweifel historisch wichtige und gesellschaftlich berechtigte Fortschritte erzielt.

Die rechtliche und politische Gleichberechtigung von Frauen ist ein zivilisatorischer Gewinn ersten Ranges, den niemand ernsthaft in Frage stellen wĂŒrde.

Trotzdem ging mit dieser notwendigen Bewegung auch eine weitere oft implizite, manchmal auch explizite Botschaft einher, dass traditionelle MĂ€nnlichkeit per se problematisch, unterdrĂŒckerisch und ĂŒberwindungsbedĂŒrftig sei. Das Kind wurde hier bildhaft mit dem Bade ausgekippt.

MĂ€nner – besonders sensible und reflexionsfĂ€hige MĂ€nner – lernten daraus, sich zurĂŒckzunehmen, ihre natĂŒrlichen Impulse zu unterdrĂŒcken, ihre angeborene StĂ€rke zu verstecken. Die Folge davon war und ist, dass das kulturelle Pendel von einem Extrem ins andere gesprungen ist.

Faktor 4  âžĄïž Ein vierte Grund hierfĂŒr ist die systematische Feminisierung der Erziehung und Bildung.

Heute wachsen Jungen in der westlichen Welt ĂŒberwiegend in von Frauen dominierten pĂ€dagogischen Umgebungen auf:

  • alleinerziehende MĂŒtter ohne mĂ€nnlichen Partner,
  • Erzieherinnen im Kindergarten,
  • Lehrerinnen in der Grundschule,
  • spĂ€ter vielleicht Therapeutinnen und Beraterinnen.

Die Folge davon? MÀnnliche Bezugspersonen und Vorbilder fehlen in vielen FÀllen völlig.

Jungen lernen von klein auf, sich an weiblichen Erwartungen und Verhaltensnormen zu orientieren, ihre natĂŒrlichen mĂ€nnlichen Impulse als störend, problematisch oder potenziell gefĂ€hrlich zu betrachten.

Der wilde, energiegeladene Junge wird stĂ€ndig ermahnt und sanktioniert, der angepasste, ruhige belohnt und gelobt. Das Ergebnis ist eine ganze Generation von MĂ€nnern, die systematisch gelernt haben, ihre mĂ€nnliche Energie zu unterdrĂŒcken und zu verleugnen.

1.3.          Die vaterlose Gesellschaft und ihre psychologischen Folgen

Ein Aspekt dieses Themas verdient meines Erachtens eine besondere und ausfĂŒhrliche Beachtung: das weitverbreitete Fehlen des Vaters in der psychischen Entwicklung von Jungen.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich beschrieb bereits 1963 die von ihm sogenannte „vaterlose Gesellschaft”.

Dieses PhÀnomen hat sich in den sechs Jahrzehnten leider nicht etwa verbessert, sondern vielmehr dramatisch verschÀrft.

Nicht nur die rein körperliche Abwesenheit von VĂ€tern hat massiv zugenommen – durch steigende Scheidungsraten, berufliche Abwesenheit oder mangelndes Engagement – sondern auch die symbolische und kulturelle Entmachtung der Vaterrolle in der Gesellschaft insgesamt.

Ein sprachlich bezeichnendes Detail verdeutlicht diese Entwicklung: In der deutschen Sprache existiert schlichtweg kein gĂ€ngiges Verb fĂŒr das, was ein Vater tut.

Wir haben das Wort „bemuttern“, das eine fĂŒrsorgende, nĂ€hrende TĂ€tigkeit beschreibt, aber es gibt kein entsprechendes „bevatern”. Diese sprachliche LĂŒcke ist nicht zufĂ€llig, sondern zutiefst symptomatisch fĂŒr ein tief verankertes kulturelles Defizit.

Die spezifische Funktion des Vaters ist gesellschaftlich so an den Rand gedrĂ€ngt, abgewertet und fĂŒr verzichtbar erklĂ€rt worden, dass wir nicht einmal mehr ein gĂ€ngiges Wort dafĂŒr haben. Der Vater ist in unserem kollektiven Bewusstsein zum optionalen Zusatz degradiert worden, wĂ€hrend die Mutter als einzig wirklich zentrale und unverzichtbare Bezugsperson gilt.

Die empirisch belegten Folgen dieser Entwicklung sind gravierend und wissenschaftlich gut dokumentiert: Söhne, die ohne VÀter oder vÀterliche Ersatzfiguren aufwachsen,

  • zeigen statistisch signifikant hĂ€ufiger emotionale KĂ€lte und BindungsunfĂ€higkeit, Leistungsversagen und SchulabbrĂŒche,
  • deutlich erhöhten Suchtmittelkonsum und eine alarmierend erhöhte Suizidneigung.

Die Statistiken sind erschĂŒtternd: Vaterlos aufgewachsene Jungen haben ein bis zu fĂŒnffach erhöhtes Suizidrisiko, sind ĂŒberproportional hĂ€ufig in JugendkriminalitĂ€t involviert und zeigen signifikant mehr Verhaltensprobleme im schulischen und sozialen Kontext.

Entwicklungspsychologisch betrachtet braucht der Junge zwingend seinen Vater – oder zumindest eine andere stabile mĂ€nnliche Bezugsperson – um sich in der PubertĂ€t psychisch von der Mutter zu lösen und seine eigene mĂ€nnliche IdentitĂ€t zu entwickeln.

Der Vater reprĂ€sentiert das Andere, das Nicht-MĂŒtterliche, die Außenwelt jenseits der frĂŒhen Symbiose des SĂ€uglings mit der Mutter.

Ein Vater zeigt seinem Sohn durch sein Vorbild und seine PrĂ€senz, dass es eine große, spannende Welt jenseits der mĂŒtterlichen Geborgenheit gibt, und er gibt ihm die symbolische Erlaubnis und den nötigen Halt, in diese Welt als eigenstĂ€ndiger Mann einzutreten. Wie lautet es so schön? „Eine Mutter vermittelt Wurzeln und ein Vater FlĂŒgel.“

Ohne diese entwicklungspsychologisch entscheidende Funktion bleibt der Sohn geistig wie an einer unsichtbaren Nabelschnur an seine Mutter gebunden, orientiert sich lebenslang primÀr an weiblichen Erwartungen und Bewertungen und entwickelt genau die Anpassungsstrategien, welche wir dann spÀter beim erwachsenen Mr. Nice Guy so deutlich beobachten können.

Die Sehnsucht nach dem Vater, nach mÀnnlicher Energie und mÀnnlicher BestÀtigung, bleibt in vielen FÀllen ein ganzes Leben lang bestehen.

MĂ€nner, die ohne einen prĂ€senten, emotional verfĂŒgbaren Vater aufgewachsen sind, suchen oft unbewusst nach mĂ€nnlichen Vorbildern, nach einer Art nachholender Initiation, nach BestĂ€tigung ihrer MĂ€nnlichkeit durch andere MĂ€nner.

Aber wenn diese tiefe Sehnsucht nicht erfĂŒllt wird, dann manifestiert sie sich in verschiedenen kompensatorischen Formen – von der Suche nach ErsatzautoritĂ€ten ĂŒber Arbeitssucht bis hin zu einer chronischen, tiefsitzenden Unsicherheit ĂŒber die eigene mĂ€nnliche IdentitĂ€t.

In der therapeutischen Arbeit begegnet mir diese Vatersehnsucht immer wieder. Ein 33-jĂ€hriger Klient beschrieb es mir einmal so: Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, es allen recht zu machen – meiner Mutter, meinen Lehrerinnen, meinen Freundinnen, meiner Frau. Irgendwo tief in mir wartete ich darauf, dass ein Mann zu mir sagt: Du bist gut genug. Du bist ein richtiger Mann. Ich bin stolz auf dich.“ Diese Worte aber hat er von seinem Vater niemals gehört. Und darum suchte er sie unbewusst stĂ€ndig bei den Frauen, die sie ihm naturgemĂ€ĂŸ aber nicht haben geben konnten.

Diese Dynamik fĂŒhrt uns zu einem paradoxen PhĂ€nomen: Der vaterlose Sohn orientiert sich ĂŒbermĂ€ĂŸig an Frauen, wird zum perfekten Frauenversteher, entwickelt eine fast feminine SensibilitĂ€t – und wird gerade dadurch fĂŒr Frauen als Partner unattraktiv.

Er hat all die mÀnnliche Energie verloren / oder nie erhalten, die ihm durch die Identifikation mit dem Vater vermittelt worden wÀre. Er ist sozusagen geistig in der Mutterwelt verblieben, auch wenn er biologisch lÀngst erwachsen ist.

1.4.          Die Psychodynamik des Mr. Nice Guy

Lass uns mal die tiefenpsychologische Struktur des Mr. Nice Guy etwas genauer betrachten. Denn sein charakteristisches Verhalten ist alles andere als ein Zufall. Es ist das Ergebnis frĂŒhkindlicher PrĂ€gungen und unbewusster intrapsychischer Konflikte. Es handelt sich um eine Charakterstruktur, die sich ĂŒber viele Jahre entwickelt hat und tief in der Persönlichkeitsorganisation eines Menschen verankert ist.

Um diese Struktur zu verstehen, mĂŒssen wir uns die typische Entwicklungsgeschichte des Mr. Nice Guy vergegenwĂ€rtigen.

HĂ€ufig finden wir eine Konstellation, in der die Mutter emotional dominant war – vielleicht weil der Vater abwesend war, vielleicht weil er schwach oder passiv war.

Der Junge lernte frĂŒh, dass seine Aufgabe darin besteht, die Mutter emotional zu versorgen, sie nicht zu enttĂ€uschen, ihre fragile Stimmung nicht zu stören. Er wurde zum kleinen Mann im Haus, zum Ersatzpartner, zum emotionalen StĂŒtzpfeiler einer Frau, die eigentlich auf einen erwachsenen Mann hĂ€tte angewiesen sein sollen.

Diese frĂŒhe Parentifizierung – damit meine ich eine Umkehrung der Eltern-Kind-Beziehung – hat große Folgen. Der Junge lernt dabei, seine eigenen BedĂŒrfnisse zurĂŒckzustellen, die emotionalen ZustĂ€nde anderer genau zu lesen und darauf zu reagieren.

Er entwickelt eine außerordentlich feinfĂŒhlige SensibilitĂ€t fĂŒr die Stimmungen von Frauen – eine FĂ€higkeit, die ihm spĂ€ter in Beziehungen erst einmal nĂŒtzlich vorkommt, ihn aber letzten Endes in eine neue Form der AbhĂ€ngigkeit fĂŒhrt.

Er lernt, dass seine Aufgabe im Leben darin besteht, Frauen glĂŒcklich zu machen – und dass sein eigener Wert davon abhĂ€ngt, wie gut ihm das gelingt.

  1. Die erste wichtige Komponente hierbei ist die Bindungsangst. Der Mr. Nice Guy hat in seiner frĂŒhen Entwicklung gelernt, dass Konflikte existenziell bedrohlich sind.

Vielleicht hat er einen physisch oder emotional abwesenden Vater erlebt, eine psychisch ĂŒberforderte oder depressive Mutter, die er nicht zusĂ€tzlich belasten wollte und durfte, oder eine familiĂ€re AtmosphĂ€re, in der Harmonie um buchstĂ€blich jeden Preis aufrechterhalten werden musste.

Er hat dabei implizit – also ohne Worte und unausgesprochen – gelernt: Wenn ich maximal angepasst bin, wenn ich keine Probleme mache und keine eigenen BedĂŒrfnisse habe, dann werde ich geliebt und die fragile Bindung bleibt erhalten.

Jeder Konflikt, jeder Widerspruch bedeutete fĂŒr ihn eine akute Gefahr fĂŒr seine Bindung. Und Bindungsverlust ist fĂŒr das abhĂ€ngige Kind existenziell bedrohlich.

  1. Die zweite Komponente betrifft die Schuld- und Schamregulation.

Viele Mr. Nice Guys tragen tiefe, oft völlig unbewusste Schuld- oder SchamgefĂŒhle mit sich. Sie fĂŒhlen sich auf einer fundamentalen Ebene „nicht gut genug”, nicht liebenswert, nicht berechtigt und versuchen, dies durch ein dauerhaftes, chronisch ĂŒbermĂ€ĂŸiges Geben, Helfen und Aufopfern zu kompensieren.

Jede noch so kleine eigene BedĂŒrfnisĂ€ußerung wird automatisch als egoistisch erlebt und löst sofort SchuldgefĂŒhle aus.

Dieses stÀndige Geben ist deshalb keineswegs selbstlos oder altruistisch, sondern ein verzweifelter unbewusster Versuch, sich seine eigene Existenzberechtigung irgendwie durch Leistung zu verdienen.

  1. Die dritte Komponente ist die narzisstisch moralische Überlegenheitsposition.

Hier zeigt sich ein psychodynamisch besonders interessantes Paradox: Der Mr. Nice Guy erlebt sich selbst als moralisch deutlich ĂŒberlegen.

Er „macht ja schließlich alles richtig”. Denn ER ist ja rĂŒcksichtsvoll, gewaltfrei, einfĂŒhlsam – wĂ€hrend die ANDEREN, die direkteren und durchsetzungsfĂ€higeren, ihm als primitiv, rĂŒcksichtslos oder gar gefĂ€hrlich erscheinen.

Diese moralische Überlegenheitsposition ist ein narzisstischer Abwehrmechanismus, der vor der schmerzhaften Erkenntnis der eigenen Angst, Feigheit und Vermeidung schĂŒtzt.

Aber warum scheitert unser Mr. Nice Guy in seinen Beziehungen so regelmĂ€ĂŸig, trotz seiner unzweifelhaft guten und wohlmeinenden Absichten?

  1. Die Antwort liegt in der Natur der menschlichen Psyche und insbesondere in kulturell verankerten weiblichen BindungsbedĂŒrfnissen.

Frauen testen ihre Partner – und zwar instinktiv und meist völlig unbewusst. Nicht manipulativ im böswilligen Sinne, sondern als biologisch sinnvoller Mechanismus zur Partnerbewertung.

Sie wollen auf einer tiefen Ebene wissen:

  • Kann dieser Mann mich halten und beschĂŒtzen?
  • Kann er klare Grenzen setzen?
  • Kann er mir eine emotionale Sicherheit geben, auch wenn ich selbst völlig außer mir bin?

Der Mr. Nice Guy versagt bei solchen Tests regelmĂ€ĂŸig. Er weicht aus, gibt reflexhaft nach, vermeidet jeden Konflikt – und die Frau fĂŒhlt sich dadurch zutiefst unsicher, frustriert und emotional im Stich gelassen.

  1. Ein weiterer wichtiger psychodynamischer Aspekt betrifft die Projektion eigener abgelehnter Anteile.

Unser Mr. Nice Guy hat seine eigene Aggression, seine Dominanz, seine Durchsetzungskraft so grĂŒndlich verdrĂ€ngt und abgespalten, dass er diese QualitĂ€ten bei anderen MĂ€nnern vehement ablehnt.

Er projiziert seine eigenen unterdrĂŒckten mĂ€nnlichen Anteile auf andere und verurteilt sie dort. Die durchsetzungsstarken MĂ€nner erscheinen ihm als primitive Machos, als gefĂ€hrliche Aggressoren, als moralisch minderwertig. Diese Projektion hilft ihm, sein eigenes Selbstbildes als der gute, sanfte, ĂŒberlegene Mann aufrechtzuerhalten.

Hinzu kommt ein PhĂ€nomen, das ich als die Ökonomie des Gebens bezeichne. Der Mr. Nice Guy gibt nicht selbstlos – er gibt mit der unbewussten Erwartung einer Gegenleistung.

Jede seiner GefĂ€lligkeiten, jedes seiner Opfer wird auf einem inneren Konto verbucht. Er erwartet, dass die Frau diese Investitionen irgendwann zurĂŒckzahlt – durch Liebe, durch sexuelle Hingabe, durch Dankbarkeit, durch Treue.

Und wenn diese erwartete Gegenleistung dann ausbleibt, entsteht Frustration, Groll, das GefĂŒhl, ungerecht behandelt zu werden.

Die Frau selber spĂŒrt diese verdeckte Erwartungshaltung und erlebt das scheinbar selbstlose Geben als belastend, als manipulativ, als emotional erpresserisch.

So eine verborgene, „dunkle“ Buchhaltung der GefĂ€lligkeiten vergiftet jede Beziehung von innen heraus. Die Frau fĂŒhlt sich nicht beschenkt, sondern verpflichtet. Sie fĂŒhlt sich nicht geliebt, sondern in eine Schuldenbeziehung gezwungen.

Das permanente Geben des Mr. Nice Guy erzeugt keine Dankbarkeit, sondern Unbehagen, SchuldgefĂŒhle und letztlich Ablehnung.

Sie möchte keinen Mann, der sich fĂŒr sie aufopfert. Vielmehr möchte sie einen Mann, der neben ihr steht, als gleichwertiger Partner mit eigenen BedĂŒrfnissen und Grenzen.

Teil 2: Aggression als gesundes mÀnnliches Potenzial

2.1.          Die fundamentale Unterscheidung: Aggression ist nicht Gewalt

 

Bevor wir in diesen zweiten Teil tiefer eintauchen, möchte ich eine wichtige begriffliche Unterscheidung aufzeigen, die meiner Beobachtung nach in unserer Gesellschaft weitgehend verloren gegangen ist:

  • Aggression ist nicht Gewalt und Gewalt ist nicht Aggression!

Die grundlegend falsche Verwendung dieser beiden Begriffe ist einer der folgenschwersten IrrtĂŒmer unserer Zeit und hat meiner Beobachtung nach wirklich gravierende und schwerwiegende  Konsequenzen sowohl fĂŒr die psychische Gesundheit von MĂ€nnern als auch fĂŒr die QualitĂ€t von Partnerschaften mit sich gebracht.

Das Wort „Aggression” stammt nĂ€mlich etymologisch vom lateinischen „aggredi” ab, was ursprĂŒnglich „herangehen” oder „etwas in Angriff nehmen” bedeutet. Es bezeichnet eine zielgerichtete, lebendige, vorwĂ€rts gerichtete Energie.

Was bedeutet dies fĂŒr unsere Sprache? Nun, wenn wir im Alltag sagen, dass jemand „eine Aufgabe aggressiv angeht”, dann meinen wir damit nicht, dass er gewalttĂ€tig wird, sondern dass er mit höherer Energie, Entschlossenheit und Initiative handelt. Diese ursprĂŒnglich positiv gedachte Bedeutung ist in unserem allgemeinen Sprachgebrauch noch erhalten, wird aber im Kontext von Beziehungen und MĂ€nnlichkeit systematisch ignoriert und auch aktiv unterdrĂŒckt.

Der Psychoanalytiker Prof. Dr. GĂŒnter Ammon (1918 bis 1995) hat in seinen bahnbrechenden Arbeiten zum Thema „konstruktive Aggression” diese wichtige Unterscheidung sehr deutlich ausgearbeitet.

Aggression ist die grundlegende FĂ€higkeit:

  • mit Entschiedenheit zu handeln,
  • Hindernisse aktiv zu ĂŒberwinden,
  • Grenzen zu setzen und zu verteidigen und
  • fĂŒr die eigenen legitimen BedĂŒrfnisse einzutreten.
  • Sie ist ein fundamentaler Lebensantrieb, der bei allen höheren SĂ€ugetieren zu finden ist und absolut unverzichtbar fĂŒr das Überleben ist.

Gewalt andererseits ist ihrem Wesen nach destruktiv. Gewalt zerstört, verletzt, schĂ€digt nachhaltig. Sie ist typischerweise das Ergebnis einer gescheiterten, fehlgeleiteten oder chronisch unkontrollierten Aggression – oder aber einer Aggression, die so lange unterdrĂŒckt und verdrĂ€ngt wurde, bis sie schließlich explosionsartig und unkontrolliert ausbricht.

Gewalt ist psychodynamisch gesehen nicht das Ergebnis von zu viel vorhandener Aggression, sondern paradoxerweise oft von zu wenig integrierter, bewusst gesteuerter, konstruktiv genutzter Aggression. Was ich damit meine möchte ich im weiteren Verlauf noch aufzeigen

2.2.          Die drei großen gesellschaftlichen MissverstĂ€ndnisse

Es existieren drei weit verbreitete kulturelle MissverstĂ€ndnisse ĂŒber das Wesen der Aggression, die ich an dieser Stelle explizit korrigieren möchte:

  1. Das erste MissverstĂ€ndnis lautet: Aggression ist ausschließlich oder primĂ€r mĂ€nnlich.

TatsĂ€chlich verfĂŒgen beide Geschlechter ĂŒber aggressive Potenziale, allerdings in unterschiedlicher typischer AusprĂ€gung und Ausdrucksform:

MÀnnliche Aggression tendiert zu direkterer, konfrontativerer, oft auch körperlicherer Handlung.

Weibliche Aggression hingegen zeigt sich statistisch hÀufiger in relationalen, sozialen oder verbalen Formen. Ich denke hier an die passiv aggressive soziale Ausgrenzung, RufschÀdigung oder emotionale Manipulation.

Beide Formen – sowohl mĂ€nnliche als auch weibliche Aggression – sind real. Und beide können auch konstruktiv und destruktiv eingesetzt werden.

  1. Das zweite MissverstÀndnis lautet: MÀnner sind grundsÀtzlich TÀter, Frauen sind grundsÀtzlich Opfer.

Diese sehr vereinfachende kulturelle Dichotomie entspricht nicht der empirischen RealitĂ€t. SorgfĂ€ltige wissenschaftliche Studien zur hĂ€uslichen Gewalt zeigen immer wieder, dass die GewaltausĂŒbung in Partnerschaften weitaus symmetrischer zwischen den Geschlechtern verteilt ist, als das dominante öffentliche Narrativ suggeriert.[1]

  1. Das dritte und folgenschwerste MissverstÀndnis lautet: Aggression ist gleichbedeutend mit Gewalt.

Wie bereits ausfĂŒhrlich dargelegt, handelt es sich hierbei um einen kategorialen logischen Fehler in unserer Sprachkultur, jedoch mit weitreichenden praktischen Konsequenzen.

Wer Aggression und Gewalt gedanklich gleichsetzt, der muss Aggression insgesamt konsequenterweise verdammen und unterdrĂŒcken. Wer aber Aggression kulturell verdammt, unterdrĂŒckt damit auch einen lebensnotwendigen psychischen Impuls. Welchen ich damit meine, möchte ich nun ein wenig erklĂ€ren.

 

[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17395835/
https://domestic-violence.martinsewell.com/Archer2002.pdf?
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S135917891100022X

2.3.          Die konstruktiven Funktionen der Aggression

Betrachten wir einmal etwas systematisch die positiven, konstruktiven und auch lebensnotwendigen Funktionen der Aggression:

  1. Grenzsetzung. Ohne aggressive Energie gibt es keine psychischen Grenzen.
    Die FĂ€higkeit, ein klares Nein zu sagen, Übergriffe entschieden zurĂŒckzuweisen, den eigenen physischen und psychischen Raum zu schĂŒtzen – all das erfordert aggressive Energie als Grundlage.

  2. Zielverwirklichung und Motivation. Aggression ist der psychische Motor, der uns vorantreibt, Hindernisse aktiv zu ĂŒberwinden und persönliche Ziele zu erreichen.

  3. Erotische Spannung. Erotik zwischen den Geschlechtern benötigt eine gewisse PolaritÀt, Spannung, einen erkennbaren Unterschied.
    Der Mann, der seine aggressive Energie chronisch unterdrĂŒckt, neutralisiert sich selbst zum erotischen Nullpunkt.

  4. Ehrliche Konfrontation. Die psychische FĂ€higkeit, Konflikte offen auszutragen, Meinungsverschiedenheiten produktiv auszuhalten, auch unbequeme Wahrheiten klar auszusprechen – all das benötigt eine aggressive Energie als gesunde Grundlage.

  5. Schutz und Sicherheit. Eine der grundlegenden Funktionen des Mannes in Partnerschaft und Familie ist die des BeschĂŒtzers. Ein sogenannter „Mr. Nice Guy“ ist aber genau das Gegenteil eines BeschĂŒtzers, den sich eine Frau auch wĂŒnscht.

Diese fĂŒnf Funktionen der Aggression sind keine theoretischen Abstraktionen – sie haben eine direkte und auch praktische Relevanz fĂŒr unser tĂ€gliches Leben und ganz besonders fĂŒr die QualitĂ€t von Beziehungen.

Ein Mann, der seine Aggression vernĂŒnftig und konstruktiv leben kann, ist nĂ€mlich viel besser in der Lage, seiner Partnerin ein GefĂŒhl von Sicherheit zu geben. Nicht weil er sie dominiert oder kontrolliert, sondern weil sie spĂŒrt, dass er im Notfall dazu fĂ€hig wĂ€re, sie und die Familie wirklich zu beschĂŒtzen. Diese FĂ€higkeit zum Schutz, diese potenzielle Aggression, ist paradoxerweise die Grundlage fĂŒr ein tiefes Vertrauen und echte Hingabe.

  1. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Rolle der Aggression bei der Differenzierung.

Um eine eigene IdentitĂ€t zu entwickeln, muss sich der Mensch von anderen abgrenzen. Er muss sagen können: Das bin ich, und das bist du. Das will ich, und das will ich nicht. Bei uns im Ruhrgebiet fĂ€llt auch mal das böse Wort „Revierpisse“. Bitte nimm dies mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis.
Diese Differenzierung eines Mannes auf seinen eigenen Wert, erfordert auch eine aggressive Energie – eine Kraft, sich zu behaupten, sich abzugrenzen und damit seinen eigenen Standpunkt einzunehmen.

Unser heute immer mehr zu beobachtende Mr. Nice Guy hat so eine Differenzierung jedoch nie vollstĂ€ndig vollzogen. Seine Grenzen sind diffus, unklar. Sein Auftreten und sein Image ist nur sehr schwach definiert, er verschmilzt viel zu leicht mit den WĂŒnschen und Erwartungen seiner Umgebung. Man könnte dies auch als Schmierlappen fĂŒr die Erwartungshaltung anderer nennen.

In der Paartherapie erlebe ich es regelmĂ€ĂŸig, wie diese angesprochene mangelnde Differenzierung zu realen Problemen fĂŒhrt:

Der Mann weiß ĂŒberhaupt nicht mehr, was er will, kann keine Entscheidungen treffen und wartet darauf, dass die Frau die Richtung vorgibt. Der folgt er dann 
 aber immer mit einem verstecktem Groll. Denn logischerweise gehört dies nicht zur Natur des Mannes.

Auf der anderen Seite fĂŒhlt sich die Frau nicht mehr gefĂŒhrt, sondern eher belastet. StĂ€ndig muss sie fĂŒr ihr „erwachsenes Kind 
 den mĂ€nnlichen Partner“ die Initiative ergreifen, fĂŒr ihn Entscheidungen treffen und fĂŒr alle in der Familie die Verantwortung tragen.

Was sie sich aber wĂŒnscht, ist ein Partner auf Augenhöhe – und was sie bekommt ist – wie gesagt – ein zweites Kind.

 

2.4.          Die verheerenden Folgen der unterdrĂŒckten Aggression

Was geschieht denn nun konkret, wenn ein Mann seine Aggression immer wieder chronisch unterdrĂŒckt? Denn, seine psychische Energie verschwindet ja nicht einfach. Vielmehr transformiert sie dann in den verschiedensten destruktiven Formen:

  • PassivitĂ€t und Depression:
    Eine permanent unterdrĂŒckte Aggression wendet sich irgendwann nach innen gegen das eigene Selbst. Dann erlebt der betroffene eine immer stĂ€rker werdende Antriebslosigkeit, emotionale GleichgĂŒltigkeit und depressive Verstimmungen.

  • Ressentiment:
    Dieses Wort kommt aus dem französischen Wortschatz und bezeichnet einen heimlichen Groll, eine stille Feindseligkeit bis hin zu tiefer Verbitterung.
    Unter der freundlich, angepassten OberflĂ€che eines Mr. Nice Guy sammelt sich mit der Zeit massiver Groll an, der sich dann in Form von passiver Aggression, subtilen Sticheleien oder plötzlichen WutausbrĂŒchen zeigt.

  • Implizite Manipulation:
    Manipulation ist erst einmal nichts Schlimmes. Im Grunde bedeutet es, jemandem ein Tool in die Hand zu geben. Aber Manipulation gibt es in zwei grundlegend verschiedenen AusfĂŒhrungen:
    Zum einen die weiße, offene Manipulation. Hier nehme ich gerne immer wieder mit der Kindererziehung als Beispiel zu Rate. Eltern möchten ihrem Kind etwas beibringen und sind damit offen und direkt. Ich nenne dies die „weiße Manipulation“.
    Auf der anderen Seite steht dann die „schwarze, verdeckte, subtile und negativ wirkende Manipulation“.
    Wer seine BedĂŒrfnisse nicht direkt und offen Ă€ußern kann, der lernt zwangslĂ€ufig, sie dann auf indirektem Wege durchzusetzen.

  • Sexuelle Störungen:
    SexualitÀt ist eine wichtige Sprache zwischen Mann und Frau. Jedoch geht sie bei MÀnnern und Frauen von unterschiedlichen Punkten aus.
    FĂŒr den Mann dient die SexualitĂ€t vordringlich um IntimitĂ€t herzustellen und eine Frau genießt SexualitĂ€t, wenn IntimitĂ€t fĂŒr sie besteht.
    Was passiert aber, wenn die SexualitĂ€t beim Mann dauerhaft, chronisch unterdrĂŒckt wird? Die Folge davon sind Erektionsstörungen, mangelnde Initiative, fehlendes sexuelles Selbstbewusstsein.

 

Ich möchte dies einmal anhand eines stark anonymisierten Beispiels verdeutlichen. Ich habe hier mehrere FĂ€lle in einen Fall zusammengefĂŒhrt. Bin mir aber auch der Wahrscheinlichkeit bewusst, dass dies auch so in der RealitĂ€t vorkommen kann:

Nennen wir unseren Probanden einfach mal Manfred. Er ist Anfang 40 und stellte sich mit depressiven Gedanken vor. Er erzĂ€hlte von seiner jahrelangen Unzufriedenheit in seiner Ehe, von dem GefĂŒhl, nie wirklich fĂŒr irgendjemanden gut genug zu sein und von seiner chronischer Erschöpfung.

Im Laufe der GesprĂ€che wurde immer deutlicher, dass Manfred praktisch nie in seinem Leben mal wirklich fĂŒr sich selbst eingestanden hatte.

Er hatte seine Berufswahl nach den WĂŒnschen seiner Eltern getroffen, seine Partnerin nach dem Muster ausgesucht, das seiner Mutter Ă€hnelte, praktisch sein gesamtes Leben immer wieder nach den Erwartungen anderer ausgerichtet.

Diese zwanglĂ€ufig immer stĂ€rker werdende unterdrĂŒckte Aggression zeigte sich bei Manfred dann in Form von chronischen RĂŒckenschmerzen, die aber keine organische Ursache hatten. In seinen plötzlichen WutausbrĂŒchen gegenĂŒber seinen Kindern, die ihn selbst erschreckten, und in einer tiefen, bleiernen MĂŒdigkeit, die ihn jeden Tag begleitete.

Seine depressiven Stimmungen waren im Kern seine nach innen gerichtete Aggression – die Energie, die er eigentlich zur Gestaltung seines Lebens hĂ€tte gebrauchen mĂŒssen. Und genau die war nun jahrelang gegen sein eigenes Selbst gerichtet.

Die unterstĂŒtzende Arbeit mit Manfred bestand zu einem großen Teil darin, ihm zu helfen, seine lange verschĂŒttete Aggression wiederzuentdecken und zu rehabilitieren. Und ja, er lernte, seine Wut als ein legitimes Signal wahrzunehmen. Ein Signal, das ihm sagte, dass seine Grenzen verletzt wurden.
Er lernte mit der Zeit, diese Wut nicht mehr zu unterdrĂŒcken oder im Gegensatz dazu explosiv auszuagieren, sondern bewusst und konstruktiv einzusetzen.

Wut ist nĂ€mlich das perfekte Mittel zur Grenzsetzung, zur Selbstbehauptung, zu einer aktiven Gestaltung des eigenen Lebens. Und siehe da: Im weiteren Verlauf unserer gemeinsamen Arbeit lösten sich dann nicht nur seine depressiven Symptome, sondern auch seine chronischen RĂŒckenschmerzen wie von Zauberhand. Aber der eigentliche Zauber war, dass Manfred nichts anderes tat, als in eine natĂŒrliche MĂ€nnlichkeit zu kommen.

Was aber hat dies alles mit dem Thema Borderline und Persönlichkeitsstörungen zu tun? Welche Verbindung besteht zwischen der fehlenden MÀnnlichkeit und Borderline? Ich kann dir jetzt schon verraten: Auch wenn fehlende MÀnnlichkeit Borderline nicht verursacht, so ist der Zusammenhang doch mehr als deutlich!

Teil 3: Mr. Nice Guy-Dynamik und Persönlichkeitsstörungen

3.1.          Das fundamentale BedĂŒrfnis nach Containment

 

Lass uns mal unseren Blick ein wenig mehr auf den tiefenpsychologischen Teil dieses Beitrages lenken: der psychodynamischen Verbindung zwischen dem Mr. Nice Guy-PhÀnomen und den immer hÀufiger auftretenden instabilen Persönlichkeitsdynamiken, insbesondere der Borderline-Persönlichkeitsorganisation.

Um diese wichtige Verbindung verstehen zu können, sollten wir zuerst einmal ein zentrales tiefenpsychologisches Konzept besprechen: das sogenannte Containment.

Dieses Containment-Konzept wurde von dem britischen Psychoanalytiker Wilfred Bion (1897 bis 1979) entwickelt und beschreibt die FĂ€higkeit, die ĂŒberwĂ€ltigenden, unverarbeiteten Emotionen eines anderen Menschen aufzunehmen, selber innerlich zu verarbeiten und dann in einer anderen aber ertrĂ€glichen Form an diesen wieder zurĂŒckzugeben. Bion verglich sehr gerne mit einem Kind, dass sich beim Spielen verletzte und dann von seiner Mutter getröstet wird.

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsdynamik haben dieses frĂŒhe Containment typischerweise nicht genĂŒgend erhalten.

Ihre grundlegende FĂ€higkeit, Affekte selber zu regulieren, ist dadurch völlig beeintrĂ€chtigt. So intensive Emotionen wie Wut, Angst oder Verzweiflung fĂŒhlen sich fĂŒr sie buchstĂ€blich lebensbedrohlich und vernichtend an.

Was diese Betroffenen in ihren Beziehungen dann dringend brauchen und auch unbewusst verzweifelt suchen, ist ein Partner, der neben der intimen Partnerschaft auch die Containment-Funktion ĂŒbernehmen kann. Jemand, der ihre intensiven emotionalen StĂŒrme aushĂ€lt, der dann auch noch standhaft bleibt wenn sie emotional ausrasten. Der klare Grenzen setzt ohne sie im Stich zu lassen.

Und an wen denke ich hierbei? Diese Menschen brauchen eine authentische mÀnnliche StÀrke und zuverlÀssige emotionale PrÀsenz.

3.2.          Der unbewusste Test-Mechanismus

Hier kommt jetzt ein klinisch entscheidender Mechanismus mit ins Spiel: das Testen. Menschen mit Borderline-Struktur testen ihre Partner sehr hĂ€ufig und auch entsprechend intensiv. Diese Tests sind keine bewusste, böswillige Manipulation, sondern ein tiefer, ein unbewusster Versuch, ihre zentrale existenzielle Frage zu beantworten: Wirst du bei mir bleiben, egal wie ich mich verhalte? Kannst du mich halten und aushalten? Bist du innerlich stark genug fĂŒr mich?

Ich denke hier an das chinesische Strategem Nummer 13 „Auf den Boden schlagen und sehen, wo die Schlange den Kopf hebt“. Oder anders ausgedrĂŒckt:
Hat mein Partner noch das Potential mich zu schĂŒtzen und hat er noch die Bereitschaft, dieses Potential fĂŒr mich einzusetzen?

Solche Tests können in diesen instabilen Partnerdynamiken sehr unterschiedlich Formen annehmen:

  • massive Provokationen,
  • plötzliche intensive WutausbrĂŒche,
  • wiederholte Drohungen, die Beziehung sofort zu beenden,
  • heftige Eifersuchtsszenen,
  • unverhĂŒllte Kritik und Abwertung des Partners.

 

Das, was diese Tests bewirken sollen ist einfach nur die Suche nach der Antwort auf die Fragen: Wie weit kann ich gehen, bis du endgĂŒltig gehst? Wo genau liegt deine Grenze?

Ein innerlich sehr stabiler und in seiner MÀnnlichkeit gefestigter Partner besteht diese Tests. Er bleibt dabei ruhig und geerdet, wenn sie emotional ausrastet. Er setzt immer wieder klare, konsequente Grenzen, ohne sie dabei zu bestrafen. Und er lÀsst sich von ihr emotional nicht manipulieren, bleibt aber gleichzeitig prÀsent und zugewandt. Er signalisiert immer wieder klar: Ich werde nicht gehen, aber dieses Verhalten werde ich nicht akzeptieren.

Und was passiert, wenn jemand diese StabilitÀt nicht gelernt hat? 


3.3.          Der Mr. Nice Guy als Katalysator der Eskalation

Diese Frage bringt und zu einem entscheidenden Punkt: Der nette Mr. Nice Guy versagt bei diesen Tests systematisch und vorhersagbar. Das passiert nicht aus bösem Willen heraus, sondern weil seine gesamte Persönlichkeitsstruktur antiaggressiv auf jegliche Konfliktvermeidung ausgerichtet ist.

Was geschieht, wenn eine emotional instabile Frau auf einen typischen Mr. Nice Guy trifft? Sie beginnt unbewusst zu testen – und er weicht ihr sofort aus. Sie provoziert – und er beschwichtigt reflexhaft. Sie fordert durch ihr Verhalten Grenzen – und er 
 er gibt konsequent nach. Sie eskaliert emotional – und er unterwirft sich völlig oder zieht sich hilflos zurĂŒck.

Das Ergebnis dieser Dynamik ist katastrophal: Die Frau findet heute bei den Mr. Nice Guy-MÀnnern keine Sicherheit und Geborgenheit, sondern paradoxerweise eine immer zunehmendere Angst und Verunsicherung. Denn wenn selbst ihre extremsten Verhaltensweisen keine Grenzsetzung provozieren können, dann gibt es offensichtlich auch keine Grenzen, keinen Halt, keine Struktur.

Was passiert dann? Dann werden die Tests paradoxerweise immer intensiver und extremer, weil die Frau irgendwie versucht – egal ob unbewusst und / oder verzweifelt, irgendwie doch noch eine Grenze bei ihm zu finden, irgendeinen Widerstand.

Aber unser Mr. Nice Guy interpretiert dieses eskalierende Verhalten fĂŒr sich komplett anders. Er hĂ€lt es fĂŒr ein deutliches Zeichen dafĂŒr, dass er noch netter, noch nachgiebiger sein muss. Das Ergebnis hiervon? Ein sich selbst verstĂ€rkender Teufelskreis entsteht, der zwangslĂ€ufig im Chaos endet.

Man könnte diesen Teufelskreis beispielhaft in sechs Phasen unterteilen, die man als Außenstehender oft beobachten kann:

  • Phase eins: Die Idealisierung:
    Die Partnerin erlebt den Mr. Nice Guy zunĂ€chst als idealen Partner. Nach ihren oft traumatischen Vorerfahrungen scheint er endlich die lang ersehnte Lösung zu sein. Der Prinz, der Retter, der sie aufmerksam, einfĂŒhlsam und ohne Forderungen zu stellen auf HĂ€nden trĂ€gt.
  • Phase zwei: Die ersten Tests
    Unbewusst beginnt sie, den Partner nun zu testen. Das geschieht durch kleine Provokationen oder leicht ĂŒberzogene Reaktionen. Noch ist alles in Ordnung, denn unser Mr. Nice Guy reagiert mit sofortiger Beschwichtigung.
  • Phase drei: Die Test werden intensiver

Durch immer extremere Test, versucht sie nun verzweifelt, irgendeine Grenze zu finden. Und was macht unser Mr. Nice Guy? Er gibt weiter nach.

  • Phase vier: Entwertung

Sie beginnt ihn offen zu entwerten. Denn in ihren Augen ist er viel zu schwach, einfach kein richtiger Mann. Diese Abwertung ist aber ein Ausdruck ihrer tiefen EnttĂ€uschung! EnttĂ€uschung darĂŒber, dass er keine Grenzen setzt. Denn wie will sie sein Ja akzeptieren, wenn sein Nein nie kommt?

  • Phase fĂŒnf: Eskalation

Die emotionalen AusbrĂŒche werden immer extremer durch massive Drohungen und auch ein oft zu beobachtendes selbstschĂ€digendes Verhalten. Und das muss nicht mal ein Ritzen sein, was man oft mit Borderline in Verbindung bringt.

  • Phase sechs: Trennung oder Zusammenbruch:
    Verschiedene Szenarien sind denkbar: Entweder verlĂ€sst die Partnerin ihren Mr. Nice Guy, oder er bricht psychisch zusammen. Denkbar ist aber auch, dass Beziehung in einem toxischen Gleichgewicht verharrt, einer ungesunden Kollusion – ein Begriff, den JĂŒrg Willi mit seinem wunderbaren Werk „Die Zweierbeziehung“ prĂ€gte.

3.4.          Ein (anonymisiertes) Fallbeispiel

Lass uns diese Dynamik noch einmal an einem konkreten Fallbeispiel aus meiner Arbeit illustrieren. Auch hier wurde mal wieder an allen Ecken und Kanten anonymisiert und mindestens zwei FĂ€lle wurden miteinander verwoben.

Nennen wir unseren Protagonisten diesmal Harald. Er ist Mitte 30 Jahre alt, von Beruf Ingenieur. Auch er hatte Symptome chronischer Erschöpfung und sprach mich wegen seinen Beziehungsproblemen an.

Sich selbst beschrieb er konstant als besonders einfĂŒhlsamen, rĂŒcksichtsvollen Partner, der wirklich alles fĂŒr seine Freundin Lisa tue. Lisa, gleichalt wie er, hatte eine diagnostizierte emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus.

Die Beziehungsdynamik war wie aus dem Lehrbuch: Sie hatte intensive, fĂŒr ihn vollkommen unvorhersehbare Stimmungsschwankungen und reagierte auf die kleinsten Trigger mit massiven emotionalen AusbrĂŒchen.

Unser Thomas versuchte immer wieder – ich erinnere mich lebhaft – verzweifelt, sie zu beruhigen. Gab in jedem Streit reflexhaft nach und entschuldigte sich dann genauso routinemĂ€ĂŸig fĂŒr Dinge, die er nie getan hatte.

In unserer gemeinsamen Arbeit wurde zunehmend deutlich, dass Lisa unbewusst aber trotz alledem verzweifelt immer wieder seine Grenzen austestete. Sie brauchte dringend einen Partner, der ihr klar sagte: Bis hierher und nicht weiter.

Aber seine chronische Nachgiebigkeit wirkte auf sie unbewusst als wenn er schwach und unzuverlÀssig wÀre.

Thomas und ich konzentrierten uns dann darauf, seine tief verschĂŒttete Aggression wiederzuentdecken und konstruktiv, vernĂŒnftig einzusetzen. Was meine ich damit? Er lernte, klare Grenzen zu benennen und diese auch durchzusetzen.

Und wie von Zauberhand, er konnte es selbst lange Zeit nicht glauben, stabilisierte sich durch diese VerÀnderung nicht nur sein eigenes Selbst, sondern vor allem auch die Beziehung zu seiner Lisa deutlich.

Lass uns zweites Fallbeispiel ansprechen, nun aber mal aus der Perspektive einer Frau. Nennen wir sie Sabine, Anfang 30 Jahre alt. Ihr Satz war: „Immer wieder falle ich auf die immer falschen MĂ€nner herein. Ihre Partnerschaften bestanden durchweg aus netten, aber letzten Endes enttĂ€uschend langweiligen Partnern, die sie alle irgendwann verlassen hatte. Warum noch mal? Weil sie ihr zu langweilig waren!

Im Verlauf unserer gemeinsamen Arbeit wurde immer deutlicher, dass sie unbewusst nach einem starken Mann suchte, jemandem, der stĂ€rker war als sie, der ihr auch mal Halt geben konnte, wenn sie mĂŒde war.

Aber immer und immer wieder wĂ€hlte sie sich einen Mann, der zwar nett war, aber dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Das waren immer wieder dieselben weichgespĂŒlten, angepassten, ach so konfliktvermeidenden MĂ€nner, die sie zunĂ€chst durch ihre Freundlichkeit anzogen, aber schon sehr bald wieder durch ihre SchwĂ€che abstießen.

Was war Sabines Hintergrund? Nun, ihre Kindheit und Jugend war geprĂ€gt von einem gewalttĂ€tigen Vater, der ihre Mutter regelmĂ€ĂŸig misshandelt hatte. Und als Reaktion darauf hatte sie sich tief und fest geschworen, sie niemals einen aggressiven Mann in ihre NĂ€he lassen.

Aber in ebendieser Vermeidung von Aggression hatte sie – das Kind mit dem Bade ausgegossen – und auch die gesunde mĂ€nnliche StĂ€rke vermieden, die sie eigentlich brauchte.

Unsere gemeinsamen GesprÀche halfen ihr, zwischen einer destruktiven Gewalt und konstruktiver Aggression zu unterscheiden. Also zu erkennen, dass sie einen Mann brauchte, der zwar stark war, aber ohne Gewalt oder BrutalitÀt.

Ich denke, dass diese beiden Beispiele recht deutlich zeigen, wo in vielen FĂ€llen unser Problem in den instabilen Partnerschaften besteht:

So, wie das GlĂŒck eines Paares nicht durch nur eine Person entsteht, so liegen die Ursachen fĂŒr Probleme selten nur bei einem der Partner.

Unser Mr. Nice Guy und die emotional instabile Frau finden sich oft gegenseitig. Beileibe nicht zufÀllig, sondern aufgrund ihrer komplementÀren (sich gegenseitig verstÀrkenden) unbewussten Dynamiken.

  • Er sucht eine Frau, die ihn braucht, um sich wertvoll zu fĂŒhlen.
  • Sie sucht einen Mann, der nicht bedrohlich ist, aber dennoch Halt bieten könnte.

Beide werden jedoch von der RealitÀt enttÀuscht, und beide tragen letztendlich auch zur Eskalation bei.

Aber wie können wir diesen Kreislauf durchbrechen? Davon handelt der vierte und letzte Teil
 

Teil 4: MĂ€nnlichkeit heute erlernen

4.1. MĂ€nnlichkeit als innere Haltung, nicht als Verhaltensmaske

Nachdem wir in den ersten drei Abschnitten die Problematik des Mr. Nice Guy und der instabilen aber nach StabilitĂ€t suchenden Frau / auch Borderline-Frau ausfĂŒhrlich besprochen haben, sollten wir nun die entscheidenden Frage angehen:

  • Wie kann ein Mann heute, in unserer spezifischen kulturellen Situation, authentische MĂ€nnlichkeit erlernen und entwickeln?

ZunĂ€chst – wie beim Wort Aggression – möchte ich ein weiteres wichtiges Wort als Konzept klarstellen, damit es hier nicht zu MissverstĂ€ndnissen kommt:

Wenn ich von einer geforderten MĂ€nnlichkeit spreche, dann meine ich ausdrĂŒcklich nicht den Machismo (also ein ĂŒbersteigertes GefĂŒhl einer angeblichen Überlegenheit, einer Dominanz) und erst recht nicht diese stereotype MĂ€nnlichkeitsklischees.

Ein Macho wĂ€re genauso unreif wie ein Mr. Nice Guy. Zwar hat er sich von seiner Mutter innerlich gelöst, aber er ist in dieser Ablösung entwicklungsmĂ€ĂŸig stecken geblieben.

Seine betont zur Schau gestellte MĂ€nnlichkeit ist keine reife, integrierte QualitĂ€t, sondern eine psychische Abwehrformation. Ein Macho braucht permanent Beweise im Außen fĂŒr seine MĂ€nnlichkeit. Und die fordert er ein durch ein Dominanzverhalten und die Unterwerfung anderer. Dazu gehören dann auch seine sexuelle Eroberungen – neudeutsch mit Bodycount bezeichnet.

Seine MĂ€nnlichkeit ist genauso unreif und verletzlich wie die des Mr. Nice Guys, weil sie komplett von einer Ă€ußeren BestĂ€tigung abhĂ€ngig ist.

Aber was ist denn nun eine reife, authentische MĂ€nnlichkeit? Woran kann man diese erkennen? Gibt es sie ĂŒberhaupt? Ich antworte auf diese Fragen mit einem ausdrĂŒcklichen: JA! Ja, es gibt ihn. Und erkennbar ist eine reife Persönlichkeit an seiner inneren Haltung und einer klar integrierten PersönlichkeitsqualitĂ€t.

Der reife Mensch braucht keine Ă€ußeren Beweise, keine permanente BestĂ€tigung von Dritten. Er ruht gelassen in sich selbst. Kann stark sein, ohne andere zu dominieren. Er kann fĂŒhren, ohne andere zu unterdrĂŒcken. Vor allem kann er auch aggressiv sein, ohne destruktiv zu werden. Und nicht zuletzt kann er auch verletzlich sein, ohne dabei schwach zu werden.

4.2. Das integrative Bild des Herzenskriegers

In verschiedenen BĂŒchern wie z.B. von Carlos Castaneda (1925 – 1998 US Schriftstller) habe ich fĂŒr so eine reife, integrierte MĂ€nnlichkeit das archetypische Bild des „Herzenskriegers” gefunden. Der Begriff des Archetyps kam von Carl Gustav Jung (1875 – 1961, Schweizer Psychiater). Ich wĂŒrde ihn etwas vereinfacht mit einer Reifestufe in der persönlichen Entwicklung bezeichnen.

Dieses archetypische Bild eines Herzenskriegers verbindet bewusst zwei scheinbar widersprĂŒchliche, in Wahrheit aber völlig aufeinander abgestimmte QualitĂ€ten: die Kraft, StĂ€rke und Entschlossenheit des Kriegers mit der SensibilitĂ€t, der FeinfĂŒhligkeit, der Empathie und Offenheit des Herzens.

Einerseits verfĂŒgt der Herzenskrieger ĂŒber die klassischen FĂ€higkeiten eines Kriegers:

  • körperliche und psychische StĂ€rke, Mut, Entschlossenheit, die FĂ€higkeit zu kĂ€mpfen und das Eigene zu verteidigen, klare Grenzen.

Aber er setzt sie nicht zur Zerstörung oder Unterwerfung anderer ein, sondern ausschließlich zum Schutz dessen, was ihm wichtig und wertvoll ist.

Auf der anderen Seite ist er aber auch tief mit seinem Herzen verbunden:

  • Er ist fĂ€hig zu echter Empathie, zu warmer Zuneigung, zu tiefer emotionaler Bindung. Er kann seine eigene Verletzlichkeit zeigen und kommunizieren, ohne dadurch seine grundlegende StĂ€rke zu verlieren.

Diese Verbindung zwischen Krieger und Herz, mÀnnlicher StÀrke und emotionaler Offenheit, das ist das eigentliche Ziel reifer mÀnnlicher psychischer Entwicklung.

Das Bild eines Herzenskriegers hat seine wirklichen UrsprĂŒnge nicht erst im letzten Jahrhundert, sondern ist von sehr viel Ă€lteren Kulturen inspiriert.

Ich denke hier an die japanische Samurai-Tradition. Dort galt der ideale Krieger nicht als ein seelenloser KÀmpfer, sondern als jemand, der die Kampfkunst und Poesie, die StÀrke und SensibilitÀt in sich vereinte.

Und bei uns, im Mittelalter vom 8. bis zum 15. Jahrhundert, gab es die Ritter. Und ein wahrer Ritter sollte nicht nur tapfer kĂ€mpfen, sondern auch höfisch lieben, Schwache beschĂŒtzen und die Gerechtigkeit verteidigen. Allein die Zeremonie der Schwertleite / der Ritterschlag zeigte, was fĂŒr eine Verantwortung ein Ritter auf seinen Schultern zu tragen hatte.

Solche historischen Vorbilder zeigen uns, dass die Verbindung von Kraft und Herz keine moderne Erfindung unserer heutigen Zeit ist. Nein! Sie ist ein uraltes Ideal der mÀnnlichen Reife.

Der Herzenskrieger ist kein neues Konzept, sondern er ist eine Erinnerung an etwas, was wir in unserer heutigen Kultur leider weitgehend vergessen haben.

Robert Moore (1942 – 2016, US-Psychoanalytiker und „Jungianischer Therapeut) sprach viel ĂŒber die vier archetypischen mĂ€nnlichen Reifestufen: der König, Krieger, Magier und Liebhaber. Sie alle mĂŒssen in einem reifen Mann prĂ€sent und integriert sein. Aber sie kommen nicht von alleine! Sie alle sind das Ergebnis eines harten Lern-Lebensweges. Es lohnt sich wirklich, diese Archetypen mal sehr genau anzusehen.

Der Reifegrad des sogenannten Bildes eines Königs reprĂ€sentiert die FĂ€higkeit zu fĂŒhren und Ordnung zu schaffen.

Der Krieger steht fĂŒr Mut, Disziplin und die FĂ€higkeit, fĂŒr das Richtige zu kĂ€mpfen.

Der Magier verkörpert das erlernte, das verinnerlichte Wissen, die Weisheit und die transformative Kraft.

Der Liebhaber steht fĂŒr Leidenschaft, Sinnlichkeit und emotionale Verbundenheit.

Unser Mr. Nice Guy hat typischerweise nur Zugang zu einem verzerrten Teil-Aspekts eines Liebhabers, denn er ist emotional, sehnsĂŒchtig, auf Verbindung ausgerichtet, aber ohne die ordnende Kraft des Königs, ohne den Mut des Kriegers, ohne die Klarheit des Magiers.

Seine MĂ€nnlichkeit ist nur sehr einseitig, fragmentiert / zersplittert und vor allem noch unreif. Sein Weg zu einer persönlichen Reife fĂŒhrt aber zwangslĂ€ufig ĂŒber die Integration aller vier Aspekte. Fehlt eine davon, dann sprechen wir von einer Unreife in der Persönlichkeitsdynamik.

4.3. Die Kernkompetenzen mÀnnlicher Reife

Welche besonderen, echten psychischen Kompetenzen muss ein Mann denn eigentlich entwickeln, um diesen Weg von der „Mr. Nice Guy-Position“ zur reifen, integrierten MĂ€nnlichkeit erfolgreich zurĂŒckzulegen?

  1. Innere Klarheit.
    Ein innerlich reifer Mann weiß, wer er ist, was er in seinem Leben will, wofĂŒr er steht und auch wofĂŒr er nicht (!) steht. Er ist sich seiner inneren Werte bewusst, kann sie reflektieren und aktiv fĂŒr oder gegen sie entscheiden.
  2. Grenzsetzung ohne Rechtfertigung.

Ein reifer Mann kann klar und bestimmt „Nein“ sagen. Das macht er nicht aggressiv im destruktiven Sinne, auch nicht kalt abweisend. DafĂŒr aber immer eindeutig und bestimmt.

  1. VerantwortungsĂŒbernahme.

Unser reifer Mann ĂŒbernimmt konsequent Verantwortung fĂŒr sein eigenes Leben, seine Entscheidungen, seine Beziehungen. Er macht nicht reflexhaft andere Menschen fĂŒr sein UnglĂŒck verantwortlich. In dem Wort Verantwortung steckt der Begriff „Antwort“. Er gibt eine Antwort 
 Er wĂ€lzt keine Schuld von sich ab wie die Ziege aus dem MĂ€rchen „Tischlein-Deck-Dich“ mit ihrem ewigen „MĂ€h MĂ€h 
 wovon soll ich satt sein?“

Vielmehr folgt er dem Beispiel von Martin Luther, der am 18.04.1521 auf dem Reichstag zu Worms die berĂŒhmten Worte sprach: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

 

  1. Der reife Mann kann intensive Emotionen von aushalten und diese auch regulieren. Und damit meine ich sowohl seine eigenen als auch die der anderen Menschen um ihn herum.

4.4. Konkrete Entwicklungsfelder

Wie könnte diese Reifeentwicklung in der Praxis aussehen?

  • Die eigene Aggression annehmen:

Der erste und wichtigste Schritt ist meines Erachtens der, dass die Aggression zu einem gehört als wertvoll anerkannt wird. Manchmal gelingt dies alleine, durch mĂ€nnliche Freunde. Oft ist hier aber auch eine therapeutische UnterstĂŒtzung notwendig um an die eigene aggressive Energie zu kommen und diese dann konstruktiv zu kanalisieren.

  • Sich von der Mutter lösen:

Viele Mr. Nice Guys sind psychisch unbewusst noch eng an ihre Mutter gebunden. Als wenn sie immer noch an einer geistigen Nabelschnur hĂ€ngen wĂŒrden.
Eine echte Ablösung erfordert immer auch die bewusste Auseinandersetzung des Sohnes mit seiner Mutterbeziehung.

  • Die FĂŒhrung in der Beziehung ĂŒbernehmen:

Damit meine ich ausdrĂŒcklich nicht eine ĂŒbermĂ€ĂŸige Kontrolle oder Dominanz im negativen Sinne, sondern ich denke hier an die grundsĂ€tzliche Bereitschaft, Verantwortung fĂŒr die Beziehung zu tragen. Eine Beziehung auf Augenhöhe, in der der Mann die FĂŒhrung im Außen und die Frau die FĂŒhrung im InnenverhĂ€ltnis ĂŒbernimmt. Ich vergleiche dies sehr gerne mit dem Prinzip eines FlugkapitĂ€ns und seines Co-Piloten. Auch wenn der FlugkapitĂ€n im Außen das letzte Wort hat und damit auch die Verantwortung trĂ€gt, so gibt es bei jedem Flug wechselnd die Funktion des „Flying Pilots“ und der des „Monitoring Pilots“ 

  • Die eigene SexualitĂ€t akzeptieren: Unser „Mr. Nice Guy“ hat typischerweise ein sehr tief gespaltenes, ambivalentes VerhĂ€ltnis zu seiner eigenen SexualitĂ€t.
    Echte MĂ€nnliche Reife bedeutet aber auch, die eigene sexuelle Energie vollstĂ€ndig anzunehmen, sich fĂŒr diese nicht zu schĂ€men und das vor allem nicht in der eigenen Partnerschaft.

  • MĂ€nnliche Freundschaften suchen: FĂŒr die mĂ€nnliche psychische Entwicklung ist der regelmĂ€ĂŸige Kontakt mit anderen MĂ€nnern psychologisch elementar wichtig.

MĂ€nnergruppen, tiefe MĂ€nnerfreundschaften, mĂ€nnliche Mentoren – all das kann einem substantiell helfen, die eigene MĂ€nnlichkeit zu spiegeln und zu stĂ€rken.

Einen besonderen Gedanken möchte ich noch zu dem Thema MĂ€nnergruppen Ă€ußern:

In meiner langjĂ€hrigen Arbeit habe ich diese alles verĂ€ndernde, transformative Kraft von MĂ€nnergruppen immer wieder beobachten können. Wenn MĂ€nner in einem fĂŒr sie geschĂŒtzten Rahmen zusammenkommen, um ĂŒber ihre Ängste, ihre Unsicherheiten, ihre SehnsĂŒchte zu sprechen, dann geschieht oft etwas sehr Bemerkenswertes: Sie erfahren auf einmal, dass sie mit ihren KĂ€mpfen, ihren inneren stillen Sorgen und Ängsten beileibe nicht allein sind.

In Service-Clubs wie zum Beispiel dem Lions Club, Round Tables, oder dem Rotary Club, oder auch den Freimaurern die sich mehr auf die Verbesserung des Selbst konzentrieren, werden MÀnner von ihresgleichen in ihrer MÀnnlichkeit gespiegelt und bestÀtigt.

Dabei lernen sie voneinander, wie man besser Grenzen setzt. Oder wie man Konflikte mĂ€nnlich austrĂ€gt und man Verantwortung ĂŒbernimmt.

Ich vergleiche dies gerne als eine verspĂ€tete Initiation 
 also eine symbolische EinfĂŒhrung in die MĂ€nnerwelt, die ihnen in ihrer Jugend gefehlt hat. Initiation kommt vom lateinischen Wort „initiare“ also einweihen. Man gebraucht dies um eine neue Lebensphase – zum Beispiel die PubertĂ€t – zu bezeichnen.

FrĂŒher hatte der Vater und die Dorfgemeinschaft die Aufgabe, seinem Sohn dabei zu helfen, sich von einem Kind zu einem Mann hin zu entwickeln. Diese Aufgabe kennt man heute praktisch nur noch bei den sehr naturverbundenen Kulturen. In unserer westlichen Kultur ist sie leider völlig in Vergessenheit geraten, mit dem Erfolg, dass der Übergang vom Jungen zum Mann durch die geistige Nabelschnur der MĂŒtter und die fehlende PrĂ€senz der Vater aufgehalten wird.

Was aber nicht durch die Ursprungsfamilie erreicht wird, kann trotzdem noch erfolgen. Und da kommen nun die MĂ€nnerfreundschaften ins Spiel! Ganz konkret empfehle ich MĂ€nnern, die sich auf den Weg der Entwicklung begeben wollen, folgende praktische Schritte:

  1. Beginne noch heute mit dem Schreiben eines Aggressions-Tagebuches. Notiere dir tĂ€glich die Situationen, in denen du dich geĂ€rgert hast, in denen du etwas hĂ€ttest sagen wollen, aber leider geschwiegen oder nachgegeben hast, obwohl Du doch völlig anderer Meinung warst. Der Nutzen hiervon? Durch dieses Aggressions-Achtsamkeitstagebuch wirst du dir deiner gesunden aber unterdrĂŒckten Aggression endlich bewusst.

 

  1. Übe das „Nein-Sagen“. Und da hilft dir die 1-%-Methode von James Clear die ich aus der japanischen Kultur als Kaizen her kenne. Alles beginnt mit einem kleinen Schritt, nichts Großes oder ÜberwĂ€ltigendes.

 

Beginne auch Du beim „Nein-Sagen“ mit kleinen Situationen, in denen nicht ganz so viel auf dem Spiel steht. Sag auch mal Nein zu einer Einladung, welche dich nicht interessiert. Sag Nein zu einer Bitte um einen Gefallen, den Du einfach nicht tun möchten. Antworte auch nicht sofort auf jede Email oder Textnachricht auf deinem Smartphone. Schalte deinen Empfang nachts komplett aus und spĂŒre nun mal tief in dich hinein, wie sich dieses selbstgewĂ€hlte Nein fĂŒr dich anfĂŒhlt.

 

  1. Geh ganz bewusst auf die Suche nach einer MĂ€nnergruppe oder zumindest einem mĂ€nnlichen Freund, mit dem Du auch offen ĂŒber dich und deine Entwicklung sprechen kannst. Die UnterstĂŒtzung anderer MĂ€nner, die ja Ă€hnlich denken wie du, ist auf diesem Weg unschĂ€tzbar wertvoll.

 

  1. Arbeite auch mal eine Zeitlang therapeutisch / also mit einer professionellen UnterstĂŒtzung an Deiner Mutterbeziehung.

 

Der Unterschied einer Therapie zu „normalen AlltagsgesprĂ€chen“ liegt darin, dass die Therapie konsequent in zwei Schritten denkt:

  • Der erste Schritt wĂ€re die radikale Akzeptanz, dass dein aktuelles Verhalten seinen Grund hat und dieser Grund wird wertgeschĂ€tzt.
  • Der zweite Schritt ist mindestens genauso radikal: es ist die radikale Inakzeptanz, dass du morgen immer noch so bist wie du gestern warst.

Warum also eine Therapie? Weil viele der Muster des Mr. Nice Guy ihre Wurzeln in der frĂŒhen Beziehung zur Mutter haben.

Deshalb ist eine bewusste Auseinandersetzung mit dieser PrÀgung oft notwendig, um wirklich von den alten Mustern frei zu werden.

 

  1. Entwickle ein neues körperliches Bewusstsein fĂŒr Deine Aggression und damit auch fĂŒr deinen gesamten Körper.

Durch einen bewussten Sport, achtsame Kampfkunst, intensive bewusste körperliche AktivitÀt bekommst du die Hilfe, einen neuen gesunden Zugang zur eigenen aggressiven Energie zu finden.

Man kann sich das so vorstellen. Wenn du LiegestĂŒtze machst, dann zĂ€hle sie nicht. Sage vielmehr bei jeder Wiederholung / AusfĂŒhrung ein stummes „Danke“ an deine Muskeln. Auch wenn es sich am Anfang noch komisch fĂŒr dich anfĂŒhlt. Nach spĂ€testens einen Monat hast du einen anderen Bezug zu deinem Körper!

4.5. Die heilende Wirkung einer reifen MĂ€nnlichkeit

Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich dieses befreiende GefĂŒhl nicht vorstellen, wenn man merkt, dass man in der Reife vorangekommen ist.

  • Man muss dem anderen nicht mehr permanent gefallen,
  • oder auch nicht mehr alle Erwartungen seiner Umgebung erfĂŒllen,
  • nicht mehr seine eigenen vernĂŒnftigen BedĂŒrfnisse permanent verleugnen.
  • Man kann endlich authentisch selbst sein.

Und fĂŒr die Beziehung ist dies ein wahrer Gamechanger! Jede Frau – insbesondere diejenige, die mit einer emotionalen InstabilitĂ€t zu kĂ€mpfen hat  – ist ein innerlich gereifter Mann eine zutiefst heilsame, korrigierende emotionale Erfahrung.

Endlich spĂŒrt sie dass, was sie wahrscheinlich in ihrer eigenen Vaterwunde von klein auf vermisst: Jemand der wirklich hĂ€lt was er verspricht und klare Grenzen setzt, ohne sie deswegen zu verlassen.

Und falls in dieser Beziehung Kinder entstanden sind, dann ist die PrĂ€senz eines reifen Vaters fĂŒr sie das psychologisch unschĂ€tzbarste Geschenk, was ein Vater geben kann: das mĂ€nnlich, reife Vorbild eines stabilen Vaters.

Gerade Söhne brauchen so ein lebendiges mĂ€nnliches Vorbild, das ihnen fĂŒr ihren eigenen Lebensweg ganz konkret zeigt, wie eine gesunde, konstruktive MĂ€nnlichkeit aussieht.

Ich sehe es immer wieder, dass die Auswirkungen einer vĂ€terlichen PrĂ€senz oder auch das Gegenteil, die Abwesenheit, auf die kindliche Entwicklung können kaum ĂŒberschĂ€tzt werden.

Ein prĂ€senter, also ein reifer und emotional verfĂŒgbarer Vater gibt seinem Sohn / natĂŒrlich auch der Tochter 
 hier aber in einem anderen Kontext, ein Modell dafĂŒr, wie ein Mann mit Konflikten umgeht, wie er seine Emotionen reguliert, wie er Verantwortung ĂŒbernimmt, wie er seine Partnerin behandelt, wie er im Leben steht.

Und da wir eher durch Vorbilder als durch Worte lernen, ist sein gelebtes Vorbild ideal fĂŒr eine Identifikation mit den eigenen Werten.

Schon kurz angesprochen: Auch fĂŒr die Töchter ist der Vater extrem wichtig, da er das erste mĂ€nnliche GegenĂŒber darstellt, an dem sie lernen können, was sie von den MĂ€nnern erwarten können. Und was können sie erwarten? 😊

Ein Vater, der seine Tochter mit Respekt behandelt, der ihre natĂŒrlichen Grenzen achtet, der sie wertschĂ€tzt und ihr zeigt, dass eine mĂ€nnliche StĂ€rke genau das Gegenteil von Bedrohung ist, so ein Vater gibt ihr ein inneres Modell fĂŒr eine gesunde Beziehung.

Wenn der Vater aber nicht vorhanden ist – oder noch schlimmer: vorhanden jedoch schwach oder ĂŒbergriffig – dann prĂ€gt auch dies das kĂŒnftiger Beziehungsmuster von MĂ€dchen und Frauen oft fĂŒr ihr gesamtes spĂ€ters Leben.

In meiner Arbeit mit Frauen, die unter Borderline-Dynamiken leiden, finde ich fast ausnahmslos so eine gestörte Vaterbeziehung. Entweder war der Vater abwesend, emotional nicht verfĂŒgbar, oder im schlimmsten Fall gewalttĂ€tig und ĂŒbergriffig.

Solche Frauen konnten nie wirklich lernen, was eine gesunde mĂ€nnliche PrĂ€senz ist. Ich beobachte bei ihnen ein permanentes Schwanken zwischen der Sehnsucht nach einem starken Mann und gleichzeitig der ĂŒbermĂ€chtigen Angst vor einer mĂ€nnliche Macht.

Deshalb testen sie ihre Partner permanent (denke hierbei immer wieder an das chinesische Strategem 13 – auf den Boden schlagen und sehen, wo die Schlange den Kopf hebt), weil sie unbewusst nach dem Vater suchen, den sie in ihrer Kindheit nie wirklich hatten. Aber oft werden sie dabei enttĂ€uscht, weil ihr Partner diese Rolle nicht erfĂŒllen kann.

Und das fĂŒhrt uns zu einem wichtigen Punkt in meinem Beitrag: Die Entwicklung reifer MĂ€nnlichkeit ist nicht nur eine individuelle Aufgabe, sondern hat meines Erachtens eine gesellschaftliche Dimension angenommen.

Ja, jeder einzelne Mann, der sich auf den Weg der Reifung begibt, beeinflusst nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das Leben seiner Partnerin, seiner Kinder, seiner Freunde und Kollegen.

Eine reife MÀnnlichkeit ist auch ansteckend, denn sie motiviert andere MÀnner und gibt Frauen die Erfahrung, dass gesunde mÀnnliche StÀrke möglich ist.

FĂŒr unsere Gesellschaft wĂ€re eine „Kultur reifer MĂ€nnlichkeit“ ein wirklicher Gewinn! Damit meine ich nicht eine toxische MĂ€nnlichkeit, sondern zu eine, die gerne auch Verantwortung ĂŒbernimmt, die schĂŒtzt und konstruktiv fĂŒhrt, die klare Grenzen setzt und dabei gleichzeitig das Herz offen hĂ€lt. 

Schluss: Ein Aufruf zur VerÀnderung

Am Ende dieses Beitrages möchte ich den Stoff noch einem kurz zusammenfassen:

Wir haben besprochen, wie unser sogenannter Mr. Nice Guy historisch entstanden ist:

  • Durch die Industrialisierung (weg vom Feld / Werkstatt hin zur Fabrik)
  • die kollektiven Traumata zweier Weltkriege,
  • durch das weitverbreitete Fehlen von VĂ€tern in den Familien durch Trennung und alleinerziehende MĂŒtter
  • durch die systematische Feminisierung der Erziehung und durch die kulturelle Verteufelung der gesunden Form der MĂ€nnlichkeit.

Ich denke, dass wie verstanden haben, dass die charakteristischen Anpassungsstrategien des Mr. Nice Guy nicht aus einer psychischer StÀrke kommen, sondern aus einer tiefen unbewussten Angst.

Wir haben die wirklich wichtige Unterscheidung zwischen einer konstruktiven gesunden Aggression und der destruktiven Gewalt erkannt und gesehen, dass Aggression ein lebensnotwendiges, positives, konstruktives Potenzial ist, das nicht unterdrĂŒckt werden darf.

So eine Unterscheidung ist nicht nur in der Theorie wichtig, sondern hat auch im realen Leben ganz unmittelbare praktische Konsequenzen im Bereich von Erziehung, einer Therapie und das gesellschaftliche Zusammenleben.

  • Wenn wir einem Jungen beibringen, dass seine aggressive Energie per se schlecht und gefĂ€hrlich ist, dann beschĂ€digen wir damit seine mĂ€nnliche Ur-IdentitĂ€t.
  • Und wenn wir erwachsenen MĂ€nnern in einer Therapie helfen, ihre unterdrĂŒckte Aggression wieder zu erlangen / sie zu finden, dann ermöglichen wir ihnen ein vollstĂ€ndigeres, lebendigeres Leben.
  • Und wenn wir es dann noch schaffen, als Gesellschaft anzuerkennen, dass eine konstruktive Aggression notwendig fĂŒr Grenzsetzung, Schutz und Gestaltung ist, dann schaffen wir einen gesunden neuen Raum fĂŒr eine wirklich reife Form der MĂ€nnlichkeit.

Wir haben besprochen, wie die Mr. Nice Guy-Dynamik Borderline-typische Muster nicht reduziert, sondern paradoxerweise sogar verstĂ€rkt und perpetuiert, sie also immer wieder triggert. Der maximal angepasste Mann ist nicht die Lösung fĂŒr emotionale InstabilitĂ€t – er ist ihr unbeabsichtigter Trigger.

Das soll jetzt nicht als Schuldzuweisung missverstanden werden. Der Mr. Nice Guy handelt ja nicht aus bösem Willen, sondern aus seiner eigenen Not heraus.

Er ist selbst ja ein Leidender, ein Mann, der es nie wirklich gelernt hat, wie gesunde MĂ€nnlichkeit aussieht. Die therapeutische Arbeit mit ihm erfordert daher neben VerstĂ€ndnis fĂŒr sein Handeln, gleichzeitig aber auch die Bereitschaft, ihm gegenĂŒber unbequeme Wahrheiten auszusprechen und ihn aus seiner Komfortzone herauszufordern. Therapie muss auch mal weh tun 😊.

Am Ende haben wir dann noch konkrete Wege besprochen, wie diese MĂ€nnlichkeit heute erlernt werden kann – nicht als RĂŒckkehr zum völlig falschen Macho, sondern als bewusste Entwicklung zur reifen mĂ€nnlichen Haltung des Herzenskriegers.

Meine zentrale Kernbotschaft dieses war und ist: Eine Frau reagiert nicht auf Ă€ußere HĂ€rte oder Starrheit, sondern auf innere Klarheit, authentische Grenzen und emotionale FĂŒhrungsfĂ€higkeit.

Eine Frau braucht keinen Mann, der bei jedem Konflikt nachgibt, sondern einen, der auch im Sturm und bei Gegenwind standhaft bleibt.

Sie braucht keinen, der seine BedĂŒrfnisse chronisch verleugnet und immer hintenanstellt, sondern einen, der sie kennt und selbstbewusst vertritt.

Sie braucht keinen, der Konflikte permanent vermeidet, sondern einen, der sie konstruktiv und respektvoll austrÀgt.

Dies ist jetzt wirklich kein Aufruf zur UnterdrĂŒckung von Frauen oder zur RĂŒckkehr zu patriarchaler Dominanz! Es ist ein Aufruf nach einer neuen – oder vielleicht einer sehr sehr alten – Form der MĂ€nnlichkeit:

  • Eine MĂ€nnlichkeit, die sowohl StĂ€rke als auch Verletzlichkeit in sich vereint.
  • Eine MĂ€nnlichkeit, die Aggression und Emotion integriert.
  • Eine MĂ€nnlichkeit, die fĂŒhrt und gleichzeitig dient.
  • Eine MĂ€nnlichkeit, die kĂ€mpfen kann und ebenso tief lieben.

FĂŒr diejenigen, die sich in dieser Beschreibung eines Mr. Nice Guy wiedererkannt haben: Dies ist kein moralisierendes Urteil, sondern eine klare Einladung zur persönlichen Entwicklung.

Die Transformation zur reifen MĂ€nnlichkeit ist möglich, in jedem Alter, zu jeder Zeit des Lebens. Ja, es erfordert Mut, sich den eigenen tiefen Ängsten ehrlich zu stellen, die eigene verdrĂ€ngte Aggression anzunehmen, die eigene Macht und StĂ€rke zu beanspruchen. Aber am Ende dieses Weges wartet eine grĂ¶ĂŸere, eine tiefere ErfĂŒllung. Es warten lebendigere Beziehungen und ein authentischeres, vitaleres Leben.

FĂŒr die Therapeuten und Berater unter uns: Ich hoffe, dieser Vortrag hat dir eine nĂŒtzliche, klinisch anwendbare Perspektive eröffnet. Die Arbeit mit dem Mr. Nice Guy ist anspruchsvoll, weil sie an tief verankerten Überzeugungen rĂŒttelt. Aber sie ist lohnend, weil sie echte, tiefgreifende Hilfe ermöglicht.

FĂŒr die Frauen unter den Zuhörern / Zuschauern / Lesern: Vielleicht verstehen Sie jetzt besser, warum Ihre intuitive Frustration mit dem netten, aber innerlich leeren Partner so berechtigt ist. Ihr Instinkt, der sich nach mĂ€nnlicher StĂ€rke und FĂŒhrung sehnt, ist nicht patriarchal verdorben – er ist zutiefst menschlich und psychologisch vollkommen sinnvoll.

Unsere Gesellschaft steht vor der wichtigen Aufgabe, MĂ€nnlichkeit fĂŒr das 21. Jahrhundert neu zu definieren. Aber nochmals: nicht als RĂŒckkehr zu lĂ€ngst ĂŒberwundenen Dominanzmustern vergangener Epochen, aber auch nicht als Fortsetzung der aktuellen tiefgreifenden Verunsicherung.

Was wir heutzutage wirklich brauchen, sind Herzenskrieger:

  • MĂ€nner, die innerlich stark genug sind, um auch verletzlich sein zu können.
  • MĂ€nner, die klar genug sind, um wirklich liebevoll sein zu können.
  • MĂ€nner, die aggressiv genug sind, um wahrhaft friedlich sein zu können.
  • Lass mich diesen Beitrag mit einer Vision abschließen:

Stell dir nur mal eine Gesellschaft vor, in der VÀter wirklich prÀsent sind, nicht nur rein körperlich, sondern auch emotional. In der Jungen von klein auf lernen, dass ihre mÀnnliche Energie wertvoll ist und konstruktiv eingesetzt werden kann.

In welcher MĂ€nner ihre Aggression nicht unterdrĂŒcken mĂŒssen, sondern als Lebenskraft nutzen können um ihre Welt eigenstĂ€ndig.

In der Beziehungen auf einem Fundament gegenseitiger StĂ€rke ruhen, nicht auf gegenseitiger BedĂŒrftigkeit.

Diese Vision kann sehr schnell RealitĂ€t werden, denn sie beginnt mit jedem einzelnen Mann, der sich auf den Weg macht, um sie zu entwickeln. Sie beginnt mit jedem Therapeuten, der MĂ€nnern hilft, ihre verschĂŒttete Kraft wiederzufinden. Und sie beginnt nicht zuletzt auch mit jeder Frau, die versteht, dass ihr weiblicher Wunsch nach seiner mĂ€nnlichen StĂ€rke legitim und gesund ist.

Der Weg vom Mr. Nice Guy zum Herzenskrieger ist zwar nicht leicht, denn er erfordert Mut, Selbsterkenntnis, die Bereitschaft, die eigenen liebgewonnene und oft auch fĂŒr den Moment angenehmeren Überzeugungen in Frage zu stellen. Aber es ist ein Weg, der sich lohnt – fĂŒr den Mann selbst, fĂŒr seine Beziehungen. Als Vorbild fĂŒr seine Kinder, fĂŒr die Gesellschaft insgesamt.

All das ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es braucht Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, immer wieder an sich zu arbeiten.

Es ist nie zu spĂ€t, den Weg zum Herzenskrieger zu beginnen. UnabhĂ€ngig von deinem Alter, deiner Geschichte, deinen bisherigen Erfahrungen – die Möglichkeit zur Entwicklung und Reifung besteht in jedem Moment. Und die Welt braucht MĂ€nner, die diesen Weg gehen. Unsere Partnerinnen brauchen sie, unsere Kinder brauchen sie, unsere Gesellschaft braucht sie.

“Borderline verstehen”

und seine Sprache sprechen lernen. Wie unsere Gesellschaft selbst zum Symptom wird und wie wir damit umgehen können. Die U.M.W.E.G.©-Methode.

Warum fĂŒhlt sich unsere Welt zunehmend gespalten, orientierungslos und emotional instabil an? Warum nehmen Schwarz-Weiß-Denken, Beziehungskrisen und innere Leere so dramatisch zu?

Ich wage in diesem Buch eine provokante These: Unsere Gesellschaft entwickelt zunehmend Strukturen, die der Borderline-Persönlichkeitsstörung erschreckend Àhneln. Social Media, fragmentierte Familienstrukturen, Konsumkultur und politische Polarisierung erzeugen genau jene Dynamiken, die wir aus der Borderline-Therapie kennen.

Aber dieses Buch belĂ€sst es nicht bei der Analyse. Im zweiten Teil stelle ich die von mir entwickelte U.M.W.E.G.©-Methode vor – ein wissenschaftlich fundiertes Kommunikationssystem, das in emotional hochexplosiven Situationen greift. Ob bei Borderline-Partnern in der Krise, pubertierenden Jugendlichen oder alltĂ€glichen Konfliktsituationen: Diese Methode gibt konkrete Handlungsstrategien an die Hand.

FĂŒr jedes der neun Borderline-Kriterien – von VerlustĂ€ngsten ĂŒber IdentitĂ€tsstörungen bis hin zu SuizidalitĂ€t – bietet das Buch praxiserprobte Werkzeuge: Wut-TagebĂŒcher, die Drei-Schritt-Methode, Deeskalationstechniken und viele weitere Kommunikationsinstrumente, die sofort umsetzbar sind. Ein Buch, das philosophische Tiefe mit therapeutischer Praxis verbindet. FĂŒr Angehörige, Therapeuten, PĂ€dagogen – und alle, die in unserer fragmentierten Welt StabilitĂ€t schaffen wollen.

Möge der Tanz mit dem Borderliner beginnen! 😉

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Borderline Diagnose? Lassen Sie uns miteinander ins GesprÀch kommen. 

Marcus JĂ€hn Werde wieder stark durch CoachingEs sind viele Bereiche, die wir ansprechen können: Angefangen vom Umgang Borderline oder einer anderen belastenden Störung, aber auch ĂŒber Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer hĂ€ufiger in unsere Gesellschaft zu beobachten sind. 

  • Was ist das eigentlich, eine Persönlichkeitsstörung, ein Perfektionismus, ein Spaltung oder eine GegenĂŒbertragung?
  • Kann ich trotz Borderline oder Narzissmus eine stabile Partnerschaft aufbauen und damit ĂŒber Jahre hinweg leben? 
  • Ist eine Kommunikation mit einem Borderliner möglich? Wie hilft hier die U.M.W.E.G.-Methode©? 
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Ich möchte aber nicht nur ĂŒber Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:

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Alles begann mit einem Unfall. Peter Levine erfĂ€hrt am eigenen Leib die Richtigkeit seiner Körper-Trauma-Therapie. Dieses Buch ist wirklich ein Magnum Opus – ein großes Werk – ja, fast hat es schon “Nachschlagecharakter”. Unser Körper ist es, der ein Trauma verarbeitet, in ihm gefangen wird. Unser Körper ist es aber auch, der uns aus dem Trauma in eine Lebens-Balance zurĂŒckfĂŒhrt. 

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