Was ist eine Persönlichkeitsstörung eigentlich? Ich beobachte schon seit Jahren, dass eine Persönlichkeitsstörung eine Unreife in dem Bindungserleben darstellt.
Ein Kind kommt auf die Welt und lernt erst einmal Bindung, Bindung und nochmals Bindung. Dies habe ich bereits in vielen anderen Beiträgen und Videos bereits erklärt.
Aber was ist das jetzt … diese Reife? Was ist dieser Zustand einer Unreife im Vergleich zur Reife? Reife hat viel mit Konstanz zu tun – der Objektkonstanz. Es ist vergleichbar mit einem ständigen Pendeln um einen Idealzustand herum.
Diese hilft, andere Menschen als Gesamtes zu sehen. Das bedeutet, wenn jemand gerade in diesem Moment sich genervt verhält und negativ drauf ist, dann ist dies jetzt in diesem Moment – kann aber ein paar Minuten später sehr viel entspannter sein. Ein reifer Mensch weiß dies. Wer aber noch in der Unreife ist, der spaltet: indem er sagt, der ist jetzt schlimm er wird immer schlimm bleiben. Oder: er ist jetzt gut zu mir und wird immer gut bleiben. Das ist die oft beschriebene Spaltung.
Sie kommt zum Vorschein, wenn mir jetzt gerade etwas Schwieriges passiert. Dann ist ein reifer Mensch in der Lage zu sagen: „auch das geht vorüber“. Der Unreife aber sagt: „das bleibt alles so“
Es gibt also mindestens drei Reife-Stufen in der Entwicklung einer Konstanz:
Was ist der Grund warum ich diese neue Themenreihe beginne? Neben meinen anderen Psycho-Education-Videos über Themen wie Borderline, Traumabearbeitung und alles, was mit Persönlichkeitsstörungen und deren Dynamiken zu tun hat, stellt sich immer wieder die Frage
Ok, dann bleibt eigentlich nur noch eins übrig 👉 die Philosophie. Und wer meine Beiträge kennt, der weiß, dass ich seit vielen Jahren ein interessierter Freund des Stoizismus bin. Diese philosophische Strömung kam schon zur Zeit der Griechen auf, hatte aber seine Hochphase zur Zeit von Marc Aurel, Seneca, Rufus und anderen wie z.B. Epiktet.
Im ersten Jahrhundert, rund um die Jahrtausendwende bei den Römern, gab es den Epikureismus und den Stoizismus. Und wenn ich das so mal etwas einfacher beschreiben dürfte, natürlich nicht Lehrbuchgerecht, dann haben die Epikureer gesagt: „Solltest du morgen sterben, dann genieße heute das Leben“
Die Stoiker auf der anderen Seite sagten: „Wenn du morgen stirbst (Memento mori – bedenke du bist sterblich) dann richte und ordne noch mal dein Leben“ Stoizismus ist die Philosophie der Disziplin. Stoizismus hilft in der Philosophie einen Menschen in die Lebensreife zu bringen und unterstützt damit auch, die unreifen Persönlichkeitsstörungsdynamiken zu reduzieren.
Unser erstes Thema handelt von dem Wert des Schweigens. Ich fange mal mit einem Zitat von Laotse an: „Der Weise redet nicht – der Redende weiß nicht“. Ein sehr prägnantes treffendes Zitat!
Da gab es 1934 einen Schriftsteller in den Vereinigten Staaten Upton Sinclair. Er bewarb sich um das Amt des Gouverneurs in Kalifornien.
Was hat er gemacht? Kurz vor den Wahlen hat er ein Buch veröffentlicht, das betitelt war „Meine Zeit als Gouverneur“ Er schrieb also retrospektiv für die Zukunft, als wäre er bereits gewählt worden. Das war relativ innovativ, denn er hat eine vollkommen neue Art der Wahlkampagne geführt. Das Ergebnis der Wahl war jedoch ganz anders. Er ist kläglich gescheitert als Gouverneurs-Anwärter, aber sein Buch war ein gigantischer Erfolg. Aber wieso ist er eigentlich gescheitert und was hat dies mit dem Wert von Reden im Vergleich zum Schweigen zu tun?
Einer seiner Wegbegleiter war in Freund von ihm Carey McWilliams. Er schrieb über ihn, dass er den Wahlkampf verlor, weil er sich in diese Politik schon reingeschrieben hat. Für ihn waren seine Worte den Taten vorausgeeilt, er hat geredet und geschrieben und auf einmal war all das was mit dem Amt des Gouverneurs zu tun hatte nicht mehr interessant, Denn schließlich war er ja in Gedanken bereits Gouverneur.
Er hatte das durch sein Reden und Schreiben als vollendete Gegenwart bereits erlebt. Seine Worte waren seinen Taten vorausgeheilt. Sein Wille, die Kluft zwischen dem durch Reden erleben und durch das Leben erleben zu überbrücken war hiermit nicht mehr existent“
Okay die wenigsten Politiker schreiben Bücher, aber sich ihr Handeln im Voraus vorzustellen, dass tun viele – ich denke mal dass ich mich damit nicht auf einem sehr dünnen Eis befinde. Reden geht einfach schneller als Handeln. Und es ist einfach eine Versuchung in den Textboxen von Facebook, Instagram und Co. Schnell mal auf die Frage zu antworten, was man so gerade macht. Oft ist es aber nicht mehr, als nur eine innere Leere aufzufüllen, damit wir überhaupt etwas tun. Dann beschreiben wir uns in den schönsten Farben, wie toll es bei uns doch funktioniert. „Schaut her wie toll ich bin“ Und eigentlich heißt es nur: „Ich habe Angst dass du hinter meine Maske schaust. Denn ich muss ja eigentlich kämpfen und ich habe keine Ahnung wie das Leben geht. Ich bin genauso dumm und schlau jeder andere auch“
Wir sind alle ganz normale, einfache Menschen. Mir geht es mit diesem Beitrag darum, das Reden in seiner Priorität ein wenig nach hinten zu setzen. Denn immer wenn etwas Neues beginnt, dann sind wir aufgeregt, wir sind nervös und wir versuchen, uns in unserem Inneren abzusichern. Dies tun wir aber oft, indem wir über uns so reden, als würden wir bereits handeln.
Lassen wir mal eine Profischreiberin zu Wort kommen. Emily Gold eine Real Life Bloggerin, mit eigenem Verlag und vielen Beiträgen unter anderem in der New York Times. Sie kämpfte immer darum, einen ihrer neuen Romane zu schreiben und dann zu veröffentlichen. Was aber hat sie gemacht, bevor sie ins Handeln kam? Ich zitiere mal sie im Jahr 2010 über sich selber schrieb: „Ich kann mich eigentlich nicht daran erinnern was ich im zurückliegenden Jahr vor der Veröffentlichung meines Romans gemacht habe, Ich scrollte, ich tweete, ich habe eigentlich alles gemacht nur um nicht ins Handeln zu kommen“
Was beschreibt sie hier? Ihre eigene Angst vor ihrem Handlungsprojekt. Sie fühlte sich von dem Schreiben des Romans, von dieser Aufgabe vollkommen überwältigt, sodass sie in eine Ausweichhandlung ging. Sie hat lieber geredet als zu handeln.
Ein Einzelfall? Nein! Der Autor und Künstler Cory Arcangel gab ein Buch mit dem Titel „Working on my Novel“ heraus, das nur davon handelt, wie Schriftsteller einfach immer nur gepostet, gepostet und nochmals gepostet haben ohne in ihr Handeln / das Schreiben ihres Buches zu kommen.
Sören Kierkegaard, der dänische Schriftsteller, also ein Schreiber, war ein entschiedener Feind von Zeitungen und diesem, wie er es sagte Geschnatter und Geplapper. Kierkegaard sagte, dass dieses bloße Geschwätz wirklich echtes tiefes Reden nur verhindert. Reden schwächt das Handeln, indem es das Handeln vorwegnimmt und das ist eigentlich Hinterhältige.
Wir alle können ja reden. Jedes Kind kann reden. Wir alle tratschen, wir ratschen und die meisten Leute verstehen sich auf dieses verkaufen, kaufen. Das anpreisen und all die anderen Formen von Werbung.
Was auf der anderen Seite aber immer seltener wird, ist das Schweigen. Also das Schweigen! Die bewusst eingesetzte Fähigkeit, sich aus einem Gespräch aus einem Dialog herauszuhalten, ohne dass man auf die Bestätigung auf das Lob und die Achtsamkeit der anderen warten muss. Ich habe mal den Satz gelesen: „Schweigen ist die Zuflucht, die Trutzburg der Starken und der Selbstsicheren.”
Da gab es mal einen legendären Baseballspieler namens Bo Jackson. Er war auch American-Football-Spieler in der National Football Leage. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, dass er eine gewisse Trophäe gewinnen wollte, Und zwar als erster Spieler in der NFL-Draft. Was denkst du wie vielen Menschen hat er davon erzählt? Niemanden außer seiner Partnerin. Und genau das nennt man strategische Flexibilität. Das ist der Vorteil des Schweigens.
Der berühmte griechische Philosoph Hesiod (ca. 700 v.u.Z.) sagte: „Der wohl größte Schatz eines Menschen ist seine gezähmte Zunge.“ Das hat einen tiefen inneren Wert, weil wenn wir reden, verbrauchen wir unsere strategische Energie. Reden und handeln greifen auf dieselben Ressourcen zurück. Und wenn ich rede, dann entziehe ich der Ressource Handeln ihre Kraft.
Es gibt tatsächlich eine Anzahl an Studien, die belegen, dass das vorherige Reden und Visualisieren eines Projektes zwar sehr wichtig ist, aber ab einem gewissen Punkt hinaus fängt unser Geist an, dieses intensive Visualisieren und sprachliche Vorwegnehmen mit dem eigentlichem Wort Fortschritt zu verwechseln.
Wir diskutieren, wir planen uns oft zu Tode und genau das gilt auch fürs Reden. Bereits laute Selbstgespräche während der Arbeit, wenn man an schwierigen Problemen arbeitet, reduzieren nachweisbar unsere Erkenntnisse und reduzieren die Wirkung unseres Handels.
Je mehr Zeit wir damit verbringen über unsere Pläne unsere Ziele unsere Aufgaben nachzudenken, je mehr Zeit wir damit verbringen sie zu erklären, je mehr wir mit anderen darüber reden umso näher fühlen wir uns dann diesen Lösungen und wenn dann Probleme auftauchen, neigen wir dazu die Flinte ins Korn zu werfen weil wir Meinung sind wir hätten es schon getan. Aber natürlich haben wir es nicht getan, sondern wir gaukeln unserem Gehirn vor, dass wir es bereits gemacht hätten. Reden raubt uns die notwendige Kraft um unsere inneren Widerstände, Ängste zu überwinden oder um ein größeres Ziel zu erreichen.
Da gab es einen tollen amerikanischen Schauspieler namens Marlon Brando (1924 bis 2004, Filme Der Pate). Er war ein sehr schweigsamer Zeitgenosse. Er sagte einmal, dass die innere Leere für die allermeisten Menschen erschreckend sei. Es fühlt sich fast so an, als würde die Leere, das Schweigen uns angreifen, unsere eigene Existenz in Frage stellen – besonders, wenn wir uns von unserem Ego über Jahre hinweg haben belügen lassen, wir eine Maske getragen haben.
Die Frage ist nun: „Kann ich mich dieser Herausforderung des Schweigens wirklich stellen?“
Eine kleine Motivation könnte sein, dass die Stimme einer Generation niemals laut ist. Die Stimme einer Generation ist immer leise, egal ob es sich dabei um ein Lied, ein Buch, eine Rede handelt. Wirklich verändernde Dinge haben immer leise aber inhaltlich stark konzentriert begonnen.
Ja, eine Traumatherapie braucht das Reden, das Erinnern, das Narrativ. Aber in diesem Beitrag geht es nicht um traumatische Ereignisse in der Vergangenheit. Das Motto „Reden ist Silber – schweigen jedoch Gold“ zielt darauf ab, aus dir eine immer bessere, eine optimiertere Version zu gestalten.
Darum: Achte immer darauf, was du redest. Verschließe dieses „Loch in deinem Gesicht“, denn Reden zieht Lebenskraft von dir ab. Das Schweigen hingegen ist die Zuflucht der Starken. Schweigen – also nicht reden – das ist der eigentliche, der größte Schatz eines Mannes. Erinnere dich nochmal an die Zitate des Philosophen Hesiod „Eine gezähmte Zunge ist der größte Schatz eines Mannes“ und der Gedankengang ganz am Anfang von Laotse: „Der Weise redet nicht, der Redende weiß nicht.“
Weitere Folgen im Bereich Philosophie – vor allen Dingen zum Thema Stoizismus werden nun folgen. Denn Philosophie ist die wirkliche, die natürliche, die humane Intelligenz und damit die Gegenantwort auf die immer stärker aufkommende künstliche Intelligenz. Die Philosophie ist gewissermaßen das Sammelbecken der menschlichen Weisheit, des menschlichen Denkens.
Massimo Pigliucci ist Professor für Philosophie am City College of New York.
Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, da es sehr praxisorientiert geschrieben ist. Besonders die “Dichotomie der Kontrolle” – also das was ich kontrollieren kann im Gegensatz zu den Dingen die ich loslassen muss, haben mich persönlich sehr berührt.
Weitere hilfreiche Gedankenansätze sind die drei Disziplinen des Stoizismus, der Umgang mit Emotionen oder auch die Rolle der Achtsamkeit und Präsenz.
Im letzten Teil des Buches stellt Pigliucci 12 praktische stoische Übungen vor, die einem helfen, die stoischen Prinzipien aktiv im Lebensalltag zu verankern wie z.B. Gleichmut üben und Reden ohne zu urteilen.
Es sind viele Bereiche, die wir hierbei ansprechen können: Angefangen vom Umgang mit Angststörungen oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Paartherapie, Selbstverwirklichung und Transzendenz.
Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:
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