Borderline

Borderline: und Wiederholungszwang

Warum passiert mir das immer wieder?

  • Warum passiert mir das immer wieder - Borderline und der WiederholungszwangWarum passiert mir das alles immer wieder?
    • Warum falle ich z.B. immer wieder auf dieselben Personen herein?
    • Warum komme ich immer wieder in diese echt peinlichen Situationen?
    • Habe ich vielleicht Borderline da ich mich immer wieder in diese selbst schĂ€digenden Bereiche bringe?
  • Wie funktioniert denn nun eigentlich unsere Psyche – wenn wir immer wieder in dieselben „Fallen“ geraten?
    Wie werden traumatische Erfahrungen durch unsere Psyche bewĂ€ltigt? – Hat das eventuell auch etwas mit dem Zwang zum Wiederholen zu tun?

Lass uns dieses interessante psychische PhÀnomen einmal etwas nÀher betrachten, denn es begegnet uns sowohl im Alltag aber auch bei psychischen Erkrankungen immer wieder:

Es sind diese Wiederholungen – oder wie im „Klinikdeutsch genannt: 
  der Wiederholungs-Zwang –  F42 im ICD10

Die Antworten darauf sind so umfassend – Ich verspreche Dir, Du wirst nach diesem Beitrag völlig anders ĂŒber Deine Psyche denken als vorher
. 

Praktisch unsere gesamte geistige oder psychische Welt / unsere ganze Persönlichkeit ist auf Wiederholungen aufgebaut. Sie, diese Wiederholungen sind fĂŒr unsere gesamte geistige Entwicklung, unsere Selbstliebe, die Ich-StĂ€rke und auch fĂŒr unsere Resilienz elementar wichtig! Im Alltag fĂ€llt uns das oft nicht so auf. Ihre Wichtigkeit wird erst dann fĂŒr uns deutlich, wenn dieses Wiederholen ein Ausmaß annimmt was schon gefĂ€hrlich ist und das sich anschließend – gegen unseren eigenen Willen – verselbststĂ€ndigt. Im „Klinik-Deutsch“ beschrieben sind das dann Handlungen, in denen sich jemand

      • von außen betrachtet zwar selber in schwierige Situationen oder Beziehungen begibt, die seinen alten Erfahrungen Ă€hneln 

      • er selber dies alles jedoch völlig passiv – also nicht von ihm sondern als von außen verursacht – erlebt.

        Es kommt bei dem Betreffenden weder der Gedanke noch das GefĂŒhl auf, dass dies alles irgendetwas mit ihm zu tun haben könnte – außer vielleicht mit einem Augenzwinkern gesagt – dass er eventuell unter einem höheren Fluch stehen mĂŒsste.

Solche Wiederholungen kennen wir alle aus unserem Alltag:

      • Die junge Frau, die sich immer in unerreichbare oder verheiratete MĂ€nner verliebt. 
      • Der Mann oder die Frau deren Partner sie immer wieder betrĂŒgen 
 sie die Hoffnung jedoch nie aufgeben, dass sie beim nĂ€chsten Partner endlich mit Mr. oder Mrs. Right den Lottogewinn fĂŒrs Leben ziehen.
      • Da ist der SchĂŒler der immer so knapp auf Kante fĂŒr seine PrĂŒfungen lernt – und sie dann jedes Mal knapp noch schafft
      • Oder nehmen wir einen Sportler der im Training immer wieder neue Bestzeiten erzielt, im Wettkampf aber versagt.
      • Und nicht zuletzt sollte noch der „ewige Freund“ erwĂ€hnt werden, der sich so sehr eine Beziehung wĂŒnscht, aber nie ĂŒber diese sogenannte „Freundschaftszone“ hinauskommt.

Keiner von den gerade beschriebenen Personen möchte eigentlich, dass sich seine Situation immer wieder wiederholt. Die meisten, die sich dieser Wiederholung bewusst werden, versuchen sogar alles um aus solch einem Circulus vitiosus (Teufelskreislauf) heraus zu kommen 
 jedoch immer wieder vergeblich


Manchmal sind diese ganzen Wiederholungen so seltsam, dass man oft nur unglĂ€ubig staunend den Kopf schĂŒtteln kann wenn man sie einmal nĂ€her betrachtet
   Sigmund Freud und Erik Erikson (1902 – 1994, dt.-amerik. Psychoanalytiker) berichten zum Beispiel von einem Fall, den wir eine Schicksalsneurose nennen können.

Da war einmal eine Frau die dreimal verheiratet war, deren MĂ€nner jedoch alle kurz nach der Hochzeit erkrankten und starben. Schon eine seltsame Situation / 😊 die ihr das Schicksal auferlegt hat
 so könnte man das beschreiben.

Schicksalsneurosen sind aber noch viel mehr. Sie gehen bis in den traumatischen Wiederholungszwang ĂŒber. Und was jetzt folgt erscheint zwar spookey ist aber durch Forschungen klar belegt: Da gibt es Menschen, die durch einen schweren Unfall traumatisiert immer wieder Ă€hnliche UnfĂ€lle erleiden oder erstaunlich hĂ€ufig in Situationen geraten, in denen sie – nicht mehr als Opfer, sondern als Helfer – andere Unfallopfer aus Ă€hnlichen Situationen retten mĂŒssen.

Sigmund Freud selbst, hat sich ĂŒber 40 Jahre mit dem Thema der Schicksalsneurose und dem Wiederholungsgedanken gewidmet.

Dieses Thema geht weit in unsere Menschheitsgeschichte zurĂŒck:
In vielen alten Mythen oder Religionen finden wir zum Beispiel so etwas wie ein personifiziertes Schicksal

      • Wie z.B. bei den Griechen in den Geschichten Homers die Moiren welche die Schicksalsgöttinnen waren
      • Oder denken wir nur an die Lehre der ewigen Wiederkunft welche wir sowohl in vielen Religionen bis hin bei den neuen Denkern wie Friedrich Nietzsche (Also sprach Zarathustra) vorfinden.

Was können wir bis jetzt sagen? Wiederholungen sind ein fester Bestandteil unserer menschlichen Kultur und damit keineswegs immer negativ – eher das Gegenteil ist der Fall, sie sind unser Freund und Helfer in unserer geistigen Entwicklung.

Um dies zu erklÀren befassen wir uns nun mit unserem ersten Zwischenthema: 

(1.) Wiederholungen = die Grundlage unserer Psyche

Wir mĂŒssen immer zwischen der wichtigen guten Wiederholung und dem krankhaften Wiederholungszwang differenzieren
 Und damit wir nun verstehen können, ab wann es zu einem Wiederholungszwang, oder einer pathologisch / krankhaften Wiederholung kommt, betrachten wir erst einmal die unglaublich große Bedeutung von Wiederholungen fĂŒr unsere psychische Welt.

      • Wiederholungen sind das zentrale Element unseres gesamten Lebens!

Allein wenn wir das materielle Leben betrachten, dann sehen wir ĂŒberall Wiederholungen: sowohl im Kleinen wie dem Herzschlag und der Atmung aber auch ganz Großen wie den Gezeiten, die Jahreszeiten, das Leben und auch im Tod
 

Betrachten wir jetzt jedoch einmal die psychische Ebene, dann ist dort die Wiederholung ĂŒberall zu sehen und geradezu lebenswichtig! Ich wage mal den Satz zu sagen: „in dem ewigen Zirkel der Wiederholungen entsteht das was wir als die Persönlichkeit bezeichnen“. Durch stĂ€ndiges Wiederholen entstehen unsere Lernerfahrungen. Aus den ersten Lernerfahrungen heraus werden (Denk-)Strukturen in unserer Psyche gebildet, auf die wir in spĂ€teren Situationen dann zurĂŒckgreifen und uns auch verlassen können.

Durch diese Wiederholungen wird jedoch – und dass mag auf den ersten Blick merkwĂŒrdig erscheinen – eine Weiterentwicklung und Neues Lernen / Denken / Handeln ĂŒberhaupt erst möglich. Warum kann ich das sagen?

Das ich etwas wiederholen kann, wirkt auf den ersten Blick eher banal und belanglos, ist aber geradezu eine Meisterleistung unseres Gehirns: Denn, etwas in seinem Geiste wiederholen zu können bedeutet – psychisch betrachtet – etwas Äußeres zu verinnerlichen und in diesem geistig inneren Bereich wieder auferstehen zu lassen. 

1.1. In der Psychoanalyse spricht man von der FÀhigkeit zur ReprÀsentation 


ReprÀsentation ist die FÀhigkeit, das was ich in der RealitÀt erlebt oder gesehen habe, mir innerlich wieder vorzustellen / zu reprÀsentieren.

ReprĂ€sentieren ist etwas ganz Besonderes in der Entwicklung eines jungen Menschen. Diesen Vorgang dĂŒrfen wir nicht als eine SelbstverstĂ€ndlichkeit abtun. Das ReprĂ€sentieren wird in der Internalisierungsphase des kleinen Kindes mĂŒhsam erlernt, wie wir spĂ€ter noch sehen werden. Es ermöglicht uns, Erinnerungen abzuspeichern und wieder hervorzurufen. 

Ich spreche hier immer wieder von einem sogenannten „psychischen Innenraum“ in dem Dinge anwesend sind, die aber in der aktuellen Außenwelt abwesend sind. In diesem psychischen Innenraum der ReprĂ€sentanz kann es ein Gestern mit all den vergangenen Erlebnissen geben, die aber mit dem Heute / dem aktuellen Geschehen zusammenhĂ€ngen – und diese Erkenntnis, das ist es was die Basis unserer IdentitĂ€t ausmacht!

IdentitĂ€t ist, wenn ich psychisch weiß, dass ich heute noch dieselbe Person wie gestern bin – also, dass ich mein gestriges ICHim heutigen Erleben immer wieder wiederholen kann.

Mit unserem Wissen ĂŒber die ReprĂ€sentanz können wir IdentitĂ€t auch so beschreiben: Sie beruht auf einer kontinuierlichen psychischen ReprĂ€sentation von mir selbst und auch von anderen.

IdentitÀt bewirkt StabilitÀt!

Jedoch leben wir heute in einer Zeit, die eher vom Gegenteil – von einer InstabilitĂ€t förmlich durchdrungen ist.  Und es ist ein Kennzeichen der heutigen Zeit – diese Urangst – dass Menschen immer mehr befĂŒrchten, sich selbst zu verlieren. Damals – in der Geschichte zurĂŒckblickend – hatte man Angst vor einem Verlust der Seele. Heute sind es eher Begriffe wie Demenz, mit denen wir uns diese InstabilitĂ€t erklĂ€ren.

Weil das ein so wichtiger Gedanke ist, möchte ich ihn nochmals wiederholen:
IdentitĂ€t und psychische StabilitĂ€t hat ein Fundament und das sind Wiederholungen! Und je brĂŒchiger / instabiler dieses innere Fundament ist, desto wichtiger sind Wiederholungen im Außen um das Innere / die innere ReprĂ€sentanz aufzubauen!!!

Jeder von uns weiß, wie unterstĂŒtzend und entlastend Routinen und Rituale fĂŒr unser Leben sind. Sie geben die StabilitĂ€t
 Wenn Wiederholungen jedoch StabilitĂ€t geben, dann mĂŒsste sich folgendes fĂŒr dich bestimmt sehr widersprĂŒchlich anfĂŒhlen:

Wiederholung sind neben dem StabilitĂ€tsfaktor nĂ€mlich auch die Grundlage fĂŒr Neues! Durch sie wird ein Fortschritt ĂŒberhaupt erst ermöglicht. Wie kann ich dies behaupten? 

1.2 Grundlage fĂŒr alles Neues – das Spiel

Diese schöpferische Eigenschaft von Wiederholungen können wir z.B. beim Spielen von Kindern und Erwachsenen sehen: das Spiel ist nÀmlich eine Art Vorstufe des Verstehens.

Mit das bekannteste Werk Sigmund Freuds war der Aufsatz „Jenseits des Lustprinzips“ aus dem Jahre 1920. Wir können es auch DEN Urtext ĂŒber das Thema der Wiederholungen nennen. Er besteht aus drei Teilen:

      • Die verdrĂ€ngende Instanz
      • Der Drang, Dinge wiederherzustellen
      • Den Lebens- und den Todestrieb, welche nach Freud die zwei großen Triebgruppen in unserer Psyche darstellen.

In diesem Werk ging er sehr intensiv auf die Wiederholungen, die Neurosen und die Entwicklung unserer Psyche ein. Wie wichtig das Spiel in diesem Zusammenhang ist um sich zu stabilisieren und daraus dann so etwas wie eine IdentitÀt zu erschaffen zeigt folgende Situation: 

Freud beobachtete einmal seinen anderthalbjĂ€hrigen Enkel beim Spielen. Der Kleine war gerade vorher mal wieder von seiner Mutter fĂŒr eine kurze Zeit alleine gelassen und der Aufsicht des Großvaters ĂŒberlassen worden. Das hat ihm ganz und gar nicht gefallen – er fĂŒhlte jetzt den Verlust seiner geliebten Mama wie einen inneren Schmerz. In seinem Aufsatz beschreibt Freud nun was sich dann regelmĂ€ĂŸig ereignete – denn er hatte den Kleinen öfter mal zu hĂŒten:

Der Junge begann dann immer wieder mit einem sich Ă€hnelnden Spiel: Er nahm eine Holzspindel, die an einem Bindfaden befestig war und warf diese dann weg, aus seinem eigenen Sichtfeld hinaus
 Dies tat er wiederholte Male. Und jedes Mal, wenn er den Gegenstand weggeworfen hatte, dann stieß er ein langgezogenes o-o-o-o aus. Sowohl Freud als auch der Mutter des Kindes war klar, dass dieses o-o-o-o keine Interjektion (ein Ausrufe- oder Empfindungswort) war, sondern fĂŒr das Wort „fort“ stand. Immer wieder zog der Kleine die Holzspindel am Faden zurĂŒck und wenn er sie sehen konnte rief er voller Lust ein „Da!“

NatĂŒrlich war dies Freud nicht beim ersten Beobachten bewusst was er da eigentlich sah. Jedoch hat der Kleine dieses Spiel immer und immer wieder gemacht bis es dem „Opa-Forscher“ klar wurde: Das gesamte Spiel dreht sich um ein Fortgehen und um ein Wiederkommen – Ein „fort“ und ein „Da“ …. Dieses „Fort-Da-Prinzip“ ist auch der Name dieses wohl berĂŒhmtesten Spiels, welches wir in der der Psychoanalyse kennen: das „Fort-Da-Spiel“

Freud erkannte hierbei, dass sein geliebter Enkel – der ja stark an seiner Mutter hing-  es durch dieses Spiel schaffte, seine beunruhigten GefĂŒhle des Verlassenwerdens zu bearbeiten. Er lenkte sich also nicht lediglich ab, sondern er spielte das gerade Erlebte nach – ein Gedanke von unglaublicher Tragweite:

Durch ein Spiel eröffnet sich fĂŒr die Psyche ein neuer Spielraum / ein Handlungs-Spielraum!

Spielraum bedeutet, sich in einer sicheren Art und Weise mit einer schwierigen, konflikthaften oder problematischen Situation auseinanderzusetzen. Spielen erlaubt, verschiedene Ideen oder LösungsansĂ€tze ohne direkte Gefahr einmal zu simulieren oder auszuprobieren – Ă€hnlich einem Flugsimulator.

Welch eine Meisterleistung unser Gehirn bereits in frĂŒhestem Alter bewĂ€ltigt, zeigt auch der Umstand, dass der Kleine in Freuds Beobachtung die Situation nicht einfach eins zu eins kopiert hatte. Er gab dieser Situation eher eine kreative neue Richtung: Er hielt in seinem Spiel – sowohl buchstĂ€blich als auch psychisch – die FĂ€den selbst in der Hand. In der realen Situation, als die Mutter wegging, musste er passiv zusehen – er selbst hatte hier keinen Handlungsspielraum. Nun aber hatte er die Kontrolle ĂŒber ein Fortgehen und ein Wiederkommen im Kleinen selbst in der Hand
 Das Spiel gab ihm Handlungsvollmacht und Handlungskontrolle. 

Dies ist extrem wichtig fĂŒr die Entwicklung einer IdentitĂ€t und einer stabilen Persönlichkeit! Dass der Kleine die Holzspindel nun wegwarf und im Spiel mit dem Verschwinden nicht ĂŒberfordert war, dieses Spiel sogar fortsetzen und ihm auch noch etwas Schönes abringen konnte, darin liegt der erste von zwei Schritten um die schmerzhafte Erfahrung „Mutter ist fort“ zu bewĂ€ltigen


Im zweiten Stepp gibt es ja auch die Erfahrung „da ist sie wieder“. 
Was wĂ€re wohl passiert, wenn der Kleine nun angefangen hĂ€tte, trostlos zu weinen oder resigniert aufgegeben hĂ€tte, sobald das Spielzeug verschwunden wĂ€re? Wenn er das Spiel ab diesem Moment unterbrochen und sich dem bitteren Ernst / also dem Verlust der Mutter oder des Spielzeugs ergeben hĂ€tte, dann wĂ€re ein Anderer nötig gewesen, Ihn in seiner Überforderung zu trösten!

Und genau an dieser Stelle, der Überforderung, greifen Kindertherapeuten nun ein und versuchen mit dem Kind spielerisch der Geschichte eine andere / neue Wendung zu geben. Mit anderen Worten: Sie verhelfen zu einem neuen Spielraum.

Du kennst das „Fort-Da-Spiel“ bestimmt in einer anderen Variante: dem „Kuckuck-Spiel“. 
Kleinkinder können es immer und immer wieder spielen. In dem „Kuckuck-Spiel“ erzeugt das Verschwinden hinter einer Hand oder einem Gegenstand erst einmal eine gespannte Stimmung beim Kind. Diese Spannung geht dann in eine Erleichterung ĂŒber, wenn das GegenĂŒber wieder auftaucht. Das Kind lacht und gluckst vor Freude und Erleichterung. Beide Spiele sind Spiele mit dem Spannungsbogen eines „Angst-Lust-Faktors“ Sie sind nichts anderes als eine abgewandelte Form der BewĂ€ltigung einer schwierigen Situation, die jeder Mensch frĂŒher oder spĂ€ter in seinem Leben erfahren muss: dass wir verlassen werden, uns alleine fĂŒhlen – das wichtige Menschen aus unserem Leben plötzlich nicht mehr da sind


Wenn man all das einmal etwas genauer betrachtet, dann fĂ€llt auf, dass praktisch all unsere Spiele – mehr oder weniger einem Wiederholungszwang folgen… 
Am Beispiel Freuds betrachtet ist es nĂ€mlich so: Das Spiel dauert so lange wie das Kind an diesem RĂ€tsel „Mutter anwesend – Mutter abwesend“ / das „Fort-Da-Spiel“ noch zu knabbern hat. In dem Moment ab dem es sich sicher ist, dass die Mutter gleich wirklich wieder auftaucht – wenn bei ihm also eine stabile „Innere ReprĂ€sentanz“ entstanden ist – ab dann ist das alte Spiel zu Ende und ein Neues kann nun beginnen.

Du merkst, durch StabilitĂ€t wird eine „geistige Plattform“ / eine neue Ebene ermöglicht, auf der dann Neues / ein Fortschritt entstehen kann. 

Borderline: (2.) Wenn Wiederholung krank macht

Therapeutisch relevant wird das WiederholungsphĂ€nomen ab dem Moment, wenn durch das Bilden einer inneren ReprĂ€sentanz eigentlich etwas Neues entstehen sollte – aber nichts dergleichen geschieht – wenn die alten Handlungs- und Denkmuster immer noch bleiben. Zu sehen ist dies hĂ€ufig bei denjenigen, die auf der Suche nach einem Lebenspartner immer wieder an den gleichen Typus Mann / Frau geraten. Oft ist dies dann begleitet von Leid und unangenehmen GefĂŒhlen.

Warum aber ist das so? Warum scheinen sie – von außen betrachtet – nicht in der Lage zu sein, neue Erfahrungen oder Entwicklungen zu machen?

FĂŒr einen Außenstehenden liegt die Lösung oft auf der Hand:

      • „Such dir doch einfach einen anderen Typ Mann / oder Frau“. 
      • „Fang doch einfach mal frĂŒher an zu lernen“. 
      • oder „Betrachte den Wettkampf mal als erweitertes Training“.

FĂŒr Dich und fĂŒr mich hört sich das alles auch nachvollziehbar und logisch an 
 Aber wie unter einem bösen Fluch scheitern sĂ€mtliche Versuche nach dem altbekannten Muster
. Und wenn man mal so oft hingefallen ist und nicht mehr einsieht aufzustehen, wenn die Schmerzen immer grĂ¶ĂŸer werden und sich nichts mehr zu lösen scheint, dann hat man auch irgendwann mal den Punkt erreicht, an dem einige endlich einmal therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.

Dieser Wiederholungszwang ist – damit wir beim Thema dieses Psycho-Educationskanals bleiben – ein typisches Begleitkriterium im Bereich Borderline. HierfĂŒr gibt es viele Beispiele in unserer Gesellschaft. Betrachten wir nur mal ein paar davon auszugsweise:

Kriterien der Borderlinestörung nach dem ICD10Nehmen wir zuerst mal einen pathologischen zwanghaften Spieler. Ein „Borderline-Spieler“ wird zum Beispiel immer weiterspielen, auch wenn er am Ende gar kein Geld mehr zum Spielen ĂŒbrig hat. Es geht dann nicht mehr um das Spiel an sich… Nein! Es geht vielmehr um Erregung und Ablenkung von einer Welt, die ihn nur noch langweilt, ihn ruhelos macht oder einfach nur noch abstumpfen lĂ€sst. Solch ein pathologisches Spielen, kann aber auch ein Zeichen fĂŒr eine impulsive Selbstbestrafung sein – Kriterium Nummer 4: Mindestens zwei potentiell selbst schĂ€digende Bereiche / starke ImpulsivitĂ€t.

Betrachten wir mal einen Ladendieb. Sie stehlen oft Dinge, welche sie ĂŒberhaupt nicht brauchen. Menschen, die unter Bulimie leiden, zeigen bei ĂŒber 50 % der in der Studie untersuchten Probanden Anzeichen von Kleptomanie, Drogenmissbrauch oder PromiskuitĂ€t. Oft sind diese Verhaltensweisen auf Zwang begrĂŒndet und können den tiefen Wunsch / die Sehnsucht nach (auch selbst zugefĂŒgten) Schmerz aufzeigen.

PromiskuitĂ€t (das hĂ€ufige Wechseln von Sexualpartnern) weist oft auf ein BedĂŒrfnis nach Liebe und Aufmerksamkeit von anderen hin, um an einem positiven SelbstwertgefĂŒhl festzuhalten. Typisch fĂŒr eine Borderline–Persönlichkeit ist es, dass ihr eine dauerhafte und positive Selbstachtung fehlt – Kriterium Nummer 3 (IdentitĂ€tsstörung). Die Folge davon ist, dass sie immer wieder eine RĂŒckversicherung ihres Wertes von außen durch Dritte braucht.

Nehmen wir als Beispiel mal eine Frau, die unter dem Borderline–Syndrom leidet und wenig Selbstachtung hat. HĂ€ufig ist zu beobachten, dass sie ihre körperliche AttraktivitĂ€t als ihren einzigen Vorteil gegenĂŒber anderen ansieht. Mit diesem Gedanken im Sinn, wird sie sich nun – um ihren eigenen Wert zu bestĂ€tigen – immer wieder aufs Neue in viele sexuelle Begegnungen verstricken. Der Zweck hierbei ist, dass sie dadurch das GefĂŒhl der Einsamkeit vermeiden kann. Es werden ihr ja immer wieder aufs Neue kĂŒnstliche Beziehungen angeboten, die sie von ihrer Seite aus auch komplett kontrollieren kann! Wenn sie sich dann von ihrem Liebhaber begehrt fĂŒhlt, dann erhĂ€lt sie dadurch ihr gewĂŒnschtes IdentitĂ€ts-GefĂŒhl.

Im sexuellen Bereich ist PromiskuitĂ€t jedoch nicht das einzige auffĂ€llige Merkmal
 Borderline ist bekanntlich das Kreisen um ein verletztes, zerbrechliches ICH mit der Neigung zur Selbstbestrafung – Kriterium Nummer 5 „SelbstschĂ€digendes Verhalten“. Selbstbestrafung hat eine sehr starke eigene Psychodynamik und kann sich auch unter anderem durch den Wunsch nach Erniedrigung und Masochismus in der Beziehung zeigen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet – jetzt spekuliere ich mal – könnten auch viele Prostituierte oder pornographische Darsteller gut in das Borderline-Muster passen. Das ist aber – wie gesagt – eine reine Denk-Hypothese. Jedoch ist dieser Gedanke gar nicht soooo weit hergeholt, da sexuelle Perversionen ein Mechanismus sein können, um einer Art IntimitĂ€t nĂ€her zu kommen.

(3.) Wiederholungszwang ist oft Ursache vieler Störungen

Bei fast allen Psychotherapien im Bereich psychischer Störungen mĂŒssen wir uns mit einem Wiederholungsthema befassen. Im fĂŒr Außenstehende sichtbaren Bereich sind da zum Beispiel die Zwangsstörungen oder auch die SĂŒchte. Es gibt aber auch etwas „unsichtbarere“ Formen von krankhafter Wiederholung die nicht allen immer sofort auffallen: Ich denke hier zum Beispiel an bestimmte TrĂ€ume, Handlungen oder Symptome die – trotz aller Ablenkungsversuche – immer wieder auftreten.

Wenn man sich diese einmal genauer ansieht, dann erkennen wir in Ihnen oft weit in die eigene Vergangenheit zurĂŒckreichende Konflikte. Tief aus dem Unbewussten unserer Psyche wird dann ein altbekanntes aber leider immer noch unbewĂ€ltigtes Thema immer wieder ins Bewusstsein gezogen. Und das geschieht dann dermaßen ĂŒberwĂ€ltigend, dass man diese Gedanken nicht einfach so „wegdenken, wegreden oder geschweige denn wegĂŒben“ könnte. Das sind dann Konflikte aus der Vergangenheit, die seit ihrer Entstehung keine Lösung gefunden haben und deshalb immer wieder nach einer Lösung förmlich schreien.

Siegmund Freud sagte mal folgendes dazu: Alles was unverstanden geblieben ist, all das das kommt wieder hoch 
 Es kann einfach nicht in Ruhe auf die Lösung / Erlösung warten – Das geht nicht, weil etwas an einer Situation, einem Gedanken oder einem GefĂŒhl noch nicht verstanden wurde. 

  • Ist eine Sache vom Standpunkt unserer Psyche aus immer noch unbewusst 
 dann kann diese nicht in der Vergangenheit belassen bleiben. Die Psyche muss sie wie ein Universalgesetz immer wieder in unsere Gegenwart tragen. Dies ist der erste Merksatz dafĂŒr, wie unsere Psyche lernt!!!

Das, was wir noch nicht verstanden / noch nicht begriffen haben, das lĂ€sst uns auch nicht los – egal wie stark man sich dies wĂŒnscht. Dagegen anzukĂ€mpfen ist genauso erfolgversprechend wie immer wieder in die Luft zu hĂŒpfen und zu versuchen, sich vom eigenen Schatten zu lösen. 

3.1 Ein Problem unserer Psyche ist, dass wir durch Wiederholung lernen.

Das ist echt ein Problem mit unserer Psyche
. So vernĂŒnftig und richtig es ist, dass wir durch ein stĂ€ndiges Wiederholen lernen – nehmen wir dazu das Beispiel des Lernens einer Sprache oder das Lernen zu gehen (hinfallen und aufstehen) – so problematisch ist dieser Wiederholungszwang, wenn wir einmal nicht wirklich weiterkommen und uns in einer „Sackgasse“ befinden. Das Dilemma ist ja, dass unsere Psyche der felsenfesten Ansicht darĂŒber ist, sie könnte ausschließlich nur durch Wiederholungen lernen.

Das gesamte System der Psyche ist auf Wiederholungen aufgebaut 
 und das ganz besonders dann, wenn sich ihr ein neues, ein unbekanntes Problem in den Weg stellt wie etwa das Trennungsproblem beim „Fort-Da-Spiel“

Dieser Zwang zur Wiederholung ist praktisch nichts anderes als der Versuch der Psyche, etwas im Moment noch Unbegreifliches, etwas Unverdauliches im zweiten oder dritten Durchgang doch noch irgendwie zu lösen. Jede Wiederholung ist ein verzweifelter Versuch, doch noch irgendwie die Lösung zu finden 
. Ganz nach dem Motto: „Was nicht sein kann, kann auch nicht sein“

Ein Merksatz hierbei ist folgender:
Was die Psyche noch nicht gelöst hat, das wiederholt sie immer wieder. Woran sie sich aber nicht bewusst erinnern kann – damit meine ich all das Unbewusste, was dem Denken und dem FĂŒhlen nicht direkt zugĂ€nglich ist – das wiederholt sie praktisch wie in einer BĂŒhnenszene – sie lĂ€sst es sich vor dem geistigen Auge immer wieder aufs Neue inszenieren.

Sigmund Freud beschrieb dies als eine Wiederholungstat. 

3.2. In der Psychoanalyse nennen wir solch ein Handeln heute – ein Agieren –

Mit Agieren bezeichnen wir unbewusste Handlungen, deren Zweck es ist, unbewusste innere psychische Konflikte in Ă€ußeren Handlungen sichtbar zu inszenieren. GefĂŒhle, die im Inneren von unserer Psyche noch nicht gut genug integriert werden konnten, werden durch dieses Agieren in Ă€ußere Handlungen umgewandelt um sie dann im Außen in aller Ruhe neu bearbeiten und begreifen zu können. Agieren bringt durch Handeln einen inneren Zustand nach außen. Dies geschieht sowohl auf eine symbolische Art und Weise, oft aber auch sehr konkret.

Jean Piaget (1986 – 1980, ein Schweizer Psychologie und BegrĂŒnder der kognitiven Entwicklungspsychologie) nannte dieses Agieren interessanterweise auch „Handlungsdenken“ – ich finde dies eine passende Bezeichnung. Man könnte es aber auch mit „Handeln als Probe-Denken“ bezeichnen. Und dieser Begriff zeigt, wie frĂŒh im Stadium von Verstehen und Bildung eines stabilen IchÂŽs dieses Probehandeln steht: Probehandeln kommt VOR DEM DENKEN!

Das Agieren ist nĂ€mlich ein sehr rudimentĂ€rer BewĂ€ltigungsmechanismus unserer Psyche. RudimentĂ€r bedeutet in diesem psychologischen Zusammenhang, dass er uns bereits extrem frĂŒh in unserer persönlichen Entwicklung zur VerfĂŒgung steht.

Das Motto: „Erst denken, dann handeln“ dass wir von klein auf von unseren Eltern und den Lehrern immer wieder gehört haben, ist also genau entgegengesetzt zu dem, wie unsere Psyche ureigentlich lernt 


Unsere Psyche lernt nĂ€mlich ganz anders! Sie lernt Denken, indem sie zuerst probeweise handelt – agiert.

Wenn sie jetzt – zum Beispiel durch unser Schulsystem beim Vokabellernen – dazu gezwungen wird, erst zu denken um dann spĂ€ter in ein Handeln zu kommen, dann entspricht dies nicht ihrem typischen Lernprozess und alles funktioniert deutlich langsamer
. 

Als Beispiel möchte ich das gerne am angesprochenen Lernen von Vokabeln beschreiben: Ein junger Mann soll in der Schule Englisch-Vokabeln lernen. Vielleicht siehst du ihn gerade vor deinem geistigen Auge ĂŒber dem Vokabelheft sitzen und „bĂŒffeln“ 
 Was aber, wenn er z.B. bei einem SchĂŒleraustausch ein hĂŒbsches junges englisches MĂ€dchen kennenlernt und beginnt mit ihm Konversation zu fĂŒhren? Was denkst Du wird ihn mehr motivieren? Das Vokabelheft oder das junge MĂ€dchen? 😊 Die Motivation und die Möglichkeit, durch Probehandeln zu lernen wird seinen Eifer bestimmt mehr als motivieren.

„Erst Denken 
 dann lernen“ das ist nicht die Anfangsfomel, sondern das Endergebnis einer psychischen Entwicklung. Am Anfang steht das Agieren, dann kommt das Denken! Solange etwas also noch unverstanden ist, gilt immer der Satz: „Erst handeln dann Denken-lernen“.

Wie kann man sich dieses Agieren nun in der Praxis vorstellen? Ein Beispiel: Jemand vergisst immer wieder etwas z.B. eine Tasche bei einer bestimmten Person. Ist das jetzt Zufall oder mangelnde Konzentration? Was könnte es sein, wenn es immer wieder, praktisch regelmĂ€ĂŸig passiert? Vielleicht bemerkst du bei einer nĂ€heren Betrachtung der Person, dass sie recht einsam durchs Leben geht und das GefĂŒhl hat, keinem wirklich wichtig zu sein. Dieses Vergessen der Tasche könnte das Ausagieren von einer unbewussten Handlung sein….  Er möchte etwas von sich dalassen, weil er damit hofft, 


      • dass selbst wenn er weggeht, hierdurch immer noch etwas von ihm dableibt,
      • damit man ihn nicht vergessen kann.

Er setzt also unbewusst seinen Wunsch nach Sichtbarkeit („Bitte seht doch, dass ich existiere“) in ein Agieren um. Ein recht kreativer Weg um die eigenen GefĂŒhle der Umgebung mitzuteilen. 

3.3 Übertragungen sind eine Form des Agieren®s

Auch eine Übertragung, können wir als ein Agieren bezeichnen. Übertragungen, das sind VorgĂ€nge in denen jemand alte, oft verdrĂ€ngte GefĂŒhle oder Erwartungen auf eine neue Beziehung ĂŒbertragt und damit praktisch zu einem neuen Leben erweckt. Beim Wiederholungszwang werden die eigenen inneren WĂŒnsche, Hoffnungen und SehnsĂŒchte dem GegenĂŒber einfach ĂŒbergestĂŒlpt und das egal ob sie mit ihm nun irgendwie ĂŒbereinstimmen oder kompletter Schwachsinn sind.

Nehmen wir als Beispiel mal einen Mann, der sich immer wieder eine Frau als Partnerin auswĂ€hlt, die ihn dann spĂ€ter betrĂŒgt
 HierfĂŒr könnte es viele GrĂŒnde geben. Zum Beispiel: Die Geschwister dieses Mannes wurden ihm in seiner Kindheit immer wieder vorgezogen. Es musste praktisch immer um Aufmerksamkeit in der Familie kĂ€mpfen – er hatte die Rolle des „schwarzen Schafs “ in der Familie praktisch fĂŒr sich gepachtet … Der Wiederholungszwang dieses Mannes – sich immer wieder dieselbe Partnerin zu nehmen – dreht sich also höchstwahrscheinlich um die fehlende Aufmerksamkeit, Zuwendung oder auch um die Treue.

Das Ausagieren geht nun typischerweise folgendermaßen vonstatten: Es ist diese Hoffnung auf Erlösung die den Mann dazu bringt, sich immer wieder in Situationen zu begeben, die eine gewisse Ähnlichkeit mit seinen frĂŒher erlebten Situationen haben:

  • „Da ist die wieder, die damals so heiß begehrte Person, die man jedoch nie bekam.“ Oder: „Schon wieder ist da dieser Konkurrent um die Aufmerksamkeit oder die Zuwendung der Bezugsperson.

Es ist wie eine Schablone aus der alten Erfahrung die sich nun ĂŒber die unbewussten Erwartungen legt und bewirkt, dass sich der Betroffene nun hochprĂ€zise genau diesen einen Typ Partner sucht, der dem damaligen Bild am stĂ€rksten entspricht! Das alles mit der Treffsicherheit eines ScharfschĂŒtzen
 

(4.) Warum helfen RatschlĂ€ge von außen nicht viel? Muss es denn wirklich immer eine Therapie sein?

Du kennst sie, diese gutgemeinten RatschlĂ€ge Dritter: „Such dir doch lieber einen anderen Partner fĂŒr Dein Leben. Jemanden der die gleichen Werte und Visionen wie Du hast.“ Aber Du ahnst es bestimmt schon jetzt 
 Solch ein Rat hilft dem Betroffenen im Moment nur wenig bis gar nicht


Es ist dieses innere immer noch unreflektierte / unbewÀltigte Thema rund um WÀrme, Sehnsucht nach NÀhe und sauberer Liebe gerade von diesem einen speziellen Menschen zu bekommen.
Dieses GefĂŒhl zieht dermaßen magisch an, dass man sich immer wieder genau diesen Typ Mensch als Partner aussucht. 

Diese in der Vergangenheit erlebte Situation ist fĂŒr den Betroffenen immer noch völlig unverstanden und erzeugt bis ins Erwachsenenalter hinein eine tiefe Unsicherheit. Darum wird auch genau diese Bindung immer wieder gesucht.

Ein kleiner Einschub zur Wiederholung:

Wir sollten uns immer folgende zwei GedankengĂ€nge ĂŒber unsere Psyche merken:

      1. Wir lernen durch Handeln (Agieren genannt) unserer spÀteres Denken
      2. Wenn unsere Psyche etwas nicht verstanden hat, dann wiederholt sie es immer und immer wieder – in der Hoffnung irgendwann einmal diese Situation in seiner GĂ€nze zu begreifen.

        Und wenn sie es nicht begreift? Willkommen im Teufelskreislauf


4.1. Kann eine Therapie hierbei helfen?

Kann ein in der Vergangenheit noch unbewĂ€ltigtes Thema nicht fallen gelassen werden, dann hilft oft nur noch der strukturierte Weg ĂŒber ein therapeutisches GesprĂ€ch. In diesem Rahmen können diese noch unbearbeiteten GefĂŒhle aufgegriffen und in aller Ruhe geordnet und strukturiert betrachtet werden.

Nehmen wir mal das Beispiel, dass sich jemand um die ihm zustehende Aufmerksamkeit in der Kindheit betrogen fĂŒhlt. Was ist dann in einer Therapie anders als im reellen Leben? Am besten könnte man dies anhand des Beispiels beschreiben, wenn der Betroffene in der Sitzung mit dem Therapeuten wieder einmal von seinen GefĂŒhlen ĂŒberfordert ist. Auf einmal sind sie nĂ€mlich wieder da, diese EifersuchtsgefĂŒhle 
 Er oder sie fĂŒhlt sich vom Therapeuten betrogen, weil dieser sich ihr – natĂŒrlich nur in ihrer inneren Vorstellung – Ă€hnlich nahe intim zeigt, einfĂŒhlsam und aufmerksam ist oder – noch schlimmer andersherum – andere Patienten viel lieber mag als sie und eigentlich nur darauf wartet, dass die Sitzung mit ihr endlich zu Ende ist.

All das sind nĂ€mlich Situationen, welche sie aus ihrer Kindheit und den unbewĂ€ltigten Themen heraus aller bestens herauskennt. Und hier beginnt nun der Wiederholungscharakter unserer Psyche: Weil dieses GefĂŒhl – sich betrogen fĂŒhlen – noch zu den unbewĂ€ltigten inneren Themen gehört, wiederholt der Patient nun unbewusst seine frĂŒheren Erfahrungen in der Therapie – egal ob er das nun möchte oder nicht – ob es ihm selbst vernĂŒnftig erscheint oder nicht.

In der Übertragung zwischen dem Patienten und Therapeuten bildet sich hier ein Wiederholungszwang. Der kann dann so weit gehen, dass der Therapeut wĂ€hrend der Sitzung irgendwann wirklich mal mit seinen Gedanken zu anderen Patienten „abwandert“, die Stunde ein paar Minuten frĂŒher beenden will oder sogar ganze Sitzungen „vergisst“.

Jetzt aber kommt der wichtige Unterschied zwischen einer Therapie und dem betrĂŒgerischen Partner aus der Vergangenheit zum Tragen: Ein Therapeut sollte diese GefĂŒhle / diese GegenĂŒbertragung immer bei sich selbst erkennen und verstehen, dass dies ein wichtiges Werkzeug in der therapeutischen Beziehungsdynamik sein kann.

Hierdurch wird dieser Teufelskreislauf dann endlich einmal positiv unterbrochen: Indem das Vergangene sich nicht einfach eins zu eins wiederholt, sondern in der therapeutischen Beziehung komplett anders gezeigt wird, erkenn der Patient dass auch eine andere Erfahrung möglich ist. Er kann auf dieser neuen Erfahrung dann langsam aber sicher eine neue Bindungssicherheit fĂŒr sich erarbeiten.

Psychotherapie ist – platt ausgedrĂŒckt – nichts anderes als das erkennen, dass es auch anders geht
 Psychotherapie zeigt Bindungsalternativen auf. Der Patient erkennt, dass er andere Erfahrungen machen KANN als die, die er damals machen MUSSTE.

Psychotherapie manipuliert in dem ursprĂŒnglichen Sinne des Wortes „manipulieren“ Französisch: Etwas mit der Hand bearbeiten. Lateinisch manipulus 
 Manus = die Hand. Plere = fĂŒllen. Die Hand mit einem Werkzeug fĂŒllen. 

(5.) Trauma im Wiederholungszwang

 

Dieser Zwang zu einer Wiederholung ist also eine wichtige und oft auch richtige Methode, wenn unsere Psyche „etwas Negatives“ nicht bewĂ€ltigen konnte. Die Steigerungsform von „etwas Negativem“ ist ein Trauma. ErfĂ€hrt jemand ein Trauma und kann die Psyche dieses nicht verarbeiten, dann beobachten wir sehr oft eine katastrophale Neigung zur Retraumatisierung.

Was ist mit Retraumatisierung gemeint? Durch Forschung wissen wir, dass sich traumatisierte Menschen spĂ€ter besonders hĂ€ufig oft wieder in Ă€hnlich ĂŒberwĂ€ltigende und / oder gefĂ€hrliche Situationen begeben. FĂŒr einen Außenstehenden Dritten mag dies völlig verrĂŒckt erscheinen – sich immer wieder in die gleichen gefĂ€hrlichen VerhĂ€ltnisse zu begeben. Dahinter steckt aber ein tieferer Sinn. Er zeigt, wie unsere Psyche lernt, mit solchen – zuerst einmal nicht verstandenen Situationen – umzugehen. Denn weil das Trauma fĂŒr die verwundete Psyche immer noch unbegreiflich ist kann es nicht so einfach von ihr losgelassen werden. Das „ungreifbare“ muss doch irgendwie auf irgendeine Art und Weise „losgelassen“ werden können.

Wie versucht die Psyche nun loszulassen?

Indem immer wieder diese traumatische Situation aufgesucht wird, versucht sie das alles irgendwie durch ein agieren / ein Handeln zu verstehen. Und da sind wir wieder bei der Lernformel unserer Psyche: Agieren / Handeln um Dinge zu verstehen wofĂŒr sie noch keine Worte oder noch keine Gedanken hat. Wenn sich jemand spĂ€ter dann von solchen gefĂ€hrlichen Situationen oder Personen distanziert, dann können wir bereits einen wichtigen psychischen Lösungsprozess im BewĂ€ltigen des Traumas erkennen – er ist „auf dem Weg der Besserung“.

Der Wiederholungszwang ist jedoch nicht das einzige Werkzeug welches unserer Psyche zur VerfĂŒgung steht, um so schreckliche Erlebnisse wie ein Trauma zu verarbeiten. Da gibt es nĂ€mlich noch eine Steigerung und zwar in Form von Flashbacks.

Flashbacks – das sind sich extrem real anfĂŒhlende Vorstellungen innerhalb derer man sich genau so fĂŒhlt, als wĂ€re man wieder in der gleichen traumatisierenden Situation. Auch hier versucht unser Unbewusstes, das Unbegreifliche nicht zu vermeiden (wie man das als Außenstehender vermuten wĂŒrde) sondern das Unbegreifliche fast schon zwanghaft offensiv zu wiederholen.

EinschrĂ€nkend mĂŒssen wir im Falle von Flashbacks jedoch sagen, dass hier fast kein psychischer Lernraum mehr bleibt zum Begreifen. Flashbacks sind oft die EingangstĂŒr zum psychotischen Erleben und verhelfen selten zu einer sauberen Verarbeitung des Geschehenen. Sie sollten aber im Rahmen von WiederholungszwĂ€ngen erwĂ€hnt werden. Wie mit Flashbacks im Rahmen umgegangen werden sollte und wie sich unser Gehirn bei Flashbacks und schweren Traumen verĂ€ndert, kannst Du in folgendem Beitrag sehen:

https://werdewiederstark.de/landing-page/beziehungswissen/wie-sich-unser-gehirn-durch-ein-trauma-veraendert/

(6.) Wie aber kann man sich aus dem Teufelskreis lösen?

 

Oder anders gefragt: Wie wird Neues in unserer Psyche möglich??? Erinnern wir uns noch einmal:

Je gefĂ€hrlicher sich eine Situation fĂŒr unsere Psyche anfĂŒhlt und je weniger dieses Erlebnis von ihr verarbeitet werden konnte, desto mehr wird dieses dann spĂ€ter agiert, also an eine andere Handlung oder an eine Person gebunden. Erst wenn nach und nach andere Beziehungserfahrungen gewachsen sind oder wenn ein neuer gedanklicher oder emotionaler Spielraum entstanden ist, erst dann können sich Alternativen fĂŒr die Psyche ergeben.

All diese Wiederholungen unserer Psyche können wir mit einem Blutkreislauf oder dem Sauerstoffkreislauf beschreiben. Wiederholungen sind einfach wie das Atmen unserer Seele 
 sie sind das Leben unserer persönlichen IdentitĂ€t. Auch wenn sie uns oft in merkwĂŒrdige oder ungewöhnliche Situationen bringen, wir können dieses „Verstehen durch wiederholen“ nicht einfach abstellen. Es einfach elementar und bedeutet nicht weniger als unsere seelische Entwicklung.

Durch das Wiederholen und anschließende Verstehen, werden nĂ€mlich neue (Lösungs-) Wege in unserer Psyche geschaffen sind. Nehmen wir das Beispiel des Blutkreislaufs: alte verstopfte Adern werden aufgegeben und neue Adern gebildet. Das Blut kann wieder fließen.

In der Psyche ausgedrĂŒckt: Neue Wege erlernen um altes „Sackgassendenken“ aufzugeben.

 

6.1 Wie funktioniert dies nun in einer Therapie?

Neue Blutbahnen / neue Gedankenbahnen 
. Das ist das Ziel einer Therapie. Solche neuen Erfahrungen können oft jedoch nur dann entstehen, wenn man unter therapeutischer Anleitung noch einmal vorsichtig zu dem schmerzhaften Anfang zurĂŒckgeht – wichtig: therapeutisch gefĂŒhrt und nicht in einem unbewussten Ausagieren des ehemals Geschehenen. Eine Form der Traumatherapie ist es zum Beispiel, dass ein Patient gebeten wird, seine traumatischen Erfahrungen so detailliert wie möglich ein einem handgeschriebenen Brief zu verfassen.  Wichtig ist hierbei die Variante: „handgeschrieben“! Es werden hierdurch mehrere Sinne unseres Gehirns angesprochen. Außerdem wird verhindert, dass wir auf einem „elektronischen Zettel“ Geschriebenes immer wieder löschen können. Es muss sich alles „von der Seele geschrieben“ werden.

In der nĂ€chsten Sitzung liest der Patient dann seinen Brief dem Therapeuten laut vor. Er ĂŒbertrĂ€gt hierdurch sozusagen seine Empfindungen an sein GegenĂŒber. Danach nimmt der Therapeut den handgeschriebenen Brief und liest diesen dem Patienten mit SEINEN Empfindungen ĂŒber das gehörte vor. Es erfolgt eine GegenĂŒbertragung!

Durch diesen Wechsel zwischen Übertragung und GegenĂŒbertragung wird die Möglichkeit einer völlig neuen Sichtweise geschaffen. Viele alte unbewusste Emotionen werden hierdurch gelöst – immer und immer wieder neu besprochen und bearbeitet – und damit bilden sich neue Denk- und Empfindungsbahnen.

Hierdurch lernt der Patient, dass er ĂŒber sein eigenes Erleben wieder eine Art Handlungsvollmacht / Denkvollmacht bekommt. Durch diese fĂŒr ihn völlig neue Denkvollmacht, kann er dann nach und nach das passive Wiedererleben in ein aktives Leben umgestalten – seinen Handlungen neuen seelischen Spielraum verschaffen. 

Eine kleine Zusammenfassung

Wir alle folgen in unserem Leben gewissen WiederholungszwĂ€ngen. Das ist richtig und auch gut so, da wir hierdurch Neues ĂŒberhaupt erst einmal erleben können. Da muss man nicht gleich zu einem Therapeuten rennen 😊

In den allermeisten FĂ€llen hilft es schon, wenn man ĂŒber sich und sein Verhalten in aller Ruhe einmal nachdenkt oder dies mit einem anderen verstrauten Menschen einmal bespricht. Denn wie sagte bereits der österreichische Philosoph Martin Buber (1878-1965): „Man kommt nur ĂŒber das DU zum ICH“. Die Resonanz eines Dritten ist oft sehr hilfreich!

Wenn wir dann bemerken, dass sich bestimmte Themen in unserem Leben immer wieder wiederholen – spĂ€testens dann sollten wir etwas hellhöriger werden 


Ich denke hier ganz besonders an solche die Themen wie:

      • Enden meine Freundschaften oder Beziehungen fast immer auf eine Ă€hnliche Weise?
      • Stecke ich hĂ€ufig immer wieder in der gleichen Gruppendynamik fest?
      • Beschweren sich meine Freunde regelmĂ€ĂŸig ĂŒber eine bestimmte Angewohnheit von mir?
      • Reagiere ich auf bestimmte SĂ€tze anderer vielleicht besonders aggressiv?

Wenn dem so ist, dann liegt an diesen Stellen oft etwas UnbewĂ€ltigtes in der Vergangenheit / ein lebensgeschichtliches Thema noch zur Bearbeitung vor. Auch wenn man fĂŒr die einzelnen Situationen scheinbar sehr vernĂŒnftige ErklĂ€rungen abgeben könnte – wie zum Beispiel:

      • Das kann doch jedem mal passieren
      • Da ist halt vieles auf einmal gekommen
      • Ich bin halt so – das sind bestimmt nur meine Gene 


Die immense Wichtigkeit von Wiederholungen fĂŒr unsere psychische Entwicklung lĂ€sst sich auch daran erkennen, dass wir sie oft lieber ĂŒber uns ergehen lassen, sie förmlich erdulden anstatt sie aufzugeben. Und je unsicherer wir in unserer eigenen IdentitĂ€t sind, umso hartnĂ€ckiger ist der Wiederholungszwang.

 

Wozu sollte uns dieser Beitrag nun animieren?

      1. Wiederholungen sind wichtig und richtig!
      2. Selbst wenn sie uns unsinnig erscheinen, sollten wir alles daransetzen
        1. sie nicht abzutrainieren,
        2. sondern lieber versuchen, sie zu verstehen
        3. um dadurch dann einen seelischen Spielraum fĂŒr etwas Neues zu erschaffen. „Das „Fort-Da-Spiel“ oder das „Kuckuck-Spiel“ im tĂ€glichen Leben trainieren.

Warum passiert das alles immer nur mir? Es passiert dir immer wieder, damit du aus deinen Erfahrungen lernen und neue Wege beschreiten kannst
 Wenn du strukturiert neue Wege lernen möchtest, dann buche dir unter info@borderline-coaching.de ein OrientierungsgesprĂ€ch. Denn: „Was wir heute tun, entscheidet darĂŒber, wie meine Welt von Morgen aussieht!“ 

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Marcus JĂ€hn Werde wieder stark durch CoachingEs sind viele Bereiche, die wir ansprechen können: Angefangen vom Umgang Borderline oder einer anderen belastenden Störung, aber auch ĂŒber Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer hĂ€ufiger in unsere Gesellschaft zu beobachten sind. 

  • Was ist das eigentlich, eine Persönlichkeitsstörung, ein Perfektionismus, ein Spaltung oder eine GegenĂŒbertragung?
  • Kann ich trotz Borderline oder Narzissmus eine stabile Partnerschaft aufbauen und damit ĂŒber Jahre hinweg leben? 
  • Ist eine Kommunikation mit einem Borderliner möglich? Wie hilft hier die U.M.W.E.G.-Methode©? 
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Ich möchte aber nicht nur ĂŒber Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:

  • Eine humorvoll und spielerisch – ja fast tĂ€nzerisch – eingesetzte Gewaltfreie Kommunikation in Kombination mit der von mir entwickelten 
  • U.M.W.E.G.-Methode© und nicht zuletzt die Transaktionsanalyse als Sprachkonzept können helfen, auch in schwierigen Situationen noch kĂŒhlen Kopf zu bewahren. 

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Der Fokus entscheidet …

Martin Seligman (amerikanischer Psychologe), war 1996 PrĂ€sident der APA und bekannt durch seine Studie “erlernte Hilflosigkeit”. 

Seine fast schon stoische Kultivierung von Ressourcen und der Blick auf das Positive sind das Kernmerkmal seiner PERMA-Strategie. Der Fokus liegt hier in der Erforschung von menschlichen Ressourcen, StĂ€rken und Potenzialen und ganz besonders des inneren Wohlbefindens – dem flow… 

Die “Positive Psychologie” ist keineswegs nur ein Thema fĂŒr einzelne Personen. Sie wird an vielen Hochschulen und Unternehmen praktiziert. Aber auch der deutsche Bundestag setzte 2010 die Enquete-Kommission “Wachstum, Wohlstand, LebensqualitĂ€t” und 2008 der damalige französische PrĂ€sident Sarkozy die “Stieglitz-Sen-Fitoussi-Kommission” ein, um alternative Wohlstandsindikatoren zu erforschen. 

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