Schriftzug Marcsu Jähn

Borderline und das Helfersyndrom

Ein Plädoyer für die humanistische Therapie 

Was bedeutet „Borderline und das Helfersyndrom?“

Man mag schon daran zweifeln. Denn wenn man sich die Kriterien für eine Borderliner-Persönlichkeitsstörung anschaut (rechte Spalte / Quelle DSM 5) und sich in Erinnerung ruft, mit welche harten Beschreibungen die Menschen beschrieben werden

  • bitterböse Borderliner
  • toxische Menschen
  • Kotzbrocken

dann kann schon das eine oder andere Fragezeichen entstehen. Mit diesem Blog möchte ich aber auf eine andere, vielen sehr unbekannte Seite der BPS (Borderline-Persönlichkeitsstörung) hinweisen: die helfende Seite. Wie wir im weiteren Verlaufe aber sehen werden, ist diese nicht nur positiv für den Patienten und seine Umgebung, sondern birgt auch große Gefahren.

Die Kriterien von Borderline: Borderline ist eine Krankheit, welche genau definiert und von anderen Krankheiten abgegrenzt werden kann. Darum möchte ich diese Kriterien auf der linken Seite nochmals aufzeigen. Diese Kategorien findest Du in dem ICD (dem internationalen Katalog für Krankheiten, herausgegeben von der WHO) unter der Bezeichnung F60.31. Es müssen 5 dieser 9 Kriterien erfüllt sein um von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zu sprechen.

Helfen und Borderline – das gehört zusammen

Ursprung dieses Blogs sind Antworten von BPS Patienten auf Fragen aus dem DIB, dem Diagnostischen Interview für das Borderlinesyndrom. Auszugsweise möchte ich hier einmal 2 Fragen zitieren, welche von Borderline-Patienten überdurchschnittlich bejahend beantwortet werden:

  1. „Neigen Sie dazu, sich um Tiere / Menschen welche sich in Problemen befinden, sorgen zu machen?“
  2. „Versuchen Sie aktiv, sich um andere zu kümmern?“ 

Solche Fragen enthalten auf den ersten Blick nichts Schlimmes. Ja, man könnte zuerst denken, dass diejenigen welche diese Fragen mit Ja beantworten, willkommene Bewerber für Pflegende Berufe wären.  

Helfen ist ein positives und sozial angesehenes Merkmal von Menschen.
Helfen ist aber auch ein diagnostisches Kriterium für die BPS, die Borderline-Persönlichkeitsstörung! 

Auf den ersten Blick mag dies nun widersprüchlich klingen, jedoch möchte ich im weiteren Verlauf etwas Licht in das Dunkel dieser Behauptung bringen. Studien und Beobachtungen aus der Praxis haben nämlich deutlich gezeigt, das Borderline-Patienten ausgesprochen gerne und oft ihren Mitpatienten in einer Klinik und im täglichen Leben helfen – sich selbst helfen sie sich jedoch selten! Diese Gefahr, zuviel für andere und zu wenig für sich selbst zu tun,, beobachtet man auch bei der anderen Gruppe der BPS-Behandlung: den Therapeuten, Pflegern, Ärzten ect. Dies ist ein spannender Gedanke und wird später noch näher betrachtet. 

Ist ein Borderliner besonders geeignet, anderen beruflich und professionell zu helfen?

Nein! Dieses klare „Nein“ hat 2 Gründe:

  1. Die enorm hohe Belastung durch das professionelle Helfen
  2. Es ist notwendig, stets die technische Neutralität einzuhalten. Und gerade hier liegt ein Kernproblem bei der BPS. 
    Wenn wir uns weiter oben nochmals die 9 Kriterien für die BPS ansehen, dann liegt es auf der Hand dass die Instabilität, die Identitätsstörung und besonders die Impulsivität das Helfersyndrom des BPS-Patienten in seiner Wirksamkeit völlig untergraben. 

Welchen Eigenschaften sollte ein Therapeut haben, wenn er sich mit Borderline auseinandersetzt?

Interessant ist, wie Borderline-Patienten (!) diese Frage beantwortet haben. 

    • (1) Welche Eigenschaften sollte er NICHT haben?
      • Arrogant, ignorant, desintereessiert, egoistisch, eingebildet, unkonzentriert, faul, anbedernd / schleimig, parteiisch, zu nett….
    • (2) Welche Eigenschaften sollte er haben?
      • ehrlich, einfühlsam, konkret, Kompetenz, ausdauernd, humorvoll, streng, unterstützend, konstruktiv, konfliktbereit, trennen können zwischen Beruf und Privat.

Diese Aufzählung – wohlgemerkt direkt von befragten Borderliner-Patienten – ähnelt der von professionellen Therapeuten verschiedener Schulrichtungen. Wir kennen die unterschiedlichen therapeutischen Schulrichtungen welche alle sich mit dem Phänomen der BPS intensiv auseinander setzen. Da ist zum Einen die DBT (Dialektisch behaviorale Therapie) und auch die TFP (Die Übertragungsfokussierte Psychotherapie) Weitere sind die kognitive Verhaltenstherapie, die Psychoanalyse und die humanistische Tradition. 

All diese Richtungen haben aber auch Forderungen an die Fähigkeiten der Therapeuten und diese decken sich mit den Angaben / den Wünschen der Borderliner-Patienten an ihre Therapeuten:

    1. Emotional präsent sein – bis hin zur kontrollierenden Dominanz 
    2. Sie halten die Kontrolle über die Therapie aufrecht
    3. Sie fördern einen ehrlichen Affektausdruck  beim Patienten
    4. sind hartnäckig wenn es um das Herausarbeiten von Verhaltensmustern geht
    5. lassen sich nicht ablenken wenn der Patient Verwirren und Vernebeln möchte
    6. muten sich und dem Patienten einiges an Konfrontation zu. „Beide sind keine Opfer“
    7. haben ein hohes Maß an Interesse am Patienten
    8. Sind nicht rigide
    9. Können Machtkämpfe stehts aus der Meta-Ebene heraus betrachten und kommentieren
    10. haben einen guten Sinn für Witz und Humor und setzen diesen auch gewinnbringend in der Therapie mit ein.

Die obigen Eigenschaften leiten sich von einem dielaktischen Grundverständnis der therapeutischen Beziehung her. 
Hier werden scheinbare Gegensätze wie die Folgenden in eine ausgeglichene Balance gebracht: 

  • Annehmen des Patienten aber auch Veränderungsorientierung
  • Stützen und trotzdem Fordern
  • Stabilität und andererseits Flexibilität 

Gefahren durch das „Helfersyndrom“

In der Praxis beobachtet man, dass sich viele Borderliner-Patienten während einer eigenen Therapie aufopferungsvoll um andere Mitpatienten kümmern. Häufig geschieht dies sogar recht effektiv – fast schon besser als durch den Therapeuten selber. Sie trösten, stützen einander und geben anderen Schutz. Diese positiven Folgen des Helfens möchte ich nicht unter den Tisch kehren oder gering schätzen.

So toll sich dies anfänglich auch anfühlt, dies ist aber für die eigene BPS-Therapie ein „KO-Kriterium“ und zeugt von einem pathologischen Verhalten des Borderliner-Patienten:

  1. Selbstaufwertung durch die Position eines Helfers
  2. Selbstentwertung, wenn die eigens gestellte Aufgabe unlösbar war.
  3. Selbstvernachlässigung
  4. Ablenken von den eigenen ungelösten Nöten
  5. Vermeiden wichtiger Schritte in der eigenen Therapie. 
  6. Um ein überstarkes „Über-Ich“ (Freud lässt grüßen) zu besänftigen
  7. Autoaggressivität durch exzessives Helfen. 

Borderline ist heute überall – ein kleiner subjektiver „Ausflug“

Borderline ist – ganz einfach beschrieben – gekennzeichnet u.a. durch Spaltung. Diese Spaltung erfolgt durch Idealisierung und EntwertungWenn man dies im Hinterkopf behält, dann finden wir dieses „Schwarz-Weiß-Denken/Handeln“ überall auf unserer Welt. Auch in der von Kliniken, medizinischen Kongressen und Therapeutischen Schulen. Wer noch genauer hinschaut, sieht diese angesprochene Spaltung besonders in den Schulen, welche sich mit der Borderline-Spaltung beschäftigen.

— Verhaltenstherapeuten, deren Therapieerfolge klar belegt sind, sagen dass die Psychoanalyse praktisch keine Effektivität in der BPS belegen könne.

— Die Analytiker bezeichnen die Verhaltenstherapie im Gegenzug dazu als eine Art „Patienten-Dressur“.

Dieses Verhalten begünstigt genauso eine Spaltung und sollte von allen Beteiligten sehr kritisch betrachtet werden. Wir dürfen nämlich nicht übersehen, dass es den einen Königsweg gar nicht geben kann! Allein die extreme Unterschiedlichkeit bei den Patienten macht eine einheitliche Behandlung aller BPS Patienten unmöglich. 

                                                                                                                                             

Was macht einen stabilen Therapeuten aus?

Zuallererst: Es ist aus heutiger Sicht nicht vernünftig, wenn ein Borderliner einen anderen Borderliner behandelt. Zwar kann ein Borderliner den anderen Borderliner gut verstehen und sich in diesen hineinversetzen – er kann dieses Wissen dann aber anschließend nicht in professioneller Art und Weise zum Nutzen des Mitpatienten anwenden. Darum ist er als Therapeut nicht nützlich. 

Gute und stabile Therapeuten sind zwar auch unvollkommen mit all ihren Macken und Schwächen, aber allein durch ihre stabile Persönlichkeit wirken sie schon mal aus sich heraus in der Psychotherapie. Gute Therapeuten sind technisch neutral und unterlassen inadäquate Verhaltensweisen wie z.B. die folgenden: 

  • feindselige Haltung dem Patienten gegenüber 
  • Pessimismus
  • Narzissmus und Mangel an Selbstkritik
  • Verführung des Patienten
  • ein zu großer Drang, den Patienten zu einer Änderung zu bewegen.

Folgende 5 Kriterien sind unersetzlich für eine gute BPS-Therapie:

  1. kein Mitagieren. Selbst massive Übertragungen des Patienten können ertragen werden
  2. Nähe-Distanz. Fürsorge durch Nähe und Beachtung der eigenen Fehler durch Distanz
  3. Autonomiewahrung: Respekt gegenüber den „Basic Beliefs“ des Patienten, ohne moralische Beurteilung. 
  4. Fairness: Prinzip der Gleichheit und Gerechtigkeit. 
  5. Loyalität: Die Schweigepflicht, dem Patienten zur Verfügung stehen und Authentizität. 

Zusammenfassung

Personen mit einer Borderliner-Struktur mögen sich den Helfer-Berufen innerlich sehr zugehörig fühlen und diese auch engagiert angehen. Schließlich wollen sie ja nicht, dass anderen genau das widerfährt, was auch ihnen passiert.
Dies ist sehr ehrenwert und sollte von Außenstehenden auch immer positiv gewertet werden. 

Trotzdem befinden sie sich auf Grund ihrer Borderliner-Struktur in einem Dilemma / einem Spannungsfeld:

    • Einerseits möchten sie alles besonders gut machen
    • Andererseits müssen sie ja auch eine notwendige Distanz wahren um nicht mit dem Patienten zu „verschmelzen“. Dies kostet sie aber immens viel Kraft da sie in ihrer Borderliner-Struktur ja immer genau diese besondere Verschmelzung suchen. 

Wie lange kann ein engagierter Helfer mit BPS diesen Spagat durchhalten? Gerade jene engagierten Helfer tappen recht schnell in die „Burn out“ Falle. 
„Burn out“ katapultiert förmlich das Leid auf die nächste Stufe! Denn persönliche Stabilität und Wohlbefinden sind bei diesem Krankheitsbild noch weit entfernt. 

    • Wer selber eine Borderliner-Struktur hat, sollte alles für die eigene persönliche, positive Entwicklung und Stabilität unternehmen.
    • Hat er dieses Ziel einmal erreicht, dann (!) kann er durchaus Psychotherapeut werden und kann mit seinem Wissen und seinem Einfühlungsvermögen anderen Menschen mit Sicherheit zu einem Gewinn in der Therapie verhelfen. 

Gerne können wir persönlich diesen Weg miteinander versuchen zu beschreiten. 
Wenn ich Sie hierbei ein wenig begleiten darf dann würde ich mich auf Ihren Kontakt freuen. 

Sie können mich jederzeit kontaktieren unter Kontakt

Schau dir hier meine Videos über Borderline an

Lassen Sie uns miteinander ins Gespräch kommen. 

Marcus Jähn Werde wieder stark durch CoachingEs sind viele Bereiche, die wir ansprechen können: Angefangen vom Umgang Borderline oder einer anderen belastenden Störung, aber auch über Future Faking, Love Bombing und Gaslighting die immer häufiger in unsere Gesellschaft zu beobachten sind. 

  • Was ist das eigentlich, eine Persönlichkeitsstörung, ein Perfektionismus, ein Spaltung oder eine Gegenübertragung?
  • Kann ich trotz Borderline oder Narzissmus eine stabile Partnerschaft aufbauen und damit über Jahre hinweg leben? 
  • Ist eine Kommunikation mit einem Borderliner möglich? Wie hilft hier die U.M.W.E.G.-Methode©? 
  • Kann ich meine Bindungsangst oder Verlustangst irgendwann einmal kontrollieren?
  • Was kann ich tun, wenn ich mich gerade in einer Trennung befinde, oder kurz davor bin?


Ich möchte aber nicht nur über Fragen sprechen, sondern auch praxisgerechte Lösungen anbieten:

  • Eine humorvoll und spielerisch – ja fast tänzerisch – eingesetzte Gewaltfreie Kommunikation in Kombination mit der von mir entwickelten 
  • U.M.W.E.G.-Methode© und nicht zuletzt die Transaktionsanalyse als Sprachkonzept können helfen, auch in schwierigen Situationen noch kühlen Kopf zu bewahren. 

Buchen Sie sich einfach auf meinem Online-Kalender ein Zeitfenster oder nutzen Sie mein klassisches Kontaktformular um mit mir in Verbindung zu treten. Ich freue mich auf Sie. Ihr Marcus

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