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Borderline

Borderline und kPTBS – Der stille Borderliner?

kPTBS – die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung Personen mit einer Borderline Diagnose erzĂ€hlen oft und hĂ€ufig von körperlichen, psychischen Gewalt und / oder sexuellen Traumatisierungen in ihrer Vergangenheit. 

Kriterien fĂŒr die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und BorderlineAnfĂ€nglich in der medizinischen Geschichte wurde solchen Aussagen von den Ärzten kaum Beachtung geschenkt. Ganz im Gegenteil: Es wurde sogar aktiv angezweifelt, dass eine traumatische Vergangenheit ĂŒberhaupt einen Einfluss auf die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung haben könnte.  Inzwischen wird aber immer deutlicher, dass die gewaltige Zahl an kindlichen Traumatisierungen bei ĂŒber 50 % bis 80 % der Borderliner in einer Anamnese nicht mehr ĂŒbersehen werden kann und darf. Hinzu kommt, dass ĂŒberdurchschnittlich viele Borderline – Patienten von sexuellem Missbrauch in ihrer Kindheit berichten! Das alles lĂ€sst zumindest fĂŒr Borderline einen Trauma-Ursprung klar vermuten.

Als das dann im Laufe der Zeit immer klarer, wurde fiel man teilweise sogar in das andere Extrem: 
Dann auf einmal wurde darĂŒber diskutiert, den Begriff Borderline generell durch den der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (KPTBS) zu ersetzen – weil Trauma in der Anamnese praktisch immer vorkam. Dies geschah jedoch nur eine kurze Zeit! Heute wissen wir, dass die Traumatisierungen in der Entwicklung von Borderline zwar wichtig aber grundsĂ€tzlich nicht zwingend sind.

All diese unterschiedlichen Ergebnisse zeigen uns aber immer klarer, das wir stĂ€rker nach dem Zusammenhang zwischen einer Traumatisierung und Borderline (hier ganz besonders in der Kindheit und Jugend) forschen mĂŒssen. 

Trauma in der Kindheit (1) Die Folgen 

Immer wieder beobachten wir, dass die gleiche Situation fĂŒr den Einen traumatisierend sein kann 
 fĂŒr den anderen ist sie jedoch nur eine harmlose Episode 
 und zwar so harmlos das in dieser Situation fĂŒr ihn bereits einfache BewĂ€ltigungsstrategien genĂŒgen. Das macht die Beschreibung eines Traumas jetzt nicht gerade einfacher, sondern eher deutlich komplexer.

Darum ist es sinnvoll,

      • sich zuerst einmal auf tatsĂ€chliche / objektive Kriterien eines Traumas zu konzentrieren, diese dann zu beschreiben,
      • um sie dann von den subjektiven Rahmenbedingungen unterscheiden zu können.

Und genau das ist jetzt einfacher gesagt als es in der Wirklichkeit so ist – denn es gibt nĂ€mlich nicht so viele konkrete / objektive Kriterien fĂŒr ein Trauma! Eines der wenigen objektiven Kennzeichen wird im DSM und dem ICD als eine „Bedrohung der körperlichen IntegritĂ€t“ beschrieben. Aber leider ist das fĂŒr die Praxisarbeit noch nicht ausreichend genug um die gesamte Diskussion darĂŒber, ob Borderline nun eine komplexe Traumafolgestörungen ist oder nicht, ausreichend zu beschreiben. Und beschreiben mĂŒssen wir es ja, denn ohne eine klare Definition kann ein Trauma nicht verstanden und therapiert werden! GrundsĂ€tzlich können wir mal folgende  Aussage in den Raum stellen: 
Nicht jede Borderline – Persönlichkeitsstörung ist eine Traumafolgestörung! Erst recht nicht, wenn wir einzig und allein die Definition des DSM und der ICD fĂŒr ein Trauma nehmen.

Welche Traumatisierungen fehlen dann noch? Es fehlt die große Gruppe der Entwicklungstraumatisierungen in Form von wiederholter psychischer, körperlicher und leider auch sexueller Gewalt, die an den wehrlosen Kindern verĂŒbt werden. Diese Entwicklungstraumatisierungen sind in den Trauma-Kriterien nach dem DSM und dem ICD explizit NICHT enthalten, und dass, obwohl genau diese Patienten den wohl grĂ¶ĂŸten Teil derjenigen in den Praxen ausmachen die verzweifelt nach einem Termin und nach professioneller Hilfe suchen. Das alles ist von wirklich großer Wichtigkeit, wenn wir ĂŒber Trauma-Heilung bei einer Persönlichkeitsstörung sprechen.

Auch sollte man sich fragen,

      • ob z.B. sexuelle Gewalt gegen ein Kind, nicht auch ebenso stark eine Bedrohung der körperlichen und psychischen IntegritĂ€t darstellt
      • und warum dann diese Bedrohung nicht genauso klar und deutlich zu den objektiven Kriterien einer Traumatisierung gehört.

Nimmt man das alles nun ernst, dann muss man logischerweise auch die Definition von Trauma im Kindesalter um all die gemachten Erfahrungen von psychischer Gewalt und VernachlÀssigung ausdehnen.

Diese Denke ist nicht neu
 Sie hat sogar eine eigene Geschichte in der Psychoanalyse. Wir kennen sie z.B. von der Londoner Schule rund um den Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby. Hier wurde bereits in den 1950er Jahren bei den sich wiederholenden / repetitiven BindungsschĂ€digungen bereits von „sich immer weiter steigernden / kumulativen Trauma“ gesprochen.

Dies ist jedoch keine Einzelaussage eines engagierten Forschers. Dies wird durch viele weitere neurobiologische Studien bestĂ€tigt, die alle eines zeigen: welch große SchĂ€den „Attachments Trauma“ oder „relational Trauma“ in dem verletzbaren kindlichen Gehirn hinterlassen. 

Solche frĂŒhen SchĂ€digungen vernarben dann und sind bis ins hohe Erwachsenenalter nachweisbar. 

Was machen wir jetzt mit diesem Wissen?

 1.1 Eigentlich mĂŒsste nun doch alles klar sein, und der Begriff Trauma kann neu definiert werden 
.

Aber viele Ärzte und auch Forscher lehnen eine solche Begriffserweiterung des Traumas kategorisch ab. Warum? Weil ich dann zu praktisch allem / beinahe inflationĂ€r sagen kann: „Er / Sie / Ich wurde traumatisiert
.“ „Traumatisiert sein“ wird dann zu einem ganz alltĂ€glichen Begriff wie z.B.

      • „Dies ist besonders schwer ertrĂ€glich,
      • Es ist einfach nicht zu verarbeiten,
      • Es ist bis heute noch sehr belastend“.

Und ja, der Trauma–Begriff, der auch die Bindung – und BeziehungsschĂ€digung in der Kindheit und Jugend einbezieht, ist tatsĂ€chlich nicht eindeutig begrenzbar. Wir befinden uns in einem echten Dilemma! ….  Was wir brauchen ist eine Begriffserweiterung – aber genau das stellt gleichzeitig eine BĂŒchse der Pandora dar: eine Inflation des Trauma-Begriffes. 

Vielleicht könnte man dieses Dilemma lösen, indem man neurobiologische Forschungen mit in die Diagnose hineinnimmt.

Durch solche Befunde könnte man z.B. deutlich klarer abgrenzen,

      • welche Traumatisierung anschließend
      • welche nachweisbaren SchĂ€digungen verursacht.

Das wĂ€re mal ein erster Schritt. Anschließend könnte man dann mit diesen Erkenntnissen neue Konzepte, Begriffe und Metaphern fĂŒr ein Trauma entwickeln. 

1.2 Die Abwesenheit der Eltern

Was sagt denn die Zahlenlage? Auf der Suche nach konkreten und auch belastbaren Zahlen von schwerer VernachlĂ€ssigung im Kindesalter sieht man sich in Deutschland allein auf weiter Flur
 Genaue Zahlen habe ich hierzu nicht gefunden. 
Anders in den Vereinigten Staaten! Studien zeigen, dass hier bis zu 5 % aller Kinder von „Neglect“ (VernachlĂ€ssigung) betroffen sind und sie zeigen auch dass dies die hĂ€ufigste Form von Kindesmisshandlung ĂŒberhaupt ist.

Eine spezielle und nicht zu ĂŒbersehende Form von VernachlĂ€ssigung ist

      • die „andauernde Nicht–VerfĂŒgbarkeit /
      • beziehungsweise die dauerhafte emotionale Abwesenheit“
        der wichtigsten Bezugspersonen.

Z.B., wenn die Eltern Alkohol– oder DrogenabhĂ€ngig sind oder die wichtigste Bezugsperson selber an einer schweren psychischen Erkrankung (z.B. einer Psychose) leidet und dem Kind dann logischerweise nicht ausreichend Aufmerksamkeit und/oder Zuwendung schenken kann.

Und hier brauchen wir nicht herum diskutieren: Es ist bis nĂ€mlich wirklich gut belegt, dass eine dauerhafte VernachlĂ€ssigung in dieser empfindsamen / verletzbaren Entwicklungsphase der Kinder zu sehr schweren FolgeschĂ€den fĂŒhren kann.

Verhaltensexperimente mit gesunden (!) Kleinkindern zeigen, dass die Abwesenheit der nĂ€chsten Bezugsperson in einer fremden Umgebung mit starker Angst beantwortet. Wenn dies bei gesunden / nicht auffĂ€lligen Kleinkindern passiert, dann passiert dies deutlich hĂ€ufiger bei denen die bereits auffĂ€llig sind! Diese Reaktion der Kinder basiert auf der natĂŒrlichen Tatsache, dass sie in freier Natur ohne ihre Mutter in akuter Lebensgefahr schweben (Hier sprechen wir von der Vernichtungsangst der SĂ€uglingen).

Die Verlassenheitsangst eines kleines Kindes ist also eine Realangst die wir niemals ĂŒbersehen dĂŒrfen! Entsprechend verletzbar sind diese Erlebnisse fĂŒr das Kind, wenn sie immer wieder und auch ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum passieren. Eine immer wieder verunsichernde oder auch fehlende Beziehung durch selber schwer belastete Eltern oder durch stĂ€ndig wechselnde Bezugspersonen sind fĂŒr das Kind nun mal extrem belastend. All das verhindert, dass das Kind ausreichend stabilisierende Erfahrungen von liebevoller Spiegelung durch das GegenĂŒber machen kann.

Diese fehlende Sicherheit versetzt es dann in einen andauernden Spannungszustand und es reagiert darauf mit unorganisierten Affekten und einem von außen nicht mehr nachzuvollziehenden Bindungsverhalten (typisch Borderline halt F60.30 und F60.31)

Ähnlich hohe Zahlen wie fĂŒr die VernachlĂ€ssigung finden wir bei körperlicher Gewalt wie es z.B. durch anschreien, beschimpfen, demĂŒtigen und entwerten erfolgt. Den armen Kindern und Jugendlichen wird durch Herabsetzungen, lĂ€cherlich machen, einschĂŒchtern oder ignorieren vermittelt,
– Du bist völlig wertlos, ungewollt und damit „zu Recht“ ungeliebt.

In der Dialektisch – Behavioralen Therapie (DBT) nennt man dies eine permanente „Invalidierung“ des Kindes: Und ja, oft sind diese Menschen spĂ€ter tatsĂ€chlich psychisch „Invalide / Krank / bis hin zur ErwerbsunfĂ€higkeit“.

Durch diese psychische Gewalt entwickelt sich eine massive Störung der emotionalen Bindung an die Bezugspersonen – und als Resultat erfolgt dann:

      • Ă€ngstliches Verhalten, Misstrauen, RĂŒckzug oder AufsĂ€ssigkeit, also Schwierigkeiten in Beziehungen generell.
      • Und eine dauerhafte starke Verunsicherung in Bezug auf den Selbstwerts und die FĂ€higkeit sich abzugrenzen.

Jetzt wird das Kind Ă€lter – wĂ€chst heran zum Erwachsenen. Kann man hoffen, dass sich diese „Störung“ irgendwie im Alter herauswĂ€chst? Nein! Diese Hoffnung ist so gering, dass wir sie praktisch vernachlĂ€ssigen können. Die Betroffenen bleiben dauerhaft vorgeschĂ€digt und als Erwachsener extrem verletzbar / wir nennen das Vulnerabel. Vulnerabel und anfĂ€llig fĂŒr all die Dysregulationen welche wir beim Borderliner sehen.

Wie entsteht Borderline?

Was ist die Hauptquelle fĂŒr diese schwere emotionalen Belastungen? 
HÀufig entstehen sie konkret durch Probleme in den engen / dyadischen zwischenmenschlichen Beziehungen zum Beispiel bei Konflikten und Trennungen vom Partner oder am Arbeitsplatz. Und HÀufig zeigen sich bereits in der Adoleszenz / der PubertÀt sehr deutliche Zeichen einer Persönlichkeitsstörung. 

Seien wir uns aber immer darĂŒber im Klaren: Diese Störungsbilder sind immer nur die BewĂ€ltigungsversuche oder Reaktionen auf die durch das Trauma entstandene Problematik. Sie sind nicht willentlich einstudiert, sondern sie sind der Versuch des Überlebens in einer traumatisierenden Umgebung

Teil (2) Trauma oder Borderline – Ist das fĂŒr eine Diagnose wichtig?

Liegt bei einem Borderliner zusĂ€tzlich noch die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) vor, dann kann man recht sicher auch von einer Trauma-Ursache fĂŒr das Störungsbild „Borderline“ ausgehen! Das hört sich zwar logisch und zwangslĂ€ufig an, muss aber aktuell immer noch ausdrĂŒcklich erwĂ€hnt werden – damit es in den Köpfen der Therapeuten auch fest verankert ist!

Typische bei den Betroffenen ist hier das immer wieder Durchleben der traumatischen Situation zum Beispiel in Form von Intrusionen (also den nicht gewollten Erinnerungen) oder AlbtrĂ€umen. Und tatsĂ€chlich haben wir eine riesige Überschneidung zwischen der Diagnose Borderline und PTBS: Wir haben hier KomorbiditĂ€tsraten (Begleiterkrankung) von ĂŒber 60 %.

Weitere Überschneidungen sind z.B.

      • Angststörung
      • depressive Störung
      • und Dissoziative Störungen.

Teil 2.1 Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (KPTBS)

Gleich vorneweg: Wir sollten stets eine Unterscheidung machen zwischen Borderline mit einer PTBS und denen ohne begleitende PTBS.

Das ist in zweifacher Hinsicht wichtig:

      1. aus neurobiologischer Sicht
      2. aber auch aus der Praxis heraus!

Warum ist dies so wichtig? Nun, Patienten mit einer Borderline – Persönlichkeitsstörung die auch noch an einer komorbiden PTBS leiden, sind deutlich komplexer in der Behandlung als diejenigen ohne diese Zusatzbelastung! Was wir brauchen ist ein praxisbezogener Vorschlag, um eine Differenzialindikation zu stellen / um spĂ€ter dann zu unterscheiden, welche (!) traumatherapeutische Therapie bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen angeboten werden kann. Bislang sprechen wir ja von Traumatherapie als eine Einheit


Wir brauchen also so etwas wie eine eigene Diagnose-Kategorie / Diagnose-Abstufung fĂŒr die vielen typischen aber auch sehr unterschiedlichen Symptomen die wir nach den kindlichen Traumatisierungen so alle sehen.

Die Narben der Gewalt - Judith HermannEine Pionierin auf diesem Gebiet veröffentlichte im Jahre 1976 veröffentlichte ein wirklich wegweisendes Buch fĂŒr die Behandlung schwerer Traumen mit dem deutschen Titel: „die Narben der Gewalt“. Es handelt sich hierbei um die amerikanische Traumaforscherin Judith Hermann. 
Sie entwickelte eine heute immer noch aktuelle Einteilung der Folgen von Traumatisierungen durch sexuellen Missbrauch, VernachlĂ€ssigung und Misshandlung in der Kindheit. Sie war praktisch die erste die z.B. die Bezeichnung „komplexe posttraumatische Belastungsstörung“ vorschlug um das Problem einmal aus dem diffusen Nebel heraus zu holen und klarer einzugrenzen.

kPTBS die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung 6D41Dieses Bild der K-PTBS zeigt sich – nach ihren Beobachtungen – in folgenden Merkmalen:

      • Störungen der Affektregulation
      • Dissoziative Symptome
      • Eine gestörte Selbstwahrnehmung
      • Störungen der SexualitĂ€t und Beziehungsgestaltung
      • Somatoforme Körperbeschwerden
      • VerĂ€nderungen von Glaubens–und Wertvorstellungen

Dieses Konzept der K-PTBS wurde dann spĂ€ter rund um Judith Hermann und Bessel van der Kolk ausgearbeitet. Nach sehr ausgedehnten Praxis-Studien wurde anschließend die Empfehlung ausgesprochen, die K-PTBS unter dem Akronym DESNOS (Disorders of Extreme Strees not Otherwise Specified) als diagnostische Kategorie in das DSM aufzunehmen – der Ritterschlag fĂŒr diese Studien. 
Der DSM ist nĂ€mlich das „Diagnostic an Statistical Manual of Mental Disorders“ Das Klassifikationssystem / die Bibel / der Heilige Gral der Psychiatrie. Es wird seit 1952 von der APA herausgegeben. 
Der Begriff DESNOS wird im amerikanischen Sprachraum gleichgesetzt mit dem Begriff K-PTBS.

Wenn ein Patient nun mit einer K-PTBS diagnostiziert wird, dann hat dies auch eine direkte Auswirkung fĂŒr die weitere Behandlung: Durch diese gezielte Diagnose können anschließend auch gezielte stabilisierende und ganz besonders auch Ressourcen-fördernde Maßnahmen eingesetzt werden. All das hatte man vorher nicht so klar „auf dem Schirm“.

Wie kann man z.B. eine K-PTBS ermitteln?

Nun, ebenso wie jede Therapie nach einer klaren Struktur durchgefĂŒhrt wird, so muss zuerst auch die Diagnose strukturiert durchgefĂŒhrt werden – ansonsten wĂ€re ja bereits das Fundament brĂŒchig. In diesem Falle bedient man sich des I-KPTPS. Dies ist ein strukturierter Interview-Katalog in welchem durch klare Fragen dann die Antworten des GegenĂŒbers ausgewertet werden. Solch eine umfangreiche Diagnose – er beinhaltet ĂŒber 40 Fragen mit weiteren Zusatzthemen – zeigt auf, das die Probleme durch die K-PTBS extrem unterschiedlich bei den Betroffenen ausfallen können.

Und genau diese Vielfalt an Beschwerden begreift ein Außenstehender oft erst nachdem man diese sichtbaren Symptome – welche die Außenwelt fĂ€lschlicherweise als Störung bezeichnet – nun richtigerweise als Anpassungsstrategie und BewĂ€ltigungsmuster von Regulationsdefiziten, Ängsten und traumatischen Erfahrungen erkennt.

Aus der Betroffenen-Sicht wirkt die Umwelt – gerade wegen der erlebten Traumen – nĂ€mlich total unsicher. FĂŒr ihn lauern ĂŒberall die tödlichen Gefahren.

Hierzu ein Beispiel aus der Somatik: 
Ein Tumorpatient – der bereits stark in seinen Ängsten beansprucht wurde – reagiert auf kleine und vielleicht harmlose Schmerzen oft mit der Angst vor einem Rezidiv. Diese Angst ist fĂŒr ihn dann natĂŒrlich mehr als ĂŒberwĂ€ltigend, weil er das GefĂŒhl hat, das alles ĂŒberhaupt nicht mehr alleine bewĂ€ltigen zu können. Wegen dieser negativen Erfahrungen ist es dann auch klar, dass sich dadurch immer stĂ€rker Misstrauen, Ängste, Kontakt – und Beziehungsschwierigkeiten bei den Betroffenen entwickeln. Das kann sich dann so sehr steigern und praktisch Lebensbereiche umfassen, dass sie als schwere psychische Erkrankung / oft sogar als Persönlichkeitsstörung von Außenstehenden wahrgenommen werden. 

Teil (2.2) Überschneidungen bei Borderline –und der K-PTBS.

Zwischen Borderline und der K-PTBS gibt es sehr viele Überschneidungen – was eine Unterscheidung etwas komplexer aber nicht unmöglich macht. Bei einer Meta-Studie wurden diese DiagnoseĂŒberschneidungen einmal gezielter untersucht, mit dem Ziel diese irgendwie voneinander abzugrenzen – falls das ĂŒberhaupt möglich ist. 
Das Ergebnis:
80 % der diagnostizierten Borderliner erfĂŒllten gleichzeitig die Diagnose-Kriterien fĂŒr Borderline UND einer komplexen PTBS. Fast alle (96 %) der Borderline–Patienten berichteten ĂŒber traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit, wie z.B. VernachlĂ€ssigung, körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. Diese Daten wurden erhoben mit dem TAQ (Traumatic Antecedents Questionnaire – Dem Fragebogen zu traumatischen Vorgeschichten).

Diejenigen, welche die Kriterien einer K-PTBS erfĂŒllten, berichteten deutlich hĂ€ufiger von sexuelle Traumatisierungen (23 % versus 48 %) und körperliche Gewalt Erfahrungen (50 % versus 70 %),

Was sagt uns das? Es zeigt uns, dass die Diagnose einer K-PTBS deutlich hÀufiger

      • mit Traumatisierungen in der Kindheit nach der Beschreibung eines Traumas durch den DSM und ICD in Verbindung steht
      • als z.B. bei einer Borderline Diagnose.

Und was ist jetzt richtig? 

Die Diagnosen Borderline und K-PTBS ĂŒberschneiden sich so hĂ€ufig, dass es praktisch unmöglich ist, sie durch reine Statistiken voneinander zu unterscheiden. 
In einer Diskrimininanz-Analyse konnte man zumindest die beiden Variablen

      • „intensive GefĂŒhle von Ärger“
      • und „und stabile Beziehungen“
        mit 95 % als deutliche Zeichen einer Borderline – Persönlichkeitsstörung erkennen. Und solch eine Aussage passt auch gut zu dem was in der klinischen Praxis zu beobachten ist: 

        dass ein Borderliner viel hÀufiger im zwischenmenschlichen Bereich seine Affekte auslebt und dadurch mit Problemen in Kontakt kommt.

Teil (3) K-PTBS und Borderline: Eine Störung aber zwei Gesichter

Kriterien fĂŒr Borderline nach ICD10Wenn es so viele Überschneidungen gibt, dann liegt der Verdacht nahe, dass beide Diagnosen eine gemeinsame, durch Trauma ausgelöste Ursache haben.

Genau diesen Vorschlag machten verschiedene Forscher, die sowohl bei sexuell traumatisierten Frauen als auch bei Kriegsveteranen – zwei ganz unterschiedliche Typen einer PTBS vorfanden:

      1. die externalisierende und
      2. die internalisierende PTBS.

Mal wieder zwei Fachbegriffe:

      • Externalisierend
      • Internalisierend


Internalisierendes Verhalten bedeutet:

      • Fast nur auf das eigene Selbst gerichtetes Handeln
      • unsicheres, depressives, Ă€ngstliches, reizbares Verhalten und auch ein sozialer RĂŒckzug
      • Das Risiko fĂŒr die Entwicklung von Angststörungen und Depression, Einsamkeit, und Selbstwertproblemen
      • Diese Menschen fallen wenig er auf und werden deshalb auch hĂ€ufiger ĂŒbersehen
      • Internalisierende Symptome entsprechen depressiven Reaktionen, Selbstverletzungen, Dissoziative Symptome und auch Ă€ngstlichem Vermeidungsverhalten oft von sozialem RĂŒckzug begleitet.

Externalisierendes Verhalten

      • Hypermotorik, Unruhe, „sensation seeking“, verbale/körperliche Aggression, emotionale AusbrĂŒche, Probleme mit der Impulskontrolle (“sie explodieren leicht”)
      • Hohes Risiko fĂŒr die Entwicklung von ADHS, Verhaltensstörungen und DissozialitĂ€t
      • In ihrem Verhalten fast nur nach außen gerichtet, Sie fallen schnell auf, finden schnell die Aufmerksamkeit von Eltern, Lehrern und auch bei Erwachsenen in der nĂ€heren Umgebung
      • Externalisierende Symptome sind durch ImpulsivitĂ€t, Substanzmissbrauch und CharakterzĂŒge einer Cluster – B – Persönlichkeitsstörung gekennzeichnet.

Borderline externalisierend kPTBS internalisierendBorderline wĂŒrde man darum eher als externalisierende Variante einer komplexen Traumafolgestörung verstehen. 
Andererseits entspricht die von Judith Hermann vorgeschlagene Diagnose einer K-PTBS der Internalisierenden Variante einer Traumafolgestörung.

Darum ist es nur absolut konsequent, die Diagnose einer Entwicklungstraumafolgestörung (Develop Mental Trauma disorder), egal ob externalisierend oder internalisierend, in das Kinder–Jugend–Kapitel des DSM mit einzubinden. Dieses Unterscheiden einer K-PTBS in eine externalisierende und in eine internalisierende Variante ist auch genau das, was in der klinischen Praxis beobachtet wird. In der Praxis sieht man nĂ€mlich immer wieder diese Mischformen zwischen den beiden Extremen einer internalisierenden und einer externalisierenden Variante – die sich beim selben Patienten sogar immer wieder abwechseln kann – typischerweise wenn auch starke dissoziative Symptome vorhanden sind.

Andere Forscher unterscheiden noch zwischen einer Auto– und einer fremdaggressiven AusprĂ€gung – aber das fĂŒhrt nun doch zu weit in dieser Abhandlung 

Teil (4) Welche Konsequenzen hat das alles fĂŒr die Behandlung von traumatisierten Borderline-Patienten?

Am besten eignet sich eine spezielle, auf das Trauma und seine (!) Symptome ausgerichtete Psychotherapie. Dies trifft ganz besonders auf die Therapie von Borderlinern mit frĂŒhkindlicher Traumatisierung zu, die entweder an einer K-PTBS oder an einer komorbiden PTBS leiden.

Die Traumatherapie von Borderlinern muss sich kĂŒnftig einer ganz konkreten Problematik stellen: Und zwar dass bei diesen armen Menschen, beide zentralen StressbewĂ€ltigungssysteme schwer geschĂ€digt sind:

      • das Bindungs–Panik–System und
      • dass Furcht–Kognitions–System.

Solche Störungen der BindungsfĂ€higkeit stören in der Therapie auch den so wichtigen Aufbau einer stabilen, vertrauensvollen, belastbare Arbeitsbeziehung. Störungen durch ein Trauma belasten außerdem die kognitiven, verstandesbezogenen Verarbeitungsmöglichkeiten.

      • Im Hochstress / unter Maximalbelastung kann man einfach nicht vernĂŒnftig denken.

Das ganz große Dilemma all dieser Probleme folgt auf dem Fuß: Rein biologisch findet – wĂ€hrend wir uns im „Trauma-Modus“ befinden – eine emotionale Konditionierung in der Amygdala statt


      • Sinnesreize welche ĂŒblicherweise ĂŒber den Thalamus laufen,
      • die emotionale Bewertung ĂŒber das limbische System (insbesondere von der Amygdala)
      • und die Zusatz- Informationen (ĂŒber den Hippocampus)
        werden synaptisch in unserem Gehirn buchstĂ€blich dauerhaft pathologisch zementiert und verschweißt.

Das fĂŒhrt dann zu weiteren hochproblematischen Therapieproblemen… Einerseits ist es rein biologisch z.B. nicht möglich,

      1. regressive ZustĂ€nde therapeutisch ĂŒberhaupt zu behandeln, ohne die durch die Regression verursachten Symptome einer PTBS abschwĂ€chen zu mĂŒssen.
      2. Andererseits ist es aber auch unmöglich, die in der Kindheit und Jugend entstandenen Symptome einer PTBS ins geschĂ€digte Wachbewusstsein zu integrieren, ohne die aufkommende Altersregression / der RĂŒckfall in weit zurĂŒckliegende Situationen vernĂŒnftig zu behandeln.

Jedes Problem einzeln fĂŒr sich betrachtet ist schon belastend genug. Diese Doppelbelastung ist jedoch wie ein Gordischer Knoten. Zum GlĂŒck hat man sich mit diesem Thema in den vergangenen Jahren besonders intensiv auseinander gesetzt und es sind viele Fortschritte seitdem erzielt worden. Wurden noch vor 15 – 20 Jahren die Therapie von Realtraumata bei Borderline–Patienten nur an sehr wenigen Kliniken durchgefĂŒhrt, so wĂ€chst die Kompetenz sowohl von Kliniken als auch niedergelassenen Therapeuten in diesem Thema immer mehr an. 

Zusammenfassung

Traumatisierungen in der Kindheit mit extremer VernachlĂ€ssigung und psychischer Gewalt, sind hochgradig verantwortlich fĂŒr die Entstehung von Borderline.

Patienten mit einer Borderline–Persönlichkeitsstörung und zusĂ€tzlich einer begleitenden Traumafolgestörung profitieren immer mehr von den neuen psychotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen, die nun ganz gezielt an den Symptomen der Traumatisierung ansetzen – und nicht mehr nur die Affekte der Störung verringern wollen.

Dies hilft besonders effektiv wenn zusÀtzlich noch dissoziative Symptome in dem Störungsbild auftreten.

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