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Borderline

Selbstmord: ist keine (!) Lösung  

Warum dennoch viele am Leben verzweifeln

Selbstmord ist keine Lösung - Teil 2„Kein Selbstmord gleicht einem anderen. Jeder ist etwas Eigenes, er ist unvergleichlich mit anderen und immer stellt er etwas schrecklich EndgĂŒltiges dar.“ Ein japanischer Schriftsteller (sein Name war Akutagawa) schrieb einmal: „Das Leben ist ein Leiden.“ Danach beging er seinen Selbstmord. Das fĂŒhlt sich so endgĂŒltig, fokussiert und auch zielbewusst an. Aber 
 vorher schrieb er auch die reflektierenden Worte: „NatĂŒrlich möchte ich nicht sterben, aber
“ So wie dieser Schriftsteller wollten viele Selbstmörder ihrem Leben eigentlich kein (!) Ende setzen. Das was diese Menschen wirklich wollten war vielmehr, „ihre Lebenssituation zu beenden“, so ein Professor der Psychologie. Zu solch einem Schluss kommt man, wenn man die vielen Abschiedsbriefe der Selbstmörder liest.

Da findet man Formulierungen wie „Ich konnte dieses Leben einfach nicht mehr lĂ€nger ertragen“ oder „Warum soll ich ĂŒberhaupt weiterleben?“ Und das alles macht diesen verzweifelten Wunsch, der harten, unbarmherzigen und rauen Wirklichkeit des Lebens zu entkommen mehr als deutlich. Solch eine Selbstmordhandlung wurde mal in einem therapeutischen Nachschlagewerk folgendermaßen verglichen: Selbstmord zu begehen ist in „etwa so, als wĂŒrde man einer ErkĂ€ltung mit einer Atombombe zu Leibe rĂŒcken“ – sicherlich ein recht krasses Bild was hier gezeichnet wird.

Die GrĂŒnde, warum ein Mensch letztendlich Selbstmord begeht, sind zwar immer persönlich, einzigartig und auch unterschiedlich, doch im Allgemeinen gibt es doch eine ganze Reihe bestimmter Muster und Regeln von Erlebnissen und UmstĂ€nden die den letzten Anstoß zum Suizid geben.

Das Ziel welches ich mithilfe dieses zweiten Beitrages zu diesem verfolge ist folgendes: Dies ist ja ein psychoedukativer Kanal – besonders im Hinblick auf Persönlichkeitsstörungen.

Ich möchte aufklĂ€ren ĂŒber

      1. Die SuizidalitĂ€t besonders – ihre HĂ€ufigkeit bei Borderline
      2. Die Risikofaktoren
      3. Aktuelle Therapien

Eine kleine Zusammenfassung schon mal vorab: Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine Persönlichkeitsstörung, die uns immer hĂ€ufiger begegnet und in Zukunft noch deutlich stĂ€rker werden wird. (ICD10 – F60.31) Bei Borderline ist die SuizidalitĂ€t – die Suizidversuche und die durchgefĂŒhrten Suizide nicht nur

      • Ein Diagnosekriterium der Borderline-Persönlichkeitsstörung
      • Nein, es ist auch wĂ€hrend der Therapie ein ganz wichtiger Faktor, der alle TherapieansĂ€tze massiv verkompliziert.

Langzeitstudien haben als Suizidrate bei Borderline-Patienten eine Suizidrate von 3 bis 10% ergeben. Solch eine hohe Rate ist höchsten noch vergleichbar mit Patienten mit einer schweren depressiven Erkrankung. 
Im Vergleich dazu einmal die Zahlen mit der Gesamtbevölkerung: 2020 gab es in Deutschland 9206 gemeldete Suizide. Dies ist bei einer aktuellen Bevölkerung von 83.240.000 Einwohnern eine Quote von 0,011 %. WĂŒrden sich „nur“ 3% von 83.240.000 Einwohnern suizidieren, dann sprĂ€chen wir von ca. 2,5 Millionen Toten.

Manch einer könnte jetzt – teilweise auch zu Recht – einwenden: Was ist denn mit diesen vielen – bei Borderlinern sichtbaren – manipulativen und appellativen Suizidversuchen die gar nicht durchgefĂŒhrt werden, sondern dass sind was schon ihr Name sagt: Ein Appell / ein Hilferuf / ein Schrei nach: „Bitte sieh mich doch 
 Ich bin auch noch da
“? Ja, der Borderliner neigt wirklich aufgrund seiner manipulativen Persönlichkeitsstruktur massiv dazu, mit seinen Appellen an seine Umgebung heranzutreten. Und merkst du was? Es ist nicht umsonst, dass die Borderline-Therapie als die Königsdisziplin in den Therapien bezeichnet wird.

Die Risikofaktoren fĂŒr eine erhöhte Bereitschaft zum Selbstmord sind u.a.

      • ZusĂ€tzlich eine Depression (Major Depression Episode MDE)
      • Suchterkrankungen
      • Belastende negative plötzlich auftretende Lebensereignisse / Traumen und
      • Sexueller Missbrauch in der Vergangenheit.

Bei den Therapien von Borderline – unter BerĂŒcksichtigung der SuizidalitĂ€t – können wir fĂŒr den aktuellen Stand sagen, dass

      • (1) zuallererst einmal die Krisenintervention und
      • (2) danach die direkte Behandlung der SuizidalitĂ€t absoluten Vorrang innerhalb des Therapierahmens darstellen.

Am besten eignen sich hierbei die Therapieformen der

      • dialektisch behavioralen Therapie (DBT) von Marsha Linehan
      • die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) von Aaron Beck
      • und die Psychodynamische Therapie die auf den theoretischen Grundlagen der Psychoanalyse von Sigmund Freud beruht.

Alle aktuellen durchgefĂŒhrten Studien zeigen, dass diese Methoden recht hilfreich sind, die SuizidalitĂ€t wirksam zu bekĂ€mpfen. 

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die pharmakologischen Studien mit den bekannten

      • Antidepressiva
      • Atypischen Neuroleptika
      • Stimmungsstabilisierer (Mood Stabilizer / Phasenprophylaktika)
      • Und nicht zuletzt aber im Alphabet jetzt erst kommend: die Opiatantagonisten die den Rezeptor fĂŒr Morphin und andere Opiate blockieren und damit eine entspannende und euphorisierende Wirkung haben.

Was ist das, SuizidalitĂ€t?Du siehst, wir haben fĂŒr diesen Beitrag folgende Hauptpunkte:

      1. Was ist SuizidalitÀt
        1. Wie stark ist sie verbreitet?
      2. Was sind die Risikofaktoren?
        1. Begleiterkrankungen wie z.B.
          1. Depressive Episoden
          2. Substanzmissbrauch
        2. Negative Lebensereignisse
        3. Sexueller Missbrauch in der Vergangenheit
      3. Welche Therapie ist wann die Richtige?
        1. Krisenintervention
        2. Psychotherapien
        3. Medikamente / Pharmakotherapie 

SuizidalitÀt: ein Kriterium der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Wenn wir uns zur Wiederholung nochmal die 9 Kriterien fĂŒr Borderline anschauen, dann sehen wir das Kriterium Nr. 5 Wiederkehrende Suizidandrohungen, Suizidversuche und selbstschĂ€digendes Verhalten.

SuizidalitĂ€t ist gestörte BindungsfĂ€higkeitSuizidalitĂ€t ist und bleibt ein wichtiges Merkmal / Kennzeichen in der Diagnose von Borderline und das sowohl im ICD10 (dem Katalog fĂŒr Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation) als auch im DSM 5 dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (Herausgegeben von der APA).

SuizidalitĂ€t ist aber nicht nur eines von 9 Kriterien bei Borderline. Seit man diesem PhĂ€nomen strukturiert auf der Spur ist, ist dieses Verhalten als ein deutlich erkennbarer Anteil der Borderline-Persönlichkeitsstörung in den wissenschaftlichen Studien erkannt und beobachtet worden. Also nicht nur nebenbei aufkommend, sondern es hat eine zentrale Bedeutung! Charles Sanislow (Professor fĂŒr Neurowissenschaften und Psychopathologie), Carlos Grilo (Professor fĂŒr Psychiatrie und Psychologie in den USA) und Doktor Thomas McGlashan (leitender PrĂŒfarzt fĂŒr Schizophrenie, Psychiater in Yale)

Diese drei Forscher publizierten im Jahre 2000 eine „Drei-Faktoren-Lösung fĂŒr die Borderline-Persönlichkeitsstörung um im stationĂ€ren Bereich wirksam das Thema SuizidalitĂ€t anzugehen.

Als Ergebnis prĂ€sentierten sie die drei Hauptkriterien anhand deren man Borderline maßgeblich erkennen könne:

      1. ImpulsivitÀt und SuizidalitÀt oder selbstschÀdigendes Verhalten
      2. Affektive Dysregulation
      3. Gestörte BindungsfÀhigkeit

Lass uns mal in den kommenden Minuten nur auf den ersten Punkt konzentrieren: das suizidale Verhalten. Die Definition von SuizidalitÀt und die SelbstschÀdigung.

SuizidalitÀt ist nicht automatisch ein Selbsttötungsversuch! Wir unterscheiden hier grundsÀtzlich erst einmal drei voneinander zu trennende Stufen:

      • Was ist das, SuizidalitĂ€t?Die Idee / Der Gedanke an einen Suizid
      • Der Versuch, einen Suizid zu begehen
      • Der Vollzug eines Suizids.
  • (1) Der Gedanke / die Idee vom Suizid:

Es ist erst einmal das reine Nachdenken ĂŒber den eigenen Tod, der Wunsch Tod zu sein und dann noch die suizidalen Ideen im engeren Sinne.

Diese suizidalen Ideen im engeren Sinne sind dann die ganz konkreten GedankengÀnge wie:

      • „Wie kann ich mich umbringen?“
      • „Ich möchte mich ganz konkret umbringen“
      • „Ich habe einen Strick und den könnte ich ja auch gebrauchen“

Wohlgemerkt, es ist der Gedanke, ohne (!) eine Handlungsfolge danach.

  • (2) Der Suizidversuch / im Englischen als Parasuizid bezeichnet

Dieser Begriff rund um das Thema wurde in den 1980er Jahren von der WHO sehr ausfĂŒhrlich bearbeitet und auch publiziert. Im deutschen wird dieser Bereich „Suizidversuch“ folgendermaßen beschrieben: „Der Suizidversuch ist eine Handlung mit nicht tödlichem Ausgang, bei der jemand absichtlich ein nicht habituelles Verhalten beginnt (habituell = eine Gewohnheitshandlung). Dieses Verhalten wĂŒrde – wenn kein Dritter eingreifen wĂŒrde – zu einer SelbstschĂ€digung fĂŒhren. Oder aber er nimmt absichtlich etwas ein, was in seiner Dosis das Ziel hat, Konsequenzen zu bewirken.“

Was hier etwas kryptisch beschrieben wird bedeutet einfach gesagt: Es ist der Versuch, sich selbst zu schĂ€digen ABER nicht zwangslĂ€ufig und nicht absichtlich sich selbst zu töten! Das ist ein wichtiger Faktor! Der Wunsch zu sterben ist hier nicht vorherrschend
 Vielmehr ist es der Wunsch nach einer VerĂ€nderung Ă€ußerer UmstĂ€nde.

Damit sind erst einmal die einmaligen und stĂ€rkeren Handlungen beschrieben. Jetzt kommt aber noch eine andere Handlungsgruppe hinzu: die des „schleichenden Verletzens“ oder wie ein Mediziner diesmal etwas drastischer ausgedrĂŒckt hat: „die verzögerte Selbsttötung.“

Darunter fallen solche Handlungen wie z.B.

      • Alkoholmissbrauch, Drogen- und / oder MedikamentenabhĂ€ngigkeit
      • Magersucht
      • Vielleicht auch besonders riskante SportaktivitĂ€ten die ganz bewusst ein hohes Lebensrisiko mit sich bringen. Ich denke hier an Hochgeschwindigkeitsrennen, Drachenfliegen, Extrembergsteigen, Highspeed Skifahren ect


Diese Handlungen unter dem Thema „Suizidversuch“ aufzufĂŒhren ist nicht ganz sauber und du erkennst, wie schwer es in der RealitĂ€t doch ist, Handlungen voneinander klar und deutlich abzugrenzen. Warum diese aber dennoch unter dem Oberbegriff „Suizidversuch“ stehen, hat mit der Annahme einiger Wissenschaftler zu tun, die vermuten, dass hinter all dem der versteckte / und fĂŒr den Beteiligten der nicht bewusste Todeswunsch steht. Andererseits fehlt hier dann aber auch der aktive / bewusste Wunsch sich umzubringen
 Warum diese ganzen Überschneidungen? Der Hintergrund liegt in dem Abgrenzungs-Katalog der WHO. Sie hat nĂ€mlich keine konkrete Aussage beim Thema Suizidversuch im Hinblick auf das Motiv. WĂŒrde das geklĂ€rt sein, wĂ€re auch hier mehr Klarheit.

  • (3) Kommen wir zum Suizid.

Suizid ist ganz kurz und knapp der leider bis zum Ende durchgezogene Suizidversuch mit abschließendem Suizid.

Ein Thema muss in diesem Zusammenhang aber doch noch etwas nÀher besprochen werden: Die SelbstschÀdigung! SelbstschÀdigung ist ein absichtliches Verletzen des Körpers / des Körpergewebes.

Solche absichtlichen Verletzungen sind u.a.

      • Ein sich schneiden / bzw. schnippeln – umgangssprachlich auch als „Ritzen“ deklariert.
      • Sich Verbrennungen zufĂŒgen oder auch
      • Das Spritzen von Substanzen in das Körpergewebe um sich absichtlich eiternde Wunden zuzufĂŒgen die teilweise sogar zu einer Nekrose (einem Absterben des Gewebes) fĂŒhren.

 Suizidversuche und Selbstverletzungen haben eine große gemeinsame Schnittmenge und können leicht miteinander in einem Atemzug genannt werden. Aber: Wir mĂŒssen diese beiden Themen klar und deutlich voneinander trennen! Ein Suizidversuch setzt – wenn man es ganz genau nimmt – den klaren Wunsch voraus: „Ich möchte sterben“. Dieser Wunsch kann schwach aber auch sehr stark ausgebildet sein.

Die SelbstschĂ€digung ist grundsĂ€tzlich erst einmal frei von dem Wunsch zu sterben – auch wenn es manchmal dermaßen schiefgehen kann, dass jemand an seinen Selbstverletzungen doch noch verstirbt. Dies ist bei der „klassischen Selbstverletzung“ aber ausdrĂŒcklich nicht (!) der Wunsch! Jetzt kommt noch ein etwas verstörender Satz – der aber durch die Wissenschaft und Forschung klar unterstĂŒtzt wird:

Unter gewissen UmstĂ€nden dient das selbstverletzende Verhalten sogar als ein Schutzmechanismus gegen einen Suizidversuch – wie ein Entlastungsventil / ein Überdruckventil beim Kochtopf
 Lass dies einfach mal so im Raum stehen. Es drĂŒckt einfach die unglaubliche Lebensverzweiflung dieser Menschen aus.

1.1 Was sagen die Zahlen und die Statistik?

Es gibt hier bereits einige Studien die wir zu Grunde legen können. Was sagen diese aus? Ich habe mal 6 Studien exemplarisch rausgezogen um einen kleinen Überblick ĂŒber die aktuelle Sachlage zu geben. NatĂŒrlich ist dies nur ein kurzer Querschnitt und soll keine AllgemeingĂŒltigkeit einfordern:

      • Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sind mit 9% bis 33% eine der allergrĂ¶ĂŸten Gruppen im Bereich der Suizide.
        Warum wurde vorhin aber von 3% bis 10% gesprochen? Zum einen waren dies die Langzeitstudien. Zum anderen spĂŒrst Du vielleicht die Problematik, im Nachhinein die Handlungen mit diesem endgĂŒltigen Charakter richtig einzuordnen:
        War es nun ein Unfall, UnglĂŒck oder eine klare Tötungsabsicht?
      • Eine Gruppe Mediziner untersuchte die Zahlen anhand von Krankenakten von den Personen, die eine Notaufnahme in einem Allgemeinkrankenhaus mindestens 4 mal im Jahr aufsuchten. Bei den allermeisten wurde hier eine Borderline-Persönlichkeitsstörung medizinisch diagnostiziert.
      • Wie schwerwiegend Borderline mit Suizid zusammenhĂ€ngt zeigt eine Studie aus Schweden. Sie untersuchten Patienten mit einer Dauerbehinderung welche zusĂ€tzlich eine psychiatrische Erkrankung aufwiesen. Ihre erschĂŒtternde Grundaussage: Die Diagnose Borderline ist der stĂ€rkste und wirkungsvollste Hinweis auf einen möglichen Suizid

      • Untersuchungen mit Borderline-Patienten zeigten, dass bei 60-78% aller Personen mit dieser Diagnose bereits Suizid in der Vergangenheit ein klares Thema war.
      • Eine andere Studie untersuchte Menschen, welche wegen eines Suizidversuches in der Notaufnahme aufgenommen wurden.
        Das erschreckende Ergebnis: Diejenigen welche sich wiederholt versucht haben umzubringen, wurden deutlich hĂ€ufiger mit Borderline diagnostiziert als die sogenannten „EinzeltĂ€ter“.
      • Die sechste und letzte Studie welche ich in diesem Zusammenhang einmal zitieren möchte sagt aus, dass es in der Zeit nach einem Krankenhausaufenthalt eines mit Borderline diagnostizierten Patienten ein 3 bis 10%iges Lebenszeitrisiko fĂŒr Suizid gibt. Das Alter mit der höchsten Suizidrate liegt bei ca. 20 bis 30 Jahren. Warum? Aller Wahrscheinlichkeit nach schwĂ€chen sich die Affekte (nicht die Störung!) bei zunehmendem Alter etwas ab. Aber das sind immer noch lediglich Vermutungen.

Diese 6 unterschiedlichen Studien zeigen eins deutlich: Borderline und Suizid sind viel hÀufiger und enger miteinander verbunden, als es auf den ersten Blick zu sein scheint. Und weil dem so ist, sollten wir auch einen genaueren Blick auf dieses Thema werfen.

(2) Was sind die Risikofaktoren?

Risikofaktoren fĂŒr SuizidalitĂ€tDas Wort Risiko ist ein altitalienisches Wort: „risco“. Dies bedeutete in der alten Seeschiffart eine Klippe. Risiko bedeutet also nicht, dass die Gefahr unvermeidbar oder unabwendbar ist. Die Gefahr ist aber da!

Lass uns mal drei große Bereiche als Risikogebiete voneinander abgrenzen:

      1. Begleiterkrankungen
        1. Die Depression (Major Depression Episode / MDE)
        2. Drogenmissbrauch
      2. Negative Lebensereignisse / Traumatische Erlebnisse
      3. Sexueller Missbrauch

2.1. Begleiterkrankungen / KomorbiditÀten

Borderline ist fĂŒr sich betrachtet schon eine starke psychische Belastung – ein „dickes Brett was zu bohren ist“. Und ja, wenn eine weitere psychische Störung zusĂ€tzlich noch auftritt, dann erhöht sich durch diese Mehrbelastung logischerweise auch das Risiko fĂŒr einen Suizid / einen Suizidversuch.

2.1.1. Die Depressive Episode (ICD10 F32

Wer an Borderline und zusĂ€tzlich an einer Depressiven Episode leidet, der hat ein deutlich höheres Risiko fĂŒr Suizid oder einen Suizidversuch. In einer Studie wurden einmal drei Gruppen untereinander zu diesem Thema hin verglichen:

      • Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und einer Depressiven Episode
      • Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ohne eine depressive Episode und zum Schluss
      • Patienten mit einer akut vorliegenden alleinigen Depressiven Episode

Die erste Gruppe – also die Borderliner mit einer Depressiven Episode hatten deutlich mehr Suizidversuche aufzuweisen als die beiden anderen Gruppen. Sie besprachen und planten auch deutlich hĂ€ufiger einen Suizidversuch! Dies zeigt die enorme Mehrbelastung durch Depression auf Borderline. In einer parallelen Studie wurden dann beobachtbare Muster von Suizidversuchen von Borderlinern mit einer Depressiven Episode mit denen verglichen, die eine Depressive Episode ohne Borderline aufwiesen. Das Ergebnis kannst du Dir sicherlich bereits denken: die erste Gruppe – also die Borderliner inkl. einer Depressiven Episode – hatte

      1. eine deutlich höhere Anzahl an Suizidversuchen vorzuweisen und
      2. diese Verzweiflungstaten wurden zudem auch in sehr viel jĂŒngerem Alter durchgefĂŒhrt.

Eine weitere traurige Erkenntnis ist noch folgende: Die Tödlichkeit dieser Versuche waren bei den Borderlinern mit einer Depressiven Episode klar und deutlich höher als bei den anderen Gruppen. Wir sprechen hier von einem wirklich gefĂ€hrlichen Doppelpack, wenn jemand sowohl eine Persönlichkeitsstörung als auch eine Depressive Episode aufweist. Und leider werden diese FĂ€lle in jĂŒngster Zeit immer stĂ€rker beobachtet. Wir gehen noch spannenden Zeiten entgegen


  • 2.1.2 Drogenmissbrauch / Substanzmissbrauch

Der Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung liegt leider auch beim suizidalen Verhalten klar auf der Hand
 Patienten, die beide Störungsbilder aufzeigen, haben einen deutlich stĂ€rkeren Hang zum Suizid, sprechen auch hĂ€ufiger ĂŒber dieses Thema und zeigen ein klar erkennbares selbstverletzendes Verhalten. Klarer als diejenigen die „reine Borderliner“ ohne eine weitere Begleiterkrankung sind.

Eine recht interessante Studie aus dem Jahre 2006 zeigte ein weiteres Detail – welches aber noch durch andere / vor allem grĂ¶ĂŸere Studien belegt werden muss: Junge Erwachsene (unter 30 Jahren) mit einer Borderline-Störung und zusĂ€tzlichem Alkoholmissbrauch zeigten keinen grĂ¶ĂŸeren Unterschied in ihrer Neigung zu einem Suizid als die Kontrollgruppe von Borderlinern ohne Alkoholmissbrauch. Deutlich anders war es aber in der Altersgruppe darĂŒber. Da stieg die Suizidrate bei denen mit einem begleitenden Alkoholmissbrauch dramatisch an.

  • 2.2. Negative Lebensereignisse / traumatische Erlebnisse

Ein ganz anderes trauriges Thema sind die negativen Erfahrungen im Leben eines Borderliners. Manchmal erscheint es fĂŒr einen Außenstehenden als wĂŒrden diese Menschen die Probleme geradezu magisch anziehen – so wie das Licht die Motte. Und ganz so abwegig ist das ja auch nicht, wenn man sich den Kriterienkatalog fĂŒr eine Borderline-Persönlichkeitsstörung einmal in aller Ruhe ansieht.

      • Verzweifeltes Alleinsein verhindern
      • Wechsel zw. Instabilen / intensiven Beziehungen
      • IdentitĂ€tsstörungen
      • ImpulsivitĂ€t in mind. 2 selbstschĂ€digenden Bereichen
      • Wiederkehrende Suizidandrohungen, -versuche, selbstschĂ€digendes Verhalten
      • Affektive InstabilitĂ€t
      • Chronisches GefĂŒhl der Leere
      • Unangemessene Wut / UnfĂ€higkeit die Wut zu kontrollieren
      • (Stressbedingte) temporĂ€re paranoide Vorstellungen / dissoziative Symptome

All diese Kriterien zeigen recht klar, dass solche Menschen viel hĂ€ufiger als andere im Leben anecken – obwohl sie das eigentlich nicht möchten. Und diese dann erlebten negativen Lebensereignisse / diese Traumen erhöhen deutlich das Risiko fĂŒr Suizidhandlungen bei den betroffenen Borderlinern.  

Eine Forschergruppe untersuchte z.B. den Einfluss von akuten Lebensereignissen und die soziale Anpassung bei Patienten

      • mit einer Depressiven Episode (MDE}
      • mit Borderline- Persönlichkeitsstörung
      • und mit Patienten die beides hatten.

Sie fanden dabei heraus, dass die Suizidenten deutlich mehr negative Erfahrungen hatten als der Rest der untersuchten Personen. Über welche Lebensereignisse / welche Traumen reden wir hier ĂŒberhaupt? Es sind vor allem finanzielle und familiĂ€re / also zwischenmenschliche Katastrophen die einen solchen Menschen aus der Bahn werden.

Wir reden hier ĂŒber eine unregelmĂ€ĂŸige Arbeit, finanzielle Probleme, Leben auf der Straße ohne festen Wohnsitz Strafrechtliche Verurteilungen. Die traurige Wahrheit ĂŒber die VulnerabilitĂ€t / die Verletzbarkeit dieser Menschen drĂŒckt sich wohl kaum besser in folgender Zahl aus: Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und einer niedrigeren Bereitschaft fĂŒr eine soziale Anpassung hatten laut einer Studie eine 16- mal höhere Wahrscheinlichkeit fĂŒr einen Suizidversuch als jemand der „nur“ an einer Depressiven Episode litt.

In einer anderen Forschungsgruppe untersuchte man im Jahr 2003 verschiedene Typen von Lebensereignissen bei suizidalen jungen Erwachsenen

      • Die einen diagnostiziert mit einer Borderline-Störung,
      • andere mit einer Depressiven Episode
      • und als dritte Gruppe Jugendliche ohne eine suizidale Vorgeschichte.

Diejenigen mit suizidalem Verhalten berichteten von deutlich mehr erlebten Traumen und viel mehr körperlichen Misshandlungen im Jahr vor dem letzten Suizidversuch als die Gruppe ohne Suizidversuche.

Sexueller Missbrauch war besonders bei den Borderlinern ein deutliches Thema. Deutlicher als in den anderen Gruppen.

  • 2.3. Sexueller Missbrauch (T74.2 nach dem ICD10)

Die traurige Nachricht hierbei ist, dass die Diagnose Borderline fast immer durch folgende drei „UmstĂ€nde“ Einzug in das Leben eines kleinen Kindes findet:

      • Misshandlung
      • Missachtung
      • Missbrauch / sexueller Missbrauch

Missbrauch wird lateinischen „abusus“ genannt. Es ist ein Gebrauch von Dingen oder auch von Menschen entgegen aller Regeln oder auch aller Normen. Im Strafgesetzbuch finden wir den §177 der all das regelt. Trotz dieser Gesetze findet heute immer noch dieser Übergriff in ĂŒbergroßer Zahl statt. Im Jahr 2019 kamen 15.701 FĂ€lle zur Anzeige. Die Dunkelziffer wird wohl das Mehrfache darstellen

Wenn Du mit diesem Thema irgendwie in Kontakt kommst – egal ob als Betroffener oder dass Du etwas beobachtest – dann nutze das „Hilfetelefon Sexueller Missbrauch“. Dies ist ein kostenloses und anonymes Hilfsangebot unter der Nummer 0800 22 55 530. Leider ist das Thema Borderline auffallend stark – wie bereits schon gesagt – mit dem Thema „Sexueller Missbrauch“ verknĂŒpft. Wie sieht dann das VerhĂ€ltnis zum Thema Suizid aus? Hier sieht es leider Ă€hnlich aus. GemĂ€ĂŸ einer Studie gibt es bei Borderlinern mit einem sexuellen Missbrauch in der Vorgeschichte ein 10-fach höheres Risiko als im Vergleich zu Borderlinern ohne sexuellem Missbrauch. Solch eine VerstĂ€rkung kann und sollte man nicht ignorieren.

Wenn dann noch weitere Faktoren hinzukommen wie z.B.

      • dass die Borderline-Störung stĂ€rker ausgebildet ist (denn auch bei ihr gibt es fließende ÜbergĂ€nge in der IntensitĂ€t)
      • eine zusĂ€tzliche „antisoziale Persönlichkeit“ (F60.2)
      • eine starke Hoffnungslosigkeit (Kombination F92.0 mit F32)
      • eine begleitende Depressive Episode (F32) dann steigt das Risiko sogar noch weiter – fast schon exponentiell – an.

Und noch ein Fakt am Schluss: Je schwerer der sexuelle Missbrauch war / ist, desto schwerer und intensiver sind die Suizidversuche des Betroffenen. Dies wurde in den Studien als direkter kausaler Zusammenhang erkannt, ungeachtet von den anderen genannten Risikofaktoren. 

(Teil 3) Therapien

Wie kommen wir nun aus diesem Dilemma raus? Wir brauchen eine Therapie. Was jedoch ist eine Therapie und unter welchen Voraussetzungen darf diese auch angewandt werden? Das altgriechische Wort „Therapeia“ ist die Grundlage fĂŒr das Wort Therapie. Es hat die Bedeutung von „Dienst, Pflege, Heilung“ Es bezeichnet alles was getan werden kann / alle Maßnahmen um eine Verletzung, eine Krankheit oder auch ein Trauma positiv zu beeinflussen. Um eine Therapie ĂŒberhaupt durchfĂŒhren zu dĂŒrfen, braucht man vorher eine klare Diagnose und die anschließende Beurteilung ob es hierfĂŒr heilende Maßnahmen gibt und ob diese bei der jeweiligen Person auch angewendet werden kann.

Zu den einzelnen Therapieformen habe ich bereits eine kleine Übersicht von 6 verschiedenen Therapien gemacht. Du kannst diese unter folgendem Link die auf Youtube ansehen: https://www.youtube.com/playlist?list=PL0KU6DMweMvWrgi4-ISLBV7BL7gqo8hOc

      • Dialektisch behaviorale Therapie
      • Paar- und Familientherapie
      • StationĂ€re Psychotherapie
      • GesprĂ€chstherapie
      • Katathym Imaginative Therapie
      • Traumazentrierte Psychotherapie

Was ich in diesem Beitrag besonders herausstellen möchte, ist die ganz spezielle Herangehensweise an die SuizidalitÀt bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Denn, wenn das Thema SuizidalitÀt aufkommt, dann ist alles andere erst einmal zweitrangig und muss in den Hintergrund treten.

  • 3.1. Die Krisenintervention

Das Wort Intervention ist das genaue Gegenteil von einer Beratung. Bei einer Intervention wird beherzt zugepackt um einen Missstand schnell und effektiv zu beseitigen. Es ist vielleicht mit unseren körperlichen Reflexen zu vergleichen. Ich weiche reflexhaft einem Gegenstand aus und betrachte danach mit etwas mehr Ruhe ob ĂŒberhaupt eine Gefahr bestanden hat oder nicht. Leider fehlen uns in diesem Bereich immer noch die grĂ¶ĂŸeren empirischen Studien um die Lage besser zu beschreiben. Folgendes können wir aber jetzt schon erkennen:

Die ganz besondere Eigenschaft der SuizidalitĂ€t bei Borderlinern ist deren ImpulsivitĂ€t in ihrem Handeln. Gerade dieses plötzliche, impulsive macht das Verhalten fĂŒr alle Beteiligten so unkontrollierbar / unvorhersehbar. Deswegen ist eine erste GefahreneinschĂ€tzung ganz besonders wichtig, eine Unterscheidung in

      • Ist es eine eher lebensbedrohliche Handlung?
      • Ist es ein eher manipulativer Versuch um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen? (appellatives Verhalten)
      • Oder soll das alles helfen um die gewaltige innere Spannung abzubauen?

Das sind 3 völlig unterschiedliche Ausgangssituationen und du erkennst, dass danach auch komplett von einander unterschiedliche Vorgehensweisen angeraten sind. Z.B. eine stationĂ€re Behandlung in einer Klinik – auch gegen den Willen des Betroffenen. Oder es reicht vielleicht eine ambulante Krisenintervention. Das alles muss sehr schnell in der ersten GefahreneinschĂ€tzung geschehen. HierfĂŒr ist neben dem großen Fachwissen rund um das Thema Borderline auch noch etwas wichtig: Erfahrung! Also das erlernte Fachwissen angewendet in der Praxis.

Erste Hilfe und Notfallhandlungen bei SuizidalitĂ€tNach welchem „Muster“ sollte ein Therapeut vorgehen, wenn man sich einer Akutsituation gegenĂŒbersieht?

      1. Lass dich nicht in das aufgeheizte Klima mit hineinziehen. Abstand und ein kĂŒhler Kopf sind erst einmal PrioritĂ€t.
      2. Ertrage sowohl Provokationen als auch Suiziddrohungen mit Gelassenheit. Das „Drama“ oder diese „Inszenierung einer Katastrophe“ muss zuerst einmal beendet werden indem man den Emotionen die Grundlage entzieht.

Ein Feuer geht am besten und sichersten aus, wenn kein Brennstoff mehr zur VerfĂŒgung gestellt wird.

      1. Meistens kommt jetzt die Phase der VerĂ€rgerung beim Betroffenen Patienten hoch. „Du nimmst mich nicht ernst und darum gehe ich jetzt einen Schritt weiter!“

Hier ist wohl die beste Handlungsalternative dass der Therapeut darauf aufmerksam macht, dass er die Situation als das versteht was sie wohl aller Wahrscheinlichkeit nach aus ist: Ein Appell eine Suche nach UnterstĂŒtzung nach VerstĂ€ndnis nach einem „Gehaltenwerden“ in dem eigenen Leid

      1. Ist es eventuell ein Austesten der Grenzen? HierfĂŒr braucht der Therapeut – wie gesagt – sehr viel Erfahrung um das zu erkennen.
        Die vernĂŒnftigste Reaktion hierauf ist und bleibt die „verstĂ€ndnisvolle zugewandte Distanz“.

Warum diese Ruhe in solch einer kritischen Situation? Geht es hier nicht um Leben und Tod, wenn ein Suizid angedroht wird? Nun wir sprechen hier ja von dem Zusammenhang einer SuizidalitĂ€t in Verbindung mit Borderline, einer „Instabilen-Persönlichkeitsstörung F60.31. Solche SĂ€tze wie z.B. „Ich will lieber sterben“ „Ich möchte nicht mehr leben“. Diese SĂ€tze zeigen in diesem Rahmen (in Kombination mit Borderline) sehr oft etwas ganz anderes auf als das was sie im Inhalt sagen. Anstatt sterben zu wollen schreien diese Menschen geradezu nach „Stille“ nach „Ruhe“. In ihrem Kopf schwirrt diese massive affektive diffuse Angst – und genau diese soll abgestellt werden, nicht das Leben. Die Frage: „Was ist ihnen lieber? Möchten Sie lieber sterben oder von Ihrem Leiden befreit werden?“ diese Frage verhilft sehr oft zu einer neuen Klarheit!  

  • 3.2. Psychotherapie

Wie ich bereits vorhin erwĂ€hnt habe, geht es in diesem Beitrag nicht um die grundsĂ€tzlichen Behandlungsmöglichkeiten bei Borderline. In diesem Beitrag möchte ich mich ganz speziell auf die Verringerung von Suizidversuchen konzentrieren. Die Frage lautet heute: Welche Therapieformen reduzieren nachweislich und effektiv die Zahl von Suiziden. Wir möchten Leben retten und von dem leidvollen Druck des Alltages etwas Linderung verschaffen. Und genau das ist nicht ganz so einfach
. Warum?

      1. Kein Leben gleicht dem anderen. Jeder Mensch / jedes Leben und jeder Suizidversuch hat seinen eigenen „Fingerabdruck“, seine „eigene DNA“.
      2. Trotz dieser deutlich höher auftretenden Symptomatik (Borderline und SuizidalitĂ€t) gibt es selbst heute (2021) nur eine sehr geringe Zahl an Studien mit denen man eine fundierte Aussage hierĂŒber machen kann.

        Zu der sehr geringen Zahl an Studien kommt dann noch der Fakt hinzu, dass die Zahl der Studienteilnehmer nur sehr gering ist – wir sprechen hier von deutlich unter 100
 Wenn ich da solche Zahlen von riesengroßen Kohortenstudien im Rahmen von Ritalin als Vergleich hinzu ziehe (in den USA gehen wir hier in die 100.000de) dann kann jeder erkennen dass wir hier nur ĂŒber wenig Aussagekraft verfĂŒgen.

Die wenigen vorhandenen Studien bezogen sich auf folgende Therapieformen:

      • Kognitive Verhaltenstherapie
      • Dialektisch Behaviorale Therapie
      • Psychodynamische Psychotherapie

Diese Therapieformen setzen den Schutz / die PrĂ€vention vor dem Suizid an die erste Stelle. Kommt das Thema „lebensbedrohliche Gefahr eines Suizids“ auf, werden alle anderen Themen nach hinten gestellt und dieses wird priorisiert. HierfĂŒr gibt es dann in den HandbĂŒchern ganz klare Handlungsvorgaben in Bezug auf das Thema SuizidalitĂ€t. Besonders die DBT sollte hierbei herausgestellt werden. Sie ist ja eigentlich erst durch dieses traurige Thema entstanden. Die DBT wurde zuerst als ambulantes Behandlungskonzept rund um chronisch suizidale Patienten mit einer Borderline-Störung entwickelt. SuizidalitĂ€t ist bei der DBT praktisch die „Kernkompetenz“ in der Therapie.  Und tatsĂ€chlich wird sowohl durch die DBT als auch die anderen angesprochenen Therapieformen, sehr deutlich das Risiko fĂŒr einen Suizid reduziert. Studien belegen EffektstĂ€rken zwischen 0,88 und 1,25 ermittelt. Psychotherapie ist deutlich wirksamer als viele Behandlungen körperlicher Erkrankungen.

Kurz noch ein Wort zur ErklĂ€rung des Begriffs „EffektstĂ€rken“: Die Wirksamkeit einer Behandlung wird in der Bezeichnung „EffektstĂ€rken“ wiedergegeben. EffektstĂ€rken > 0,8 gelten dann als „große“, > 0,5 als „mittlere“ und > 0,2 als „kleine“ Effekte. Sie berechnet sich aus dem statistischen Vergleich von Mittelwerten einer Gruppe von Patienten, die psychotherapeutisch behandelt wurde, und einer Vergleichsgruppe, die mit einem Placebo behandelt wurde.

Ein Beispiel zum Vergleich: Könnte man mit einer Therapie die Intelligenz eines Menschen verbessern, dann wĂ€re die EffektstĂ€rke von 1, dass sich der IQ im Vergleich zu einer Placebogruppe durchschnittlich um 15 Punkte erhöht hĂ€tte. Eine EffektstĂ€rke von 2 wĂŒrde bedeuten, dass sich der IQ um 30 Punkte verbessert hĂ€tte. Die EffektstĂ€rke von 0,88 bis 1,25 ist also mehr als deutlich und spricht klar fĂŒr die Psychotherapie. 

  • 3.3. Die Pharmakotherapie

Wie sieht die EffektstÀrke nun bei der Pharmakotherapie aus? Können wir von Àhnlichen Ergebnissen und positiven VerÀnderungen ausgehen? Die kurze knappe Antwort lautet: Nein! Die Wirksamkeit von Psychotherapie ist und bleibt deutlich höher als die Wirksamkeit vieler medikamentöser Behandlungsmethoden, aber auch von Operationen.

Nehmen wir als Vergleich zu den Operationen mal Folgende heraus: Bypass-Operationen bei Angina pectoris haben beispielsweise nur eine mittlere EffektstÀrke (0,70). Auch die medikamentöse Therapie von Arthritis erreicht allenfalls eine mittlere EffektstÀrke (0,61). Eine wichtige Tatsache ist auch, das Patienten eine psychotherapeutische Behandlung deutlich seltener abbrechen als medikamentöse Therapien.

Leider ist fĂŒr eine wirklich fundierte Aussage – helfen Medikamente gegen Suizid ja oder nein? – die Zahl kontrollierter pharmakologischer Studien mehr als dĂŒnn
. Es gibt lediglich ein paar Hinweise, welche ich hier zumindest mal erwĂ€hnen möchte:

  • Lithium scheint effektiv gegen Suizidgedanken zu helfen.

Experimente mit Neutronen an der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen (TUM) zeigten z.B., dass sich in der weißen Gehirnsubstanz Lithium deutlich stĂ€rker einlagert als in der grauen. Dies lĂ€sst uns vermuten, dass dieses Antidepressivum anders wirkt als synthetische Psychopharmaka.  Bereits seit Jahrzehnten wird dieser Wirkstoff u.a. auch zur Behandlung als Antidepressivum bei Depressionen, Manien und bipolaren Störungen eingesetzt. Aktuell wird die genaue biologische Wirkungsweise im Gehirn jedoch immer noch kaum verstanden. Bekannt ist bislang, dass Lithium die Stimmung aufhellt und das Aggressionspotential senkt. Mehrere internationale Studien haben gezeigt, dass ein höherer natĂŒrlicher Lithiumgehalt im Trinkwasser zu einer niedrigeren Suizidrate in der Bevölkerung fĂŒhrt. 

Zum Schluss noch die Frage: „Was hilft denn nun wirklich effektiv gegen einen Suizid?

      1. Das Netzwerk geschulter Ärzte und ein gesundes familiĂ€res Umfeld
      2. Stoppe den ersten Impuls – erschwere die erste HĂŒrde

Wer in dem ersten und spontanen Impuls – „ich werde mich jetzt umbringen“ – nicht sofort umsetzen kann, weil ihm die Mittel dazu fehlen, ĂŒberlegt es sich oft doch noch einmal anders. Dies zeigen inzwischen eine ganze Reihe von Untersuchungen. Allein in den USA gibt es hierzu aktuell 30 unterschiedliche Studien zu diesem Thema (ca. 15 allein zum Thema Schusswaffenverbot). Hier (in den Staaten) erscheinen die Ergebnisse auf den ersten Blick sehr gemischt. SchĂ€rfere Gesetze schienen wenig zur Verringerung der Suizide mit Schusswaffen beizutragen – vielleicht waren die EinschrĂ€nkungen nicht ausreichend oder Schusswaffen sind bereits zu sehr in der Bevölkerung verbreitet.

Dagegen machten die Schweiz, Norwegen und Israel mit stĂ€rkeren Gesetzten recht gute Erfahrungen: Hier ging die Zahl durch Schusswaffen verursachte Suizide stark zurĂŒck.

Einen nachhaltigen Einfluss ließ sich aber in Großbritannien durch eine Verkleinerung von Analgetikapackungen (Schmerzstillende Medikamente) erzielen. Nachdem die PackungsgrĂ¶ĂŸen so verkleinert wurden, dass die Zahl der Pillen fĂŒr einen Suizid nicht mehr ausreichte, und besonders toxische Wirkstoffe komplett verbannt worden waren, sank die Suizidrate um 43 Prozent.

Der Erfolg solcher EinschrĂ€nkungen hĂ€ngt auch stark davon ab, welche Methoden in der jeweiligen Gesellschaft fĂŒr den Suizid bevorzugt werden. In China z.B. setzen suizidale Menschen auf leicht zugĂ€ngliche Pestizide. Hier könnten eine besser gesicherte Lagerung, der Verzicht auf besonders giftige Pestizide sowie strengere Zugangsregeln einen Effekt haben. Leider fehlen uns hierfĂŒr noch weitere Daten.

Eine ganze Reihe von Studien belegt einen klaren Nutzen von Zugangssperren zu Suizid-Hotspots nahe.

Ein Beispiel ist die MĂŒnsterplattform in Bern: An dieser leicht zugĂ€nglichen, etwa 30 Meter ĂŒber die Altstadt ragenden Terrasse wurden Netze angebracht, in erster Linie um die darunter lebenden Bewohner vor den HerabstĂŒrzenden zu schĂŒtzen. Diese Maßnahme verhinderte nicht nur weitere Suizide an dem Bauwerk, insgesamt sank dadurch die Suizidrate in Bern in den folgenden Jahren, bis sich die KornhausbrĂŒcke als neuer Hotspot etablierte. Will jemand von einer bestimmten BrĂŒcke springen, und die ist gesperrt, dann geht er offenbar nicht sofort zu einer anderen BrĂŒcke. Der Impuls, sich zu töten, ist möglicherweise vorĂŒber, bevor er sich ein anderes Ziel gesucht hat.

Dies alles zeigt: ein Suizid kann wirksam angegangen werden!
Und ich hoffe sehr, mit diesem Beitrag eine kleine Hilfe hierzu habe geben können.

WĂ€hle das Leben! Ein Selbstmord ist niemals eine Option.

Lassen Sie uns miteinander ins GesprÀch kommen. 

Marcus JÀhn Werde wieder stark durch CoachingEs sind vielfÀltige Themen die wir ansprechen können wie Borderline und seine Ursachen die unsere Gesellschaft immer mehr beschÀftigen, aber auch Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer hÀufiger in unseren Sprachgebrauch Einzug halten. 

  • Was ist eigentlich eine Persönlichkeitsstörung, Perfektionismus, Spaltung oder eine GegenĂŒbertragung?
  • Kann ich trotz Borderline oder Narzissmus eine stabile Partnerschaft aufbauen? 
  • Kann ich meine Bindungsangst oder Verlustangst irgendwann einmal kontrollieren?
  • Ist eine Kommunikation mit einem Borderliner möglich?

Ich möchte hier nicht nur Fragen aufwerfen, sondern auch Lösungen anbieten. 

  • Gewaltfreie Kommunikation
  • Die U.M.W.E.G.-Methode© und die Transaktionsanalyse als Sprachkonzept um auch in schwierigen Situationen noch kĂŒhlen Kopf zu bewahren. 

Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender einen Termin oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus

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Psychotherapie im Konzentrationslager – Ein Leuchtturm fĂŒrs Leben

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Ich, Marcus JÀhn, verneige mich vor dem Lebenswerk dieses Mannes und lade jeden dazu ein, sich mit diesem zu befassen. Wir können durch seine Humanistische Denkweise nur lernen!

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