Borderline und Narzissmus Teil 2 – Die ungleichen Zwillinge

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Warum entwickelt sich einer zum Borderliner und ein anderer zum Narzissten?

Die Entwicklung zu einem Borderliner ist gewöhnlich von sehr starken traumatischen Ereignissen in der ersten Kindheit gekennzeichnet.

Wir sprechen hier über Ereignisse wie zum Beispiel:

      • Den Tod eines Elternteils
      • Von Gewalt innerhalb der Familie
      • Körperlicher Misshandlung
      • Sexuellem Missbrauch
      • Und nicht zuletzt: emotionaler Verwahrlosung

Viele dieser heute mit Borderline diagnostizierten Menschen sind in ihrer Kindheit unbeachtet geblieben, wurden ignoriert, psychisch vernachlässigt und auch sehr sehr häufig von ihren Eltern brutal behandelt.

Andererseits berichten mit Narzissmus diagnostizierte Patienten ebenfalls – so wie ein Borderliner – dass sie als Kinder von ihren Eltern oft ohne Einfühlungsvermögen, kalt und sogar boshaft behandelt wurden – jedoch mit einem wichtigen Unterschied: dies geschah immer auf eine ganz „besondere Weise“.

Das kann daran liegen, dass viele narzisstische Personen von Anfang an über eine besondere / eine herausragende Eigenschaft verfügten welche die Bewunderung bei ihren ansonsten sehr gefühlskalten frühen Bezugspersonen erregten.

Das könnten Eigenschaften sein wie:

      • eine überragende Intelligenz
      • Ein Talent für Musik oder Kunst
      • Oder einfach nur ein besonders schönes körperliches Aussehen.

Das bedeutet jedoch nichts anderes, als das sie von ihren Eltern die ein Aushängeschild betrachtet und ansonsten nur sehr distanziert behandelt wurden.

Teil (1) Die unterschiedliche Entwicklung

Die psychischen Folgen dieser frühen und frustrierenden Erfahrungen ist ein tiefer schwere psychischer Schmerz. Aus diesem Schmerz heraus entwickelte sich dann Hass und Neid auf die Umgebung – von der aber gleichzeitig Liebe und Unterstützung benötigt wurde. Du spürst hier förmlich den Widerspruch – der zu den vielen Problemen im späteren Leben eines Borderliners führen wird.

Bei der Borderline – Persönlichkeitsstörung ist die Traumatisierung jedoch viel schwerer so dass der Aufbau von einer konstanten Objektbeziehung schwer gestört wurde. Dies beeinflusst die Ödipale Erfahrung (die Entwicklung vom dritten bis sechsten Lebensjahr) so nachteilig, dass die zuvor erlebte Spaltung in Gut und Böse – die für die Abwehr der ödipalen Phase typischen Aufteilungen – verstärkt wird.

    • zum Beispiel in die Spaltung der elterlichen Vorstellung in sexualisierte und nicht sexualisierte Objekte (Bezugspersonen)
    • Oder die Aufspaltung von Homosexuellen und heterosexuellen erotischen Wünschen.

Gerade das ist jetzt total interessant: Eine häufige Folge davon ist nämlich eine Verschmelzung von beiden Bestrebungen:

      • Die Verschmelzung von Präödipalen und Ödipalen Bestrebungen
      • unter dem Vorherrschen präödipaler Aggression.

Was sich hier so kompliziert anhört hat im Ergebnis später gravierende Folgen:

      • einen unstillbaren hungrigen sexuellen Wunsch nach Promiskuität zufolge
      • Eine Neigung zu sexuellen Perversionen
      • Oder eine Dauer-Aggression gegenüber der gesamten Umwelt, weil eine dauerhafte erotische Beziehung nicht erreicht werden kann.

Die Entwicklung der narzisstischen Persönlichkeit Die Entwicklung der narzisstischen Persönlichkeit nimmt einen etwas anderen Verlauf als die des Borderliners. Dadurch, dass das Kind teilweise durch die Eltern idealisiert wird Eltern, bildet sich auch (!) eine Abwehr aus.

Die Abwehrmechanismen eines Narzissten sind:

      • eine Überbetonung der eigenen Talente
      • und eine Leugnung der wertlosen Abhängigkeiten. Wir nennen es die „wertlose“ Selbst-Repräsentanz die voller Neid, Hunger und Wut ist.

Dadurch kommt dann sein „grandioses Selbst“ zum Vorschein, dass sich seinen Daseinszweck / seine Daseinsberechtigung aus der Bewunderung der Umgebung zu sichern versucht.  Sehr häufig bietet diesen Kindern ihre Erfahrung in der frühen Kindheit zuerst einmal das Gefühl, dass sie ein Siegertyp sind. Daraus entwickelt sich bei Ihnen dann ein unrealistisches sexuelles Selbstbewusstsein – jedoch immer in Verbindung mit einer tiefen unbewussten Schuld.

Kommt dieser Mensch dann in das Erwachsenen–Alter, dann findet man bei ihm häufig

      • viel erotischen Charm
      • und eine starke Konzentration auf Sexualität,
        • in der der sich aber eine tiefe, schuldgeplagte Kastrationsangst / Impotenz-angst finden lässt.

Teil zwei: die psychostrukturelle Ebene

Auf der psychostrukturellen Ebene ist die Borderline–Persönlichkeit gekennzeichnet von einer sehr schweren Identitätskrise. Wir sehen hier häufig eine Tendenz zu stark sich widersprechenden Charaktereigenschaften,

      • fehlende Echtheit,
      • zeitweiligen Diskontinuitäten im Selbsterleben,
      • Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht,
      • übertrieben ethischer und moralischer Relativismus
      • Das Gefühl einer grausamen inneren Leere.

Schauen wir uns jetzt mal den Narzissten an. Im Vergleich zu dem Borderliner hat der Narzisst ein grandioses Selbst. Dieses grandiose Selbst/ich führt bei ihm

      • zu einem übersteigerten beruflichen Engagement,
      • oft aber auch begleitet von einer stark nagen denn Langeweile weil es sich hier nur um eine Pseudo Sublimierung handelt.

Sublimierung ist ja das Ersetzen einer schlechten Charaktereigenschaft durch eine bessere Eigenschaft. Das Ausleben im Beruf führt aber selten zu einer persönlich starken Befriedigung, sodass wir hier tatsächlich von einer Pseudo-Sublimierung sprechen können. Trotzdem hilft dieses Ausagieren im Beruf dem Narzissten aber, dass er weniger stark in eine regressive Zerstückelung seines Ich’s fällt. 

Der Borderliner andererseits hat nur ein sehr schlecht integriertes Selbst – und steht dadurch in der Gefahr unter Stress, Überlastung oder dem Einfluss psychoaktiver Substanzen (Drogen) psychotisch zu regredieren.

Dadurch findet sich eher bei den Borderline–Patienten (nicht jedoch beim Narzissten)

      • eine deutlich geringere Impulskontrolle,
      • eine geringere Toleranz gegenüber seiner Angst und
      • eine geringere Fähigkeit zur Sublimierung.

Teil drei: die Dynamiken

Interessant ist was wir jetzt im Zusammenhang der Dynamik vorfinden. Dies mag manche Beobachter vielleicht etwas Erstaunen, ist aber das Ergebnis der intensiven Borderline / Narzissmus-Forschungen.

Typischerweise sprechen wir beim Borderliner ja von einem Spaltungsmechanismus und einer Projektion. Diese Spaltung und die Projektion finden wir aber bei beiden (!) Charakter–Störungen.

Bei unserem Borderliner verfestigen sich diese Abwehrmechanismen jedoch viel intensiver da bei ihm die Menge an nicht neutralisierter Aggression höher und die ICH–Schwäche deutlich stärker ausgeprägt ist.

In seinem Inneren ist seine Welt aufgespalten in Verzerrungen des Bösen und des Guten und seine zwischenmenschlichen Erfahrungen mit anderen Menschen schwanken zwischen einer Idealisierung und einer Entwertung.

Beinahe süchtig suchen Sie immer wieder die Nähe zum idealisierten Anderen um sich dann – aufgrund der Angst vor Verschmelzung – sofort wieder auf sich selbst zurück zu ziehen, wodurch die Störung in der Fähigkeit eine optimale Distanz in den Beziehungen einzugehen deutlich wird.

Die Projektionen von Borderliner sind auch heftiger und gewalttätiger in den zwanghaften Versuch die Umgebung auf die sie ihre verleugneten selbst Repräsentanzen abladen zu kontrollieren. Der Borderliner hängt also für seine eigene Stabilität sehr stark von dem Anderen ab, egal wie chaotisch dies auch ablaufen mag.

Wie gesagt, auch die Narzissten verwenden die Spaltungs – und Projektionsmechanismen. Bei Ihnen vollzieht sich die Spaltung aber weniger feindselig und nicht so dramatisch und weniger aggressiv.

Obwohl sie ihre Erfahrungswelt unterteilen in Anerkannte und entwertete Andere, scheint Ihnen eine stabilere Aufteilung in ihrer Umgebung zu gelingen. Zwar können wir auch bei Ihnen Schwankungen finden die zu Kontaktabbrüchen führen. Jedoch verlaufen solche Umschwünge in der Regel langsamer und fallen so in dem sozialen Umfeld nicht so stark auf.

Ihre Spaltungsmechanismen in ihrer Krankheit offenbaren sich nur den Spezialisten, also den Therapeuten.

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Essstörungen und Borderline

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Kommunikation ist der Austausch von Informationen.

Wir unterscheiden hier zwischen den

      • Übertragungsarten
        • Verbal
        • Nonverbal
        • Paraverbal
      • Übertragungswegen
        • Sprechen
        • Schreiben
        • Malen / Zeigen
      • Übertragungsinhalten
        • Gedanken
        • Vorstellungen
        • Meinungen

Es gibt die Emotionale Kommunikation 

      • Die Gegenübertragung

Und die rationale Kommunikation

      • Die Transaktionsanalyse

Immer zwischen diesen beiden Extremen befindet sich unsere „Alltagskommunikation“

Unsere Nahrung ist mit das erste Kommunikationsmedium in unserem Leben. Das Essen ist ganz eng mit unserem Selbstgefüge und unserem Abwehrgefüge verknüpft. Es ist das allererste Objekt im Zentrum der Entwicklung und in der Entstehung des Seelenlebens eines Menschen: Unser erster Gedanke ist nämlich „keine Milch“.

Da der Mangel also unser erster Gedanke ist, dann ist dieser Mangel auch die Triebfeder dazu, etwas Neues zu entdecken. Dieses „erste Neue“ ist der erste bewusste Augenblick (der Augen–„Blick“ mit der Mama) des kleinen Menschen.

Es ist also der Mangel – die nicht mehr vorhandene Erfüllung eines Wunsches – der den ersten Gedanken des Menschen überhaupt aufkommen lässt.

Der erste Gedanke eines kleinen Menschen ist die Überbrückung einer Frustration, weil jetzt gerade keine Nahrung vorhanden ist.

Damit nun ein Gedanke entstehen kann, ist es wichtig, dass diese Frustration so gering wie möglich ist und die sonstigen Strukturierungen des jungen Lebens dem Baby genügend Halt vermitteln damit er sich mit diesem neuen Gedanken in aller Ruhe auseinandersetzen kann.

Das Essen hat also eine ganz wichtige Position in der Entwicklungsgeschichte des einzelnen Menschen. Das fängt bei dem Aufbau des seelischen Gleichgewichtes an und geht hin bis zu einem Symbol / einem geistigen Wert. Essen steht an der Grenze zwischen Körper und Seele -praktisch zeitgleich zwischen der Mutter und dem kleinen Kind. Kaum ein anderes menschliches Verhalten unterliegt so vielen kulturellen und auch sozialen Einflüssen wie unser Essverhalten.

Das kommt schon in unseren Wörtern unseren Metaphern unseren Vergleichen vor, die wir vom Essen auf die seelische Verarbeitung übertragen:

Da gibt es Worte, die diesen seelischen Prozess der seelischen schon sehr gut beschreiben wie zum Beispiel: aufnehmen, verdauen, schlucken, etwas durchkauen…

Diese Worte machen deutlich, dass es beim Nachdenken über das Essen und auch beim Essverhalten

      • um die Seele geht
      • um den Umgang mit den Zeichen
      • um das semiotische Niveau – Das Symbolisierungsniveau.

Borderline und unsere Symbolisierungsfähigkeit

Borderline ist so umfangreich und tief in der psychischen Entwicklung des Menschen verankert, dass wir – um es zu verstehen – bis in die früheste Entwicklung des jungen Menschen zurückgehen müssen. Ansonsten können wir einfach nicht verstehen, wie sich diese Störung in der Persönlichkeit bilden konnte.

Wir müssen also in die Zeit zurückgehen, bevor (!) das Kind die ersten Worte hat denken können… 

Was sind denn die Gedankeninhalte vor (!) dem ersten Wort? Das sind die Symbole.

Wir unterscheiden in der Psychologie zwischen zwei Begriffen:
Symbole / Zeichen.

Zeichen sind die Beschreibung von etwas Bekanntem. Wir nennen das auch Semiotisch. Symbole sind die Beschreibung von etwas Unbekannten.

Am Anfang des jungen Lebens ist natürlich alles (!) noch unbekannt und darum denkt das Kind zu aller erst einmal nur in Symbolen. Wenn es das Gefühl hat, es könnte gewisse Dinge kategorisieren, dann werden aus den Symbolen allmählich Zeichen.

Diese Entwicklung nach vorne oder rückwärts nennen wir in der Psychologie:

      • die semiotische Regression
      • Die semiotische Progression.

Diese Symbolbildung von Objekten kann man logischerweise am besten beim Säugling und dem Kleinkind studieren.

Die Hauptrolle bei diesem Studieren liegt

  1. auf dem Zusammengehen von Bezugsperson (Mutter) und Kind
  2. und der Entstehung der (Prä–) Symbole und den Haupt – Symbolen.

Warum ist aber gerade diese Symbolisierung so wichtig?

Erst durch eine Symbolisierung (also eine vernünftige Kategorisierung der Umwelt) ist es dem Kleinkind überhaupt möglich, die automatischen inneren Reaktionen zeitlich zu verschieben und sich selber bewusst zu steuern. Es wird also nicht mehr nur reagiert, sondern immer stärker bewusst agiert.

Der Borderliner jedoch, gilt in seiner Entwicklung als „früh gestört“. Bei ihm und bei allen anderen „früh gestörten Menschen“ ist diese Symbolbildung massiv gestört. Er hat – durch äußere Störungen beeinflusst – eine gestörte Einteilung seiner Umwelt vorgenommen.

Was ist jetzt die Folge davon? Die nicht symbolisierten Affekte (Gefühlsausbrüche) müssen irgendwie einen Kanal haben um nach „außen“ zu gelangen.

Solch ein „Kanal“ ist zum Beispiel ein Wiederholungszwang. So ein Wiederholungszwang kann sich zeigen in Gestalt von

      • einer Körpersymptomatik
      • Eine affektiven „Spontan–Entladung“
      • oder einem sonstigen permanenten Wiederholen von etwas ursprünglich ganzheitlichem.

Jetzt kommen wir zu den ursprünglichen Punkt: Der Essstörung.

Durch die semiotische Regression wird es vielleicht deutlich, warum der Rückgriff auf das Essen und das Essverhalten bei Störungen, die mit diesen Symbolisiererungs–Defekten zu tun haben, häufig bei Persönlichkeitsstörungen zu beobachten sind.

Wenn man weiß, wie sich der menschliche Geist entwickelt und dass ein Borderliner eine gestörte Objekt- und gestörte  Symbolentwicklung in frühester Kindheit erfahren hat, dann ist das gestörte Essverhalten bei einer Borderline–Störung fast schon zwangsläufig zu erwarten.

Mit praktisch blinder Sicherheit kann ein anorektisches und bulimisches Verhalten bei Borderlinern erwartet werden.

Kurz eine kleine Zusammenfassung:

In der Psychotherapie werden Dinge durch Worte beim Namen genannt. Durch die Benennung von Symbolen und Zeichen (Zeichen = Semiotik) kann ein Handlungsaffekt / Ein Gefühlsausbruch unterbrochen werden.

Kommt eine nicht beschreibbare angsterfüllende Situation auf einen Menschen zu, dann gerät er in eine semiotische Regression. Die Folge: ein nicht mehr koordiniertes Handeln.

Psychotherapie zielt darauf ab, die Situation in Worte, Symbole, Zeichen zu bringen um eine reflexartige Handlung zurückzuhalten. Denke immer daran: der erste Gedanke des Menschen ist: „keine Milch“. Dieser erste Gedanke (!) versetzt ihn zuerst in Angst und das Baby fängt an, zu schreien.

Mit der Bildung des ersten Symbols / des ersten Zeichens – z.B. durch den haltenden Blick mit der Mutter – beginnt das Gehirn des kleinen Menschen die Situation zu erfassen und die reflexartigen Affekte zurückzuhalten. Das Kind lernt damit den Begriff Zeit für sich zu nutzen.

Du siehst, wie mächtig Worte sind! Durch die Benennung von Zuständen können wir selber unsere Reflexe manipulieren und zurückhalten! Worte bestimmen unser Handeln noch viel viel stärker als Medizin!

Teil 3 Essstörung – die Domäne der Frauenkrankheiten

      • Die Psychogene Esssucht mit Adipositas,
      • die Anorexia und
      • die Bulimia Nervosa sind ganz typische und moderne Frauen Krankheiten.

Lediglich die psychogene Esssucht mit Adipositas ist auch bei den Männern etwas stärker zu finden. Ansonsten haben wir einen 95-%igen Anteil der betroffenen Personen auf der Seite des weiblichen Geschlechts. In den sechziger und siebziger Jahren wurde die Anorexie stärker beobachtet. Aber seit den achtziger Jahren kommt die Bulimie immer deutlicher in das Blickfeld der Therapie

Bei beiden Krankheiten ist das Wort Sucht im deutschen Namen beinhaltet. Das eine ist die Magersucht und das andere die EssBrechsucht.

Wenn wir über Essstörungen sprechen, sollten wir uns die Zeit nehmen, die beiden wichtigsten Vertreter der Essstörung kurz gegeneinander abgrenzen.  

1.3.1 Anorexia Nervosa (F50.0)

      • Körpergewicht mindestens 15 % unter dem erwarteten Index. 
      • Gewichtsverlust durch Vermeiden von Essen, selbst stimuliertes Erbrechen oder Abführen; übertriebene körperliche Aktivitäten, Appetitzügler und/oder Diuretika (Harntreibende Medikamente) 
      • Körperschema-Störung: die Angst zu dick zu sein, beruht auf einer tiefen übermächtigen Idee. Die Betroffenen legen eine extrem niedrige Gewichtsschwelle für sich selber fest. eine endokrine Störung auf der Hypothalamus – Hypophyse – Gonaden- Achse (Hauptsymptom: Amenorrhö – auch nach dem 16. Lebensjahr noch keine Menstruation)

 

1.3.2 Bulimia Nervosa (F50.2)

 

        • Permanentes Beschäftigen mit dem Essen und den Heißhunger-Attacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden.
        • Versuche, dem „Dickwerden“ durch Nahrungsentzug und durch verschiedene Verhaltensweisen entgegen zu steuern: zum Beispiel durch selbst herbeigeführtes Erbrechen; eine restriktive Diät, durch Missbrauch von Abführmittel.
        • Eine krankhafte Furcht dick zu werden. 
        • Sehr häufig in der Vorgeschichte des Lebens bereits eine diagnostizierte „Anorexia nervosa“.

Teil (4) Essstörungen bei Borderline in der Selbstorganisation

Um eine typische Störung in der Selbstorganisation zu beschreiben, nehmen wir ein weiteres Beispiel (natürlich anonymisiert) aus dem realen Leben. 

Eine Studentin (wir nennen sie hier Kathrin) ist circa 30 Jahre alt und saß in der Therapie mit kleinkindhafter „Pieps-Stimme“.

      • Sie hatte Fotos aus ihrer jüngsten Säuglingszeit mitgebracht und beschrieb ganz bestimmte Szenen aus ihrer Kindheit schematisch mit Hilfe von Spielsachen.
      • Mitgebracht hatte sie sehr exakt protokollierte Aufzeichnungen ihres Gewichts aus ihrer Säuglingszeit, welche von ihrer Mutter akribisch erstellt wurden.
      • Und ganz plötzlich war sie dann im nächsten Satz nicht mehr der Säugling, sondern die zehnjährige ambitionierte Turnerin mit tollen Leistungen – aber zu vielen Nutella Brötchen.
        Aufgrund der Kritik ihres Trainers hat sie dann das Turnen aufgegeben und wurde in der Folge magersüchtig.

Der Satz von Ludwig Feuerbach „der Mensch ist, was er ißt“ wurde für Sie zum Lebens-Leitmotto.

      • Nach einer Phase der bulimischen Anorexie wurde sie mit 18 Jahren bulimisch.
      • Jetzt führte sie genauso wie ihre Mutter damals eine pedantisch korrekte Liste von Nahrungsmitteln welche sie zu sich genommen aber anschließend immer wieder erbrochen hat.
        Soweit erst mal das Beispiel.

Die Untersuchung dieser Dame zeigte eine klare Identitätsdiffusion – also ein ständiges immer wiederkehrendes schwankendes Selbstwertgefühl – sowohl in Bezug zu ihrem Alter, als auch in der Identifikation zwischen der Mutter und ihr. Der Hinweis zu der Nahrung oder zu dem Umgang mit der Nahrung wurde durch das Feuerbach–Zitat („du bist was du isst“) erkannt.

Der jungen Frau passierte genau das, was auch praktisch allen Bulimiekranke eigen ist: die orale Fixierung. 

Was ist das, eine orale Fixierung?

      • Es ist eine starke Fixierung auf eine Bezugsperson,
      • eine extrem hohe Zuwendungsbedürftigkeit,
      • eine symbiotische Abhängigkeit und
      • die Angst vor Trennung und Verlust zu einer Person in der oralen Phase (der Säugling bis circa zwei Jahre).

Aufgrund verschiedener früherer Bindungsprobleme bleiben die Personen in ihrer „saugenden Objekt-Beziehung“ praktisch wie „verhaftet“. (Hier findet sich dann das sogenannte Binge = das Saufgelage; das Binge–eating = die Bulimie) Die Nahrungsaufnahme wird als die wichtigste Kommunikations-Möglichkeit in der ersten Lebenszeit in Erinnerung behalten. Das geschieht meistens aus einer starken Ambivalenz der Mutter (oft durch ein Verlassen, eine Krankheit oder durch den Tod der Mutter ausgelöst).

Durch diese frühe Störung entwickelt sich nicht nur eine falsche orale Fixierung, sondern auch eine orale Aggression in dem kleinen Säugling.

Einer der intensivsten Erforscher der Borderline–Störung ist Otto Kernberg. Dieser Otto Kernberg hat die „Theorie der oralen Aggression“ zuerst aufgezeigt.

Durch die frühe Störung der Bindung zwischen Mutter und Kind

      • wird die Spaltungsabwehr fixiert
      • und die notwendigen integrativen Reifungsschritte / Fortschritte in der Entwicklung nachhaltig unterbrochen.

Was ist mit dieser frühen Störung in der Bindung gemeint? Die frühe Umwelt ist die Mutter mit ihrer haltenden Funktion! Wird diese haltende Funktion gestört entwickelt sich eine Frustration in dem Kind und das Kind muss (!) reagieren.

Ich möchte dieses Wort reagieren ganz besonders betonen! Normalerweise hat das Kind nach dem Saugen / nach der Nahrungsaufnahme erst einmal Ruhe um zu verdauen. Der Augenblick des Vertrauens wird in vollen Zügen von dem Kind genossen und dient dazu, sich nach der ersten Hunger-Frustration zu beruhigen.

Gerade dieses Wechselspiel zwischen Frustration und anschließender Verdauungsruhe ist die Grundlage jeglicher Entwicklung eines Kindes. In dieser Verdauungsruhe stabilisiert sich das Kind und entwickelt sich weiter.

Jetzt – in dem Beispiel – muss es aber auf Störungen in Bezug auf die haltende Funktion der Mutter reagieren und diese Reaktion durchtrennt das ruhige „SEIN“. Das Kind kann in diesem Moment einfach nicht „SEIN“. Das Kind muss in diesem Moment reagieren! Das ist das Problem.

Wenn jetzt die Reaktionen, die die Ruhe und das „SEIN“ immer wieder ständig zerstören,

      • muss das Kind immer wieder / ständig darauf reagieren
      • und muss alles tun um in diese Ruhe/in sein „SEIN“ zurück zu gelangen.

Gemäß dem englischen Kinder-Psychologen Donald Winnicott erfolgt hierdurch ein immer stärkeres Schema der Zerstückelung des „SEINS“!

Ganz am Anfang dieses Beitrages haben wir ja den Satz gesagt: Der erste Gedanke ist: „keine Milch“. In diesem Moment erkennt das Kind den Augenblick, erkennt eine Zeit, erkennt den Moment und kann ihn allmählich verstehen.

Darf das Kind nun aber nicht (!) in Ruhe verdauen und den Moment erleben, ist sein Zeiterleben nachhaltig gestört. In seinem Entwicklungsschema findet sich dann so regelmäßig ein Selbstdefekt mit einem riesengroßen / übermächtigen Anteil von Angst vor Leere, mit Trennung – und Vernichtungsängsten.

Als wenn das noch nicht genug ist bildet sich dann auch noch in der Regel eine Körperbild-Störung als Teil der Identitätsstörung aus.

      • Der arme Mensch fällt in eine ständige Bewegungsunruhe,
      • ein andauerndes immer wieder kritisches Abtasten des Körpers um zu erkennen ob er noch beweglich ist und ob er nicht schon zu dick ist.

Nach der oralen Phase kommt später im Alter von 4-6 Jahren die ödipale Zeit. Was passiert hier in Verbindung mit den Essstörungen?

In der Regel kommt es in dieser ödipalen Zeit zu einer Pseudo–ödipalen-Stabilisierung. Der Vater tritt zum ersten Mal als ersehnter Gegenpol zur Mutter auf.

In unserem Fall von der Kathrin und den allermeisten Frauen mit einer Essstörung ist der Vater jedoch emotional und – oder real lediglich abwesend. Fast nur über Schulzeugnisse oder andere Leistungen kann sich ihm das Töchterlein emotional dann noch nähern. Dann muss die spätere typische Essstörungspatientin immer eine gute, eine leistungsstarke Frau sein um den Vater durch genau diese Leistungen zu gewinnen.

Der Beginn der späteren Essstörung wird durch diese pseudoödipale Stabilisierung nur etwas nach hinten hinaus geschoben.

Kommt dann später auch noch ein Objektverlust in das Leben der jungen Frau, reaktiviert er den traumatischen Objektverlust aus der frühen Lebenszeit und die Essstörung hat sich Tür und Tor geöffnet.

 

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Lass Dich nicht von Deinen Gefühlen betrügen

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(1) Lass Dich von Deinen Gefühlen nicht betrügen!

Oft verrennen wir uns förmlich in negative Gefühle, führen Problemgespräche, suchen irgendeine rationelle  Schuld. Aber all das bringt nichts, Nimm Emotionen nicht so wichtig. Nicht mal in der Liebe.

Wenn einer den anderen Beleidigt und anschließend seine verletzenden Worte mit: „Das sind Gefühle, die habe ich einfach.“ Beschreibt, dann stimmt dies auch – „es sind nur Gefühle!

Etwas anderes stimmt aber auch noch: „Es bringt nichts, sich in Gefühle hinein zu steigern. Und es bringt schon gar nichts, sich wegen ihnen schlecht zu verhalten.“

  • Man darf sich nicht von seinen Gefühlen leiten lassen – Diese Botschaft klingt zwar kalt, gefühlskalt, nach dem Motto: Gefühle sind doch nicht so wichtig. Aber genau das ist es aber eben nicht!

Wenn Du Dich deinen Gefühlen ausgeliefert fühlst, dann machst Du dich nur selbst zu einem Opfer. 
Zum Opfer der Umstände 
Zum Opfer der Anderen

 

Man kann sich tatsächlich auch andersherum mit Vernunft zur großen Liebe zwingen

Emotionen sind nicht grundsätzlich schlecht! Diese müssen aber richtig eingeordnet wissen. Zum Beispiel als etwas, das man hat, wie ein frisch verheiratetes Pärchen. Aber auch als etwas, das man nicht abstellen kann!

Bestimmt hast du es dir schon einmal / vielleicht mehrfach vorgenommen: „ab morgen bin ich ein glücklicherer, zufriedenerer Mensch“ Was aber ist passiert? Du musstest feststellen, dass das beim besten Willen nicht klappt… Das kann auch gar nicht funktionieren!

Allein schon deswegen weil Du morgen (an deinem vorgenommenen „Heute-werde-ich-glücklich-Tag“) es nicht verhindern kannst, in einen Hundehaufen zu treten. Was dann passiert ist doch auch wieder logisch:

„Natürlich bist Du danach wieder unglücklich. Aber Du hattest den Hundehaufen dort nicht liegen lassen. Du kannst nicht sagen, es sei Deine Schuld.“

  • (2) Die Frage nach einer Schuld ist eine dumme Frage

Wir kennen drei große aversive (abwehrende Gefühle)

    • Schmerz = es schützt den physischen Körper
    • Scham = sie schützt unser soziales Ansehen
    • Schuld = sie schützt vor Fehlern

Schuld ist einer unser heutigen Kernbegriffe.

      • Habe ich Schuld daran, dass meine Eltern mich als Kind vernachlässigt haben?
      • Ist es meine Schuld, dass mein Chef schnell wütend wird?
      • Habe ich die Verantwortung dafür, dass ich an einer Depression erkrankt bin?

Allein der logische Menschenverstand reicht aus, um diese Fragen mit Nein zu beantworten – hierfür brauchst Du kein Studium in Psychologie. Und trotzdem machen sich viele Menschen Gedanken darüber….

Sie grübeln und grübeln darüber, was sie hätten anders machen können oder müssen, mit den Eltern, dem Chef, den Kindern oder aber mit dem eigenen Leben. Und so verrennt man sich viel zu schnell in einen negativen Gedankengang. Viele suchen die Wurzel ihres Problems oft sogar auf der Praxiscouch.

Dann arbeitet sie an Lösungen, die es eventuell gar nicht geben kann – und nicht an ihren eigenen Ressourcen, um mit der Situation besser umzugehen.

Das wirklich Dümmste was Du meiner Meinung nach tun kannst (um weiterhin unglücklich zu sein), wenn Du dich jetzt diesen „Experten“ mit einer Praxiscouch anschließt, die ja immer wieder sagen: „Du bist deines eigenen Glückes Schmied)

Die dort angebotenen Selbsthilfestrategien zielen darauf ab, dich immer und immer wieder mit deinen negativen Gedanken auseinander zu setzten – um sie dadurch zu bekämpfen. Dadurch graben sich diese Gedanken aber nur noch tiefer in dein Gehirn ein!

Wenn Du andererseits aber akzeptierst,

      • dass sich jeder ( also auch DU) seine Gefühle selbst macht – und zwar durch seine Gedanken –
      • und jeder die Fähigkeit hat, zu lernen, seine Gefühle zu beeinflussen,

dann kannst du dich dadurch wieder stark fühlen und Depressionen haben keine Chance. Wir werden nachher nochmals darauf zu sprechen kommen…

Eine Alterklasse gilt als besonders unglücklich: die Generation Y – Die Millenials.

Ja, Das Leben ist hart, und vieles, was wir tun, ist umsonst, das müssen wir alle akzeptieren“. Aber genau darum dürfen wir auch keine Zeit mit unrealistischen Zielen vergeuden.

Bedenke: Der Berg des Erfolges, auf dem manche erfolgreiche Menschen stehen, besteht zu > 90% aus den Fehlern den sie vorher gemacht haben. Ganz nach dem Prinzip: „Try & Error)

Etwas einfacher erklärt:
Wer gerne weniger Süßigkeiten essen möchte, darf sich nicht für seine Neigung zu süßen Dingen geißeln (“Ich kann nicht widerstehen – ich bin einfach zu schwach!“) – für deinen Geschmack bist Du nicht verantwortlich. Auch bringt es nichts, sich nun vorzunehmen, überhaupt keine Schokolade mehr zu essen. So etwas halten nur die Wenigsten durch.

Ein vernünftiges und auch umsetzbares Ziel wäre eher:
„Ich nehme mir vor, so oft wie möglich (!) zu versuchen, den Süßigkeiten zu widerstehen.“ So ein „weicheres Ziel“ (nicht schwarz/Weiß) hat einen grundlegenden Vorteil: Ausrutscher sind okay.

Dieser zerstörerische Gedanke „Ich habe mal wieder versagt / ich bin ein Versager“ der kommt dann gar nicht erst auf. Natürlich spürt man auch hier das Gefühl der Enttäuschung. Der Unterschied ist nun aber das man dieses Gefühl besser managen kann.

Dies gelingt, weil man weiß, dass alles zum Leben gehört und nicht verschwinden. Wichtig sei nur, ihretwegen nicht zum Idioten zu mutieren …   „Ja, ich habe Probleme, damit muss man jeden Tag aufs Neue umgehen.

Deswegen kann ich aber trotzdem nett sein zu meinem Partner, meinen Job erledigen und mich bei meinen Eltern regelmäßig. Diese kleinen Dinge sind es, die zählen. Sie sind gewissermaßen ein Trost für alles Unangenehme, was unweigerlich passiert.“

  • (3) Dies funktioniert auch in der Liebe

Dieses „Denk-Konzept“ kann man herrlich auch auf den Bereich anwenden, in dem Gefühle wohl als größter Antrieb gelten – in der Liebe und der Partnerschaft.

Natürlich kann man besonders hier blind seinen Emotionen, seinen Zu- und Abneigungen folgen. Andererseits kann man aber auch seinen gesunden Menschenverstand einschalten und so, seine Chancen auf eine Beziehung erhöhen, die auch dauerhaft.

„Klar muss mein Partner jemand sein, zu dem ich mich hingezogen fühle / zu dem ich auch Gefühle habe. Aber (!) ich kann zusätzlich auch prüfen, ob er z.B. Drogen nimmt. Wenn Du eines Tages Kinder haben willst, dann solltest Du prüfen, ob man sich im Notfall auch auf ihn verlassen kann.

Das Problem bei vielen Scheidungen ist nicht, dass sich einer von beiden entliebt hat. 
Es sind eher Alltagsdinge wie: ‚Du trinkst zu viel. Du hast uns finanziell ruiniert. Du willst keinen Nachwuchs.‘“

  • (4) Was macht eine Beziehung wirklich glücklich?

Auch beim dem hoch emotionellen Thema Sex soll man aufkommende negative Gefühle nicht überbewerten.

4.1 Akzeptiere auch hier lieber die Tatsachen.

Es ist ganz und gar normal, dass das sexuelle Verlangen in einer Beziehung mit der Zeit abnimmt.

Man kann man Anziehung nicht kontrollieren – ein weiterer Beweis dass es nicht richtig sein kann, sich von seinen Gefühlen zu 100% leiten zu lassen.

      • Kann ich etwas daran ändern, dass mein Partner grundsätzlich weniger Lust hat? Vielleicht teilweise, aber nicht unbedingt zu 100%.
      • Kann ich andererseits aber lernen, besser mit meiner Enttäuschung umzugehen? Das auf jeden Fall!

Dieser Ansatz verspricht auf keinem Fall mehr Glück und / oder Zufriedenheit! Ich glaube nicht daran, dass es das alleinige Geheimrezept gibt, um glücklich zu werden. Andererseits zeigt das, was (!) man tut, wenn man unglücklich ist, deutlich mehr über einen Menschen aus.

Bei Ebbe zeigt sich halt, wer eine Badehose anhat ….

4.2 Mit Schmerz zu leben und dennoch eine gute Person zu sein
– das ist eine viel größere Leistung als glücklich zu sein.“

Ein abschließender Rat zu dem Thema: „Sollte ich immer meinen Gefühlen Luft / Raum geben?“ „Immer und ständig zu sagen, was man ich fühle, hat viel Ähnlichkeit mit einem Furz: Diesen loszulassen erleichtert zwar, aber er vergiftet auch die Luft für alle Menschen in der näheren Umgebung.“

 

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Borderline im Alter – Die vergessene Generation

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Auf der Suche nach einer deutschsprachigen Publikation mit dem Thema „Borderline im Alter“ steht man oft fassungslos vor einem gähnend leeren Bücherregal – als wenn es dieses Thema gar nicht geben könnte….

Woher kommt jedoch diese „Verleugnung“ wenn es um das Problem „Borderline–Störungen im Alter“ geht?

Wenn man dies aus der Distanz mal eine Zeitlang beobachtet, dann kommt in einem das Gefühl auf, das es sich hier wohl

      • um kulturelle Befangenheiten
      • oder auch um Vorurteile handeln muss

Diese haben verhindert, dass grundlegende größere Forschungen auf diesem wichtigen Gebiet stattgefunden haben. Wie aber komme ich auf solch eine Behauptung?

Die Gefahr der „Verleugnung“ des Themas

Auf der einen Seite ist die Diagnose für ältere, psychisch auffällige Menschen mit

      • chronischen – nicht abgebauten – Psychosen
      • dissozialen Persönlichkeiten
      • Agitierten Depressionen (also die Depressionen mit innerer Un-Ruhe, Angstzuständen, Schlaflosigkeit und einem sehr  starkem Bewegungsdrang) … sehr häufig anzutreffen.

Und besonders hier liegt jetzt die Vermutung (!) sehr nahe, dass wenn eine umfassende Diagnose einmal gestellt werden würde…

… viele von ihnen eher als Borderline-Patienten einzustufen sind als die eben erwähnte. Dies hätte gravierende und auch positive Auswirkungen.

Denn die Therapie von Psychosen und / oder agitierten Depressionen unterscheiden sich fundamental von der sehr speziellen Borderline – Therapie.

Also noch mal: Wo sind sie, die Borderline-Patienten im höheren Alter? Verhalten Sie sich vielleicht etwas anders als die jüngeren Borderliner-Patienten? Und wenn ja, fallen sie deswegen nicht mehr so auf?

Zuerst sollte man einfach mal nüchtern registrieren, dass in unserer Literatur das Thema „Altersneurosen“ nicht den Platz haben, der Ihnen eigentlich zustehen müsse.

Denn, besonders ältere Menschen erleiden überdurchschnittlich oft starke psychosoziale Ereignisse wie zum Beispiel den Verlust eines geliebten Menschen oder auch den Verlust von Besitz und genau dort sehen wir, das „alte Neurosen“, die in jüngeren Jahren noch kompensiert werden konnten, nun wieder aufbrechen.

Die Beobachtung zeigt, dass bei vielen lebenslang paranoiden/ängstlichen Personen und Soziopathen sich die Symptome im Alter stark verschlechtern aber bei den paranoiden Schizophrenen (Sie sind mit 65 % die häufigste Schizophrenie Form/Verfolgungswahn und Halluzinationen) sich die Symptome andererseits verbessern.

Das zeigt, dass das Leben ein Krankheitsbild / eine Störung komplett verändern kann! Ein Umstand der noch viel zu wenig Beachtung in unserer Literatur findet.

Dieses Desinteresse an der Psychotherapie älterer Menschen könnte durch folgende zwei folgende Punkte entstanden sein: Und hier rede ich ganz bewusst von der menschlichen Seite des Therapeuten und nicht derjenigen des Patienten—

    • Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass durch die Behandlung älterer Menschen auch die Betrachtungsweise auf die eigenen Schwierigkeiten (!) – also die des Therapeuten – anders betrachtet werden könnten.

Hat ein Patient zum Beispiel ein Bein gebrochen, denkt nicht jeder Arzt sofort daran, dass ihm das auch passieren könnte. Das Altern ist aber ein unausweichlicher Prozess dem keiner entgehen kann. Darum ist die Betrachtungsweise eines psychologische auffälligen Menschen im Alter eine andere.

(1) Therapeuten werden hierbei also mit Verlusten, Behinderungen und Kränkungen konfrontiert, denen sie sich mit hoher Sicherheit auch im eigenen Alter einmal selber auseinandersetzen müssten.

(2) Hinzu kommt, dass die oft nur sehr begrenzten therapeutischen Erfolge dieser psychisch auffälligen Menschen im hören Alter, für den Therapeuten selber eine „narzisstische Kränkung“ in Bezug auf seine Fähigkeiten sein können.

Schließlich ist er ja auch nur ein Mensch und lebt von inneren Erfolgen.

(2)     Veränderte Diagnosekriterien

Ein sehr wichtiger Grund, weswegen wir Menschen im höheren Alter nicht so schnell als Borderliner identifizieren ist seine veränderte Verhaltensstruktur. Ein Mensch mit 60 Jahren verhält sich einfach anders als ein Mensch mit 16 Jahren – das ist die Natur!

Da dem so ist, müssen logischerweise auch die Diagnose – Kriterien auf dieses veränderte Verhaltensmuster angepasst werden.

Der wohl größte Hauptunterschied ist das niedrigere EnergiepotenzialHierdurch müssen wir immer wieder im Hinterkopf behalten, dass Borderline–Patienten im Alter häufig nicht als solche erkannt werden. Deswegen sind die Statistiken die heute über die Häufigkeit dieser Persönlichkeitsstörung in unserer Gesellschaft heute existieren einfach zu ungenau! Die aktuell angegebene Zahl ist als viel zu niedrig anzusehen.

Ältere Borderline-Patienten haben eine ganz andere Symptomatik als jüngere Borderline-Patienten 

Die folgende Aufzählung von diesen deskriptiven Symptomen ist ein persönlicher Denkanstoß von mir und ist nicht einer Fachliteratur entnommen. Da es diese Fachliteratur in dem notwendigen Umfang noch nicht gibt bin ich hier auf das Betrachten von Einzelfällen und persönlichen Schlussfolgerungen angewiesen:

 

  • (2.1) Ein niedrigeres Energiepotential

      • Das Thema Sex und selbstzerstörerisches Verhalten hierbei ist bei älteren Borderline–Patienten, wenn überhaupt, nur extrem selten zu finden. 
      • Fremdaggressive Impulsdurchbrüche
      • Selbstverletzendes Verhalten
      • Essstörungen
      • Drogen-Missbrauch

All diese erwähnten Punkte treten im Alter wegen des naturgegeben niedrigeren Energiepotenzials deutlich seltener auf. 

Diese können aber von anderen, nicht weniger selbstschädigenden Verhaltensweisen komplett überlagert werden:

      • eine eigengefährdende Selbstmedikation
      • Die „Sabotage“ der medikamentösen Behandlung

(2.2.) Die Gefahr der Labilisierung

Ein weiteres Kriterium für Borderline im Alter ist die sogenannte Labilisierung. Sie ist das genaue Gegenteil einer Stabilisierung.

Menschen werden labil / instabil / dekompensieren aufgrund aufkommender körperlicher Behinderungen. Dabei meine ich noch nicht mal schwere Bettlägerigkeit. Sondern hierzu zählt bereits die körperliche Behinderung und  all die anderen Probleme welche mit dem natürlichen Alterungsprozess und dem allmählichen körperlichen Verfall zusammenhängen.

Oft werden Menschen beobachtet, die damit ein sehr starkes Problem haben, dass ihr Körper nicht mehr so leistungsfähig ist wie mit 20/30 Lebensjahren. Diese Menschen betrachten ihr körperliches Alter als „persönliche Kränkung“.

Ein gebrochenes Bein wird ja von außen erkannt und demjenigen wird von seiner Umgebung sofort eine geringere Mobilität zugebiligt. Die geringere Beweglichkeit oder Energie sieht man einem älteren Menschen aber nicht immer sofort an! Dadurch erscheint eine Alterungsdegeneration manchmal für die Patienten schlimmer als eine körperliche Krankheit.

Gerade Patienten mit einem idealisierten Selbst Objekt Bezug sind hiervon betroffen. Ein ständiges hinterherrennen von äußerer Schönheit kann im Alter nicht gut ausgehen. 

(2.3.) Ein „narzisstischer Ausgleich“ fehlt im Alter

Wir haben noch einen dritten Bereich der sich im Alter bei Borderline verändert. Viele Menschen haben in ihren jüngeren Jahren eine so genannte (Pseudo –) Stabilisierung erreicht und bedienten sich einem narzisstischen Ausgleich.

Im jüngeren Alter hatte man zum Beispiel einen tollen Beruf oder andere „Rollen“ (wie zum Beispiel den Sex) die alle dabei geholfen haben, die Persönlichkeit narzisstisch gewissermaßen „abzulenken“ / aufzuwerten.

Sind diese „Rollen“ nicht mehr da, dann schlägt bei diesen nun älteren Personen ihre Borderline–Störung vermutlich viel stärker durch.

(4.)   Die Folgen einer ineffektiven/nicht vorhandenen Borderline–Therapie im Alter

Eine Borderline–Störung ist nach aktuellem Verständnis nur durch eine Psychotherapie behandelbar. Da diese nie kurzzeitig sondern immer sehr langwierig ist, sind viele Krankenkassen hierzu nicht bereit die Kosten dieser chronischen Therapie langfristig zu übernehmen.

Aber Studien über Borderline im Alter zeigen, dass diese immer dringender notwendig wird! Und solange dieses Fachgebiet weiterhin verleugnet wird bleiben diesen älteren Patienten oft die Heim-Unterbringungen nicht erspart. Und das alles passiert trotzdem es andere Möglichkeiten gibt. Diese sind jedoch sehr aufwändig und damit sind wir wieder mal beim lieben Geld.

Was bleibt wenn Borderline im Alter nicht korrekt diagnostiziert wird?

(4.1)  Es sind die vielen älteren Patienten die dann als schizophren eingestuft werden und trotzdem eine hohe Tendenz zum Spalten aufweisen. Diese fallen durch ihre aggressiven Gegenübertragungsgefühle und einer starken Borderline-Struktur auf.

Das heutige Fehlen einer rechtzeitigen und angemessene Therapie führt zwangsläufig zu einer Verstärkung der psychotischen Symptomatik (Borderline-Störung auf psychotischen Niveau). Dies könnte klar durch eine früh einsetzende und passende Therapie deutlich reduziert werden!

 

(4.2.) Viele der bereits im jungen bis mittleren Alter delinquenten und straffälligen Borderliner werden ihre KNAST–Karriere noch bis ins hohe Alter fortsetzen. (Borderline –Störung auf narzisstischem Niveau).

 

(4.3.) Wenn eine Borderline–Störung in Verbindung mit Alkohol und Drogen nicht vernünftig behandelt wird, dann kann man kaum davon ausgehen dass in fortgeschrittenem Alter dieser Drogenmissbrauch nachlässt. Unter den chronischen Alkoholikern muss ein erheblicher Anteil an Borderline – Patienten zu finden sein.

Ich denke jetzt ganz spontan an die vielen Obdachlosen und die Menschen mit einer „schwierigen sozialen Entwicklung“ deren Borderline-Störung in höherem Alter nicht diagnostiziert wurde. (Borderline– Störung auf narzisstischen Niveau)

 

(4.4) Ältere Menschen, die permanent mit immer neuen psychosomatischen Krankheiten die Arztpraxen belagern sind ein weiteres auffallendes Phänomen. (Borderline –Störung auf psychosomatischen Niveau).

(4.5.) Bei der sehr hohen Selbstmordrate/Suizidrate bei Borderliner ist anzunehmen dass wohl mindestens jeder zehnte Borderliner ein höheres Alter gar nicht erreicht sondern sich im Laufe der Jahre selber umbringt.

 

(5)        Was hilft sich selbst zu stabilisieren?

Partnerschaften sind ein starker Anker

Es gibt eine Hilfe außerhalb einer Therapie die sowohl bei jungen Menschen und auch bei Menschen im höheren Alter hilft, sich ein wenig zu stabilisieren. Es wird immer wieder beobachtet das durch einzelne äußere Einflüsse – wie zum Beispiel eine Partnerschaft – ein Rückgang der oft dramatischen Borderline-Symptomatik erreicht wird.

Diese äußeren Einflüsse (nennen wir sie: „positive Einflüsse“) auf die menschliche Selbstwert – Regulation kann sehr stabilisierend wirken.

Wenn es einem Menschen mit einer Borderline-Störung gelingt, in langen Teilen seines Lebens (auch im Alter) diese „extreme siche Stabilisierung“ zu erhalten so können auch diese Menschen ohne starke Auffälligkeiten (psychiatrisch-deskriptive Auffälligkeiten) leben.

D.h. nicht, dass der Mensch dann total stabilisiert ohne jegliche „Borderliner – Symptome“ durch sein Leben geht!!! Denn wir kennen ja das zweite Kriterium aus dem DSM-5 über Borderline-Patienten:

Aber wir dürfen diese äußeren Einflüsse in ihrer Wichtigkeit auch nicht herunter reden. Durch eine äußere narzisstische Zufuhr (eine Beachtung von außen) kann der einzelne Borderliner tatsächlich eine stabilisierende Befriedigung erhalten.

Jetzt stell dir doch mal das Bild eines älteren Menschen mit einem streitsüchtigen Verhalten vor, der permanent die Gerichte in Atem hält:

      • „Wenn ihr Hund noch einmal in meinem Garten ist verklage ich sie sofort.“
      • „Hier dürfen sie nicht parken! Gleich rufe ich die Polizei.“

Dieses Ringen, dieses narzisstische streitsüchtige aggressive Ringen nach einem Gesehen werden von außen / einer Präsenz beim Gegenüber, kann das Symptom einer Borderline–Störung sein.

Schöner wäre es, wenn dieses Verlangen nach einem äußeren narzisstischen Zuspruch durch eine stabile Partnerschaft geschieht und nicht durch das heranzitieren von Polizei oder Gerichten.

Zu guter Schluss zu guter Letzt möchte ich noch einmal wiederholen was ich am Anfang gesagt habe: Es gibt aktuell keine großen Studien die das Thema Borderline im Alter kausal belegen!

Ich bin mit meinem Beitrag hier nur ein kleiner Teil von vielen Denkanstößen ohne jeden wissenschaftlichen Beleg.

Es ist und bleibt ein Denkanstoß, dass entsprechende Untersuchungen in Zukunft durchgeführt werden um diese erstaunlich selten gestellte Frage irgendwann einmal beantworten zu können:

„Wo sind sie, die Borderliner im Alter? Und wie leben Sie mit dieser Borderline-Störung im Alter?

 

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Worte wirken wie Medizin – Aber warum

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Unser Gehirn – warum wirken Worte?

Ich saß vor ein paar Jahren mal bei einem Zahnarzt und las dort im Wartezimmer eine medizinische Zeitschrift (Wissenschaft und Praxis“).

Ein Artikel fiel mir mit seinem speziellen Thema berufsbedingt natürlich sofort ins Auge: „Worte wie Medizin – Kommunikation mit ängstlichen Patienten“. 
Das zentrale Thema in diesem Bericht waren die Suggestionen, also die Beeinflussung des Menschen mit dem Ziel zu einem ganz bestimmten Verhalten oder eine Einstellung zu veranlassen.

Sehr intensiv wurde hier über den Nocebo-Effekt und den Placebo Effekt gesprochen. 
Nocebo-Effekt kommt von dem lateinischen nocere = „Schaden zufügen. Ich werde Schaden verursachen.“ 
Placebo kommt auch aus dem lateinischen und heißt: „Ich werde gefallen“. Es wirkt wie ein Scheinmedikament, weil es häufig keinen Arzneistoff und damit auch keine wirkliche pharmakologische Wirkung haben kann. Aber es bewirkt eine innere Haltung! Eine positive Veränderung des Gesundheitszustandes.

Meine Neugier war geweckt und ich begann mich seitdem sehr intensiv mit der Frage zu beschäftigen, wieso Worte auf unser Gehirn so stark wirken.

In meinen persönlichen Nachforschungen stieß ich dann auf den medizinischen Nobelpreis aus dem Jahre 2000. In diesem besonderen Jahr hatte ihn Eric Kandel erhalten.

Eric Kandel (Jahrgang 1929) ist ein österreichisch, amerikanischer Psychiater, Physiologe, Neurowissenschaftler.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er mit zehn Jahren alleine mit seinem älteren Bruder auf einem Schiff nach Amerika fliehen – seine Eltern kamen erst ca. 1 Jahr später nach.
Dort in den Staaten wuchs er bei seinen Großeltern auf und begann – auf Anraten seines Mentors – Neurowissenschaften und Psychoanalyse zu studieren.

Sein Ziel war es herauszufinden warum Menschen — die an dem einen Tag ganz normal sind dann am anderen Tag ein komplett anderes, sich widersprechendes Nazi–Denken an den Tag legen können.

Was er im Laufe der Jahrzehnte an Antworten herausfand, kann man mit „spektakulär“ kaum besser beschreiben.

(2) unser Gehirn verändert sich permanent molekular  

Der wohl interessanteste Satz von ihm war und ist:
Nach diesem Gespräch werden sie und ich ein anderes Gehirn haben als vorher!

Dies kommt dadurch, weil sich Gedanken und Erinnerungen in den Neuronen festsetzen.  Anschließende anatomische Veränderungen sind dann das Fundament für die Speicherung von Erinnerungen.“

Früher glaubte man, dass unser Gehirn eine Festplatte sei, wie wir sie auch im Handel heute kaufen können: festgelegt auf eine gewisse Größe. 
Wie kam man darauf? Nun, man nahm an, dass die circa 100 Milliarden Neuronen jeweils den Speicher für eine einzelne Informationseinheit darstellen. Eine Zelle speichere ein Bit.

Bei einer Zellenanzahl von 100 Milliarden Gehirn-Zellen spricht man also von einer Speicherkapazität von ca. 100 Gigabit. Das wäre dann weniger als eine PC Festplatte heute speichern könnte.

Wenn dies so wäre, ist der Mensch dann bereits im Hintertreffen, wenn es um den direkten Vergleich mit den aktuellen Speichermedien geht?

Nein, eher das Gegenteil ist der Fall!!! Denn der Mensch kann sich an viel mehr Erinnerungen erinnern als er es mit 100 Giga Bit überhaupt können dürfte.

Kurz zusammen gefasst, was Eric Kandel herausfand: 
Das Gehirn kann bis zu 1000 mal mehr (vielleicht sogar noch mehr) an Informationen speichern als man bislang angenommen hatte – wir reden hier von der Möglichkeit, ca. 100 Terrabyte an Daten speichern zu können – und auch das ist nur vage formuliert. Forscher haben sich bereits dahingehend geäußert, dass das Gehirn wahrscheinlich unbegrenzt Daten speichern kann!

Wie kommt man auf solch starke Aussagen? Man hat herausgefunden, dass nicht im Neuron die Informationseinheit sitzt.

Eric Kandels Arbeiten haben gezeigt, dass ein Neuron bis zu 1000 Synapsen bilden kann. Dieses Bilden von Synapsen ist die Grundlage allem Speichern von Informationen.

Wenn das stimmt, was Eric Kandel herausgefunden hat, dann haben wir noch viele Jahre Vorsprung vor dem Computer.

Zu dem gigantisch größeren Speicherplatz als heute handelsübliche Speichermedien bieten, gibt es noch zwei weitere gravierende Unterschiede zwischen dem menschlichen Gehirn und z.B. dem Gehirn aus dem Tierreich:

(1) Sprache:

Menschen haben sprachliche Fähigkeiten an welche die Tiere bei weitem nicht herankommen. Auf der einen Seite sehen wir zwar, wie Delfine, Wale und andere Säugetiere miteinander kommunizieren; auch Vögel singen permanent Lieder. Aber im Vergleich zu den kulturellen Möglichkeiten des menschlichen Gehirns ist das nicht vergleichbar.

Wir Menschen haben eine kulturelle Entwicklung und bauen darauf auf. Das können Tiere nicht bewerkstelligen.

(2) Einfühlungsvermögen

Diese Eigenschaft, sich während eines Gespräches zumindest teilweise in den anderen hineinzuversetzen, ist den Tieren sehr fremd. Man sieht dies ansatzweise nur zum Beispiel bei ein paar höher ausgestatteten Primaten.

a

Schauen wir uns einmal die Arbeiten und Forschungen von Eric Kandel genauer an.
Was passiert im Gehirn beim Lernen?

Eine Nervenzelle besteht aus 3 verschiedenen Teilen

      • Aus dem Zellkörper mit den beiden Fortsätzen:
        • die Dentriten.
        • und dem Axon.

Diese 3 Teile bilden das Neuron. Die Gehirn-Nervenzelle kann im Unterschied zu den anderen Nervenzellen, elektrische Impulse sowol erzeugen als auch weiterleiten.

Der Unterschied von den beiden Fortsätzen ist:

Die Dentriten sind die „kurzen Fortsätze“ des Neurons. Sie empfangen Signale von außerhalb / also anderen Zellen und geben diese in Richtung Zellkörper weiter.

Die Axiome sind die „langen Fortsätze“ des Neurons und leiten die Informationen vom Zellkörper genau in die andere Richtung – raus zu den Endigungen – den Endknöpchen.

Diese Gehirnzelle kommuniziert nun mit anderen Zellen. Nehmen wir mal eine weitere Zelle die von diesem Neuron jetzt eine Informationen erhält.

Zwischen diesen beiden liegt jedoch ein Spalt – die Synapse.
Die Synapse ist genau die Stelle, über welche eine Verknüpfung zu einer anderen Zelle besteht um mit ihr zu kommunizieren.

Nun macht sie dies aber nicht mit Hilfe von elektrischen Signalen, sondern indem sie

      1. den elektrischen Impuls in chemische Neurotransmitterstoffe umwandelt
      2. Diese wandern dann über den Spalt in die andere Zelle.
      3. Dort werden sie dann in einen elektrischen Reiz umgewandelt und laufen dann weiter.

Warum dies so umständlich bei jeder Synapse passiert, war lange Zeit den Hirnforschern unbekannt. Führt es doch eher zu massiven Verzögerungen in den Datenübertragungen…

Die Forschungen von Eric Kandel haben die Antwort auf diese Fragen gefunden und damit eine Tür von gigantischer Bedeutung in der Hirnforschung geöffnet:

Diese Frage nach dem Warum gibt es Synapsen?“ und „Warum werden Informationen im Gehirn nicht rein elektrisch und damit ökonomischer / schneller transportiert“ wurde eher durch einen Umweg beantwortet.

Eric Kandel Forschungsfrage war nämlich folgende: 

    • „Wie verwandelt sich eine Kurzzeit-Erinnerung in eine Langzeit-Erinnerung?“
    • „Was passiert im Gehirn, wenn eine Erinnerung lebenslang gespeichert wird?“

Er fand heraus, dass sich die Synapsen bei der Entstehung eines Kurzzeitgedächtnisses anatomisch nicht (!) verändern – ihr Aufbau blieb stets derselbe. Alle Veränderungen beim Nutzen des Kurzzeitgedächtnisses finden nur auf biochemischer Ebene in der Zelle statt.

Wenn man aber durch andauerndes, wiederholtes Training nun ein Langzeitgedächtnis produziert, dann (!) beginnen neue synaptische Verbindungen zu wachsen. 

Die Neuronen im Gehirn sind darauf programmiert, einen Partner zu finden um mit ihm in Kontakt zu treten. Ihre ureigenste Aufgabe ist es, neue Synapsen zu formen, um über diese dann Informationen zu übertragen.

Dieses Übertragen von Informationen geschieht, indem die Nervenzelle Fortsätze in alle Richtungen beginnen wachsen zu lassen. Sie sind permanent auf der Suche nach einem weiteren Partner und hören nicht eher auf, bis sie einen finden.

Hat das Neuron dann einen neuen Partner gefunden, bildet es auch sehr schnell seine Fortsätze an diesen Partner. An diesen neuen Fortsätzen kann man unter dem Mikroskop dann ein Anschwellen beobachten. Solch eine Anschwellung wird Varikosität genannt. Das ist dann später die Synapse.

Und genau hier findet dann der Informationstransfer zwischen den Gehirnzellen / den Neuronen statt.

Eric Kandels Arbeiten haben gezeigt, dass die chemische Synapse der Schlüssel zum Verständnis des Gedächtnisses ist.

Die chemische Synapse ist nicht fest / sie ist nicht statisch. Vielmehr ist sie plastisch / also formbar. Sie ist durch Aktivität veränderbar.

Beim Kurzzeitgedächtnis, wenn man das System nur einmal anregt, werden – nach heutigem Wissen – einfach mehr Transmitter ausgeschüttet – wir sprechen hier von einer reinen chemischen Reaktion. 

Beim Langzeitgedächtnis hingegen werden zusätzlich noch die Gene aktiviert. Dieses Aktivieren bewirkt, dass dadurch neue synaptische Verbindungen wachsen.

Eine schon vorhandene Synapse

      • bildet weitere Knospen
      • und diese Formen dann ganz neue Synapsen.

Das ist die strukturelle Veränderung, wenn wir lernen. Das ist LERNEN!!!

Das Kurzzeitgedächtnis ist nur auf die Synapse und ihre chemische Reaktion beschränkt. Beim Langzeitgedächtnis kommt, wie gesagt, auch der Zellkern ins Spiel.

Das „Spiel“ hierbei ist wirklich faszinierend.

      • Am synaptischen Spalt wird nun ganz häufig Serotonin übertragen
      • In der Nachbarzelle wird dies registriert und es entsteht ein weiterer Botenstoff cAMP (cyclisches Adenosin-Monophosphat)
      • Wenn nun das Serotonin nicht nur einmal sondern mindestens im Faktor 10x (laut Eric Kandel) den Spalt überquert, passiert der nächste Schritt:
      • Ein anderes Protein (CPEB – cytoplastismic polyadenylation element binding protein) kommt aus seiner „Lauerstellung“ heraus und wird auf einmal ganz aktiv und möchte eine neue Synapse erstellen
      • Die Bauanleitung liegt jedoch nicht in der Synapse, sondern in den Genen die sich im weit entfernten Zellkern befinden und nun „geholt werden müssen“.
      • Der Botenstoff (cAMP) macht sich nun auf den Weg zum Zellkern.
      • Im Zellkern trifft er auf seinen Helfer: CREB – cyclic AMP response element binding protein
      • Dieser packt nun die Bauanleitung auf die cAMP und die wandert wieder zurück zur Synapse, wo dann der Bau einer neuen Verbindung beginnt.

Schauen dir das mal in einem 30 Sekunden-Film auf der Seite kurz an.

Hier sehen wir die Boten – RNA, die im Zellkern produziert dann ausgeschüttet und in den Axonen hinunter transportiert wird.

Dieser helle Partikel, der sich das Axon hinunter bewegt, ist ein Bündel von Anweisungen für den Proteinbau.

Die Synapse verwendet dann ihre lokalen Mittel, um ein neues Protein herzustellen.

Ziel dieses ganzen, dieses Transports von Proteinen und Botschaften im Axon, all das hat nur einen einzigen Zweck: Das produzieren von neuen Verbindungen als Endprodukt. Das ist lernen!

All das zeigt, dass wir die Psychiatrie in einem ganz anderen Licht sehen sollten. 

      • Alle Prozesse im Gehirn beruhen tatsächlich auf biologischen Ursachen.“
      • Worte sind Veränderungen in unserem Gehirn
      • Worte sind mächtiger als wir uns das vorgestellt haben
      • Worte sind Medizin – Fluch und Segen zugleich.

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Borderline verstehen – Die Regression

Borderline verstehen – die Regression

Die Regression (das Innere Kind) wird heute immer häufiger genannt.

Es ist eines dieser  Konzepte der Psychoanalyse welche zu den Abwehrmechanismen gezählt werden. Fast jeder meint zu wissen, worum es hierbei geht obwohl dieser Begriff recht schwer zu vermitteln ist.

Erst wenn man direkt mal eine Regression erfahren hat

    • entweder an sich selbst oder in seiner allernächsten Umgebung kann wirklich verstehen was der einzelne durchmacht.
      Aber auch erkennen, welche Potenziale und Gefahren in dieser  Regression liegen.

Regression kommt im täglichen Leben sehr häufig vor und dient in den Therapien als Wirkmechanismus.

Im lateinischen heißt Regression: umkehren, zurückkehren

Die Regression, wie sie die Psychoanalyse gebraucht, beschreibt nun einen Vorgang: von einem zurückgehen auf frühere und gesicherte Entwicklungsstufen. 
Das hört sich anfänglich etwas schlecht an… Aber die Fähigkeit zur Regression ist sehr wichtig!

Dadurch können wir uns

      • entspannen
      • wir können schlafen
      • das Leben genießen
      • uns fallen lassen und
      • sowohl sexuell, spielerisch als auch kreativ sein.

(1)           Unser ICH – Durch die Regression gestärkt

Um die Regression etwas zu viel besser zu verstehen müssen wir über das ICH sprechen.

Dass ICH / die ICH-Leistungen / die ICH-Fähigkeiten sind der Teil unserer Psyche der die Prozesse unseres Denkens und (!) unseres Körpers steuert, sortiert, kontrolliert und lenkt. Das kann bewusst und unbewusst geschehen.

Kleine Kinder lernen von Beginn ihres Lebens an, z.B. ihre Körperfunktionen allmählich zu kontrollieren.

    • Das ist nicht nur eine Frage von Muskelkraft
    • sondern jedes Kind muss die Aufgabe (die Stoffwechselprodukte in sich zu halten oder kontrolliert loszulassen) psychisch erreichen und bewältigen.

Von einer ICH-Leistung kann man dann sprechen – wenn das Kind die Fähigkeit entwickelt seinen Körper willentlich zu steuern. 
Z.B. bei jedem Toilettengang etwas loszulassen oder ganz bewusst zurück zu halten. Für das kleine Kind ist das eine tolle Erfahrung und bringt es in die nächste Stufe der ich Leistung.

(2)      Die ICH-Leistung

Was ist das denn, diese sogenannte ICH-Leistung?

Þ Alles was von uns eine Kontrolle und eine Entscheidung verlangt, ist eine Aufforderung an unser ICH.

Das Ich, die Selbststeuerung können wir bei dem bekannten Modell (Kopf 7 Herz / Bauch) mit dem Herzen in Verbindung bringen. Das Herz ist die Entscheidungsmitte. In der Transaktionsanalyse ist dieser Bereich das „Erwachsenen-Ich.“

Diese so genannten ICH-Leistungen durchziehen sich durch alle Teile unseres Lebens. Sie befähigen uns, mit der Realität – der Außenwelt – vernünftig umzugehen.

Was gehört alles zu der Realität?

  • Eigentlich alles was von einem erwachsenen Menschen verlangt wird.
    • Zum Beispiel dass man willentlich gesteuert zu einer Toilette geht um sein Geschäft dort zu machen und nicht irgendwo.
    • Auch dass man sich nicht überall hin legt wenn man müde ist oder
    • sein Hungergefühl bis zum Abendessen unterdrückt und nicht in ein Nörgeln / Quengeln verfällt.

Ich-Leistungen sind häufig zwiespältig:

    • auf der einen Seite befähigen Sie uns bestimmte Dinge zu tun und bringen uns voran sind also progressive.
    • Andererseits verlangen Sie uns aber auch eine gewisse Leidensfähigkeit ab denn sie benötigen Energie und Anstrengungen.

(3) Was bedeutet Regression?

 

Nach dem psychoanalytischen Konzeptreihen

    • reihen sich Entwicklungen / Entwicklungsstufen nicht wie ein Zeitstrahl hintereinander auf – indem man zum Beispiel eine Treppenstufe erreicht und dann die nächste.
    • Die psychische Entwicklung fügt sich eher wie Schichten (wie Lack bei einem Auto übereinander. Frühere Schichten werden nur überlagert und verschwinden niemals.

Man nennt es das Prinzip der Gleichzeitigkeit psychischer Entwicklungsstufen.

In einer Person stecken immer

    • der Jugendliche,
    • das Kind, und
    • der Erwachsene nebeneinander.
      • Und in jeder neuen Situation stellen Sie unterschiedliche Ansprüche

Kommen wir jetzt in eine neue Situation – welche vielleicht etwas herausfordernd ist – dann greifen Menschen häufig auf Mittel zurück mit den früher (!) bereits ähnliche oder auch neue Situationen bewältigt wurden und mit denen man sich jetzt sicher fühlt.

Wichtig ist: er fühlt sich damit sicher! Diese Handlungsweisen müssen nicht funktional / vernünftig sein.

Ein Vergleich: Ein Marathonläufer kauft sich neue Schuhe. Er greift bei einem kommenden Marathon vielleicht doch auf den uralten und abgelaufenen Schuh zurück weil der ihm Sicherheit vermittelt obwohl er bei weitem nicht mehr so schützt und stützt wie der vorherige Schuh.

Kommen wir auf den Menschen in der Regression zurück: Eine Person greift in Schwellensituationen auf Erfahrungsmomente in der Entwicklung zurück in denen er sich besonders stabil und sicher gefühlt hat.

In der Welt der Psychoanalyse gesprochen, zieht sich ein Teil von dem ICH auf eine zurückliegende, tiefer liegende Ebene der Entwicklung zurück.

    • Das bedeutet: dass ICH gibt einen Teil der erworbenen Fähigkeiten auf. Jedoch mit dem Ziel, um sich zu schützen oder sich in einer schwierigen Situation noch etwas Schönes zu verschaffen.
    • Regression ist eine Form der psychischen Abwehr und wir können das gut mit unserem Immunsystem vergleichen. Eine Abwehr gegen Schwierigkeiten von außen

Regression ist fast immer eine Abwendung von der Realität, oder eine Absage an das Realitätsprinzip.

Für das Realitätsprinzip ist das ICH zuständig:

(1) Prüfung der Realität: was kommt von Innen und was kommt von außen

(2) Anpassung an die Forderung der Realität: aufstehen auch wenn man müde ist.

(4) Regression ist Teil unseres täglichen Lebens

 

Sie kann in bestimmten Situationen auch nicht vermieden werden – wie zum Beispiel beim Schlaf und häufig auch bei unserer Sprache:

    1. Im Schlaf ziehe ich mich wie in eine embryonale Stellung zurück, nehme mir eine herrlich warme Bettdecke, wende mich weg von der Realität hin zum Inneren (Traum und Fantasie).

Dass ICH gibt ein Stück seiner Grundfunktion (die Realitätsprüfung) auf und lässt uns in einen ruhigen Schlaf fallen.

Schlafstörungen zeigen wiederum deutlich eine Schwäche der gesunden Regression auf.

    1. Bei unserer Sprache: Sich vertraute Paare fallen häufiger in eine Form von Babysprache zurück wenn sie sich gemeinsam sehr wohl fühlen.

Dann erinnern Sie sich an die Zeiten, in denen Ihnen ihre eigenen Eltern liebevolle Namen gegeben haben und versuchen durch die eigene Veränderung der Sprache die Emotionalität ein wenig spielerisch (mit einem Augenzwinkern) abzumildern.

(5) Prävalenz / Häufung der Regression

Der Abwehrmechanismus der Regression lässt sich besonders häufig bei Frauen beachten

    • in der Regression sieht man dann häufig eine gepresste, mädchenhafte Tonlage (och und schrill) wenn es um Streit oder Konflikte geht.
    • Das kann das Gefühl der Schutzlosigkeit oder der Minderwertigkeit sein (Stichwort: weiblicher Nazismus)-
    • andererseits aber auch – wie in der Trotzphase – eine Form von Sturheit und Eigenwilligkeit.

Was ist der Vorteil der Regression?

Bei einer funktionierenden Regression schaffe ich mir

    • eine hilfreiche Distanz gegenüber der Realität,
    • und kann dann mit der Realität spielen.

Dies wäre dann eine Regression im Dienste des ICH.

Ein weiterer Vorteil:

  • der Rückzug in die Regression dient dem Fortschritt und der eigenen Entwicklungsfähigkeit.
    • Zum Beispiel kann niemand ohne zu schlafen lange überleben. Und es gibt keinen Fortschritt/Reife ohne Genuss, Spiel und Fantasie oder Humor

(6) Was geschieht, wenn Regression pathologisch wird?

Krankhaft oder Pathologisch (das gegenteil ist physiologisch) wäre zum Beispiel wenn die Regression zu viel oder gar nicht mehr eingesetzt wird um eine schwierige Situation zu bewältigen.

    • Wenn eine erwachsene Frau permanent ein trotziges Mädchen ist
    • Jemand liegt nur noch im Bett und steht nicht mehr auf.
    • Jemand lernt nur noch, hat nie Spaß oder geht dem Schlaf buchstäblich aus dem Weg geht.

Þ Dann ist die Regression außer Kontrolle geraten:

    • In den ersten beiden Fällen überlagert sie praktisch das ganze Leben.
    • Im letzten Beispiel wird sie weitestgehend gemieden.

Alle Menschen sind für sich Individuen. Es gibt Menschen – die haben eine Neigung zur Regression und andere die dies alles lieber vermeiden. Diejenigen, welche die Regression häufig anwenden sind in der Tendenz Personen welche

      • die Ansprüche der Realität in irgendeiner Weise nicht erfüllen können,
      • sich dann von der Realität zurückziehen
      • und diese vermeiden
      • Z.B. indem sie viel schlafen, sich ablenken (durch viel Zeit im Internet oder dauernd auf Partys gehen und viel trinken).
      • Andererseits aber auf eine Versorgung durch andere warten anstatt das Leben aktiv selbst in die Hand zu nehmen und einer strukturierten geregelten Tätigkeit nachzugehen und das eigene Leben aufzuräumen.

Þ Solche Denkmuster sehen wir häufig bei einer depressiven Grundstruktur.

Die andere Gruppe von Menschen sind diejenigen, welche die Regression eher vermeiden.

    • Sie betonen die Realitätsanforderung viel deutlicher,
    • geben sich kaum Spielraum für Fantasie,
    • lesen fast nur Sachliteratur.

Solch ein Denkmuster finden wir häufig bei psychosomatischen Erkrankungen wie den Zwangsstörungen.

(7) Unsere Entwicklungsstufen

Unsere Psyche ist – wie gesagt – in Entwicklungsstufen aufgebaut und die unteren Schichten bleiben immer erhalten.

Kommt es zu Konflikten – und werden untere Schichten frei gelegt – fällt man praktisch in frühere Entwicklungsstufen zurück.

Ein Vergleich mit einem kleinen Kind:

Ein kleines Kind hat zum Beispiel in der Zwischenzeit gelernt, seinen Toilettengang zu kontrollierenNun wird das Kind mit einer schwierigen Situation konfrontiert: ein Geschwisterchen wird geboren. So etwas kann in dem ersten Kind große Ängste auslösen – ganz besonders wenn es gerade seine ersten Schritte zu einer Autonomie (z.B. den Stuhlgang) vollzogen hat. 

die Zerrissenheit ist:

    • auf der einen Seite möchte es nicht die Aufmerksamkeit seiner Eltern verlieren wenn es jetzt alles alleine macht
    • Andererseits möchte er die neue Freiheit auch nicht wieder verlieren.

Häufig fallen die älteren Kinder dann in Verhaltensweisen zurück die der neu erworbenen Freiheit gar nicht mehr entsprechen:

    • es lässt sich wieder mehr herum tragen
    • Nuckelt am Daumen oder fordert die Nuckelflasche wieder ein
    • Spricht wie ein Baby
    • Macht – bei stärkerer Angst – nachts wieder ins Bett und gibt die hart erarbeitete Kontrolle über seinen Stuhlgang (Autonomie/Freiheit) wieder auf….

 

Das Kind regrediert freiwillig ein Stück weit auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück – als der Konflikt mit der Realität noch nicht da war. Auf dieser Stufe fühlt es sich dann wieder etwas sicherer um die neue schwierige Situation zu bewältigen.

Und – ähnlich wie in einer Therapie – haben die Eltern dann  die Aufgabe:

– einerseits die alten Versorgungswünsche nicht ganz zu verweigern,

– andererseits aber auch die Freiheitswünsche/Autonomiewünsche des Kindes zu fördern.

(8) Regression in der Therapie

Besonders in der Therapie bedient man sich häufig der Regression.

    • Sie spielt eine zentrale Rolle in der Therapie
    • und das ganz besonders darum weil Patienten häufig eine Therapie aufsuchen wenn sie mit der Regression in der ein oder anderen Weise ihre eigenen Schwierigkeiten haben

Während der Therapie muss ich der Therapeut dann immer wieder fragen,

    • ob er mit dem Patienten eher stützend arbeitet (also in eine Progression geht) und seine Fähigkeiten versucht zu stärken
    • oder zuerst eher regressionsfördernd arbeitet und sich den Patienten ermuntert sich fallen zu lassen.

Ein Arbeiten in der Regression ist aber oft notwendig

      • damit ein Patient mit seinen inneren Themen überhaupt in Berührung kommen kann (welche er oft ausgeblendet hat)
      • um darüber dann erst wieder die Möglichkeit zu haben in eine Progression/eine Entwicklung zu gehen.

So ist eine vernünftige Therapie immer ein Wechsel zwischen Progression und Regression.

Das Beispiel könnte so aussehen: Da ist ein Kind – dessen Eltern seine Versorgungswünsche ignorieren -und von ihm sehr viel Autonomie, freies Arbeiten/Denken verlangen.

Nehmen wir weiter an, die Eltern geben keinen guten Ausgleich zwischen den haltenden Wünschen (regressive Wünschen) und der Förderung der kindlichen Autonomie.

Das kann zum Beispiel geschehen wenn ein zweites Baby in der Familie kommt und dem älteren Kind nun die Rolle zu geschoben wird, „du musst jetzt der Vernünftige sein.“

Das ältere Kind spürt, dass seine Eltern mit ihm besonders dann zufrieden sind, wenn es ihre (!) Wünsche nach Selbstständigkeit erfüllt. Die Folge: Es passt sich an!

Und das geschieht häufig so gut dass es auch in Zukunft eigenständig versucht – auch unausgesprochene Leistungsansprüche der Eltern – immer zu erfüllen. Logischerweise geht dies alles nur auf Kosten der Fähigkeit

    • sich auch einmal in der Regression fallen zu lassen,
    • fantasieren träumen und
    • auch der Kreativität. „Denn man muss ja immer fertige Leistungen bringen.“

Nur,  durch Regression wird ein Mensch erst so richtig kreativ.

Häufig kommt solch ein junger Erwachsener dann später zur Therapie weil er in seiner Kernfunktion (seinen Studienleistung) auf einmal fürchterlich einbricht und psychosomatische Symptome bekommt.

Eine vernünftige und stützende Therapie wird dann darauf abzielen, seine eigentlichen Fähigkeiten wieder zu aktivieren.

Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten

    • Man könnte z.B. einen besseren Tages- und Lernplan ausarbeiten
    • Eine neue Verhältnismäßigkeit zwischen Freizeit und Lernen erarbeiten
    • Den Selbstwert/den realistischen Blick auf sich selbst stärken (Viktor Frankl: Der Selbstwert ist immer der gesunde Blick auf das was realistisch vorhanden ist).
    • Das Anspruchsdenken des Patienten in Ruhe vom Therapeuten reflektieren

(9) Schwierigkeiten in der Regressions–Therapie

 

(1) zu starke ICH – Konflikte

Sind die Konflikte des Patienten mit der Realität so stark, dass diese Konflikte zu viel Energie abziehen und es ihm an Kraft zu einer Umsetzung fehlt, obwohl er in einer Regression sich etwas entspannen kann,

Þ dann helfen alle Appelle zur Stärkung des ICH´s nicht weiter.

(2) zu starke Anpassungsneigungen.

Die Regression dient ja dazu, dass der Patient durch ein „Luftholen“ Kraft bekommt, sich auf neue Situationen besser einzustellen.

Problematisch wird es aber, wenn das ICH des Patienten grundsätzlich eine starre Neigung zur Anpassung hat.

Der Patient ist dann im Therapieverlauf immer wieder gewohnt, sich anzupassen und zu funktionieren.

    • Mit der Gefahr dass die eigentlichen Probleme – trotz Entspannung in der Regression – unbearbeitet bleiben. Dann aber später umso stärker neu über dem Patienten herein brechen.

Um einem Zuviel oder Zuwenig entgegen zu treten, bedient man sich verschiedener Therapiemöglichkeiten um die regressiven Prozesse zu regulieren oder zu fördern.

Solche Techniken unterscheiden sich zum Beispiel durch:

    • die Art und Weise wie der Therapeut seine Deutungen gibt
    • Durch zum Beispiel eine stärkere Zurückhaltung des Therapeuten die Regression fördern. Weniger direkte Interaktionen, ein stärkeres Nachklingen und längere Stille können die Regression fördern

(10)     Maligne vs. Benigne Regression

Eine Regression kann den Patienten jedoch auch überfordern.

    • Besteht die Innenwelt einer Person vorwiegend aus Chaos oder vernichtenden Gedanken und
    • befindet sich dass ich ICH einem Zustand der Auflösung und
    • hat die Person Schwierigkeiten mit der Anpassung an die Realität

kommt es sehr häufig zu einer Überforderung und ist dadurch kontraproduktiv

Dies sehen wir am häufigsten bei einem Borderliner.

In solchen Fällen droht das, was der Psychoanalytiker eine maligne Regression nennt – also eine Form der Regression die wirklich nicht entwicklungsfördernd wirkt sondern eher zerstörerisch.

Das Gegenteil zu der maligne Regression ist die benigne Regression

Im Falle eine malignen Regression

    • wird der Patient häufig so überfordert
      • dass sich der Patient massiv von der Realität abgekapselt und der Therapeut ihn nicht mehr erreichen kann.
      • In ganz ganz extremen Fällen kann der Patient kompensieren (Die Kompensation ist die Fähigkeit, auftretende Symptome durch weitere Hilfsmittel als nur der Verdrängung zu verhindern.,
      • psychotisch werden oder
      • – im schlimmsten Falle – sich Suizidieren.

Diese Gefahr ist real und darum wird ein Therapeut sehr früh solche Dynamiken einer malignen Regression unterbinden und sofort den Rahmen logischerweise der Therapie wechseln.

Diese Gefahr ist aber zum Glück auch selten. Denn besonders der Patient wird durch eine Rahmenbedingung – die ihn überfordert – selbst schnell auf eine andere wechseln wollen.

Wirklich zum Glück ist unsere Psyche ein Lebenskünstler und kann sich in kritischen Erfahrungen häufig auf gute Erfahrungen zurück besinnen.

Die Benigne Regression

 

Man könnte jetzt denken, die benigne Regression wäre gemütlich und total einfach.

Aber häufig passiert auch hier genau das Gegenteil.

Sie heißt nur deshalb benigne Regression weil ihre Folgen gut sind in der Progression. (gutartiger und bösartiger Tumor werden mit dem Begriff Benigner und Maligner Tumor beschrieben). Aber Wachstum bedeutet oftmals auch Schmerzen.

Auch bei einer benignen Regression entfalten sich teilweise sehr schmerzvolle regressive Dynamiken.

Wird der Patient in der regressiven Phase mit seinen Problemen konfrontiert

– kann es zu starken Schamgefühlen, Ohnmacht, Gefühlen der Minderwertigkeit, der existenziellen Angst vor Liebesverlust kommen.

(„Nur wenn man etwas leistet dann ist man auch liebenswert“ – das Leitmotiv eines Perfektionisten).

All das Besprochene zusammen gefasst, sind für sich Gründe, warum es vielen Patienten häufig schwer fällt sich in eine kindliche Regression fallen zu lassen. „Lieber die Augen weg drehen als sich den Problemen stellen“

.

Es ist die Aufgabe des Therapeuten

    • mit dem Patienten eine gute Verbindung zu geben,
    • ihm eine Sicherheit in der Beziehung zu schenken und damit
    • einen neuen Entwicklungsraum zu eröffnen der
      • abseits von jeglichen Abwehrmechanismen liegt

um ihm dann zu helfen das Stück Freiheit zu bekommen was er sich schon immer gewünscht hat

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Der Borderliner – Sein zerstörerischer Einfluss auf die Umgebung

Der Borderliner – sein zerstörerischer Einfluss auf die Umgebung

Schau Dir das Video auch auf Youtube an!

Was passiert, wenn ein Borderliner in eine vorher funktionierende Gruppe eintritt?

Diese Gruppe können Schulklassen sein, Arbeitsteams, Krankenhäuser, Sportvereine und so weiter.

Mit diesem Beitrag  möchte ich typische Verhaltensmuster und Krisenmuster zwischen Gruppen und einzelnen Patienten (Borderline Patienten) darstellen.

Lass mich das folgendermaßen beschreiben:
Borderline Patienten können durch die Aktivierung alter Objektbeziehungsmuster und Abwehrstrategien innerhalb der Gruppe deren

      • unverarbeiteten Konflikte und
      • primitiven Beziehungsmuster – wie sie in der Jugend (Adoleszenz) vorherrschten – wieder auslösen.

Das oft sehr aggressive Auftreten eines Borderliners entspricht einer gehemmten, abgewehrten und darum hoch ansteckenden unterschwelligen aggressiven Dynamik innerhalb der „alten“ Gruppe. Es öffnet sozusagen „alte Wunden“ bei der Gruppe.

Häufig beginnt sich dann eine Kollusionen zu bilden. Eine Kollusion kann man am besten mit dem Bilden von kleinen Gruppen vergleichen. Die eine Gruppe wird aktiv indem sie ihre eigenen alten Themen ausagiert und die andere steht fast ohnmächtig daneben und muss diese neue Situation akzeptieren.

Gibt es eine Möglichkeit solche Dynamiken

      • zu verstehen?
      • Zu analysieren?
      • oder zu einer gemeinsamen Gruppenhaltung zurück zu finden?

Ja, das gibt es! Aber zuerst einmal: Warum diese Frage?
⇒ Weil, wenn der Borderliner die Gruppe mit seinen unreifen Verhalten beeinflusst, dann kommt es zum allgemeinen Stillstand jeglicher Entwicklung. …
Der Sportverein kommt nicht vorwärts, in der Familie dreht man sich im Kreis, im Betrieb wird keine sinnvolle Arbeit geleistet.

Und was passiert bei dem Borderliner? Während seine Umgebung gelähmt ist (da sie von den unverarbeiteten Aspekten des Borderliners infiziert wurde und eigene ungelöste Themen der Vergangenheit sie blockieren,) kann der Borderliner in aller Ruhe seine alten und vertrauten Beziehungsmuster fortsetzen anstatt sich in der neuen Gruppe neu zu entwickeln.

Da es viele Gruppen in unserer Gesellschaft heute gibt wie zum Beispiel

        • Schulklassen, Sportvereine, das Arbeitsumfeld, private Freundschaftsgruppen

möchte ich das Krisenmuster und den Umgang mit Borderline Patienten einmal aus der Sicht derjenigen Gruppe von Personen beschreiben, die sich ursächlich am häufigsten hiermit beschäftigen müssen – dem Klinik-Personal.

Wir können  die Art und Weise jedoch, also dieses Handlungsmuster, auf jede andere Gruppe in unserer Gesellschaft übertragen.!

Was sind die Handlungsmuster von Borderline Patienten in einer geschlossenen Gruppe?

1.1. Regression und Erlösungshoffnung
1.2. narzisstische Verführung und Gegenübertragung 
1.3. Gruppendynamik und regressive Gruppenprozesse

Zuerst einmal ein Fallbeispiel anhand deren wir die Situation am besten beschreiben können:

Auf einer Station in einer Klinik gab es einen Borderline-Patienten, mit dem Therapieauftrag:
– seine sozialen Anpassungen zu verbessern um später wieder normale Beziehung zu unterhalten und eine normale Arbeit aufzunehmen.

Der Patient hat dann auf der Station ein Verhältnis mit einer anderen Patientin angefangen und dies auch dem Therapeuten offen kommuniziert.

Der Therapeut (eigentlich ein sehr erfahrener Therapeut) hat später in einer Teambesprechung diesen Fall geschildert und für den jungen Mann Partei ergriffen.
Schließlich sei er ja ehrlich gewesen und hat offen ihm diese Beziehung geschildert. Der Therapeut hatte das Gefühl, dass der Patient nun eine wichtige Erfahrung durchmacht und schlug vor, diese Beziehung zu dulden – auch wenn ihm das ein wenig Bauchschmerzen bereitet.

Die Stationsregel besagt nämlich, dass Patienten während eines Aufenthaltes keine (sexuelle Beziehung) zu einem mit Patienten unterhalten sollen.

Was war jetzt die Folge bei der Teambesprechung? Das Team zeigt sich – wie erwartet – gespalten in zwei Gruppen:

      • einige Mitglieder sind der Meinung des ersten Therapeuten und man könnte mit dem Patienten eine Ausnahme machen.
      • Die andere Hälfte hat den Eindruck dass dieser Grenzübergriff des Patienten zu einem bestimmten Verhaltensmuster des Patienten gehört. Durch seine Kleidung, seine Körperhaltung und die Art und Weise wie er sein Zimmer mit Zeitungsausschnitten tapeziert zeigt, dass er immer wieder aufs Neue Grenzen überschreiten möchte.

Das ist eine typische Kollusion 

Nun  befindet sich die Gruppe  in einem Dilemma:

    • entweder gegen die Regel-Verletzung des Patienten einschreiten … Dann stünden sie aber wie ein Tyrann gegenüber einem einzelnen ohnmächtigen Opfer (der Patient)
    • Oder sie lassen sich vom Patienten tyrannisieren und werden selbst ein ohnmächtiges Opfer (jetzt als gesamte Gruppe.)

Solch eine Beziehungsfalle ist typisch bei der Behandlung von Borderline Patienten. Er spielt hierbei unterschiedliche Anteile (unverarbeitete Anteile) innerhalb (!) des Teams gegen sie untereinander aus.

Dies geschieht sehr virtuos – ähnlich wie es auch ein kleines Kind versucht, Elternteile gegeneinander auszuspielen.

Was passiert nun bei dem Betreuungsteam im Krankenhaus (aus dem Beispiel)? Es bewirkt, dass sie eigene Adoleszenzanteile von Teammitgliedern (diese Lust am Regelbruch und an der Provokation)  billigen und sogar fördern.

Schnell kann eine Kollusion beobachtet werden (Gruppenbildung).: Ein Teil der Gruppe beginnt nun eigene unfair arbeitete aber vorhandene Themen aus ihrer Jugendzeit auszuagieren während andere Teile der Gruppe eine Ohnmacht dabei empfinden da sie nun mit ansehen müssen wie die Gruppe gespalten wird.

Noch mal die Frage von vorhin:

Gibt es denn eine Möglichkeit solch eine Dynamik

      • zu verstehen
      • Zu analysieren und
      • Zu einer gemeinsamen Team-Haltung zurück zu finden?

Denn, wenn die Gruppe dies nicht erreicht, dann kommt es zum Stillstand einer therapeutischen Entwicklung:

      • Der Borderliner bleibt fest in seinem Verhaltensmuster stecken und
      • das neue Team, die neue Gruppe steht wie gelähmt da weil sie von den unfair arbeiteten Aspekten des Patienten infiziert wurde und eigene ungelöste Themen nun die Arbeit blockieren.

Wer das verstanden hat, weiß warum Borderliner ihre Umgebung so häufig in Probleme stürzen:

      1. Der Borderliner steht in einer Problembehandlung auf einer frühen unausgereiften Stufe. Diese Stufe ist so unausgereift dass man das sogar als Krankheit bezeichnen kann. Nun kommt er zu einer neuen Gruppe die wir mal als normal bezeichnen. Trotzdem hat jeder normale Mensch auch Anteile in sich die selber noch unausgereift sind, jedoch nicht so stark wie bei einem Borderliner.

2. Der Borderliner schafft es nun durch seine Handlungen, genau diese unreifen Persönlichkeitsanteile von uns zu aktivieren (oder von der Umgebung).

Schauen wir jetzt im weiteren Verlauf einige Muster an, anhand denen wir erkennen können wie ein Borderliner sich selber im Weg steht und anderen in der Umgebung Probleme bereitet.

Das Muster der Krise mit einem Borderliner

1.1. Regression und Hoffen auf Erlösung

Wie läuft es normalerweise ab, wenn jemand neu in eine fremde Umgebung kommt? Dann ist die natürliche, erste Reaktion der Gruppe einem Neuankömmling wohlwollend entgegen zu treten.

Er kann sich sozusagen erst einmal „fallen lassen.“

Bei Menschen mit einer Angsthaltung oder einer neurotischen Haltung ist dies auch sehr gut, um die Abwehrstrukturen etwas zu lockern und einen Zugang zu den Menschen zu erhalten.

Bei Borderline Patienten kann das gleiche Angebot (Regressionsangebot) jedoch eine Illusion von einer völligen Versorgung und die Gefahr einer Fragmentierung der Ich-Struktur fördern.

Das ist ein wichtiger Aspekt im Umgang mit einem Borderliner! Nochmals: die haltende Umgebung fördert eine Regression –  damit ist ein Zurückfallen in früherer Verhaltensweisen gemeint.

Bei jemanden der eher neurotisch durch das Leben geht kann sich der sichere Zustand wieder einstellen als er von seinen Eltern gehalten wurde. Das ist gut!

Bei einem Borderliner kommt aber wieder der alte Zustand seiner frühsten Kindheit zum Vorschein wo er immer hin und her gependelt ist zwischen dem Zustand des Seins und dem Zustand der Vernichtung.

Ich möchte ermuntern mein Video hierzu zu betrachten: „Wut oder Angst – was treibt den Borderliner an?

Für einen Borderliner besteht das eigene ICH in der Regel aus zwei Bildern die voneinander abgespalten sind.

Das eine Bild entspricht dem eines hilflosen Kindes und das andere dem eines allmächtigen Guten oder allmächtigen zerstörerischen selbst.

Kommt ein Borderline Patienten in die Klinik / in eine neue Umgebung passieren in der Regel drei Schritte:

(1) Zuerst wird in der Klinik der Therapeut / oder in einer neuen Gruppe der wahrscheinliche Anführer, zwangsläufig als derjenige wahrgenommen der mit „magischen allmächtigen Qualitäten“ ausgestattet ist und allein sein Kontakt mit dem Patienten kann schon eine Heilung bewirken ohne dass der Patient irgendetwas dafür tun müsste. ... „Das ist natürlich Quatsch, aber so ist das in seiner Vorstellung“.

(2) Irgendwann später wird dem Patienten jedoch klar dass er sich in seiner eigenen Vorstellung getäuscht hat. Dann wendet sich der Patient voller Wut von seinem Objekt dem Therapeuten ab. Hat aber nun selber Angst davor dass das Objekt (der Therapeut) ihm gegenüber nun schlecht eingestellt ist.

(3) dann wird sich ein neues Objekt gesucht und mit ihm die gleiche Erfahrung aufs Neue wiederholt wird – so als hätte er vorher diese Erfahrung nie gemacht. 

Kommt ein Borderliner also in eine stark haltende Umgebung (wie zum Beispiel in einer therapeutischen Klinik) wird diese Illusion der Hilfe durch eine symbiotische Verschmelzung mit dem Therapeuten oder einem vermeintlichen Anführer ständig neu provoziert und ständig neu enttäuscht. Ein Teufelskreislauf kommt dadurch ins Leben

Hört sich das alles kompliziert an? Ganz bestimmt! Wir müssen aber bedenken, dass dies die traurige Realität für viele Borderliner ist! Wie er hier aus diesem Hamsterrad wieder heraus kann, werden wir gegen Ende des Artikels besprechen.

1.2. die narzisstische Verführung des Borderliners.

Die Regression ist vielleicht etwas kompliziert beim ersten Mal zu verstehen. Etwas leichter wird es mit der narzisstischen Verführung und der Übertragung auf ein Gegenüber.

Jeder von uns trägt gewisse Anteile von Nazismus in sich. Es gibt in der ersten Stufe des jungen Lebens den gesunden Narzissmus welcher sich dann über die „Du-Beziehung mit der Außenwelt  zu einem gesunden Narzissmus mit der Umgebung entwickelt (S.Freud / M.Buber)

Der überwiegende Teil der Menschheit –  und ganz besonders Personen in helfenden therapeutischen Berufen (ich denke jetzt an eine Klinik) – besteht aus Personen / Mitarbeitern welche sich selbst als sensible, sorgende und wohlwollende Personen sehen würden.

Dahinter liegt die logische Annahme, dass ein Patient durch eine haltende Haltung

        • wieder Vertrauen ins Leben finden kann und durch stützende Kontakte
        • sein eigenes Selbstbewusstsein stärken und entwickeln kann
        • dass er sich mit vorher abgelehnten Anteilen in seiner Person wieder versöhnen und dadurch wieder auf den Weg der Heilung gehen kann.

Das ist ein ganz normaler Behandlungsverlauf wie er bei neurotischen Patienten, Angstpatienten und anderen grundsätzlich auch richtig ist.

So vorzugehen, kann aber bei Patienten mit einer Borderlinestörung genau das Gegenteil hervorrufen: es kann dazu führen, dass ein Borderliner sein Gegenüber als allmächtigen und allwissenden Helfer betrachtet („so wie mit Ihnen konnte ich noch mit keinem anderen Menschen reden“).

Was ist oft die Folge? So von Lob überschüttet kommt ein (unerfahrener) Therapeut oder jeder andere „normale Mensch“ auch, in einen narzisstischen Sog wenn er von seinem Gegenüber dermaßen über die Gebühr bevorzugt und ausgezeichnet wird. Das kann auch dazu führen dass ein Therapeut sich innerlich vom Rest der Therapeuten-Gruppe entfernt und allmählich seine vorherige Objektivität bei der Behandlung seines Borderline-Patienten verliert. Damit verliert er aber auch die Möglichkeit, seinem Patienten in seiner Krankheits-Situation zu helfen!

So langsam schnappt dann eine Falle zu:

(1) Wenn der Therapeut wieder in die Objektivität wechseln möchte, könnte das den Patienten ärgerlich machen und das Risiko kommt auf, diese spezielle Beziehung zu verlieren.

(2) Noch größer ist das Risiko dass der Therapeut seine eigene Vorstellung verlieren könnte ein warmer und allmächtiger Heiler zu sein – allmächtig ist er natürlich nicht, er bekommt dieses Gefühl nur von dem Borderline Patienten suggeriert.

(3) Was ist jetzt die Folge im Außenverhältnis zu der Gruppe? Dies führt zu einer Spaltung des Teams: die Einen wollen verständnisvoller sein und die Anderen wollen engere Grenzen setzen.

Ganz allgemein führen diese vier Schritte zu immer mehr Abwehrmechanismen zwischen Patienten und Mitarbeitern (Therapeuten).:

      1. Verführung
      2. Verletzter Narzissmus
      3. Abwendung des Patienten
      4. Zunahme von Machtkämpfen

Was aber hat ein Borderliner davon, dass er permanent diesen Prozess von Verführung und Machtkampf aufrecht hält? Wenn wir uns die Kriterien des Borderline es noch einmal anschauen dann ist Das siebte Kriterium: chronisches Gefühl der Leere.

Durch die permanenten Verführungen und Machtkämpfe erreicht frt  Borderliner zwei Ziele:

(1) er bleibt im Kontakt mit seiner Umgebung und

(2) kann eine genauere Untersuchung seines tiefen Gefühls der Leere durch seine Umgebung verhindern.

Mit welcher Berechtigung führt er diese Machtkämpfe? Für einen Außenstehenden ist das alles doch völlig widersinnig.

Er begründet diese Machtkämpfe damit, indem er behauptet seine Umgebung hätte ihn in seiner Überzeugung getäuscht. Seine Umgebung hat ihm Dinge versprochen die Sie nicht erfüllt hat. Als Konsequenz davon fühlt er sich nun enttäuscht und fühlt sich im Recht dazu seine Machtkämpfe anzufangen.

Dies ist häufig aber so spontan und widersinnig das dies der Umgebung gar nicht auffällt. Sie kann sich kognitiv nicht so schnell auf diese Tatsachen konzentrieren

      • dass solch ein Versprechen nie ausgesprochen wurde
      • sondern das all das lediglich dem Wunsch des Borderline-Patienten entspricht.

Durch die narzisstische Verführung und Gegenübertragung verfügt der Borderline Patient über eine ganz spezielle Fähigkeit, seine Umgebung in einen magischen Denkkreisel hinein zu ziehen und durch diesen zu einer Realitätsverzerrung in der gesamten Umgebung beizutragen.

Falls du Asterix Leser bist dann erinnere dich einmal an das Buch „Streit um Asterix“ mit der Handlungsfigur des Destructivus welcher immer nur Zwietracht säte.

1.3. Gruppendynamik und regressive Gruppenprozesse

Die zwei besprochenen Punkte bis jetzt waren:

1.1. die Regression welche durch eine schützende Umgebung verursacht und von Borderliner ausgenutzt wird.

1.2. Der narzisstische Sog welcher ein ganzes Team, eine ganze Gruppe spalten kann.

Jetzt, im Punkt 1.3. geht es ursächlich darum, wie die neue Umgebung geleitet, geführt und ganz besonders: organisiert ist. Daraus ergeben sich viele interessante Wechselwirkungen mit dem Borderliner Patienten.

Ich spreche in diesem Artikel beispielhaft über die Situation, dass ein Borderliner Patient in eine Klinik kommt und dort behandelt wird.
Deine Aufgabe – lieber Leser – ist es, diese Gedankengänge auf deine persönliche Umgebung zu übertragen.
– Bist du in der Schule und hast jemanden der immer Streit verursacht?
– Bist du auf eine Arbeitsstelle und hast du jemanden der Streit verursacht
– oder gibt es den einen Zwietracht säenden in deinem Freundeskreis?

Für all diese Rahmenbedingungen ist dieser Artikel gedacht!

Versetze ich jetzt einmal die Situation: Ein Borderline Patient kommt neu in eine stationäre / klinische Therapie. Er wird dort auf drei Rahmenbedingungen stoßen:

(1) Die Klinik kann aufgrund ihrer Aufgabentätigkeit (Patienten zu heilen) nur wenig klare Rollen, Regeln und Normen haben. Da, wo Menschen behandelt werden, ist man umgeben von Einzelfällen und völlig individuellen Rahmenbedingungen. 

(2) Der Borderliner, kann sich jetzt in dieser neuen Umgebung nicht mehr auf seine normalen sozialen, familiären und beruflichen Rollen zurückfallen lassen die zuvor seine Identität in der Vergangenheit gestützt haben.

(3) aufgrund seines Naturells nimmt der Borderliner nun in dieser stationären Umgebung viele verschiedene neue Beziehungen auf – und dies führt zu einer weiteren Destabilisierung seines Gleichgewichtes.

Viele neue / und verschiedene Objektbeziehungen sind aber Gift für einen Borderliner. Warum ist dem so?

(1) Ein Borderliner hat ein deutlich niedrigeres Strukturniveau. Dies ist kein Vorwurf sondern bezieht sich auf das Kriterium Nr. 2 und Nr. 3 eines Borderliners (nach DSM 5)

      • Kriterium Nr.2: ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehung. Ein Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung.
      • Krierium Nr. 3: die Identitätsstörung. Eine andauernde Instabilität des Selbstbildes oder das Gefühl für sich selbst.

Hierdurch gelangt er extrem schnell zu neuen Bekanntschaften die aber ihrerseits nur sehr oberflächlich aktiviert werden.

Und die Formel lautet: je mehr oberflächliche Beziehungen, umso pathogener wird der Konflikt in der Beziehung (1) zum Selbst (2) zu den Mitbewohnern und (3) zu den Therapeuten.

Das Pathogene in diesen Beziehungen zeigt sich durch

    • infantile Abhängigkeitswünsche
    • heftige Ängste vor Verfolgung und Vernichtung,
    • primitive Abwehrmechanismen zur Bewältigung dieser Ängste wie z.B.
        • Spaltung, Verleugnung und Projektive Identifizierung.

Wir besprechen ja hier in dem Punkt 1.3. die Struktur der neuen Umgebung. Welche Dynamik entstehen durch die Organisation der neuen Umgebung?

Je weniger strukturiert die neue stationäre Umgebung ist (und das trifft auf viele psychiatrische Kliniken zu)
desto stärker ist das Potenzial dass die Patienten in Regression geraten.

Andererseits: Es gibt auch erfolgreiche Kliniken!
Diese zeichnen sich durch ein hohes Maß an klaren Strukturen, Anforderungskatalogen für Mitarbeiter und Patienten und einer schnellen Integration des Patienten in einen festen Tagesablauf aus. Das stabilisiert einen Borderliner wirklich!

1.4. die drei Grundannahmen

Bislang haben wir in den obigen Punkten darüber gesprochen, dass Rahmenbedingungen das Regressionspotenzial von einzelnen Menschen fördert.

Es gibt aber auch Prozesse und Rahmenbedingungen welche ganze Gruppen von Personen wie zum Beispiel Patienten und Therapeuten in der Gesamtheit erfassen können.
Solch eine Gruppendynamik nennt man „Grundannahme

Eine Grundannahme ist nichts Kompliziertes. Es entspricht nur einer allgemeinen Annahme für eine Gruppe nach der sie ihre Handlungen ausführen. „Ich nehme an, also tue ich. / Wir nehmen an, also tuen WIR“

Welche drei Annahmen können nun in den Gruppen aktiviert werden?

1.4.1. die Abhängigkeitsgruppe

Die Gruppenmitglieder binden sich in eine Abhängigkeit von einer einzelnen Person, einem so genannten Anführer welchem sie zutrauen dass er mehr Fähigkeiten hat als sie. Dieser Führer kann ein Gruppenmitglied sein aber auch ein Teamleiter oder Gruppenleiter, also irgendeine andere Person.

In dieser Dynamik geben die Gruppenmitglieder ihre eigenen Selbststeuerungsfähigkeiten auf und projizieren die Fähigkeit zur Erfüllung ihrer Wünsche nach Rettung, Ernährung und Schutz in den Führer.

Natürlich ist das Quatsch! Und diese Figur kann die „magischen Erwartungen“ logischerweise nie erfüllen. Was passiert dann? Dann schlägt die Erwartungs- und Unterwerfungshaltung regelmäßig in Wut und Aggressivität gegen diese Führer-Person um der nun entwertet, bekämpft und in der Fantasie vernichtet wird. Vielleicht wird er auch durch einen neuen Führer oder durch eine neue Grundannahme in der Gruppe ersetzt .

Kommt Dir das eventuell bekannt vor? Das Kriterium Nr. 2 bei Borderline Persönlichkeitsstörung ist: „ein Muster von instabilen und intensiven zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung.“

Bitte bedenke hierbei, dass so etwas auch bei Nicht-Borderlinern im alltäglichen Leben immer wieder stattfinden kann. Bei der Borderline Persönlichkeitsstörung ist dies jedoch sehr deutlich vorherrschend – praktische ein Erkennungs-Kriterium!

1.4.2. die Kampf-Flucht-Gruppe

Diese Gruppe verbindet sich gemeinsam gegen einen Außen-Feind. Dieser Außen-Feind vereint die Gruppe vorübergehend so dass sie entweder gemeinsam in einen Angriff oder gemeinsam in eine Flucht gehen. Das, was die Gruppenmitglieder miteinander teilen, ist eine gemeinsame paranoide Wahrnehmung.

Hier sind wir bei Kriterium Nummer 9: Die vorübergehende, stressabhängige paranoide Vorstellung oder schwere dissoziative Symptome.

1.4.3 die Paarbildungsgruppe

Diese 3. Gruppe gleicht der der Gruppe Nummer 1 in fast allen Bereichen. Der einzige Unterschied: die Gruppe projiziert ihre Wünsche und Sehnsüchte nicht auf eine einzelne Person, sondern auf ein Pärchen (meist heterosexuell). Von ihm wird erwartet, dass es alle Probleme der Gruppe lösen könnte. Aber auch diese Erwartung wird häufig recht schnell enttäuscht und führt dann dazu, dass die Gruppe ihre eigene Grundannahme ändert.


Was haben diese Grundannahmen mit unserem täglichen Leben und ganz besonders mit dem Umgang mit einem Borderliner Patienten zu tun?

Für das tägliche Leben kann man sich folgendes merken:

Je unstrukturierter eine Gruppe in sich ist – und je weniger präzise Aufgaben definiert sind, desto stärker werden genau diese drei Grundannahmen im täglichen Leben aktiviert. 

Dies findet man in Familien vor, im Kindergarten in der Schule überall wo Menschenansammlungen stattfinden. Und meistens gehen diese auch ganz ordentlich vonstatten und es passiert nichts Negatives.

Nun sprechen wir aber über das Verhalten eines Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung. … Ein Mensch mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung reagiert besonders sensibel auf unstrukturierte Gruppen und aktiviert umso massiver deren Grundannahmen.

Am aller häufigsten entsteht die Dynamik einer Abhängigkeitsgruppe (1.4.1.) mit den entsprechenden Wünschen an eine Person (in der Klinik ist dies meistens der Therapeut). 

Werden die Hoffnungen und Wünsche, die in den Therapeuten gesetzt werden enttäuscht schlägt die Stimmung oft um in eine Kampf – Flucht – Gruppe (1.4.2.) und die Gruppe der Therapeuten (!) wird dann zum bedrohlichen Außenfeind der nun die Gruppe der Borderline Patienten miteinander vereint. 

In solch einer Situation werden Borderline Patienten schnell zu Oppositionsführern da sie eine hohe Bereitschaft zu einer paranoiden Wahrnehmung und zusätzlich noch ein hohes Aggressionspotenzial haben.

Genau hier haben wir das Problem: durch die paranoide Wahrnehmung und des hohen Aggressionspotenzial sind Borderline- Patienten sehr häufig ganz weit vorne damit, Streit und Aggression mit anderen Menschen auszuleben! Das ist das ursächliche Problem einer Borderline Persönlichkeitsstörung !!!

Was ist die beste Methodik wenn in einer Gruppe solch eine Borderline Aktivität zu spüren ist? Soll man sie laufen lassen? Oder soll man eingreifen?

Klare Frage, klare Antwort: Das Aufdecken solch einer Dynamik führt dazu dass die Gruppe fast immer ihre Arbeitsfähigkeit zurückerlangt und sich wieder auf ihre eigenen Fähigkeiten besinnt.

Wird nicht eingegriffen, kann in diesem Umfeld (wir sprechen hier ja immer noch von einer Therapieklinik) eine lähmende und destruktive Atmosphäre entstehen in der dann diese Spannungen ausagiert werden durch Suizide, Schlägereien und Missachtung sämtlicher Regeln von oben.

Der haltende Charakter einer stationären Psychotherapie kann also die Pathologie von Borderline-Patienten verstärken anstatt diese aufzulösen.

Aber nur Regeln und Gesetze sind auch nicht richtig. Ein gewisses Maß an Regression ist nämlich die Grundbedingung dafür dass ein Patient seine abgespaltenen und unbewussten Objekt-Beziehungsmuster auch wieder darstellen und erleben kann.

Ein Übermaß an Regeln und Vorschriften und ein distanziertes Verhalten der Therapeuten (um regressive Entwicklungen zu vermeiden) hätte die Konsequenz:

        • dass eine Diagnose nur schwer möglich ist 
        • das Bearbeiten der Pathogenen Konflikte überhaupt nicht mehr möglich ist
        • und der Patient im besten Fall lediglich in die Normen der Station reingepresst wird.

Das Reinpressen hat aber keinen therapeutischen Wert! Wir kennen das von der Kindererziehung: nur harte Gesetze lassen das Kind sich auch nicht entfalten. Und groß ist der Unterschied zwischen Schule Kindergarten Familie und einer Therapie mit Borderline Patienten nicht. Es geht immer darum, ein ausgewogenes und der Situation angepasstes Maß sowohl an haltenden Rahmenbedingungen und festen Regeln zu beachten und aufzustellen.

Kapitel 2 – Wie können Krisen in Gruppen gelöst werden?

Nehmen wir uns noch mal das Musterbeispiel von Anfang zur Hand: der junge Mann hat sich über gewisse Regeln hinweg gesetzt und die Gruppe der Therapeuten war gespalten. Der eine Therapeut sagte man sollte etwas offener damit umgehen und die andere Gruppe sagte „Nein sein gesamtes Verhalten ist destruktiv und gegen alle Regeln“.

Wie wurde diese Situation in dieser Klinik gelöst?

Ganz am Schluss wurde der Chefarzt als Außenstehender befragt. Er war ganz erstaunt von der Gedankenlosigkeit der Gruppe die dem Patienten wie ein Schaf zur eigenen Schlachtung hinterher gelaufen ist.

Er fragte in die Runde: „was war eigentlich ganz am Anfang der therapeutische Auftrag des Patienten?“

Der ursprüngliche Auftrag war es nämlich, dem Patienten zu helfen sein Beziehungs- und sein Sozialverhalten zu verbessern. Jetzt fiel es den Therapeuten auf dass das Verhalten des Patienten den bewussten Behandlungsauftrag komplett im Widerspruch stand und das Team erlebte am eigenen Leibe durch seine Provokation, seine Entwertungen wie er die Therapie gefährdete und die Arbeitssituation torpedierte.

(1) Der erste Schritt muss nun sein: die Therapeuten müssen dem Patienten ein eigenes Verständnis über sein Verhalten geben (offene Worte)

(2) um im zweiten Schritt dann die Grenze von ihm einzufordern damit überhaupt noch eine Chance bleibt, ein beziehungsförderliche Sozialverhalten zu erlernen.

Eigentlich ganz einfach! Ein Kind welches „bockig“ ist, bekommt ja auch in einem vernünftigen Maße von seinen Eltern Grenzen gesetzt damit es dann sein Sozialverhalten verbessern kann. Nochmals: Schule, Kindergarten, Arbeitsumfeld und Therapie von Borderliner haben viele Überschneidungen.

Schauen wir uns nun drei Schritte an wie eine Krise in der Therapie oder in dem Umgang mit einem Borderliner gelöst werden kann.

2.1. Das Containing / die Emotions „Black-Box“

Das so genannte Containing ist mit das Wirksamste was in der Therapie mit einem Patienten getan werden kann. Ein Patient hat ein unerträgliches Leiden und möchte davon erlöst werden.

Jetzt vergleichen wir den Patienten mal mit einem hilflosen Baby:

Die Mutter eines kleinen Kindes nimmt die Affekte / die Reaktionen des Babys (Hunger, Angst, Unzufriedenheit) welche das Baby im ersten Moment selber noch nicht verarbeiten kann als projizierte Elemente in sich auf (das ist das so genannte Containing).

Sie als Mutter verarbeitet diese jetzt stellvertretend für das Baby. Dies ist ein emotional – kognitiver Prozess in welchem die Mutter den geistigen Zustand des Babys nacherlebt, ihn bedenkt und dann in eine Erwachsenenhandlung oder in ein erwachsenes Verhalten zurück überführt.

Zum Beispiel kann das Schreien des Babys die Mutter dann zum Füttern, zum Halten des Babys oder einfach mit dem Baby agieren motivieren.

Das Baby, welches noch nicht diese emotionale kognitive Kapazität von seiner Mutter hat kann sich aber mit diesem Containment / das Halten der Mutter voll identifizieren und auf diese Art und Weise selbst diesen Verarbeitungsprozess erlernen.

Jetzt übertragen wir das mal in die Psychotherapie.

Containing zeichnen in der Psychologie den Vorgang in denen der Therapeut die Projektionen eines Patienten erst mal aufnimmt – ohne die eigenen Emotionen dort hinein zu tragen.
Im zweiten Schritt verwandelt der Therapeut diese Informationen die den Patienten ja noch unerträglich sind in etwas erträgliches und gibt es ihm in einem dritten Schritt zurück.

Containing ist fast schon psychotherapeutische Verdauungsarbeit von unerträglichen Gefühlen – anstatt diese unerträglichen Gefühle welche vom Borderliner Patienten ausgesendet werden unreflektiert wieder zurück zu senden. Das Gegenteil wäre das Spiegeln der Gefühle.

Der Patient nimmt sein Gegenüber (den Therapeuten) als eine Person war, welche es schafft mit den eigenen unerträglichen Gefühl fertig zu werden. Dies hilft im Borderliner nun, sich mit seinem Gegenüber zu identifizieren.
Und dadurch kann es dazu kommen, dass der Patient nach und nach die Fähigkeit selber entwickelt unerträgliche Gefühle selber in etwas Erträglich zu verwandeln und dann auch auszuhalten. Einen solchen Vorgang nennen wir den Begriff der „Ich-Stärkung“

Diese „ich – Stärkung“ ist auch sehr notwendig wenn wir uns wieder einmal den Borderline Kriterien zuwenden.

Das Kriterium Nummer 3 lautet ja: Identitätsstörung: eine ausgeprägte und andere unter Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selbst.

2.2. Das „offene System“

Als offene Systeme können wir sämtliche Organisationen bezeichnen wie zum Beispiel Betriebe, Sportvereine, Schulen, und Kliniken die – um lebensfähig zu sein, oder eine Aufgabe durchzuführen – mit ihrer Außenwelt permanent in einem Austausch stehen müssen.

Praktisch alles auf dieser Welt ist im Endeffekt ein offenes System. Es muss nur funktionieren! Bei einem Betrieb sind es zum Beispiel Rohstoffe die reinkommen, die dann verarbeitet werden und dann als fertiges Produkt an den Kunden in der Außenwelt verkauft werden.

In einer Klinik wären die Rohstoffe die behandlungsbedürftigen Patienten. Die werden jetzt therapiert und am Schluss als geheilt entweder entlassen, verlegt oder weiter vermittelt.

Jedes offene System kann durch seine primäre Aufgabe definiert werden: das ist der Zweck der Organisation. Bei einem Betrieb kann es zum Beispiel Herstellung und Verkauf von Produkten sein. Bei einer Klinik die Behandlung von Patienten, im Kindergarten das Beschützen und in der Schule das Vermitteln von Lerninhalten an die Schüler.

Dieses offene System kann sowohl auf Gruppen, Organisationen und Gesellschaften angewendet werden aber auch auf einzelne Personen.

Unser ICH ist auch eine Steuerungsfunktion – ein offenes System.

Die Ich-Funktion vermittelt zwischen der äußeren und der inneren Welt und definiert eine Grenze zwischen innen und außen. Wie ein Manager steuert er es und diese Steuerung des Ichs wird in der Adoleszenz, in der Jugendzeit erlernt.

Ist jemand psychopathologisch krank so ist diese Steuerungsfunktion des ICH´s  komplett zusammengebrochen, mit den Folgen:

(1) damit können keine realitätsgerechten Beziehungen gestaltet werden und
(2) die Befriedigung von Bedürfnissen des Patienten (also seine primär Aufgabe) ist gefährdet.

Jetzt kommt der Therapeut ins Spiel:

Die Aufgabe eines Therapeuten ist vergleichbar mit der eines Beraters für ein Unternehmen. Die wichtigsten Aufgaben eines Firmenberater sind:

(1) die Organisationsstruktur in der Firma wieder herzustellen. D.h. also die Steuerungsfunktion wieder einrichten. 
(2) Den Betrieb wieder in eine Situation zu bringen dass er selbst geleitet und eigenständig fortgeführt wird. Für unser Beispiel, dass das ich wieder die Fähigkeit hat die Leitung über den Patienten selbst zu übernehmen.

Was macht die Arbeit mit einem Borderliner so schwer?

Das Verhalten eines Borderliners ist häufig geprägt von

(1) einem gestörten Verhalten und 
(2) einem starken psychischen Schmerz.

Diese zwei Phänomene lösen in der Regel in der Umgebung starke kollektive Abwehrdynamiken aus.

Die drei Gruppen der Abwehrdynamiken sind:

(1) eine kollektive Verleugnung von solch schweren Störung 
(2) eine stark haltende und versorgende Dynamik (die Mutter-Seite)
(3) eine rigide und strafende Haltung. (die Vater-Seite)

Es ist ganz klar, dass sich diese drei Dynamiken gegeneinander ausschließen. Es kann entweder nur das eine oder das andere getan werden.

Dabei ist die Lösung recht einfach: es sind lediglich zwei Faktoren zu berücksichtigen

(1) Das Beachten der Grenzen 
(2) eine effektive Ausübung der Steuerungsfunktion an den Grenzen

Nehmen wir wieder das Beispiel der Klinik:
– wenn eine Gruppe untereinander klare Richtlinien hat, Grenzen beachtet und in sich klare Steuerungsfunktionen beachtet – 
dann kann ein Borderliner Patient dies als Modell für den Umgang mit seinen eigenen Steuerungsfunktionen an seinem eigenen ich und seinen eigenen ich –Grenzen übernehmen

Welche Grenzen könnten zum Beispiel einen Borderliner gesetzt werden? In einer Therapiegruppe kann das zum Beispiel sein

    • die Aufrechterhaltung des Rahmens für die Therapie (Zeit Ort Dauer und Art der therapeutischen Arbeit.) Das ist nichts anderes als Grenzen setzen. 

Versucht der Borderliner die Grenzen seiner Umgebung zu torpedieren muss die Umgebung (die Therapeuten) wieder die zwei Schritte anwenden:

(1) offenes Ansprechen des Verhaltens 
(2) Das Einfordern von Grenzen und respektieren dieser Grenzen.

Es ist egal ob die Grenzen durch eine Klinik, eine Familie, einem Fußballverein oder in der Schule gesetzt werden – Borderliner wachsen in der Regel in einer Umgebung auf die es Ihnen in der Jugendphase nicht ermöglicht hat, Grenzen für sich selbst und andere zu erlernen und zu respektieren.

Dieses 2–Schritte–System hilft einem Borderliner dabei, seine eigenen Grenzen wieder zu stabilisieren und seine eigenen Steuerungs- und Leitungsfunktionen selber wieder aufzunehmen.

2.3. Die Wichtigkeit von Hierarchien!

Zwar kann eine ständige Regelverletzung von einem Borderliner als diagnostisch–therapeutisches Problem angesehen werden … aber (noch wichtiger) stellen solche Regelverletzungen eine Gefährdung des Gesamtsystems dar.

Werden einem Borderliner keine Grenzen gesetzt, kann dies das gesamte System gefährden! Und hier spreche ich nicht nur von einer Klinik, sondern auch von einer Familie, Schule, Arbeitsplatz und dem geliebten Sportverein.

Was sind richtige Grenzen?

Grenzen werden durch die richtige Hierarchie gesetzt.

In einem Betrieb ist das ganz einfach:
ganz oben steht die Firmenleitung, danach kommen die Abteilungsleiter oder das mittlere Management bis hin zum Arbeiter.

Setzt sich jemand über diese Grenzen hinweg, oder werden keine Grenzen gesetzt, entwickelt sich ein zu liberaler Stil der eine Konfrontation mit den täglichen Aufgaben oder besonderer Probleme  unmöglich macht und damit den gesamten Rahmen des Betriebes, der Familie etc. zerstören kann.

Was ist im täglichen Leben eine gesunde Hierarchie?

Ich bemerke häufig bei Ehepaaren, welche miteinander im Streit leben, dass deren Hierarchien verschoben sind. Dann werden die Kinder oftmals höher geachtet als der eigene Partner. Dies führt unweigerlich zu starken Problemen.

Aber die oberste Stufe in der persönlichen Hierarchie, sollten weder die Kinder, noch der Partner sein sondern es sollten unsere Werte sein.

Das Bild auf der Seite soll eine gesunde Hierarchie im privaten Umfeld einmal demonstrieren.

Wie kann eine gesunde Hierarchie aufrecht erhalten werden?

Es ist egal ob wir über eine Klinik, eine Familie oder eine Schule sprechen. Das Team, die Mitarbeiter müssen sich von dem gesamten System gehalten und unterstützt fühlen um die eigenen Aufgaben erfüllen zu können. Da der Fisch immer vom Kopf her stinkt, hat die aller erste Leitung immer die Geschäftsführung, der Vereinsvorstand oder die Eltern.

Drei Dinge sind in einer Hierarchie wichtig:

(1) die Leitung muss klar und eindeutig ausgeübt werden 
(2) die Verantwortungsbereiche müssen transparent voneinander abgegrenzt werden. 
(3) Durch Supervision (Gespräche, Beratung, Reflexion) können Probleme direkt angesprochen und gelöst werden.

Das Ziel hiervon ist: es geht immer um die Uhr eigentliche Primäraufgabe. Eine Klinik hat als Primäraufgabe die Behandlung der Patienten. Ein Unternehmen hat das Ziel, Gewinne zu erzielen. Eine Familie hat ganz andere Ziele. Eine Hierarchie ist das zentrale Muster einer gesunden Familie, Klinik, Gesellschaft.

Eine kurze Zusammenfassung

(1) Zu viel Versorgungscharakter ist Gift in der Behandlung von Borderline Patienten.

(2) Durch zu wenig Grenzen und Struktur aber zu viel haltende Kontakte werden bei einem Borderliner Krisen geschürt, bei denen immer erst mal falsche Hoffnungen genährt und anschließend enttäuscht werden.

(3) Auch die Umgebung hat eine gewisse Teilschuld dass Borderliner auf sie Einfluss haben: es ist die narzisstische Empfänglichkeit von uns allen die zu einer Realitätsverzerrung führen, zu Machtkämpfen und zu Spaltungen innerhalb unserer Gesellschaft.

(4) Durch ein professionelles Containing von Therapeuten, können Handlungen des Borderliners in sprachlich darstellbare Beziehungsmuster übersetzt werden. Das ist die Rolle eines Therapeuten! Pathologisches Handeln in Worte umsetzen und damit behandelbar machen.

(5) Durch klare Grenzen und eine vernünftige Hierarchie können regressive Entwicklungen der Gruppe verhindert werden. Zusätzlich bekommt der Patient dadurch eine Hilfe seine eigenen Grenzen wieder herzustellen (Learning bei doing)

(6) Um das Containing vernünftig durchzuführen müssen alle Gruppenmitglieder in den Gesamtsystem getragen und unterstützt werden. Wir können es auch mit Wertschätzung übersetzen oder mit einem so genannten Team Spirit

Schau Dir diesen Bericht auch gerne als Video bei Youtube an!

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Trotz Borderline – Persönlichkeitsstörung – einen Sinn im Leben finden

Trotz Borderline einen Sinn im Leben

 

Möchtest Du dieses Video auf Youtube sehen? Hier geht es zu dem Videolink: ⇒ -Trotz Borderline einen Sinn im Leben finden. Persönlichkeitsstörungen richtig begegnen.

1. Die Sinnsuche – Eine „radikale Akzeptanz des Lebens“

Zu Recht stellen Menschen mit großen Problemen und schweren Schicksalen die Frage nach dem Sinn im Leben. Therapeutisch kann man dies

      • entweder als depressive Symptome behandeln oder
      • man könnte die Alternative wählen und den Fragenden an die Religion oder an die Philosophie verweisen.

Darf ein Therapeut einen Patienten jedoch bei der Suche nach dem Sinn helfen? Ist dies nicht die ureigene Aufgabe der Religion oder der Philosophie?

Sigmund Freud hat doch auch die Religion als gesellschaftlichen Massenwahn bezeichnet und Karl Marx hat es etwas deutlicher ausgedrückt: „Religion ist Opium für das Volk“.

Mir drängt sich häufig der Gedankengang auf, dass in der Psychotherapie der Frage nach dem Sinn des Lebens oft aus dem Weg gegangen wird und das gerade dann, wenn es in der Therapie etwas schwieriger wird. Dann zieht man sich zurück und flüchtet sich förmlich auf eine Überebene um den elementaren Fragen des Patienten aus dem Weg zu gehen.

Das bringt uns aber einer Lösung nicht näher!
Einen Patienten interessiert es nicht ob ich Sinnfragen, Religion oder Esoterik für richtig oder falsch halte.
Einen Patienten (Borderline Patienten) interessiert es, welchen Sinn sein! Leben haben kann.

Jeder Mensch, egal ob mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung, einer komplexen Trauma Folgestörung oder oder oder wird sich irgendwann nicht mehr vor einer Frage drücken können: welchen Sinn kann ich noch in meinem Leben haben trotz meiner Schicksale?

Wir sind umgeben von Schicksalen und Lebensläufen die geradezu von Hilflosigkeit strotzen. Besonders diese Menschen mit schweren Schicksalen stellen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens jedoch am häufigsten.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine Frage aus der Not heraus. Es geht um den Sinn hinter dem Leiden, dem Sinn hinter dem Tod.
Eine therapeutische Position ist folgende:

      • Wer die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt leidet unter einer behandlungsbedürftigen Depression. Sie ist immer ein Symptom einer Depression oder zumindest ein Hinweis auf eine unterschwellige Suizidalität.
      • Häufig wird darauf geantwortet: bei Fragen nach dem Sinn des Lebens fragen Sie bitte nicht Ihren Arzt oder Apotheker sondern lieber ihren Seelsorger.
        So zu antworten bedeutet aber für den Therapeuten sich aus der Schlinge dieser Frage zu ziehen. Ein Therapeut kann sich dieser Frage aber auch stellen und versuchen Sie respektvoll und seriös zu reflektieren.
Die Frage nach dem Sinn eines Lebens ist immer berechtigt!
Was aber ist aus einer therapeutischen Sicht heraus der erste Schritt?

Der erste Schritt in Bezug auf die Sinnfragen oder traumatischen Lebensereignissen oder belastenden Lebenssituationen – wie zum Beispiel Borderline – kann nur eine radikale Akzeptanz der Realität sein!

Traumata, Erkrankungen und schlechte Lebenssituation ereignen sich. Sowas nennt man Shit HappensAll die vielen traumatischen Erfahrungen und Schicksalsschläge gehören einfach zum Leben — auf Lateinisch Conditio humana.

Und wenn wir mal ganz ehrlich sind, wir leben heute in einer Zeit und besonders in Zentraleuropa – einer Region, in der weitaus weniger Menschen traumatisiert werden als in früheren Jahren oder aber auch in anderen Gegenden der Welt.

Wir leben frei von Kriegen, haben recht wenig Naturkatastrophen, eine im Vergleich zu anderen Gegenden sehr niedrige Kriminalitätsrate und bleiben (auch angesichts von Corona) von tödlichen Krankheit Epidemien weitgehend verschont.

Wir leben in einer Luxus-Situation! Wir können diskutieren ob Mobbing oder Arbeitslosigkeit ein Trauma ist – und bei manchen Lebensbiografien ist das schlimmste Ereignis der Tod des geliebten Haustieres als der Patient noch jung war. Andere Kulturkreise hätten diese Luxusprobleme gerne anstatt ihrer eigenen.

Gemäß Studien gibt es für schwere traumatische Erfahrungen eine Lebenszeit-Prävalenz (Häufung) von ein bis fünf schweren Traumen. Hier geht es wahrscheinlich auch um eine Definitionsfrage was ein Trauma ist.

Im Grunde genommen reden wir hier immer vom Traumatyp 1 – dem sogenannten Monotrauma. Und bei dem Monotrauma müssen wir noch etwas grundsätzlich Positives mit einkalkulieren:

Circa 85 % aller Monotraumata sind nach 6-12 Monaten integriert. Was heißt das? Nach dem Hirnforscher und Neurobiologe Gerald Hüther sind wir Menschen und Traumatisierungen Erfahrungen sozusagen adaptiert. (angepasst).

Seitdem es Menschen gibt muss dieser sich mit lebensgefährlichen Situationen auseinandersetzen und unser Stressbewältigungssystem ist perfekt darauf geeignet / geeicht Traumatisierungen so aufzuarbeiten dass wir grundsätzlich keine dauerhafte PTBS entwickeln.

Wie kann man das sagen? Als 2004 der gigantisch große Tsunami in Süd Ost Asien über die Länder fegte, versanken bei weitem nicht alle Betroffenen / Überlebenden in einer posttraumatischen Belastungsstörungen.

Faktoren wie Familie, Sicherheit, Schutz Verständnis Loyalität Parteilichkeit werden durch die „Herde“ vermittelt und in diesem Klima gewinnt das Sicherheitssystem (unser Stressbewältigungssystem) langsam wieder an Stabilität, die Flashbacks werden immer weniger und das grundsätzliche Sicherheitsgefühl stellt sich wieder ein.

Ab wann kann man sagen dass ein Trauma im Leben eines Menschen integriert ist?

      1. wenn jemand an sein Trauma denken kann, ohne sich darüber heftig aufzuregen 
      2.  Wenn keine vegetativen Symptome Symptome mehr hervorgerufen werden wie zum Beispiel sich zu schneiden, in eine Sucht oder Depression zu verfallen. 

Interessant ist dass – wenn ich weiter oben behauptet habe 85 % aller Monotraumen werden innerhalb von 6-12 Monaten im Leben eines Patienten wieder integriert – so gibt es doch einige Arten von Traumata welche in ihrer Art und Weise zu über 50 % nicht (!) bewältigt werden können.

Die Ursache dieser Traumata sind
– sexualisierte Gewalt, Folterung, Tod eines nahen Angehörigen (besonders der Tod eines Kindes).
Und der Gedankengang „Die Zeit heilt nicht alle Wunden!“ hat seine Berechtigung.

Grundsätzlich können wir sagen: wenn Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung noch länger als sechs Monate nach dem traumatischen Ereignis existieren, dann handelt es sich um eine chronische PTBS.

Was fördert zum Beispiel die Verarbeitung eines Traumas im positiven Sinne? Es ist die Kompetenz und die Belastbarkeit der sozialen Umgebung, der sozialen Bezugsgruppe.

Wie wichtig die soziale Bezugsgruppe ist möchte ich mit folgendem Beispiel erklären:

Eine junge Mutter hat bei einem Zugunglück ihr Kind verloren und war nun traumatisiert. Sie brauchte die soziale Bezugsgruppe – ihre nächste Verwandtschaft – sehr dringend.

Das Problem: die Großeltern des verunglückten Kindes befanden sich selbst in einer traumatisierten Verfassung. Sie erwarteten nun von der Mutter dass diese für sie in ihrer eigenen Trauer und Not da sein sollte. Für uns als Beobachter natürlich unverständlich und entsprechend dem fand die Patientin auch gar keinen eigenen Raum um ihr eigenes Trauma zu bewältigen.

⇒ Alte Familienstrategien kommen durch Traumen oft zum Vorschein – das muss man wissen.

Dieses Verhalten der Großeltern gegenüber der Mutter war schon in deren Jugend vorhanden und so entwickelte sich eine eigene Familiendynamik und eine neue Konkurrenzsituation:

      • wer nun das größte Recht auf die tiefste Trauer hat und
      • wer das Recht auf die meiste Zuwendung von dem anderen einfordern konnte.

Wir können hier von einem tiefen Nazismus der Großeltern sprechen. In diesem Falle war es erforderlich die Großeltern für sich ganz alleine zu therapieren damit die Mutter Raum für sich, ihre Traumverarbeitung und ihre eigene Trauer finden konnte.

Wie bereits erwähnt passiert es nicht selten, dass –  wenn eine traumatische Situation entsteht – eine lang unterschwellig existierende und angespannte familiäre Situation nun hochkommt und der Traumaverarbeitung im Wege steht.

Dann steht einem traumatisierten Menschen die natürliche Bezugsgruppe, die natürliche Traumatherapie der Umgebung nicht zur Verfügung, — damit meine ich die Aufarbeitung der traumatischen Erfahrung im Schutz einer stabilen familiären Bezugsgruppe.

Oft passiert dann noch ein weiterer Schritt: dann kommen die so genannten Echo – Gefühle heran

    • nachtragende Gefühle werden sie auch genannt wie zum Beispiel (1) Wiedergutmachungsansprüche oder (2) Vergeltungswünsche.

Dann geht man dazu über vors Gericht zu ziehen um Wiedergutmachung zu erlangen oder man sinnt auf Rache (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Damit wird Rache zu einem neuen Unrecht was dann wiederum neue Vergeltung fordert.

Im Rahmen dieser Echo – Gefühle ist Psychotherapie völlig ungeeignet Rachewünsche zu befriedigen. Das ist eines der schwierigsten Themen im Bereich der Psychotherapie. (Siehe Video: Vergeben ist nicht verzeihen). Hier geht es zum Video: Video: Vergeben ist nicht immer Verzeihen

Ein weiterer interessanter Punkt ist folgender:

Nach einem Trauma (so belegen es Studien) entwickelt sich weitaus häufiger eine Depression als eine chronische PTBS!!!

Nach einer traumatischen Reizüberflutung wird dies oftmals vom Opfer durch eine eigene massive Reduktion von Reizen im Inneren behandelt. Eine Vita Minima entwickelt sich dann bis zu einem inneren Stillstand.

Auf den ersten Blick erscheint so etwas gar nicht als die Folge von einem Trauma und häufig ist es auch vielen Menschen selber oder in der Umgebung gar nicht bewusst. Solche Reduzierungen bis auf den Stillstand der eigenen Gefühle sind therapeutisch und auch medikamentös nur sehr schwer therapierbar.

2. psychotherapeutische Herangehensweisen zum Sinn des Lebens

Die Psychotherapie hat nicht die Aufgabe dem Sinn des Lebens oder der Frage nach dem Sinn des Lebens eine Antwort zu geben. Was sie aber kann ist Gedankenrichtungen in unserer Gesellschaft nach deren Sinn zu hinterfragen.

Der Grund dafür ist folgender: ein Mensch kann nur dann sinnvoll leben wenn er in seinem Leben einen Sinn sieht. Ein Mensch erträgt es einfach nicht sinnlos zu leben. Dies hat schon Viktor Frankl in den 1930er Jahren erkannt.

Aus dieser Not heraus, dass Menschen in allen Dingen immer einen Sinn  suchen, entwickelte er die sinnzentrierte Psychotherapie. Wir kennen Sie unter dem Namen Logo Therapie (Logos = Sinn).

Die Logo Therapie ist aber nicht die einzige Form der Psychotherapie welche sich mit den Sinn-Betrachtungen im Leben befasst. Folgende vier weitere Richtungen / Denkmodelle möchte ich exemplarisch erwähnen:

(1) die Existenzanalyse

(2) die Hypnotherapie von Milton Erickson

(3) die Forschungen von Alfred Adler. Er schrieb zum Beispiel das Buch (Sinn des Lebens) indem er zeigt, dass für einen Menschen ein Leben nur dann sinnvoll ist wenn es auch sozial sinnvoll ist.

(4) die Arbeiten über die posttraumatische Verbitterungsstörung vom Verhaltenstherapeuten Michael Linden. Professor Linden geht an die Frage nach dem Sinn des Lebens sehr rational und strukturiert heran. Am Ende des Videos gehe ich noch auf einzelne Punkte seiner Weisheitstherapie ein.

Wenn wir uns mit dem Thema befassen: ein Sinn des Lebens trotz traumatischer Erfahrungen – welche einen Menschen bis hin zum Borderline bringen – müssen wir kurz wissen was ein Trauma auslöst.

In drei Bereichen zerstört jedes Trauma das Weltbild eines Menschen.

(1) jedes Trauma ist eine grobe Verletzung zentraler Grundannahmen und der Werte .

(2) ein Trauma stellt die Gerechtigkeit der Welt und des Lebens grundsätzlich in Frage

(3) Ein Trauma bedeutet den Verlust der eigenen Selbstwirksamkeit.

Religion und Philosophie bauen die Werte und Grundannahmen und damit den Begriff Gerechtigkeit und Selbstwirksamkeit bei einem Menschen auf.

Ein Trauma reißt dies jedoch nieder.


Bedeutet das nun, dass Religion und Philosophie falsch sind? Das muss nicht sein! Durch die Brille der Psychotherapie kann man eine andere Sichtweise auf Religion und Philosophie bekommen – und damit einher auch eine andere Sichtweise auf den Sinn des Lebens.

Nochmals: Psychotherapie hat nicht die Aufgabe dem Leben einen Sinn zu vermitteln sondern eine abgeänderte Sichtweise auf das was Religion und Philosophie uns und unsere Gesellschaft im Groben vermitteln.

Schauen wir uns die drei genannten Punkte noch einmal an:

⇒ Durch Religion und Philosophie erhalten wir Grundannahmen, einen Glauben an die Gerechtigkeit der Welt und einen Glauben an unsere eigene Selbstwirksamkeit.

(1) Ein Trauma zerstört solche Betrachtungsweisen. Ist jetzt das Trauma richtig oder sind es die religiösen oder philosophischen Betrachtungsweisen?

Ich sage: weder das eine noch das andere hat 100-prozentige Weisheit für sich alleine gepachtet.
Mein Ratschlag wäre: einmal durch die rationelle Brille einer psychotherapeutischen Sicht heraus die religiösen Aspekte in Ruhe zu betrachten.

Denn, in dem Status in dem sich unsere Welt heute befindet, wird es immer grobe Verletzungen von Grundannahmen und Werten geben,

es wird immer die Gerechtigkeit infrage gestellt und es wird immer die Selbstwirksamkeit des Einzelnen angegriffen.

Aber gerade diese drei religiösen und philosophischen Konzepte: 
(1) zentrale Grundannahmen
(2) Glaube an die Gerechtigkeit der Welt
(3) Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit
helfen uns eine gewisse Berechenbarkeit in unserem Leben aufzubauen. 

Hierdurch hat der Einzelne die Möglichkeit auf die Welt Einfluss zu nehmen. Anstatt immer wieder neue Grundannahmen zu unterstellen geht er von grundsätzlichen Annahmen in der Gesellschaft aus und wendet diese auch auf andere Menschen welche er neu kennenlernt an.

Ein Trauma kann diese zerstören oder zumindest ins Wanken bringen,

Die Arbeit der Psychotherapie ist es nun, diesen Faktor der Ungewissheit, Unsicherheit, der Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit des Lebens nicht in etwas Schlimmeres gleiten zu lassen.

Denn: von der traumatischen Erfahrung bis zum Verlust des Sinns im Leben ist es für viele Menschen nur ein kleiner Schritt. Sie sagen sozusagen: „Wenn mir in meinem Leben solch ein Trauma schon zugestoßen ist dann macht mein Leben doch keinen Sinn.! Hat das Leben denn dann generell einen Sinn?“
Gemäß einer Ärztezeitschrift begehen > 50% der Borderliner-Patienten mindestens einen Suizidversuch. 

Das im Hinterkopf ist auch der Hauptgrund warum ich mit diesem Artikel einmal die Sinnfrage aus religiöser und philosophischer Sicht mit einer therapeutischen Brille betrachten möchte.

3. Die Frage nach dem Sinn und die Antworten der Religionen

Ganz am Anfang möchte ich einen Fakt betonen:
⇒ ich habe weder ein Theologie- oder
ein Philosophiestudium
⇒ noch irgendeine erwähnenswerte Qualifikation, das Thema Religion in seiner Gesamtheit zu besprechen.

Ich möchte lediglich gewisse Grundaussagen in der Religion einmal aus einer therapeutischen Brille betrachten um daraus einen Nutzen für den Einzelnen zu ziehen. Einen Nutzen, um den persönlichen Sinn im Leben zu finden. Dies ist absolut kein Bashing von Religionen sondern ein respektvolles Hinterfragen und ein Fördern von positivem Denken.

Mit ein wenig Humor und Augenzwinkern kann man Religion auf ein paar sehr kurze Grundannahmen reduzieren. 
Vielleicht kennt der ein oder andere diese T-Shirts mit der Aufschrift
Shit Happens – The Religions ….

Unter dieser Aufschrift/Überschrift kommen dann die verschiedenen Weltreligionen mit einer Kurzantwort ihrer Lehren. Diese T-Shirts kann man nicht nur in New York in einem Straßenstand kaufen sondern überall von der Welt aus im Internet.

Nochmals: Mit ein wenig Humor kann man sagen, dass die Antworten einen wichtigen Teilaspekt der religiösen Antwort darstellen. Aber sie verkürzen die religiöse Lehre natürlich über die Gebühr. Lasst uns deshalb diese kurzen Antworten einfach mal symbolisch für die Grundaussage der einzelnen Religions-Richtungen nehmen.

Nochmals: es geht mir nicht darum eine vergleichende Religionskritik durchzuführen. Das ist nicht mein Ziel! Mit dem therapeutischen Blick möchte ich auf das Positive der Grundaussagen und eine eventuell mögliche Gefahr hinweisen. Mehr nicht! Also: was können wir mit einem kurzen Blick auf die Religionen für uns mitnehmen?

(1) radikale Akzeptanz!

Das T-Shirt beginnt ganz oben mit dem Begriff „Shit Happens“. Das ist schon mal ein erster wichtiger Schritt! Der erste Schritt um einen Sinn im Leben zu finden ist die radikale Akzeptanz von dem was das Leben bietet.

Eine sehr bekannte Behandlungsform bei Borderline-Patienten ist zum Beispiel die DBT von Marsha Linehan. Sie selbst ist Zen – Buddhistin.

In dieser Therapieformen  finden wir also das ein religiöses Element in die eigentliche Therapie Einzug gehalten hat.

(2) Das göttliche Wesen erkennen – die Grenzen unseres Gehirns.

Über alle Religionen hinweg finden wir immer wieder eine Grundaussage von vielen Religionsrichtungen im Umgang mit dem göttlichen Wesen.

Gott ist nicht greifbar denn er hat keinen Anfang und kein Ende
Er ist sowohl die Einheit als auch die Vielheit
Das Alles und das Nichts er sei die Existenz und die Nicht-Existenz.

Viele Religionen (nicht alle) verbieten den Gläubigen z.B. dem göttlichen Wesen entweder einen Namen zu geben oder es in einer Statue abzubilden. 

Der Neurowissenschaftler und Psychologe aus Ulm Manfred Spitzer hat hierzu etwas ganz Interessantes im Jahr 1996 mit seinem Buch „Geist im Netz“ aufgezeigt was diesem Gedanken der Religion einen neuen interessanten und aktuellen Rahmen verleiht. In seinem Buch zeigt er, dass sich unser Gehirn seit der frühesten Kindheit nicht über das Wahrnehmen von konkreten Objekten programmiert sondern über die Wahrnehmung von Unterschieden!

Das Spielzeug – wie zum Beispiel die Puppe – wird nicht als gesamtes Spielzeug wahrgenommen und abgespeichert sondern wir setzen es ganz langsam aus gewissen Diskrepanzen wie hell dunkel braun rot oben unten klein Weich und hart zusammen.

Nach den neuesten Forschungen über unser Gehirn braucht dieses also – um etwas wahrzunehmen – Dinge die unterschiedlich sind von den anderen Dingen. Unser Gehirn nimmt in der Welt nur Alternativen wahr, etwas Anderes, eine Diskrepanz einen Widerspruch oder einen Unterschied. Sollte es etwas in der Welt geben zu dem es keine Alternative gibt dann können wir es mit unseren Sinnesorgane logischerweise nicht erkennen.

Da kommt mir das in den Sinn was Laotse vertritt: „wenn wir etwas das Tao nennen, ist es nicht mehr das Tao.“ 
In der Bibel heißt es zum Beispiel: du sollst dir kein Bild oder irgendein Gleichnis von mir als Gott machen.

Dieser Punkt 2 zeigt auf, warum wir so eine Schwierigkeit haben, einen allmächtigen Schöpfer mit unserem Gehirn zu begreifen, wenn wir ihn nicht sehen und nicht mit etwas Materiellem vergleichen können.

(3) Das Bedürfnis nach Religion

Kurios ist, dass der Mensch ganz offenkundig ein starkes Religionsbedürfnis hat.
Obwohl dieses Wesen (Gott) außerhalb von unseren Wahrnehmungs- und Erkenntnismöglichkeiten liegt, zerbrechen sich seit Menschengedenken Personen darüber den Kopf um dieses göttliche Wesen aus der Religion mit ihrem persönlichen Verstand und der Frage nach dem Sinn des Lebens in Übereinstimmung zu bringen.

Was sagt denn die Neurobiologie in Bezug auf das Religionsbedürfnis? Schauen wir nochmal auf Manfred Spitzer der in seinem Buch auf folgende Situation hingewiesen hat:

Wenn es in der afrikanischen Steppe zwei Gruppen von Personen gibt die aus irgendeinem Grund folgende unterschiedliche Denke hat:

        • die eine Gruppe denkt, dass die Sonne ein mächtiger Verbündeter ist, sie fördert, sie wärmt beschützt und leitet wie ein göttlicher Übervater.
        • Die andere Gruppe hat diese Vorstellung jedoch nicht entwickelt.

Nun kommt eine Naturkatastrophe und betrifft beide Menschengruppen. Welche dieser Gruppe wird dieses Ereignis wohl besser bewältigen? Die Antwort ist wichtig, denn sie bezieht sich in ihrer Wirksamkeit auf unsere gesamte Gesellschaft.

⇒ es ist die Gruppe mit der Überzeugung dass ein gotthaftes Wesen sie unterstützt und fördert.

Religion ist ein Überlebensvorteil. Religion gibt Hoffnung und motiviert durchzuhalten bis bessere Tage kommen.  Wenn es der Gruppe gelingt an diesem Glauben – dass es besser wird – festzuhalten dann kann sie aus einer Krise sogar gestärkt hervorgehen.

Das – was Religion auszeichnet – hat einen ganz wichtigen therapeutischen Eigenschaft: aus Krisen nicht geschwächt sondern sogar gestärkt rauszugehen. Das ist auch das ureigene Ziel der Psychotherapie.

Ein Borderliner, welcher sich tief in einer Krise bis hin zur Frage nach dem Sinn des Lebens befindet, könnte also auch gestärkt aus einer Krise hervorgehen.

Können die Religionen den Menschen aber in Krisen unterstützen? Schauen wir uns die Religionen ganz kurz einmal im Überblick etwas näher an und verwenden wir diesen Begriff den wir vorhin auf dem T-Shirt gesehen haben: „Shit Happens“

(4a) Shit Happens- Warum passiert das alles nur mir? ⇒ Der jüdische Glaube.

Das Judentum ist auf Moses gegründet und im alten Testament gibt es eine dialogische Beziehung zur Gottheit.
Der Dialog mit Gott, das Gebet ist für den Menschen

      • eine Kraftquelle 
      • eine Ressource,
      • eine Möglichkeit der Selbstfindung und der Stabilisierung.
      • In diesem Dialog hat der Einzelne die Möglichkeit zu klagen oder einzuklagen. Das beste Beispiel hierfür ist die Klagemauer.

Eine zentrale Figur in der jüdischen Religion ist der Bericht über Hiob. Hierüber wurden viele Bücher, Musikstücke, Theaterstücke u.s.w. geschrieben.
Der Gott in der Hiob-Geschichte wird von dem Teufel angesprochen und geht mit ihm gewissermaßen einen Pakt ein. Der Deal ist die Treue Hiobs zu Gott.
Hiob fühlt sich in dem darauf folgenden Drama von Gott zuerst ungerecht behandelt.

Dann kommen auch noch 3 angebliche Freunde und drängen ihn zu akzeptieren dass er selber an seiner Situation schuld sei. Hiob aber knickt nicht ein und sagt, Gott sei letzten Endes an alldem was ihm widerfährt nicht beteiligt.

Der Glaube an einen gerechten Gott und an seine gerechten Taten gab Hiob die Größe in seinem Leiden durchzuhalten. Am Ende der Geschichte wurde er ja auch dann von dem gerechten Gott gesegnet was im Judentum viele andere ermuntert hat, diesem Beispiel von Hiob zu folgen.


(4b) Shit Happens – es ist alles der Wille Allahs

“Inschallah“. Es ist von Gott gegeben / so Gott will. Dies stellt eine radikale Akzeptanz und ein Annehmen des eigenen Schicksals dar.

Der Mensch, der in allem einen Sinn im Leben sucht, übergibt an diesem Punkt den Sinn und die Sinnhaftigkeit an Gott. Zwar ist vieles unergründlich aber dieser Gott ist ja auch selber unergründlich – und so hat alles wieder einen Sinn.

Eigentlich beweist dieser Schritt eine starke innere Haltung:.
⇒ Zu dem Zeitpunkt wenn ein Mensch ein Trauma wirklich aus tiefster Seele als Bestandteil des Lebens annehmen kann, dieses nicht wieder gutmachen muss oder auf Rache sinnen muss, verliert dieses Trauma an Macht.

Therapeutisch betrachtet ist dies wunderbar: es bindet die traumatische Vergangenheit nicht mehr in die Gegenwart, gibt dem Traumatisierten eine neue Freiheit und eine neue Leichtigkeit im Leben.

Da es aber keine Wirkung ohne Nebenwirkung gibt so besteht auch hier eine gewisse Gefahr: Die Gefahr der radikalen Akzeptanz ist der so genannte Fatalismus und eine Passivität im Leben.

„Ich kann ja sowieso nichts ändern“. Dieser Begriff Inschallah wird oft als Ausrede für Faulheit und Verantwortungslosigkeit genommen.

Dieser Gefahr ist sich der Islam selber bewusst. …
Interessant ist deswegen auch die Kamellegende. (aus: Der Kaufmann und der Papagei von Nossrat Peseschkian einem Mit-Begründer der positiven Psychologie)

Mohammed hat den ganzen Tag gepredigt und mit einer Gruppe gebetet. Abends kommt einer seiner interessierten Zuhörer zu ihm gelaufen und klagt: „ich habe doch den ganzen Tag zu Gott gebetet Gottes Wort gehört. Jetzt ist mein Kamel in der Wüste gelaufen. Was soll ich nun tun?“ Mohammed antwortet lächelnd: „betest du das nächste Mal zu Gott, binde dein Kamel fest an.“

Ein weiteres Sprichwort besagt: du sollst Allah nicht mit Dingen belästigen, welche du selbst erledigen kannst.!“

Wer dies beachtet hat sein Leben wieder selbst in der Hand und übergibt sich keinem 100%igen Fatalismus (wie im Inschallah)
Und sein eigenes Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können ist ja ein wichtiges therapeutisches Ziel.


(4c) Shit happens – Wenn „shit happens“ dann ist es meine Schuld ⇒ Der katholische Glaube….

Irgendeiner muss doch schuld haben!!!
Dieser Satz
ist in dem Kopf vieler Menschen verankert.
In der katholischen Religion gibt es sogar 2 Begründungen für die Existenz und damit einen Sinn in der Sünde:

(1) die Erbsünde und der Teufel

Das Problem lautet : Wenn die Welt und das Schicksal ungerecht ist, es jedoch einen ungerechten Gott nicht geben kann, dann muss die Schuld woanders liegen – z.B.  bei den Menschen.

In der katholischen Religion gibt es die Erbsünde. Jeder Mensch wird mit Sünde geboren und die gesamte Existenz eines Menschen ist von Schuld belegt.

Hierdurch versucht der Mensch dem Ganzen wieder einen Sinn zu geben. Wo ist die Ursache der Schuld und wer ist verantwortlich hierfür? Wenn Gott nicht ungerecht sein kann dann muss es den Teufel geben der die Menschen in Sünde und Tod getrieben hat.

(2) Die Schuld vorhergehender Generationen

Als zweiten Faktor von Schuld wird dann die Schuld früherer Generationen genommen. Im alten Testament gibt es den Ausspruch: „ich werde die Schuld eurer Väter bis in die dritte und vierte Generation verfolgen.“ (2. Buch Moose 34:7)

Aus der therapeutischen Sicht passt dies hervorragend zu den Befunden der Weitergabe und Verarbeitung von Traumatisierungen wie zum Beispiel mit dem Holocaust. Noch heute wird die Schuld der deutschen Bevölkerung zugeschrieben die schon in der zweiten und dritten Generation sind nach der bereits verstorbenen Täter-Generation.

Diese Sichtweise – wenn ich in meinem Leben keine Schuld bei mir finde dann verarbeite ich die Schuld aus einem früheren Leben dient zu nichts anderem als eine Grundannahme zu retten: unsere Überzeugung dass die Welt und der Gott darin gerecht ist. Zur Not geht es nur um den Preis sich selbst anzuklagen. Wir nennen dies: „Blaming the Victim“

„Blaming the Victim“ (Opferbeschuldigung ist die Beschreibung für ein Vorgehen, das die Schuld für einen Übergriff beim Opfer selbst sucht und nicht beim Täter)


(4d) Wenn „shit happens“ – dann arbeite noch härter ⇒ Der Protestantismus

In dem Protestantismus ist die calvinistische Überzeugung (Johannes Calvin *1509 #1564, Reformator) sehr stark vorhanden. Eine ihrer Grundannahmen ist die Selbstwirksamkeit: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Das bedeutet nichts anderes als dass ich an den Früchten meiner Arbeit erkennen kann ob Gottes Segen auf mir oder auf meinen Werken liegt.

Solch ein Denken hat die kapitalistische Bewegung von der Schweiz aus in die ganze Welt beflügelt und hat im Grunde genommen eine eigene resilienzfördernde Wirkung.

Wie immer keine Wirkung ohne Nebenwirkung: wenn etwas Schlimmes geschehen ist,

      • dann hab ich halt nicht genug gearbeitet,
      • war nicht konzentriert genug oder
      • nicht diszipliniert genug.
      • Bin ich gescheitert, bin ich immer selbst schuld!

Das ist jedoch in vielen Fällen völlig ungerecht und stürzt den Betroffenen wieder in eine neue Sinnkrise!


(4e) Wenn Shit happens – dann bedeutet es mir nichts … ⇒ der Buddhismus

Erst die Leidenschaft schafft Leiden. Erst durch die Bewertung mache ich aus einer Situation etwas Gutes, etwas Schlechtes oder gar eine Katastrophe. 
Nach dem Religionsstifter Buddah sollte jeder Mensch

    • die Leidenschaften ablegen und 
    • leidenschaftslos die Welt radikal so akzeptieren wie sie ist.

Dies ist dies ein wichtiger therapeutischer Aspekt: Nachtragende Affekte, Emotionen und Körperreaktionen von den eigentlichen Ereignissen abzukoppeln! In einer posttraumatischen Behandlung durch einen Therapeuten ist genau dies das Therapieziel!

Es geht stets darum, das traumatische Ereignis loszulassen und es in die Vergangenheit freizugeben.

Die Kehrseite der Medaille ist aber Folgende: wir alle kommen mit angeborenen Gefühlsmustern – wie zum Beispiel Wut Trauer Angst und Ekel Überraschung und Freude – auf die Welt.

Wenn eine Religion nun diese Empfehlung gibt, solche Gefühle loszulassen, so entspricht dieser Weg zumindest nicht unserer angeborenen Natur. Es bedarf einer großen mentalen Stärke und Reife, diese Schritte in die Tat umzusetzen. Es geht aber – und hier kommt die Therapie ins Spiel.


(4f) Shit happens- Shit existiert einfach nicht (Zen – Buddhismus)

Gemäß der Zen-Lehre existieren Schicksalsschläge nicht! Nichts ist vorherbestimmt – alles geschieht durch die Wechselwirkung von dem Individuum mit seiner Umgebung.

In dieser Haltung steckt eine sowohl eine milde Weisheit als auch eine unglaubliche Stärke… 

Wie immer: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung: 
Wenn einerseits Schicksalsschläge nicht existieren oder nicht an mich herankommen, andererseits Leid und Trauer (was menschlich ist) jedoch verboten oder unterdrückt wird – dann ist diese Haltung sehr konfliktbehaftet weil diese dann unmenschlich. ist:

Es gibt eine Legende in der Lehre des Zen welche diesen Widerspruch verdeutlicht:

Als ein alter Lehrmeister des Zen verstarb trauerte sein Schüler intensiv und heftig. Dieser Schüler war in der Zwischenzeit selber ein Lehrer geworden. Ihm liefen die Tränen übers Gesicht als sein alter Meister verbrannt wurde.

Neben ihm stand ein weiterer Schüler der seinen Lehrer nun erstaunt anblickte: „Lehrer ihr habt mir immer gesagt dass nichts existiert. Es ist nichts so erstrebenswert als das man sich über irgendetwas freuen oder wegen Irgendetwas zu leiden habe. Jetzt weint ihr heftig beim Tod eures Meisters. Warum?“ Die Antwort: Weil auch ich ein Mensch bin.“


Eine kleine Zusammenfassung nach diesem kurzen Überblick über die großen Religionen:

Nur mit Hilfe eines T-Shirt-Aufdruckes Religionen zu beschreiben ist logischerweise nicht ausreichend. Alle Religionen haben noch mehr Antworten auf Sinn-Fragen zur Verfügung die alle ihre eigenen Stärken und Schwächen, ihre Chancen und Gefahren aufzeigen.

Sich mit ihnen zu befassen kann die eigene Sichtweise und damit den eigenen Horizont jedoch immer erweitern —— und das gerade dann, wenn man Menschen psychotherapeutisch fördern möchte.

Denn, in allen diesen Religionen findet man immer ein Körnchen Weisheit welches dem Einzelnen hilft in seinem eigenen Leben Fortschritte zu machen.

(5) Die Weisheit – Psychotherapie nach Professor Michael Linden.

Immer noch ist unser Thema: wie kann ich in meinem Leben einen Sinn finden trotz vieler Schicksalsschläge.

Man kann dieses Thema heute nicht mehr bearbeiten ohne zumindest einen kleinen Blick auf das Thema „posttraumatische Verbitterungsstörung“ zu werfen. Professor Michael Linden hat seit vielen Jahren dieses Thema aufgearbeitet und seine Ratschläge gehören meiner Meinung nach zur Grundausbildung jeder Psychotherapie.

Es geht hierbei immer um 2 Fragen: 
(1) was ist Weisheit? 
(2) wie kann ich Weisheit in der Therapie und im Leben anwenden?

Zu (1) was ist Weisheit?

Wissen, Erkenntnis, Weisheit. Dieser 3-Schritt ist die eigentliche logische Schrittfolge um Weisheit zu erreichen.

      • (Wissen) Ich weiß dass ein Auto im Autoverkehr gefährlich für mich werden kann.
      • (Erkenntnis) Ich erkenne da hinten ein Auto welches auf mich zukommt und mir gefährlich werden kann.
      • (Weisheit) Weisheit ist dann, diesem fahrenden Auto aus dem Weg zu gehen und sich selber in Sicherheit zu bringen.

Dies ist eine recht gute Möglichkeit, Weisheit mit einfachen Worten zu beschreiben. Anders ausgedrückt: Weisheit ist richtig angewandte Erkenntnis und richtig angewandtes Wissen. Sämtliche Ausbildung nützt mir nichts, wenn ich dieses Wissen nicht richtig anwende.

Zu (2) Wie kann ich Weisheit in der Therapie und im Leben anwenden?

Es gibt die verschiedensten Therapiearten. Egal ob wir über die Transaktionsanalyse, die kognitive Verhaltenstherapie, die Gesprächstherapie sprechen – es ist immer eine Form von Therapielösung welche angewandt wird, um ein Leiden zu verringern und möglichst ganz auszumerzen.

Durch die Anamnese wird festgestellt in welchen Persönlichkeitsanteilen der Patient gewisse Defizite hat und an diesen wird dann in der Weisheitstherapie gearbeitet um diese fehlenden Eigenschaften wieder aufzubauen.

Du siehst ja an der Seite ein Bild mit den 11 Basisfähigkeiten die jeder ur-eigentlich mitbringen sollte.

(1) die Fähigkeit zum Perspektivwechsel bedeutet: die Sichtweise einer anderen Person anzunehmen welche an diesem speziellen Problem auch beteiligt ist. Wie betrachtet sie zum Beispiel die gesamte Situation?

(2 die Selbstdistanz. Ähnlich dem Perspektivwechsel heißt es auch hier, die Sichtweise einer anderen Person wahrzunehmen. In der Selbstdistanz ist es aber speziell sich selbst (!) aus der Perspektive der anderen Person wahrzunehmen.

(3) Empathie

Das Nachempfinden von Gefühlen Anderer. Jemand schneidet sich in die Hand und ich habe einen ähnlichen Schmerz welchen ich nun verspüre.

(4) Emotions-Wahrnehmung und Emotions-Akzeptanz

Sehr ähnlich zu Punkt 3 ist die Akzeptanz von Emotionen – also auch hier die Fähigkeit Gefühle von anderen akzeptieren. Aber ganz wichtig: auch von sich selbst (!) wahrzunehmen und zu akzeptieren.

(5) Humor

Humor ist im Grunde der heitere Umgang mit den eigenen Fehlern oder den Fehlern Anderer.
Meines Erachtens ist dies die zentrale Fähigkeit zum vernünftigen Umgang mit den eigenen Schwierigkeiten. Humor ist eine Mentalisierungshilfe und schafft eine gesunde Distanz zwischen den Menschen. In einem humorvollen Zustand ist der Betreffende nicht mehr Opfer der Situation, seiner Gefühle oder seiner Lebensumstände sondern hat einen eigenen Meta – Standpunkt.

Was ist Mentalisierung? Mentalisierung ist die Fähigkeit eigenes (oder das des Anderen) Verhalten zu interpretieren. Also nicht nur das Verhalten des Gegenübers wird betrachtet, sondern am Verhalten des anderen wird abgelesen was in seinem Kopf vor sich geht.

Vielleicht ist das Wort Achtsamkeit etwas geläufiger. Die Konzepte von Mentalisierung und Achtsamkeit sind sich sehr ähnlich. 

Besonders Personen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung haben die Fähigkeit zum Galgenhumor, Zynismus und zum Sarkasmus.
Humor ohne Mentalisierung ist jedoch nicht möglich.
Das zeigt, dass Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung keine grundsätzliche Mentalisierungsstörung haben, sondern lediglich unter bestimmten Phasen bzw. Situationen – zum Beispiel bei starkem zwischenmenschlichen Stress – hierzu neigen.

(6) Fakten- und Problemlösewissen

Wissen allein reicht nicht, es muss richtig umgesetzt werden. Und da hilft zum Beispiel Coaching, Beratung oder konkrete Unterstützung aus der näheren Umgebung.

Ein Vergleich: Eltern bringen ihren kleinen Kindern bei mit Hilfe von Taschengeld einen richtigen Umgang mit Geld zu lernen. Ist das Geld für die Woche oder im Monat zu Ende lassen Sie ihre Kinder nicht alleine sondern besprechen mit Ihnen wie sie das Geld in der nächsten Zeitperiode sinnvoll ausgeben können so dass es über den Monat verteilt reicht – Und vielleicht sogar noch etwas gespart werden kann.

Der 1954 geborene deutsche Philosoph Roman Casper hat hierzu ein sehr interessantes Buch geschrieben: „das Sein bestimmt das Bewusstsein.“

Die folgenden Punkte 7,8 und 9 dienen jetzt dazu, die Weisheit zu aktivieren.

(7) Kontextualismus

Es ist das Wissen, dass alle Umstände, Situationen und Probleme von ihrer Situation und von ihrer Zeit einem bestimmten Kontext zugeordnet werden müssen.

Im Buddhismus gibt es die Lehre, dass niemand denselben Fluss zweimal durchqueren kann. Denn beim zweiten Mal ist der Mensch ein anderer und auch der Fluss hat sich verändert.

Ein Neurobiologe sagte einmal den Satz: „nach diesem Gespräch sind sie ein anderer Mensch denn durch die Neuroplastizität hat sich ihr Gehirn auch materiell verändert.“

Kontextualismus bedeutet also: die Zeiten ändern sich, Situationen ändern sich, Umstände ändern sich. Da dem so ist, darfst du eine Situation niemals als sicher oder im Gegensatz dazu als absolut hoffnungslos beschreiben.

Never Never Never give up. Ein Zitat was Winston Churchill zugeschrieben wird. Er hat bewiesen, dass die Umstände zwar schlimm sein können sich aber nicht ewig so halten können.

(8) Werterelativismus

Grundsätzlich müssen wir anerkennen, dass andere Menschen andere Werte und Lebensziele haben als du und ich.

Da steht ein Konzernchef auf einer Aktionärsversammlung, strahlend vor seiner Zuhörerschaft und sagt dass das Unternehmen große Gewinne gemacht hat. Im nächsten Jahr werden weitere Mitarbeiter entlassen und die Gewinne würden noch früher sein.
Zu seinem Erstaunen kommt ihm starke Empörung durch die Medien entgegen. Dieser Konzernchef sagte später in einem Interview, dass er das alles nicht versteht. Wenn die Gewinne niedrig wären, würde die Aktien sinken. Dann würden andere Banken diese Bank aufkaufen und würden mehr Mitarbeiter entlassen als von ihm ursprünglich geplant sei.

Er hatte in seinem eigenen Wertesystem nichts anderes getan als wertekonform, sozial und sehr gewissenhaft zu arbeiten. Wärst du jetzt ein Mitarbeiter in diesem Konzern und hättest deinen Arbeitsplatz verloren kann es sein das du trotzdem mit Verbitterung reagierst.

Was in der einen Wertewelt etwas Böses und Egoistisches ist kann in der Wertewelt des Anderen sozial, altruistisch und vielleicht sogar religiös Gott gewollt sein. Die Gefahr vom Werterelativismus ist die Gefahr der Beliebigkeit.

Darum bemühen sich Regierungen und ganze Menschenrechtsorganisationen sowohl Menschenrechte, Grundrechte und Grundwerte als universelle Werte erdenweit festzulegen.

(9) Selbstrelativierung.

Hier sind wir fast schon wieder am Anfang unseres Beitrages angelangt und es schließt sich ein gewisser Kreis. Bei der Selbstrelativierung geht es um die Fähigkeit zu akzeptieren, dass Vieles nicht nach unserem eigenen Willen läuft und man nicht immer der wichtigste Mensch auf der Welt ist.

Wenn man das einmal zusammenfasst und nüchtern betrachtet ist es eine permanente Kränkung des Selbstwertgefühls und stellt dauerhaft die Selbstwirksamkeit infrage.

Wer jedoch diese Fähigkeit der Selbstrelativierung erlernt und mit einer Akzeptanz dieses Faktes durch das Leben geht wird ein viel ruhigeres Leben führen als der genaue Gegenteil: der Querulant. Ein Querulant vollzieht nicht den Perspektivwechsel, die Selbstdistanz oder bemüht sich nicht um Empathie.

Selbstrelativierung bedeutet, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

(10) die Ungewissheitstoleranz.

Es gibt ein altes liebliche Sprichwort das sagt: Zeit und unvorhergesehenes trifft sie alle.“ (Prediger 9 Vers 11)

Ein Youtuber war einen Tag vor dem 11. September 2001 auf der Aussichtsplattform vom World Trade Center. Nur einen Tag später und er wäre nicht mehr am Leben gewesen. So etwas müssen wir einfach tolerieren. Wir können uns nie sicher sein wie sich unser Verhalten kurzfristig und mittelfristig auswirken kann. Jedes Wort, jedes Geschehen und auch dieser Artikel kann Konsequenzen nach sich ziehen die ungewollt waren.

(11) die Fähigkeit mit Paradoxien zu leben.

Das Wort paradox kommt aus dem altgriechischen und bedeutet gegen die Erwartung, gegen die gewöhnliche Meinung, Unglaublich!“

Eine Person sagte einmal in der Therapie:“ der Typ war ein Schwein und ich habe ihn geliebt.“ Das ist zwar komplett widersprüchlich und in der Realität nicht aufzulösen oder zu versöhnen. Aber manche Lebenssituationen waren einfach zutiefst paradox und das muss man mit Shit Happens oder mit einem „so ist es“ hinter sich lassen.

Mein persönliches Schlusswort: 

Das letzte Lebewesen, welches das Wasser verstehen wird ist  ⇒ der Fisch.

Das Leben ist so vielgestaltig dass wir das Leben am besten durchleben indem wir es komplett und radikal akzeptieren.

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Borderline und extreme Sexualität Sadomasochismus

Borderline und sein Verhältnis zu extremer Sexualität (Sadomasochismus)

Mit Sadomasochismus sind in diesem Beitrag vorwiegend die ungefährlichen und harmlosen sexuellen Vorlieben bei sadomasochistischen Handlungen gemeint, die von Beiden Personen angewendet und auch von Beiden akzeptiert werden.

Zu Sadomasochismus zählen bereits Handlungen wie das Benutzen einer Augenbinde, Handschellen oder das Kratzen des Anderen. Grundsätzlich gibt es auch keine klare Grenzlinie zwischen sogenannten „normalen“ sexuellen Praktiken und denen bei Sadomasochismus.

Daher  tun sich unsere beiden Hauptnachschlagewerke (ICD10 und DSM-5) etwas schwer, den Sadomasochismus zu definieren.:

Der DMS-V gibt für den sexuellen Masochismus/Sadismus folgende Kriterien an:

        • Die sexuellen Phantasien, Bedürfnisse und Verhaltensweisen verursachen starke Leiden / Beeinträchtigung in wichtigen Lebensbereichen.
        • Sexuelle Phantasien (Paraphilien) sind eine Reaktion auf psychische Belastungen und werden beim Patienten zunehmen
        • wenn er zusätzliche psychischen Störungen hat
          • oder die Möglichkeit vorhanden sind, diese paraphilen Wünsche ausleben zu können.

Die ICD-10 andererseits geht davon aus, dass eine Störung (Sexueller Sadomasochismus) nur vorliegt,

        • wenn die sadomasochistischen Betätigungen die Hauptursache der Erregung oder für die sexuelle Befriedigung unerlässlich sind.

1.     Sadomasochistische Praktiken

 

Mit diesem Beitrag möchte ich auf keinem Fall eine Diskussion darüber starten, was denn nun paraphil ist und was nicht.

Mit dem Aufzeigen von ein paar ausgewählten Beispielen sadomasochistischer Praktiken (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) möchte ich aber auf deren allgemeinen Zusammenhang mit Persönlichkeitsstörungen aufzeigen.

Viele dieser Praktiken fallen

      • durch ihr selbstverletzendes Verhalten auf und
      • durch die Art der ihnen eigenen Form der Beziehungsgestaltung
        • inklusive der Nähe-Distanz-Regulierung

welche ja das erste der 9 Kriterien für Borderliner im DSM ist.

  • Demütigung

■ Befehle: Er (der Masochist) muss stehen, während alle anderen sitzen; darf häufig kein Wort sprechen. Der Sadist andererseits muss immer respektvoll und höflich angesprochen werden.

■ absolute Unterwerfung: er auf jedes Wort „gehorchen“, zum Beispiel aus einem Napf vom Fußboden essen.

  • Bondage

■ das Verschnüren des Masochisten mit Stricken, Lederbändern oder Riemen

■ der passive Partner wird z.B. an ein „Andreaskreuz“ oder an Haken in der Zimmerdecke oder den Wänden gebunden

■ Das Ziel liegt darin, den Anderen bewegungsunfähig zu machen und so das Gefühl des Ausgeliefertseins zu verstärken oder durch die Fesselung eine bestimmte Körperhaltung zu „erzwingen“

  • Spanking

■ Zufügen von leichten bis zu extrem harten Schlägen mit der flachen Hand oder einem Gürtel oder Ähnlichem Flagellation

■ Eine Steigerung findet statt wenn der Masochisten mit verschiedenen Schlagwerkzeugen „bearbeitet“ (wie Peitschen, Reitgerten, Rohrstöcken, Brennnesseln) wird. Die Effekte reichen von leichten Hautrötungen über blaue Flecken und Platzwunden bis zu blutigen Striemen

  • Folterspiele

■ Der Masochisten wird mit Nadeln, Rasierklingen, heißem Wachs, Metallklammern und Gewichten an Brustwarzen und im Genitalbereich oder mit einer Brandmarkung „behandelt“. Häufig kommt es zu Durchbohrungen der Haut wenn Ketten oder Ringen an diesen Stellen befestigt werden.

Andere Praktiken hierbei sind: Stromschläge, das Einführen von Gegenständen in Körperöffnungen, oder Würgen

  • Andere

Amelotatismus von griech. a „ohne“, melo „Glied“, tasis „Zuneigung“): sexuelles Interesse an Personen mit verkrüppelten oder amputierten Gliedmaßen. Ein anderes Wort wäre Deformations-Fetischismus.  

Koprophilie, Urophilie: sexuelle Befriedigung durch Essen oder Spielen mit Exkrementen

Vampirismus: sexuelle Stimulation durch das Trinken von Blut

Sodomie: sexuelle Handlungen mit Tieren

Gerade  diese beschriebenen Extrem-Formen von Sadomasochismus werden zur Stabilisierung der belasteten Psyche ausgelebt. Dies dient besonders Borderline-Patienten zur Reduzierung der übermächtigen diffusen Angst.

Wichtig: Bei der Betrachtung dieser Handlungen kommen wir immer wieder zurück auf das Muster von Übertragungen (wie z.B. Ängsten). Wir werden hierauf noch später tiefer eingehen.

2.     Angst ist das (!) zentrale Gefühl bei Borderline-Störungen

 

      • Angst ist das Zentralsymptom der Borderline-Störungen!!!
      • die mit der „Vernichtungsangst des Säuglings“ beginnt
      • seine Wiederbelebung durch die Realtraumatisierung erfährt
      • Und sich in den Angsthandlungen eines Borderliners

Diese aus der frühesten Kindheit kommende, traumatische sogenannte diffuse Angst entspricht eher einer Grundangst als einer konkreten Erwartungsangst von reellen Dingen.

Sie wird „automatisch“ aufgebaut wie eine innere Abwehr gegen unbewusst erwartete Bedrohungen (häufig in Bezug zu Beziehungen).

Sie äußert sich oft „versteckt“ sowohl auf der tatsächlichen / deskriptiven  Ebene wie der strukturellen Ebene

    • Deskriptive (d. h. symptomatische) Ebene: Die Symptome dienen der Angstausrichtung beziehungsweise -kanalisierung (Phobie, paranoide Symptome), der Angstminimierung (Dissoziation) beziehungsweise der »Angsteliminierung« (narzißtische Leere, emotionales Vakuum).
    • Strukturelle Ebene: Entängstigung ist
      • – sowohl über den zentralen Abwehrmechanismus (Spaltung) und die Hilfsabwehrmechanismen (insbesondere projektive Identifizierung,
      • – aber auch über Entwertung, primitive Idealisierung usw.) möglich.

 

  • 2.2. Säuglingsangst

Als Säugling hast Du am Anfang nur 2 Zustände: „Sein und Vernichtung“ Andere Alternativen existieren nicht in unserem zur Geburt noch unausgereiften Gehirn. Im Speziellen ist hier der noch nicht ausgebildete Präfrontale Cortex gemeint. Andererseits ist das Limbische System bereits voll aktiv. Dies ist wichtig um alles Weitere zu verstehen.

Ein kurzer Blick auf die Tierwelt zeigt es ganz deutlich: Angst vor Vernichtung steuert das Verhalten selbst primitiver Lebewesen.

Säuglingsforscher haben in Studien erkannt, das falsches Halten im Kind extremes Unbehagen hervorruft.

Hierdurch entsteht beim Säugling

das Gefühl, die äußere Realität ist zur Beruhigung nicht zu gebrauchen, und Ängste, die wir als ‘psychotisch’ bezeichnen können.“

Dieses sind Beschreibungen von Ängsten eines Säuglings,

    • der zwar eine konkrete Gefahr nicht erkennen, sie auch nicht fantasieren kann,
    • aber dennoch Angst vor dem inneren „GAU“ haben kann – ohne eine Idee, wie dieser aussehen könnte.

Der einzige Schutz dagegen ist die „haltende Funktion“ besonders der Mutter. So wie der Säugling das Gehaltenwerden braucht

      • und die haltende Funktion wahrnimmt,
      • so genau nimmt er auch das Fehlen wahr.

Wichtig ist zu wissen, dass Säuglinge nicht fantasieren könnten. Deshalb hätten sie in erster Linie für sie realistische Ängste, die zeitlich begrenzt seien, sofern sich die angstauslösende Situation verändere.

Hierdurch durchlebt der kleine Mensch förmlich eine Vernichtungsangst, denn er kann ja nicht ahnen, dass das Essen schon naht, wenn der Hunger bereits vorhanden ist, oder dass die Decke schon bereit liegt, wenn er zu frieren beginnt.

In seltener Einhelligkeit bestätigen Angst-Patienten / Borderline-Patienten, dass man ihre Angst ganz genau so beschreiben könne.

2.3. Angst als Folge eines Traumas

 

Die erste konkrete Reaktion auf ein Trauma (ganz besonders spreche ich hier den sexuellen Missbrauch und die körperliche Misshandlung an) ist Angst um sich selbst, da das Trauma als lebensbedrohlich erlebt wird.

Dies geschieht nicht zuletzt auch aufgrund der tief im Unterbewusstsein gespeicherten Erinnerungen an die Vernichtungsangst des Säuglings.

Frühkindliche prätraumatische Erfahrungen und wohl auch pränatale Erfahrungen können den Patienten anfällig machen für künftige Persönlichkeitsstörungen.

Besonders auch deswegen weil das Realtrauma fast immer kein einzelnes Träume sondern eine Entwicklungstraume ist. Es entsteht häufig innerhalb einer längeren Zeit in einer „schwierigen Familienatmosphäre“  

Erst später, manchmal erst Jahre nach dem Trauma, erfolgt eine beziehungsbezogene Reaktion, also Wut bzw. Hass;

Wut als objektbezogenes Gefühl ist daher erst die zweite Gefühls- Reaktion auf Traumata. Dies betrifft Hass bzw. Wut auf den Täter wie auch – insbesondere nach Inzesterlebnissen – Hass und Wut auf sich selbst.

Zunächst wird aber während der Traumatisierung die Angst um sich selbst erlebt,

      • Häufig mit der Folge z. B. von Dissoziationen als Angstentlastung – als gelte die Bedrohung dann nur dem Körper wie einer leeren Hülle, aber nicht dem Selbst. Der Leidende spaltet sich sozusagen ab…

Ein „Problem“ bei welche den kleinsten Menschen – den Säuglingen – zugefügt werden ist folgendes:

Bei Erwachsenen werden Erinnerungen / auch Traumatisierungserinnerungen  im deklarativ-expliziten Gedächtnis gespeichert – dem Hippocampus. Dieser Hippocampus ist jedoch in den ersten Lebensjahren noch viel zu unreif sei, um klare Gedächtnisinhalte wie Personen und Sprache speichern zu können;

Andererseits ist aber das emotionale Gedächtnis z.B. mit der Amygdala von Anfang an voll funktionsfähig:

„Auf diese Weise ist z.B. erklärbar, daß lebensgeschichtlich frühe intensive Gefühlserfahrungen – wie z.B. die Vernichtungsangst von Säuglingen – unter ganz bestimmten Bedingungen, die den Erfahrungen im Säuglingsalter ähneln reaktiviert werden können – ohne dass eine Chance besteht, den zugehörigen Kontext, die seinerzeit erlebte Gesamtsituation, im Gedächtnis wieder voll zugänglich zu machen.“

Das ist auch Grund warum sich Vergewaltigungsopfer zwar meistens an das Trauma und seine Gefühle selbst genau erinnern können, seltener aber den fremden Täter zu beschreiben vermögen.

2.4. Die nicht greifbare diffuse Angst

Um diese unerklärliche und nicht greifbare permanente Angst zu reduzieren, fängt der junge traumatisierte Mensch an, diverse Abwehrmechanismen und Symptome auszubilden. Zu diesen gehört u.a. auch die Aggression, die im Sinne einer Externalisierung der eigenen Entängstigung und Entlastung dient.

Zum Beispiel: bei Skinheads / oder Rechten die Aggressionen gegen vermeintlich bedrohliche Personen wie z.B. Ausländer 7 Minderheiten ect..

Angst ist also die Basis von Wut/Hass/Aggression

Diese Angst ist später fast permanent vorhanden, manchmal abgewehrt und nicht spürbar, aber in engen Beziehungen stets verstärkt – also auch in der Therapie (das ist ein wichtiger Aspekt).

Angst gehört – neben Depression – zu den häufigsten Affekten von Borderline-Patienten – so jedenfalls die Selbsteinschätzung; Interessant ist aber, dass die Patienten von ihren Befragern relativ selten als ängstlich bzw. furchtsam eingeschätzt werden:

„Es besteht hier also ein Unterschied zwischen dem, was die Patienten von sich berichten und dem, was von den Interviewern bei ihnen wahrgenommen wird“

Zu erklären ist dies z.B. wegen der Verleugnung von Angst bei den Borderliner-Patienten.

Eine Clusteranalyse erbrachte z.B., dass es bei den Borderline-Patienten zwei Untergruppen gibt (lt. Diagnostischen Interview für das Borderlinesyndrom):

      • Die eine Gruppe mit hohen Werten im Bereich Wut habe niedrige Werte im Bereich Angst und
      • die andere Gruppe mit hohen Werten im Bereich Angst niedrige Werte im Bereich Wut:

Wut und Angst treten anscheinend nicht in gleichem Maße zusammen auf und die Gruppen lassen sich anhand dieser Emotionen unterscheiden.

Die Vermutung hier ist, dass die Gruppe, welche vor allem Angst verspürt, primär sexuell missbraucht und jene mit Wut primär körperlich misshandelt wurde.

Mit welchen Ängsten leben diese Borderline-Patienten?

■ Angst vor Ohnmacht durch konflikthafte Impulse (Kriterium 6)

■ Angst vor struktureller Regression / einem Zurückfallen in frühkindliche Abwehrmechanismen

■ Angst vor dem Alleinsein (Kriterium 1, 7)

■ Angst vor Selbstverlust (Kriterium 3)

■ Angst vor Nähe und gleichzeitigem Verlassenwerden (Kriterium 1, 2)

■ Herstellung einer Affektlosigkeit (Kriterium 6)

■ Herstellung von Anhedonie (fehlendes Glücksgefühl) (Kriterium 9)

■ Ersetzen durch einen anderen Affekt / Agieren (Kriterium 4)

■ Projektion (Kriterium 9)

Insbesondere zwischen der Angst vor dem Alleinsein/Verlassenwerden, aber auch der Angst vor Nähe, und sadomasochistischen Praktiken besteht ein deutlicher psychodynamischer Zusammenhang.

All dieser Handlungen ist sich der Borderliner-Patient mehr oder weniger selbst bewusst und versucht die Konsequenzen seiner Handlungen mit seinen Mitteln zu reduzieren. Nun sind seine Mittel aber nicht ausgereift. Diese befinden sich immer noch auf dem Niveau eines Säuglings / Kleinkindes. Dementsprechend irritiert reagiert dann auch seine Umgebung auf dieses kindliche Verhalten.

 

2.5. Mechanismus zur Reduzierung der frei flottierenden, diffusen Angst bei BorderlinePatienten

 

Die vielen Symptome wie Phobien, Zwänge, Drogenmissbrauch und auch extreme Sexualität dienen dazu, mit der unfassbaren und für den Patienten nicht greifbaren Angst sozusagen wieder „konstruktiv“ umzugehen:

    • indem diese Angst ausgerichtet wird (z. B. Phobie, Paranoia), Kriterium 9
    • Versucht wird zu kontrollieren (Zwänge) Kriterium 5
    • Indem die Angst abgespalten und so nicht mehr spürbar wird (Dissoziationen, Drogen).

Auch die Abwehrmechanismen gegen die Umgebung, ermöglichen in sich betrachtet eine Angstreduzierung. Wie kann man sich das vorstellen?

Zum Beispiel durch die Gestaltung von Beziehungen im Sinne einer „Sortierung“. So können der Bezugspersonen besser Verortet werden (ein Schubladenmuster).

      • Dies geschieht über Idealisierung und Entwertung oder (Kriterium 2)
      • auch durch eine Spaltung in „gut“ und „böse“
      • und auch im Sinne einer Zerstörung von Beziehungen zur Vermeidung der mit Beziehungen verbundenen (Verlust-)Ängste. (Kriterium 1)

All das ist zwar nur eine Pseudolösung, hilft dem Borderliner jedoch seine Angst zu reduzieren. Grundlage ist hierbei immer das Gefühl der Freiheit / der Wahlfreiheit – auch wenn es sich nur um eine Wahl zwischen Pest und Cholera handelt…

In diesem Artikel geht es ja um die extremen sexuellen Praktiken. Die unterschiedlichen Ausprägungen der Sexualpraktiken wie z.B. Sadomasochismus dienen dazu die eigene Angst nicht mehr zu spüren / zu reduzieren oder zu vermeiden (Zum Beispiel durch das Ersetzen einer emotionalen Nähe durch Handlungen mit Pseudonähe – wie es bei „gekaufter Liebe“ geschieht).

Wenn die Angst nicht reduzierbar ist, gibt es noch einen anderen Weg: Das Ersetzen der diffusen Angst durch eine fokussierte / zielgerichtete und damit beherrschbare Angst!

Beobachtet wird zum Beispiel, dass schwere und gerade auch mit Ängsten verbundene Symptome verschwinden, wenn eine weitere Katastrophe hereinbricht – z.B. ein Feuer o.ä. Nach dem Abklingen des Unglücks / der Evakuierung beginnt dann in der Regel die Symptomatik erneut.

Das Bedürfnis nach Strafe durch den Tod bei der chronischen Empfindung, selbst unwert zu sein, ersetzt die Angst „vor dem Leben an sich“, also einer diffusen, einer „frei flottierenden“ Angst.

 

 

3. Reduktion der Angst als Therapieziel

 

In der Therapie  muss eine angstfreie Atmosphäre geschaffen und gehalten werden – dazu zählt auch das Berichten „peinlicher“ Vorgänge und Fantasien. Ein Weglassen von Tabuthemen oder ein sogenanntes „Moralisieren während des Berichtens“  verhindert die Bearbeitung sexueller Probleme.

Besonders wenn gute Erfahrungen mit dem Therapeuten gemacht werden ist die Chance hoch, stabilere private Beziehungen neu einzugehen.

 

Das zentrale Thema einer Therapie ist es,

      • eine Atmosphäre herzustellen und aufrechtzuerhalten, welche eine verändernde und haltende Funktion hat.

Diese „haltende Funktion“ ist zwingend nötig zum Entwickeln einer „reifen“ Beziehungsfähigkeit.

Warum ist gerade dies so effektiv? Grundsätzlich werden ja alle Beziehungserfahrungen im Gehirn, in unseren neuronalen Netzwerken abgespeichert.

Diese lassen sich nicht auch nicht löschen – weder durch Medikamente noch durch Psychotherapie. „Die Amygdala vergisst nie….!“

Darum ist das zentrale Wirkprinzip:

    • Der Patient soll in der Therapie möglichst viele „gute“ Beziehungserfahrungen (auch therapeutische Beziehungen) machen,
    • damit die „alten“ Erfahrungen durch die neuen mehr oder weniger „neutralisiert“ werden.

 

      • Für den Patienten bedeutet dieses vor allem:
        • Angenommen werden,
        • ausreichende Angstfreiheit und
        • ausreichende Beziehungssicherheit.

 

      • Für das Behandlungsteam bedeutet dieses vor allem:
        • sich immer wieder auf neue Menschen
        • und ihr schwieriges Beziehungsverhalten, das ja auch ein Beziehungsangebot beinhaltet, individuell und flexibel einzulassen.

 

Hierzu gehört allerdings ein schwieriger therapeutischer „Drahtseilakt“: die Unterscheidung zwischen

    • der Angst des Patienten bezüglich Sexualität und
    • der Angst des Therapeuten bezüglich der Sexualität des Patienten und der eigenen Person.

 

Wir nennen dies  eine projektive Identifizierung„Der Patient  überträgt / projiziert unerträgliche innere Erlebnisse auf ein Gegenüber / ein Objekt. Er versucht das unerträgliche Erlebnis aus seiner Vergangenheit damit abzuwehren

    • indem er sein Gegenüber kontrolliert und
    • ihn dazu bringt, die auf ihn projizierten Gefühle zu erleben.“

 

Wichtig hierbei zu beachten: Soll die Therapie auch bezüglich der sexuellen Störungen des Patienten gelingen, muss der Therapeut seine Gefühle immer daraufhin prüfen, ob diese aus ihm selbst heraus entstanden sind oder ihm per Projektion vom Patienten „untergejubelt“ wurden.

Werden diese sexuellen Gefühle des Patienten dem Therapeuten extrem suspekt kann dies entweder zur Nichtbearbeitung der Sexualität des Patienten oder zur Vermittlung eigener Moralvorstellungen führt. Das müssen jedoch nicht die unserer Patienten sein. Dann würde der Therapeut eher einem Geistlichen als einem Psychotherapeuten gleichen.

 

 

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Borderline Therapie – Teil 5 Katathym imaginative Psychotherapie

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Borderline Therapie – Teil 5 – Die Katathym imaginative Psychotherapie

Die mächtige aber auch gefährliche Fremdsprache in der Psychotherapie 

Das gesprochene Wort ist die mächtigste Waffe eines Therapeuten.

Was aber macht ein Therapeut, wenn sein Patient so traumatisiert ist, dass er keine Worte findet? 

Hierbei kann die katathyme Imagination in der Psychotherapie helfen! Diese funktioniert praktisch wie eine zweite Fremdsprache.

Katathym bedeutet: Vorstellung von Gefühlen. (Griechisch kata = herab, thymos = Gefühl)
Imaginativ bedeutet: Die Vorstellung von Bildern
Katathyme-Imaginative Psychotherapie ist nichts anderes als der Ausdruck von inneren Gefühlen mit Hilfe von Bildern. 

Um nun ein wenig Ordnung in dieses System des Tagtraumes und seinen möglichen Erklärungen zu bringen gibt es seit einigen Jahrzehnten die Katathyme Imaginative Psychotherapie. 

I. Geschichtliche Wurzeln

(Kurz gefasst ist die KiP ein methodisches Vorgehen in der Tagtraumtechnik)

Die Katathym-imaginative Psychotherapie (K.i.P.) ist eine Form tiefenpsychologisch-fundierter Psychotherapie. Sie wurde entwickelt von Hans-carl Leuner (1919 – 1996).

Hierbei werden vor allem Imaginationen (bildhafte Vorstellungen) genutzt, um

      • unbewusste Motivationen, Phantasien, Konflikte und Abwehrmechanismen und
      • die Übertragungsbeziehung und Widerstände zu anderen Menschen zu veranschaulichen
      • und deren Bearbeitung sowohl auf symbolischer Ebene als auch im Gespräch zu fördern.

Das Verfahren entspringt der Psychoanalyse die davon ausgeht dass unsere sichtbaren Konflikte von unsichtbaren inneren Dynamiken ausgehen. 

Imaginationen sind spontane oder durch Motivvorgabe angeregte bildhafte Symbolisierungen.

Sie sind Ergebnisse einer zwar verbal vermittelbaren, aber primär nicht mit Worten diskursiven (ein argumentativer Dialog) Ich-Leistung.

In den erarbeiteten Bildern und deren Symbolen erarbeiten sich dann die zentralen unbewussten Beziehungskonflikte, deren Bewältigungs- und Abwehrformen welche sich der Patient im Laufe seines Lebens zugelegt hat.

In folgenden Therapien kann man sie gut einsetzen:

      • in der Konfliktverarbeitung,
      • zur Ich-Stärkung und Strukturförderung,
      • und nicht zuletzt für die Diagnose unterschwelliger Konflikte.

Die Hauptvorteile der therapeutisch angeregten Veränderung sind die

      • bessere Konflikteinsicht und das Selbstverstehen 
      • die korrigierende Erfahrung durch eine stützende therapeutischen Beziehung.

Imaginationen sind doppelt wertvoll:

Alle so genannten Standardmotive der Grundstufe enthalten auch Aspekte der Diagnose in der Psychodynamik. Die hauptsächlich in der Grundstufe verwendeten Motive sind u.a. Folgende: 

    • Wiese: Dieses Bild beschriebt die aktuelle Lebenssituation.
    • Bachlauf: Die Art und Weise wie das Wasser fließt, zeigt an wie wir auf Veränderungen ansprechen
    • Berg: Dies ist das Leistungsthema. Was fühle ich, wenn ich auf einen Berg steigen soll? Gelingt solch ein Aufstieg recht einfach so bin ich auf meiner Arbeit eher unbelastet. 
    • Haus. Dieses Bild steht für die eigene Person. Kann ich mir ein Haus gut vorstellen, z.B. mit vielen Details, habe ich eher einen Bezug zu mir
    • Lichtung: die noch offenen Lebensfragen. Was kommt aus dem Dunkel im Wald? Wovor habe ich angst in meinem Leben?
    • Boot: meine Umwelt. Wenn ich mich in ein Boot setze, ist es groß und ruhig, ein schnelles Rennboot, eine wackelige Nussschale? Dies zeigt, ob ich mich meiner Umgebung hilflos ausgeliefert fühle, diese akzeptiere oder mein Schicksal selber gerne in die Hand nehme. 
        • In der Mittelstufe: das angsbesetzte Tier z.B. Löwe, Wolf auf der Lichtung…. Auto, Reise in den eigenen Körper,
        • In der Oberstufe: Höhle, Vulkan,
        • in der Traumatherapie: inneres Kind, sicherer Ort, imaginäre Helferwesen.

Die Beschreibungen hier sind nur beispielhaft und rudimentär zu verstehen und deuten lediglich an, in welche Richtung der Therapeut mit Hilfe dieser Bilder den Weg mit dem Patienten geht. 

Es kann sich ein Leistungsproblem beim Aufstieg auf einen Berg zeigen, eine Selbst- und Selbstwertproblematik im Blumentest oder Entwicklungsbrüche beim Gang an einem Bachlauf zur Quelle oder zur Mündung.

Die K.i.P. nutzt ihre Motive darum immer zweifach: sowohl diagnostisch als auch therapeutisch.

 

Wichtig in diesem Zusammenhang sind aber noch die 2 folgenden Aspekte:

(1) Der Therapeut ist nicht derjenige, welcher aus den Bildern nun eine Deutung herausarbeitet. Selbst wenn der Patient den Therapeuten aktiv fragt: „Was bedeutet nun mein beschriebenes Bild von der Wiese?“ wird dieser die Deutung der Zeit und dem Patienten immer wieder zurück übertragen. Sein Ziel ist es, den Patienten darin zu fördern, seine Empfindungen zu den Bildern langsam und sicher kognitiv beschreiben zu können. 

(2) Nicht die Bilder sind das, was in der K.i.P. wichtig ist, sondern die Emotionen, Gefühle und Affekte welche sich aus diesen beim Patienten ergeben. Der Therapeut wird also nicht sagen: „Stellen Sie sich mal eine grüne schöne Wiese vor“. Nachdem der Patient von sich aus die Wiese aus eigener Perspektive beschrieben hat, interessiert den Therapeuten noch viel mehr, was er nun hierbei empfindet. 

Die Allgemeine Therapiestrategie in der K.i.P.

Von Kleinkind an werden Erfahrungen als einflussreiche Bilder gespeichert. Die Sprache und damit das kognitive Erfahren kommt erst viel später.
Hirnforscher belegen, dass die frühkindliche Erinnerung erst ab dem Ende des dritten Lebensjahres einsetzt. Ein Gedächtnis, das bis in das Säuglingsalter reicht, ist nach heutigem Wissen physisch unmöglich.

Diese Bildschemata formen nun das Denken, Fühlen und Verhalten des jungen Menschen, auch wenn sie nicht bewusst und sprachlich greifbar sind.

Die Wirkungsweise der Katathymen-Imaginativen Psychotherapie mit Hilfe von Bildern sieht nun folgendermaßen aus: 

Wie alles aus dem Bewusstsein Verdrängte können diese Schemata und Bilder über die Sinne beim Patienten wieder in einen sprachlichem Ausdruck gebracht werden. Diese Traumbilder (Imaginationen) eignen sich dazu doppelt gut:
– sie sind sowohl Träger als auch „Bearbeiter“ der unbewussten Inhalte und Muster.

Sprache ist in der therapeutischen Beziehung zwar ein wichtiges Kommunikationsmedium, traumatisierte Patienten stehen aber häufig sprachlos ihren eigenen Erfahrungen gegenüber. Sie können sich oft besser mit Hilfe von Symbolisierungen, Tagträumen oder Imaginationen als mit Worten verständlich machen.

Später (!) helfen diese Imaginationen in der K.i.P. jedoch bei dem Diskurs / der Entwicklung eines sprachlichen Dialogs.

Durch diese völlig andere Herangehensweise an die Therapie mittels Imaginationen eignet sich die K.i.P. besonders bei „therapieerfahrenen“ Patienten. „Therapieerfahren“ meint hier, all diejenigen Patienten, welche bereits in den klassischen Therapien (welche stark auf das gesprochene Wort hinzielen) erfolglos behandelt wurden. 

Der Therapeut bietet das begleitete Imaginieren als zusätzliches Mittel der Kommunikation und Grundlage für ein – um Erleben, Spüren und Fühlen erweitertes – Verstehen des Selbst und des Anderen an. Praktisch wie eine zweite Sprache!

Der „Mehrwert“ liegt im dialogischen Angebot eines nicht hauptsächlich auf Sprache vertrauenden Mediums, welches dem Patienten helfen kann, im Umgang mit sich und seiner Welt erweiterte kognitive Lernwege und Handlungsspielräume zu entdecken.

Patienten mit schweren Traumaerfahrungen, haben oft Probleme, zu phantasieren, symbolisieren oder zu imaginieren:

      • Aufgrund ihrer Erlebnisse sind sie so stark misstrauisch, dass sie oft ihren eigenen Wahrnehmungen nicht trauen wollen.
      • Sie haben Probleme, zwischen innen und außen zu trennen. Oft werden eigene feindselige Impulse als von außen kommend erlebt und auf den Gegenüber übertragen.
      • Erinnerungen und Affekte – weil generell zu schmerzlich – werden abgespalten. Können diese Abspaltungen nicht mehr aufrechterhalten werden, drohen Affekthandlungen wie z. B. Suizidversuche.

Gerade Traumapatienten sagen häufig, dass ihnen das Sprechen über ihre Erfahrungen unmöglich sei. Mit Hilfe der geführten Imaginationen, speziell ausgewählter K.i.P.-Motive, kann ihre „Sprachlosigkeit“ überwunden werden.

Eine zentrale Bedeutung hat das Motiv des „schutzgebenden Raumes“: Dieser „Schutzraum“ in der Imagination ist der Grundpfeiler des therapeutischen Prozesses.
Er muss fest in den Imaginationen verankert werden, um dem Patienten in schwierigen Situationen immer wieder die Möglichkeit des Rückzugs in einen schützenden Rahmen zu geben.

2 Beispiele eines möglichen Schutzraumes sind die Folgenden:

    • Eine hermetisch abgeschlossene Felshöhle mit Wänden aus Stahl und ausschließlich nur für den Patienten erreichbar;
    • Eine Gefängniszelle: einerseits karg, andererseits aber auch schützend vor den eigenen aggressiven Affekten.
      Wenn dieser „Schutzraum“ das erste mal bei dem Patienten angesprochen wird, entsteht recht häufig ein Erstaunen über deren Wirksamkeit.
      1. Schutz: Sie dienen erst einmal nur dem Schutz vor einer Reizüberflutung, vor Impulsdurchbrüchen.
      2. Fester Standpunkt: In der Imagination bilden diese Schutzräume anschließend den Ausgangspunkt für weiteres Handeln des Patienten. Einerseits wird eine Reizüberflutung verhindert, andererseits fördert und stärkt man die Selbstfindung, Selbständigkeit und Emotionalisierungsfähigkeit des Patienten.
      3. Sichtbarwerden: Durch den Schutzraum wird die Vulnerabilität, die besondere Verletzbarkeit und Bedürftigkeit sichtbar. Aber auch die vernichtende Wut, die Scham- Schuldgefühle, und alle Kränkungen. Dies alles geschieht durch den Perspektivwechsel. wie in einem sicheren Käfig aus welchem man einen Hai in Ruhe beobachten kann, ohne sich aus Existenzangst in einen Fluchtmodus zu begeben.
      4. Externalisieren: Die Gefahr, den Therapeuten – die Beziehung zum Objekt – zu gefährden indem sie ihre negativen Gefühle auf diesen übertragen, wird hierdurch verringert. Die Patienten erhalten durch die Bilder (Imaginationen) die Möglichkeit, ihr inneres Erleben nach außen zu verlagern. Dies nennt man externalisieren. 

Der Schutzraum verhindert Regressionen und / oder das Auslösen unserer „Fight / Flee / Freeze“ Reaktionen aus dem limbischen System. So wird in Ruhe eine kognitive Aufbau- und Reparaturarbeit möglich.

Geeignet bei stark rationalisierenden Patienten

Die Darstellung innerer Konflikte mit der Hilfe von Bildern ermöglicht es dem Patienten, sich gewissermaßen „maskiert“ zu bewegen und sich vorsichtig seinen Konflikten zu nähernDas bringt große Vorteile für die Arbeit an Widerständen.

„Der Zugang zu unbewussten Konflikten ist sanft und aufkommende Widerstände können dadurch schneller bearbeitet werden“. Dieser Effekt kann die Therapiedauer massiv verkürzen, weshalb sich die KiP besonders für Kurztherapien von 15 bis 30 Sitzungen eignet.

Eine weitere Besonderheit der KiP ist, dass das wortreiche Verbalisieren des Erlebten nicht das eigentliche Therapieziel ist. Wie oben bereits beschrieben ist das Erleben
              – auf der Bildebene / das Probehandeln / die Suche nach neuen Lösungsmöglichkeiten im bildhaften Kontext 
deutlich wichtiger.

Die KiP eignet sich deshalb vor allem für Patienten,die weniger gut verbalisieren und reflektieren können. Nur in wenigen Fällen ist die Methode nicht indiziert.

Auf die KiP sollte verzichtet werden,

      • wenn Patienten Bilder nicht mögen und sich aktiv gegen solch ein Verfahren verschließen 
      • während akuter Psychosen oder akuter schwerer,depressiver Zustände.
      • teilweise auch bei Borderlinern mit starker Neigung zu extrem regressiven Zuständen

Zu den hauptsächlichen Behandlungsfeldern zählen

(1) psychosomatische Störungen.
Die KiP hat sich für diese Störungsgruppe bewährt, da die bildhafte Symbolisierung zwischen Körperempfinden und Emotionen wie ein Botschafter / Mediator vermittelt.

(2) Daneben wird KiP häufig bei Patienten mit festgefügten  Abwehrstrukturen und bei stark rationalisierenden, emotional blockierten oder unentwickelten Patienten eingesetzt. Die Patienten werden durch die Bilder auf einer Fühl- und Spürebene angesprochen – eine Sprache die ihnen wahrscheinlich am Anfang noch sehr fremd sein mag.

(3) bei neurotischen und funktionellen Beschwerden.

(4) Zur Krisenintervention und Traumabehandlung .

(5) Zu den neueren Behandlungsfeldern zählen Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. In den letzten Jahren wurden beispielsweise spezifische Vorgehensweisen der KiP für Borderline-Patienten entwickelt. KiP kann dazu beitragen, die eingeschränkte Symbolisierungsfähigkeit von Borderline-Patienten zu erweitern.

(6) Inzwischen gibt es auch für viele andere Beschwerdebilder wie

      • Kolitis,
      • Morbus Crohn,
      • Asthma,
      • Anorexie,
      • Bulimie,
      • Herzneurosen,
      • Ängste,
      • Depressionen und Zwangsstörungen

spezifische Behandlungskonzepte.
Da die Katathym-imaginative Psychotherapie grundsätzlich bei allen Indikationen eingesetzt werden kann, bei denen Psychotherapie angezeigt ist, werden sich in Zukunft mit Sicherheit noch

viele neue Behandlungsfelder auftun.  Die KiP gilt aktuell als die am besten strukturierte Tagtraummethode. 

Ein kurzer Rückblick

Fremdsprachen erweitern unseren Horizont und zeigen völlig neue Perspektiven im zwischenmenschlichen Leben auf. Genau dieser Effekt tritt auch bei der Bildsprache auf, welcher durch die Katathyme-Iganiative Psychotherapie entsteht. 

Bilder sind eine eigene Sprache für sich. Dadurch dass sie viel besser als Worte Emotionen transportieren können sind sie sehr mächtig in einer Therapie.

Aber: es gibt keine Wirkung ohne eine Nebenwirkung!
Wenn diese Wirkung des Emotionstransports stärker ist als durch Worte, dann ist auch die Gefahr einer Regression, einer affektiven Kurzschlusshandlung deutlich erhöht. 

Die K.i.P. sollte darum nur von besonders ausgebildeten Therapeuten durchgeführten werden, welche aus der Tiefenpsychologisch Fundierten Psychotherapie kommen und möglichst eine gesonderte Ausbildung im Bereich Traumatherapie hatten.

Wenn Sie weitere Informationen zu diesem spannenden Thema suchen, dann lade ich Sie ein, sich mit den anderen Teilen der Borderliner-Therapie befassen. Sie finden diese weiter unten. 
Gerne können Sie mich aber jederzeit persönlich kontaktieren. Meine Kontaktadresse finden Sie im Fußbereich dieser Webseite.

Alles Gute! Ihr Marcus Jähn 
– Teil 1 –
Die DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie)

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– Teil 2 –
Die Paar- und Familientherapie

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– Teil 3 –
Die stationäre Psychotherapie

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– Teil 4 – 
Die Gesprächstherapie

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– Teil 5 – 
Katathym-imaginative Psychotherapie
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– Teil 6 – 
Stationäre traumazentrierte Psychotherapie
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