Körpergedächtnis – Teil 1

Schriftzug Marcsu Jähn

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Der Begriff „Déjà-Vu“ kommt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „schon gesehen“.

Und wir alle kennen dieses Gefühl, diese Person schon mal gesehen, an diesem Ort schon mal gewesen, diese Situation schon einmal erlebt zu haben. Wie kann uns nun ein Wissen darüber – woher wir die Erinnerung haben – in unserem täglichen Leben / im Aufbau und in der Reparatur von Beziehungen helfen? 
Lass uns mit diesem Thema: das Lernen des Körpers einmal tiefer in die Thematik eintauchen… 

(1.) Das „unbewusste Lernen“ unseres Körpers

Lass uns „unbewusstes Lernen“ einmal anhand unserer sensomotorischen Fähigkeiten erklären. Unter „sensomotorischen Fertigkeiten“ verstehen wir die Fähigkeiten, die wir z.B. beim Schwimmen, Fahrradfahren, tanzen oder beim Musikinstrument spielen erwerben. So ein Lernen fordert viel Übung und Training. Aber mit den Wiederholungen wird unsere Geschicklichkeit nach und nach immer besser. Gitarre spielen lernen wir ja auch nicht in einer Stunde – selbst wenn wir ein neuer Carlos Santana wären. Hierfür sind unzählige Wiederholungen und Versuche notwendig. Andererseits können wir uns jedoch Gesichter und Namen auf Anhieb merken und einprägen. Dazu kommen wir aber später

Es gibt viele nachprüfbare Tests, mit denen man dieses Erlernen von solchen Fertigkeiten durch unseren Körper – aber ohne Zuhilfenahme des Bewusstsein – im Labor testen kann. Zum Beispiel das Spiegelzeichnen oder den Folgebewegungs-RotorBei dem zweiten Test – dem Folgebewegungs-Rotor – geht es z.B. darum, eine Stiftspitze auf einem kleinen Punkt zu halten, der auf der Kante einer kreisförmigen und sich drehenden Platte befindet.

Du kannst dir sicher vorstellen, dass es einige Zeit und auch mehrere Versuche benötigt, um hier ein gutes Ergebnis zu erzielen – allein um das Tempo der Plattenbewegung genau einzuschätzen. Mit einem Computer wird dann während des Test´s  genau festgehalten, wie lange der Stift wirklich auf dem kleinen Fleck gehalten werden konnte.

Gesunde Testteilnehmer meistern diese Aufgabe bereits nach wenigen Anläufen. Ihre Fehlerzahl nimmt ab und auch die benötigte Zeit wird immer kürzer. Wichtig für das was gleich noch kommt ist folgendes : „Normale Versuchspersonen“ lernen dabei eine ganze Anzahl von Dingen gleichzeitig:

      • Sie lernen sowohl etwas über den Ort als auch die Menschen, welche das Experiment durchführen,
      • Sie lernen etwas über die Versuchsanordnung, die Anweisungen für die Aufgabe und wie sie die Aufgabe immer besser meistern können.

Denn, wie sagten es bereits unsere Eltern und Großeltern ?:
– „Nur die Übung macht den Meister.“ „Und ein wahrer Meister ist noch nie vom Himmel gefallen.“
Bleibt man dran, dann kann man es bis in die Champions League schaffen.


Wenn wir dieses Experiment jedoch mit Teilnehmern durchführen, die an schwerer Amnesie leiden – das sind Menschen, die sich z.B. kein neues Gesicht, keinen Ort, kein Wort und auch keine neue Situation einprägen können – dann müsste man doch annehmen, dass solche Personen mit Sicherheit nicht in der Lage sind, so eine Herausforderung zu erlernen … Aber weit gefehlt… Sie lernen sie – und dass sogar auf hervorragende Weise. Ihre tatsächliche Leistung weicht in den Ergebnissen nicht von denen der „normalen Kontrollgruppe“ ab.

Jedoch … einen entscheidenden Unterschied gibt es hierbei: Es ist das Lernen der umgebenden Faktoren, nicht das Lernen der eigentlichen Aufgabe. Sie lernen nämlich nichts in Bezug auf die Umgebung wie den Ort, die beteiligten Personen, benutzte Geräte oder die gehörten Anweisungen. Lernen können sie einzig und allein nur, wie sie die jeweilige gestellte Aufgabe ausführen sollen. Wenn sie den Test an einem anderen Tag wiederholen sollen, muss ihnen die Aufgabe jedes Mal aufs Neue erklärt werden. Aber! Die eigentliche Aufgabe können sie bei jeder Wiederholung – genau wie die Kontrollgruppe – immer besser, fehlerfreier und deutlich schneller bewältigen. Was passiert hier? 

Das alles zeigt, dass diese Form von Lernen, keinen bewussten Zugriff auf Fakten benötigt, welche die Aufgabe neu beschreiben. Die Probanden erinnern sich in ihrem Bewusstsein nicht (!) daran, mit welchen Schwierigkeiten sie in den ersten Sitzungen zu kämpfen hatten … auch nicht daran, wie sie ihre Ergebnisse und Fähigkeiten verbessern könnten. Der Versuchsteilnehmer meistert seine Aufgabe lediglich mit einer immer besseren Fertigkeit aus seiner Körpererinnerung heraus! Für ihn fühlt es sich so an, als würde er zum ersten Mal vor dieser Situation stehen. Jedoch wird nun in seinem Gehirn auf Anweisungen und Fertigkeitskenntnisse ohne bewussten Willen zugegriffen, um diese Fertigkeiten in die Tat umzusetzen.

Wenn das schon nicht erstaunlich ist, dann habe ich noch einen Fakt in diesem Zusammenhang: Diese neu gewonnene Fertigkeit bleibt bei dem Lernenden – egal ob „Gesund“ oder „Amnestisch“ lange Zeit erhalten! Die amnestischen Versuchspersonen konnten die erlernte Aufgabe sogar noch zwei Jahre nach dem Versuch genauso gut und fehlerfrei ausführen, wie die „normale Kontrollgruppe“. Das zeigt, dass sich das Wissen gefestigt haben muss – aber nicht im Bewusstsein, sondern in der Körpererinnerung!

Vielleicht könnte man nun einwenden, dass dieser Test doch keinen Nutzen / bzw. keinen Wert für den Patienten hat. Wir wissen doch normalerweise immer, wann, wo und unter welchen Umständen wir etwas erlernt haben. Aber der Fakt, dass sensomotorische Fertigkeiten praktisch ohne die Beteiligung unseres Bewusstseins ausgeführt werden können, ist von unschätzbarem Nutzen für viele Handlungen in unserem Alltag.

Wenn du z.B. nicht mehr darüber nachdenken musst, wie Du dir deine Schnürsenkel oder die Krawatte bindest, die Zähne putzt, die Kaffeemaschine bedienst oder den Weg zur Schule findest, dann ist diese Automatisierung eine wirkliche Befreiung und erspart Dir viel Aufmerksamkeit und Zeit. Und ist Zeit nicht das Kostbarste, was wir haben? (Zitat Stoizismus). Diese besser genutzte Zeit können wir dann für das Lernen neuer Dinge, das Lösen von Problemen und das Planen der Zukunft verwenden.

Diese Automatisierung hilft insbesondere bei der Ausführung schwieriger motorischer Handlungen. Die Technik eines begnadeten Musikers, Handwerkers, Künstlers oder Sportlers bleibt nämlich größtenteils unterhalb seiner Bewusstseinsschwelle, damit er sich auf die komplizierteren Teile der Technik konzentrieren und sie nach seinen Wünschen immer besser ausführen kann. 

(2.) Kann man das Erinnern messen?

Ja, das geht wirklich! Um das zu beweisen, nehmen wir beispielshaft einmal Menschen mit  einer Gesichtsagnosie / Gesichtsblindheit / Prosopagnosie. R41.8 (ICD10) 

Prosop kommt aus dem Griechischen und bedeutet Gesicht. Agnosie heißt so viel wie „nicht erkennen“. 
Wenn man Menschen, die hieran leiden, in völlig zufälliger Reihenfolge Fotos von ihnen unbekannten Menschen zeigt, dazwischen aber immer wieder Fotos von nahen Angehörigen oder Freunden legt, kann man eine deutliche körperliche Reaktion messen. Hierfür werden sie mit einem Polygraphen verbunden, der ihre Hautleitfähigkeit während des Tests registriert. Dieses Gerät kennen wir u.a. aus der Schlafmedizin.

Während nun die unterschiedlichen Fotos gezeigt werden, kann man eine interessante Dissoziation beobachten: Die Fotos der Freunde, der Angehörigen und auch der Fremden bewirken zuerst einmal  die gleiche Erinnerungsleere im Gehirn. Dem Probanden mit der Gesichtsblindheit kommt es praktisch gar nicht in den Sinn, dass er hier etwas erkennen könnte / müsste. Die Identität der gezeigten Gesichter ist ihm kognitiv bewusst komplett schleierhaft. 

Aber trotzdem löst fast jedes Gesicht von einem näheren Bekannten (Freund / oder naher Angehöriger) eine deutliche Veränderung in der Hautleitfähigkeitsreaktion aus – und je näher jemand mit einem der gezeigten Personen verwandt / verbunden ist, umso stärker wird dann diese Reaktion. Wird ein unbekanntes Gesicht gezeigt, dann ist dies eindeutig nicht der Fall.

Was wir daraus lernen können, liegt auf der HandUnser Gehirn kann – ohne das Bewusstsein – eine klare / spezifische Reaktion erzeugenDiese unbewusste Reaktion beruht auf einem früher erlernten Wissen. Das zeigt, wie wirksam unsere unbewusste Verarbeitung sein kann und dass unterhalb der Bewusstseinsschwelle mit Sicherheit viel  konkretes Wissen vorhanden ist. 

Ein Dozent verglich die Rechenleistung unseres Gehirns einmal folgendermaßen: Stellen wir uns die Rechenleistung des bewussten Gehirnbereichs einmal mit der Größe eines Fingernagels vor – er ist ca. 15 Millimeter lang. Wie lang müsste dann im Vergleich dazu ein Fingernagel sein, der die Rechenleistung unseres unbewussten Teils des Gehirns symbolisiert? 11 Kilometer! 11 Kilometer sind im Vergleich zu 15 Millimeter das 1,36 Millionenfache! Wow! Unsere Körpererinnerung / unsere Intuition beherbergt noch viele weitere Überraschungen. 

Wenn Du dir mein Youtube-Video (siehe der Link oben) anschaust, dann kannst du in dem Teil 3 noch zwei persönliche Erfahrungen von mir kennenlernen die zeigen, wie wir uns dieses Körperlernen in der Praxis zunutze machen können. Viel Freude beim Ansehen! 

Gene Eltern oder Umgebung – Was beeinflusst meine Entwicklung

Schriftzug Marcsu Jähn

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Sind es unsere Bindungen oder doch die Vererbung, was unser Leben beeinflusst?

Prolog

Diese Frage, „wer ist eigentlich für Kinderarmut zuständig – Eltern oder Staat?“ hat mich zu diesem Beitrag motiviert.

Wer oder was entscheidet über meinen persönlichen Werdegang?

      • Sind es die Eltern?
      • Ist es die Gesellschaft?
      • Oder habe ich mein Leben überwiegend selbst in der Hand?

(1.) Was ist das, die Persönlichkeit? Wie wird diese gebildet?

Persönlichkeit ist im Endeffekt die Art und Weise, wie wir bewusst auf unsere Umwelt reagieren und mit ihr interagieren. Doch bevor ich mich bewusst (kognitiv) für eine Handlung entscheide bzw. nicht entscheide, muss ich Handlungsalternativen bekommen. Und da kommen jetzt das Temperament und der Charakter mit ins Spiel.

1.1. Unser Temperament

Ganz am Anfang, wenn wir als reines „Es“ (Zitat Sigmund Freud) auf die Welt kommen, reagieren wir noch nach den „Ureinstellungen unserer Gene“. Der Mensch hat ungefähr 25.500 Gene / andere Quellen sprechen von knapp 30.000. Diese enthalten unseren gesamten Bauplan und geben damit auch vor, wie wir uns entwickeln.

Wir unterscheiden heute vier große Gruppen von Temperamenten:

      • Choleriker
        • Geprägt durch Impulsivität und starken Emotionen
      • Sanguiniker
        • Er ist temperamentvoll, heiter, oftmals auch leichtsinnig
      • Melancholiker
        • Schwermütig, misstrauisch, kritisch, eher unauffällig jedoch derjenige der kreativ Dinge sieht, die noch nicht da sind.
      • Phlegmatiker
        • Langsam, ruhig, eher schwerfällig

Unsere Gene sind aber nicht in Stein gemeißelt. Sie können– nach der Forschung der Epigenetik – durch äußere Einflüsse in uns an- und auch ausgeschaltet werden. Solche äußeren Einflüsse müssen nicht immer chemische Stoffe oder Toxine sein. Es ist auch durch die Art und Weise wie unsere Kommunikation mit der sozialen und der „fest vernetzten“ Welt um uns herum stattfindet.

Der Genetiker Moshe Szyf von der kanadischen McGill Universität in Montreal verglich in einer Studie die epigenetischen Profile von hunderten Kindern in Bezug auf die Auswirkungen von Missbrauch und Misshandlungen.

Das Ergebnis seiner Untersuchungen: Er fand heraus, dass bei den missbrauchten und misshandelten Kindern Veränderungen an 73 Genen stattfanden, die bei Kontrollgruppen nicht zu beobachten waren.

Unser Temperament wird zwar durch unsere Gene bestimmt, diese können aber durch die Umwelt verändert werden. Und genau hier kommt nun der Charakter mit ins Spiel:

2. Der Charakter

Der Charakter wird aus all dem gebildet, was nun von außen auf uns einströmt. Dies ist alles, was wir nach der Befruchtung der Eizelle – nachdem sich das Ur-Gen / das Genom gebildet hat – nun erleben. Ausdrücklich möchte ich hier auch erwähnen, dass die ersten Eindrücke im Mutterleib dazu gehören und mit den wichtigsten Einfluss auf uns nehmen.

Diesen Einfluss frühester Erlebnisse möchte ich mal mit dem „Westfälischen Hellweg“ / kurz „Hellweg“ in Nordrhein-Westfalen beschreiben. Dieser Weg ist inzwischen über 7000 Jahre alt. Ganz am Anfang war er nur ein Trampelpfad und begann aller Wahrscheinlichkeit nach an einem Rheinübergang in der Nähe von Krefeld. Einer Legende nach, nutzen ihn bereits die alten Römer zur Eroberung Germaniens. Sicher ist aber, dass Karl der Große (768 bis 814 u.Z.) diesen Weg ausgebaut und mit Burgen bzw. Reichshöfen gesichert hat. Was am Anfang ein kleiner Trampelpfad war, wurde später eine der wichtigsten Handelsstraßen.

So auch unsere Charakterzüge oder Charakterbahnen. Wie wir später noch sehen werden, haben die ersten Eindrücke in unserem Leben mit, den wichtigsten und tiefsten Einfluss auf unser Handeln.

Mit dem Einfluss der Umgebung / der Charakter auf unsere Gene und unser Handeln hat sich der US-amerikanische Genetiker Robert Cloninger viele Jahre auseinandergesetzt. Er entwickelte das Konzept der „drei Dimensionen des Charakters“. Der Charakter enthält vor allem die ethisch, moralischen Elemente, welche wir von unserer Umgebung aufnehmen. Diese könnte man nach Cloninger in drei Dimensionen unterteilen:

      1. Die innere Ordnung Übernehme ich Verantwortung, akzeptiere ich mich selbst und bin ich auf der Suche nach kreativen neuen Richtungen
      2. Meine Kooperation mit der Umgebung Wie interagiere ich mit meiner sozialen Umgebung? Habe ich Empathie, Mitgefühl? Handle ich nach einem erklärbaren Gewissen und bin ich zur Akzeptanz bereit („Ich bin ok – du bist ok“?
      1. Meine Selbsttranszendenz Dies ist von Viktor Frankl und seiner Logotherapie ausgeliehen und ist eine ständige Suche nach dem Sinn im Leben.

Das Zusammenspiel von genetischem Temperament und dem charakterlichen Einfluss durch meine Umgebung bringt mich jetzt endlich zur dritten Ebene – der Persönlichkeit.

  • 3. Die Persönlichkeit

Meine Persönlichkeit ist im Endeffekt nichts anderes als meine innere Haltung die durch meine äußerlich sichtbaren Handlungen erkannt werden kann.

Auch diese kann man in bestimmte Gruppen unterteilen. Damit haben sich die beiden US-Psychologen Paul Costa jr. und Robert Mc Crae auseinandergesetzt. Sie entwickelten das Konzept der „Big Five“.

Die „Big Five“

      1. Offenheit
        1. ↑ Einfallsreich
        2. ↑ Fantasievoll
        3. ↑ Interessiert am Leben wie z.B. Kunst, Kultur
        4. ↑ Aufmerksam für eigene und fremde Emotionen
        5. ↓ Routiniert
        6. ↓ Uninteressiert
        7. ↓ Konventionell
        8. ↓ Konservativ
      1. Gewissenhaftigkeit
        1. ↑ Organisiert
        2. ↑ Verantwortungsbewusst
        3. ↑ Zuverlässig
        4. ↑ Genau
        5. ↓ Ungenau
        6. ↓ Unachtsam
        7. ↓ Unsorgfältig
      1. Extraversion
        1. ↑ Energisch
        2. ↑ Gesprächig
        3. ↑ Dominat
        4. ↑ Aktiv
        5. ↓ Still
        6. ↓ Zurückhaltend
        7. ↓Passiv beobachtend
      1. Verträglichkeit
        1. ↑ Mitfühlend
        2. ↑ Nett
        3. ↑ Kooperativ
        4. ↑ Vertrauensvoll
        5. ↓ Misstrauisch
        6. ↓ Egoistisch
        7. ↓ Wettbewerbsorientiert
        8. ↓ Streitbar
      1. Neurotizismus
        1. ↑ Nervös
        2. ↑ Reizbar
        3. ↑ Unsicher
        4. ↑ Sensibel
        5. ↑ Unzufrieden
        6. ↓ Emotional stabil
        7. ↓ Wenig klagsam
        8. ↓ Unempfindlich
        9. ↓ Unsensibel

Die Ausgangsfrage ist ja immer noch: Was beeinflusst nun unsere Entwicklung? Sind es die Eltern / die Gesellschaft / oder sind es meine Gene? Ich lade dich dazu ein, mit mir eine recht interessante Studie zu betrachten, die eins zeigen wird: Je liebenswerter eine Mutter ihr Kind einschätzt, umso resilienter wird der Mensch im Erwachsenenalter.

 Wie ich zu dieser Behauptung komme, möchte ich dir im weiteren Verlauf / im zweiten Teil dieser Abhandlung zeigen.

Teil 2. Die Forschung von Alan Sroufe

 

Im Jahre 1975 begann der Entwicklungspsychologe Alan Sroufe für die kommenden 30 Jahre mit seinen Kollegen in der Minnesota Longitudinal (Längsschnitt) Study of Risk and Adaptation das Leben von 180 Kindern und ihren Familien zu beobachten. Parallel zu dem Beginn seiner Studie, fing man auch allmählich in der Gesellschaft an darüber zu debattieren, ob nun eher Vererbung (das Temperament / meine Gene) oder der Charakter (Erziehung / Staat / Umgebung) mehr Einfluss auf meine Entwicklung und damit auch auf meine Persönlichkeit hat.

Was war entscheidender? Vererbung und Erziehung – nature oder nurture (fördern)? Diese Studie sollte Teil der Antwort auf diese Frage sein.

      • Und damit sind wir tief in unserem Thema: Was beeinflusst meine Entwicklung?
      • Das andere Thema, was uns in meinen Beiträgen immer wieder begleitet – die lebensbegleitenden Traumata – wurde zu dieser Zeit noch nicht so intensiv diskutiert in der Gesellschaft.

Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern in ihren ersten Lebensjahren waren zu Beginn dieser Studie noch nicht im Fokus – dafür aber umso stärker im weiteren Verlaufe / in den späteren Jahren als man begann, deren Einfluss auf die jungen Menschen immer deutlicher zu sehen. Ja, Traumata wurden – so viel kann ich schon mal vorwegschicken – am Ende sogar der wichtigste Faktor. Sie wurden DAS (!) Kriterium mit dem am treffendsten vorhergesagt werden konnte, ob jemand als Erwachsener erfolgreich seinen eigenen Weg geht oder eben nicht.

Die Forscher wählten nun sehr genau eine Anzahl junge schwangere Frauen aus, die wegen ihrer Armut auf soziale Unterstützung angewiesen waren. Die Forschungsarbeit begann ca. drei Monate vor der Geburt und man begleitete sie dann 30 Jahre lang in ihrer persönlichen Entwicklung. Alles wichtige rund um ihre Lebensumstände wurde in regelmäßigen Abständen notiert.

Worauf haben sie sich besonders konzentriert?
Sie wollten herausfinden,

      • wie die Kinder es lernen, konzentriert und aufmerksam zu sein und gleichzeitig ihre manchmal recht intensiven Gefühle trotzdem noch zu korrigieren (d. h., extreme Hochs und Tiefs zu vermeiden),
      • Wie kontrollieren sie ihre Triebe / ihre Impulse?
      • Welche Formen von Hilfe / Unterstützung brauchen sie wann und wie lange?

Nach den ersten Gesprächen und Tests mit den schwangeren Müttern begann die eigentliche Studie man dann mit der eigentlichen Forschung bereits auf der Entbindungsstation, wo man die Neugeborenen beobachtete und die betreuenden Kinderschwestern befragte. Einige Tage nach der Geburt wurden die Mütter dann auch zu Hause besucht und der Kontakt mit den Kindern fand danach ca. 15-mal in genau festgelegten Zeiträumen bis zum 28. Lebensjahr statt – zum Beispiel bei der Einschulung. 

Was war eines der wichtigsten Erkenntnisse dieser Studie?

Man erkannte sehr deutlich diese enge Wechselwirkung zwischen der Qualität der elterlichen Fürsorge und weiteren biologischen Faktoren. Die Studie zeigte, dass nichts in Stein gemeißelt, vorherbestimmt oder nicht veränderbar ist.

      • Es ist weder die Persönlichkeit der Mutter
      • noch neurologische Fehlentwicklungen zum Zeitpunkt der Geburt
      • Es ist auch nicht der IQ
      • Oder das Temperament – inklusive der Reaktivität in Bezug auf Umwelt oder Stress.

Mit all diese Faktoren konnte man also keine (!) sichere Vorhersage darüber aufstellen, ob ein Kind in der Pubertät bzw. Adoleszenz gravierende Verhaltensprobleme entwickeln würde.

Kurzer Einschub: Der Unterschied zwischen Pubertät und Adoleszenz … Beide Begriffe bezeichnen die Übergangsjahre zwischen Kind und Erwachsenenalter. Die Pubertät bezeichnet jedoch die körperliche Reifung und die Adoleszenz die seelische Reifung.

Zurück zu unserer Studie! Was war denn nun entscheidend für die Entwicklung eines Menschen?

      • Es war und ist die Art und Weise der Eltern-Kind-Beziehung.
      • Es ist die Eigenart, wie sich Eltern im Kontakt mit ihren Kindern selber fühlten und wie sie mit ihnen kommunizierten, wie sie miteinander umgingen.

Wie in anderen Forschungen mit Rhesus-Affen ist es die Verbindung zwischen verletzlichen Babys und unflexiblen Eltern die dann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ängstlich anklammernde und verspannte Kinder erzeugen.

    • Ein unsensibles, distanziertes, aggressives oder zudringliches Verhalten der Eltern (Helikoptereltern) besonders im Alter von sechs Monate, führt mit traumwandelnder Sicherheit zu Hyperaktivität (einem übersteigertem Bewegungsdrang und Aufmerksamkeitsproblemen in der Kindheit und als Erwachsener.

Erinnert dich das nicht stark an die Kriterien von ADHS?

  • Unaufmerksamkeit
    • Beachtet häufig Einzelheiten nicht / macht Flüchtigkeitsfehler.
    • Hat oft Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten.
    • Scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere es ansprechen.
    • Hält häufig Anweisungen anderer nicht durch – kann Arbeiten nicht zu Ende bringen.
    • Hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben zu organisieren.
    • Hat eine Abneigung gegen Aufgaben, die es länger geistige fordern.
    • Verliert häufig Gegenstände, der es für Aktivitäten benötigt.
    • Lässt sich öfter durch äußere Reize ablenken.
    • Ist bei Alltagsaktivitäten häufig vergesslich.
  • Hyperaktivität
    • Zappelt häufig mit Händen oder Füßen und rutscht auf dem Stuhl herum.
    • Steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf.
    • Läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist
    • Hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen.
    • Ist häufig „auf Achse“ oder handelt oftmals, als wäre sie/er getrieben.
    • Redet häufig übermäßig viel.
  • Impulsivität
    • Platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.
    • Kann nur schwer warten, bis sie/er an der Reihe ist.
    • Unterbricht und stört andere häufig (platzt z. B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein).

Das hört mit dem Übergang zum Erwachsenen nicht auf! Hier die 7 Kriterien für ADHS im Erwachsenenalter nach den Wender-Utah-Kriterien (einem speziellen Symptomkatalog für ADHS im Erwachsenenalter) die von Paul Wender entwickelt wurden. Es ist wichtig zu beachten, dass ADHS mit dem Übergang zum Erwachsenenalter nicht aufhört! Studien zeigen auf, dass ca. 4,7% der erwachsenen Deutschen hiervon betroffen sind.

Sind aber Eltern / Mütter die einzigen, die einen bleibenden Einfluss auf das Kind haben?

Alan Sroufe beobachtete die Kinder über viele Jahre – auch in der Schulzeit und sah, dass die Beziehungen zu den jetzigen primären Bezugspersonen – also den Lehrern und den Gleichaltrigen – auch einen sehr großen Einfluss hatten. Die Beziehung zu Freunden / Lehrern und weiteren engen Begleitern half dabei

      • das Erregungsniveau / die Gefühle in Grenzen halten
      • und half auch, die Fähigkeit zur Dosierung der Erregungen / Affekte und Gefühle langsam zu entwickeln.

Die Gruppe von Kindern, die nicht solche Stabilisierungen / dieses Containing bekamen und die dadurch immer wieder von ihren starken Gefühlen und ihrer Desorganisation getrieben wurden,

      • sie schafften es einfach nicht, ihre inhibitorischen / hemmenden und exzitatorischen / stimulierenden Gehirnsysteme vernünftig aufeinander abzustimmen,
      • Sie wuchsen in dem Glauben auf, sie würden ihre Gefühle niemals wirklich kontrollieren können.
        Das traurige Ergebnis hiervon:
        Von dieser sehr verletzlichen Gruppe litten ca. 50% in der späten Adoleszenz unter klaren und diagnostizierbaren psychischen Problemen.

Immer wieder konnte man folgendes Muster sehen:

  • Kinder, die von ihren primären Bezugspersonen zuverlässig betreut wurden, entwickelten die Fähigkeit, ihre Gefühle gut zu regulieren.
  • Auf der anderen Seite führte eine unzuverlässige Betreuung dazu, dass sich die Kinder sowohl körperlich aber auch seelisch andauernd in einem erhöhten Erregungszustand / hohem Stresslevel befanden.

Das Verhalten von Kindern unzuverlässiger Eltern war gekennzeichnet durch

      • Lautstarkes bemühen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen,
      • große Frustration selbst bei kleinen Herausforderungen
      • Wegen ihrer starken Empfindungen waren sie ständig „On-Alert“, in Angst.
      • Durch ihre permanente Anstrengung um die Bestätigung „ich sehe dich und“ „du bist gut wie du bist“ konnten sie einfach nicht so spielen und ihre Umgebung erforschen wie es für andere Gleichaltrige normal wäre.
      • All das mit dem Ergebnis permanenter Nervosität, Angst vor Fehlern (Perfektionismus) und geringer Eigenmotivation.

Diese frühe Vernachlässigung und wenig verständnisvolle Behandlung vonseiten der Eltern ihren Kindern gegenüber (immer wieder möchte ich hier den Begriff des Containings von Wilfred Bion anführen) führten mit traumwandlerischer Sicherheit

      • zu Verhaltensproblemen in der Schule,
      • Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen
      • und Mangel an Empathie dem Leid anderer gegenüber.

Containing ist ein Vorgang, in welchem

      1. eine Projektion (zum Beispiel der Schmerz eines Kindes, dass gerade vom Fahrrad gefallen ist) aufgenommen wird, ohne diese durch eine eigene Emotion zu agieren – also selber vor Schmerzen in Ohnmacht zu fallen.
      2. Im zweiten Schritt wird dieser projizierte Schmerz in etwas Erträgliches umgewandelt und
      3. zuletzt dem Gegenüber zurückgegeben. Zum Beispiel durch den Satz: „Morgen tut es nicht mehr weh. Wir pusten mal und kleben ein Pflaster drauf.“

Wenn dieses Containing jedoch NICHT kommt, dann entsteht genau das, was wir einen circulus vitiosus / einen Teufelskreis nennen:

      • Wegen dieser andauernden starken Gefühle, die ja in dem Menschen vorhanden sind, die aber von den Eltern nicht contained / nicht unterstützt oder umgewandelt wurden,
      • entwickelten sich die Kinder zu unberechenbaren, trotzigen und aggressiven Zeitgenossen.

Und was passiert mit unberechenbaren, trotzigen, störenden und aggressive Kindern in der Gesellschaft? Es liegt auf der Hand, dass sie sich durch ihr Verhalten weitere Zurückweisungen und Bestrafungen von Lehrern und Altersgenossen einhandeln – und damit in der Beliebtheitsskala immer weiter unten rutschen… Dies wiederum provoziert sie nur noch mehr, um für die Aufmerksamkeit der Umgebung zu kämpfen! 

Die Lösung dieser Probleme: Resilienz durch Erziehung

Alan Sroufe fand durch seine Studie in den Jahrzehnten viel über das Thema Resilienz heraus.

      • Resilienz ist die Fähigkeit, schwierige Situationen zu meistern – ähnlich einem Baum, der sich im Wind verbiegen kann, ohne daran zu zerbrechen.
        Resilienz erhalten wir über unsere ersten primären Bezugspersonen.

Wie stark und wie resilient ein Kind wird, können wir vorhersagen – so Alan Sroufe – indem wir die Stärke und die Sicherheit der ersten dyadischen Beziehung (meistens die Mutter-Kind-Beziehung) betrachten. Je liebenswerter eine Mutter ihr Kind einschätzt, umso resilienter wird der Mensch im Erwachsenenalter.

Dies ist das Ergebnis von drei Jahrzehnten intensiver Forschung! Bindung macht uns stark … keine Bindung hinterlässt uns schwach wie ein Wackelpudding.


Epilog

Ich hoffe, ich konnte die Frage, „Wer ist eigentlich für Kinderarmut zuständig – Eltern oder Staat?“ mit diesem Beitrag ein wenig beantworten.

Wer oder was entscheidet also über meinen persönlichen Werdegang?

      • Sind es die Eltern?
      • Ist es die Gesellschaft?
      • Oder habe ich mein Leben überwiegend selbst in der Hand?

Ja, ich habe mein Leben immer selbst in der Hand! Aber schau dir mal den Beitrag an: Wie entstehen Emotionen? Du findest ihn unter folgendem Link: https://werdewiederstark.de/wie-entstehen-emotionen/

Hier zeige ich, dass das, was wir in unseren frühesten Jahren lernen, prämotorische Handlungsreflexe / vorbewusste Handlungsangebote sind. Durch diese wird unser Handeln bestimmt. Was uns unsere Eltern und die Gesellschaft in den ersten Lebensjahren beibringen, hat einen tiefen Einfluss auf unser Leben. Viele Freue beim Lesen 😊 

Armut ist ein Trauma

Schriftzug Marcsu Jähn

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An dieser Aussage ist nichts zu rütteln. Und ein „Entwicklungstrauma“ kann verheerender im Leben wirken als ein einzelnes „Ereignis-Trauma“. Durch einen einzelnen Schlag kann die Haut zerschnitten oder anderweitig zerstört werden. Schlage ich jedoch andauernd mit einem dumpfen Gegenstand auf eine Stelle, dann stirbt diese irgendwann auch ab.

Armut lässt einen zurück in einem Mangel, einer Ohnmacht. Und während auf der einen Seite der Mangel einen handlungsohnmächtig macht, kommen auf der anderen Seite völlig neue Stimmen – diese demotivierenden inneren Kritiker – empor. Fragen Sie sich einmal selbst:

Wenn Ihnen etwas immer und immer wieder misslingt … was sagen Sie dann in der Regel zu sich? Sind es nicht Sätze wie:

      • Streng dich doch mal an!
      • Immer mache ich alles fasch.
      • War ja klar … ich schaff es ja doch eh nicht.

Kennen sie diese innere Stimme? Woher kommt dieser demotivierenden Kritiker? Und wenn Sie diese innere Stimme bei sich schon kennen … könnten diese bei anderen in ihrer Umgebung ebenso, eventuell noch deutlich lauter ertönen?

Unser Körper kann nicht vergessen? Wie ist das gemeint? Was antworten Sie / oder wie vervollständigen sie folgende Anfangssätze? Interessant, nicht wahr? Wir alle kennen diese Sätze, wissen aber nicht, wer uns diese wann und wo gelehrt hat. Sie sind aber so fest in uns drin, dass sie

      • wie ein Reflex,
      • eine innere Stimme,
      • ein inneres Kommando aufkommen.

Ein portugiesischer Neurologe – Antonio Damasio – nennt sie „Prämotorische Handlungsimpulse“ oder „vorbewusstliche Handlungsangebote“. Woher sie kommen, wie sie uns in unserer Entwicklung beeinflussen, dazu gibt uns die moderne Psychologie-Forschung immer interessantere Antworten.

Ein fesselndes Thema ist zum Beispiel die Persönlichkeitsentwicklung unter dem Armuts-Trauma.

Armut ist ein Trauma? Ja! Und warum das so ist, möchte ich nun gerne einmal beleuchten… 

Armut und Trauma sind so miteinander verwoben, dass ich sie sogar als die „ungleichen Zwillinge“ bezeichnen möchte.

Ihre fasst schon alptraumhafte Gemeinsamkeit ist die permanent präsente Handlungsohnmacht. Aber bevor wir diesen Begriff „Handlungsohnmacht“ näher beleuchten, möchte ich Trauma und Armut kurz erklären.

      • Was ist das, ein Trauma?

Es ist ein Erlebnis / eine Situation, die mich mit meinen eigenen Ressourcen und Fähigkeiten in diesem Moment überfordert. Ich kann sie nicht verarbeiten und meine Psyche spaltet sie in diesem Moment ab.

      • Was verstehen wir unter Armut?

Armut ist ein Mangel… Ein Mangel an Ressourcen um Bedürfnisse, Wünsche, Ziele und Hoffnungen in einem vernünftigen Maße zu befriedigen.

Die Etymologie ist die Lehre vom wahren Sinn eines Wortes.

      • „etymos“ wahr und wahrhaftig
      • „Logie“ = Kunde, -lehre, -wissenschaft

Und was ist dann die Etymologie von Armut? Armut entspringt einem germanischen Wort für „verlassen“ und hat seine Wurzel in dem indogermanischen Begriff für „verwaist“. Im Griechischen kennt man „eremos“ = „einsam“. Bestimmt denkst du nun an den Begriff Eremit.

Wenn ich die Armut mal mit dem Begriff Trauma in eine direkte Beziehung bringen darf, dann würde ich dies gerne so formulieren:

Der „arme“ Mensch ist einsam und hat keine Ressourcen bzw. keinen Helfer, um eine Situation zu meistern. Ihm fehlen die körperliche, materielle und auch geistige Unterstützung seiner Umgebung.

Der traumatisierte Mensch

      • wurde durch ein Erleben überfordert,
      • konnte dieses mit eigenen Mitteln nicht bewältigen
      • und blieb einsam, ohne Unterstützung von außen in diesem Erleben mit seiner Erinnerung nun zurück.

Eigentlich alles recht simpel und logisch. Aber … kann ich mir das alles denn wirklich so einfach machen? Lass uns Trauma und Armut mal noch näher betrachten: 

(1) Was ist ein Trauma?
1.1. Erklärung

Trauma ist ursprünglich ein griechisches Wort und bedeutet „Wunde“. Das Verb „titroskein“ bedeutet „verwunden, durchbohren“.
Ein anderes ihm ähnliches „teirein“ hat die Bedeutung von „aufreiben.

Was aber wird bei einem Trauma verwundet und / oder aufgerieben? Der Mensch als einzelnes Wesen, dem Individuum wird seit Homer (850 v.u.Z.), Heraklit (460 v.u.Z.) und Platon (348 v.u.Z.) in drei große Ebenen unterteilt.

  • Soma (der Körper, wörtlich im altgriechisch Die Leiche))
  • Noos (Das Denken / die Vernunft) und
  • Psyche (die Seele)

Auch neuzeitliche Denker wie Viktor Frankl (1978) oder Donald Winnicott (1971) halten diese Unterteilung für hilfreich um dem Menschen als Ganzes eine beschreibende Form zu geben. 

Erster Merksatz: Unsere Psyche gilt als der Sitz unserer Identität – und genau hier bildet sich die Persönlichkeit und setzt ein Trauma an. In unserer Psyche wird dass, was wir erleben, permanent geprüft und verarbeitet. Das, was von ihr verarbeitet werden konnte, lässt unsere Identität und damit unser ICH wachsen … Dann gibt es aber noch die anderen Erlebnisse – die in dem Moment halt nicht verarbeitetet werden konnten. Sie hinterlassen etwas anderes zurück, und zwar eine Art Ohnmacht.

Die nicht verarbeitbaren Erlebnisse sind dass, was wir ein Trauma nennen

      • etwas, was ich mit den eigenen Kräften mir nicht erklären / oder bewältigen konnte,
      • etwas, dass mir meinen Mangel an Kraft / Geist / Ressourcen verdeutlicht. 

Wir sind mitten in unserem Thema: Trauma und der Mangel durch Armut. Das reale Leben durchkreuzt viel zu oft unsere Anstrengungen, eine gesunde Identität zu entwickeln. Diese Ereignisse überfordern in diesem Moment unsere Psyche und entwickeln sich in unserem Kopf immer stärker zu einem abgetrennten „dualen Gedächtnis“. 

      • Auf der einen Seite gibt es Ereignisse, die zum Zeitpunkt ihres Erlebens von unsere Psychische bewusst verarbeitet werden konnten. Diese sind die Grundlage für eine gesunde Identität. 

      • Andererseits gibt es aber auch Erfahrungen, welche zum Zeitpunkt des Erlebens nicht (!) verarbeitet werden konnten.
        Sie werden – wegen der Ohnmacht bzw. der Machtlosigkeit – in unserer Psyche verleugnet und als abgespaltene Erinnerung abgelegt. 

Nochmals: Sie sind das eigentliche Trauma von dem wir immer wieder sprechen! Du wirst feststellen, dass die gleichen Ereignisse, bei dem Einen eine gesunde Identität fördern und bei dem anderen ein Trauma verursachen können. Wichtig sind hier zwei Faktoren:

      1. All unsere Erlebnisse prägen sich dauerhaft bei uns ein.
        Sie bilden sogenannte „somatische Marker“. Ein Begriff, den Antonio Damasio – ein portugiesischer Neurologe prägte und zweitens:

      2. Es geht auch immer um den Zeitpunkt des Erlebens und der in diesem Moment zur Verfügung stehenden Fähigkeit, das Erleben zu verarbeiten.

Den ersten Punkt „es prägt sich alles dauerhaft in unserem Soma / unserem Körper ein, den hatte ich ja bereits mit dem Anfangszitat von Sigmund Freud erwähnt.  Antonio Damasio hat durch seine Forschungen gezeigt, dass sich all unsere Erlebnisse – auch wenn wir diese bewusst / kognitiv nicht immer abrufen können – in unserem Körper verfestigen.

Ich möchte dies mit einer 2009 veröffentlichten und mittlerweile zum Klassiker gewordenen Studie von Chuck Hustmyre (einem pensionierten U.S. Bundesagent) und Jay Dixit (einem Redakteur und Forscher im Bereich Kriminalitätsprävention) verdeutlichen:

Sie forderten überführte und im Gefängnis sitzende Straftäter auf, sich ein ganz einfaches Video von einer belebten Fußgängerzone anzusehen. Ihre Frage war genauso einfach: Wen würden sie sich als Opfer auswählen?

  • Erschreckend waren zwei Ergebnisse aus dieser Studie:
      1. Wie unglaublich schnell die Opfer erkannt wurden – es ging hier um wenige Sekunden… und
      2. Die Einigkeit der Ergebnisse. Auch wenn die Straftäter von der Auswahl der anderen Studienteilnehmer nichts wussten, so war die Auswahl der Opfer praktisch immer gleich. Nicht Körpergröße, Alter, Geschlecht oder Rasse spielten hierbei eine Rolle.

Es waren die nonverbalen Signale, die ihr Körper ausstrahlte. Es war die Art ihrer „interaktionalen Synchronie“ es war der „Mangel an Ganzheitlichkeit“ Die Straftäter unterstellten diesen Menschen weniger Selbstvertrauen. Woher kommt dieser Mangel an Selbstvertrauen? Solche Menschen haben in ihrer Kindheit mehr Traumata erlebt als andere.

Wie ich darauf komme? Ich nehme hier gerne die ACE-Studie (ACE = Adverse Childhood Experiences) als Erklärung zu Hilfe.
Sie ist eine der bekanntesten Studie, wenn es darum geht, den Zusammenhang zwischen Kindheitserlebnissen und dem späteren Leben als Erwachsener aufzuzeigen. Sie wurde in Amerika bereits an über 17.000 Erwachsenen durchgeführt.

Anhand von 10 Fragen über die Erlebnisse der Kindheit können klare Zusammenhänge zwischen Kindheitstrauma und der späteren geistigen / körperlichen Gesundheit erkannt werden. Ein trauriges Ergebnis ist zum Beispiel, dass Frauen, die in ihrer Kindheit vergewaltigt wurden, eine > 6-mal höhere Wahrscheinlichkeit haben, später als erwachsene Person, dies wiederholt zu erfahren. Warum? Durch die Verunsicherung der persönlichen Erfahrung scheint ihr Körper dies nach außen hin zu signalisieren. Ein Signal, dass Sexualstraftäter als Einladung interpretieren, ihre widerlichen Handlungen auszuführen. Kindheitstraumata verändern das gesamte Leben!

Das war der erste Faktor, wie sich ein Trauma auf den Menschen auswirkt. Wie können wir diese Problematik lösen? Die Lösung lautet: Containing… 

Teil 2. Containing – die „Sofort-Lösung“

Wie unterschiedlich sich gleiche Situationen auf unterschiedlich resiliente Menschen auswirkt und wie das Problem gelöst werden kann, möchte ich einmal anhand der abgebildeten Familiensituation veranschaulichen. 

Du siehst hier ein Elternpaar, das miteinander eine Meinungsverschiedenheit / einen Streit hat.  Du und ich, wir sind mittlerweile erwachsen. Wären wir nun Beobachter dieser Situation, dann würden wir wahrscheinlich zu den Eltern gehen, mit ihnen in aller Ruhe über deren Konflikt sprechen und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Das Kind jedoch, kann dies alles noch nicht! Es hält sich die Ohren zu und würde am liebsten davonlaufen. Für das Kind (!) ist diese Situation eine Handlungsohnmacht / ein Trauma! Es kann diese Situation noch nicht verarbeiten und ist hierbei völlig auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Diese unterstützende Hilfe nennen wir Containing.

Kommt die Hilfe / das Containing durch seine Eltern jedoch nicht, dann bleibt das Kind in einer gewissen (Handlungs-)Ohnmacht zurück. Es versucht die Situation abzuspalten – es bildet sich in seiner Psyche ein Trauma. Und zack … das duale Gedächtnis hat dann mal wieder einen neuen Bestandteil im immer praller gefüllten „Trauma–Rucksack“ / dem vorhin erwähnten „Dualen-Gedächtnis“.

Der Vergleich mit einer „Geiselhaft“

Falls dir das alles ein wenig übertrieben vorkommt, … ein Streit der Eltern soll bei einem Kind – wenn das elterliche Containing ausbleibt – ein Trauma erzeugen … dann möchte dir einmal einen Vergleich zu der Situation des Kindes aufzeigen: Es könnte sich für dich im ersten Moment etwas weit weggeholt anfühlen … trotzdem bitte ich dich einmal diese völlige Abhängigkeit eines Kindes von seinen Eltern aus dem Blickwinkel einer Geiselnahme zu betrachten. 

Oft ist das Leben einer Geisel zu 100 % von dem „goodwill“ / der Laune des Geiselnehmers abhängig. Das Leben eines kleinen Kindes ist jedoch auch zu 100 % von den Eltern abhängig! Da besteht erst einmal kein Unterschied. Das können wir drehen und wenden wie wir wollen.

Klar, normalerweise wenden sich liebevolle Eltern immer mit mütterlicher oder väterlicher Zuwendung dem Kind zu. 

    • Was aber passiert, wenn sie es nicht tun?
      Dann bricht für das Kind seine kleine heile Welt zusammen und es findet sich in der gleichen Hilflosigkeit / Ohnmacht wieder wie eine Geisel in der Geiselhaft eines Bankräubers. 

 

2.2. Kommen wir zu der Lösung aus dem Dilemma – dem Containing

Wenn die Abhängigkeit der Kindheit einer Geiselhaft ähnelt, warum wachsen dann die meisten Kinder ohne (!) ein Trauma auf? Ganz einfach: die allermeisten Eltern verhalten sich auch so, wie man es von Eltern erwarten darf: sie wenden sich ihrem Kind in liebevoller Form zu und wenden das an, was in der Psychologie Containing genannt wird. Das dahinterstehende Prinzip sehen wir jetzt auf dem nächsten Bild: Wilfred Bion war ein britischer Psychoanalytiker und hat diesen Begriff mit als erster entwickelt.

Containing ist ein dreiteiliger Vorgang:

      1. Die Projektion eines Gegenübers (Wut, Angst, Freude) werden zuerst einmal ohne die eigenen Emotionen und ohne eigenes Handeln völlig wertfrei wie in einen Container / eine Schublade aufgenommen werden.
      2. Anschließend wird dieses belastende Gefühl dann in etwas deutlich Erträglicheres verändert.
      3. Um dann am Ende als ein insgesamt positives, angenehmes Gefühl zurückgegeben zu werden.

Ein schönes Beispiel kann man hier unten in dem Bild erkennen: 
Das Kind verletzt sich beim Spielen, die Mutter tröstet es liebevoll und sagt vielleicht: „Morgen oder nächste Woche wirst du den Schmerz nicht mehr spüren.“ Solch eine haltende Handlung ist typisch für das Containing.

Auf der rechten Seite siehst du ein Plakat von dem Film „Das Leben ist schön“ aus dem Jahre 1997. 

Das ist zugegebenermaßen schon eine besondere Form des Containings,

      • in welchem eine jüdische Familie ins Konzentrationslager kommt
      • und der Vater, dem kleinen Sohn bis in den Tod erzählt, dass es sich hier um ein Spiel handelt und nicht um die harte Realität. 
      • Trotzdem dies eigentlich eine Lüge war, konnte der Junge durch dieses umgeänderte Gefühl mit der Situation besser umgehen.

Alles wurde nun in etwas Erträgliches verändert und am Ende hatte der Junge sogar noch das Gefühl das Spiel gewonnen zu haben – in der Schlussszene saß er nämlich auf dem Panzer, den er sich immer gewünscht hatte. 

2.3. Erlernte Hilflosigkeit – wenn kein Containing gegeben wird

Was aber passiert, wenn wir diese Hilfe / Unterstützung oder auch Containing genannt nicht erhalten? Dann befindet sich das Kind in einer ähnlich ausweglosen Lage der eines Geiselnehmer.

Interessanterweise gab es zu genau diesem Thema Anfang der 1980er Jahre eine Studie – durchgeführt von Stephen Maier von der Universität in Colorado und Martin Seligmann, der später 1998 der Präsident der APA (American Psychological Association) wurde – mit dem Thema der „erlernten Hilflosigkeit bei Tieren.

Maier und Seligmann hatten Hunde in einem geschlossenen Käfig mehrfach hintereinander mit sehr schmerzhaften und für sie unausweichlichen Elektroschocks gequält. Erinnert dich dass auch an eine Geiselhaft? Nach mehreren Durchgängen öffneten die Forscher dann die Käfige und versetzten den Hunden dann erneute Schocks. Eine Kontrollgruppe von Hunden, die vorher keine Schocks erhalten hatten, verließen auf der Stelle ihre Käfige. Was aber taten die zuvor gequälten Hunde in den geschlossenen Käfigen? Sie versuchten nicht einmal zu fliehen, obwohl die Tür weit offen war. Sie lagen einfach da, winselten und entleerten sich in die Ecke. Auch wenn dieser Test ethisch mindestens als problematisch eingestuft werden muss, da seine Ergebnisse existieren, können wir ihn trotzdem nutzbringend anwenden.

Also, was lernen wir daraus? Die reine Möglichkeit, sich aus einer schlimmen Lage zu befreien, bringt traumatisierte Tiere – und ich behaupte nun vorneweg – auch traumatisierte Menschen nicht automatisch dazu, den Weg in die Freiheit zu wählen. Wenn Menschen, ganz junge Menschen in einer Zeit der Hilflosigkeit – weil Abhängig von den Eltern – derart missachtet, eingeengt und dauerhaft in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden, dann erlernen Sie mit der Zeit eine persönliche Hilflosigkeit. Auch wenn sie später erwachsen sind, können Sie sich aus ähnlichen Situationen nicht mehr befreien… So grausam dieser Test auch ist, einen sehr interessanten Lösungsansatz bietet er trotz alledem:

Ich greife hier schon mal den Punkt (4.) auf, wo es um die reinen Lösungsansätze geht: Die Forscher hatten nämlich herausgefunden, dass die einzig wirklich sinnvolle Hilfe – den Käfig wieder zu verlassen darin bestand, sie wiederholt / mehrfach mit den bloßen Händen herauszuziehen, damit sie an ihrem eigenen Körper fühlen konnten, wie man sich aus einer schwierigen Situation selber entfernt.

Für unser Thema rund um Kinderarmut und das Trauma stellt sich die Frage: Brauchen auch die vielen heute traumatisierten Menschen solche körperlichen Erlebnisse, um das Gefühl zurückzubekommen sie hätten das Leben wieder unter Kontrolle? Wie anders würde unsere Welt doch aussehen, wenn sie es lernen könnten, ihre eigene Bewegungsfähigkeit wieder zu nutzen, um einer Situation zu entkommen? Solch ein Gedankenansatz sollte nicht unter den Tisch fallen!

(3.Teil) Jedes Kind und jeder Traumatisierte gleicht einem Wackelpudding

3.1. Was ist das, die Persönlichkeit – und wie wird sie durch Armut beeinflusst??

Ein Kind kommt zur Welt. Wunderbar dieser Moment … Die Entwicklung seiner Persönlichkeit hat hier aber gerade erst begonnen. Der Begriff Persönlichkeit ist leicht mit Temperament und Charakter zu verwechseln. Darum sollten wir diese drei Begriffe erst einmal voneinander abgrenzen …

      • Temperament
      • Charakter
      • Persönlichkeit

3.1.1. Das Temperament wird hauptsächlich durch unsere Gene beeinflusst und steht bereits bei unserer Geburt fest. Wer wie ich mehr als ein Kind hat weiß, dass Neugeborene bereits sehr unterschiedlich auf gleiche Reize reagieren. Wir können das Temperament auch den Bauch („Kopf-Herz-Bauch-Modell“) oder das „Es“ nach Sigmund Freud nennen. In der Transaktionsanalyse sprechen wir hier von dem Kindheits-Ich. Ein neugeborener Säugling ist zu 100% noch reines „Es“ oder „Bauch“.

 

3.1.2. Der Charakter kommt mit der Nachreifung unseres limbischen Systems und des Neokortex. Er wird durch das „Außen“ wie z.B. Erziehung, Lebenserfahrung, Regeln Schule etc. gebildet. Er macht ca. 40% unserer Entscheidungen aus. In dem Kopf-Herz-Bauch-Modell handelt es sich hier um den Kopf, das „Über-Ich“ bei Sigmund Freud oder das Eltern-Ich in der Transaktionsanalyse.

3.1.3. Unsere Persönlichkeit ist das eigentliche „Ich“ nach Freud, das Erwachsenen-Ich nach der Transaktionsanalyse oder das entscheidende Herz nach dem Kopf-Herz-Bau-Modell.

Merksatz: Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung, haben ein gestörtes Muster in ihrer Entscheidungs-Mitte, dem Herz, dem Erwachsenen-Ich!

Wie geht das nun in der Praxis vor sich? Das, was wir als Erwachsener psychisch in unserem Inneren erleben, das war in den ersten Lebensmonaten einmal ein bestimmtes Beziehungsgeschehen in unserem Äußeren – der Neurologe Antonio Damasio nennt dies die „somatischen Marker“. Er lokalisiert dieser in ventromedialen präfrontalen Cortex …

Oder etwas praktischer erklärt: Ein im Erwachsenenleben gestörtes Denkmuster war mal ganz am Anfang eine Störung in der Beziehung zwischen dem Säugling und seinen dyadischen Bezugspersonen wie Mutter oder Vater – die er für sich auf seine ganz spezielle persönliche Art und Weise wahrgenommen und dann auch verinnerlicht hat. Solch eine psychische Störung ist dann wie ein eingefrorenes und in die Persönlichkeit fest verwachsenen Störungsmuster seiner Beziehung zur Umwelt.

Vergleichen können wir dies mit dem Permafrost, der so stark bindet, dass er sogar ganze Bergmassive hält. Aber wehe, wenn der Permafrost auftaut … dann brechen riesige Felsblöcke ab… Allein in der Schweiz sind derzeit 20 Millionen Kubikmeter Gestein durch solche Abbrüche gefährdet… Der innere Permafrost mit all seinen eingefrorenen Wunden und Traumen des Lebens – wie zum Beispiel dem Dauermangel der Armut – kann jedoch viel katastrophaler auftauen.

 3.2. Wie wird aus „flüssig“ wieder „fest“?

Warum ist diese Stabilität oder Containing durch die Eltern so wichtig? Warum sind Kinder ohne diese Stabilität auf dem sicheren Weg in ein traumatisiertes Leben?  Otto Kernberg – einer der ganz führenden Denker im Bereich Persönlichkeitsstörungen – verglich die Persönlichkeit eines neugeborenen Kindes mit der Konsistenz eines Wackelpuddings 😊.  Ein kleines Kind kann seine Stimmungen permanent und in Sekundenbruchteilen von gut nach böse und von böse nach gut – von traurig nach lustig und von lustig nach traurig wechseln.

Ohne kognitive Logik – der Präfrontale Kortex ist sich ja erst noch am ausbilden – ist das Kind völlig seinen Bauchgefühlen unterworfen. Das ist an sich nichts Böses, sagt aber, dass es in alle Richtungen wie ein Wackelpudding am Wackeln ist. Hast du Wackelpudding aber schon einmal versucht fest zu machen? Du brauchst dafür – neben einer Form – Gelatine.  Was aber wenn du keine Gelatine hast? Dann kannst du den Wackelpudding nur noch durch Einfrieren irgendwie in eine feste Form bringen …

Wenden wir dieses Beispiel mal auf die Kindererziehung an…  Ein Kind, das sich in seiner entwickelnden Persönlichkeit noch wie ein Wackelpudding verhält, braucht dringend die elterliche Stabilität – das Containing – um in sich Stückchen für Stückchen immer fester zu werden… 

Fehlt diese Gelatine / dieses haltende Containing, dann muss das Kind irgendwie selber / mit eigenen Mitteln fest werden – und diese eigenen Mittel sind naturgemäß sehr begrenzt.  Dies geschieht in der Regel dann durch die klassischen Amygdala-Reaktionen „Flucht, Kampf oder halt ein erstarrendes Einfrieren“. Und ist es nicht erstaunlich, wieviel erfrorene Kinderseelen wir heute sehen?

Armut – dieser Dauermangel – fungiert hier wie ein Entwicklungstrauma. Trauma und Armut sind beide eine Handlungsohnmacht. Armut ist mit das größte Risiko in der Kinderentwicklung unserer heutigen Zeit.

Teil 4. Wege aus dem Armutstrauma

4.1. James Heckman und die Politik

Anfang der 1960er Jahre in Ypsilanti Michigan. Nähe Detroit, USA. Dort gibt es nicht viel Erwähnenswertes – wäre da nicht die Perry Grundschule an der eines der wichtigsten Experimente über die Langzeiteffekte frühkindlicher Bildung stattgefunden hat. Diese Schule existiert heute übrigens immer noch … Damals war es eine sogenannte Problem-Zone. Viele farbige Einwohner, ohne Arbeit lebten dort in beengten Wohnungen.

Ein Mann – David Weikart – war damals Leiter des Ressorts „Sonderschulen“ und hatte die Idee, dass die Kinder bereits ab dem 4. Lebensjahr in die Vorschule gehen sollten. Gegen viel Druck gründete Weikart Michigans erstes staatlich finanziertes Vorschulprogramm. In dieses wurden 123 afro-amerikanische Kinder aus Familien mit geringem Einkommen aufgenommen. Allen Kindern wurde niedrige Intelligenz und eine Zukunft als Versager „bescheinigt“. Die Gruppe wurde aufgeteilt in 58 Kinder, denen ein hochwertiges Vorschulprogramm gegeben wurde und in eine 65 Köpfe starke Kontrollgruppe.

Was waren die Ergebnisse? Ich bin mir sicher, sie werden ein wenig staunen, wenn auch nicht von Anfang an. Nach dem Stanfort-Binet-Test (ein verbaler Test der seit 1916 existiert und immer wieder verfeinert und revidiert wurde) hatten die Kinder einen IQ von Ø 79. Nach dem ersten Schuljahr lagen die Vorschulkinder durchschnittlich um 10 IQ-Punkte vorne. Dies hätten sie wahrscheinlich auch so vermutet.

Jetzt kommt aber eine Phase der Enttäuschung: Bereits 3 Jahre nach Abschluss des Vorschulprogramms – die Kinder waren da ca. 8 Jahre, gab es praktisch keinen Unterschied mehr. Die Wirkung schien vorbei zu sein. Ist das alles nur ein kurzfristiges Placebo gewesen? Als die Kinder 14 Jahre alt wurden gab es aber eine sehr interessante Entwicklung … Sämtliche Vorschulkinder schnitten nun in Rechnen, Lesen und Sprachentwicklung deutlich besser ab als die Kinder der Kontrollgruppe. Diese Entwicklung hat auch nicht aufgehört als die Kinder – heute erwachsene Menschen – mit 15 Jahren, 19 Jahren und mit 27 Jahren befragt wurden.

Sind Sie diesem Ergebnis gegenüber kritisch? James Heckmann – er erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für seine Entwicklung von Theorien und Methoden zur Analyse selektiver Stichproben – war hier mehr als skeptisch und fing an zu rechnen.

Seine Grundfrage war: Welche Investition, in welcher Zeit hat später welchen Wert? Was sich alles nach nackten Zahlen anhört hat ein ganz anderes Interessensgebiet: Es sind die Biographien die dahinter stecken. Wie lassen sich durch welche Investitionen Lebensläufe und Lebensumstände gezielt beeinflussen? Anstatt zu philosophieren, rechnete Heckmann einfach nach 😊 um herauszufinden, was sich wann und wo wirklich rentiert. Eines seiner Ergebnisse war, dass sich Investitionen in aktuell aktive Arbeitsmarktprogramme kaum bezahlt machen – ein meines Erachtens wichtiger Aspekt.

Ein anderes war aber, dass sich frühe Investitionen – besonders in der Zeit des Kindergartens / der Vorschule – deutlich mehr lohnten und zwar, je weiter man in die ersten Lebensjahre zurückging. Heckmann nahm sich hierfür viel Zeit und überprüfte seine Berechnung andauernd. Auch wenn er immer wieder Zweifel an seinen eigenen Zahlen hatte – die Ergebnisse hielten sämtlichen Überprüfungen stand.

Was geschieht durch diese frühen Investitionen? Nicht der IQ der Kinder wird durch diese Unterstützung angehoben, nein! Es sind vielmehr die „nicht-kognitiven“, die sozialen und die emotionalen Fähigkeiten die gefördert werden. Statt IQ tritt Motivation in den Vordergrund!

Woher kommt das Wort Motivation? Es stammt aus dem lateinischen Wort „movare“ das „Bewegung auslösen“ bedeutet. Es wird etwas mit einer bestimmten Absicht in Gang gebracht. Es hat ein Motiv / einen Beweggrund. Die stärkere Motivation – kommen zur zu der Perry-Grundschule und den Berechnungen von Heckmann zurück – hatte klar messbare Auswirkungen! Alle Kinder stammten aus einem sozialen Milieu, wo Kriminalität zum Alltag gehörte. Jedoch unterschied sich die Gruppe der Vorschulkinder von der Kontrollgruppe deutlich im Bereich Verbrechensstatistik. Die Kinder der zweiten Gruppe haben zu 90% ein Verbrechen begangen im Vergleich zu 50% aus der ersten Gruppe. Bildung macht nicht per se aus einem einen Heiligen. Kriminalität ist jedoch für unsere Gesellschaft sehr kostspielig.

Heckmann wollte nun wissen, wieviel Rendite ein Dollar brachte, wenn er bereits im Vorschulalter investiert wird.

Sein Ergebnis: Pro Jahr bekomme ich 0,14 Dollar zurück. Das ähnelt einem Sparbuch mit Zinsen und einem Zinseszins-Effekt. Umgerechnet auf den Dollarwert des Jahres 2000 betrugen die Kosten für das Vorschulprogramm pro Teilnehmer 15.166 Dollar. Später kostete jedes Kind die Gesellschaft jedoch deutlich weniger Geld als ein Kind der Kontrollgruppe. Im Ø > 258.000,- Dollar! Abzüglich der Kosten ergibt sich daher ein Nettogewinn von > 243.000 Dollar pro Kind und das ist eine jährliche Zinsrate von ca. 17%.

Etwas anders aufgeschlüsselt:

      • Von den 17% Rendite gehen 13% an die Gesellschaft.
      • Der Rest kommt den ehemaligen Vorschulkindern direkt zugute… Ihr Einkommen war mit 40 Jahren im Ø 36% oder 5.500 Dollar jährlich höher als dass der Kontrollgruppe.

Aber nicht nur ihr Einkommen war deutlich höher.

      • Fürsorgeausgaben waren niedriger
      • Dafür sind die Steuereinnahmen höher, sowohl wegen des Einkommens als auch aufgrund des stärker möglichen Konsums.

Auch die Gesundheit war besser und außerdem hat diese Form der Frühbildung auch Auswirkung auf die Folgegeneration!

4.2. Sie und ich

Lässt sich dieses Perry-Modell auf Deutschland ummünzen? In unserem Land gibt es keine vergleichbaren Langzeitstudien. Laut Professorin Katharina Spieß (Direktorin des BiB / Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung) haben wir die Kosten-Nutzen-Analysen von Früherziehung geflissentlich ignoriert. „Wer sich mit diesem Thema auseinandersetzen will, der kommt an der Perry-Studie einfach nicht vorbei“, so ein Zitat. Eine wichtige Erkenntnis aus dieser Studie ist aber, dass sie sich besonders da lohnt, wo die Armut am größten ist.

Was bedeutet das? In Deutschland gibt es wie in den USA eine gesunde und auch funktionierende obere Mittelklasse. Diese Ressource muss nicht besonders gefördert werden. Nach Heckmann brauchen wir kein zentralisiertes Betreuungssystem, sondern Unterstützung wo die Not am stärksten ist. Die Umsetzung dieser Studie ist aber keine Aufgabe der Psychologie, sondern die der Politik. Warum? Politik kommt von „polis / politika“ was „Dinge, welche die Stadt betreffen“ bedeutet.

Aus der psychologischen Sicht heraus hat die Forschung der Perry-Schule aber eins gezeigt:

Wenn ich früh fördere, dann erzeuge ich eine Motivation. Motivation kommt von „movere“, etwas in Bewegung bringen. Denken wir noch einmal kurz an die Studie über die „erlernte Hilflosigkeit“ mit den gequälten Hunden… Was war nochmal die eigentliche Lösung aus dem Dilemma? Indem die Hunde wiederholt körperlich angefasst und langsam aus dem Käfig herausgezogen wurden, konnten sie erkennen, wie sie selber wieder in ihre Handlungsvollmacht kommen konnten. Denn, Trauma und Armut sind eine Handlungsohnmacht.

Motivation und körperliche Unterstützung ist das beste Mittel um aus diesem Problem herauszukommen.

Wer sich tiefer in diese Thematik einarbeiten möchte, der kann sich gerne mal diesen Beitrag anschauen: https://werdewiederstark.de/landing-page/elterncoaching/das-anti-stress-gen-warum-babys-schreien/

Michael Meaney – Professor an der Mc Gill Universität in Montreal – hat den epigenetischen Einfluss von Streicheln / Körperberührung / und damit des körperlichen Lösungsansatzes dokumentiert.

Armut ist ein Trauma. Trauma ist eine Handlungsohnmacht. Aus einer Ohnmacht komme ich durch Motivation und körperliche Unterstützung wieder heraus. Lassen Sie es uns angehen…

Wie entstehen Emotionen

Schriftzug Marcsu Jähn

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Gefühle und Emotionen sind das Ergebnis einer langen Kette von Reaktionen in unserem Körper, die noch lange nicht erforscht sind. Aber irgendwie / irgendwo / irgendwann müssen Sie ja mal beginnen…

Am Anfang beginnt alles mit einem Reflex / einer Valenz / einem Handlungsimpuls oder einem Handlungsangebot… Aber woraus besteht dann das alles, z.B. das, was wir Intelligenz nennen? Was sind Reflexe, Emotionen und was sind diese Gefühle? Schauen wir uns darum einmal an, was ein portugiesischer Neurologe der sich sein ganzes Leben mit dieser Frage (was sind Emotionen?) beschäftigt hat, uns hierauf zu sagen hat … Antonio Damasio.

(1.) Antonio Damasio und die Hypothese der „somatischen Marker“

Antonio Damasio (Jahrgang 1944) ist ein Neurowissenschaftler aus Portugal, der sich Zeit seines Lebens gemeinsam mit seiner Frau Hanna mit dem Bewusstsein und dem Werden eines Bewusstseins auseinandergesetzt hat. Im Gegensatz zu der Meinung von Rene Descartes – einem französischen Philosophen und Naturwissenschaftler (1596-1650) – vertritt Damasio die Auffassung, dass eine Trennung zwischen Körper und Geist (wir nennen dies den Dualismus) nicht möglich ist. Es gibt einen nicht zu leugnenden Zusammenhang zwischen Körper und Geist und damit haben wir nun auch die zentrale Entstehung von Emotionen im Visier: das Emotionen nicht zwischen Geist und Körper getrennt entstehen können. 

Am deutlichsten hat Damasio dies mit seiner Theorie des somatischen Markers beschrieben. Dieser Begriff des „somatischen Markers“ bedeutet, dass im Soma – dem stofflichen Körper – immer eine ganz spezielle Verknüpfung bleibt, die durch frühe Erfahrungen in Erinnerung entstehen.

Diese Verknüpfung wird im ventromedialen präfrontalen Cortex gespeichert und liefert ein unschlagbaren Geschwindigkeitsvorteil für Entscheidungen im Alltag.

Ventro = zum Bauch und zur Körpermitte hin gelegen 
Medial = in der Mitte liegend 
Präfrontal = im vorderen Teil des frontalen Cortex 
Cortex oder Kortex? Cortex ist lateinisch und Kortex ist eingedeutscht…

Du siehst hier ein – zugegebenermaßen etwas gruseliges Bild von einem Schädel, der von einer Eisenstange durchbohrt wurde. Das ist kein Fake-Bild! Im Jahre 1848 ist dem Vorarbeiter einer Eisenbahngesellschaft bei einer Felssprengung eine Eisenstange von unten nach oben durch den Schädel geschossen. Unglaublicherweise hat Phineas Gage – der zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt war – diesen Unfall überlebt. Er war sogar während des gesamten Ereignisses bei völligem Bewusstsein. Mit der Zeit erholte er sich mit dem Loch im Schädel. Sein Intellekt, seine Sprache waren komplett erhalten geblieben. Auch verstand er weiterhin alles und sein Gedächtnis war von dem Unfall nicht beeinträchtigt. Seine Sinne, wie hören / riechen / schmecken waren genauso intakt wie vor dem Unfall.

Aber etwas Anderes hatte sich verändert: Aus dem zuvor verantwortungsbewussten Vorarbeiter, einem immer sehr angenehmen, umgänglichen und von allem sehr beliebten Mann, wurde auf einmal ein schimpfender, launiger Zeitgenosse. Sein Arzt (John Harlow) bemerkte in seinem Notizbuch, das nach dem Unfall, dass das Gleichgewicht zwischen der intellektuellen Fähigkeit Phineas Gages und den animalischen Trieben komplett aus dem Lot gerät. Bis zu seinem Tod im Jahre 1861 (13 Jahre später) streunte er verwahrlost durch den wilden Westen, bis er – nach Vermutung von Antonio Damasio an einem sehr starken Epilepsieanfall (Status epilepticus) zusammenbrach. 

Antonio Damasio und seine Frau Hanna rekonstruierten nach einer Exhumierung des Leichnams (laut Wikipedia ist sein Schädel in der Harvard Medical School in Boston ausgestellt) seinen Schädel und erkannten, dass ein sehr eng umfasster Bereich – der ventromediale Präfrontalcortex durch den Unfall zerstört wurde. Dieser sehr genau eingrenzbare Schaden im Kopf betrifft exakt die Stelle, an der die Emotionen aus den tiefer gelegenen Hirnregionen (dem limbischen System und dem Hypothalamus in die Großhirnrinde gelangen. Damasio vermutet, dass wir genau hier dem Zentrum des Menschwerdens auf der Spur sind… Dies scheint der Bereich zu sein, wo Liebe, Scham, Loyalität und Zuverlässigkeit ihren Ursprung haben könnten. Ich werde später noch etwas tiefer hierauf eingehen. In einem Satz zusammengefasst bedeutet dies aber: 

Was ich früher einmal erfahren habe, bleibt als Marker im Gehirn – wahrscheinlich im ventromedialen Präfrontalkortex – gespeichert und wird bei einer ähnlichen Situation reflexartig hervorgeholt.

Durch diesen Reflex liegt der Geschwindigkeitsvorteil dieser Funktion klar auf der Hand… Da aber jede Situation für sich betrachtet einzigartig ist, wird dieser reflexartige Handlungsvorschlag / oder Handlungsimpuls immer nur ein Vorschlag bleiben und „nie zu 100 % passen können … Um eine Anpassung stattfinden zu lassen, brauchen wir später dann unseren Neocortex…

Und damit sind wir bei der zentralen Aussage dieses Beitrages: Genauso wie wir Wissen und Fakten erlernen können, haben wir die Fähigkeit, mit Hilfe der „somatischen Marker“ auch emotionale Erinnerungen zu bilden… Diese Marker im ventromedialen präfrontalen Kortex (VMPFC) lösen dann – bei ähnlichen Situationen /Assoziationen / Aktivitäten in der Amygdala einen Alarm aus, was dann wiederum eine Aktivität im Hypothalamus, im limbischen System und im Hirnstamm bewirkt.

Wenn wir die Frage besprechen: „Wie entstehen Emotionen?“ dann müssen wir den Begriff Emotion und Gefühle voneinander abgrenzen. Damasio erklärt dies folgendermaßen: Emotionen können zum einen fest angeborene Reaktionen sein, die in unserem Kortex ausgelöst werden. Andererseits können sie aber auch auf den persönlichen Erfahrungen beruhen (wir sprechen hier von einer Konditionierung). Abgespeichert werden diese dann in unserem impliziten prozeduralen Gedächtnis. Wenn diese emotionalen Veränderung dann von unserem Bewusstsein registriert werden, dann nennen wir dies Gefühle. Gefühle sind also registrierte Veränderungen, die durch unsere Emotionen erzeugt werden.

(2.) Ein Vergleich mit anderen Lebewesen:

Die Frage ist: „Wie entstehen Emotionen und wie hängen sie mit der Trauma-Entstehung zusammen?“ Betrachten wir mal die Basis / den gemeinsamen Nenner: Was haben alle Lebewesen gemeinsam? Alle Lebewesen besitzen die Fähigkeit, sensorische Reize von außen und innen zu spüren oder aufzunehmen. Sensorische Reize sind z.B. Wärme / Kälte, Bewegung, Vibration oder einfach eine leichte Berührung. Alle Organismen – selbst die Bakterien und stummen Pflanzen – sind in der Lage, Reize zu spüren.

Es gibt aber ein Unterschied zwischen der ersten Gruppe und uns Menschen:  Weder die Bakterien noch irgendwelche Pflanzen sind sich ihres Selbst bewusst. Sie können zwar auf ein Spüren reagieren – verfügen also auf über eine einfache Form von Intelligenz – aber sie haben kein explizites Denken und Wissen darüber, was sie gerade tun. Sie können es deshalb nicht, weil Wissen und Denken erst dann geschieht, wenn Bilder in einem Geist entstehen. Bakterien und Pflanzen haben weder einen Geist, noch sind sie sich eines Geistes bewusst.  Warum können wir uns hier so sicher sein? Weil diese Lebewesen kein Nervensystem haben.  Nichtdestotrotz können sie aber spüren und dann reagieren. Das ist wichtig zu betrachten, weil spüren und reagieren die erste Stufe zu einer Emotion, einem Gefühl und später zu einer Erinnerung oder einem Trauma ist.

Dass Bakterien oder Pflanzen etwas spüren können, möchte ich mal mit einem faszinierenden Test erklären: Beide Gruppen reagieren wie wir Menschen auch auf Betäubungsmittel. Dies geschieht, indem sie ihre Lebensaktivität so reduzieren, dass sie in einen Zustand vergleichbar dem Winterschlaf übergehen. In diesem können sie praktisch nichts mehr spüren. Dies wurde erstmals von dem französischen Biologen Claude Bernard (1813 bis 1878) entdeckt. Durch ein Narkosemittel konnte er Pflanzen in einen schlafähnlichen Schlummer versetzen.

Warum ist das jetzt für uns so wichtig? Weil weder Pflanzen noch Bakterien, einen Geist oder ein Bewusstsein besitzen, die jeder vernünftige Forscher und Wissenschaftler normalerweise mit der Wirkung eines Betäubungsmittels in Verbindung bringt. Wer hat nicht schon einmal vor einer Operation eine Narkose erhalten, um durch den Verlust des Bewusstseins den Arzt in Ruhe arbeiten zu lassen und selber von Schmerzen verschont zu werden?

Durch die Tests mit Pflanzen ist eines aber deutlich: Narkosemittel reduzieren nicht bloß den Geist, sondern sie reduzieren das Spüren an sich! Und wenn das Spüren blockiert ist, dann ist auch ein Geist nicht mehr möglich. Auch das Bewusstsein wird nicht reduziert! Denn Bewusstsein ist ein Zustand des Geistes und kann ohne Geist nicht stattfinden.  Zuerst ist das spüren, dann der Geist und dann das Bewusstsein. Habe ich kein Spüren, dann habe ich auch nicht den Geist oder das Bewusstsein.

Mir kommt hierbei immer wieder der Titel eines der Bücher von Antonio Damasio in den Sinn: „Ich fühle, also bin ich.“ Ohne fühlen / spüren, kein Bewusstsein!!! Dieser kleine Exkurs soll nur einen kurzen Einblick über die Komplexität unseres Gehirns und das Entstehen von Emotionen geben. Wie also entstehen Emotionen?

(3.) Vom Spüren zum Gefühl

Bakterien und eine befruchtete Eizelle haben bereits etwas gemeinsam:

      • Sie können Reize / Erfahrungen spüren,
      • diese in sich aufnehmen
      • und – ganz wichtig – für spätere, ähnliche Situationen verfügbar halten.

Dies ist eine einfache Form von Intelligenz, um sich auf Nahrung zuzubewegen (Zuneigung) und sich von Gefahr abzuwenden (Abneigung). Diese Zu- oder Abneigung nennen wir eine „Valenz“.  
Valenz (lat. „valere“ = etwas wert sein / Wertigkeit) bezeichnet den Wert, der einer Sache zugeschrieben wird. Dinge, Objekte oder Situationen können für jemandem im Wert sowohl positiv oder auch negativ sein.

Damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt: wird etwas positiv oder negativ eingeschätzt, bekommt es eine Erinnerung / einen Marker in unserem ventromedialen Präfrontalkortex. Dies geschieht aber nicht nur bei Erinnerungen. Wie gesagt, gibt es bereits angeborene Marker /oder Valenzen und es gibt durch Erfahrungen erworbene Marker / oder konditionierte Valenzen.  Diese werden dann im VMPFC ventromedialen Präfrontalen Cortex abgespeichert. 

Diese Marker sind absolut kein Luxus, sondern ein notwendiges Hilfsmittel im Kampf ums Überleben! Sie sind die umgangssprachlichen Reflexe die wie vorbewusste Handlungsangebote / prämotorische Handlungsimpulse uns zu einer „Reflexhandlung“ motivieren die später der Neokortex permanent auf seine Richtigkeit in der jeweiligen Situation überprüft. Wie dies in der Praxis geschieht, können wir anhand des Gehirnaufbaus am besten erklären.

(4.) Die zwei Geschwindigkeiten oder: Der dreiteilige Aufbau unseres Gehirns

 

Die Aufgaben unseres Gehirns sind überwältigend simpel und gleichzeitig sehr kompliziert. In erster Linie ist es da, um unser Überleben zu sichern. Alle anderen Aufgaben kommen erst danach. Dies hört sich simpel an, ist aber auch die Erklärung, dass unser Gehirn mit zwei Geschwindigkeiten parallel arbeitet… Um für das Überleben zu sorgen, muss es permanent auf neue Signale reagieren, eigene Signale erstellen und immer darauf achten, was der Körper zum Leben benötigt. Dabei muss es Valenzen erkennen (Gefahren und Chancen), um das Überlebens-Handeln immer wieder neu anzupassen.

Paul Maclean (1913 – 2007) war ein amerikanischer Hirnforscher, der unser Gehirn zum ersten Mal grob in drei unterschiedliche Teile unterteilte. Interessant hierbei ist, dass sich der kleine Embryo im Mutterleib mit seinem Gehirn genau in der folgenden Reihenfolge entwickelt:

Ganz am Anfang steht der Hirnstamm oder das sogenannte Reptilien-Gehirn. In ihm finden wir die Hirnnervenkerne und die wichtigen Bereiche welche für die Homöostase wie zum Beispiel die Atmung, den Herzschlag, die Verdauung und die Darmtätigkeit verantwortlich sind.

Dieses ist die zentrale Voraussetzung für das Leben jedes Wirbeltieres (Fische / Amphibien / Reptilien / Vögel / Säugetiere). Ohne das Reptiliengehirn kann kein Wirbeltier leben. Bei einem Nicht-Säugetier unter den Wirbeltieren wie z.B. den Reptilien, macht dieser Gehirnteil sogar das gesamte Gehirn aus – darum der Name. Zum Zeitpunkt der Geburt, ist dieser Hirnbereich beim Baby bereits komplett ausgebildet.

Sein Aufbau ist recht simpel: In dem verlängerten Rückenmark (Medulla Oblongatar) ist das Zentrum für die unbewusste Steuerung der inneren Vorgänge wie Atmen, Verdauen etc. Über das Rückenmark ziehen die Nervenbahnen dann zu den einzelnen Körperorganen um wichtige Informationen und Regulation weiterzuleiten. Neben dem Rückenmark gibt es noch zwölf Nervenstränge, die nicht über diesen Kanal laufen, sondern direkt aus dem Gehirn entspringen. Sie gehören zum peripheren Nervensystem und haben zum Beispiel die Aufgabe, die Bewegung zu steuern oder die Wahrnehmung zu regulieren. Einer der Interessantesten davon ist der zehnte Hirn- oder Kranialnerv – der Nervus Vagus, der sensorisch und motorisch Eingeweide, Kehlkopf, Rachen, etc. verbindet. Charles Darwin nannte ihn damals den Pneumo–Gastrischen-Nerv, was bereits anzeigt, welche wichtige Funktion er in erster Linie hat. 

Direkt über dem Reptilien Gehirn finden wir den zweiten Teil das Säugetiergehirn / oder das limbische System.

Warum wird es so genannt? Weil alle Säugetiere – inklusive uns Menschen – die in Gruppen leben, diesen Hirnteil besitzen. Er ist besonders wichtig für uns Thema (Wie entstehen Emotionen? Wie kommen Traumata zustande?), da er sich erst nach der Geburt völlig entwickelt. Außerdem finden wir in diesem Bereich, dem limbischen System, nun endlich dass, was wir als unsere Emotionen bezeichnen.

      • Hier werden Gefahren registriert
      • es wird beurteilt, ob etwas uns Angst macht oder eher angenehm ist.
      • Hier wird darüber entschieden, was für das Überleben wichtig oder unwichtig ist,
      • wie wir uns in der Umgebung und auch neuerdings in sozialen Netzwerken verhalten wird hier entschieden.

Zum Zeitpunkt der Geburt ist es nur teilentwickelt… Das limbische System wird nämlich zum einen durch das genetische Erbe (wir nennen es das Temperament), aber auch durch von außen Erlebtes geprägt und geformt. Wer wie ich Vater von mehreren Kindern ist, kann bestätigen, dass sich bereits von Geburt an jeder kleine Mensch sehr stark von anderen durch seine Art, seine Intensität in seinen Reaktionen auf ähnliche Reize unterscheidet. 

Jedoch ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange … Nach seiner Geburt wird das Kind weiter in seiner Gehirn Entwicklung beeinflusst und damit „benutzerabhängig durch die Neuroplastizität geformt“. Fühlen wir uns zum Beispiel sicher und geborgen, dann spezialisiert es sich auf das weitere Erkunden seiner Umgebung, auf Zusammenarbeit und Spielen. Fühlen wir uns andererseits jedoch dauerhaft in Angst und unerwünscht in unserer Umgebung, dann spezialisiert es sich genau auf diese Emotion und darauf, wie es mit der Unsicherheit und der permanenten Gefahr des Verlassenwerdens am besten umgehen kann. Das Reptilienhirn und das limbische System / Säugetier-Gehirn können wir auch als das „emotionale Gehirn“ bezeichnen. Es ist das Zentrum des Zentralen Nervensystems (ZNS) und hat – neben dem Überleben – als zweitwichtigste Aufgabe dafür zu sorgen, dass es uns gut geht.

Bei dem Erkennen einer Valenz (einer Gefahr oder einer Chance) werden

      1. Hormone ausgeschüttet, die
      2. zu inneren viszeralen (die Eingeweide betreffend) Empfindungen führen und die
      3. uns dann zu entsprechenden Handlungen motivieren. 

So simpel sich dieser Dreischritt durch die Hormone jetzt für dich auch anhören mögen, genau diese haben einen immensen Einfluss auf unsere großen und kleinen Entscheidungen, die wir in unserem Leben fällen oder die wir nicht fällen. Mit wem werde ich leben? Welchen Beruf möchte ich ausüben? Wo möchte ich leben? Welches Hobby werde ich mir zulegen? 

Hormone als Reaktion auf Chancen / Gefahren führen also zu Handlungen. Handlungen sind Emotionen. Emotion stammt vom lateinischen „emovere“ ab. Emovere bedeutet, etwas herauszubewegen, es in Bewegung setzen.

Und ich finde, dass dies eine sehr gute Beschreibung für die Emotionen sind: Emotionen sind erlernte / angeborene Hanldungsangebote für neue Situationen bis zu dem Moment, wenn der Neokortex etwas Anderes vorschlägt.

Dieser Teil unseres Gehirns, das emotionale Gehirn, ist im Vergleich zum rationalen Gehirn – dem Neokortex – sowohl in seiner zellulären Organisation als auch seiner Bio-Chemie anders, deutlich einfacher aufgebaut. Dadurch sind seine Reaktionen zwar deutlich grober als die komplexen Entscheidungen des rationalen Gehirns, haben jedoch einen immensen Geschwindigkeitsvorteil. 

Mit Sicherheit hast du dich einmal vor einem plötzlich auf der Seite auftauchenden Schatten Seite erschreckt. Was passierte? Wahrscheinlich eine „grobe „Reflex-Reaktion“ um dein Überleben erst einmal zu sichern. Später hast du dann festgestellt, dass es sich zum Beispiel um eine Pflanze, ein nicht gefährliches kleines Tier oder einen lieben Menschen handelte und du hast dein Verhalten angepasst. Das emotionale Gehirn ist dafür da, viel, viel schneller, als das rationale Gehirn vorprogrammierte Notfallpläne umzusetzen, wie zum Beispiel Kampf oder Flucht. In einem anderen Beitrag habe ich diese als vorbewusste Handlungsangebote bzw. prämotorische Handlungsimpulse beschrieben.

Kommen wir zu dem dritten und letzten Bereich unseres Gehirns – dem Neokortex.

Es gibt zwar auch Säugetiere, die einen Neokortex besitzen, beim Menschen ist er jedoch außerordentlich groß und dick. Wichtig: Auch dieser Bereich ist wie das limbische System bei der Geburt praktisch noch nicht ausgebildet. Erst ab dem zweiten Lebensjahr entwickeln sich die Frontallappen (der größte Teil des Neokortex). Sie machen uns Menschen unter allen anderen Lebewesen wirklich einzigartig.

      • Wir lernen mit ihrer Hilfe eine komplexe Sprache,
      • können abstrakt denken,
      • riesige Mengen an Informationen verarbeiten
      • und Ihnen dann auch noch einen gemeinsamen Sinn geben.
      • Sie helfen uns in die Zukunft zu planen,
      • uns Dinge vorzustellen und gegeneinander abzuwägen.
      • Mit ihnen versuchen wir auch die Zukunft vorauszusagen, wenn wir uns vorstellen entweder das Eine oder das Andere zu tun (Schach spielen).
      • Sie helfen uns Entscheidungen zu treffen und sind der Sitz unserer Kreativität.
        Mit unseren Frontallappen haben wir uns eine Kultur vom Einbaum bis zum Satelliten geschaffen. 

Was hat dies alles mit unserem Thema Emotionen und nicht zuletzt mit dem Entstehen von Traumata zu tun? Interessant ist, dass Tiere viel weniger von einem Trauma – sowohl an Menge als auch an Intensität – berührt werden wie im Vergleich wir Menschen. Reptilien scheinen überhaupt keine traumatischen Flashbacks zu erleiden, Säugetiere in deutlich geringerer Menge als Menschen. Woher kommt es? Wichtig für das Entstehen von Emotionen und Traumata ist, dass in unseren präfrontalen Kortex auch der Sitz unserer Empathie ist. Empathie ist die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen kognitiv einzuführen. Seit dem Jahr 1994 wissen wir zum Beispiel, dass es im Kortex sogenannte Spiegelneuronen gibt. Diese in der Lage sind, die Bewegung, die Emotionen und die Intentionen von anderen Menschen / Lebewesen aufzunehmen und diese dann auch zu spiegeln. Spiegelneuronen helfen uns mit anderen Menschen, mit der Umgebung in einer Art Synchronizität zu gelangen, sich gleich zu bewegen, sprechen und gleich zu Denken.

Das hört sich alles im ersten Moment doch sehr gut an – ist auch gut. Hierdurch wird ein gemeinschaftliches Zusammenleben ja erst ermöglicht. Aber: jede Medaille hat auch immer zwei Seiten:

  • Die Spiegelneuronen sind nicht nur für die positiven Signale empfindsam,
  • sondern genauso auch anfällig für die negativen und belastenden Signale der Umgebung, sodass wir genauso auch in Wut, Depression und sonstige negative Affekte verfallen können.

Eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit von traumatisierten Menschen ist zum Beispiel, dass sie sich in ihrer Umgebung nicht gespiegelt, sondern vielmehr übergangen und nicht gesehen fühlen.  Eine zentrale Aufgabe in der Traumatherapie muss also immer sein, dass der Patient gefahrlos seine Emotionen spiegeln lassen kann, um dadurch in einem sogenannten „Safe-Room“ zu lernen, sich von den negativen Reizen der Umgebung nicht überwältigen zu lassen. 

 

Kommen wir zu unserem eigentlichen Thema „Wie entstehen Emotionen?“ zurück. Antonio Damasio spricht von der Hypothese der somatischen Marker…

(5.) Wie entstehen diese somatischen Marker?

Eins vorab: Ein großer Teil dieser Marker muss erst gar nicht entstehen, da diese bei der Geburt bereits genetisch vorhanden sind. Flucht, Kampf und Erstarren sind genetische vorprogrammierte Reaktionen, welche nicht expliziert erlernt werden müssen. Dieser implizite Teil unseres Gedächtnisses stellen aber nicht die Gesamtheit unseres unbewussten Gedächtnisses dar. Wir haben auch ein prozedurales Gedächtnis, welches wir durch eigene Erfahrungen konditioniert können. Und genau um dieses Konditionieren geht es in diesem letzten Teil: 

Der Verteiler, der Gefahrenmelder und der Prüfer.

Die Grundaufgabe unseres Gehirns ist es – wie bereits gesagt – unser Überleben zu sichern. Dies erreicht es, indem es immer auf der Hut ist, eine Gefahr zu entdecken, darauf angemessen dann zu reagieren, beziehungsweise eine vernünftige Reaktion zu entwickeln. Durch unsere Sinnesorgane wie Augen, Nase, Ohren und die Haut erhalten wir Reize, die über das Stammhirn im Thalamus (ein Teil des limbischen Systems) eintreffen.

Der Thalamus arbeitet wie ein Verteiler / oder Farbmischer. Er mischt die gesamten Reize zusammen wie ein Maler und erstellt erst einmal ein Erlebnisbild von dem, was die Sinnesreize von außen ihm Mitteilen.  Dieser Vergleich wird auch von Antonio Damasio genommen indem er sagt, dass alle Reize in unserem Gehirn erst einmal als Bilder aufgearbeitet und gespeichert werden. Dieses Bild leitet der Thalamus dann normalerweise an zwei verschiedene Ebenen weiter:

      • Zur Amygdala und
      • zu den Frontallappen, in denen das kognitive Bewusstsein liegt.

Der Weg zur Amygdala geht deutlich schneller (ca. 500 ms) vonstatten als der Weg zum Frontalkortex. An sich ist dies bereits schon mal ein Problem. Ein etwas Größeres kommt aber noch …  Wenn der Thalamus durch zu viele und / oder zu starke Reize überfordert wird, dann kann er seine eigentliche Aufgabe – der Regelung / die Weichenstellung zwischen der Weitergabe an die Amygdala oder den Präfrontalkortex nicht mehr bewerkstelligen – er schaltet ab. Das ist dann so, als wenn eine Mauer durch feindliche Heere durchbrochen wurde und der Feind nun ungehindert in die Stadt einläuft … Dann lässt der Thalamus ungefiltert sämtliche Reize an die Amygdala durch

Was macht die Amygdala dann? Da sie nicht unterscheiden kann, ob etwas ein wenig oder sehr stark gefährlich ist, sondern nur zwischen Nicht-Gefahr und Gefahr zu wählen in der Lage ist, ist ihre Antwort schnell aber auch oft nicht angemessen: Bekommt sie nun eine übergroße Anzahl an Reizen die sagen: „jetzt geht es um mein Überleben!“ sendet sie dann einen Befehl an den Hypothalamus durch Stresshormone, den Körper darauf vorzubereiten, sich gegen eine mögliche Gefahr zu verteidigen. Der Hypothalamus selber ist eine wichtige Schaltzentrale in unserem Gehirn. „Hypo“ bedeutet unterhalb. Hypothalamus bedeutet darum „unterhalb des Thalamus“ gelegen. Er reguliert unseren Hormonhaushalt und bestimmt, welche Menge, von welchem Hormon gebildet wird. Und wenn die Amygdala Stresshormone anfordert, dann macht er genau das! Auch wenn er nur sehr kleine Mengen an Hormonen produziert, ist seine Wirkung gigantisch! Warum? Nun weil er diese wenigen Hormone an die Hirnanhangdrüse weiterleitet, die dann ein tausendfaches von diesen Hormonen produziert und ausschüttet. Das ist dann wie eine Lawine. 

Was bedeutet das jetzt für unsere Emotionen und die Bewältigung für ein Trauma? Das limbische System – das emotionale Gehirn – steht also in der Informationsverarbeitung an erster Stelle. Die Reize aus der Umgebung treffen beim Thalamus ein, werden dort verarbeitet und zur Amygdala gesendet. Die Amygdala ist wie eine Relaisstation, welche einzig die Aufgabe hat, die emotionale Bedeutung der Signale einzuschätzen. Entdeckt sie eine Bedrohung lässt sie zuerst den Hypothalamus arbeiten und nicht den Neokortex. Der Weg zum Neokortex würde einen ganz anderen Weg verlaufen, und zwar über den Hippocampus und das Anteriore Cingulum zum Präfrontalkortex, wo dann eine kognitive, bewusste Einordnung vollzogen wird. Dieser Weg beansprucht jedoch einige Millisekunden bis zu einer halben Sekunde länger. Reagiert die Amygdala jedoch sehr intensiv auf die Situation, oder ist die Filterung der höheren Gehirnbereiche zu schwach (was wir bei einer posttraumatischen Belastungsstörung häufig vorfinden) verlieren die Betroffenen oft die Kontrolle über ihre automatischen Flucht-/ Kampf-/ Erstarrungsreaktionen, die eine ruhigen Aufarbeitung behindern. Willkommen in der Welt von Trauma.

Ein Trauma ist also nichts anderes als eine unbewältigte Erfahrung der wir keine Lösungshandlung entgegensetzen konnten. Diese Erfahrungen sind die am Anfang von Antonio Damasio beschriebenen „Somatischen Marker“. Wenn sich diese Erfahrungen / somatischen Marker dann mehr und mehr in unserem Bewusstsein festsetzen, verändern Sie unsere gesamte Denke, unsere Haltung und Lebensweise! Eric Kandel, Nobelpreisträger im Bereich Medizin, würde jetzt sagen: „Diese Erfahrung verändert ihr Gehirn modular / neuroplastisch.“ Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Du kannst dich in die Macht der Worte gerne unter folgendem Artikel einlesen: https://werdewiederstark.de/worte-wirken-wie-medizin-aber-warum/ 

Emotionen können kontrolliert werden – Teil 1

Schriftzug Marcsu Jähn

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Können Emotionen kontrolliert werden? Die kurze Antwort lautet – JA!

Warum aber dürfen wir sagen, dass Emotionen kontrolliert werden können?

      1. Weil das verwendete Wort „können“ aus dem Urwort „kunnan“ (kennen, wissen) stammt und ursprünglich „Kunstfertigkeit, eine Fähigkeit, Geschicklichkeit“ bedeutet – etwas, was man wie eine Tugend erlernen kann.
      2. Und zweitens, weil unser Gehirn so aufgebaut ist, dass es permanent und reflexhaft Handlungsangebote aussendet, welche später vom Neokortex geprüft werden.
      3. Als dritten Grund möchte ich einige Forscher zu Wort kommen lassen, welche uns dies wissenschaftlich

Emotionen sind vorbewusstliche und vorprogrammierte „Handlungsangebote“

Oder anders ausgedrückt: Was die Geschichte eines alten Zen-Meisters mit den wissenschaftlichen Fakten eines modernen Hirnscanners gemeinsam haben… 

Eine kurze Geschichte zur Einleitung

Ein junger Samurai (Schwertkämpfer) ging einmal zu einem alten Zen-Meister (Kanzaki) mit der Frage „Was ist die Wahrheit über den Himmel und die Hölle? Der alte Meister Kanzaki schaute ihn an und fragte: „Wie konnte so ein dummer, hässlicher Mann überhaupt Samurai werden?“ Voller Wut zieht der Schwertkämpfer seine Waffe und schwingt diese nun bedrohlich über seinem Kopf. Seelenruhig schaut der alte Mann ihn an und sagt: „Genau das ist die Hölle…!“ Sichtlich betroffen erstarrt der Schwertkämpfer in seiner Bewegung, seine Muskeln erschlaffen, er steckt das Schwert wieder in seine Scheide und verbeugt sich tief vor dem alten Mann. „Und dies“ so der alte Mann „ist der Himmel.“

 

Die Lehre, welche wir aus dieser Geschichte ziehen können, ist folgende: Wir alle haben innere Antriebe (Emotionen / Handlungsangebote) die uns zu bestimmten Handlungen motivieren … Jedoch gibt es immer einen kleinen, kurzen Moment, in dem wir diese beeinflussen können! Und genau darum geht es jetzt in diesem Beitrag!

Wir alle haben prämotorischen Impulse! Ich werde sie im weiteren Verlauf dieses Beitrages als Emotion bezeichne.
Wie ich darauf komme? Lass uns das einmal gemeinsam besprechen.

 Zu einer kleinen Abgrenzung:
Emotionen und Gefühle sind sich sehr ähnlich. Wie Antonio Damasio – ein portugiesische Neurowissenschaftler – grenze ich die Gefühle als innere Antriebe und Emotionen als ihre äußerlich sichtbaren Reaktionen ab.

Teil 2. Das willkürliche und das unwillkürlich / emotionale Gedächtnis.

 

Lass uns in diesem einleitenden Teil des Beitrages unsere Gehirnleistung in zwei Bereiche unterteilen: Das emotionale / unwillkürliche Gedächtnis und das kognitive / willkürliche Gedächtnis

Den Unterschied möchte ich mit den gut bekannten Neujahrsvorsätzen erklären. Alle Jahre wieder setzen wir uns neue und gute Vorsätze für das kommende Jahr… Die häufigsten sind hierbei:

      • Sich gesünder ernähren.
      • mehr Sport treiben.
      • etwas Geld sparen.
      • Zeit mit den wichtigen Menschen verbringen.
      • abnehmen/eine Diät beginnen.
      • unnötige Ausgaben reduzieren.
      • mehr für die Umwelt tun.
      • mit dem Rauchen oder dem Alkohol aufhören

Und wie lange halten solche Vorsätze deiner Meinung nach? Nun die Antwort, mag etwas ernüchternd wirken: 24 % der Befragten halten sich maximal einen Monat an ihre neue selbstgewählte Lebensweise. 27 % schaffen immerhin etwas mehr als zwei Monate und 20 % können sie noch länger halten …

Diese Vorsätze haben aber einen tieferen Grund: Wie alle haben den Wunsch, uns und unsere Umgebung zu verändern. Sei es nun der Partner, die Kollegen, die Familie… wir möchten unsere Umgebung dahin beeinflussen, dass sie auf unsere Lebenshaltung eingehen – so leben wie wir es für richtig halten. Man könnte dies zwar auch manipulieren nennen, das alles ist jedoch ein ganz natürlicher Vorgang. Mit den Lebensjahren wird uns jedoch immer klarer bewusst, dass alle Veränderungen erst einmal bei uns selber beginnen müssen um dann bei anderen als Vorbild zu funktionieren.

Karl Valentin (1882 – 1948, Komiker und Filmproduzent) sagte damals: Kinder machen nicht das nach was du ihnen sagst, sondern sie ahmen nur dein Verhalten nach.

Und wie funktioniert das nun, dieses sich (das Verhalten und die Emotionen) zu verändern?

Kommen dir folgende Worte bekannt vor? Morgen fängst du an, dich mehr zu bewegen. Iss nicht so viel Süßigkeiten. Hör auf, so viel zu trinken. Reiß dich endlich mal am Riemen. Du kannst alles, wenn du nur wirklich willst… Solche Sätze sind wirklich tolle Beweise für Willensstärke.

Und trotz alledem – oder vielleicht genau deswegen – fallen die Ergebnisse oft nur recht bescheiden aus, halten nur kurz an und zurück bleibt immer wieder ein erdrückendes Gefühl von Schuld, Scham und Selbstvorwürfen.  Wenn aber die ganze Disziplin und Kontrolle und Entschlossenheit versagt, sobald wir in Stress geraten … spätestens dann sollten wir anerkennen, dass unser kognitives, bewusstes, willkürliches Gedächtnis für eine dauerhafte Veränderung einfach nicht ausreicht.

Durch reine Disziplin schaffen wir es nicht, genügend Motivation aufzubringen, um langfristige Pläne dauerhaft umzusetzen. Was wir brauchen, ist ein Zugang zu einem deutlich tieferen Gedächtnissystem, das in der Lage ist, unseren emotionalen, unwillkürlichen Kompass zu nutzen und unsere Handlungen dann so steuert das es durch äußerliche Reize nicht mehr abgelenkt wird.

Kurz gesagt: Für langfristige Ziele – wie zum Beispiel Gewicht Abnehmen, mehr Sport treiben oder eine dauerhafte stabile Beziehung aufzubauen müssen wie ein anderes Gedächtnis als das willkürliche, kognitive Erfahrungsgedächtnis aktivieren. Und dieses andere Gedächtnis nennen wir das emotionale Erfahrungsgedächtnis.

Dieses ist vom logisch, kognitiven Denken getrennt, arbeitet permanent und motiviert uns nicht durch Gedanken, sondern durch emotionale Reize wie zum Beispiel einem lebhaften Traum oder einem anziehend reizvollen Anblick.

Nehmen wir an, du möchtest abnehmen und dich gesünder ernähren.  Was passiert, wenn du über einen Wochenmarkt gehst und dort die Stände mit vielen frischem Obst, Gemüse und Brot siehst? Dann kaufst du diese Produkte nicht aufgrund deines bewussten Ziels abzunehmen, sondern weil diese Reize aus dem instinktiven, unwillkürlichen Bereich unseres Gehirns (z.B. Nahrungssuche) nicht mehr überlagert werden. Dann entstehen innere Gefühle (wir können sie Valenzen nennen – Anziehung und Vermeidung), die dann unsere Wahl steuern. Im Gegensatz zum bewussten Gedächtnis, speichert das emotionale Gedächtnis permanent alle Sinnesreize und bewertet sie nach ihrem emotionalen Wert!

Der Begriff „Emotionalität“ ist hierbei sehr wichtig. Nicht umsonst wird einem Elefanten nachgesagt, dass er nie etwas vergisst. Warum ist dem so? Wahrscheinlich, weil seine Erinnerungen grundsätzlich emotionaler Natur sind.

Dazu ein weiterer Vergleich zum Thema Abnehmen:  Du möchtest z.B. wegen deiner Gesundheit abnehmen. Dies ist ein bewusster, guter und auch recht sinnvoller Gedanke. Jetzt druckst du dir ein Bild von einer Person aus, die deiner Meinung nach einen deutlich attraktiveren Körper hat als du und hängst es dann an deinen Kleiderschrank.

Was wird dich auf Dauer wahrscheinlich mehr verändern?

      • Ist es der Wunsch, dein Gewicht aus gesundheitlichen Gründen zu verlieren?
      • Oder möchtest du auf der nächsten Party mit dem verführerisch engen Kleid / Anzug attraktiver wirken? Die Antwort hierfür liegt auf der Hand.

 

Seien wir uns einer Tatsache immer bewusst: Dieser emotionale Reiz hat genau deshalb so viel Einfluss, weil er nicht bewusst steuerbar ist. Emotionen / Gefühle werden nicht durch einen bewussten Willen ausgelöst – denn so arbeitet unser Gehirn nicht.

Daniel Goleman, ein US-amerikanischer Forscher, Psychologe und Journalist schreibt in seinem Buch, dass unsere Erfolge zu 80 % in unserem Leben auf genau diesen Fähigkeiten der emotionalen Kompetenz beruhen.

Leider sind Emotionen kein genauer Richtungsgeber. Sie sind eigentlich nur das, wofür ihr Name steht: Ein Motivator etwas zu tun und in Bewegung („Motion“) zu kommen. Und da ihnen die Richtungskompetenz fehlt, können sie uns auch vollkommen in eine Sackgasse führen. Warum dem so ist, dazu kommen wir im weiteren Verlauf noch… 

Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang zuerst einmal stellt, ist die:
Können wir uns wirklich ändern? Und wenn ja: Was hilft uns hierbei? Ist es Willkür, Kognition oder Einsicht?

Wenn wir den Begriff „Einsicht“ näher betrachten, dann müssen wir akzeptieren, dass zwischen dem logischen Verstehen einer Sache und einer persönlichen Veränderung oft gar kein direkter Zusammenhang besteht.

Ein Beispiel ist der Praxis der Psychotherapie: Circa 25 % aller psychotherapeutischen Behandlungen sind Langzeittherapien und 1 % der Behandlungen dauern sogar über 100 Stunden… Das bedeutet, dass Psychotherapie oft über mehrere Jahre verläuft!  Woody Allen sagte mal – mit dem für ihn typischen Augenzwinkern – dass seine Psychoanalyse ja erst 15 Jahren dauert und man deshalb noch keine Veränderung bei ihm erkennen könne … Veränderung besteht nicht darin, dass eine Sache kognitiv mit dem Kopf verstanden wird … denn, mit dem Kopf verstehen wir viele Dinge sofort! Veränderung wird durch eine Veränderung unserer inneren Gefühlszustände motiviert.

Warum ist dem so? Weil viele unserer Probleme dadurch entstehen, dass wir uns in einer Gewohnheit festgefahren haben. Diese beherrschen dann unser Denken, unsere Logik und damit auch unser Verhalten.

Genau dieses Wissen darüber, wie wir tief verankerte Gefühle verändern können, ist so elementar wichtig für eine erfolgreiche Therapie, damit traumatisierte Menschen sich von den vielen, zwanghaft sich wiederholenden Verhaltensweisen und chronischen Gefühlen wie Angst, Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Entsetzen losreißen können.

Welche Therapie ist hier jetzt die Richtige?

Nun, hier ist sich die Psychotherapie selbst gar nicht so einig… Hatte man in den Anfangsjahren zuerst die Emotionen im Visier, kam mit Sigmund Freud eher Erkenntnis-Therapie zum Einsatz. An ihm kann man die Uneinigkeit in der Vorgehensweise recht gut veranschaulichen: Anfänglich war er noch ein Schüler des berühmten französischen Neurologen Jean-Martin Charcot. In dieser Zeit war er sich sehr sicher, dass seine Patienten ihre Neurose nur dann kurieren könnten, wenn sie die traumatischen Erlebnisse immer und immer wieder erleben und damit sich innerlich reinigen könnten. Von dieser Haltung distanzierte er sich später jedoch, da er in einer Zeit anfing, zu arbeiten, als sexueller Missbrauch in der direkten Umgebung gang und gäbe war. Die meisten seiner Patienten waren Frauen, die in ihrer Kindheit durch den Vater sexuell missbraucht wurden – ein gesellschaftliches Tabu was sich hierbei wie die Büchse der Pandora zu öffnen schien. Darum lenkte Freud recht schnell ein und führte die sexuellen Übergriffe des Vaters auf frühkindliche ödipale, Wünsche und Fantasien zurück. Damit machte er also das Kind zum Täter und den Täter zum Opfer. Mit Sicherheit haben dies dann auch viele seiner Patientinnen als Verrat empfunden. Zum Glück betrachteten dies viele von Freuds Zeitgenossen (Pierre Janet) und auch einer seiner wichtigsten Schüler (Wilhelm Reich), ganz anders…

Heute wird neben der „Freud’schen-Redekur“ – der tiefenpsychologischen Psychoanalyse auch die Körper-Therapie mit einbezogen. Meiner Meinung nach ist dies deutlich sinnvoller da eine ausgewogene Betrachtung von Emotion, Gefühl und Erkenntnis der Weg ist, der Menschen wirklich verändern kann. 

Unser Thema lautet ja: „Emotionen können beherrscht werden!“ 
Was genau ist dann eigentlich eine Emotion?

Emotionen sind – ich möchte dies später gerne im Detail erläutern – im Grunde genommen nichts anderes als Prä- (vor) motorische Impulse / es sind Handlungsangebote aus unserem Vor-Bewusstsein … Wenn Emotionen Handlungsangebote, Handlungsimpulse sind … wann und wo genau entstehen sie? Oder anders gefragt:

„Was kommt zuerst? – Der bewusste Wille oder die körperliche Bewegung?“

Damit sind wir im ersten großen Zwischenthema angekommen. Wenn wir Emotionen beherrschen wollen, müssen wir wissen wann, in welcher Reihenfolge und unter welchen Umständen sie entstehen.

 Lass uns hier einmal vier Forscher / Wissenschaftler zu Wort kommen, die alle etwas mit der Beantwortung dser Frage „Was kommt zuerst – der Wille oder die Bewegung?“ – zu tun haben:

William James (US-amerikanischer Psychologe und Philosoph – 1842/1910) 
Benjamin Libet (US-amerikanischer Physiologe – 1916-2007) 
Daniel Wegner (US-amerikanischer Psychologe – 1948 -2013) 
Oliver Sacks (britischer Neurologe und Schriftsteller 1933 -2015). Autor von Awakenings das als Film mit Robin Williams und Robert De Niro 1990 verfilmt wurde.

 

2.1. William James

Er lebte von 1842 bis 1910 und war ein US – amerikanischer Philosoph und Psychologe. Er war Professor für Physiologie an der Harvard Universität und dachte sich einen Test aus, um die Entstehung von Emotionen nachzubilden. 1884 veröffentlichte er seine provokative Arbeit mit dem Titel: „Was ist eine Emotion?“ Hierbei stellte er sich vor, dass ihn ein Bär verfolgen würde. Durch Beobachtung des eigenen Körpers versuchte er dann, die Ereignisskette logisch zu verstehen, die eine Emotion wie zum Beispiel Angst tief in uns hervorruft. Dabei schaute er aber nicht nur auf den Körper, sondern beachtete auch seine Gedanken und die inneren Bilder, die in ihm hochkamen. Das Ergebnis war selbst für ihn mehr als überraschend …

Unser logischer Menschenverstand sagt uns, dass wenn wir einen Bären sehen, als Reaktion Angst bekommen und uns diese Angst dann antreibt zu fliehen. William James kam jedoch zu dem Ergebnis seiner Beobachtung, dass wir nicht rennen, weil wir Angst haben, sondern dass wir Angst haben, weil wir vor dem Bären wegrennen. Er beschreibt es mit folgenden Worten: „Meine Theorie ist es, dass Emotionen nichts anderes sind als das Empfinden einer körperlichen Veränderung. Sie folgen direkt der Wahrnehmung. „Ich bin traurig, weil ich weine“

Kommt dir dies auch komisch vor? Unser logischer Verstand würde doch eher sagen, dass wir Angst bekommen und weglaufen, weil (!) wir einem Bären begegnen. Oder jemand beleidigt uns, wir werden wütend und deswegen verteidigen wir uns.

Was ist richtig hierbei und was ist falsch? William James hat gezeigt, dass diese bislang vermutete Reihenfolge der Ereignisse falsch ist. Ein mentaler Zustand löst nicht sofort den nächsten aus, sondern die körperlichen Reaktionen werden zwischengeschaltet.

Also trauern wir, weil wir weinen … Wir sind ärgerlich, weil wir zuschlagen … Wir haben Angst, weil wir zittern.

Diese etwas schwer verständliche Sicht nennen wir die „Bottom – Up“ Methodik und sie stellt das von Rene Descartes (franz. Philosoph / Mathematiker 1596 – 1650) aufgestellte logische Denkmuster „Top – Down“ (der Verstand erkennt die Gefahr und befiehlt dem Körper die Flucht – komplett in Frage. William James neuer Denkansatz (Bottom – Up) – dass wir die Angst verspüren, weil wir vor einer Gefahr weglaufen, zeigt einen wichtigen Punkt in Bezug auf die Natur unserer Wahrnehmung auf: Wir alle glauben ja, dass nachdem wir eine heiße Herdplatte anfassen, wir unsere Hand wegziehen, weil (!) wir dann einen Schmerz spüren. Dies entspricht aber nicht der Wirklichkeit, denn wir würden uns eine dauerhafte Verletzungen zu ziehen, wenn wir unsere Hand erst dann wegnehmen würden, wenn der Schmerz im Gehirn ankommt. Jeder Medizinstudent lernt bereits am Anfang seines Studiums, dass zuerst der Reflex des Zurückziehens aktiv wird, dem dann der eigentliche Schmerz folgt.

Natürlich hat der Schmerz im Nachhinein auch seine Daseinsberechtigung… Er erinnert uns daran, möglichst keine weitere heiße Herdplatte mehr anzufassen. Falsch ist aber die Annahme, dass der Schmerz zuerst wahrgenommen und deswegen danach der Impuls kommt, die Hand wegzuziehen. Auch William James erkannte, dass die Angst nicht eine logische Folge einer kognitiven Situationseinschätzung ist. Nein!  Ganz und gar nicht! Denn ganz am Anfang steht nichts anderes als eine vorbewusste Handlung / eine muskuläre Reaktion, die im Körper stattfindet und dann einer Emotion den Weg bereitet.

In dem Moment, wo das Gehirn im Stammhirn berechnet, dass eine Gefahr besteht, trifft es seine Einschätzung so schnell, dass andere, kognitive Bereiche gar nicht die Zeit haben, sich dieser Situation bewusst zu werden. Stattdessen sondiert das Gehirn – vor allem im Thalamus, dem Tor unserer Empfindungen, wie der Körper jetzt in diesem Augenblick reagieren muss.

Merke: Das bewusste Fühlen, findet also im Körper statt! Und damit hatte William James bereits als einer der ersten Forscher überhaupt diese sehr interessante Vorahnung für die wunderbaren Abläufe, die in unserem Körper stattfinden. Richtig bewiesen werden konnten seine Vermutungen jedoch erst circa 100 Jahre später nach seiner Entdeckung.

2.2. Benjamin Libet (1916-2007 Kalifornien US-amerikanischer Physiologe.)

Libet wurde über weite Kreise in der Medizin hinaus durch sein sogenanntes Libet-Experiment Anfang der 1980er Jahre bekannt. Durch dieses konnte experimentell bewiesen werden, dass nicht ein bewusster Wille, sondern vorbewusste Prozesse für unser Handeln verantwortlich sind. Der Wille scheint eher eine vom Gehirn im Nachhinein erzeugte Empfindung oder Erklärung für das Handeln zu sein und nicht eine unabhängige eigenständige Instanz. 

Dieses Experiment können wir auch selbst an uns durchführen. Hierzu halten wir einen Arm ausgestreckt vor uns hin und drehen das Handgelenk zu einem Zeitpunkt, wann wir es aus freien Stücken möchten. Dies wird dann mehrfach wiederholt und wir beobachten dabei, was mit dem Denken passiert. Mit Sicherheit hast du hierbei auch den Eindruck, dass die Bewegung zuerst bewusst entschieden und dann erst vollzogen wird. Für dich fühlt es sich bestimmt wie eine bewusste Entscheidung an, welche durch die eigene Bewegung initiiert wird.

Benjamin Libet bat seine Testperson genau dies durchzuführen, während er drei Aspekte ganz penibel zeitlich notierte:

      1. Der Zeitpunkt der bewussten Entscheidung: Er wurde mit einer speziellen Uhr gemessen wurde.

Hierfür ließ Libet seine Probanden auf eine schnelllaufende Uhr blicken, die auf einem Oszilloskop einen kreisenden Lichtpunkt erzeugte. Jeder Umlauf benötigte circa 2,5 Sekunden, so dass eine Ablesegenauigkeit von etwa 40 bis 50 Millisekunden erreicht wurde. Die Testteilnehmer merkten sich einfach nur die Stellung Lichtpunktes auf der Uhr zu dem Zeitpunkt, an welchem sie den bewussten Drang verspürten, die Hand zu bewegen.

      1. Der Beginn des Bereitschaftspotentials im motorischen Kortex wurde durch EEG–Elektroden am Kopf gemessen.
      2. Mithilfe von weiteren Elektroden an den Handgelenken wurde dann das Einsetzen der eigentlichen Bewegung gemessen.

Was denkst du, kam als Erstes? War es die Entscheidung / der Wille sich zu bewegen? War es die Aktivierung des motorischen Kortex Oder war es die tatsächliche Bewegung? Die Lösung mag für dich jeder Logik widersprechen, aber das Gehirn wurde erst ca. eine halbe Sekunde (500 Millisekunden) vor (!) der willentlichen Entscheidung, sich zu bewegen, aktiv. Die gemessene willentliche, bewusste kognitive Entscheidung, fand viel zu spät statt, um als Ursache für die Bewegung in Betracht kommen zu können.

Was folgt darauf? Es erscheint, als sei unser Wille / unser Bewusstsein nichts weiter als ein nachträglicher Gedanke. Ein Gedanke, der uns unsere vorbewusste unwillkürliche Bewegung, irgendwie „zu erklären“ versucht.

Auch wenn es anderen logischen Prinzipien zu widersprechen scheint, diese Ergebnisse stimmen auch mit den Erkenntnissen überein, die durch Experimente bei Operationen am offenen Gehirn herausgefunden wurden. Hierbei konnte Libet beweisen, dass der sensorische Cortex, der die haptischen Reize aufnimmt, etwa eine ½ Sekunde durchgehend gereizt werden musste, bevor ein sensorischer Reiz bewusst wahrgenommen werden konnte. Mit seinen Forschungen bewies er, dass einer willentlichen Entscheidung (zum Beispiel die Handfläche zu drehen) die eigentliche Bewegung voran geht. Diese bewusste Entscheidung, findet erst statt, nachdem eine prämotorische Hirnregion aktiv wurde. Mit anderen Worten: die Entscheidung zum Handeln erfolgt immer erst nach dem Handeln.

In seinem Buch „Mind Time – Wie das Gehirn Bewusstsein produziert“ äußert er den Gedanken: „Wir haben zwar keinen freien Willen, aber wir haben einen sogenannten „Free won‘t“ also eine eigene Möglichkeit, alles was ich im Impuls tun könnte, zu stoppen. Wir haben den Willen zu einem freien Veto – dem von ihm sogenannten „Indeterminismus“

2.3. Daniel Wegner 

Daniel Wegner (1948 bis 2013) war ein US-amerikanischer Psychologe und Professor für Psychologie an der Harvard Universität. Auch er forschte an dem Themenkomplex „freier Wille“. Einer seiner bekanntesten Sätze war zum Beispiel: „Denken Sie mal bitte nicht an einen weißen Bären.“ Das Paradoxe Ergebnis ist, dass die Menge an Gedanken zu diesem Thema sofort explosionsartig steigt. Wenn jemand sagt: „Ab jetzt bitte ich Dich, keine Angst zu haben“ kommt genau  das gleiche Ergebnis zutage.

Eine seiner interessantesten Versuche war jedoch, dass er mit einer Reihe von Spiegeln illusionäre Bilder erzeugte: Die Versuchsteilnehmer glaubten, in den Spiegeln ihre eigenen Arme zu sehen. Was sie in den Spiegeln wirklich sahen, waren lediglich die Armbewegungen eines weiteren Versuchsteilnehmers. Bewegen sich dessen Arme auf Anweisung eines weiteren Beobachters, meinten die ersten Versuchsteilnehmer, sie selber hätten die Bewegung aus eigenem freiem Willen heraus gemacht. In Wirklichkeit haben sie ihre Arme jedoch gar nicht bewegt!

Was bedeutet das jetzt für uns? Ist dies das Ende des freien Willens? Seit 3000 Jahren ist die Idee des freien Willens / der Determinismus (lat. determinare: Grenzen setzen) eine feste Säule in der Psychologie. Angefangen von Heraklit im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, über Demokrit, Aristoteles, Platon, die Stoiker wurde diese Überzeugung bis in die Neuzeit von so bekannten Personen wie John Stuart Mill, David Hume, Lohn Locke getragen.

In Deutschland war es Wilhelm Wundt (1832 bis 1920) ein deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph und Gründer des ersten Instituts für experimentelle Psychologie, der den Gedanken des freien Willens ganz oben ansetzte. Von ihm stammte z.B. der Satz: „Nichts scheint so eng mit unserer Persönlichkeit verbunden und so vollständig in unserem Besitz zu sein wie unser eigener freier Wille.“

Wer aber hat nun eigentlich recht? William James, Benjamin Libet, Daniel Wegner oder die Verfechter des freien Willens? Wer oder was sind wir überhaupt ohne die Macht des freien Willens?

Vielleicht hat Albert Einstein in seiner unnachahmlich bescheidenen Art recht, wenn er sagt: „Der Mensch kann tun, was er will… aber er kann nicht wollen, was er will.“

Was bedeutet das für unser Thema? Können wir mit unserem freien Willen unsere Emotionen nun in irgendeiner Weise regeln? Oder ist der freie Wille und damit die Möglichkeit einer Emotionskontrolle eine reine Illusion? Mit dem, was James, Libet und Wegner erkannten, würde ich es mal mit folgenden eigenen Worten beschreiben:

      • Zuallererst bereite ich mich auf eine Handlung vor.
      • Danach handle ich.
      • Ich spüre, ich fühle, ich registriere und nehme wahr
      • Ich reflektiere und ich denke.
      • Und wegen dieser aufeinanderfolgenden Schritte,
        • deshalb bin ich
          Frei nach dem Buchtitel von Antonio Damasio: „Ich fühle, also bin ich“

Was ich jetzt ein wenig kompliziert aufgezählt habe, könnte man etwas vereinfacht folgendermaßen zusammenfassen: Der willkürlichen, bewussten Bewegung geht ein unwillkürlicher, unbewusster / prämotorischer Impuls voraus.

Kann man diesen sogenannten prämotorischen Impuls irgendwie beweisen? Ja, und zwar mit Hilfe einer Erkrankung im Gehirn, welche im ICD 10 unter H 47.6 als „Affektion der Sehrinde“ bezeichnet wird. Früher wurde dies Rindenblindheit“ genannt. Damit bezeichnet man einen teilweisen oder auch vollständigen Ausfall der primären Sehrinde – des kortikalen Areals V1.  Wenn wir hier von Arealen sprechen, dann meine ich die primäre Sehrinde V1. Die sekundäre und tertiäre Sehrinde tragen die Bezeichnungen V2 bis V5.

Sie, die Sehrinde / auch visueller Cortex genannt, ist ein Teil der Großhirnrinde (Rinde = Cortex), die für unsere visuelle Wahrnehmung verantwortlich ist. Hier finden wir die Brodmann–Areale 17 bis 19 (benannt nach dem Neuroanatom und Psychiater Korbinian Brodmann 1868 – 1918). Er unterteilte verschiedene Felder der Großhirnrinde nach ihren typischen Funktionen. Im hinteren Bereich des Gehirns (dem Okzipitallappen) finden wir die Areale 17,18 und 19. Dort findet die Verarbeitung und Integration Visuelle Informationen statt.

Was hat dies mit unseren Emotionen und dem prämotorischen Impuls zu tun? Es geht, um die Abgrenzung zwischen bewusstem Denken und den unbewussten Reizen. Hier hilft uns die erwähnte „Rindenblindheit H47.6“ als Beispiel um zu zeigen, dass unbewusste Emotionen vor (!) einem bewussten Denken entstehen. Heute wissen wir, dass es viele visuelle Systeme gibt, welche die Nervenimpulse in den unbewussten Hirnregionen (Brodmann-Areal 17-19 im Okzipitallappen) verarbeiten. Die Fehlfunktion der Rindenblindheit entsteht durch Schäden an der Sehrinde im Kortex. Zeigt man Betroffenen in diesem Sehbereich Gegenstände, können Sie praktisch nichts sehen. Der für uns jetzt interessante Aspekt ist jedoch, dass sie – obwohl sie jedes Sehen leugnen – grobe Eindrücke wie ein Blitzlicht als auch Auf- / Ab-bewegungen unterscheiden können. Wenn es kein bewusstes Sehen gibt, dann muss es doch ein unbewusstes / ein vorbewusstes Sehen geben. Und wenn dem so ist, dann wäre dies auch der Beweis für all die anderen vorbewussten Sinneseindrücke die uns zu Emotionen / Handlungsangeboten einladen.

Und damit wären wir bei dem vierten der angesprochenen Forscher – Oliver Sacks. 

2.4. Oliver Sacks (1933-2015) war ein britischer Neurologe und Schriftsteller. Er war bekannt dafür, dass er sehr komplexe Krankheitsformen in einem zwanglos anekdotischen Stil – fast schon unterhaltsam – beschreiben konnte. Eine seiner Fallgeschichten wurde sogar unter dem Titel „Zeit des Erwachens“ 1990 mit Robin Williams und Robert De Niro in den Hauptrollen verfilmt. Oliver Sacks erzählt in seinen Fallgeschichten unter anderem von einem Patienten, dessen Visueller Kortex lahmgelegt und er damit vollständig blind war. Seine Frau konnte jedoch immer wieder Reaktionen von ihm beobachten, die auf das genaue Gegenteil einer Blindheit hinwiesen. Trotz seiner Behinderung griff er nämlich immer wieder nach Gegenständen oder wich Hindernissen so geschickt aus, als könnte er sie irgendwie doch normal sehen.

Und damit wären wir bei dem Rätsel der indirekten Informationsverarbeitung in der Praxis angelangt.

Unser Hauptthema lautet ja: Wir können unsere Emotionen regulieren.“ Was aber hat dies mit den vorbewussten Impulsen und  mit einem vorbewussten Denken zu tun?

Durch die Rindenblindheit konnten wir sehen, dass es eine vorbewusste sensorische Informationsvermittlung gibt. Grundlegende Daten werden also auf irgendeine Art und Weise im Gehirn unbewusst / vorbewusst verarbeitet und erzeugen dann die Bereitschaft zu einer Bewegung – sie bereiten einen Bewegungsimpulse vor, noch lange bevor der Wille davon Kenntnis hat.

Wir erinnern uns noch an den jungen Samurai und den Zen-Meister. Oder denken wir doch mal an einen Spaziergang in Wald, wo ein flüchtiger Schatten, eine spontane Geste einer anderen Person oder ein entferntes Geräusch uns spontan zu einer reflexartigen Überlebensreaktion veranlassen – lange bevor uns überhaupt bewusst ist was in unserer Umgebung dies nun ausgelöst hat. Ganz offensichtlich sind traumatisierte Personen für diese flüchtigen Reize besonders empfänglich und reagieren intensiv hierauf.

Diese prämotorischen Impulse sind uns – wenn überhaupt – nur selten bewusst.  
In Folge davon glauben wir, dass unsere Handlungen eigentlich immer logisch und auch bewusst von uns gesteuert werden. Dem ist aber nicht so! Dies führt oft zu Verwirrungen, da uns zum einen nicht bewusst ist, woher nun dieser Impuls / diese Emotion kommt.

Es gibt aber noch eine zweite Problematik hierbei: Oft ist dieser prämotorische Impuls so intensiv, dass wir uns nicht nur durch das plötzliche, sondern auch durch seine Intensität komplett überrumpelt fühlen.

Das schafft für traumatisierte Personen eine zweifache Verwirrung:

      1. Sie haben den prämotorischen Auslöser gar nicht kommen sehen können.
      2. Und dann war dieser Auslöser dermaßen stark, dass sie anschließend fassungslos über die eigene Reaktion dastehen und die Welt nicht mehr verstehen.

Stellen wir uns im Geiste einmal eine traumatisierte Person vor, die nicht anders kann als eine reflexhafte Überlebensreaktion so komplett und intensiv wie damals immer und immer wieder zu wiederholen.

Nehmen wir hierfür das Beispiel eines Soldaten, der – aus dem Krieg heimgekehrt – im eigenen Schlafzimmer neben seiner Frau aus einem Albtraum aufwacht. Fassungslos muss er erkennen, dass er gerade seine eigene geliebte Frau würgt. Das allein ist schon überwältigend. Was aber, wenn er dies alles nicht als einen retraumatisierenden Reflex eines Kriegs-Geräusches aus der Ferne erkennen kann? Im Krieg hätte ihm dieser Reflex wahrscheinlich das Leben gerettet. Nun aber ist diese unkontrollierte explosionsartige Überlebensreaktion eine zwischenmenschliche Katastrophe.Durch solche Beispiele sollte es uns bewusst sein, dass es sowohl prämotorische Impulse und damit auch vorbewusste Emotionen gibt…

Für mich sind Emotionen und Gefühle nichts anderes als genau diese prämotorischen Impulse, welche uns 0,5 Sekunden später erst durch unseren Neokortex – dem Wächter in unserem Gehirn – bewusst werden… 

Unser Thema dieses Beitrages lautet: Emotionen können beherrscht werden. Welche Lösung gäbe es, um diese prämotorischen Impulse irgendwie zu regulieren? Eigentlich ist die Lösung recht einfach. Die Tatsache allein, dass sie ca. 500 Millisekunden vor dem Bewusstwerden auftreten, kann nicht nur ein Nachteil, sondern auch eine Chance darstellen. Der Königsweg in meinen Augen, um diese zwanghaften Impulse zu unterbrechen besteht darin, sich dieser vorbewussten Impulse dauerhaft bewusst zu sein. Denn: habe ich nämlich erst einmal ein dauerhaftes Bewusstsein hierfür geschaffen, kann ich den noch kleinen Funken sehr leicht löschen, bevor er den Zünder, das Haus oder das Stroh in Flammen setzt.

Mir fällt hierbei unser Kater Charles ein… Auf unserer Dachterrasse hat er des Öfteren den spontanen Impuls, über das Geländer springen zu wollen. Es nützt nichts, ihm eine Minute vorher zu warnen: „Charles, spring nicht…“ Erst in dem Moment, wo seine Muskeln sich anspannen, und er hochschnellen möchte, lohnt es sich ein scharfes: „Stopp!“ zu rufen. In diesem Moment des Bewegungsimpulses, unterbricht er sofort seine Bewegung und geht einer anderen Beschäftigung nach…

Und damit schließt sich der Kreis und wir sind mal wieder am Anfang meines Vortrages: der junge Samurai und der alte Zen Meister. Auf dem Höhepunkt seiner Wut, lernte der junge Krieger seine tödlichen Impulse zurückzuhalten, anstatt sie irgendwie kopflos auszuagieren. Indem er durch die Hilfe des Meisters, den üblichen emotionalen Ausdruck stoppen konnte, transformierte er seine höllische Wut in himmlischen Frieden… Und das ist die Lösung!

Diese Beispiele von dem Samurai und unserem Kater Charles zeigen, dass beide genau in diesem kritischen Augenblick, bevor der Angriff erfolgte (!) eine besondere Gelegenheit zur Wahl hatten. Durch das friedliche aber entschiedene Eingreifen des Zen-Meisters konnte der Samurai seinen Angriff zurückhalten und spüren, wie in seinem Inneren seine Emotionen einen Angriff mit dem Schwert vorbereiteten. Genau in diesem äußerst dramatischen Zustand konnte er innehalten, seine gewalttätige Handlung zurückhalten und diese intensive Energie in Dankbarkeit umwandeln. Die Fähigkeit, seine inneren Emotionen bewusst zu kontrollieren, zu zügeln und zu halten, ermöglicht es einem Menschen, diese in positive Energie kreativ umzuwandeln. Dieses Innehalten für nur einen kurzen Augenblick schenkt uns genügend Zeit, uns in eine bewusste Selbstwahrnehmung zu versetzen. Wir können dadurch unsere inneren Bilder von unseren körperlichen Empfindungen trennen. Diese Zurückhaltung für den Bruchteil einer Sekunde, die macht den Unterschied zwischen Himmel und Hölle aus. Lass uns dies im Teil Drei weiter vertiefen.

Teil 3 – Die Lösung: Körperbewusstsein erlernen!

Die Macht und die Beharrlichkeit unserer emotionalen Zwänge (Wut, Angst, Scham auszuagieren) sollten wir niemals unterschätzen! Diesem Problem sind wir aber nicht hilflos ausgeliefert… Dagegen gibt es eine praktische Abhilfe. Sie hört sich für Dich im ersten Moment vielleicht zu simpel, zu einfach an um zu funktionieren. Gerade aber aus diesem Umstand heraus ist sie mindestens genauso mächtig wie die vorbewussten emotionalen Zwänge. Wir können unsere inneren Fixierungen durch ein stark trainiertes Körperbewusstsein „lösen“.

Wenn dir das zu unlogisch ist, dann lass uns mit ein wenig Logik an dieses Thema herangehen. Denn, was geschieht in unserem Gehirn oder in unserem Denken, wenn wir uns von der Sklaverei der Emotionen wie zum Beispiel Angst und Wut befreien möchten? Unser Gehirn ist tatsächlich ein wunderbares Organ und unterscheidet uns mit großem Abstand zu allen uns bekannten Lebewesen auf der Erde. Mit seinen ca. 100 Milliarden Nervenzellen haben seine Nervenbahnen eine Länge von 5,8 Millionen Kilometer. Dieses 1,5 Kilogramm schwere Organ ist in sich so lang, dass seine Nervenbahnen 145-mal um die Erde laufen könnten! Das sich so etwas von allein hätte entwickeln sollen, dazu fehlt mir persönlich einfach nur der Glaube! 

Der wohl größte Unterschied zu anderen Lebensformen auf der Erde ist das dünne Gehirngewebe des präfrontalen Cortex im vorderen Teil unserer Frontallappen. Hier finden wir 

      • den Dorsolateralen präfrontalen Cortex und
      • den medialen präfrontalen Cortex. 
        Der Dorsolaterale präfrontale Kortex („dorsal“ und „lateral“ bedeutet „zum Rücken und seitlich gelegen“) macht uns unsere Außenwelt bewusst.

        Der Medialpräfrontale Cortex ist der einzige Bereich des Cerebralen Cortex (Cerebral ist das Großhirn) der direkte Signale aus unseren Muskeln, den Gelenken und den inneren Organen empfängt und diese dann in unserem Bewusstsein meldet. Erst durch dieses Registrieren unserer körperlichen Reize erlangen wir den eigentlichen Zugang zu unseren emotionalen Reaktionen, können diese verändern und bekommen ein Selbstgefühl.

Immer wieder fällt mir in diesem Zusammenhang der Buchtitel des genialen Forschers Antonio Damasio ein: „Ich fühle, also bin ich“ Das ist der erste und wichtigste Schritt, um aus emotionalen Zwängen herauszukommen: Lass dich nicht in deine negativen Gedanken verstricken. Sie sind nichts anderes als innere Handlungsangebote aus der erfahrenen Vergangenheit! Trotz dieser intensiven Kraft unserer Emotionen sind wir nicht verpflichtet, uns von ihnen mitreißen zu lassen. Wir haben jederzeit die Wahlmöglichkeit, mit Hilfe unseres „Emotions-Wachtturms“ – dem Medialen Präfrontalen Cortex – zu unseren „höher liegenden kognitiven körperlichen Empfindungen gewissermaßen zurückkehren.

Solch eine permanente Überwachung und Abgleichung unserer Emotionen könnte uns nun etwas Angst verursachen, da wir mit diesen inneren Empfindungen in unserer modernen Welt nicht wirklich gelernt haben umzugehen. Wir haben uns so an Emotionen und negatives Denken gewöhnt, dass uns die Möglichkeit, unseren Körper genauer zu betrachten, in diesem Moment gar nicht in den Sinn kommt. Stattdessen suchen wir die Quelle für unsere negativen Gefühle außerhalb von uns. Einmal wirklich wieder zu verspüren, wie es ist, ohne sich mit kritischen Bewertungen zu überfrachten, kann eine vollkommen neue Erfahrung sein.

Eugene Gendlin (1926 – 2017), der Begründer der Focusing Methode verdeutlichte diesen Prozess des „Sich bewusst Werdens“ mit den einfachen Worten: „Nichts, was sich schlecht anfühlt, ist jemals der letzte Schritt.“ Unsere Großeltern hatten dafür noch die Formulierung „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“

Der Nutzen solch eines Wissens liegt auf der Hand:Wenn wir es schaffen, unsere Gefühle in der Schwebe zu halten und nicht zuzulassen, dass sie ihren früheren gewohnten Weg gehen, dann ist das keine Unterdrückung der Gefühle! Ganz im Gegenteil! Denn es ermöglicht, dass etwas Größeres entstehen kann. Wir gewinnen mehr „Spielraum“ um die Emotionen und Gefühle in ihren Schattierungen differenziert wahrzunehmen. Normalerweise tun wir alles, um uns von unseren Spannungen zu befreien und tiefere Gefühle zu vermeiden. Anna Freud und ihre systematische Aufarbeitung der Abwehrstrategien lässt grüßen. Dieses „Halten der Gefühle“ ist aber etwas vollkommen anderes!

Ein Vergleich kann uns dies besser verstehen helfen: Ein Schnellkochtopf kann viel Druck aushalten und Dampf bei zu viel Druck ablassen. Was er aber nicht kann ist, seine Form unter Druck zu verändern. Auf der anderen Seite stellen wir uns einen Ballon, aus festem, aber elastischem Gummi vor. Durch Dampf gefüllt, wird er sich immer weiter ausbreiten.

Der Dampf steht für Emotionen. Wenn wir diese Emotion nicht wie beim Schnellkochtopf in die Umgebung ablassen, sondern nun – bildlich gesprochen in uns aufnehmen und halten – bekommt der Ballon hierdurch eine andere Kontur, neue Möglichkeiten und Sichtweisen. Und das ist das grundlegende Wesen einer emotionalen Selbstregulierung, einer Selbstakzeptanz, einer inneren Stimmigkeit. Durch ein Halten verändern wir die Form und das Aussehen von Emotionen.

Gehen wir in unserem Beispiel nun einen Schritt weiter: Nimm wie zum Beispiel die Emotion Ärger, die zu den sieben Basisemotionen gezählt wird. Ärger beruht auf der inneren Haltung, sich aus einer Situation befreien zu müssen, notfalls auch durch zuschlagen. Ärger läuft auf eine körperliche Aktivität hinaus. Viele Therapien, welche mit Emotionen arbeiten, ermutigen oft auch geradezu dazu, diese herauszulassen. Was aber passiert in Wirklichkeit? Wir lassen – wie beim Schnellkochtopf – Dampf ab und spalten wir uns bildlich gesprochen von unseren Gefühlen ab! Dadurch haben uns unsere Emotionen und nicht wir sie im Griff.

Besser wäre es, wenn wir sie verwandeln können, indem wir uns bewusst zurückhalten. Der junge Samurai überwand durch ein kurzes Innehalten im richtigen Augenblick – auch wenn es von außen erst einmal gefördert wurde – seine falsche Handlung, erkannte dann selbst den Fehler und fand die richtige Lösung!

Das Halten von Emotionen und die Bereitschaft, sich von ihnen formen zu lassen – das ist die Lösung! Das Halten von Emotionen gibt uns nämlich die Möglichkeit, unseren „Emotions-Wachtturm“ den Medial-Präfrontalen-Kortex zwischenzuschalten um durch diesen „Zeitgewinn“ aus den sich bietenden unterschiedlichen Handlungsangeboten – den Emotionen – auswählen zu können. Wo vorher lediglich Angst, Wut, Abwehr oder Ohnmacht existierten, gibt es nun viel mehr Möglichkeiten zu reagieren. Anstatt zuzuschlagen, nehme ich mit dem Gegenüber zuerst einmal Kontakt auf, zum Beispiel durch eine ruhige Ansprache oder einem warmen, herzlichen Lächeln. Denn auch er hat Spiegelneuronen, die auf unser Verhalten reagieren können. Wichtig hierbei ist: Wir müssen diese Einschätzung treffen, bevor (!) wir ins Handeln vergehen, bevor wir wütend werden und zum Angriff übergehen. Nur dadurch lernen wir langsam, aber sicher in Bezug auf Reaktionen Prioritäten zu setzen uns entscheiden, was in welcher Situation angemessen ist.

Das dies geht, zeigt die Ausbildung von Piloten. Eine tragende Säule hiervon ist das regelmäßige Training in einem Flugsimulator. Obwohl dies nicht die Wirklich ist, werden dadurch die Sinne und die Reflexe wirksam für die Realität trainiert.   

Der Vorteil und die Funktion von Gefühlen im Vergleich zu Emotionen

Biologisch gesehen setzen Emotionen zuallererst einmal starke Signale für einen Selbst und besonders für die Umgebung. Unsere Angst zum Beispiel, kann die Umgebung in unserem Gesicht und an unserer Körperhaltung ablesen. Spürst du deine eigene Angst und bleibst stehen, dann reagiert deine Umgebung indem sie dein Verhalten registrieren, selber stehenbleibt und beginnt sich umsehen.

Dies können wir auch bei einem Rudel Rehe beobachten. Grasen sie eben noch friedlich über die Waldlichtung, kommt spontan Bewegung in die gesamte Gruppe, wenn ein gefährliches Geräusch vernommen wird. Es muss nur eines der Tiere den Kopf heben … sofort unterbrechen alle anderen Mitglieder der Herde ihr Verhalten. Diese Angst kann auch Panik verursachen. Viele Unfälle entstehen z.B. im Autoverkehr, wenn man – wie ein Reh – im Scheinwerferlicht des entgegenkommenden Verkehrs einfriert. Solche hochemotionalen Reaktionen selten angemessen. 

Und wenn Emotionen in der nächsten Stufe nicht mehr ein Signal, sondern ein Dauerzustand werden, spätestens dann verlieren Sie ihre Grundaufgabe. Es ist zum Beispiel nicht produktiv, wenn Übelkeit und Ekel zu einem Dauerzustand werden. Das kann für unsere Nahrungsaufnahme große Probleme hervorrufen wie Bulimie und Anorexie. Übelkeit und Ekel kann aber auch eine überzogene zwischenmenschliche Reaktion sein. Wenn es mich ekelt, dass andere Menschen mich umarmen – auch wenn diese es liebevoll oder warmherzig meinen – dann kann dies sowohl das Leben als auch sämtliche Beziehungen ruinieren.

Emotionen haben als Signalfunktion und Handlungsangebot große Vorteile. Dieser reduziert sich jedoch gegen Null, wenn sie unvermindert und unangemessen intensiv auftreten. Um diesen offensichtlichen Widerspruch auflösen zu können, müssen wir vor allem eines verstehen:

      • Emotionen sind reaktive Handlungsangebote, die aus unserem frühesten Lernen zu Überleben entstanden sind.
      • Da unsere Psyche jedoch nach dem 2. Thermodynamischen Prinzip arbeitet, ist sie neuem Lernen gegenüber recht kritisch eingestellt.
        Diese körperlichen Gefühle, Emotionen oder Handlungsangebote gleichen einem Kompass, der uns anbietet, Orientierung in unser Leben zu bringen.

Gefühle helfen uns einzuschätzen, was für uns von Wert ist, was wir in unser Leben integrieren und woran wir uns orientieren möchten. Ihre Grundfunktion ist die Valenz: Die Anziehung zu förderlichen guten Dingen und die Abneigung gegen Dinge / Situationen welche uns schaden. Valenzen sind – einfach ausgedrückt – positive oder negative Abstufungen. Welchen Wert spreche einer Sache zu. Unsere Gefühle sind die Basis aller unserer Empfindungen. Diese Empfindungen steuern dann unsere Anpassungsreaktion, je nachdem wie wir eine Situation einschätzen.

In der nächsten Stufe treten dann Emotionen auf. Emotionen treten erst dann auf die Bühne, wenn unsere Ersteinschätzung einer Situation durch unsere Gefühle falsch waren – ich mich also durch ein bestimmtes Verhalten in der jeweiligen Situation anpassen muss. Dies geschieht dann durch Angst, Wut, Trauer, Entsetzen, Ekel, Freude oder auch Triumph. 

Können wir unsere Gefühle überhaupt verändern?

Um diese Frage zu beantworten, sollten wir uns mal mit einer wenig bekannten, dafür aber umso interessanteren Person näher beschäftigen: Nina Bull ….

Sie war eine gleichermaßen geniale und trotzdem völlig unterschätzte Figur in der Geschichte der Körper-Psychotherapie. Sie war eine Pionierin in der Erforschung der Geist – Körper – Beziehung und hat die Rolle der Muskulatur im subjektiven Erleben intensiv erforscht. Nina Bull (sie lebte 1880 – 1968) war die geistige Lehrerin von Stanley Keleman (1931 – 2018) der die „Formative Psychologie“ ins Leben rief. Leider ist ihr persönliches Leben heute größtenteils unbekannt. Erst im Alter von 58 Jahren begann sie ihre wissenschaftliche Arbeit zu veröffentlichen. Bekannt wurde sie für Ihr Werk: „The Attitude Theory of Emotion (die Einstellungstheorie der Emotionen) bekannt. 

In ihren Experimenten ließ sie bei den Probanden verschiedene Emotionen wie Ekel, Angst, Ärger, Depression, Freude und Triumph aufkommen. Im zweiten Schritt notierte sie dann, was diese Personen über das erzählten, was durch die Emotionen in ihrem Inneren zu spüren ist. Sie entwickelte ein Standart-Verfahren, dass ein Verhalten nach Maßeinheiten und Kategorien erfasst, welches auch von anderen Forschern verwendet werden kann. Dieses Messinstrument war zu diesem Zeitpunkt etwas vollkommen Neues! Zum ersten Mal konnten Handlungsmuster von Emotionen nachvollziehbar protokolliert werden. Schauen wir uns mal exemplarisch ein paar Emotionen in ihrer Kategorisierung und Abgrenzung von anderen an:

Nehmen wir als erstes Beispiel die Emotion Abscheu

Das Wort „Abscheu“ wurde vor ca. 500 Jahren, im 16. Jahrhundert, sprachlich aus dem Wort „Scheu“ abgeleitet. Daraus erfolgt die Verbindung zu „zurückscheuen (wie ein Pferd), sich entsetzen, etwas verabscheuen“. Abscheu als Emotion hat verschiedene physische Phänomene (Phänomene sind Dinge / Handlungen, die sich von außen beobachten lassen):

      • Beginnen wir mit Übelkeit. Es ist ein innerer Impuls, sich zu übergeben.
      • Im Außen sehen wir zusätzlich, wenn sich jemand von einer Sache abwendet – zum Beispiel kleine Kinder vom Spinat.

Solch ein Verhalten hat viele Nuancen. Es beginnt mit leichter Abneigung, geht über zum leichten bis sehr starken Drang, sich abzuwenden, bis hin zum Erbrechen. All dies gehört zum Thema „Abscheu“ und „Ekel“. Mit dieser Reaktion versucht man zum Beispiel, schlechte Nahrungsmittel oder giftige Stoffe abzustoßen, um einen längeren Kontakt zu unterbrechen. So etwas beobachten wir auch bei Kindern und erwachsenen Personen, die man missbraucht, misshandelt oder gezwungen hat, Dinge gegen ihren Willen zu tun, die sie geistig oder körperlich nicht haben „verdauen“ können.


Die andere emotionale Reaktion ist die Angst

Auch diese Emotion wurde von Nina Bull kategorisiert. Sie beobachtete bei Angst einen ähnlichen Zwang zu Flucht / Vermeidung aber auch eine Verspannung / Erstarrung des gesamten Körpers. Die Versuchsteilnehmer erzählten von einer sich gegenseitig verhindernden Reaktion: Einerseits war da der Wunsch wegzulaufen. Andererseits waren sie aber auch unfähig sich wegzubewegen. Diese sich abwenden ist etwas anders völlig anderes als ein „Einigeln“. In der Angstreaktion ist ein Suchen nach möglichen Ressourcen / Sicherheit erkennbar.


Gehen wir über zur nächsten Emotion Ärger…“

Auch Ärger tritt mit einer innerlichen Zerrissenheit auf. Einerseits ist hier ein Drang zum Angriff in der Muskelanspannung zu sehen, andererseits berichteten die Versuchsteilnehmer aber auch davon, diesen irgendwie doch nicht zulassen zu wollen.


Die nächste Emotion ist Traurigkeit und Depression.

Depression ist – etwas vereinfach ausgedrückt – ein chronisch unterbrochener Antrieb / Motivation. Wer unter Depressionen leidet möchte gerne etwas tun, fühlt sich jedoch einfach nicht in der Lage, irgendetwas von den eigenen Wünschen umzusetzen. Im Körper ist nichts als eine Leere, eine Kraft die einen geradezu lähmend an der Stelle verharren lässt. Viele berichten auch von körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen, Benommenheit und der Unfähigkeit klar zu denken. Von außen betrachtet könnte man annehmen, dass der Gegenüber jeden Augenblick zu weinen anfangen müsste, es aber irgendwie nicht rauslassen kann“. Diese widersprüchlichen Impulse (weinen und dieses Zurückhalten) sind äußerlich dann als Niedergeschlagenheit, Teilnahmslosigkeit, Unwillen zur Veränderung oder Lethargie (altgriechisch „lethargia“) sichtbar.


Abscheu, Angst, Ärger und Traurigkeit sind alles negative Emotionen… Die positiven Emotionen sind Freude, Überraschung und auch der Triumpf. Zwischen der Gruppe der negativen und der positiven Emotionen besteht ein grundlegend trennender Unterschied.

Die positiven Affekte haben – im Gegensatz zu den negativen – keine hemmenden Eigenschaften, sondern werden als reine Aktivität erlebt. Wenn wir zum Beispiel Freude empfinden, dann fühlen wir, wie sich unser Brustkorb öffnet. Das Atmen wird freier und wir erleben ein heiter dynamisch motiviertes Gefühl. Die gesamte Körperhaltung verändert sich, indem der Kopf geradegestellt und die Wirbelsäule gedehnt wird. Positive Emotionen sind grundsätzlich immer mit einer Energie und Gewissheit verbunden, dass die eigenen Ziele nicht nur Sinn machen, sondern auch erreicht werden können.

Wenn Nina Bull recht hat, dann steht unsere Körperhaltung mit der unsichtbaren inneren Haltung in direkter Verbindung! Dem ist auch so, wenn wir – mit einem kleinen Augenzwinkern – Charlie Brown von den Peanuts Glauben schenken. Seiner Philosophie nach können wir keine depressiven Gedanken länger aufrecht halten, wenn wir unsere Körperhaltung verändern.

In einem Comic zwischen Charlie Brown und Lucy (van Pelt) gehen sie nebeneinander den Weg entlang. Charlie Brown beklagt sich über seine Depressionen. Darauf schlägt Lucy ihm vor, sich aufzurichten und ab jetzt einfach nur gerade zu gehen. Die Antwort von Charlie Brown Darauf: „Aber dann hätte ich doch keine Depressionen mehr über die ich mich noch beklagen könnte.“ Und damit hat er einen sehr wichtigen Aspekt zum Thema: „Können Emotionen beeinflusst werden?“ angesprochen: Die Veränderung unserer inneren Haltung ist zwar deutlich komplexer subtiler Prozess, als dass er lediglich mit einer veränderten Körperhaltung in Verbindung steht, jedoch ist sie ein sehr wesentlicher Teil unseres gefühlten, emotionalen Zustandes.

Der Psychologe und Forscher Prof. Paul Ekman (Jahrgang 1934, University of California), der als Spezialist der nonverbalen, also rein körperlichen Kommunikation gilt, weist auf eine weitere Facette neben der Körperhaltung hin und zwar den Gesichtsausdruck. In einem Versuch bat er seine Probanden im Gesicht nur ganz spezielle Muskeln anzuspannen, die immer nur zu einer bestimmten Emotion gezählt werden. Den Teilnehmern denen das gelangte – interessant ist, dass man ihnen nicht erzählte, welche Emotionen sie hiermit spielten – diese erlebten dann in ihrem Inneren genau diese entsprechenden Gefühle.

 

Fritz Strack, ein deutscher Sozialpsychologe hat diesen Test 1988 mit einem Augenzwinkern ein wenig abgeändert, indem er zwei Personengruppen bat, Comics nach ihrem Grad der Witzigkeit einzuordnen. 

Die erste Gruppe musste dabei einen Bleistift zwischen den Zähnen halten, ohne dass dieser ihre Lippen berührte. Dadurch wurden sie zu praktisch einem Lächeln muskulär gezwungen. Die andere Gruppe musste den Stift nur mit den Lippen halten, ohne hierbei Zähne zu benutzen. Das sah dann von außen ganz anders aus – ungefähr so, als würden sie ihre Stirn runzeln. Das Ergebnis dieses Tests ist wirklich interessant: Alle Versuchsteilnehmer erlebten in ihrem Inneren tatsächlich die Emotionen, die sie mit ihrem Körper nach Außen ausdrückten. Diejenigen, welche zu einem Lächeln gezwungen wurden, waren innerlich glücklicher und fanden die Comics auch entsprechend witziger als die andere Gruppe, die den Stift nur mit ihren Lippen halten mussten.

Das Ergebnis von Ekmann und Strack zeigt, dass sowohl unsere Körperhaltung aber auch unser Gesichtsausdruck unsere innere Emotion formen können … Für unser Thema: „Emotionen können beeinflusst werden“ bedeutet dies das es durch unser „Vor-Bewusstsein“ eine Möglichkeit gibt, unsere Emotion gewissermaßen anzupassen und zu modellieren… Zum Thema Körperhaltung möchte ich dich noch mit einer weiteren Technik vertraut machen:

Die Alexander Technik.

1973 erhielt Nikolaas Tinbergen (1907 – 1988, niederländischer Ethologe / Verhaltensforscher) zusammen mit Konrad Lorenz (1903 – 1989, österreichischer Zoologe) den Nobelpreis für Physiologie/Medizin… In seiner Dankesrede erwähnte er eine Therapie, mit deren Hilfe bemerkenswerte Resultate in Bezug auf chronische Schmerzen, Haltungsproblemen, Atmen und Stottern erzielt werden könnten. 

Entwickelt und publiziert wurde sie ab dem Jahr 1931 von Frederick Matthias Alexander (*1869 – 1955) einem australischen Schauspiellehrer. Er nahm an, dass der Mensch ein einheitlicher Organismus ist und dass damit auch alle Prozesse irgendwie miteinander verbunden sein müssen. Er fand – lange vor Ekman, Strack und anderen Forschern heraus, dass durch eine bestimmte Körperhaltung auch unterschiedliche Emotionen aktiviert und gefördert werden konnten. Der Grund für seine Forschung war – er war ja eigentlich kein studierter Wissenschaftler – dass er als junger Shakespeare–Darsteller eines Tages seine eigene Stimme verlor. Nachdem ihm die viele Ärzte nicht helfen konnten die er konsultierte, half ihm eines Tages Doktor Zufall … Er stand vor dem Spiegel und bemerkte, dass er bei einer bestimmten Körperhaltung wieder auf seine Stimme zurückgreifen konnte. In den folgenden Jahren studierte und verbesserte er seine Beobachtung, sodass viele große Persönlichkeiten hiervon einen Nutzen zogen und viele Schauspieler, Kollegen und Sänger anfingen mit ihm  zu arbeiten. Darunter befinden sich u.a. Paul McCartney, Sting, Aldous Huxley, John Clease und auch Paul Newman.


Emotionen und unsere innere Haltung können wirklich modelliert werden!

Erinnern wir uns noch mal an Charlie Brown und Lucy: Wir sehen, wie wichtig eine konsequente Körper-Achtsamkeit für eine Veränderung der Emotionen ist. Der meines Erachtens erfolgversprechendste Weg, die eigenen Emotionen wirksam zu verändern, ist, die eigene Körperhaltung zu ändern und das körperliche Feedback im Gehirn zu trainieren.

Dies erreichen wir durch

      • eine Veränderung der Propriozeption (/die Wahrnehmung der eigenen Bewegung, Stellung, Haltung)
      • und der Kinästhetik (die Bewegungsempfindung) kinästhetische Feedback ans Gehirn zu verändern.

Der hierfür verantwortliche Bereich ist der „Mediale Präfrontale Kortex“ der mit dem limbischen System und damit mit unserer Emotionalität in Verbindung steht.

Deswegen ist das Bewusstsein für die körperliche Empfindungen der ausschlaggebende Punk t, um unsere Emotionen wirksam zu verändern.

Erinnere dich an die Hölle und den Himmel des jungen Samurai-Kriegers. Durch das Eingreifen des Zen–Meisters zum exakt richtigen Zeitpunkt konnte er

      • seine innere Dynamik stoppen,
      • sie bewusst wahrnehmen und
      • erkennen was er gerade eigentlich tut.

Erst als der wütende und aufbrausende Samurai lernte, sich nur für einen kurzen Moment (0,5 Sekunden) zurückzunehmen, seine Wut zu halten und in sich hinein zu spüren, erst dann konnte er seinen Himmel/seine Glückseligkeit spüren…Das ist der „Stein der Weisen“ für die Umformung unserer Emotionen.

Ein kleiner Ausblick kommende Beiträge in dieser Reihe zum Thema Emotionen:

      • Wie können wir unsere innere Gefühlslage dauerhaft verändern?
      • Wie entstehen Emotionen (eine Kurzfassung)

Wir werden uns noch viel eingehender mit dem fantastischen Forscher und Neurologen Antonio Damasio befassen und wir die fünf von Darwin beschriebenen emotionalen Instinkte (Angst, Wut, Traurigkeit, Ekel und Freude) besser für uns nutzbar machen können.

Es lohnt sich, gespannt zu bleiben…

Borderline und Narzissmus Teil 2 – Die ungleichen Zwillinge

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Warum entwickelt sich einer zum Borderliner und ein anderer zum Narzissten?

Die Entwicklung zu einem Borderliner ist gewöhnlich von sehr starken traumatischen Ereignissen in der ersten Kindheit gekennzeichnet.

Wir sprechen hier über Ereignisse wie zum Beispiel:

      • Den Tod eines Elternteils
      • Von Gewalt innerhalb der Familie
      • Körperlicher Misshandlung
      • Sexuellem Missbrauch
      • Und nicht zuletzt: emotionaler Verwahrlosung

Viele dieser heute mit Borderline diagnostizierten Menschen sind in ihrer Kindheit unbeachtet geblieben, wurden ignoriert, psychisch vernachlässigt und auch sehr sehr häufig von ihren Eltern brutal behandelt.

Andererseits berichten mit Narzissmus diagnostizierte Patienten ebenfalls – so wie ein Borderliner – dass sie als Kinder von ihren Eltern oft ohne Einfühlungsvermögen, kalt und sogar boshaft behandelt wurden – jedoch mit einem wichtigen Unterschied: dies geschah immer auf eine ganz „besondere Weise“.

Das kann daran liegen, dass viele narzisstische Personen von Anfang an über eine besondere / eine herausragende Eigenschaft verfügten welche die Bewunderung bei ihren ansonsten sehr gefühlskalten frühen Bezugspersonen erregten.

Das könnten Eigenschaften sein wie:

      • eine überragende Intelligenz
      • Ein Talent für Musik oder Kunst
      • Oder einfach nur ein besonders schönes körperliches Aussehen.

Das bedeutet jedoch nichts anderes, als das sie von ihren Eltern die ein Aushängeschild betrachtet und ansonsten nur sehr distanziert behandelt wurden.

Teil (1) Die unterschiedliche Entwicklung

Die psychischen Folgen dieser frühen und frustrierenden Erfahrungen ist ein tiefer schwere psychischer Schmerz. Aus diesem Schmerz heraus entwickelte sich dann Hass und Neid auf die Umgebung – von der aber gleichzeitig Liebe und Unterstützung benötigt wurde. Du spürst hier förmlich den Widerspruch – der zu den vielen Problemen im späteren Leben eines Borderliners führen wird.

Bei der Borderline – Persönlichkeitsstörung ist die Traumatisierung jedoch viel schwerer so dass der Aufbau von einer konstanten Objektbeziehung schwer gestört wurde. Dies beeinflusst die Ödipale Erfahrung (die Entwicklung vom dritten bis sechsten Lebensjahr) so nachteilig, dass die zuvor erlebte Spaltung in Gut und Böse – die für die Abwehr der ödipalen Phase typischen Aufteilungen – verstärkt wird.

    • zum Beispiel in die Spaltung der elterlichen Vorstellung in sexualisierte und nicht sexualisierte Objekte (Bezugspersonen)
    • Oder die Aufspaltung von Homosexuellen und heterosexuellen erotischen Wünschen.

Gerade das ist jetzt total interessant: Eine häufige Folge davon ist nämlich eine Verschmelzung von beiden Bestrebungen:

      • Die Verschmelzung von Präödipalen und Ödipalen Bestrebungen
      • unter dem Vorherrschen präödipaler Aggression.

Was sich hier so kompliziert anhört hat im Ergebnis später gravierende Folgen:

      • einen unstillbaren hungrigen sexuellen Wunsch nach Promiskuität zufolge
      • Eine Neigung zu sexuellen Perversionen
      • Oder eine Dauer-Aggression gegenüber der gesamten Umwelt, weil eine dauerhafte erotische Beziehung nicht erreicht werden kann.

Die Entwicklung der narzisstischen Persönlichkeit Die Entwicklung der narzisstischen Persönlichkeit nimmt einen etwas anderen Verlauf als die des Borderliners. Dadurch, dass das Kind teilweise durch die Eltern idealisiert wird Eltern, bildet sich auch (!) eine Abwehr aus.

Die Abwehrmechanismen eines Narzissten sind:

      • eine Überbetonung der eigenen Talente
      • und eine Leugnung der wertlosen Abhängigkeiten. Wir nennen es die „wertlose“ Selbst-Repräsentanz die voller Neid, Hunger und Wut ist.

Dadurch kommt dann sein „grandioses Selbst“ zum Vorschein, dass sich seinen Daseinszweck / seine Daseinsberechtigung aus der Bewunderung der Umgebung zu sichern versucht.  Sehr häufig bietet diesen Kindern ihre Erfahrung in der frühen Kindheit zuerst einmal das Gefühl, dass sie ein Siegertyp sind. Daraus entwickelt sich bei Ihnen dann ein unrealistisches sexuelles Selbstbewusstsein – jedoch immer in Verbindung mit einer tiefen unbewussten Schuld.

Kommt dieser Mensch dann in das Erwachsenen–Alter, dann findet man bei ihm häufig

      • viel erotischen Charm
      • und eine starke Konzentration auf Sexualität,
        • in der der sich aber eine tiefe, schuldgeplagte Kastrationsangst / Impotenz-angst finden lässt.

Teil zwei: die psychostrukturelle Ebene

Auf der psychostrukturellen Ebene ist die Borderline–Persönlichkeit gekennzeichnet von einer sehr schweren Identitätskrise. Wir sehen hier häufig eine Tendenz zu stark sich widersprechenden Charaktereigenschaften,

      • fehlende Echtheit,
      • zeitweiligen Diskontinuitäten im Selbsterleben,
      • Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht,
      • übertrieben ethischer und moralischer Relativismus
      • Das Gefühl einer grausamen inneren Leere.

Schauen wir uns jetzt mal den Narzissten an. Im Vergleich zu dem Borderliner hat der Narzisst ein grandioses Selbst. Dieses grandiose Selbst/ich führt bei ihm

      • zu einem übersteigerten beruflichen Engagement,
      • oft aber auch begleitet von einer stark nagen denn Langeweile weil es sich hier nur um eine Pseudo Sublimierung handelt.

Sublimierung ist ja das Ersetzen einer schlechten Charaktereigenschaft durch eine bessere Eigenschaft. Das Ausleben im Beruf führt aber selten zu einer persönlich starken Befriedigung, sodass wir hier tatsächlich von einer Pseudo-Sublimierung sprechen können. Trotzdem hilft dieses Ausagieren im Beruf dem Narzissten aber, dass er weniger stark in eine regressive Zerstückelung seines Ich’s fällt. 

Der Borderliner andererseits hat nur ein sehr schlecht integriertes Selbst – und steht dadurch in der Gefahr unter Stress, Überlastung oder dem Einfluss psychoaktiver Substanzen (Drogen) psychotisch zu regredieren.

Dadurch findet sich eher bei den Borderline–Patienten (nicht jedoch beim Narzissten)

      • eine deutlich geringere Impulskontrolle,
      • eine geringere Toleranz gegenüber seiner Angst und
      • eine geringere Fähigkeit zur Sublimierung.

Teil drei: die Dynamiken

Interessant ist was wir jetzt im Zusammenhang der Dynamik vorfinden. Dies mag manche Beobachter vielleicht etwas Erstaunen, ist aber das Ergebnis der intensiven Borderline / Narzissmus-Forschungen.

Typischerweise sprechen wir beim Borderliner ja von einem Spaltungsmechanismus und einer Projektion. Diese Spaltung und die Projektion finden wir aber bei beiden (!) Charakter–Störungen.

Bei unserem Borderliner verfestigen sich diese Abwehrmechanismen jedoch viel intensiver da bei ihm die Menge an nicht neutralisierter Aggression höher und die ICH–Schwäche deutlich stärker ausgeprägt ist.

In seinem Inneren ist seine Welt aufgespalten in Verzerrungen des Bösen und des Guten und seine zwischenmenschlichen Erfahrungen mit anderen Menschen schwanken zwischen einer Idealisierung und einer Entwertung.

Beinahe süchtig suchen Sie immer wieder die Nähe zum idealisierten Anderen um sich dann – aufgrund der Angst vor Verschmelzung – sofort wieder auf sich selbst zurück zu ziehen, wodurch die Störung in der Fähigkeit eine optimale Distanz in den Beziehungen einzugehen deutlich wird.

Die Projektionen von Borderliner sind auch heftiger und gewalttätiger in den zwanghaften Versuch die Umgebung auf die sie ihre verleugneten selbst Repräsentanzen abladen zu kontrollieren. Der Borderliner hängt also für seine eigene Stabilität sehr stark von dem Anderen ab, egal wie chaotisch dies auch ablaufen mag.

Wie gesagt, auch die Narzissten verwenden die Spaltungs – und Projektionsmechanismen. Bei Ihnen vollzieht sich die Spaltung aber weniger feindselig und nicht so dramatisch und weniger aggressiv.

Obwohl sie ihre Erfahrungswelt unterteilen in Anerkannte und entwertete Andere, scheint Ihnen eine stabilere Aufteilung in ihrer Umgebung zu gelingen. Zwar können wir auch bei Ihnen Schwankungen finden die zu Kontaktabbrüchen führen. Jedoch verlaufen solche Umschwünge in der Regel langsamer und fallen so in dem sozialen Umfeld nicht so stark auf.

Ihre Spaltungsmechanismen in ihrer Krankheit offenbaren sich nur den Spezialisten, also den Therapeuten.

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Essstörungen und Borderline

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Kommunikation ist der Austausch von Informationen.

Wir unterscheiden hier zwischen den

      • Übertragungsarten
        • Verbal
        • Nonverbal
        • Paraverbal
      • Übertragungswegen
        • Sprechen
        • Schreiben
        • Malen / Zeigen
      • Übertragungsinhalten
        • Gedanken
        • Vorstellungen
        • Meinungen

Es gibt die Emotionale Kommunikation 

      • Die Gegenübertragung

Und die rationale Kommunikation

      • Die Transaktionsanalyse

Immer zwischen diesen beiden Extremen befindet sich unsere „Alltagskommunikation“

Unsere Nahrung ist mit das erste Kommunikationsmedium in unserem Leben. Das Essen ist ganz eng mit unserem Selbstgefüge und unserem Abwehrgefüge verknüpft. Es ist das allererste Objekt im Zentrum der Entwicklung und in der Entstehung des Seelenlebens eines Menschen: Unser erster Gedanke ist nämlich „keine Milch“.

Da der Mangel also unser erster Gedanke ist, dann ist dieser Mangel auch die Triebfeder dazu, etwas Neues zu entdecken. Dieses „erste Neue“ ist der erste bewusste Augenblick (der Augen–„Blick“ mit der Mama) des kleinen Menschen.

Es ist also der Mangel – die nicht mehr vorhandene Erfüllung eines Wunsches – der den ersten Gedanken des Menschen überhaupt aufkommen lässt.

Der erste Gedanke eines kleinen Menschen ist die Überbrückung einer Frustration, weil jetzt gerade keine Nahrung vorhanden ist.

Damit nun ein Gedanke entstehen kann, ist es wichtig, dass diese Frustration so gering wie möglich ist und die sonstigen Strukturierungen des jungen Lebens dem Baby genügend Halt vermitteln damit er sich mit diesem neuen Gedanken in aller Ruhe auseinandersetzen kann.

Das Essen hat also eine ganz wichtige Position in der Entwicklungsgeschichte des einzelnen Menschen. Das fängt bei dem Aufbau des seelischen Gleichgewichtes an und geht hin bis zu einem Symbol / einem geistigen Wert. Essen steht an der Grenze zwischen Körper und Seele -praktisch zeitgleich zwischen der Mutter und dem kleinen Kind. Kaum ein anderes menschliches Verhalten unterliegt so vielen kulturellen und auch sozialen Einflüssen wie unser Essverhalten.

Das kommt schon in unseren Wörtern unseren Metaphern unseren Vergleichen vor, die wir vom Essen auf die seelische Verarbeitung übertragen:

Da gibt es Worte, die diesen seelischen Prozess der seelischen schon sehr gut beschreiben wie zum Beispiel: aufnehmen, verdauen, schlucken, etwas durchkauen…

Diese Worte machen deutlich, dass es beim Nachdenken über das Essen und auch beim Essverhalten

      • um die Seele geht
      • um den Umgang mit den Zeichen
      • um das semiotische Niveau – Das Symbolisierungsniveau.

Borderline und unsere Symbolisierungsfähigkeit

Borderline ist so umfangreich und tief in der psychischen Entwicklung des Menschen verankert, dass wir – um es zu verstehen – bis in die früheste Entwicklung des jungen Menschen zurückgehen müssen. Ansonsten können wir einfach nicht verstehen, wie sich diese Störung in der Persönlichkeit bilden konnte.

Wir müssen also in die Zeit zurückgehen, bevor (!) das Kind die ersten Worte hat denken können… 

Was sind denn die Gedankeninhalte vor (!) dem ersten Wort? Das sind die Symbole.

Wir unterscheiden in der Psychologie zwischen zwei Begriffen:
Symbole / Zeichen.

Zeichen sind die Beschreibung von etwas Bekanntem. Wir nennen das auch Semiotisch. Symbole sind die Beschreibung von etwas Unbekannten.

Am Anfang des jungen Lebens ist natürlich alles (!) noch unbekannt und darum denkt das Kind zu aller erst einmal nur in Symbolen. Wenn es das Gefühl hat, es könnte gewisse Dinge kategorisieren, dann werden aus den Symbolen allmählich Zeichen.

Diese Entwicklung nach vorne oder rückwärts nennen wir in der Psychologie:

      • die semiotische Regression
      • Die semiotische Progression.

Diese Symbolbildung von Objekten kann man logischerweise am besten beim Säugling und dem Kleinkind studieren.

Die Hauptrolle bei diesem Studieren liegt

  1. auf dem Zusammengehen von Bezugsperson (Mutter) und Kind
  2. und der Entstehung der (Prä–) Symbole und den Haupt – Symbolen.

Warum ist aber gerade diese Symbolisierung so wichtig?

Erst durch eine Symbolisierung (also eine vernünftige Kategorisierung der Umwelt) ist es dem Kleinkind überhaupt möglich, die automatischen inneren Reaktionen zeitlich zu verschieben und sich selber bewusst zu steuern. Es wird also nicht mehr nur reagiert, sondern immer stärker bewusst agiert.

Der Borderliner jedoch, gilt in seiner Entwicklung als „früh gestört“. Bei ihm und bei allen anderen „früh gestörten Menschen“ ist diese Symbolbildung massiv gestört. Er hat – durch äußere Störungen beeinflusst – eine gestörte Einteilung seiner Umwelt vorgenommen.

Was ist jetzt die Folge davon? Die nicht symbolisierten Affekte (Gefühlsausbrüche) müssen irgendwie einen Kanal haben um nach „außen“ zu gelangen.

Solch ein „Kanal“ ist zum Beispiel ein Wiederholungszwang. So ein Wiederholungszwang kann sich zeigen in Gestalt von

      • einer Körpersymptomatik
      • Eine affektiven „Spontan–Entladung“
      • oder einem sonstigen permanenten Wiederholen von etwas ursprünglich ganzheitlichem.

Jetzt kommen wir zu den ursprünglichen Punkt: Der Essstörung.

Durch die semiotische Regression wird es vielleicht deutlich, warum der Rückgriff auf das Essen und das Essverhalten bei Störungen, die mit diesen Symbolisiererungs–Defekten zu tun haben, häufig bei Persönlichkeitsstörungen zu beobachten sind.

Wenn man weiß, wie sich der menschliche Geist entwickelt und dass ein Borderliner eine gestörte Objekt- und gestörte  Symbolentwicklung in frühester Kindheit erfahren hat, dann ist das gestörte Essverhalten bei einer Borderline–Störung fast schon zwangsläufig zu erwarten.

Mit praktisch blinder Sicherheit kann ein anorektisches und bulimisches Verhalten bei Borderlinern erwartet werden.

Kurz eine kleine Zusammenfassung:

In der Psychotherapie werden Dinge durch Worte beim Namen genannt. Durch die Benennung von Symbolen und Zeichen (Zeichen = Semiotik) kann ein Handlungsaffekt / Ein Gefühlsausbruch unterbrochen werden.

Kommt eine nicht beschreibbare angsterfüllende Situation auf einen Menschen zu, dann gerät er in eine semiotische Regression. Die Folge: ein nicht mehr koordiniertes Handeln.

Psychotherapie zielt darauf ab, die Situation in Worte, Symbole, Zeichen zu bringen um eine reflexartige Handlung zurückzuhalten. Denke immer daran: der erste Gedanke des Menschen ist: „keine Milch“. Dieser erste Gedanke (!) versetzt ihn zuerst in Angst und das Baby fängt an, zu schreien.

Mit der Bildung des ersten Symbols / des ersten Zeichens – z.B. durch den haltenden Blick mit der Mutter – beginnt das Gehirn des kleinen Menschen die Situation zu erfassen und die reflexartigen Affekte zurückzuhalten. Das Kind lernt damit den Begriff Zeit für sich zu nutzen.

Du siehst, wie mächtig Worte sind! Durch die Benennung von Zuständen können wir selber unsere Reflexe manipulieren und zurückhalten! Worte bestimmen unser Handeln noch viel viel stärker als Medizin!

Teil 3 Essstörung – die Domäne der Frauenkrankheiten

      • Die Psychogene Esssucht mit Adipositas,
      • die Anorexia und
      • die Bulimia Nervosa sind ganz typische und moderne Frauen Krankheiten.

Lediglich die psychogene Esssucht mit Adipositas ist auch bei den Männern etwas stärker zu finden. Ansonsten haben wir einen 95-%igen Anteil der betroffenen Personen auf der Seite des weiblichen Geschlechts. In den sechziger und siebziger Jahren wurde die Anorexie stärker beobachtet. Aber seit den achtziger Jahren kommt die Bulimie immer deutlicher in das Blickfeld der Therapie

Bei beiden Krankheiten ist das Wort Sucht im deutschen Namen beinhaltet. Das eine ist die Magersucht und das andere die EssBrechsucht.

Wenn wir über Essstörungen sprechen, sollten wir uns die Zeit nehmen, die beiden wichtigsten Vertreter der Essstörung kurz gegeneinander abgrenzen.  

1.3.1 Anorexia Nervosa (F50.0)

      • Körpergewicht mindestens 15 % unter dem erwarteten Index. 
      • Gewichtsverlust durch Vermeiden von Essen, selbst stimuliertes Erbrechen oder Abführen; übertriebene körperliche Aktivitäten, Appetitzügler und/oder Diuretika (Harntreibende Medikamente) 
      • Körperschema-Störung: die Angst zu dick zu sein, beruht auf einer tiefen übermächtigen Idee. Die Betroffenen legen eine extrem niedrige Gewichtsschwelle für sich selber fest. eine endokrine Störung auf der Hypothalamus – Hypophyse – Gonaden- Achse (Hauptsymptom: Amenorrhö – auch nach dem 16. Lebensjahr noch keine Menstruation)

 

1.3.2 Bulimia Nervosa (F50.2)

 

        • Permanentes Beschäftigen mit dem Essen und den Heißhunger-Attacken, bei denen große Mengen Nahrung in sehr kurzer Zeit konsumiert werden.
        • Versuche, dem „Dickwerden“ durch Nahrungsentzug und durch verschiedene Verhaltensweisen entgegen zu steuern: zum Beispiel durch selbst herbeigeführtes Erbrechen; eine restriktive Diät, durch Missbrauch von Abführmittel.
        • Eine krankhafte Furcht dick zu werden. 
        • Sehr häufig in der Vorgeschichte des Lebens bereits eine diagnostizierte „Anorexia nervosa“.

Teil (4) Essstörungen bei Borderline in der Selbstorganisation

Um eine typische Störung in der Selbstorganisation zu beschreiben, nehmen wir ein weiteres Beispiel (natürlich anonymisiert) aus dem realen Leben. 

Eine Studentin (wir nennen sie hier Kathrin) ist circa 30 Jahre alt und saß in der Therapie mit kleinkindhafter „Pieps-Stimme“.

      • Sie hatte Fotos aus ihrer jüngsten Säuglingszeit mitgebracht und beschrieb ganz bestimmte Szenen aus ihrer Kindheit schematisch mit Hilfe von Spielsachen.
      • Mitgebracht hatte sie sehr exakt protokollierte Aufzeichnungen ihres Gewichts aus ihrer Säuglingszeit, welche von ihrer Mutter akribisch erstellt wurden.
      • Und ganz plötzlich war sie dann im nächsten Satz nicht mehr der Säugling, sondern die zehnjährige ambitionierte Turnerin mit tollen Leistungen – aber zu vielen Nutella Brötchen.
        Aufgrund der Kritik ihres Trainers hat sie dann das Turnen aufgegeben und wurde in der Folge magersüchtig.

Der Satz von Ludwig Feuerbach „der Mensch ist, was er ißt“ wurde für Sie zum Lebens-Leitmotto.

      • Nach einer Phase der bulimischen Anorexie wurde sie mit 18 Jahren bulimisch.
      • Jetzt führte sie genauso wie ihre Mutter damals eine pedantisch korrekte Liste von Nahrungsmitteln welche sie zu sich genommen aber anschließend immer wieder erbrochen hat.
        Soweit erst mal das Beispiel.

Die Untersuchung dieser Dame zeigte eine klare Identitätsdiffusion – also ein ständiges immer wiederkehrendes schwankendes Selbstwertgefühl – sowohl in Bezug zu ihrem Alter, als auch in der Identifikation zwischen der Mutter und ihr. Der Hinweis zu der Nahrung oder zu dem Umgang mit der Nahrung wurde durch das Feuerbach–Zitat („du bist was du isst“) erkannt.

Der jungen Frau passierte genau das, was auch praktisch allen Bulimiekranke eigen ist: die orale Fixierung. 

Was ist das, eine orale Fixierung?

      • Es ist eine starke Fixierung auf eine Bezugsperson,
      • eine extrem hohe Zuwendungsbedürftigkeit,
      • eine symbiotische Abhängigkeit und
      • die Angst vor Trennung und Verlust zu einer Person in der oralen Phase (der Säugling bis circa zwei Jahre).

Aufgrund verschiedener früherer Bindungsprobleme bleiben die Personen in ihrer „saugenden Objekt-Beziehung“ praktisch wie „verhaftet“. (Hier findet sich dann das sogenannte Binge = das Saufgelage; das Binge–eating = die Bulimie) Die Nahrungsaufnahme wird als die wichtigste Kommunikations-Möglichkeit in der ersten Lebenszeit in Erinnerung behalten. Das geschieht meistens aus einer starken Ambivalenz der Mutter (oft durch ein Verlassen, eine Krankheit oder durch den Tod der Mutter ausgelöst).

Durch diese frühe Störung entwickelt sich nicht nur eine falsche orale Fixierung, sondern auch eine orale Aggression in dem kleinen Säugling.

Einer der intensivsten Erforscher der Borderline–Störung ist Otto Kernberg. Dieser Otto Kernberg hat die „Theorie der oralen Aggression“ zuerst aufgezeigt.

Durch die frühe Störung der Bindung zwischen Mutter und Kind

      • wird die Spaltungsabwehr fixiert
      • und die notwendigen integrativen Reifungsschritte / Fortschritte in der Entwicklung nachhaltig unterbrochen.

Was ist mit dieser frühen Störung in der Bindung gemeint? Die frühe Umwelt ist die Mutter mit ihrer haltenden Funktion! Wird diese haltende Funktion gestört entwickelt sich eine Frustration in dem Kind und das Kind muss (!) reagieren.

Ich möchte dieses Wort reagieren ganz besonders betonen! Normalerweise hat das Kind nach dem Saugen / nach der Nahrungsaufnahme erst einmal Ruhe um zu verdauen. Der Augenblick des Vertrauens wird in vollen Zügen von dem Kind genossen und dient dazu, sich nach der ersten Hunger-Frustration zu beruhigen.

Gerade dieses Wechselspiel zwischen Frustration und anschließender Verdauungsruhe ist die Grundlage jeglicher Entwicklung eines Kindes. In dieser Verdauungsruhe stabilisiert sich das Kind und entwickelt sich weiter.

Jetzt – in dem Beispiel – muss es aber auf Störungen in Bezug auf die haltende Funktion der Mutter reagieren und diese Reaktion durchtrennt das ruhige „SEIN“. Das Kind kann in diesem Moment einfach nicht „SEIN“. Das Kind muss in diesem Moment reagieren! Das ist das Problem.

Wenn jetzt die Reaktionen, die die Ruhe und das „SEIN“ immer wieder ständig zerstören,

      • muss das Kind immer wieder / ständig darauf reagieren
      • und muss alles tun um in diese Ruhe/in sein „SEIN“ zurück zu gelangen.

Gemäß dem englischen Kinder-Psychologen Donald Winnicott erfolgt hierdurch ein immer stärkeres Schema der Zerstückelung des „SEINS“!

Ganz am Anfang dieses Beitrages haben wir ja den Satz gesagt: Der erste Gedanke ist: „keine Milch“. In diesem Moment erkennt das Kind den Augenblick, erkennt eine Zeit, erkennt den Moment und kann ihn allmählich verstehen.

Darf das Kind nun aber nicht (!) in Ruhe verdauen und den Moment erleben, ist sein Zeiterleben nachhaltig gestört. In seinem Entwicklungsschema findet sich dann so regelmäßig ein Selbstdefekt mit einem riesengroßen / übermächtigen Anteil von Angst vor Leere, mit Trennung – und Vernichtungsängsten.

Als wenn das noch nicht genug ist bildet sich dann auch noch in der Regel eine Körperbild-Störung als Teil der Identitätsstörung aus.

      • Der arme Mensch fällt in eine ständige Bewegungsunruhe,
      • ein andauerndes immer wieder kritisches Abtasten des Körpers um zu erkennen ob er noch beweglich ist und ob er nicht schon zu dick ist.

Nach der oralen Phase kommt später im Alter von 4-6 Jahren die ödipale Zeit. Was passiert hier in Verbindung mit den Essstörungen?

In der Regel kommt es in dieser ödipalen Zeit zu einer Pseudo–ödipalen-Stabilisierung. Der Vater tritt zum ersten Mal als ersehnter Gegenpol zur Mutter auf.

In unserem Fall von der Kathrin und den allermeisten Frauen mit einer Essstörung ist der Vater jedoch emotional und – oder real lediglich abwesend. Fast nur über Schulzeugnisse oder andere Leistungen kann sich ihm das Töchterlein emotional dann noch nähern. Dann muss die spätere typische Essstörungspatientin immer eine gute, eine leistungsstarke Frau sein um den Vater durch genau diese Leistungen zu gewinnen.

Der Beginn der späteren Essstörung wird durch diese pseudoödipale Stabilisierung nur etwas nach hinten hinaus geschoben.

Kommt dann später auch noch ein Objektverlust in das Leben der jungen Frau, reaktiviert er den traumatischen Objektverlust aus der frühen Lebenszeit und die Essstörung hat sich Tür und Tor geöffnet.

 

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Lass Dich nicht von Deinen Gefühlen betrügen

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(1) Lass Dich von Deinen Gefühlen nicht betrügen!

Oft verrennen wir uns förmlich in negative Gefühle, führen Problemgespräche, suchen irgendeine rationelle  Schuld. Aber all das bringt nichts, Nimm Emotionen nicht so wichtig. Nicht mal in der Liebe.

Wenn einer den anderen Beleidigt und anschließend seine verletzenden Worte mit: „Das sind Gefühle, die habe ich einfach.“ Beschreibt, dann stimmt dies auch – „es sind nur Gefühle!

Etwas anderes stimmt aber auch noch: „Es bringt nichts, sich in Gefühle hinein zu steigern. Und es bringt schon gar nichts, sich wegen ihnen schlecht zu verhalten.“

  • Man darf sich nicht von seinen Gefühlen leiten lassen – Diese Botschaft klingt zwar kalt, gefühlskalt, nach dem Motto: Gefühle sind doch nicht so wichtig. Aber genau das ist es aber eben nicht!

Wenn Du Dich deinen Gefühlen ausgeliefert fühlst, dann machst Du dich nur selbst zu einem Opfer. 
Zum Opfer der Umstände 
Zum Opfer der Anderen

 

Man kann sich tatsächlich auch andersherum mit Vernunft zur großen Liebe zwingen

Emotionen sind nicht grundsätzlich schlecht! Diese müssen aber richtig eingeordnet wissen. Zum Beispiel als etwas, das man hat, wie ein frisch verheiratetes Pärchen. Aber auch als etwas, das man nicht abstellen kann!

Bestimmt hast du es dir schon einmal / vielleicht mehrfach vorgenommen: „ab morgen bin ich ein glücklicherer, zufriedenerer Mensch“ Was aber ist passiert? Du musstest feststellen, dass das beim besten Willen nicht klappt… Das kann auch gar nicht funktionieren!

Allein schon deswegen weil Du morgen (an deinem vorgenommenen „Heute-werde-ich-glücklich-Tag“) es nicht verhindern kannst, in einen Hundehaufen zu treten. Was dann passiert ist doch auch wieder logisch:

„Natürlich bist Du danach wieder unglücklich. Aber Du hattest den Hundehaufen dort nicht liegen lassen. Du kannst nicht sagen, es sei Deine Schuld.“

  • (2) Die Frage nach einer Schuld ist eine dumme Frage

Wir kennen drei große aversive (abwehrende Gefühle)

    • Schmerz = es schützt den physischen Körper
    • Scham = sie schützt unser soziales Ansehen
    • Schuld = sie schützt vor Fehlern

Schuld ist einer unser heutigen Kernbegriffe.

      • Habe ich Schuld daran, dass meine Eltern mich als Kind vernachlässigt haben?
      • Ist es meine Schuld, dass mein Chef schnell wütend wird?
      • Habe ich die Verantwortung dafür, dass ich an einer Depression erkrankt bin?

Allein der logische Menschenverstand reicht aus, um diese Fragen mit Nein zu beantworten – hierfür brauchst Du kein Studium in Psychologie. Und trotzdem machen sich viele Menschen Gedanken darüber….

Sie grübeln und grübeln darüber, was sie hätten anders machen können oder müssen, mit den Eltern, dem Chef, den Kindern oder aber mit dem eigenen Leben. Und so verrennt man sich viel zu schnell in einen negativen Gedankengang. Viele suchen die Wurzel ihres Problems oft sogar auf der Praxiscouch.

Dann arbeitet sie an Lösungen, die es eventuell gar nicht geben kann – und nicht an ihren eigenen Ressourcen, um mit der Situation besser umzugehen.

Das wirklich Dümmste was Du meiner Meinung nach tun kannst (um weiterhin unglücklich zu sein), wenn Du dich jetzt diesen „Experten“ mit einer Praxiscouch anschließt, die ja immer wieder sagen: „Du bist deines eigenen Glückes Schmied)

Die dort angebotenen Selbsthilfestrategien zielen darauf ab, dich immer und immer wieder mit deinen negativen Gedanken auseinander zu setzten – um sie dadurch zu bekämpfen. Dadurch graben sich diese Gedanken aber nur noch tiefer in dein Gehirn ein!

Wenn Du andererseits aber akzeptierst,

      • dass sich jeder ( also auch DU) seine Gefühle selbst macht – und zwar durch seine Gedanken –
      • und jeder die Fähigkeit hat, zu lernen, seine Gefühle zu beeinflussen,

dann kannst du dich dadurch wieder stark fühlen und Depressionen haben keine Chance. Wir werden nachher nochmals darauf zu sprechen kommen…

Eine Alterklasse gilt als besonders unglücklich: die Generation Y – Die Millenials.

Ja, Das Leben ist hart, und vieles, was wir tun, ist umsonst, das müssen wir alle akzeptieren“. Aber genau darum dürfen wir auch keine Zeit mit unrealistischen Zielen vergeuden.

Bedenke: Der Berg des Erfolges, auf dem manche erfolgreiche Menschen stehen, besteht zu > 90% aus den Fehlern den sie vorher gemacht haben. Ganz nach dem Prinzip: „Try & Error)

Etwas einfacher erklärt:
Wer gerne weniger Süßigkeiten essen möchte, darf sich nicht für seine Neigung zu süßen Dingen geißeln (“Ich kann nicht widerstehen – ich bin einfach zu schwach!“) – für deinen Geschmack bist Du nicht verantwortlich. Auch bringt es nichts, sich nun vorzunehmen, überhaupt keine Schokolade mehr zu essen. So etwas halten nur die Wenigsten durch.

Ein vernünftiges und auch umsetzbares Ziel wäre eher:
„Ich nehme mir vor, so oft wie möglich (!) zu versuchen, den Süßigkeiten zu widerstehen.“ So ein „weicheres Ziel“ (nicht schwarz/Weiß) hat einen grundlegenden Vorteil: Ausrutscher sind okay.

Dieser zerstörerische Gedanke „Ich habe mal wieder versagt / ich bin ein Versager“ der kommt dann gar nicht erst auf. Natürlich spürt man auch hier das Gefühl der Enttäuschung. Der Unterschied ist nun aber das man dieses Gefühl besser managen kann.

Dies gelingt, weil man weiß, dass alles zum Leben gehört und nicht verschwinden. Wichtig sei nur, ihretwegen nicht zum Idioten zu mutieren …   „Ja, ich habe Probleme, damit muss man jeden Tag aufs Neue umgehen.

Deswegen kann ich aber trotzdem nett sein zu meinem Partner, meinen Job erledigen und mich bei meinen Eltern regelmäßig. Diese kleinen Dinge sind es, die zählen. Sie sind gewissermaßen ein Trost für alles Unangenehme, was unweigerlich passiert.“

  • (3) Dies funktioniert auch in der Liebe

Dieses „Denk-Konzept“ kann man herrlich auch auf den Bereich anwenden, in dem Gefühle wohl als größter Antrieb gelten – in der Liebe und der Partnerschaft.

Natürlich kann man besonders hier blind seinen Emotionen, seinen Zu- und Abneigungen folgen. Andererseits kann man aber auch seinen gesunden Menschenverstand einschalten und so, seine Chancen auf eine Beziehung erhöhen, die auch dauerhaft.

„Klar muss mein Partner jemand sein, zu dem ich mich hingezogen fühle / zu dem ich auch Gefühle habe. Aber (!) ich kann zusätzlich auch prüfen, ob er z.B. Drogen nimmt. Wenn Du eines Tages Kinder haben willst, dann solltest Du prüfen, ob man sich im Notfall auch auf ihn verlassen kann.

Das Problem bei vielen Scheidungen ist nicht, dass sich einer von beiden entliebt hat. 
Es sind eher Alltagsdinge wie: ‚Du trinkst zu viel. Du hast uns finanziell ruiniert. Du willst keinen Nachwuchs.‘“

  • (4) Was macht eine Beziehung wirklich glücklich?

Auch beim dem hoch emotionellen Thema Sex soll man aufkommende negative Gefühle nicht überbewerten.

4.1 Akzeptiere auch hier lieber die Tatsachen.

Es ist ganz und gar normal, dass das sexuelle Verlangen in einer Beziehung mit der Zeit abnimmt.

Man kann man Anziehung nicht kontrollieren – ein weiterer Beweis dass es nicht richtig sein kann, sich von seinen Gefühlen zu 100% leiten zu lassen.

      • Kann ich etwas daran ändern, dass mein Partner grundsätzlich weniger Lust hat? Vielleicht teilweise, aber nicht unbedingt zu 100%.
      • Kann ich andererseits aber lernen, besser mit meiner Enttäuschung umzugehen? Das auf jeden Fall!

Dieser Ansatz verspricht auf keinem Fall mehr Glück und / oder Zufriedenheit! Ich glaube nicht daran, dass es das alleinige Geheimrezept gibt, um glücklich zu werden. Andererseits zeigt das, was (!) man tut, wenn man unglücklich ist, deutlich mehr über einen Menschen aus.

Bei Ebbe zeigt sich halt, wer eine Badehose anhat ….

4.2 Mit Schmerz zu leben und dennoch eine gute Person zu sein
– das ist eine viel größere Leistung als glücklich zu sein.“

Ein abschließender Rat zu dem Thema: „Sollte ich immer meinen Gefühlen Luft / Raum geben?“ „Immer und ständig zu sagen, was man ich fühle, hat viel Ähnlichkeit mit einem Furz: Diesen loszulassen erleichtert zwar, aber er vergiftet auch die Luft für alle Menschen in der näheren Umgebung.“

 

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Borderline im Alter – Die vergessene Generation

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Auf der Suche nach einer deutschsprachigen Publikation mit dem Thema „Borderline im Alter“ steht man oft fassungslos vor einem gähnend leeren Bücherregal – als wenn es dieses Thema gar nicht geben könnte….

Woher kommt jedoch diese „Verleugnung“ wenn es um das Problem „Borderline–Störungen im Alter“ geht?

Wenn man dies aus der Distanz mal eine Zeitlang beobachtet, dann kommt in einem das Gefühl auf, das es sich hier wohl

      • um kulturelle Befangenheiten
      • oder auch um Vorurteile handeln muss

Diese haben verhindert, dass grundlegende größere Forschungen auf diesem wichtigen Gebiet stattgefunden haben. Wie aber komme ich auf solch eine Behauptung?

Die Gefahr der „Verleugnung“ des Themas

Auf der einen Seite ist die Diagnose für ältere, psychisch auffällige Menschen mit

      • chronischen – nicht abgebauten – Psychosen
      • dissozialen Persönlichkeiten
      • Agitierten Depressionen (also die Depressionen mit innerer Un-Ruhe, Angstzuständen, Schlaflosigkeit und einem sehr  starkem Bewegungsdrang) … sehr häufig anzutreffen.

Und besonders hier liegt jetzt die Vermutung (!) sehr nahe, dass wenn eine umfassende Diagnose einmal gestellt werden würde…

… viele von ihnen eher als Borderline-Patienten einzustufen sind als die eben erwähnte. Dies hätte gravierende und auch positive Auswirkungen.

Denn die Therapie von Psychosen und / oder agitierten Depressionen unterscheiden sich fundamental von der sehr speziellen Borderline – Therapie.

Also noch mal: Wo sind sie, die Borderline-Patienten im höheren Alter? Verhalten Sie sich vielleicht etwas anders als die jüngeren Borderliner-Patienten? Und wenn ja, fallen sie deswegen nicht mehr so auf?

Zuerst sollte man einfach mal nüchtern registrieren, dass in unserer Literatur das Thema „Altersneurosen“ nicht den Platz haben, der Ihnen eigentlich zustehen müsse.

Denn, besonders ältere Menschen erleiden überdurchschnittlich oft starke psychosoziale Ereignisse wie zum Beispiel den Verlust eines geliebten Menschen oder auch den Verlust von Besitz und genau dort sehen wir, das „alte Neurosen“, die in jüngeren Jahren noch kompensiert werden konnten, nun wieder aufbrechen.

Die Beobachtung zeigt, dass bei vielen lebenslang paranoiden/ängstlichen Personen und Soziopathen sich die Symptome im Alter stark verschlechtern aber bei den paranoiden Schizophrenen (Sie sind mit 65 % die häufigste Schizophrenie Form/Verfolgungswahn und Halluzinationen) sich die Symptome andererseits verbessern.

Das zeigt, dass das Leben ein Krankheitsbild / eine Störung komplett verändern kann! Ein Umstand der noch viel zu wenig Beachtung in unserer Literatur findet.

Dieses Desinteresse an der Psychotherapie älterer Menschen könnte durch folgende zwei folgende Punkte entstanden sein: Und hier rede ich ganz bewusst von der menschlichen Seite des Therapeuten und nicht derjenigen des Patienten—

    • Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass durch die Behandlung älterer Menschen auch die Betrachtungsweise auf die eigenen Schwierigkeiten (!) – also die des Therapeuten – anders betrachtet werden könnten.

Hat ein Patient zum Beispiel ein Bein gebrochen, denkt nicht jeder Arzt sofort daran, dass ihm das auch passieren könnte. Das Altern ist aber ein unausweichlicher Prozess dem keiner entgehen kann. Darum ist die Betrachtungsweise eines psychologische auffälligen Menschen im Alter eine andere.

(1) Therapeuten werden hierbei also mit Verlusten, Behinderungen und Kränkungen konfrontiert, denen sie sich mit hoher Sicherheit auch im eigenen Alter einmal selber auseinandersetzen müssten.

(2) Hinzu kommt, dass die oft nur sehr begrenzten therapeutischen Erfolge dieser psychisch auffälligen Menschen im hören Alter, für den Therapeuten selber eine „narzisstische Kränkung“ in Bezug auf seine Fähigkeiten sein können.

Schließlich ist er ja auch nur ein Mensch und lebt von inneren Erfolgen.

(2)     Veränderte Diagnosekriterien

Ein sehr wichtiger Grund, weswegen wir Menschen im höheren Alter nicht so schnell als Borderliner identifizieren ist seine veränderte Verhaltensstruktur. Ein Mensch mit 60 Jahren verhält sich einfach anders als ein Mensch mit 16 Jahren – das ist die Natur!

Da dem so ist, müssen logischerweise auch die Diagnose – Kriterien auf dieses veränderte Verhaltensmuster angepasst werden.

Der wohl größte Hauptunterschied ist das niedrigere EnergiepotenzialHierdurch müssen wir immer wieder im Hinterkopf behalten, dass Borderline–Patienten im Alter häufig nicht als solche erkannt werden. Deswegen sind die Statistiken die heute über die Häufigkeit dieser Persönlichkeitsstörung in unserer Gesellschaft heute existieren einfach zu ungenau! Die aktuell angegebene Zahl ist als viel zu niedrig anzusehen.

Ältere Borderline-Patienten haben eine ganz andere Symptomatik als jüngere Borderline-Patienten 

Die folgende Aufzählung von diesen deskriptiven Symptomen ist ein persönlicher Denkanstoß von mir und ist nicht einer Fachliteratur entnommen. Da es diese Fachliteratur in dem notwendigen Umfang noch nicht gibt bin ich hier auf das Betrachten von Einzelfällen und persönlichen Schlussfolgerungen angewiesen:

 

  • (2.1) Ein niedrigeres Energiepotential

      • Das Thema Sex und selbstzerstörerisches Verhalten hierbei ist bei älteren Borderline–Patienten, wenn überhaupt, nur extrem selten zu finden. 
      • Fremdaggressive Impulsdurchbrüche
      • Selbstverletzendes Verhalten
      • Essstörungen
      • Drogen-Missbrauch

All diese erwähnten Punkte treten im Alter wegen des naturgegeben niedrigeren Energiepotenzials deutlich seltener auf. 

Diese können aber von anderen, nicht weniger selbstschädigenden Verhaltensweisen komplett überlagert werden:

      • eine eigengefährdende Selbstmedikation
      • Die „Sabotage“ der medikamentösen Behandlung

(2.2.) Die Gefahr der Labilisierung

Ein weiteres Kriterium für Borderline im Alter ist die sogenannte Labilisierung. Sie ist das genaue Gegenteil einer Stabilisierung.

Menschen werden labil / instabil / dekompensieren aufgrund aufkommender körperlicher Behinderungen. Dabei meine ich noch nicht mal schwere Bettlägerigkeit. Sondern hierzu zählt bereits die körperliche Behinderung und  all die anderen Probleme welche mit dem natürlichen Alterungsprozess und dem allmählichen körperlichen Verfall zusammenhängen.

Oft werden Menschen beobachtet, die damit ein sehr starkes Problem haben, dass ihr Körper nicht mehr so leistungsfähig ist wie mit 20/30 Lebensjahren. Diese Menschen betrachten ihr körperliches Alter als „persönliche Kränkung“.

Ein gebrochenes Bein wird ja von außen erkannt und demjenigen wird von seiner Umgebung sofort eine geringere Mobilität zugebiligt. Die geringere Beweglichkeit oder Energie sieht man einem älteren Menschen aber nicht immer sofort an! Dadurch erscheint eine Alterungsdegeneration manchmal für die Patienten schlimmer als eine körperliche Krankheit.

Gerade Patienten mit einem idealisierten Selbst Objekt Bezug sind hiervon betroffen. Ein ständiges hinterherrennen von äußerer Schönheit kann im Alter nicht gut ausgehen. 

(2.3.) Ein „narzisstischer Ausgleich“ fehlt im Alter

Wir haben noch einen dritten Bereich der sich im Alter bei Borderline verändert. Viele Menschen haben in ihren jüngeren Jahren eine so genannte (Pseudo –) Stabilisierung erreicht und bedienten sich einem narzisstischen Ausgleich.

Im jüngeren Alter hatte man zum Beispiel einen tollen Beruf oder andere „Rollen“ (wie zum Beispiel den Sex) die alle dabei geholfen haben, die Persönlichkeit narzisstisch gewissermaßen „abzulenken“ / aufzuwerten.

Sind diese „Rollen“ nicht mehr da, dann schlägt bei diesen nun älteren Personen ihre Borderline–Störung vermutlich viel stärker durch.

(4.)   Die Folgen einer ineffektiven/nicht vorhandenen Borderline–Therapie im Alter

Eine Borderline–Störung ist nach aktuellem Verständnis nur durch eine Psychotherapie behandelbar. Da diese nie kurzzeitig sondern immer sehr langwierig ist, sind viele Krankenkassen hierzu nicht bereit die Kosten dieser chronischen Therapie langfristig zu übernehmen.

Aber Studien über Borderline im Alter zeigen, dass diese immer dringender notwendig wird! Und solange dieses Fachgebiet weiterhin verleugnet wird bleiben diesen älteren Patienten oft die Heim-Unterbringungen nicht erspart. Und das alles passiert trotzdem es andere Möglichkeiten gibt. Diese sind jedoch sehr aufwändig und damit sind wir wieder mal beim lieben Geld.

Was bleibt wenn Borderline im Alter nicht korrekt diagnostiziert wird?

(4.1)  Es sind die vielen älteren Patienten die dann als schizophren eingestuft werden und trotzdem eine hohe Tendenz zum Spalten aufweisen. Diese fallen durch ihre aggressiven Gegenübertragungsgefühle und einer starken Borderline-Struktur auf.

Das heutige Fehlen einer rechtzeitigen und angemessene Therapie führt zwangsläufig zu einer Verstärkung der psychotischen Symptomatik (Borderline-Störung auf psychotischen Niveau). Dies könnte klar durch eine früh einsetzende und passende Therapie deutlich reduziert werden!

 

(4.2.) Viele der bereits im jungen bis mittleren Alter delinquenten und straffälligen Borderliner werden ihre KNAST–Karriere noch bis ins hohe Alter fortsetzen. (Borderline –Störung auf narzisstischem Niveau).

 

(4.3.) Wenn eine Borderline–Störung in Verbindung mit Alkohol und Drogen nicht vernünftig behandelt wird, dann kann man kaum davon ausgehen dass in fortgeschrittenem Alter dieser Drogenmissbrauch nachlässt. Unter den chronischen Alkoholikern muss ein erheblicher Anteil an Borderline – Patienten zu finden sein.

Ich denke jetzt ganz spontan an die vielen Obdachlosen und die Menschen mit einer „schwierigen sozialen Entwicklung“ deren Borderline-Störung in höherem Alter nicht diagnostiziert wurde. (Borderline– Störung auf narzisstischen Niveau)

 

(4.4) Ältere Menschen, die permanent mit immer neuen psychosomatischen Krankheiten die Arztpraxen belagern sind ein weiteres auffallendes Phänomen. (Borderline –Störung auf psychosomatischen Niveau).

(4.5.) Bei der sehr hohen Selbstmordrate/Suizidrate bei Borderliner ist anzunehmen dass wohl mindestens jeder zehnte Borderliner ein höheres Alter gar nicht erreicht sondern sich im Laufe der Jahre selber umbringt.

 

(5)        Was hilft sich selbst zu stabilisieren?

Partnerschaften sind ein starker Anker

Es gibt eine Hilfe außerhalb einer Therapie die sowohl bei jungen Menschen und auch bei Menschen im höheren Alter hilft, sich ein wenig zu stabilisieren. Es wird immer wieder beobachtet das durch einzelne äußere Einflüsse – wie zum Beispiel eine Partnerschaft – ein Rückgang der oft dramatischen Borderline-Symptomatik erreicht wird.

Diese äußeren Einflüsse (nennen wir sie: „positive Einflüsse“) auf die menschliche Selbstwert – Regulation kann sehr stabilisierend wirken.

Wenn es einem Menschen mit einer Borderline-Störung gelingt, in langen Teilen seines Lebens (auch im Alter) diese „extreme siche Stabilisierung“ zu erhalten so können auch diese Menschen ohne starke Auffälligkeiten (psychiatrisch-deskriptive Auffälligkeiten) leben.

D.h. nicht, dass der Mensch dann total stabilisiert ohne jegliche „Borderliner – Symptome“ durch sein Leben geht!!! Denn wir kennen ja das zweite Kriterium aus dem DSM-5 über Borderline-Patienten:

Aber wir dürfen diese äußeren Einflüsse in ihrer Wichtigkeit auch nicht herunter reden. Durch eine äußere narzisstische Zufuhr (eine Beachtung von außen) kann der einzelne Borderliner tatsächlich eine stabilisierende Befriedigung erhalten.

Jetzt stell dir doch mal das Bild eines älteren Menschen mit einem streitsüchtigen Verhalten vor, der permanent die Gerichte in Atem hält:

      • „Wenn ihr Hund noch einmal in meinem Garten ist verklage ich sie sofort.“
      • „Hier dürfen sie nicht parken! Gleich rufe ich die Polizei.“

Dieses Ringen, dieses narzisstische streitsüchtige aggressive Ringen nach einem Gesehen werden von außen / einer Präsenz beim Gegenüber, kann das Symptom einer Borderline–Störung sein.

Schöner wäre es, wenn dieses Verlangen nach einem äußeren narzisstischen Zuspruch durch eine stabile Partnerschaft geschieht und nicht durch das heranzitieren von Polizei oder Gerichten.

Zu guter Schluss zu guter Letzt möchte ich noch einmal wiederholen was ich am Anfang gesagt habe: Es gibt aktuell keine großen Studien die das Thema Borderline im Alter kausal belegen!

Ich bin mit meinem Beitrag hier nur ein kleiner Teil von vielen Denkanstößen ohne jeden wissenschaftlichen Beleg.

Es ist und bleibt ein Denkanstoß, dass entsprechende Untersuchungen in Zukunft durchgeführt werden um diese erstaunlich selten gestellte Frage irgendwann einmal beantworten zu können:

„Wo sind sie, die Borderliner im Alter? Und wie leben Sie mit dieser Borderline-Störung im Alter?

 

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Worte wirken wie Medizin – Aber warum

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Unser Gehirn – warum wirken Worte?

Ich saß vor ein paar Jahren mal bei einem Zahnarzt und las dort im Wartezimmer eine medizinische Zeitschrift (Wissenschaft und Praxis“).

Ein Artikel fiel mir mit seinem speziellen Thema berufsbedingt natürlich sofort ins Auge: „Worte wie Medizin – Kommunikation mit ängstlichen Patienten“. 
Das zentrale Thema in diesem Bericht waren die Suggestionen, also die Beeinflussung des Menschen mit dem Ziel zu einem ganz bestimmten Verhalten oder eine Einstellung zu veranlassen.

Sehr intensiv wurde hier über den Nocebo-Effekt und den Placebo Effekt gesprochen. 
Nocebo-Effekt kommt von dem lateinischen nocere = „Schaden zufügen. Ich werde Schaden verursachen.“ 
Placebo kommt auch aus dem lateinischen und heißt: „Ich werde gefallen“. Es wirkt wie ein Scheinmedikament, weil es häufig keinen Arzneistoff und damit auch keine wirkliche pharmakologische Wirkung haben kann. Aber es bewirkt eine innere Haltung! Eine positive Veränderung des Gesundheitszustandes.

Meine Neugier war geweckt und ich begann mich seitdem sehr intensiv mit der Frage zu beschäftigen, wieso Worte auf unser Gehirn so stark wirken.

In meinen persönlichen Nachforschungen stieß ich dann auf den medizinischen Nobelpreis aus dem Jahre 2000. In diesem besonderen Jahr hatte ihn Eric Kandel erhalten.

Eric Kandel (Jahrgang 1929) ist ein österreichisch, amerikanischer Psychiater, Physiologe, Neurowissenschaftler.

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er mit zehn Jahren alleine mit seinem älteren Bruder auf einem Schiff nach Amerika fliehen – seine Eltern kamen erst ca. 1 Jahr später nach.
Dort in den Staaten wuchs er bei seinen Großeltern auf und begann – auf Anraten seines Mentors – Neurowissenschaften und Psychoanalyse zu studieren.

Sein Ziel war es herauszufinden warum Menschen — die an dem einen Tag ganz normal sind dann am anderen Tag ein komplett anderes, sich widersprechendes Nazi–Denken an den Tag legen können.

Was er im Laufe der Jahrzehnte an Antworten herausfand, kann man mit „spektakulär“ kaum besser beschreiben.

(2) unser Gehirn verändert sich permanent molekular  

Der wohl interessanteste Satz von ihm war und ist:
Nach diesem Gespräch werden sie und ich ein anderes Gehirn haben als vorher!

Dies kommt dadurch, weil sich Gedanken und Erinnerungen in den Neuronen festsetzen.  Anschließende anatomische Veränderungen sind dann das Fundament für die Speicherung von Erinnerungen.“

Früher glaubte man, dass unser Gehirn eine Festplatte sei, wie wir sie auch im Handel heute kaufen können: festgelegt auf eine gewisse Größe. 
Wie kam man darauf? Nun, man nahm an, dass die circa 100 Milliarden Neuronen jeweils den Speicher für eine einzelne Informationseinheit darstellen. Eine Zelle speichere ein Bit.

Bei einer Zellenanzahl von 100 Milliarden Gehirn-Zellen spricht man also von einer Speicherkapazität von ca. 100 Gigabit. Das wäre dann weniger als eine PC Festplatte heute speichern könnte.

Wenn dies so wäre, ist der Mensch dann bereits im Hintertreffen, wenn es um den direkten Vergleich mit den aktuellen Speichermedien geht?

Nein, eher das Gegenteil ist der Fall!!! Denn der Mensch kann sich an viel mehr Erinnerungen erinnern als er es mit 100 Giga Bit überhaupt können dürfte.

Kurz zusammen gefasst, was Eric Kandel herausfand: 
Das Gehirn kann bis zu 1000 mal mehr (vielleicht sogar noch mehr) an Informationen speichern als man bislang angenommen hatte – wir reden hier von der Möglichkeit, ca. 100 Terrabyte an Daten speichern zu können – und auch das ist nur vage formuliert. Forscher haben sich bereits dahingehend geäußert, dass das Gehirn wahrscheinlich unbegrenzt Daten speichern kann!

Wie kommt man auf solch starke Aussagen? Man hat herausgefunden, dass nicht im Neuron die Informationseinheit sitzt.

Eric Kandels Arbeiten haben gezeigt, dass ein Neuron bis zu 1000 Synapsen bilden kann. Dieses Bilden von Synapsen ist die Grundlage allem Speichern von Informationen.

Wenn das stimmt, was Eric Kandel herausgefunden hat, dann haben wir noch viele Jahre Vorsprung vor dem Computer.

Zu dem gigantisch größeren Speicherplatz als heute handelsübliche Speichermedien bieten, gibt es noch zwei weitere gravierende Unterschiede zwischen dem menschlichen Gehirn und z.B. dem Gehirn aus dem Tierreich:

(1) Sprache:

Menschen haben sprachliche Fähigkeiten an welche die Tiere bei weitem nicht herankommen. Auf der einen Seite sehen wir zwar, wie Delfine, Wale und andere Säugetiere miteinander kommunizieren; auch Vögel singen permanent Lieder. Aber im Vergleich zu den kulturellen Möglichkeiten des menschlichen Gehirns ist das nicht vergleichbar.

Wir Menschen haben eine kulturelle Entwicklung und bauen darauf auf. Das können Tiere nicht bewerkstelligen.

(2) Einfühlungsvermögen

Diese Eigenschaft, sich während eines Gespräches zumindest teilweise in den anderen hineinzuversetzen, ist den Tieren sehr fremd. Man sieht dies ansatzweise nur zum Beispiel bei ein paar höher ausgestatteten Primaten.

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Schauen wir uns einmal die Arbeiten und Forschungen von Eric Kandel genauer an.
Was passiert im Gehirn beim Lernen?

Eine Nervenzelle besteht aus 3 verschiedenen Teilen

      • Aus dem Zellkörper mit den beiden Fortsätzen:
        • die Dentriten.
        • und dem Axon.

Diese 3 Teile bilden das Neuron. Die Gehirn-Nervenzelle kann im Unterschied zu den anderen Nervenzellen, elektrische Impulse sowol erzeugen als auch weiterleiten.

Der Unterschied von den beiden Fortsätzen ist:

Die Dentriten sind die „kurzen Fortsätze“ des Neurons. Sie empfangen Signale von außerhalb / also anderen Zellen und geben diese in Richtung Zellkörper weiter.

Die Axiome sind die „langen Fortsätze“ des Neurons und leiten die Informationen vom Zellkörper genau in die andere Richtung – raus zu den Endigungen – den Endknöpchen.

Diese Gehirnzelle kommuniziert nun mit anderen Zellen. Nehmen wir mal eine weitere Zelle die von diesem Neuron jetzt eine Informationen erhält.

Zwischen diesen beiden liegt jedoch ein Spalt – die Synapse.
Die Synapse ist genau die Stelle, über welche eine Verknüpfung zu einer anderen Zelle besteht um mit ihr zu kommunizieren.

Nun macht sie dies aber nicht mit Hilfe von elektrischen Signalen, sondern indem sie

      1. den elektrischen Impuls in chemische Neurotransmitterstoffe umwandelt
      2. Diese wandern dann über den Spalt in die andere Zelle.
      3. Dort werden sie dann in einen elektrischen Reiz umgewandelt und laufen dann weiter.

Warum dies so umständlich bei jeder Synapse passiert, war lange Zeit den Hirnforschern unbekannt. Führt es doch eher zu massiven Verzögerungen in den Datenübertragungen…

Die Forschungen von Eric Kandel haben die Antwort auf diese Fragen gefunden und damit eine Tür von gigantischer Bedeutung in der Hirnforschung geöffnet:

Diese Frage nach dem Warum gibt es Synapsen?“ und „Warum werden Informationen im Gehirn nicht rein elektrisch und damit ökonomischer / schneller transportiert“ wurde eher durch einen Umweg beantwortet.

Eric Kandel Forschungsfrage war nämlich folgende: 

    • „Wie verwandelt sich eine Kurzzeit-Erinnerung in eine Langzeit-Erinnerung?“
    • „Was passiert im Gehirn, wenn eine Erinnerung lebenslang gespeichert wird?“

Er fand heraus, dass sich die Synapsen bei der Entstehung eines Kurzzeitgedächtnisses anatomisch nicht (!) verändern – ihr Aufbau blieb stets derselbe. Alle Veränderungen beim Nutzen des Kurzzeitgedächtnisses finden nur auf biochemischer Ebene in der Zelle statt.

Wenn man aber durch andauerndes, wiederholtes Training nun ein Langzeitgedächtnis produziert, dann (!) beginnen neue synaptische Verbindungen zu wachsen. 

Die Neuronen im Gehirn sind darauf programmiert, einen Partner zu finden um mit ihm in Kontakt zu treten. Ihre ureigenste Aufgabe ist es, neue Synapsen zu formen, um über diese dann Informationen zu übertragen.

Dieses Übertragen von Informationen geschieht, indem die Nervenzelle Fortsätze in alle Richtungen beginnen wachsen zu lassen. Sie sind permanent auf der Suche nach einem weiteren Partner und hören nicht eher auf, bis sie einen finden.

Hat das Neuron dann einen neuen Partner gefunden, bildet es auch sehr schnell seine Fortsätze an diesen Partner. An diesen neuen Fortsätzen kann man unter dem Mikroskop dann ein Anschwellen beobachten. Solch eine Anschwellung wird Varikosität genannt. Das ist dann später die Synapse.

Und genau hier findet dann der Informationstransfer zwischen den Gehirnzellen / den Neuronen statt.

Eric Kandels Arbeiten haben gezeigt, dass die chemische Synapse der Schlüssel zum Verständnis des Gedächtnisses ist.

Die chemische Synapse ist nicht fest / sie ist nicht statisch. Vielmehr ist sie plastisch / also formbar. Sie ist durch Aktivität veränderbar.

Beim Kurzzeitgedächtnis, wenn man das System nur einmal anregt, werden – nach heutigem Wissen – einfach mehr Transmitter ausgeschüttet – wir sprechen hier von einer reinen chemischen Reaktion. 

Beim Langzeitgedächtnis hingegen werden zusätzlich noch die Gene aktiviert. Dieses Aktivieren bewirkt, dass dadurch neue synaptische Verbindungen wachsen.

Eine schon vorhandene Synapse

      • bildet weitere Knospen
      • und diese Formen dann ganz neue Synapsen.

Das ist die strukturelle Veränderung, wenn wir lernen. Das ist LERNEN!!!

Das Kurzzeitgedächtnis ist nur auf die Synapse und ihre chemische Reaktion beschränkt. Beim Langzeitgedächtnis kommt, wie gesagt, auch der Zellkern ins Spiel.

Das „Spiel“ hierbei ist wirklich faszinierend.

      • Am synaptischen Spalt wird nun ganz häufig Serotonin übertragen
      • In der Nachbarzelle wird dies registriert und es entsteht ein weiterer Botenstoff cAMP (cyclisches Adenosin-Monophosphat)
      • Wenn nun das Serotonin nicht nur einmal sondern mindestens im Faktor 10x (laut Eric Kandel) den Spalt überquert, passiert der nächste Schritt:
      • Ein anderes Protein (CPEB – cytoplastismic polyadenylation element binding protein) kommt aus seiner „Lauerstellung“ heraus und wird auf einmal ganz aktiv und möchte eine neue Synapse erstellen
      • Die Bauanleitung liegt jedoch nicht in der Synapse, sondern in den Genen die sich im weit entfernten Zellkern befinden und nun „geholt werden müssen“.
      • Der Botenstoff (cAMP) macht sich nun auf den Weg zum Zellkern.
      • Im Zellkern trifft er auf seinen Helfer: CREB – cyclic AMP response element binding protein
      • Dieser packt nun die Bauanleitung auf die cAMP und die wandert wieder zurück zur Synapse, wo dann der Bau einer neuen Verbindung beginnt.

Schauen dir das mal in einem 30 Sekunden-Film auf der Seite kurz an.

Hier sehen wir die Boten – RNA, die im Zellkern produziert dann ausgeschüttet und in den Axonen hinunter transportiert wird.

Dieser helle Partikel, der sich das Axon hinunter bewegt, ist ein Bündel von Anweisungen für den Proteinbau.

Die Synapse verwendet dann ihre lokalen Mittel, um ein neues Protein herzustellen.

Ziel dieses ganzen, dieses Transports von Proteinen und Botschaften im Axon, all das hat nur einen einzigen Zweck: Das produzieren von neuen Verbindungen als Endprodukt. Das ist lernen!

All das zeigt, dass wir die Psychiatrie in einem ganz anderen Licht sehen sollten. 

      • Alle Prozesse im Gehirn beruhen tatsächlich auf biologischen Ursachen.“
      • Worte sind Veränderungen in unserem Gehirn
      • Worte sind mächtiger als wir uns das vorgestellt haben
      • Worte sind Medizin – Fluch und Segen zugleich.

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